Zugänge und Sichtweisen zum Sterben und daraus resultierend unterschiedliche Rituale, viele davon sind religiös geprägt. Diese Sichtweise kann das Denken und Handeln und
auch den emotionalen Ausdruck vom Patienten und den Angehörigem stark bestimmen. Das muss aber keineswegs der
Fall sein! Solche Aspekte werden je nach religiöser Bindung
und nach Traditionsbewusstsein des Einzelnen sehr unterschiedlich gelebt. Für die Betroffenen kann es essenziell wichtig sein, dass sie ihren kulturellen Vorschriften folgen können,
da ihnen dies Sicherheit und Trost gibt. Für Mitarbeiter im
Gesundheitssystem können Verhaltensweisen und Rituale,
die von denen ihrer eigenen Kultur eher abweichen, befremdlich und dadurch anstrengend wirken. Ideal ist es, wenn hier
miteinander kommuniziert werden kann, wenn für eine Kultur essenzielle Verhaltensweisen ermöglicht werden.
25.6.3
Angst vor dem Tod und vor dem
Sterben
Viele Menschen haben Angst vor dem Sterben und vor dem
Tod. Das hat u. a. folgende Gründe:
44Die Angst vor Leid und Schmerz beim Sterben.
44Die Angst vor der Ungewissheit und Unbegreiflichkeit,
die mit dem Tod verknüpft sind.
44Die Sorge um diejenigen, die man zurücklässt.
Diese intensive Todesangst ist kaum vorstellbar, wenn man
sich nicht selbst in der Situation befindet. Sie ist von Individuum zu Individuum unterschiedlich ausgeprägt. Es mag Situationen geben, in denen Patienten recht ruhig und gelassen
dem Tod entgegen sehen. Grundsätzlich ist jedoch zu erwarten, dass die meisten Patienten bei entsprechender Diagnosestellung wie auch deren Angehörigen Angst vor dem Sterben
und dem Tod haben.
Dieses Wissen sollte wesentlichen Einfluss auf die Gesprächsführung mit betroffenen Menschen haben. Es ist davon auszugehen, dass ein wesentlicher Teil ihres Denkens in
dieser Situation von Angstaspekten beeinflusst ist. Dadurch
benötigen die Betroffenen einerseits Geduld, Verständnis und
Zeit, um andere Inhalte aufnehmen und verarbeiten zu können. In der Gesprächssituation ist es möglich, dass Patienten
bei den Pflegenden bzw. OTAs nach Hinweisen suchen, wie
«ernst» die Situation, wie schwerwiegend oder riskant der
bevorstehende Eingriff ist. Bei dem Aufklärungsgespräch
wird der Arzt nicht verstanden und es wird versucht, hier
das Verständnis zu erweitern. Oft werden medizinische
Themen mit einer Schulddimension versehen, es wird also
erwogen, welches die Ursachen für die derzeitige gesund
heitliche Situation sind. Dies ist irrational, dennoch beschäftigt es Menschen und wenn die Gesprächsführung ver
trauensvoll ist, wird versucht werden, dies anzusprechen,
mehr oder weniger ausdrücklich. Häufig ist es nicht gut möglich oder angeraten, hierzu Stellung zu nehmen. Allerdings
können irrationale Ideen durch vorsichtige Argumente entlastet werden. Deshalb ist gerade eine gute Aufklärung in
diesem Kontext ein wesentlicher Bestandteil einer professionellen Begleitung.
>>Gute Absprachen im Team sind notwendig.
25.6.4
Erleben des Sterbenden
Verschiedene Thanatologen (Sterbeforscher) entwickelten
durch Beobachtungen und Gesprächen mit sterbenden Menschen Phasenmodelle, die sich in ihren Grundannahmen glei-
541
25.6 · Sterbende begleiten
chen. Elisabeth Kübler-Ross formulierte im Jahr 1969 ein
Modell mit fünf Sterbephasen, welche sie aus Interviews mit
Sterbenden entnahm. Die Sterbephasen nach Kübler-Ross
helfen, Sterbende in ihrem Prozess besser zu verstehen und so
professioneller begleiten zu können. Sie treten keineswegs in
der Reihenfolge auf, sondern Betroffene können unsystematisch zwischen den Phasen wechseln.
Die Phasen treffen für Sterbende wie auf Angehörige zu.
Natürlich wird es für den Sterbenden besonders schwierig,
wenn er sich (dauerhaft) in einer deutlich anderen Phase befindet als nahestehende Angehörige.
Es erleichtert die Gesprächsführung, die Gestimmtheit
des sterbenden Patienten zu erkennen und zu akzeptieren
und entsprechend darauf einzugehen. Es gelingt nicht, Menschen aus einer der Phasen «herauszureißen». Diese Sterbephase zu durchleben hat eine Funktion und ist in dem Moment, in dem sie vorkommt, wichtig für den Patienten und
den Angehörigen.
Sterbephasen nach Kübler-Ross
j
jNicht-wahrhaben-Wollen und Isolierung
Der Patient und/oder sein Angehöriger setzen sich nicht mit
der infausten Prognose oder überhaupt der Sterblichkeit auseinander, sondern verdrängen und verleugnen. Hierbei handelt es sich um einen Schutzmechanismus. Auf Dauer erweist
sich die Verleugnung allerdings als kräftezehrend, da es sich
um ein Phänomen mit starken emotionalen Anteilen handelt.
Intellektuell haben die Betroffenen meist schon begonnen
zu verstehen, was geschieht und sie denken im Hintergrund
intensiv darüber nach.
Diese Phase ist häufig begleitet vom Wunsch, die Fassade
aufrechtzuerhalten. Der betroffene Patient und dessen Angehörige glauben gern an statistisch minimale Besserungschancen oder auch an medizinische Irrtümer. Das Denken und
Fühlen kann hier relativ konfus sein und die Betroffenen
tun sich oft schwer, mit anderen Menschen darüber zu
s prechen.
In dieser Phase sollte dem Patienten und/oder den be
troffenen Angehörigen ein neutrales Verständnis entgegenkommen.
j
jZorn
In dieser Phase fragen sich Patient und Angehörige nach dem
Grund des Sterben-Müssens. Wer ist schuld? Wie kann das
sein? Wieso dürfen andere weiterleben? Ärger und massive
Wut kann sich sowohl durch aggressives Verhalten als auch
durch Feindseligkeit ausdrücken.
j
jVerhandeln
Diese Phase ist meist kürzer und sie wirkt bisweilen befremdlich auf Außenstehende. Der Sterbende hat aktuell sein
Schicksal verstanden und ist auch emotional in der Lage, sich
damit zu befassen. Er beginnt nun zu verhandeln. Er verhandelt etwa mit den Ärzten, mit dem Pflegepersonal, mit den
Angehörigen oder auch ggf. mit dem Gott seiner Glaubensrichtung. Allerdings ist der Patient in dieser Phase leicht verletzbar.
j
jDepression
Hier wird mit Verzweiflung und (vorweggenommener)
Trauer und einem tiefen Gefühl des Kummers reagiert. Die
Traurigkeit ist wiederum ansteckend und damit belastend
für das Umfeld. Dennoch ist es für einen Kranken in dieser
Phase besonders wertvoll, wenn er seine Gefühle nicht unter
drücken muss und seine Trauer zulassen darf.
j
jZustimmung
In der Phase der Zustimmung wird das Sterben-Müssen akzeptiert. Die Schlafensphasen werden ausgedehnt, das Inte
resse für die Themen der Umwelt derer, die weiterleben werden, nimmt ab. Diese gelassene und friedvolle Haltung des
Sterbenden kann für die Angehörigen, die nicht loslassen
wollen, schwierig zu ertragen sein.
25.6.5
Gesprächsführung mit Sterbenden
und deren Angehörigen
>>Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick).
Deshalb ist es so wichtig, sich seiner eigenen Haltung gegenüber dem Sterbenden und dessen Angehörigen bewusst zu
sein. Einfach «da sein» und sich offen zeigen für Gespräche
ist besonders in dieser Situation wichtig und wertvoll, unabhängig vom Zeitbedarf. Patienten und Angehörige befinden
sich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Wie in 7 Kap.
24 bereits beschrieben, gibt es verschiedene Konzepte einer
guten Kommunikation. Insbesondere der Psychologe und
Psychotherapeut Carl Rogers mit seiner klientenzentrierten
Gesprächsführung kann hier ein hilfreiches Handwerkszeug
bieten.
Gespräche führen in der Begleitung Sterbender
Eine mögliche Handhabung der Kommunikation:
j
jAngstfrei agieren
Patient und Angehörige wissen, dass in unserer Kultur das
Thema Sterben sehr schwierig zu besprechen ist und dass generell Vermeidung vorherrscht. Umso wertvoller wird es sein,
mit jemandem reden zu dürfen, der nicht angstvoll reagiert.
Dies kann nur gelingen, wenn eine persönliche Auseinandersetzung mit den existenziellen Themen Sterben und Tod stattgefunden hat. Wer Angst oder Unsicherheit in der Begegnung
mit dem Patienten oder Angehörigen verspürt, sollte dies
dem Gesprächspartner dezent mitteilen: «Ich weiß jetzt auch
nicht genau, was ich sagen soll, ich möchte Sie aber nicht
allein lassen …». Insbesondere der Patient spürt die Emotionalität ohnehin.
j
jEmpathie: Zuhören und Zeit haben
Das Eingehen auf Themen der Betroffenen kann unendlich
wertvoll sein. Kaum jemand aus dem persönlichen Umfeld
des Patienten oder der Angehörigen vereint die Qualitäten
von Pflegenden im Gespräch: eine gewisse Neutralität bei
gleichzeitigem Mitgefühl und Expertise für fachliche The-
25
542
25
Kapitel 25 · Berufliches Selbstverständnis
men. Zuhören ist hier essenziell, wortreiche Beratung wird
meist nicht benötigt.
j
jAntworten und konkrete Hilfe sind nicht immer
möglich
Manchmal stellen Menschen in solchen Situationen Fragen
nach Hilfsangeboten oder wünschen sich Antworten, die
nicht gegeben werden können. Hier gilt es, sich abzugrenzen
und zu klären, was geleistet werden kann und was nicht. Manche Fragen sind eher rhetorisch und drücken aus, was der
Mensch denkt, ohne dass ein direkter Wunsch nach Antwort
besteht. «Warum muss mir das passieren?»; «Warum ist ausgerechnet mein Angehöriger so schwer erkrankt?»; «Wieso
gibt es nur so wenig Hoffnung?».
j
jRedundanzen tolerieren
Der emotionale Zustand der Patienten und der Angehörigen
wird ein konzentriertes Zuhören häufig nicht möglich machen. Wiederholungen beim Erzählen oder bei Fragen sollten
toleriert werden. Klare Informationen sind bereitwillig mehrfach zu geben. So können wichtige Informationen möglicherweise doch verstanden werden.
j
jEigene Gefühle zulassen
Wer mit schwerstkranken und sterbenden Menschen arbeitet,
ist emotional immer mitbetroffen. Professionalität bedeutet
hier, die eigenen Emotionen im angemessenen Rahmen zuzulassen und auch auszudrücken.
j
jAn den Sterbephasen orientieren
Die oben erläuterten Sterbephasen geben eine hilfreiche und
einfache Orientierung, welche Emotionalität beim Patienten
und bei dessen Angehörigen zu erwarten ist. Beispielseise erfordert die Phase des Zorns bisweilen eine persönliche Abgrenzung, falls sie mit Aggressionen einhergeht. Selbstverständlich sollten die Bedürfnisse des Sterbenden individuell
berücksichtigt werden.
25.6.6
Professionelle Begleitung
im klinischen Umfeld
Gesprächsangebote von professionellen Helfern, wie beispielweise Seelsorgern, Psychologen, Sozialarbeitern, aber auch
einer Palliativfachkraft werden von vielen schwerstkranken
und sterbenden Patienten gerne angenommen.
25.6.7
Trauerarbeit
Trauer bedarf einer Verarbeitung. Tatsächlich ist es auf Dauer
nicht gesund ist, Trauer einfach zu verdrängen. Wer keine
Trauerarbeit leistet, sich also nicht mit der Trauer auseinandersetzt, wird den Trauerprozess nicht abschließen können.
Stattdessen wird die unbearbeitete Trauer nachwirken und
kann sich zu einem Belastungssyndrom entwickeln. Trauer
braucht Zeit und Raum. Sollten bei der Betreuung sterbender
Menschen oder beim Eintreten des Todes eines zu betreuenden Patienten Erschöpfung und/oder Traurigkeit vorherrschen, ist es hilfreich, dies im Team zu besprechen. Rituale
können hierbei hilfreich sein, etwa das Anzünden einer Kerze
im Gedenken an den Verstorbenen.
25.6.8
Hilfe zur Selbsthilfe
Die Arbeit mit schwerstkranken und sterbenden Patienten
bedeutet eine besondere Belastung für jeden Mitarbeiter.
Langfristig ist es notwendig, auf eigene Ressourcen zu achten.
Sehr schnell sinken die Reserven unmerklich ab und man
findet sich in einem ausgebrannten, energiearmen Zustand
wieder, aus dem heraus das Auffüllen von Reserven schwierig
ist (7 Abschn. 25.2).
Als Gegenmaßnahme ist es einerseits wichtig, auf den persönlichen Energiehaushalt zu achten. Neben dieser individuellen Verantwortung empfiehlt es sich andererseits, Hilfs- und
Supervisionsangebote und Teambesprechungen einzufordern, in Anspruch zu nehmen oder zu organisieren. Dabei
sollten solche Angebote innerhalb der Arbeitszeit genutzt
werden können, um die Belastung nicht weiter zu steigern.
25.6.9
Berufsethische Fragen
Bisweilen werden Sie in Ihrer beruflichen Funktion mit
Grenzfragen konfrontiert sein. Bereiche wie Lebensverlängerung oder auf der anderen Seite Therapiereduktion gehen
trotz aller Richtlinien häufig mit kontroversen Entscheidungen einher, durch die eigene, aber auch für das gesamte Team
hohe emotionale Belastungen entstehen können. Hier sind
beispielsweise die kollegiale Beratung und/oder die Super
vision innerhalb des betroffenen Teams sehr hilfreich.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 25.6
55 Nennen Sie die einzelnen Sterbephasen.
55 Welche Symptome und Phänomene zeigen deutlich
die Finalphase des Sterbenden an?
55 Welche unterschiedlichen Todesbezeichnungen gibt
es? Begründen Sie, warum das für Sie als angehende
OTAs wichtig ist zu wissen.
55 Welche Möglichkeiten der Verarbeitung von zu hoher
Belastung im Klinikalltag kennen Sie?
55 Weshalb ist ein Phasenmodell bei Sterbenden hilfreich? Erläutern Sie die einzelnen Sterbephasen nach
Kübler-Ross.
543
Literatur
Literatur
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aktuelle-pressemitteilungen/news-detail/richtlinie-der-baek-zur-feststellung-des-irreversiblen-hirnfunktionsausfalls/
(zuletzt abgerufen am 06.11.2017)
http://www.gmkonline.de/_beschluesse/Protokoll_79-GMK.pdf (zuletzt
aufgerufen 06.11.2017)
https://www.dbfk.de/de/shop/artikel/ICN-Ethikkodex-fuer-Pflegende.
php (zuletzt aufgerufen am 06.11.2017)
25
545
In Gruppen und Teams
zusammenarbeiten
Katrin Fromm
26.1
Soziologie
26.1.1
Der Mensch als soziales Wesen
26.2
Bedeutung der Gruppe für das Individuum
26.2.1
26.2.2
26.2.3
26.2.4
Die Gruppe – 546
Teamarbeit im OP-Saal – 547
Der Beitrag der Teammitglieder zur Teamarbeit
Entwicklungsphasen von Gruppen – 548
26.3
Die soziale Rolle
26.3.1
26.3.2
Rollenkonflikte – 550
Rollenstruktur – 552
Literatur
– 546
– 546
– 550
– 553
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_26
– 546
– 547
26
Kapitel 26 · In Gruppen und Teams z usammenarbeiten
546
Lernziele
26
26.2
55 Die Auszubildenden informieren sich über die Zusammen
setzung der Arbeitsteams und die verschiedenen Rollen,
Funktionen, Aufgaben und Kompetenzen der beteiligten
Personen.
55 Sie können ihr eigenes Handeln mit dem Handeln des
Arbeitsteams koordinieren.
55 Sie handeln gemäß ihrer eigenen Rolle und Funktion und
beachten die Grenzen ihrer eigenen beruflichen Handlungsmöglichkeiten.
26.1
Soziologie
Das Wort Soziologie entstammt dem Lateinischen «socius»
für Teilnehmer, Gefährte, Genosse (Langenscheidt 1937) und
dem Griechischen «logos», das für Rede, Wort, Vernunft steht
(Küfner et al. 1985). Abgeleitet von «logos» steht das Suffix
-logie für Wissenschaft, Lehre und Wahrheit.
Die Soziologie gehört zu den Sozialwissenschaften und
untersucht das Verhalten von Menschen in der Gemeinschaft.
Sie beschreibt die Gesellschaft, ihre Prozesse und auch deren
Wandel, versucht sie zu erklären und zu verstehen. Das unterscheidet sie von der Psychologie, die sich dem Erleben und
Verhalten des einzelnen Menschen widmet. Die Soziologie
gliedert sich in drei Bereiche: Während sich die allgemeine
Soziologie mit grundlegenden Begriffen und Theorien beschäftigt, widmen sich spezielle Soziologien Strukturen
und Prozessen in Gruppen, Organisationen und definierten
Bereichen (z. B. Wirtschaftssoziologie, Familiensoziologie).
Die empirische Sozialforschung erhebt mit verschiedenen
Methoden systematisch Daten über soziale Phänomene (z. B.
Arbeitslosigkeit, Bevölkerungswachstum), wertet sie aus
und interpretiert sie. Als erste deutschsprachige Vertreter
der Soziologie gelten Ferdinand Tönnies, Max Weber und
Georg Simmel.
»» Soziologie ist eine empirische Sozialwissenschaft. Sie
untersucht die Strukturen des sozialen Handelns und die
Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung, unter Berücksichtigung der Normen und Werte,
sozialen Prozesse und Institutionen, die die Integration
der Gesellschaft und den sozialen Wandel bewirken
(Schäfers 2013).
26.1.1
Der Mensch als soziales Wesen
Aus soziologischer Sicht ist der Mensch ein soziales Wesen. Er
kann seine Individualität nur in der Interaktion mit seiner
Umgebung, sozialen Systemen, der Gesellschaft entfalten.
Dabei entwickelt er seine Persönlichkeit in Wechselwirkung
mit den unterschiedlichen Gruppen, in denen er sich bewegt
(Vester 2009).
Bedeutung der Gruppe
für das Individuum
Der Mensch erlebt im Laufe seines Lebens soziale Beziehungen in verschiedenen Gruppen, deren Mitglieder unterschiedliche Rollen innehaben und ihm – im Umkehrschluss
– unterschiedliche Rollen abverlangen. Dabei bildet er Verhaltensweisen, Werte und Normen heraus, die es ihm ermöglichen, in diesen Gruppen seinen Platz zu finden und anerkannt zu werden. Gelingt es ihm, steigert das seine Zufriedenheit und sein Selbstwertgefühl. Fehlt dem Menschen der
Kontakt zu seinen Mitmenschen, vereinsamt er und kann sich
nicht entwickeln.
26.2.1
Die Gruppe
Der Begriff «Gruppe» begegnet uns im täglichen Leben sehr
häufig und wir verwenden ihn in unterschiedlichen Zusammenhängen. Allgemein gesagt ist eine Gruppe eine Ansammlung von Personen oder Dingen mit gleichen Merkmalen.
So werden z. B. in der Chemie alle Elemente einer Spalte im
Periodensystem als Gruppe bezeichnet, weil sie ähnliche
Eigenschaften besitzen. Nach dieser sehr allgemeinen Definition gehören Menschen, die zufällig in der gleichen Straßenbahn fahren, auch zu einer Gruppe oder alle Fußballfans vom
1. FC Bayern München. Gruppen sind nach unserem allgemeinen Verständnis aber auch eine Schulklasse oder der
Freundeskreis. Sie scheinen andere Merkmale aufzuweisen,
als die Menschen, die in der gleichen Straßenbahn fahren.
Diese einleitenden Sätze verdeutlichen, dass dem Begriff
«Gruppe» sehr unterschiedliche Bedeutungen beigemessen
werden.
j
jWas ist nun eine Gruppe?
Als Operationstechnische Assistenten fühlen wir uns in erster
Linie der Gruppe der Funktionsdienste im OP zugehörig.
Innerhalb dieser Arbeitsgruppe sehen wir uns täglich. Wir
kommunizieren mit unseren Kollegen, wir haben gemeinsame Ziele, uns verbinden ähnliche Normen, Werte und Vorstellungen von der gemeinsamen Arbeit. Diese Interaktionen
beeinflussen uns als Individuum. Ebenso wirken wir auf
andere Gruppenmitglieder ein. So bilden sich innerhalb der
Gruppe bestimmte Positionen und Rollen heraus, an die bestimmte Erwartungen geknüpft sind. Von der OP-Leitung
erwarten wir z. B., dass sie ihrer Rolle als Führungskraft gerecht wird. Gemeinsame Verhaltensweisen, eine gemeinsame
Sprache und Rituale bestärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und stellen damit die Abgrenzung zu anderen Gruppen dar. Unzweifelhaft ist unsere Arbeit von großer Bedeutung, sie wird gebraucht. Selbst wenn wir den Arbeitsplatz
wechseln, weil wir z. B. in eine andere Stadt ziehen, wird diese
Gruppe langfristig bestehen bleiben.
Es sind die Merkmale von sozialen Gruppen beschrieben,
wie sie mit unterschiedlicher Betonung in der Sozialforschung
verwendet werden; die Gruppenmitglieder treten miteinander in direkte Interaktion («face to face»):
547
26.2 · Bedeutung der Gruppe für das Individuum
44sie befinden sich in physischer Nähe,
44die Mitglieder entwickeln ein Zusammengehörigkeits
gefühl (Wir-Gefühl),
44die Mitglieder verfügen über gemeinsame Ziele, Normen
und Werte,
44durch die Interaktion differenziert sich eine Verteilung
von Rollen und Positionen innerhalb der Gruppe
heraus,
44das Handeln des Individuums wird durch die anderen
Gruppenmitglieder beeinflusst,
44das Zusammensein überdauert einen längeren Zeitraum
(Staehle 1999).
Leuzinger u. Luterbacher (1994) definieren kurz und prä
gnant:
»» Eine Gruppe ist ein soziales System [...], dessen Mitglie-
der in direkter Interaktion stehen und in ihrem Verhalten
durch komplementäre Rollen sowie gemeinsame Normen und Ziele bestimmt werden.
In einer Organisation, z. B. in einem Krankenhaus, werden
Gruppen, z. B. in Form von Abteilungen, bewusst zusammengestellt und rational organisiert. Sie sollen arbeitsteilig und
kooperativ bestimmte Funktionen/Aufgaben erfüllen und
so dazu beitragen, die Ziele der Organisation zu erreichen
(Staehle 1999). Die Positionen werden von der Organisation
verteilt, d. h. sie legt fest, wer der Vorgesetzte und wer der
Mitarbeiter ist.
Als Sonderform einer (kleineren) Gruppe gilt das Team.
Häufig wird der Teambegriff als Synonym für das Wort (Arbeits)gruppe verwendet. Nur: nicht jede Arbeitsgruppe ist ein
Team. Und die Arbeit in einer Gruppe ist nicht immer Teamarbeit. Daher soll der Begriff hier noch einmal abgegrenzt
werden.
Als ein Team wird eine kleinere Arbeitsgruppe bezeichnet, in der die Mitglieder funktionsteilig unterschiedliche
Aufgaben wahrnehmen, um im Zusammenwirken hoch
anspruchsvolle Leistungen zu vollbringen und dadurch ein
gemeinsames Ziel zu erreichen. Über die relativ intensiven
Beziehungen der Teammitglieder untereinander entwickelt
sich ein ausgeprägter Gemeinschaftsgeist und ein starker Zusammenhalt (Foster 1978; Staehle 1999).
26.2.2
Teamarbeit im OP-Saal
Im Operationssaal arbeiten unterschiedliche Professionen
zusammen: Chirurgen, Anästhesisten, Mitarbeiter der Funktionsdienste OP und Anästhesie, Techniker, Mitglieder des
Lagerungsteams, um nur einige zu nennen. Ihre Aufgaben
unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Komplexität und Funktionalität voneinander. Jeder ist Spezialist auf seinem Gebiet.
Die Einzelleistungen sind entscheidend, werden aber erst in
der Zusammenarbeit, in der Teamleistung wirksam. «Das
Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile» könnte man nach
Aristoteles, einem griechischen Philosophen aus dem 4. Jh.
vor Chr. konstatieren.
Die gemeinsame Aufgabe der sehr spezialisierten Berufsgruppen im OP-Saal besteht darin, den Patienten so sicher
und zügig wie möglich durch den Prozess der Operation zu
steuern und ihm dabei die für ihn angemessene, fachspezifische Therapie zukommen zu lassen, mit dem Ziel, seine Gesundheit wieder herzustellen bzw. zu erhalten.
Die Komplexität dieser Aufgabe macht eine enge Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen und Professionen im
OP-Saal unbedingt erforderlich. Für Operationen werden daher, je nach Anforderungen, spezielle OP-Teams zusammengestellt. Jeder Einzelne im Team trägt mit der Erfüllung seiner
spezifischen Aufgabe zum Gelingen der Operation bei und
ist in einem hohen Maße von der gewissenhaften Arbeit der
anderen Teammitglieder abhängig. Das macht es erforderlich,
dass die einzelnen Teammitglieder ihre persönlichen Ziele
und Wünsche dem Teamziel, der Teamarbeit unterordnen.
Individualisten sind hier fehl am Platz.
26.2.3
Der Beitrag der Teammitglieder
zur Teamarbeit
Kommunikation
»» Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kom-
munikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und
genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann
man nicht nicht kommunizieren. (Watzlawik 1969)
Der Satz von Paul Watzlawick scheint verwirrend. Bei ge
nauer Betrachtung leuchtet er ein. Wie wir als Individuen in
Gruppen kommunizieren (oder auch nicht kommunizieren),
wie wir uns verhalten (oder auch nicht verhalten) hat Auswirkungen auf die Menschen, die uns gegenüber stehen. Erfüllen
wir unsere Aufgaben mit Freude und Engagement, wird sich
das auf die übrigen Gruppenmitglieder übertragen, ebenso,
wenn wir missmutig und gleichgültig sind. Dabei sollte der
Anteil nonverbaler Kommunikation (ohne Worte, durch Mimik und Gestik) nicht unterschätzt werden. Mit unserer
Kommunikation und unserem Verhalten beeinflussen wir die
Gruppe (7 Kap. 24).
j
jWas ist Kommunikation?
Allgemein gesagt, ist Kommunikation der Austausch von Informationen zwischen zwei oder mehreren Personen. Der
Einfachheit halber wird in der Kommunikationswissenschaft
vom Sender und Empfänger einer Nachricht gesprochen, angelehnt an die Radio- oder Funktechnologie (7 Kap. 24).
«Die OP-Dokumentation ist noch nicht abgeschlossen.»
Der Sachinhalt dieses Satzes, den wir an eine Kollegin richten
ist klar. Die OP-Dokumentation ist nicht vollständig. Der Appell in diesem Satz lautet vielleicht: «Bitte achte in Zukunft
darauf, dass die OP-Dokumentation immer vollständig und
abgeschlossen ist!» Die Selbstoffenbarung könnte meinen:
«Ich bin immer sehr gewissenhaft und genau. Daher möchte
ich auch, dass die OP-Dokumentation exakt ist und zeitnah
abgeschlossen wird.» Den Beziehungsaspekt drücken wir im
«Wie» unserer Kommunikation aus, also mit unserem Ton-
26
548
26
Kapitel 26 · In Gruppen und Teams z usammenarbeiten
fall, unserer Mimik, Gestik und in der Formulierung. Je nachdem könnte der Satz bedeuten: «Du arbeitest nie korrekt und
bist immer so vergesslich.» Oder aber: «Du hast es übersehen,
weil Du viel zu tun hattest.» Das Beispiel verdeutlicht, dass es
nicht nur Sache des «Senders» ist, ob Kommunikation gelingt.
>>Eine offene, wertschätzende Kommunikationskultur
ist in einem Team von großer Bedeutung, da sie entscheidend die Arbeitsatmosphäre beeinflusst und damit auch Auswirkungen auf die Leistung des Teams
hat.
Instrumente für die Kommunikation
im OP-Saal
Im OP-Saal kommt der Kommunikation eine besondere Bedeutung zu. Unzureichende Kenntnis oder fehlende Informationen über den Patienten, die Diagnose oder die Therapie,
können fatale Folgen für den Ausgang der Operation nach
sich ziehen. In den letzten Jahren hat sich daher in vielen
Krankenhäusern die Surgical Safety Checkliste der WHO
durchgesetzt (. Abb. 26.1). Sie stellt ein einfaches und sehr
wirksames Kommunikationsinstrument dar und erhöht signifikant die Patientensicherheit (Haynes et al. 2009). In drei
bis vier Schritten, dem initialen Check (teils zweigeteilt), dem
Team-Time-Out und dem finalen Check werden die für die
Operation wichtigen Details abgefragt.
Die Kommunikation während einer Operation orientiert
sich an der Aufgabe und ist von Sachlichkeit geprägt. Treten
während einer Operation, besonders in kritischen Phasen
oder bei Komplikationen, Störungen in der Kommunikation
auf, können sie nicht gleich erörtert und ausdiskutiert werden. In einer solchen Situation steht das zügige und profes
sionelle Handeln für alle Teammitglieder im Vordergrund.
Nach schweren komplikationsreichen Verläufen von Operationen haben sich Debriefings mit allen Teammitgliedern
bewährt. Hier wird besprochen, welche Ursachen zur Komplikation geführt haben, was in der Situation gut gelungen ist
und was noch optimiert werden kann. In einem solchen Rahmen können Probleme angesprochen und diskutiert werden.
Finden diese Gespräche in einer sachlichen offenen Atmosphäre statt, kann das ein wertvoller Beitrag zur Zusammenarbeit im OP-Saal sein.
Neben diesen beiden hier vorgestellten Instrumenten hat
das OP-Management noch eine Vielzahl an Möglichkeiten,
Kommunikationsstrukturen im OP-Saal festzulegen und zu
gestalten. Zu nennen sind hier besonders regelmäßige Teamsitzungen, Meetings, Informationsveranstaltungen, Mitarbeiterjahresgespräche, Mitarbeiterbefragungen, standardisierte
Weiterbildungen, eine Informationsplattform im Intranet des
Krankenhauses etc.
Werden die Mitarbeiter aktiv in die Gestaltung dieser
Maßnahmen mit einbezogen, erhöht das ihre Bereitschaft, an
der Teamentwicklung mitzuwirken.
26.2.4
Entwicklungsphasen von Gruppen
Gruppen oder Teams arbeiten nicht ad hoc gut zusammen
und vollbringen Höchstleistungen. Die Prozesse, die zu einer
effektiven und effizienten Zusammenarbeit führen, sind in
unterschiedlichen Modellen beschrieben. Ein Klassiker ist
zweifellos das 4-Phasen-Modell von Tuckman von 1965, das
er zu Beginn der 1970er Jahre mit Mary Ann Jensen um eine
fünfte Phase erweitert hat (Müller 2013).
Tuckman geht davon aus, dass Gruppen sich beginnend
mit einer Formierungsphase (Forming) über eine Konfliktphase (Storming) und eine Normierungsphase (Norming)
hin zur Arbeitsphase (Performing) entwickeln, in der
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