Bewegungsapparat: Die Heilpraktiker-Akademie
Die Erkenntnissein der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische Erfahrungen. Der Autor dieses Werkes hat
große Sorgfalt darauf verwendet, dass die in diesem Werk gemachten therapeutischen Angaben (insbesondere hinsichtlich Indikation,
Dosierung und unerwünschter Wirkungen) dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Das entbindet den Nutzer dieses Werkes aber
nicht von der Verpflichtung, anhand weitererschriftlicher Informationsquellen zu überprüfen, ob die dort gemachten Angaben von denen
in diesem Buch abweichen und seine Verordnung in eigener Verantwortung zu treffen.
Wie allgemein üblich wurden Warenzeichen bzw. Namen (z.B. bei Pharmapräparaten) nicht besonders gekennzeichnet.
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1. Auflage 2012
© Elsevier GmbH, München
Der Urban & Fischer Verlag ist ein Imprint der Elsevier GmbH.
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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
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Um den Textfluss nicht zu stören, wurde bei Patienten und Berufsbezeichnungen die grammatikalisch maskuline Form gewählt. Selbstverständlich sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.
Planung: Ingrid Puchner, München
Projektmanagement: Dr. rer. nat. Andreas Dubitzky, München
Redaktion: Dr. med. Stefanie Gräfin v. Pfeil, Kirchheim/Teck
Herstellung: Marion Kraus, München; Kerstin Wilk, Leipzig
Satz: abavo GmbH, Buchloe; TnQ, Chennai/Indien
Druck und Bindung: Printer Trento S.r.l., Trento/Italien
Fotos/Zeichnungen: siehe Abbildungsnachweis
Umschlaggestaltung: SpieszDesign, Büro für Gestaltung, Neu-Ulm
Titelbild: © fotolia
ISBN Print 978-3-437-58090-1
ISBN e-Book 978-3-437-59622-3
Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter www.elsevier.de und www.elsevier.com
Vorwort
Das wichtigste Ziel der vorliegenden Lehrbuchreihe besteht darin, den Heilpraktiker-Studenten aufeine Weisezur Prüfung zu
begleiten, dass der Weg dorthin trotz aller Anstrengungen Spaß
macht. Die Heilpraktikerprüfung hat sich in den zurückliegenden Jahren verändert. Sie wurde um zahlreiche Krankheitsbildererweitert und hinsichtlich abgefragten Detailwissenserheblich erschwert. Während zuvor vergleichsweise einfache medizinische Grundkenntnisse zum Bestehen der Prüfung ausreichten, geht es nun darum, Erkrankungen unterschiedlichster
Fachbereiche nicht nur hinsichtlich ihrer Symptome zu kennen, sondern sietatsächlich auch in all ihren Aspekten verstanden zu haben. Überprüft wird zunehmend medizinisches Verständnis. Dies muss man nicht bedauern. Der berufliche Alltag
des Heilpraktikers kann nur gewinnen, wenn eher vage medizinische Vorstellungen durch Sachverstand ersetzt werden.
Die Heilpraktikerprüfung setzt sich aus einem schriftlichen
und einem mündlichen Teilzusammen, wobei in beiden Teilen
nahezu ausschließlich schulmedizinische Inhalte abgefragt
werden. Es kann demzufolge in der üblichen zwei- bis dreijährigen Ausbildung nicht darum gehen, Teilbereiche der komplementären oder Ganzheitsmedizin zu erlernen. Vielmehr
reicht diese Zeitspanne gerade dazu aus, sich die Prüfungsinhalte anzueignen – als Fundament für angestrebte Spezialisierungen im Anschluss an die Prüfung.
Die Lehrbuchreihe ist aus Skripten hervorgegangen, die unterrichtsbegleitend beständig und über viele Jahre an die sich
verändernde Prüfungssituation und damit an diejeweils neu zu
optimierende Ausbildung angepasst worden sind. Ihr Zweck
besteht darin, dem angehenden Heilpraktiker medizinische
Lehrbücher an die Hand zu geben, diees ihm ermöglichen, sich
den vollständigen Prüfungsstoff aus einem einzigen Werk zu
erarbeiten. Die Lehrbuchreihe erhebt den Anspruch, auf jede
Frage, diejemalsin den Prüfungen gestellt worden ist,eine vollkommen ausreichende Antwort zur Verfügung zu stellen. Sie
geht zusätzlich immer dann über dieses Ziel hinaus, wenn ein
vollständiges Verständnis medizinischer Inhalte andernfalls
nicht hätte erreicht werden können. Von daher werden Sachverhalte so manches Mal eingehender als unbedingt notwendig
erörtert, denn Medizin wird genau dann interessant bzw. geradezu spannend, wenn man die Zusammenhänge ganz versteht.
Und sie wird mühsam und unbefriedigend, wenn verlangt wird,
endlose Auflistungen von Fakten auswendig zu lernen – ganz
abgesehen davon, dass auswendig Gelerntes, Unverstandenes
sehr schnell in Vergessenheit gerät. Zusätzlich soll das angestrebte Verständnis Reserven für die Heilpraktikerprüfung wie
für den nachfolgenden medizinischen Alltag schaffen.
Die Vollständigkeit der Lerninhalte ermöglicht es dem ausgebildeten Therapeuten gleichzeitig, das Lehrbuch in den Folgejahren zum schnellen Nachschlagen zu benutzen, um verloren gegangenes Wissen wieder aufzufrischen. Diesem Ziel dienen zusätzlich einzelne Kapitel, die sich mit wichtigen medizinischen Themen befassen, die (noch) nicht prüfungsrelevant,
jedoch auf besondere Weise praxisorientiert sind. Um den Lernenden im Hinblick auf die Prüfung nichtzu überfordern, sind
solche Themenbereiche gesondert gekennzeichnet.
Einzelne medizinische Fächer kann man als Puzzlesteinchen
betrachten. Sie müssen, um ein Bild zu ergeben, zusammengesetzt werden. Dies beinhaltet auch, dass die Einzelteile zunächst noch kein vollständiges Verständnis erzeugen können,
weil dieses Verständnis im Ganzen liegt und nicht in seinen
Teilen. Fächer wie Herz/Kreislauf, Atmung, Endokrinologie
oder Hämatologie müssen getrennt voneinander erarbeitet
werden, doch greifen sie ineinander, sind abhängig voneinander, können im wachsenden Verständnis nicht isoliert bleiben.
Von daher benötigt der Studierende zunächst nicht nur Fleiß,
sondern auch sehr viel Geduld. Nicht alles wird auf Anhieb verstanden werden. Erst wenn das Bild beginnt, Gestalt anzunehmen, wenn in nachfolgenden Fächern bereits gelernte Inhalte
aus neuer Perspektive betrachtet werden, beginnt der eigentliche medizinische Denk- und Lernprozess. Und so besteht ein
weiteres Ziel dieser Lehrbuchreihe darin, den Lernenden bis
zum Endeseiner Ausbildung dorthin zu führen, wo er begreift,
dass Medizin nicht nur spannend ist, sondern letztendlich
auch äußerst logisch und in weiten Teilen fast naiv in dem Sinne, dass alles aufeinander aufbaut, das eine aus dem anderen
folgt und der Studierende die Symptomeeiner Krankheit selbst
formulieren kann, sobald er ihr Wesen ganz verstanden hat.
Aus dem Erreichen dieses Zielsresultiert gleichzeitig die Befähigung zu medizinisch verantwortlichem Handeln. Ich wünsche
den Studenten auf dem Weg dorthin Fleiß und Ausdauer, aber
auch sehr viel Freude beim Betrachten desentstehenden Bildes.
Es ist mir ein Bedürfnis, an dieser Stelle denjenigen Dank zu
sagen, die auf besondere Weisezum Gelingen der Lehrbuchreihe beigetragen haben. Treffender formuliert wäre sie ohne die
Mitwirkung dieser Personen nicht zustande gekommen. Auf
Seiten des Verlags ist dies Frau Ingrid Puchner, die das anspruchsvolle Werk von Anfang an in verantwortlicher Position
begleitet und mit großem Sachverstand und menschlicher
Kompetenz an allen Hindernissen vorbei zum Ziel geführt hat.
In besonderer Dankbarkeit blicke ich auch auf die Redaktionsarbeit, für die in Gestalt der geschätzten Kollegin Dr. Gräfin v.
Pfeil eine dem Anspruch der Reihe höchst angemessene, ungewöhnlich kompetente Redakteurin gefunden wurde. Die
menschliche und fachliche Kompetenz beider Persönlichkeiten
finden sich schließlich auch in meiner geliebten Frau Florentine wieder. Sie hat dieses Werk viele Jahre lang mitgetragen,
fachliche und sprachliche Unsauberkeiten aufgedeckt, Unverständliches angeprangert und nicht zuletzt klaglos auf zahllose
Stunden gemeinsamer Zeit verzichtet.
Bad Wurzach, im Juli 2012
Rudolf Schweitzer
Optimale Nutzung des Buches
Aufbau des Buches
Das Buch gliedert sich in 4 Teile:
• Anatomie und Physiologie: vermittelt den Aufbau und die
Funktion des Bewegungsapparats
• Untersuchung: liefert eine Anleitung zu den Untersuchungsmethoden des Organsystems
• Chirotherapie: informiert über wichtige Zusammenhänge
zwischen den Bewegungseinschränkungen (Blockaden) einzelner Gelenke und den umschriebenen oder systemischen
Auswirkungen, die damit verbunden sein können
• Krankheitsbilder: behandelt ausführlich Krankheitsentstehung, Symptomatik, Komplikationen, Diagnostik und Therapie der einzelnen Erkrankungen
Fachbegriffe
Der Einstieg in die medizinische Terminologie ist für den Anfänger schwierig. Dennoch wird von ihm erwartet, dass er sich
die Begriffe aneignet. In diesem Buch werden die fachspezifischen Begriffe erklärt und sowohl die deutsche als auch fremdsprachige Bezeichnung angegeben. Im Text wird dann zwischen den Begriffen gewechselt, wenn beide gebräuchlich sind.
Im Unterkapitel Terminologie des Bandes Basiswissen sind
die wichtigsten Bezeichnungen mit Erklärungen erläutert. In
diesem Band finden sich
• auf der Innenseite des Rückumschlages: die allgemeinen
Lagebezeichnungen und Ebenen des menschlichen Körpers
• auf S. VIII: alle wichtigen Bezeichnungen für den Bewegungsapparat
Abbildungen und Tabellen
Die Abbildungen und Tabellen sind getrennt voneinander innerhalb jedes Kapitels fortlaufend nummeriert.
Die große Menge an Abbildungen zeichnet dieses Buch aus.
Nutzen Sie diese zusätzlichen Informationsquellen – ein Bild
sagt häufig mehr als viele Worte, ist einprägsam und macht
schwierige Zusammenhänge anschaulicher.
Querverweise
Der menschliche Körper ist ein überaus fein abgestimmter Organismus, bei dem unzählige Rädchen ineinander greifen, damit er funktioniert. Verweise finden sich daher auch auf andere Bände dieser Reihe und sind z.B. mit›Fach Dermatologie
gekennzeichnet.
Kurzlehrbuch
Das Studium der Kästen „Merke“ und „Zusammenfassung“ermöglicht stichpunktartig ein rasches Wiederholen des Stoffes
kurz vor der Prüfung. Damit können Sie überprüfen, ob Sie die
wichtigsten Fakten parat haben.
Abkürzungen
Die verwendeten Abkürzungen finden sich auf S. VII.
Hinführung zum Thema
Einführung
A C H T U N G
Hinweise auf unverzichtbare Notfall- oder Vorsichtsmaßnahmen
P A T H O L O G I E
direkter Bezug zu Krankheitsbildern
H I N W E I S P R Ü F U N G
wichtige Anmerkungen zur Prüfung
Kästen
Ein System aus farbigen Kästen erleichtert das Lernen.
M E R K E
Informationen zum Einprägen, hilfreiche, interessante Tipps, Hinweise oder Merksätze
Zusammenfassung
fasst die einzelnen Abschnitte kurz zusammen und bildet mit
den Merke-Kästen ein optimales stichpunktartiges „Kurzlehrbuch“ zur schnellen Wiederholung aller wichtigen Fakten
E X K U R S
interessante Informationen, die über das Thema hinausgehen, um
Zusammenhänge aufzuzeigen oder herzustellen
H I N W E I S D E S A U T O R S
Erfahrungen des Autors, die über das allgemeine schulmedizinische
und prüfungsrelevante Wissen hinausgehen
Abkürzungsverzeichnis
A. (Aa.) Arteria (Arteriae)
AP alkalische Phosphatase
ASS Acetylsalizylsäure
ATP Adenosintriphosphat
BKS Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit
BSG Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit
BWK Brustwirbelkörper
BWS Brustwirbelsäule
cP chronische Polyarthritis
CRP C-reaktives Protein
CT Computertomographie/Computertomogramm
(geschichtete Röntgenaufnahmen werden im
Computer zu einem Bild hoher Auflösung zusammengesetzt)
EKG Elektrokardiogramm
HWK Halswirbelkörper
HWS Halswirbelsäule
IfSG Infektionsschutzgesetz
ISG Iliosakralgelenk
LWK Lendenwirbelkörper
LWS Lendenwirbelsäule
M. (Mm.) Musculus (Musculi)
Min. Minute(n)
MRT Magnetresonanztomographie (Kernspintomographie)
N. (Nn.) Nervus (Nervi)
NNH Nasennebenhöhlen
NSAR nicht-steroidale Antirheumatika
OSG oberes Sprunggelenk
PHS Periarthropathia humeroscapularis
Proc. Processus (Fortsatz)
R. Ramus (Ast, Zweig, z.B. Gefäßast einer Arterie)
Std. Stunden
STH Somatotropin
Tbl. Tablette(n)
TEP Totalendoprothese
USG unteres Sprunggelenk
V. (Vv.) Vena (Venae)
ZNS Zentralnervensystem
Bezeichnungen für den Bewegungsapparat
ab weg, fort
abduzieren, wegbewegen (nach lateral), die Wegbewegung einer
Abduktion Extremität (zur Seite)
Acetabulum Hüftgelenkspfanne (wörtlich: Essigschälchen)
Acromion – Schulterhöhe – zur Schulterhöhe gehörend
acromialis
ad zu, hinzu, heran
adduzieren, heranführen (in Richtung der Körpermitte), die
Adduktion Herbewegung (einer Extremität)
akut plötzlich einsetzend, kurz dauernd (Gegenteil:
chronisch)
Anamnese Krankengeschichte (eigentlich Erinnerung)
Angulus Winkel, Ecke(Angulus scapulae = Schulterblattwinkel)
ante vorne, vorwärts, voraus
AntebrachiumUnterarm
Anteversion die Nachvornebewegung (z.B. des Armes)
Aponeurose flächenhaft ausgebreitete Sehnenplatte
Arcus Bogen (Arcus vertebrae = Wirbelbogen)
Arthralgie Schmerz eines Gelenks ohne erkennbare Entzündung
bzw. Veränderung
Arthritis sichtbare Entzündung eines Gelenks (meist schmerzhaft)
Arthron Gelenk (Arthrose = Gelenkverschleiß, mit oder ohne
Schmerzen)
Articulatio Gelenk
Atlas 1. Halswirbel
Atrophie Rückbildung eines Organs oder Gewebes
Axis Achse, auch Name des 2. Halswirbels
basilaris zur (Schädel-)Basis gehörend
Brachium Arm, Oberarm (A. brachialis = Oberarmarterie)
brevis, breve kurz (Caput breve = kurzer Kopf, z.B. des zweiköpfigen Oberarmmuskels M. biceps brachii)
Bursa Beutel, Schleimbeutel (Bursa infrapatellaris =
Schleimbeutel unterhalb der Kniescheibe)
Caput Kopf, Haupt, Gelenkkopf (Caput femoris = Kopf des
Oberschenkelknochens)
Carpus Handwurzel
(Karpus)
Cartilago Knorpel (Cartilago thyroidea = Schildknorpel)
Cervix Hals (Cervix uteri = Gebärmutterhals)
Chondros Knorpel; wird nur in zusammengesetzten Wörtern
verwendet: Chondrozyt, Chondrosarkom usw.,
dagegen steht Cartilago für sich alleine
Clavicula kleiner Knüppel, Schlüsselchen (= Schlüsselbein)
Collum Hals (Collum femoris = der Hals des Femur)
Columna Säule (Columna vertebralis = Wirbelsäule)
Commotio Erschütterung (Commotio cerebri = Gehirnerschütterung)
Condylus Gelenkkopf, Gelenkknorren (Epicondylus =
Knochenfortsatz auf einem Condylus)
Contusio Prellung (Contusio cerebri = Gehirnprellung)
Corpus Körper, Rumpf (Corpus vertebrae = Wirbelkörper)
Costa Rippe (Aa. intercostales = Zwischenrippenarterien)
Coxa Hüfte (Articulatio coxae = Hüftgelenk)
Crista knöcherne Leiste, Kante (Crista iliaca = Darmbeinkamm)
Crus, crucis Unterschenkel (Ulcus cruris = Unterschenkelgeschwür)
Cubitus Ellenbogen (A. cubitalis = Ellenbogenarterie)
Dens Zahn (Dens axis = „Zahn“ des Axis = knöcherner
Fortsatz des 2. Halswirbels, der an einen Zahn erinnert)
Desmos Band (Syndesmose = bindegewebige Verbindung
zwischen 2 aneinandergrenzenden Knochen)
di- (bi-) zwei (M. digastricus = Muskel mit zwei Bäuchen)
dia- dazwischen, hindurch, getrennt (Diarthrose = echtes
Gelenk, bei dem die artikulierenden Knochen
voneinander getrennt sind)
Diaphragma Zwerchfell (muskuläre Platte zwischen Thorax und
Abdomen)
Diaphyse Mittelstück eines Röhrenknochens
Digitus (D) Finger, Zehe
Discus Scheibe (Discus intervertebralis = Zwischenwirbelscheibe)
Elevation Hebung (des Armes) über die Horizontale hinaus
epi auf, obendrauf gelegen
Epicondylus auf dem Condylus (Gelenkkopf ) gelegen
Epiglottis Kehldeckel (das, was der Glottis aufsitzt)
Epiphyse das, was obendrauf gewachsen ist (phyein = wachsen):
1.) Endstück eines Röhrenknochens, 2.) Hormondrüse
des Zwischenhirns
Extension Streckung
Fascia Binde – die straffe bindegewebige Umhüllung der
Muskeln
Femur Oberschenkelknochen (A. femoralis = Oberschenkelarterie)
Fibrose, Vermehrung von Bindegewebe
Fibrosierung
Fibula Wadenbein
Flexion Beugung
Foramen Loch (Foramen venae cavae = Loch für die V. cava)
Fossa Graben, Grube (Fossa supraspinata = Einsenkung
oberhalb der Spina des Schulterblatts)
Fovea kleine Grube, Delle
Fraktur Knochenbruch
Frons Stirn
frontal vorne, der Stirne zu gelegen (Os frontale = Stirnbein)
Ganglion Überbein (auch: Ansammlung von Nervenzellen,
Nervenknoten)
Genu Knie (Gonarthrose = Verschleiß des Kniegelenks)
Gony Knie (Gonarthritis = Entzündung des Kniegelenks)
Hallux Großzehe (Hallux valgus = nach lateral gebogene
Großzehe)
hemi halb (Hemiparese = Halbseitenlähmung)
Humerus Oberarmknochen, Oberarm
Hypothenar Kleinfingerballen
inguinal in der Leistengegend gelegen (Lig. inguinale =
Leistenband)
Inklination Krümmung, Neigung (z.B. des Kopfes)
inter dazwischen (Interkostalraum = Zwischenrippenraum)
Ischium – Gesäß – zum Gesäß gehörend
ischiadicus
Karpus Handwurzel (der Karpaltunnel befindet sich im
Bereich der Handwurzelknochen)
Labrum Lippe von Gelenkpfannen (Labrum acetabulare =
Gelenklippe der Hüftgelenkpfanne)
Lamina Platte, Scheibe (Lamina cribrosa = durchlöcherte
Platte des Os ethmoidale)
Larynx Kehlkopf (Laryngitis = Kehlkopfentzündung)
latus breit, weit, großflächig (M. latissimus dorsi = der
allerbreiteste Muskel des Rückens)
Ligamentum Band (Lig. inguinale = Leistenband)
(Lig.)
Bezeichnungen für den Bewegungsapparat IX
livide blau-rötliche Verfärbung
longus, lang (Caput longum = langer Kopf, z.B. des zwei-
longum köpfigen Oberarmmuskels M. biceps brachii)
Lumbus Lende (Lumbalgie = Kreuzschmerzen)
Luxation Verrenkung eines Gelenks (Gelenkkopf und Pfanne
haben keinen Kontakt mehr zueinander)
magnus, groß (V. saphena magna = große Saphenavene)
magna,
magnum
major, majus größer (Tuberculum majus = knöcherner Vorsprung
am Humerus – der größere von zwei vorhandenen
Vorsprüngen)
Mandibula Unterkiefer
Manubrium Handgriff (Manubrium sterni = „Handgriff “ des
Brustbeins)
Manus Hand (manuelle Untersuchung = Untersuchung mit
den Händen)
Mastoid brustwarzenähnlicher Knochen dorsal des Ohrs
Maxilla Oberkiefer
Meniscus Halbmond (die Menisci des Kniegelenks sind
halbmondförmig)
Mentum Kinn (Foramen mentale = Loch im Unterkiefer bzw.
Kinn)
minor, minus kleiner (Tuberculum minus = kleinerer knöcherner
Vorsprung am Humerus von zweien)
Morbus Krankheit, Erkrankung (Morbus Bechterew =
Bechterew-Krankheit)
Musculus (M.)Muskel (M. brachialis = Oberarmmuskel) (Plural:
Musculi = Muskeln)
Myo- Muskel (Myokard = Herzmuskel)
nasalis zur Nase gehörend (Os nasale = Nasenbein)
Nasus Nase
Nervus (N.) Nerv (Plural: Nn. = Nerven; N. facialis = Gesichtsnerv)
Nucha Nacken
nuchal der Bereich des Nackens (nuchale Lymphknoten)
obliquus schräg (M. obliquus abdominis = schräg verlaufender
Bauchmuskel)
occipitalis zum Hinterhaupt gehörend (Os occipitale = Hinterhauptbein)
Olecranon Ellenbogen
orbicularis ringförmig (M. orbicularis oris = Ringmuskel des
Mundes)
Orbita Augenhöhle
Os, oris Mund (M. orbicularis oris = Ringmuskel des Mundes)
Os, ossis Knochen, Bein (Os frontale = Stirnbein)
Palatum Gaumen (Os palatinum = Gaumenbein)
Palma Handfläche
palmar im Bereich der Handfläche
Palpation Untersuchung durch Betasten mit den Händen
para neben, daneben (parasternal = neben dem Brustbein)
Parästhesie Missempfindung, Sensibilitätsstörung
Parese unvollständige Lähmung (Hemiparese = Halbseitenlähmung)
Patella Kniescheibe
pectoralis zur Brust gehörend, von Pectus = Brust (M. pectoralis
minor = kleinerer Brustmuskel von zweien; Angina
pectoris = Enge in der Brust)
Pelvis Becken
Periost Knochenhaut (außen um den Knochen herum)
(peri Os)
Pes, pedis Fuß (A. dorsalis pedis = Fußrückenarterie)
Phalanx Finger- oder Zehenglied
Pharynx Rachen (Epipharynx = oberer Anteil des Rachens)
Planta Fußsohle
plantar im Bereich der Fußsohle
Plegie vollständige Lähmung (Paraplegie = Lähmung beider
Beine)
Pollex Daumen
Poplitea Kniekehle (A. poplitea = Kniekehlenarterie)
Processus Fortsatz (Processus styloideus = griffelartiger
Fortsatz)
quadriceps vierköpfig (quattuor = vier, Caput = Kopf; M. quadriceps femoris = vierköpfiger Muskel am Oberschenkel)
Radius Speiche (Knochen des Unterarms)
Reklination Rückwärtsbiegen, z.B. des Kopfes
Retroversion Bewegung nach hinten (z.B. Arm oder Bein)
Sagitta Pfeil
Sartor, Schneider (M. sartorius = Schneidermuskel)
Sartoris
Scapula Schulterblatt (Spina scapulae = Schulterblattgräte)
Spina Dorn, Stachel, Gräte, knöcherner Vorsprung (Spina
iliaca = knöcherner Vorsprung des Darmbeins = Os
ilium)
Spondylus Wirbel (Spondylarthrose = Abnutzung der Wirbelgelenke)
Sternum Brustbein (das Herz liegt retrosternal)
Stylos Stift, Griffel (Processus styloideus = griffelartiger
Fortsatz)
Symphyse zusammengewachsen, Verwachsung; im Allgemeinen
die Symphyse als Verbindung der beiden Schambeine
syn-, sym- zusammen, verbunden (Synarthrose = „falsches“
Gelenk, bei dem die beiden Knochen ohne Gelenkspalt miteinander verbunden sind)
Tarsus Fußwurzel (auch bindegewebige Platte des Augenlids)
Tempus Zeit, Schläfe (Os temporale = Schläfenbein)
Tendo Sehne
Thenar Daumenballen
Thorax knöcherner Brustkorb (A. thoracica = Brustkorbarterie)
Tibia Schienbein (A. tibialis = Unterschenkelarterie)
Tonus Spannung, Anspannung (hypertone Muskeln sind
vermehrt angespannte Muskeln)
transversus quer verlaufend (M. transversus abdominis = querer
Bauchmuskel)
Trauma Verletzung, Wunde, belastendes Ereignis
Trochanter Rollhügel (Trochanter major = größerer knöcherner
Vorsprung am Femur von zweien)
Trochlea Walze, Rolle (Trochlea humeri = walzenförmiges
Gelenk am Oberarm)
Tuber – Höcker – kleiner Höcker (Tuberculum majus =
Tuberculum größerer knöcherner Vorsprung am Humerus von
zweien)
Ulna Elle (Knochen des Unterarms)
valgus nach lateral gekrümmt (Hallux valgus = nach lateral
verbogene Großzehe)
varus, vara nach medial gekrümmt (Coxa vara = nach medial
verbogener Schenkelhalswinkel, führt zu X-Beinen)
Vertebra Wirbel (Columna vertebralis = Wirbelsäule)
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Inhaltsverzeichnis
1 Anatomie und Physiologie . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Gelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1.1 Formen von Gelenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1.2 Hilfseinrichtungen von Gelenken ........... 4
1.1.3 Stabilisierung echter Gelenke . . . . . . . . . . . . . 5
1.1.4 Gelenkachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Knorpelgewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.1 Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.2 Perichondrium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.3 Knorpelvarianten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3 Knochengewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.3.1 Zusammensetzung des Knochens . . . . . . . . . 9
1.3.2 Makroskopischer Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.3.3 Knochenmark . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.3.4 Feinbau des Knochens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3.5 Osteone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.6 Periost und Endost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.7 Hormonelle Steuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.3.8 Steuerung durch körperliche Belastung . . . . . 15
1.3.9 Blutgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.10 Knochenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.11 Frakturheilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.12 Osteosynthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers . . . . 20
1.4.1 Schädel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.4.2 Larynx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.4.3 Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.4.4 Thorax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.4.5 Schultergürtel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.4.6 Obere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.4.7 Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
1.4.8 Untere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
1.5 Muskulatur – Anatomie und
Physiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
1.5.1 Makroskopischer Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . 61
1.5.2 Aufbau der Muskelzellen . . . . . . . . . . . . . . . . 62
1.5.3 Muskelkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
1.5.4 Sehnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
1.5.5 Schleimbeutel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
1.5.6 Kontraktionserfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
1.5.7 Muskeltypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
1.5.8 Erzeugung und Speicherung von Energie . . . . 67
1.5.9 Hypertrophie, Atrophie und Regeneration . . . . 70
1.5.10 Nervale Versorgung der Muskulatur . . . . . . . . 70
1.5.11 Neurophysiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
1.5.12 Steuerung muskulärer Kontraktionen . . . . . . . 73
1.5.13 Muskeleigenreflex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
1.5.14 Rückführung der Muskelkontraktion . . . . . . . 74
1.5.15 Unterschiede zwischen den Muskelarten . . . . 74
1.6 Die Muskeln des menschlichen
Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
1.6.1 Kopf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
1.6.2 Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
1.6.3 Brust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
1.6.4 Bauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
1.6.5 Rücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
1.6.6 Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
1.6.7 Bein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
1.6.8 Schulter und Arm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
2 Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2.1 Anamnese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2.2 Inspektion und Palpation . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.2.1 Gangbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.2.2 Inspektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.3 Konstitutionstypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.4 Knöcherne Bezugspunkte . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.5 Neutral-Null-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.3 Untersuchung spezifischer
Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
2.3.1 Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.3.2 Schultergelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
2.3.3 Hüftgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
2.3.4 Iliosakralgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.3.5 Kniegelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.4 Spezielle Untersuchungen . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.1 Bandscheibenvorfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.2 Karpaltunnelsyndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.3 Kahnbeinfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.4 Muskelkraft und Muskeltonus . . . . . . . . . . . . 113
2.4.5 Röntgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.6 Arthroskopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.7 Elektromyographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
3 Chirotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.1 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.1.1 Historisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.1.2 Aufgaben der Chirotherapie . . . . . . . . . . . . . 116
3.1.3 Folgen von Gelenkblockaden . . . . . . . . . . . . . 116
3.1.4 Abgrenzung gegenüber Arthrosen . . . . . . . . . 118
3.1.5 Wirbelsäulengelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
3.1.6 Radikuläre und pseudoradikuläre
Syndrome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.1.7 Blockaden der Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . 119
3.1.8 Folgen von Manipulationen . . . . . . . . . . . . . . 120
3.2 Chirodiagnostik ....................... 120
3.2.1 Hautfaltentechnik ...................... 121
3.2.2 Weitere Untersuchungsmöglichkeiten . . . . . . 121
XII Inhaltsverzeichnis
3.3 Indikationen und Kontraindikationen . . . . . 122
3.3.1 Absolute Kontraindikationen . . . . . . . . . . . . . 122
3.3.2 Relative Kontraindikationen . . . . . . . . . . . . . . 122
3.3.3 Ursachen von Blockaden und ihren
Rezidiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.4 Blockaden der Wirbelsäule und ihre Folgen . 123
3.4.1 C1 (Atlas) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.4.2 C2 (Axis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.3 C4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.4 C5–C7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.5 Weitere Auswirkungen von HWS-Blockaden . . 124
3.4.6 Th1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.7 Th3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.8 Th6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.9 Th9 und Th11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.10 L2 und L4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.11 CT3, CT5 und CT7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.4.12 Iliosakralgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.4.13 Sternoklavikulargelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
4 Ausgewählte Erkrankungen . . . . . . . . . . 127
4.1 Arthrose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
4.2 Chondropathia patellae . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4.3 Hüftdysplasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.4 Morbus Scheuermann . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
4.5 Rheumatoide Arthritis . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
4.6 Fibromyalgie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
4.7 Polymyalgia rheumatica . . . . . . . . . . . . . . . . 141
4.8 Polymyositis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
4.9 Rheumatisches Fieber . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.10 Morbus Bechterew . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
4.11 Osteoporose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
4.12 Rachitis und Osteomalazie . . . . . . . . . . . . . . 150
4.12.1 Rachitis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.12.2 Osteomalazie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
4.13 Karpaltunnelsyndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
4.14 Dupuytren-Kontraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
4.15 Distorsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.16 Fraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.16.1 Oberarmfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
4.16.2 Rippenfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
4.16.3 Rippenserienfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
4.16.4 Schenkelhalsfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
4.16.5 Schädelbasisbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.16.6 Schädel-Hirn-Trauma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
4.16.7 Wirbelkörperfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
4.17 Spondylolisthesis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.18 Bandscheibenvorfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
4.19 Epicondylitis humeri . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
4.20 Morbus Perthes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
4.21 Osteomyelitis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
4.22 Gutartige Knochentumoren . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.1 Tietze-Syndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.2 Exostosen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.3 Überbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.23 Bösartige Knochentumoren . . . . . . . . . . . . . 173
4.23.1 Knochenmetastasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.23.2 Osteosarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.23.3 Chondrosarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.23.4 Ewing-Sarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . 177
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
1 Anatomie und Physiologie
KAPITEL
1.1 Gelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1.1 Formen von Gelenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1.2 Hilfseinrichtungen von Gelenken . . . . . . . . . . . 4
1.1.3 Stabilisierung echter Gelenke . . . . . . . . . . . . . . 5
1.1.4 Gelenkachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Knorpelgewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.1 Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.2 Perichondrium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.2.3 Knorpelvarianten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3 Knochengewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.3.1 Zusammensetzung des Knochens . . . . . . . . . . . 9
1.3.2 Makroskopischer Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.3.3 Knochenmark . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.3.4 Feinbau des Knochens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3.5 Osteone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.6 Periost und Endost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.7 Hormonelle Steuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.3.8 Steuerung durch körperliche Belastung . . . . . . 15
1.3.9 Blutgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.10 Knochenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3.11 Frakturheilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.12 Osteosynthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers . . . 20
1.4.1 Schädel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.4.2 Larynx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.4.3 Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.4.4 Thorax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.4.5 Schultergürtel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.4.6 Obere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.4.7 Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
1.4.8 Untere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
1.5 Muskulatur – Anatomie und
Physiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
1.5.1 Makroskopischer Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
1.5.2 Aufbau der Muskelzellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
1.5.3 Muskelkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
1.5.4 Sehnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
1.5.5 Schleimbeutel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
1.5.6 Kontraktionserfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
1.5.7 Muskeltypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
1.5.8 Erzeugung und Speicherung von Energie . . . . . 67
1.5.9 Hypertrophie, Atrophie und Regeneration . . . . 70
1.5.10 Nervale Versorgung der Muskulatur . . . . . . . . . 70
1.5.11 Neurophysiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
1.5.12 Steuerung muskulärer Kontraktionen . . . . . . . . 73
1.5.13 Muskeleigenreflex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
1.5.14 Rückführung der Muskelkontraktion . . . . . . . . 74
1.5.15 Unterschiede zwischen den Muskelarten . . . . . 74
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers . . . 76
1.6.1 Kopf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
1.6.2 Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
1.6.3 Brust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
1.6.4 Bauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
1.6.5 Rücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
1.6.6 Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
1.6.7 Bein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
1.6.8 Schulter und Arm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Man unterscheidet am Bewegungsapparat einen passiven
von einem aktiven Anteil. Der passive Teil wird von den
Knochen und Gelenken einschließlich ihrer Hilfseinrichtungen wie Gelenkkapseln, Schleimbeutel, Sehnen oder
Knorpelanteile gebildet. Er ist mit einem Anteil von etwa
10% am Körpergewicht beteiligt.
Den aktiven Teil bildet allein die Muskulatur. Sie stellt 1
⁄3
der gesamten Körpermasse – rund 30% bei der Frau und
40% beim Mann.
Die offensichtlichste Funktion des Bewegungsapparates besteht in der Bewegung des gesamten Körpers oder einzelner
Teile. Die Erdanziehungskraft (Schwerkraft) wird unbewusst
bei jeglicher Bewegung oder Körperhaltung mitberücksichtigt. Dies wird im schwerelosen Zustand besonders deutlich,
wenn zuvor automatisierte Bewegungen überschießend werden und erst in einem mühsamen Lernprozess den neuen
Gegebenheiten angepasst werden müssen. Auch Sprache,
Einführung
2 1 Anatomie und Physiologie
1.1 Gelenke
1.1.1 Formen von Gelenken
Grenzen 2 Knochen aneinander, entsteht ein Gelenk (Articulatio, Arthron). In Abhängigkeit vom Aufbau der Gelenke und
der Beweglichkeit der artikulierenden Knochen, die miteinander verbunden sind, lassen sich 2 Formen gegeneinander abgrenzen (› Abb. 1.2):
• Synarthrosen: „falsche“ Gelenke, die keine definierten Bewegungen erlauben
• Diarthrosen: eigentliche, bewegliche, „echte“ Gelenke.
Schädel
(Cranium)
Wirbel
(Vertebra)
Schulterblatt
(Scapula)
Wirbelsäule
(Columna
vertebralis)
Hüftbein
(Os coxae)
Abb. 1.1 Grundelemente des Skelettsystems. [46]
Articulatio synovialis
Articulatio fibrosa
b Knochen Gelenkhöhle Knochen
a Knochen Bindegewebe Knochen
Abb. 1.2 Schema von Synarthrose (a) und Diarthrose (b). [46]
Mimik und Gestik, Nahrungsaufnahme und Atmung benötigen den Bewegungsapparat zu ihrer Funktion.
Die zweite wichtige Aufgabe v. a. des knöchernen Skeletts
besteht im mechanischen Schutz lebenswichtiger Organe
wie Gehirn und Rückenmark, Herz und Lunge, Oberbauchorgane und Beckeneingeweide. Die Knochen bestimmen die
äußere Form des Körpers und dienen darüber hinaus als
Blutbildungsstätte sowie als Speicherorgan für lebensnotwendige Mineralsalze.
Der menschliche Körper enthält mehr als 200 einzelne Knochen (› Abb. 1.1):
• Das zentrale Element bildet die Wirbelsäule, das sog. Achsenorgan, an dem die großen Körperhöhlen und der Kopf
gewissermaßen aufgehängt bzw. angelagert sind.
• Der Schädel besteht aus dem Schädeldach (Gehirnkapsel
= Gehirnschädel = Kalotte) und dem Gesichtsschädel.
• Der Thorax umschließt mit Brustwirbelsäule (BWS), Brustbein und 12 Rippenpaaren die Organe der Brusthöhle.
• Der Schultergürtel, bestehend aus Schlüsselbeinen und
Schulterblättern, ist dem Thorax locker aufgelagert.
• Das Becken (Beckengürtel) gleicht einer nach ventral offenen Schale. Es bietet den Organen des Unterbauchs Schutz
und schließt die Bauchhöhle nach unten ab.
• An Schulter- und Beckengürtel sind die Extremitäten aufgehängt. Sie bilden eine Kette aufeinanderfolgender Knochen, deren Zahl von proximal nach distal zunimmt. Die
Anzahl der einzelnen Knochen stimmt an Armen und Beinen fast vollständig überein, ihre Form nur teilweise.
Jeder Knochen (Ausnahme: Zungenbein) ist mit einem
oder mehreren weiteren Knochen verbunden. Diese Verbindungen können beweglich oder weitgehend starr erfolgen. Vollständig miteinander verwachsen sind beim Erwachsenen die Knochen des Schädels, Teile der Wirbelsäule
(Kreuzbein), Hüftbein und Brustbein.
1.1 Gelenke 3
Synarthrosen
Synarthrosen sind unechte Gelenke. An der Kontaktstelle der
aneinandergrenzenden Knochen überbrückt ein Füllgewebe,
meist Bindegewebe oder Knorpel, den bei echten Gelenken vorhandenen spaltförmigen Zwischenraum (Gelenkspalt). Da es
keinen Gelenkspalt gibt, entsprechend auch keine Gelenkkapsel und keine Synovialflüssigkeit, entsteht in Abhängigkeit vom Aufbau der Gewebebrücke eine höchstens minimale
Beweglichkeit.
Man spricht bei Synarthrosen auch von Fugen oder Haften
und differenziert je nach dem verbindenden Gewebe in
(› Abb. 1.3):
• Bandhaft (= Syndesmose): besonders häufig verwirklicht;
dazu gehört u. a. die distale Verbindung der beiden Unterschenkelknochen
• Knorpelhaft (= Synchondrose): Beispiele sind die Schambeinfuge (Symphyse) und die Verbindung der Wirbelkörper
über die Zwischenwirbelscheiben
• Knochenhaft (= Synostose): Sie entsteht vereinzelt bei knöcherner Durchbauung der Kontaktstelle, z.B. am Kreuzbein.
Die Verbindungen der Knochen der Schädelkalotte (Suturen
= Nähte) sind in den ersten Lebensjahrzehnten aus Bindegewebe aufgebaut, das ab dem mittleren Lebensabschnitt verknöchert: Die Bandhaften der ersten Lebenshälfte werden
zu Knochenhaften.
Bindegewebe oder Knorpel im Zwischenraum von kontaktierenden Knochen müssen teilweise gewaltigen Belastungen und
Scherkräften widerstehen. Das Bindegewebe der Bandhaften
besteht deshalb grundsätzlich aus einem außerordentlich derben, kollagenfaserreichen Bindegewebe und der Knorpel der
Knorpelhaften aus Faserknorpel.
Diarthrosen
Ein echtes Gelenk nennt man Diarthrose. Hier wird an der
Verbindungsstelle zweier Knochen ein bewegliches Gelenk
ausgebildet. Die Form solcher Gelenke kann sehr unterschiedlich sein. Grundsätzlich aber bildet das eine Knochenende einen (Gelenk-)Kopf und das korrespondierende eine (Gelenk-)
Pfanne, in der sich der Kopf bewegen kann.
Wenn 2 Knochenenden ständig aufeinander hin und her bewegt würden, gäbe es Abrieb und kleinere oder größere Ausrisse, was in kürzester Zeit zu einer Blockade der Gelenkbewegungen führen würde. Die artikulierenden Knochenenden sind
deshalb mit einem glättenden und schützenden Knorpelüberzug versehen (› Abb. 1.4).
Ähnlich wie in der Technik, wo metallische Gelenkflächen
durch einen trennenden Ölfilm vor einer zu großen Reibung
geschützt werden, schützt sich die knorpelige Oberfläche
durch eine „Gelenkschmiere“, die Synovialflüssigkeit bzw.
Synovia. Entsprechend den technischen Gelenken trennt die
Synovia die beiden Gelenkenden voneinander. Es bildet sich
der Gelenkspalt. Der flüssigkeitsgefüllte Gelenkspalt ist
sehr schmal. Sein Durchmesser liegt im Bereich eines einzigen Millimeters. Der Zwischenraum zwischen den beiden
artikulierenden Knochen, den man in einem Röntgenbild erkennt, ist wesentlich breiter, da er sich aus dem eigentlichen
Gelenkspalt und gleichzeitig aus den beiden Knorpelüberzügen zusammensetzt, die im Röntgenbild zumeist nicht zu
erkennen sind.
Knorpel ist lebendes Gewebe, besitzt aber keine Blutgefäße
zur Ernährung und Regeneration. Die Synovialflüssigkeit
übernimmt deshalb auch diese Aufgabe durch Diffusion in die
Knorpelschichten. Unterstützt wird dieser passive Diffusionsvorgang durch die Bewegungen der Gelenke und die dadurch
verursachten, wechselnden Druckverhältnisse im Gelenk.
Membrana Ulna
interossea
antebrachii
Radius
a
b c
Abb. 1.3 Beispiele für Synarthrosen. a Bandhaft (Syndesmose). b Knorpelhaft (Synchondrose). c Knochenhaft (Synostose). [46]
1
1
2
*
Abb. 1.4 Fingergelenk mit Knorpel (1), Gelenkspalt (*) und Gelenkkapsel
(2). [58]
4 1 Anatomie und Physiologie
Damit die Gelenkflüssigkeit bleibt, wo sie gebraucht wird, wird
jedes echte Gelenk von einer bindegewebigen Gelenkkapsel
umgeben, die lückenlos das gesamte Gelenk umschließt
(› Abb. 1.5). Sie besteht aus
• einer äußeren derben, kollagenreichen Faserschicht, der
Membrana fibrosa, welche die mechanische Stabilität sichert; sie ist nicht durchblutet
• einer weichen innenliegenden Membrana synovialis, die
reichlich Blutgefäße und Nerven enthält. Zur Oberflächenvergrößerung stülpt sich die Membrana synovialis faltenartig
in die Gelenkhöhle hinein. Aus den Kapillaren dieser reichlich durchbluteten Synovialzotten (Plicae synoviales) wird
die Synovialflüssigkeit abgepresst. Viskös und fadenziehend
wird die klare Flüssigkeit durch Substanzen wie (Glyko-)Proteine und Hyaluronsäure, die aus den Fibroblasten dieser bindegewebigen Schicht zusätzlich in sie ausgeschieden werden.
Amphiarthrosen und funktionelle Haften
Vereinzelt gibt es echte Gelenke (Diarthrosen), die aufgrund
einwirkender Extrembelastungen einen derart umfangreichen Bandapparat entwickelt haben, dass eine nur noch minimale Restbeweglichkeit übrig bleibt, die an diejenige der Synarthrosen erinnert. Man spricht in solchen Fällen, der resultierenden Funktion dieser echten Gelenke entsprechend, von
funktionellen Bandhaften.
Ein besonders wichtiges Beispiel für eine funktionelle Bandhaft
stellt das Iliosakralgelenk dar. Es lässt wegen seines umfangreichen Bandapparates und trotz definierter Gelenkflächen und vorgegebener Bewegungsachse lediglich federnde, „wackelnde“ Bewegungen zu und wird deshalb auch als Wackelgelenk bezeichnet.
Damit stellt dieses Gelenk gleichzeitig eine Amphiarthrose dar
(amphi = „sowohl als auch“), weil es weder eindeutig zu den Synnoch zu den Diarthrosen gehört. Weitere Amphiarthrosen bzw.
funktionelle Bandhaften finden sich v.a. an Bein und Fußgewölbe.
Sternokostalgelenke
Am vorderen Ende der Rippen (Costae) besteht die Besonderheit,
dass deren knorpeliges Endstück mit dem knöchernen Brustbein (Sternum) Gelenke ausbildet. Dabei handelt es sich, abgesehen von der 1. Rippe (= Synchondrose), um bewegliche Diarthrosen mit Gelenkspalt und Kapsel. Die Gelenkköpfe aus hyalinem
Knorpel artikulieren bei den Rippen 2–7 also mit den knöchernen, wie üblich knorpelüberzogenen Pfannen des Brustbeins.
1.1.2 Hilfseinrichtungen von Gelenken
Aus unterschiedlichen Gründen gibt es in einzelnen Gelenken
zusätzliche Einrichtungen, die dann als Besonderheit auch zusätzlich erwähnt und beschrieben werden müssen. Dazu gehören v. a. knorpelige Scheiben, die zwischen die kontaktierenden
Gelenkflächen eingeschoben sind, sowie knorpelige Anbauten
an der äußeren Begrenzung einzelner Gelenkflächen.
Disci und Menisci
Am Kiefergelenk, proximalen Handgelenk und Sternoklavikulargelenk finden sich Scheiben aus Faserknorpel (Disci articulares), welche die eigentlichen Gelenkflächen vollständig
voneinander trennen. Sie sind widerstandsfähiger als der eigentliche Überzug der Gelenkflächen aus hyalinem Knorpel
und erweitern gleichzeitig den Bewegungsumfang dieser Gelenke. Besonders deutlich wird dies am Kiefergelenk, bei dem
der Gelenkkopf auf seinem Discus articularis entlanggleiten
und die eigentliche Gelenkpfanne in geringem Umfang verlassen kann.
Die Menisci der Kniegelenke stellen halbmondförmige
Scheiben aus Faserknorpel dar, die neben der Abpufferung
von Stoßbelastungen auch die Inkongruenzen (Unregelmäßigkeiten) der beiden Gelenkflächen zueinander ausgleichen.
Gelenklippen
An Hüft- und Schultergelenk finden sich Gelenklippen (Labrum), die ebenfalls aus Faserknorpel bestehen. Sie sind dem
Rand der Gelenkpfannen angelagert und dienen dazu, die Kontaktfläche zu den Gelenkköpfen zu vergrößern.
Grenzlinie
subchondrales
Knochengewebe
Mineralisierungszone
hyaliner Gelenkknorpel
Gelenkspalt
Membrana
fibrosa
Membrana
synovialis
Fettzelle
Blutgefäße
Plica synovialis
Abb. 1.5 Schema einer Diarthrose mit Gelenkspalt und Gelenkkapsel. [9]
1.1 Gelenke 5
Schleimbeutel
In der besonders beanspruchten Umgebung mancher Gelenke (v. a. an Knie, Ellbogen und Schulter) sind Schleimbeutel (Bursae) eingeschoben. Sie liegen zwischen dem Gelenk und den umgebenden Strukturen, um mechanische
Belastungen (z. B. einen Sehnenzug oder einen Druck aus
der Umgebung) abzufangen. Schleimbeutel sind flüssigkeitsgefüllte, spaltförmige Hohlräume, deren Wandung derjenigen der Gelenkkapsel entspricht und eine schleimartige
Synovialflüssigkeit produziert. Sie kommunizieren manchmal mit der Gelenkhöhle benachbarter Gelenke, sodass
dann auch Gelenkerkrankungen auf sie weitergeleitet werden können.
1.1.3 Stabilisierung echter Gelenke
Den Zusammenhalt der Gelenke gewährleisten verschiedene
Strukturen einschließlich der bindegewebigen Gelenkkapseln
mit ihrer derben Membrana fibrosa sowie der umgebenden
Muskulatur mit ihren das Gelenk überspannenden Sehnen.
Den stärksten Zusammenhalt bieten allerdings die stets vorhandenen Bänder (Ligamente) – am Kniegelenk z.B. Außenund Innenband sowie zusätzliche Binnenbänder, die beiden
Kreuzbänder (› 1.4.8).
Im Bereich von Gelenken, auf die besondere Belastungen
einwirken wie u. a. am Fußgewölbe oder an den Iliosakralgelenken, die die gesamte Last des Rumpfes auf den Beckengürtel
übertragen müssen und dabei auch noch Scherwirkungen unterworfen sind, ist der Bandapparat derart umfangreich entwickelt, dass kaum noch Gelenkbewegungen übrig bleiben. Die
Diarthrosen werden funktionell zu Synarthrosen (Amphiarthrosen).
1.1.4 Gelenkachsen
Die echten Gelenke (Diarthrosen) sind entsprechend ihrer
physiologischen Erfordernisse mit unterschiedlichen Freiheitsgraden bzw. Hauptachsen ausgestattet (› Abb. 1.6).
Einachsige Gelenke
Die einachsigen Gelenke erlauben lediglich eine Beweglichkeit
in einer einzigen Richtung – also z.B. nach vorne oder hinten
und wieder zurück. Einachsige Gelenke sind in der Regel
Walzengelenke, zu denen sowohl die Scharniergelenke (z.B.
Ellbogen- und Kniegelenk) gehören als auch die Dreh- bzw.
Radgelenke, welche die beiden Unterarmknochen oder auch
Atlas und Axis (über den Dens axis) miteinander verbinden.
Eine Sonderform eines Walzengelenks entsteht am Knie,
wo sich gleich zwei Gelenkköpfe (Kondylen) des Oberschenkelknochens in den zugehörigen Kondylen des Schienbeins
bewegen. Man bezeichnet das Kniegelenk deswegen auch als
Kondylengelenk. Hierbei gilt es zu beachten, dass ein kugelförmiger Gelenkkopf als Caput bezeichnet wird und aufgrund
seiner gleichmäßigen Rundung Bestandteil von 3-achsigen
Gelenken ist bzw. zumindest prinzipiell Bewegungen in 3
Richtungen erlaubt. Dagegen ist ein Kondylus (Gelenkknorren) ein ungleichmäßig, z. B. eher walzenförmig geformter Gelenkkopf, der deshalb lediglich Bewegungen in eine einzige
Richtung erlaubt.
a
b
c
d
e
f
g
Abb. 1.6 Gelenkachsen. Eine Achse haben Scharniergelenk (a), Zapfengelenk (b) und Radgelenk (c), 2 Achsen haben Eigelenk (d) und Sattelgelenk (e),
3 Achsen haben Kugelenk (f) und planes Gelenk (g). [36]
6 1 Anatomie und Physiologie
Zweiachsige Gelenke
Die zweiachsigen Gelenke ermöglichen entsprechend ihrer Bezeichnung Bewegungen in zwei unterschiedliche Richtungen.
Hierher gehört das Sattelgelenk, das die Handwurzel über ihr
großes Vieleckbein mit dem Mittelhandknochen des Daumens
verbindet (Daumensattel- bzw. Daumenwurzelgelenk), sowie
das Eigelenk (= Ellipsoidgelenk) des proximalen Handgelenks, das ebenfalls Bewegungen in zwei Freiheitsgraden zulässt, die senkrecht aufeinander stehen (Bewegung der Hand
einerseits in Richtung Streckseite bzw. Beugeseite des Unterarms, und andererseits als Kippbewegung zur Seite von Daumen bzw. Kleinfinger). Auch das oberste Gelenk der Wirbelsäule, die gelenkige Verbindung zwischen dem Hinterhauptbein (Os occipitale) des Schädels und dem 1. Halswirbel (Atlas), ist ein Eigelenk.
Dreiachsige Gelenke
Dreiachsige Gelenke sind meist Kugelgelenke; sie erlauben
maximale Beweglichkeit. Man findet sie im Schulter- und
Hüftgelenk sowie den Fingergrundgelenken (D2–D5). Die drei
Achsen sind im Schultergelenk die Bewegung des Armes nach
vorne und hinten (Anteversion und Retroversion), die Bewegung zur Seite und wieder zurück (Ab- und Adduktion) sowie
als 3. Achse die Rotation des Armes nach innen und außen
(› Abb. 1.7). Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk, hat aber wegen der besonders umfassenden Überdachung des Gelenkkopfes durch die Gelenkpfanne (mehr als 50%; › 1.4.8) auch
noch die Sonderbezeichnung Nussgelenk oder Napfgelenk.
Weitere dreiachsige Gelenke sind die ebenen Gelenke (=
Gleitgelenke) – z.B. die Intervertebralgelenke der Halswirbelsäule.
Zusammenfassung
Gelenke:
• echte Gelenke (Diarthrosen):
– bestehen aus Gelenkkopf und Gelenkpfanne (beide mit
Knorpelüberzug), Gelenkspalt mit Synovia, Gelenkkapsel
(aus Membrana fibrosa und Membrana synovialis aufgebaut)
– einachsige Gelenke: eine Bewegungsrichtung; meist
Walzengelenk (Scharnier- oder Radgelenk)
– zweiachsige Gelenke: zwei Bewegungsrichtungen; Sattelund Eigelenk
Innenrotation Außenrotation
Beugung im
Hüftgelenk
Streckung im
Hüftgelenk
Abduktion Adduktion Anteversion Retroversion
Abb. 1.7 Bewegungsachsen von Kugelgelenken. [41]
1.2 Knorpelgewebe 7
– dreiachsige Gelenke: drei Bewegungsrichtungen; meist
Kugelgelenk
• unechte Gelenke (Synarthrosen): geringe Beweglichkeit,
besitzen keinen Gelenkspalt und keine Kapsel
– Bandhaft (Syndesmose): bindegewebige Verbindung
– Knorpelhaft (Synchondrose): knorpelige Verbindung
– Knochenhaft (Synostose): knöcherne Verwachsung
• Hilfseinrichtungen:
– Disci und Menisci: Scheiben aus Faserknorpel
– Gelenklippen (Labrum): bestehend aus Faserknorpel, am
Rand von Hüft- und Schultergelenkspfanne
– Schleimbeutel (Bursa): flüssigkeitsgefülltes Polster in der
Umgebung von Gelenken
1.2 Knorpelgewebe
1.2.1 Aufbau
Bei der Geburt bestehen mit Ausnahme von Schädelknochen
und Schlüsselbeinen noch sämtliche Skelettanteile überwiegend oder ausschließlich aus Knorpel (Cartilago bzw. Chondros). Erst im Verlauf der folgenden Lebensjahre entstehen daraus die späteren Knochen mit ihrer großen Festigkeit.
Bei der Knorpelbildung sezernieren die häufig in kleinen
Gruppen beieinander liegenden Knorpelzellen (Chondrozyten bzw. die besonders aktiven Chondroblasten) zunächst
Kollagen und Grundsubstanz in ihre Umgebung. Die
Grundsubstanz besteht aus einer großen Anzahl von Glykosaminoglykanen (GAGs), die an fädige Proteinstrukturen
gebunden sind und in dieser Form als Proteoglykane bezeichnet werden (› Abb. 1.8). Die wesentlichen GAGs des
Knorpels sind Chondroitinsulfat, Keratansulfat sowie Hyaluronsäure, die ohne Proteinbindung isoliert in der Matrix
liegt. Die Zuckereinheiten der GAGs basieren auf Glukoseund Galaktosemolekülen, die allerdings durch Oxidation zu
Uronsäuren und Anlagerung von Sulfatgruppen saure Eigenschaften besitzen. Knorpelzellen stellen Fibrozyten mit vergleichbaren Eigenschaften und Aufgaben dar, die sich lediglich in der Produktion einzelner Proteine und GAGs von den
Fibrozyten des normalen Bindegewebes oder auch den Osteozyten des Knochens unterscheiden, wodurch auch die
umgebende Matrix eine mehr oder weniger abweichende
Struktur erhält.
Wesentlich im Hinblick auf die Eigenschaften des Knorpels
ist die Vernetzung der Proteoglykane mit dem Maschenwerk
der Kollagenfibrillen zu riesigen Molekülverbänden mit Durchmessern von bis zu > 3mm sowie eine besonders umfangreiche Wassereinlagerung, die durch die Zuckerstrukturen ermöglicht wird. Dabei vermag 1 g GAG nicht weniger als 10 g
Wasser zu binden. Gleichzeitig ermöglichen die zahlreichen
negativen Ladungen Bindung und Austausch von Ionen wie
Mg2+ oder Ca2+. Damit stabilisieren sie auch die Isotonie der
Grundsubstanz. Gleichzeitig können die aus dem überwiegend
anaeroben Stoffwechsel der Chondrozyten entstehenden Säuren (Milchsäure) daran gebunden und damit abgepuffert werden (› Fach Histologie).
Wenn mit zunehmendem Lebensalter die Menge an Proteoglykanen durch unzureichende Neubildung abnimmt, verringern sich damit auch der Wassergehalt und die Widerstandsfähigkeit des Knorpels. Die Kollagenfibrillen an der Oberfläche
des Gelenkknorpels liegen dadurch teilweise frei und fasern
auf, woraus Rauigkeit und verstärkter Abrieb und damit arthrotische Degenerationen resultieren.
1.2.2 Perichondrium
Gesteuert werden Knorpelbildung und -wachstum durch eine
bindegewebige, aus 2 Schichten bestehende Umhüllung (Perichondrium), deren innere weiche Schicht reichlich Blutgefäße
und Nervenendigungen enthält, die dem eigentlichen Knorpel
fehlen. Die Ernährung des wachsenden sowie (teilweise) des
fertigen Knorpels erfolgt aus diesem Perichondrium durch Diffusion. Faserknorpel enthält kein Perichondrium; die Versorgung erfolgt hier lediglich durch Diffusion aus den benachbarten Geweben.
Abb. 1.8 a Proteoglykan. b Mehrere Proteoglykane binden an eine Hyaluronsäure (Eiweißfaden).
[51]
8 1 Anatomie und Physiologie
1.2.3 Knorpelvarianten
In Abhängigkeit von der jeweils zu erfüllenden Aufgabe werden drei unterschiedliche Arten von Knorpel gebildet: hyaliner, elastischer und Faserknorpel.
Hyaliner Knorpel
Hyaliner Knorpel ist durch seinen hohen Gehalt an miteinander verschlungenen kollagenen Fasern (vom sog. Typ II) sehr
stabil (Druckfestigkeit: 150 kg/cm2
), bleibt gleichzeitig aber
auch wegen seines reichlichen Wassergehaltes bei höheren Belastungen noch teilweise nachgiebig (› Abb. 1.9). Die Nachgiebigkeit entsteht dadurch, dass ein anhaltender Druck zu einer Wasserverschiebung führt. Lässt der Druck nach, kann das
Wasser zurückströmen, der Knorpel nimmt seine ursprüngliche Form wieder an. Kurzfristige Drücke bewirken keine
Verformung, weil das Wasser nicht so schnell abfließen kann.
Der Knorpel bleibt stabil, sofern der Druck nicht zu groß wird
und zu Einrissen führt.
Der Knorpel der Gelenke, der Rippen, der Nase, des Kehlkopfs, der Luftröhre, der großen Bronchien sowie des Neugeborenenskeletts besteht überwiegend aus hyalinem Knorpel.
Dieser kann bis ins Erwachsenenalter hinein regenerieren, solange das ernährende und steuernde Perichondrium intakt
bleibt. Das Skelett des Neugeborenen wird in Kindheit und
Jugend allmählich in Knochen umgewandelt. Die Handwurzel
und wenige weitere Skelettanteile sind erst zum Zeitpunkt der
Pubertät vollständig verknöchert.
Die Knorpelüberzüge der Gelenkflächen besitzen beim Erwachsenen kein Perichondrium mehr. Sie werden allein von
der Synovialflüssigkeit durch Diffusion ernährt. Die Dicke dieser Schichten liegt bei kleinen Gelenken etwa bei 1mm, bei
großen Gelenken beträgt sie bis zu 3mm. Aufgrund der langsamen und nicht immer ausreichenden Diffusion kann der Gelenkknorpel beim Erwachsenen nach einer umfangreicheren
Schädigung nicht regenerieren. Kleinere Defekte werden allerdings teilweise durch Faserknorpel aufgefüllt.
Elastischer Knorpel
Elastischer Knorpel enthält reichliche Mengen an elastischen
Fasernetzen und dafür etwas geringere Mengen an stabilisierendem Kollagen (› Abb. 1.10). Er ist also elastischer und
gleichzeitig auch weicher als hyaliner Knorpel. Elastischer
Knorpel baut die Ohrmuschel und Teile des äußeren Gehörgangs auf, die Ohrtrompete, die Wand der kleinen Bronchien
sowie Teile des Kehlkopfs (Kehldeckel = Epiglottis).
Faserknorpel
Faserknorpel besitzt den höchsten Kollagengehalt und den geringsten Anteil an Zellen und wasserhaltiger Grundsubstanz
(› Abb. 1.11). Damit erreicht er die weitaus größte Festigkeit, aber auch die geringste Elastizität und Nachgiebigkeit.
Faserknorpel findet sich im Anulus fibrosus der Zwischenwirbelscheiben (Disci intervertebrales), in der Schambeinfuge (Symphyse), in den Menisci des Kniegelenks bzw. Disci articulares weiterer Gelenke sowie den Gelenklippen – also in
allen knorpeligen Strukturen, die extremen Belastungen ausgesetzt sind. Faserknorpel vermag wegen seiner Zellarmut und
des fehlenden Perichondriums, entsprechend dem Gelenkknorpel des Erwachsenen, nach Schädigungen nicht vollständig zu regenerieren.
Zusammenfassung
Knorpelgewebe:
• Aufbau:
– Knorpelzellen (Chondrozyten, Chondroblasten): sezernieren Kollagen und Grundsubstanz (bestehend aus
GAGs + Proteinen = Proteoglykane)
– GAGs: Chondroitinsulfat, Keratansulfat, Hyaluronsäure
1
*
*
Abb. 1.9 Hyaliner Knorpel (1 = Perichondrium). Die Grundsubstanz des
hyalinen Knorpels (*) erscheint sehr homogen und ohne fädige Strukturen,
weil sich das Kollagen vom Typ II in den üblichen Färbungen nicht darstellt.
Die Chondrozyten liegen in kleinen Gruppen beieinander (Pfeile). [58]
Abb. 1.10 Elastischer Knorpel. Man erkennt das zartfaserige, aber dichte
elastische Fasernetz. [58]
1.3 Knochengewebe 9
– Proteoglykane sind mit Kollagen vernetzt, binden
Wasser und Ionen (Mg2+, Ca2+)
– Perichondrium (Knorpelhaut): umhüllt und ernährt den
Knorpel
• Arten und Vorkommen:
– hyaliner Knorpel: z.B. Gelenkknorpel, Knorpel der Atemwege; Skelett des Neugeborenen vor der Verknöcherung
– elastischer Knorpel: z.B. Ohrknorpel, Kehldeckel
– Faserknorpel: Zwischenwirbelscheiben, Schambeinfuge,
Menisci und Disci articulares
1.3 Knochengewebe
Der Körper des Menschen wie auch jedes sonstige Gewebe einschließlich desjenigen von Pflanzen und Pilzen besteht überwiegend aus organischem, also lebendem Gewebe. Das
Grundgerüst von Zellen und Grundsubstanz enthält sowohl
beim Eiweiß mit seinen Aminosäuren als auch bei den Fetten
und den Zuckermolekülen im Wesentlichen Kohlenstoff- und
Wasserstoff-Atome mit sporadisch darum herum gruppierten
weiteren Elementen – hauptsächlich Stickstoff, Sauerstoff und
Schwefel. Die gebildeten Moleküle sind andauernden Umbauvorgängen unterworfen, die sehr gezielt vom jeweiligen Organismus gesteuert werden.
Diese Steuerung erfolgt über Nerven, Hormone und weitere
Botenstoffe wie z.B. Zytokine, aus den Chromosomen durch
zahlreiche Enzyme, die als Bio-Katalysatoren fungieren, sowie
durch Mechanismen, die noch nicht in jedem Detail verstanden werden. Zu denken ist hier u. a. an den Informationsfluss
von Zelle zu Nachbarzelle über spezifische Rezeptoren sowie,
nicht allgemein akzeptiert, die Biophotonen des Fritz Albert
Popp (› Fach Pharmakologie) oder die Einbindung von Geweben in Körpermeridiane.
Im Gegensatz zur belebten steht der Begriff der unbelebten,
also anorganischen Natur, die gewissermaßen aus der Chemie
des gesamten Periodensystems der Elemente besteht. Sie kann
zwar chemisch miteinander reagieren, unterliegt hierbei aber
anderen Gesetzmäßigkeiten wie beispielsweise der Zufuhr einer bestimmten Wärmemenge, um eine Reaktion ablaufen zu
lassen. Ein steuernder Eingriff wie beim lebenden Organismus
ist weder möglich noch erforderlich, wenn man einmal vom
Labor des Chemikers absieht. Es werden zumeist auch keine
größeren Moleküle und schon gar nicht die komplexen Riesenmoleküle organischer Strukturen gebildet.
M E R K E
Im Wort Organismus bzw. organisch ist nach allgemeinem Verständnis der Begriff des Lebendigen bereits symbolisiert.
1.3.1 Zusammensetzung des Knochens
Der Knochen besteht zu ca. 10% aus Wasser, zu 25% aus organischer Substanz (Zellen, Blutgefäße, Nerven, Grundsubstanz und ein dichtes Gerüst aus Kollagen), und zu 65% aus
anorganischer Substanz, wobei hiervon Calcium und Phosphat verbunden zum Calciumphosphat die Hauptmasse ausmachen. Daneben kommen in größerer Menge auch Calciumcarbonat und Magnesiumsalze sowie in geringeren Anteilen
zahlreiche weitere Mineralien und Spurenelemente vor.
Hinsichtlich Calcium, Phosphat und Magnesium stellt der
Knochen das mit Abstand größte Speicherorgan des menschlichen Körpers dar. Zum Beispiel befinden sich 98% des Körpercalciums (1,2 kg) im Knochen. Anders ausgedrückt: Mehr
als die Hälfte der gesamten Knochenmasse von etwa 7 kg eines
Erwachsenen wird alleine durch Calciumphosphat repräsentiert, rund 15% überwiegend von weiteren Calcium- sowie Magnesiumsalzen und das verbleibende Drittel schließlich durch
organische Substanzen einschließlich daran gebundenem
Wasser.
M E R K E
Jeder Knochen enthält einen kleineren organischen und einen
größeren anorganischen Anteil.
1.3.2 Makroskopischer Aufbau
Nach ihrer makroskopischen Form lassen sich grundsätzlich 3
Arten von Knochen unterscheiden:
• Die längeren oder kürzeren Röhrenknochen an Armen und
Händen, Beinen und Füßen.
*
*
Abb. 1.11 Faserknorpel (Anulus fibrosus einer Bandscheibe). Er besteht
überwiegend aus Einzelzellen (Pfeile),zwischen denen dichte Kollagenfaserbündel (*) verlaufen. [58]
10 1 Anatomie und Physiologie
• Die kurzen Knochen der Hand- und Fußwurzel sowie der
einzelnen Wirbel der Wirbelsäule.
• Die flachen bzw. platten Knochen des Schädels, der Rippen, des Brust- und Hüftbeins und des Schulterblattes.
Der Aufbau der kurzen und der platten Knochen ist ungeachtet
der divergierenden äußeren Form weitgehend identisch, unterscheidet sich aber von demjenigen der Röhrenknochen.
Röhrenknochen
Sie bestehen aus einem röhrenförmigen Mittelstück, der Diaphyse (= Schaft), und den beiden verdickten Endstücken, den
Epiphysen. Die knorpelüberzogenen Epiphysen sind mit den
angrenzenden Knochen gelenkig verbunden. Den Übergangsbereich zwischen den beiden Enden der Diaphyse und den sich
anschließenden Epiphysen nennt man während des Wachstumsalters Wachstumsfuge bzw. Epiphysenfuge oder auch
Metaphyse (› Abb. 1.12).
A C H T U N G
Die Epiphyse der Röhrenknochen sollte nicht mit der Hormondrüse
Epiphyse (= Zirbeldrüse) des Gehirns, und diese nicht mit der Hypophyse (= Hirnanhangsdrüse) verwechselt werden.
Substantia corticalis
Die Diaphyse besteht im Wesentlichen aus einem knöchernen
Mantel aus eng aufeinander geschichteten Knochenlamellen,
der sog. Kortikalis oder Kompakta, die einen großen Hohlraum, die Markhöhle, umschließt (› Abb. 1.12). Die Markhöhle enthält Knochenmark und ist nur gering knöchern
durchbaut. In den langen Röhrenknochen erreicht die Kompakta eine Dicke von mehreren Millimetern.
Spongiosa
Auch die Epiphysen besitzen als äußere Umhüllung eine Kortikalis. In ihrem Inneren sind sie aber nicht hohl, sondern mit
einem Geflecht feiner Knochenbälkchen und -lamellen gefüllt
(› Abb. 1.12), die nun allerdings ihrerseits eine Unmenge
kleiner Hohlräume umschließen, wodurch die Struktur eines
Schwammes entsteht. Die Knochenstruktur im Inneren der
Epiphysen heißt deshalb Spongiosa (Spongia = Schwamm).
Die Knochenbälkchen der Spongiosa sind nicht wahllos angeordnet. Vielmehr entsteht hier allein aufgrund der auftretenden körperlichen Belastung eine exakt ausgerichtete Struktur, die dem Knochen maximale Stabilität garantiert. Bei veränderter Beanspruchung oder Fehlstellungen nach Knochenbrüchen wird mittels Umbauvorgängen eine Anordnung der
Bälkchen erreicht, die nun wiederum optimal am veränderten
Bedarf ausgerichtet ist.
M E R K E
Die zahlreichen Hohlräume der Spongiosa tragen wie die großen
Markhöhlen der Diaphysen ganz wesentlich zur Gewichtseinsparung des Körpers bei. Die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit des
Knochens v. a. in axialer Richtung bleibt dabei ungeachtet dieser
Leichtbauweise unverändert erhalten.
Kurze und platte Knochen
Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer äußeren Form und
entsprechen in ihrer Struktur den Epiphysen der Röhrenknochen: Unter einer mehr oder weniger dicken Kortikalis befindet sich ein mit Spongiosa gefüllter Raum. Weitgehend frei
von Knochenstruktur sind also lediglich die Diaphysen der
Röhrenknochen. Alle anderen Knochen bzw. Knochenanteile
enthalten unter ihrer Außenschale, der Substantia corticalis,
Spongiosa.
1.3.3 Knochenmark
Im Schwammwerk der Spongiosa aller 3 Knochenarten sowie
im Hohlraum der Diaphysen der Röhrenknochen befindet sich
das blutbildende Knochenmark. Dort werden aus undifferenEpiphyse
Metaphyse
Diaphyse
Metaphyse
Epiphyse
Knorpel
Spongiosa
Cavitas medullaris
(Markhöhle)
Periostium
Canalis nutricius
A. nutricia
Substantia corticalis
Epiphysenfuge
Spongiosa
Knorpel
Abb. 1.12 Aufbau der langen Röhrenknochen. [36]
1.3 Knochengewebe 11
zierten Stammzellen Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten hergestellt und ins Blut abgegeben. In einem Teil der
Knochen geschieht dies lebenslang.
In den Diaphysen der Röhrenknochen dagegen vollzieht
sich wegen der Überkapazitäten bereits ab dem frühen Erwachsenenalter eine allmähliche Umwandlung des Knochenmarks in Fettgewebe. Aus dem roten Knochenmark entsteht
gelbes Fettgewebe.
H I N W E I S P R Ü F U N G
Wegen dieser Fetteinlagerung hat der Knochen als Fettspeicher zu
gelten, doch entspringt dies eher einem Missverständnis, weil das
eingelagerte Fett gar nicht mobilisierbar ist. Es kann allerdings, bei
größerem Bedarf des Körpers an blutbildenden Zellen, jederzeit in
reguläres rotes Knochenmark zurückverwandelt werden.
1.3.4 Feinbau des Knochens
Knochengewebe gehört zu den Bindegeweben des Körpers,
spezialisiert im Hinblick auf seine besondere Funktion. Während Bindegewebe lediglich eine einzige Zellsorte zu seinem
Aufbau und Erhalt benötigt, die Fibrozyten bzw. Fibroblasten,
ist beim Knochen eine weitere Zellart erforderlich, die im Rahmen der beständig stattfindenden Umbauvorgänge für den Abbau der organischen Matrix samt Auflösung der anorganischen
Apatitkristalle sorgt. Den Fibrozyten (Fibroblasten) des üblichen Bindegewebes entsprechen die Osteozyten (Osteoblasten) des Knochengewebes. Die zweite Zellart stellen die Osteoklasten dar (› Abb. 1.13).
Auch bei der Knochenmatrix (Osteoid) handelt es sich um
Bindegewebe, das allerdings seiner besonderen Funktion entsprechend einige Besonderheiten aufweist. Der Kollagenanteil
ist mit 90% weit höher als üblich, sodass bereits ohne Kalzifizierung eine hohe Grund-, v. a. Zugfestigkeit entsteht, die beinahe demjenigen von Sehnengewebe entspricht. Der Anordnung der zopfartig geflochtenen Kollagenfibrillen vom sog.
Typ I ist die Anlagerung der Apatitkristalle angepasst. Mit der
Umlagerung des Kollagens in Abhängigkeit von abweichenden
Belastungen verändert sich damit auch die Anordnung der
Kristalle. So ist z.B. im Rahmen der Knochenbildung das Kollagengerüst zunächst geflechtartig, also ungeordnet auf die Matrix verteilt, um sich anschließend analog zur Hauptachse auftretender Belastungen neu auszurichten und dabei eine lamellenartige Schichtung einzunehmen.
Weitere Proteine der Grundsubstanz wie z. B. Osteocalcin
besitzen eine besonders große Affinität zu Calcium und sind
von Bedeutung für die Kalzifizierung, also die Anlagerung der
Calciumphosphatkristalle (Apatit) ans Kollagengerüst, weil
sie eine lokale Konzentrierung von Calcium bewirken. Die
Einlagerung der Apatitkristalle steigert die Zugfestigkeit der
Kollagenfibrillen des Osteoids weiter und sorgt zusätzlich für
die extrem hohe Druck- und Scherstabilität des Knochens.
Osteoblasten
Osteozyten entsprechen grundsätzlich den Fibrozyten. Analog zu deren besonders aktiven Fibroblasten werden sie in ihrer aktiven Form sprachlich zu Osteoblasten, wobei auch
Osteoid
verkalktes
Knochengewebe
GolgiApparat
sekundäres Lysosom
(abbauende Vakuole)
Mitochondrien
Lysosom
perizellulärer
Spaltraum
Vesikel
und
Granula
Nexus
Osteozyt
Osteoblast
RER
Kerne
Osteoklast
Howship-Lakune
Versiegelungszone
Endozytosevesikel
Vesikel
gap-junction
Abb. 1.13 Schema der Knochenzellen (Osteoblasten, Osteozyten und Osteoklasten). [9]
12 1 Anatomie und Physiologie
hier die Übergänge fließend und variabel sind, denn es gibt
weder „untätige“ Fibrozyten noch „untätige“ Osteozyten
(› Abb. 1.13). Allerdings befinden sich die Osteoblasten
überwiegend an den äußeren und inneren Oberflächen des
Knochens, integriert in die Kambiumschicht von Periost bzw.
Endost. Indem das von ihnen aufgebaute Osteoid zunehmend
verkalkt, mauert sich ein kleiner Anteil der Osteoblasten gewissermaßen selbst ein, wodurch der Großteil ihrer Aktivität
nicht mehr benötigt wird und sie damit sprachlich zu Osteozyten werden. Der größere Teil der Zellen wird allerdings
beim Aufbau der Osteone gewissermaßen überflüssig und
geht zugrunde (Apoptose).
Osteoblasten bauen das Knochengewebe auf. Da dies einen ununterbrochenen Vorgang darstellt, der sehr fein auf
die jeweils aktuellen Bedürfnisse des Organismus abgestimmt ist, besitzen sie eine Vielzahl von Rezeptoren für unterschiedlichste Moleküle. Im Vordergrund stehen hierbei
Hormone und Botenstoffe wie Interleukine oder Prostaglandine.
P A T H O L O G I E
Bei der Osteogenesis imperfecta (Glasknochenkrankheit)
handelt es sich um einen (angeborenen) Enzymdefekt der Osteoblasten, der in mehreren Varianten die Proteine des Kollagen
Typ I betrifft. Einzelne Formen führen bereits in der frühen Kindheit zum Tod, bei weiteren Formen kommt es „lediglich“ zu Minderwuchs, Deformierungen, gehäuften Frakturen und Innenohrschwerhörigkeit. Zur symptomatischen Therapie gibt man versuchsweise Bisphosphonate, Vitamin-D-Abkömmlinge oder Calcitonin (› 4.11).
Sämtliche Matrixproteine und Proteoglykane werden von
Osteoblasten produziert und nach außen abgegeben. Zusätzlich müssen sie sich aktiv darum bemühen, dass die organische Matrix des Osteoids anschließend auch verkalkt. Für
die Ausfällung von Calciumphosphat ist eine besonders hohe
lokale Konzentration der beteiligten Ionen erforderlich. Dieselbe wird zum einen durch das Protein Osteocalcin bewirkt,
das an seine negativen Ladungen erhebliche Mengen an Calcium anlagern kann. Zum anderen besitzen Osteoblasten eine Reihe membranumgebener Vesikel, die ein Enzym enthalten, das aus großen Molekülen Phosphat abzuspalten und
damit zusätzlich zu Calciumionen in den Vesikeln anzureichern vermag. Dieses Enzym (Phosphatase) hat ein Wirkoptimum im alkalischen Bereich, weshalb es als alkalische
Phosphatase (AP) bezeichnet wird. Die Vesikel werden aus
den Zellen abgegeben und können nun mit den bereits im
Osteoid angereicherten Calciumionen erste Kristalle bilden.
Dieselben lagern in der Folge weitere Apatitkristalle an, bis
schließlich das gesamte Osteoid verkalkt ist. Neben Osteocalcin sind für diesen Vorgang weitere knochenspezifische
Proteine der Grundsubstanz wie z. B. Osteonektin oder Osteopontin von Bedeutung.
P A T H O L O G I E
Grundsätzlich gelangen die intrazellulären Enzyme sämtlicher Gewebe
und Organe in sehr geringem Umfang auch ins Serum – teilweise durch
sporadische „Undichtigkeiten“ der Zellmembranen, aber auch im Rahmen von Zellerneuerungen. Es besteht demzufolge auch bei ungestörtem Knochenstoffwechsel ständig ein niedriger Spiegel auch an AP, der
aus dem Serum nachgewiesen werden kann. Der Serumspiegel ist wegen des gesteigerten Knochenstoffwechsels im Kindesalter deutlich erhöht,was besondersfür Phasen starkenWachstums gilt. Eine Erhöhung
des AP-Spiegels im Erwachsenenalter deutet auf gesteigerte Umbauvorgänge in knöchernen Strukturen hin,wie sie u.a. auch bei Knochentumoren oder Knochenmetastasen erfolgen. Die AP stellt deswegen einen unspezifischen Marker für derlei Knochenprozesse dar.
Allerdings kommt dieAP in höherer Konzentration auch in derLeber und
besondersimEpithel der Gallenwege vor,sodass differenzialdiagnostisch
bei hohen Serumspiegeln auch Erkrankungen von Leber und Gallenwegen infrage kommen bzw. ausgeschlossen werden müssen. Die
Erkrankungen sind allerdings durch ihre Symptome und das Muster begleitender Enzymerhöhungen problemlos auseinanderzuhalten.
Osteoklasten
Osteoklasten („Knochenbrecher“) leiten sich von Monozyten ab.
Sie stellen die regionären Makrophagen des Knochengewebes
dar, entsprechend u.a. den Kupffer-Sternzellen der Leber, den
Langerhans-Zellen der Haut oder der Mikroglia des Gehirns. Im
Gegensatz zu den Makrophagen weiterer Gewebe sind im Knochen mehrere Zellen zu bis zu 150μm großen Riesenzellen miteinander verschmolzen, sodass Osteoklasten nicht nur größer sind
als übliche Makrophagen, sondern auch mehrere oder zahlreiche
Kerne besitzen (› Abb. 1.13). Sie befinden sich überwiegend an
den äußeren und inneren Knochenoberflächen (Knochenbälkchen). An der Berührungsstelle zum Knochen erzeugen sie durch
ihre Tätigkeit kleine Höhlungen, die sog. Howship-Lakunen, in
denen Auflösung und Resorption des verkalkten Osteoids erfolgt.
Osteoklasten sind sehr spezialisierte Makrophagen bzw. Riesenzellen. Obwohl sie ihre Beweglichkeit beibehalten, besteht ihre Funktion weniger in immunologischen Aufgaben; sie ist primär darauf ausgerichtet, den Knochen abzubauen – unter ständiger Feinabstimmung mit den Osteoblasten und unter der Kontrolle sämtlicher Hormone, die Wirkungen am Knochen besitzen.
Hierfür sind eine Vielzahl von Rezeptoren in ihre Zellmembranen integriert. Gleichzeitig sezernieren sie eine Reihe von Botenstoffen, die u. a. der Abstimmung mit den Osteoblasten dienen.
Knochenabbau bedeutet gleichzeitig, dass das daran gebundene
Calcium (und Phosphat) freigesetzt wird und in der Folge den
Serumspiegel erhöht. Im hormonell überwachten und gesteuerten Aufrechthalten des Calcium-Serumspiegels ist insofern die
zweite wesentliche Funktion der Osteoklasten zu sehen.
Interessant ist der Mechanismus, mit dem Osteoklasten die
Knochenstruktur abbauen, weil sie hierfür zunächst die überaus harten, vollkommen „unverdaulichen“ Calciumphosphatkristalle vom Kollagen ablösen müssen. Allerdings löst sich
Calciumphosphat in Säure (< pH4), sodass die Osteoklasten
ähnlich wie die Belegzellen des Magens oder die Tubulusepithelien der Niere lediglich Protonen aktiv nach außen zu pum-
1.3 Knochengewebe 13
pen brauchen. H+ bindet an Phosphat (H2PO4
-
). Die entstehende Phosphorsäure (H3PO4) ist flüssig und löst sich in der interstitiellen Matrix. Gleichzeitig sezerniert der Osteoklast Enzyme, die das Gerüst der Matrix (Kollagen und weitere Proteine,
GAGs, Proteoglykane) spalten und damit die gesamte Knochenstruktur auflösen. Die Spaltprodukte werden vom Osteoklasten aktiv aufgenommen, weiter abgebaut und entweder für
den eigenen Zellstoffwechsel benutzt oder in die interstitielle
Flüssigkeit der Umgebung ausgeschieden. Ein entsprechender
Mechanismus sorgt für die Aufnahme der frei werdenden Calciumionen und ihre Abgabe (im Austausch gegen Natrium) ans
Interstitium und damit ans Blut, wodurch der Calcium-Serumspiegel ansteigt. Auch die gerade für Kollagen typischen, im
Serum erscheinenden Aminosäuren wie z.B. Hydroxyprolin
können als Marker für eine gesteigerte Aktivität der Osteoklasten dienen und aus dem Urin nachgewiesen werden.
P A T H O L O G I E
Der Zahnschmelz (= härteste Struktur des menschlichen Körpers) besteht ebenfalls aus Apatitkristallen, allerdings ohne jede begleitende
organische Matrix. Ein wenig Milchsäure, produziert von Bakterien
der Mundhöhle, genügt vollauf, um ihn auf dieselbe Weise aufzulösen. Es entsteht die Karies (› Fach Verdauungssystem).
Der Mechanismus, mit dem die Osteoklasten Säure erzeugen
und nach außen in den Bereich der Howship-Lakune pumpen,
entspricht den Vorgängen u. a. an den Belegzellen des Magens
oder an den Nierentubuli. Unter Katalyse der Carboanhydrase
(Carboanhydratase) wird aus CO2 und H2O Kohlensäure gebildet. Eine Protonenpumpe der Zellmembran pumpt die Protonen der Kohlensäure in die angrenzende Lakune, das übrig bleibende Bikarbonat-Anion landet auf der gegenüberliegenden
Seite im Austausch gegen Chlorid in der interstitiellen Flüssigkeit (› Abb. 1.14). Die Howship-Lakune mit ihrer sauren und
enzymreichen Flüssigkeit wird vom Osteoklasten selbst gegenüber der Umgebung abgetrennt, indem er sich in ihren Randbereichen kreisförmig an den Knochen heftet (sog. Klebezone).
Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol und Pantoprazol,
die sehr effektiv die Säureproduktion des Magens unterdrücken, scheinen auf die Protonenpumpen der Osteoklasten keine Wirkung zu besitzen. Jedenfalls gehören Störungen der
Knochenstruktur nicht zu ihren definierten Nebenwirkungen.
M E R K E
Im Zusammenhang mit dem durchaus lebhaften Knochenstoffwechsel
sei daran erinnert, dass die Carboanhydrase zinkabhängig ist,während
für die Kollagensynthese der Osteoblasten große Mengen an Magnesium und Vitamin C benötigt werden, zusätzlich auch Vitamin K. Zur
Kalzifizierung muss neben ausreichenden Mengen Calcium in der Nahrung auch Vitamin D enthalten sein bzw. in der Haut gebildet werden.
P A T H O L O G I E
Die Paget-Krankheit (Osteodystrophia deformans) gilt als eine
seltene, schleichend verlaufende Slow-virus-Infektion der Osteoklasten,
die bevorzugt im höheren Lebensalter auftritt. Sie führtzur gesteigerten,
unkontrollierten Aktivität der Zellen und damit zu Knochendefekten,
die in der Folge von Osteoblasten so gut wie möglich repariert werden,
wobei allerdings die ursprüngliche Festigkeit nichtmehr erreichtwird. Im
Ergebnis entstehen in verschiedenen Lokalisationen des Skeletts Knochenverdickungen und -deformierungen, Schmerzen, Spontanfrakturen
und Paresen durch knöcherne Kompression nervaler Strukturen.Ähnlich
wie bei der Lues connata oder der kindlichen Rachitis kann es zur Säbelscheidentibia kommen – verdickten und v.a. verbogenen Unterschenkelknochen (› Abb. 1.15). Manchmal entstehen Hörstörungen.
Der Schädel kann vergrößert sein. In der Mehrzahl der Fälle verläuft der
Morbus Paget allerdings symptomlos und stellt dann lediglich einen Zufallsbefund dar. Als wesentlichste Komplikation entsteht bei einem
kleinen Teil der Betroffenen aus einzelnen Herden ein Osteosarkom.
AP (Serum) und Hydroxyprolin (Urin) sind deutlich erhöht nachweisbar. Im Röntgenbild erkennt man die regellos umgebauten Knochenstrukturen. Zur symptomatischen Therapie gibt man Bisphosphonate oder Calcitonin.
HCO– 3
Cl–
H2CO3
PLC
DAG IP3
PIP2
Ca2+
sm
HowshipLakune
Calcitonin AC cAMP P'asen
Retr.
Mot.
H+
Ca5(PO4)3OH
Klebezone
PGE2, Zytokine
OsteoblastenSignale
Ca2+
B l u t g e f ä ß
Calcitonin
ATP
ATP
–
+
Abb. 1.14 Knochenresorption durch Osteoklasten im Bereich ihrer Howship-Lakune. Nach aktiver Sekretion von H+ sowie lysosomalen Proteasen
und Phosphatasen (P'asen) werden die Mineralphase (dunkelblau) und die nicht mineralisierten
Matrixsubstanzen (hellblau) aufgelöst. Der vermehrte Einstrom von Calcium in die Osteoklasten
fördert deren Retraktion (Retr.). Calcitonin hemmt
die Resorption. Prostaglandin E2 (PGE2), Zytokine
u. a. fördern den Knochenabbau. [52]
14 1 Anatomie und Physiologie
1.3.5 Osteone
Knochengewebe besteht aus einheitlich aufgebauten kleinsten
Einheiten, den Osteonen oder Havers-Systemen. Ursache für
diesen Bauplan ist das Erfordernis einer guten Durchblutung
des Gewebes, weil eine Diffusion aus der Nachbarschaft wie in
Knorpel oder Oberhaut (Epidermis) durch die verkalkten
Strukturen hindurch nicht möglich ist. Ein Osteon besteht deswegen aus einem zentral befindlichen Havers-Kanal, der die
Blutgefäße und einzelne Nerven führt, und einer knöchernen
Hülle, welche die Osteozyten enthält, die für den Erhalt der
Struktur benötigt werden (› Abb. 1.16). Diese Osteozyten liegen in kleinen Höhlen inmitten knöcherner, undurchlässiger
Strukturen und besitzen deshalb lange Zellfortsätze, mit denen sie über feinste Kanälchen im umgebenden Knochen Kontakt sowohl zu den zentralen Blutgefäßen als auch zu entfernter liegenden Osteozyten aufnehmen. Über diese Kontaktstellen erhalten auch die Osteozyten der Randbereiche die ernährenden Substanzen der zentralen Blutgefäße.
Das Knochengewebe der Osteone ist um die Havers-Kanäle
herum lamellenartig geschichtet. In jeder Lamelle befindet
sich eine geringe Zahl an Osteozyten, die mit ihren Fortsätzen
in die benachbarten Lamellen hineinreichen. An der Kontaktstelle zu den Fortsätzen benachbarter Osteozyten bestehen gap
junctions. Durch diese relativ breiten Kanäle der Zellmembranen hindurch findet der Stoffaustausch statt, was auch für Stoffwechselprodukte gilt, die entsorgt werden müssen. Zusätzlich
scheinen über die gap junctions auch bioelektrische Signale zu
laufen, sodass die Osteozyten eines Osteons auf neue Erfordernisse als Einheit reagieren können. Es entsteht also aus den Arteriolen, Venolen und Kapillaren des zentralen Havers-Kanals
eine ununterbrochene Strecke bis zu den Osteozyten der äußersten Lamellen des Osteons. Dabei werden Entfernungen bis
zu mehr als 0,2mm überbrückt, weil der Durchmesser eines
Osteons bis zu 0,5mm betragen kann. In der Länge können
Havers-Systeme sogar mehrere Zentimeter erreichen.
Osteone sind im Querschnitt rundlich. An den Kontaktstellen mehrerer Osteone würden aus diesem Grund Bereiche übrig bleiben, die nicht verknöchert wären und damit die Knochenstruktur insgesamt schwächen würden. Dadurch, dass es
an diesen Stellen zum Teilabbau von Osteonen mit übrig bleibenden knöchernen Lamellen kommt, werden jedoch auch
diese Bereiche durchbaut, sodass keinerlei Lücken übrig bleiben. Man bezeichnet diese knöchernen Bereiche an den Kontaktstellen mehrerer Osteone als Schaltlamellen.
1.3.6 Periost und Endost
Periost
Überzogen wird jeder Knochen vom Periost, der Knochenhaut. Sie zeigt denselben Aufbau wie die Gelenkkapsel mit ihren beiden Schichten und geht auch gelenknah in diese über.
Dies bedeutet, dass die knorpelüberzogenen Gelenkflächen
kein Periost besitzen können. Die äußere derbe Bindegewebsschicht (Stratum fibrosum) entspricht der Membrana fibrosa,
das Äquivalent zur Membrana synovialis bildet eine weiche,
zellreiche Schicht (Stratum germinativum, Kambiumschicht), die dem Knochen aufliegt. Die Befestigung des Periosts auf dem Knochen erfolgt über kollagene Fasern (sog.
Sharpey-Fasern; › Abb. 1.17), die aus dem Stratum fibrosum
durch die innere Kambiumschicht hindurch in das kollagene
Gerüst des Osteoids ziehen. Besonders zahlreich sind SharpeyFasern in Bereichen, in die Sehnen oder Bänder einstrahlen.
Das Stratum fibrosum des Periosts ist so derb und widerstandsfähig, dass es sogar zur Widerstandsfähigkeit des Gesamtknochens beiträgt. Besonders augenfällig wird dies bei der
kindlichen Grünholzfraktur, bei der das Periost v. a. auf der
Konkavseite unversehrt bleibt und den gebrochenen Knochen
regelrecht schient und stabilisiert. Auch die Sehnen, die den
Muskelzug auf den Knochen übertragen, sind in dieser derben
Faserschicht verankert.
Das Stratum germinativum aus weichem Bindegewebe enthält reichlich Osteoblasten, Nerven und Blutgefäße. Die Nerven sorgen u. a. für die große Schmerzhaftigkeit einer Knochenprellung (z.B. Schienbein) und üben hierdurch gleichzeitig auch eine Warn- und Schutzfunktion für den Knochen
*
*
Abb. 1.16 Darstellung eines Osteons. Die Osteozyten gruppieren sich lamellenförmig um den zentralen Havers-Kanal. Gut erkennbar sind die langen Fortsätze der Osteozyten. [58]
Abb. 1.15 Säbelscheidentibia bei Morbus Paget. [59]
1.3 Knochengewebe 15
aus. Von den Osteoblasten der Periost-Schicht aus erfolgen
das Dickenwachstum des Knochens und seine Neubildung
nach einer Fraktur (Knochenbruch), wobei an der Frakturheilung auch das Endost mit seinen Osteoblasten beteiligt ist. Zusätzlich zu den reifen Osteoblasten befinden sich in der Kambiumschicht teilungsfähige Vorläuferzellen (Stammzellen), die
den Pool der Osteoblasten bei Bedarf vergrößern können.
Endost
Als Endost wird die weit dünnere bindegewebige Haut bezeichnet, die die inneren Hohlräume des Knochens als Grenzschicht zum Knochenmark hin auskleidet. Es handelt sich also
um einen „häutigen“ Überzug bzw. eine Auskleidung der Volkmann- und Havers-Kanäle, der Lamellen der Spongiosa sowie
der Innenfläche der Kompakta.
1.3.7 Hormonelle Steuerung
Bei den Hormonen mit Einfluss auf den Knochenstoffwechsel
lassen sich v. a. 2 Gruppen voneinander abgrenzen:
• Die eine Gruppe steht im Dienst des Calciumstoffwechsels
und benutzt den Knochen überwiegend nur zur Einstellung
des Calcium-Serumspiegels.
• Die zweite Gruppe steuert über das Wachstum des Knochens auch das Wachstum des Körpers bzw. sorgt ab der
Pubertät für die weitere Dickenzunahme und Stabilität der
knöchernen Strukturen.
Osteoklasten, Osteoblasten und Osteozyten werden in ihrer
Aktivität von den Hormonen der (Neben-)Schilddrüse, Calcitonin und Parathormon, gesteuert und erhalten hierdurch
v. a. auch die Homöostase von Calcium und Phosphat im Serum. Das D-Hormon, das aus Vitamin D entsteht, ist an diesem Gleichgewicht beteiligt. Da dieses Vitamin zur Überführung in seine endgültig wirksame Form einer gesunden Niere bedarf, ist bei einer Niereninsuffizienz auch der Knochenstoffwechsel in Bezug auf seinen eigenen sowie den Gehalt
des Blutes an Calcium und Phosphat gestört. Ein weiteres
Hormon, das STH (Somatotropin = Wachstumshormon) der
Hypophyse, ist am Längen- und Dickenwachstum der Knochen beteiligt. Ähnliches gilt für die Schilddrüsenhormone.
Die Sexualhormone beenden schließlich das Wachstum gegen Ende der Pubertät. Wichtiger ist, dass sie das ganze weitere
Leben über für die Stabilität des Knochens sorgen. Anders
ausgedrückt: Neben der Belastung des Knochens und in der
Tragweite annähernd vergleichbar mit ihr gibt es nur noch die
Sexualhormone, deren Wirkung auf den Knochen in einer Zunahme der Knochenmasse besteht. Besonders deutlich wird
dies bei Frauen nach der Menopause, wenn diese Stabilisierung
durch den Wegfall der Östrogene abhanden kommt und die
Knochenstruktur in den nachfolgenden Jahrzehnten auch dann
beständig abnimmt (Osteoporose), wenn die körperlichen Aktivitäten weitgehend erhalten bleiben. Noch wirksamer als die
Östrogene ist Testosteron, weshalb Männer bereits bei vergleichbarer körperlicher Aktivität dickere Knochen besitzen als
Frauen. Da der Testosteronspiegel im Alter geringer wird, jedoch nie auf null abfällt, verläuft auch die Altersosteoporose
des Mannes milder als diejenige der Frau. Vergleichbar mit
dem Ausfall der Sexualhormone führt ein Übermaß an dem
Hormon Cortisol zum Abbau der Knochenmasse – und damit
in jedem Lebensalter zur Osteoporose.
Neben der Vielzahl an Hormonen beeinflussen zahlreiche
weitere Faktoren wie z.B. Interleukine und Prostaglandine die
Aktivität von Osteozyten und Osteoklasten, die zusätzlich ihrerseits sehr lebhaft miteinander kommunizieren und ihre jeweiligen Aktivitäten aufeinander abstimmen. Daraus kann
man ableiten, dass der Knochen des erwachsenen Menschen
gerade nicht das statische, gewissermaßen festgemauerte Gebilde darstellt, das es zu sein scheint. Es handelt sich vielmehr
um ein ungeheuer dynamisches, in ständigem Umbau begriffenes Gewebe.
M E R K E
Es existieren etliche Hormone, die das Wachstum des Knochens sowie seine Funktion beeinflussen – beim Knochen des Erwachsenen
ganz zuvorderst Calcitonin, Parathormon, D-Hormon und die
Sexualhormone. Es gibt aber kein Hormon, das im Knochen selbst
hergestellt oder gespeichert würde.
• Hormone der Calciumhomöostase: Calcitonin, D-Hormon, Parathormon
• anabole, knochenaufbauende Faktoren:
– Belastung des Knochens
– anabole Hormone (STH, Insulin, Schilddrüsenhormone)
– Sexualhormone
• katabole, knochenabbauende Faktoren:
– Immobilisierung
– Ausfall der Sexualhormone
– Übermaß an endogenen oder exogenen Glukokortikoiden
– Mangel an essenziellen Nahrungsfaktoren (z.B. Eiweiß, Vitamine, Calcium, Magnesium)
H I N W E I S P R Ü F U N G
Die Wirkungen der Hormone auf den Knochen und auf den Serumspiegel der Ionen Ca2+, Mg2+ und Phosphat werden im › Fach Endokrinologie genauer besprochen.
1.3.8 Steuerung durch körperliche Belastung
Die Osteoklasten stehen mit den Osteoblasten im Gleichgewicht. Diese mehrkernigen Riesenzellen reagieren nicht nur
auf eine Vielzahl von Hormonen und Botenstoffen, sie werden
grundsätzlich auch bei jeglicher Inaktivität des Körpers aktiv;
bereits die Inaktivität des nächtlichen Schlafs genügt zu ihrer
Aktivierung. Dementsprechend haben die Osteoblasten am
Folgetag den entstandenen „Knochenschwund“ wieder rückgängig zu machen, wobei sie hierzu durch die Belastung des
Knochens stimuliert werden.
16 1 Anatomie und Physiologie
Der Mechanismus, mit dem die Zellen des Knochens ganz unabhängig von den zahlreichen Interaktionen über Hormone
und Botenstoffe knöcherne Belastungen erkennen und ihre eigenen Aktivitäten daran ausrichten, scheint v. a. über Dehnungs-, Stauchungs- und Biegungsreize zu laufen, in deren
Folge mehr oder weniger Calcium in die Zellen strömt. Dabei
werden Knochenanteile, deren Belastungsreize ein gewisses
Mindestmaß unterschreiten, abgebaut und Anteile, die überschwelligen Reizen ausgesetzt sind, zusätzlich verstärkt. Osteoblasten und Osteoklasten reagieren, über Zytoskelett und dehnungsempfindliche Calciumkanäle, auf allerfeinste Verbiegungen von wenigen Nanometern, vergleichbar nur noch mit den
Haarzellen von Hör- und Gleichgewichtsorgan, die bereits auf
Auslenkungen in der Größenordnung eines einzelnen Atoms
ansprechen.
Wichtig ist, dass diese Reaktionen auf körperliche Aktivität
bzw. Inaktivität in Bezug auf die Struktur des Osteoids zumindest nach abgeschlossenem Wachstum bedeutsamer sind als
die Vorgaben, die die Knochenzellen durch Hormone und weitere Botenstoffe erhalten. Während sich ein Mangel oder Überschuss an den Hormonen Parathormon, Calcitonin und DHormon primär auf den Calcium- und Phosphatgehalt von Serum und Knochen auswirkt und erst sekundär mehr oder weniger deutlich (→ Morbus Recklinghausen) auch auf die
eigentliche Knochenstruktur, das Osteoid, betrifft wechselnde
Belastung in erster Linie das Osteoid selbst.
Die strikte Trennung dieser Faktoren mit ihren Auswirkungen ist nicht immer problemlos möglich. Noch am besten kann
man sie an den Knochenerkrankungen Osteoporose, Osteomalazie und Recklinghausen-Krankheit festmachen und verstehen:
• Die Osteomalazie („Knochenerweichung“; › 4.12) entsteht am Knochen des Erwachsenen immer dann, wenn es
aus irgendeinem Grund über längere Zeit zu einem Calciummangel kommt. Der erniedrigte Calcium-Serumspiegel
führt über den reaktiv erhöhten Spiegel an Parathormon
zur Entkalkung des Knochens, wobei allerdings dessen
Struktur in Gestalt des Osteoids erhalten bleibt, solange die
körperlichen Aktivitäten sowie die Spiegel der Sexualhormone nicht vermindert sind. Die Osteomalazie hat deswegen mit der Osteoporose nichts zu tun.
• Bei der Osteoporose (› 3.11) geht die Gesamtstruktur
des Knochens verloren. Betroffen sind also das Osteoid
einschließlich der daran geknüpften Calciumsalze. Der
Knochen wird ausgedünnt, bleibt jedoch in seiner qualitativen Zusammensetzung unverändert. Die Ursachen bestehen in Faktoren, die mit dem Calcium-Serumspiegel nichts
zu tun haben, sondern sich primär allein auf das Osteoid
auswirken. Dies sind v. a. körperliche Inaktivität, ein Mangel an Sexualhormonen sowie das Hormon Cortisol, das
sich des Kollagens aus dem Osteoid bedient, um der Leber
zusätzliche Mengen an Aminosäuren zur Verfügung zu stellen (› Fach Endokrinologie).
• Bei der Recklinghausen-Krankheit des Knochens (Osteodystrophia fibrosa generalisata) kommt es wegen einer pathologischen Erhöhung des Parathormon-Serumspiegels
zur Hypercalcämie (›Fach Endokrinologie), die den
wichtigsten Stimulus der C-Zellen der Schilddrüse darstellt,
sodass gleichzeitig und parallel nun auch der CalcitoninSerumspiegel erhöht ist. Es werden also durch die beiden
Hormone sowohl die Osteoblasten als auch die Osteoklasten stimuliert. Als Ergebnis der anhaltenden Aktivierung
entstehen unterschiedliche knöcherne Bereiche, in denen es
zur Auflösung der Strukturen bis hin zum Entstehen von
zystischen Hohlräumen kommt, und weitere Bereiche, an
denen der Knochen eher verdichtet, fibrosiert ist. Dieser regellose Knochenumbau hat also weder mit der Osteomalazie noch mit einer Osteoporose das Geringste zu tun.
1.3.9 Blutgefäße
Die Blutgefäße ernähren den Knochen und entsorgen seine
Abfallstoffe. Sie sprossen aus dem Periost durch eigene knöcherne Versorgungskanäle, die Volkmann-Kanäle, in die Kortikalis des Knochens (› Abb. 1.17). Von den senkrecht zur
Oberfläche in den Knochen hineinlaufenden Volkmann-Kanälen verzweigen sich in Längsrichtung der Kompakta, also parallel zu seiner Oberfläche, die Havers-Kanäle mit ihren Blutgefäßen. In der Wandung dieser Kanäle aus geschichteten
Knochenlamellen befinden sich die Osteozyten mit ihren langen Zellfortsätzen. Während die knöchernen Strukturen der
Kompakta überwiegend aus Blutgefäßen des Periosts über die
Volkmann-Kanäle versorgt werden, laufen zur Ernährung von
Spongiosa und Knochenmark eigene Blutgefäße (Aa. nutriciae; › Abb. 1.12) durch die Kompakta hindurch zu den knöchernen Hohlräumen.
Die gute Blutversorgung, die mit etwa 10% (500ml) am
Herzzeitvolumen beteiligt ist, trägt dazu bei, dass Knochenbrüche wesentlich besser und schneller heilen als Knorpelschäden, bei denen allein die langsame Diffusion aus dem Perichondrium bzw. über die Synovialflüssigkeit die Nährstoffe zur
geschädigten Zone bringt.
1.3.10 Knochenbildung
Chondrale Ossifikation
Kurze und platte Knochen
Die Bildung der Knochen erfolgt weit überwiegend erst nach
der Geburt aus vorgeformtem hyalinem Knorpel (chondrale
Ossifikation). Aus dem Perichondrium des Knorpels entsteht
das Periost, die Chondroblasten wandeln sich in Osteoblasten um.
Von den Osteoblasten der inneren Periost-Schicht wird zunächst reichlich Grundsubstanz mit eingelagerten Kollagenfasern in die Umgebung ausgeschieden. Die Kollagenfasern
sind in einem dreidimensionalen Gitter geflechtartig mitein-
1.3 Knochengewebe 17
ander verwoben. Mit der allmählichen Einlagerung von Calciumsalzen (überwiegend Calciumphosphat = Apatit bzw.
Hydroxylapatit) entsteht der sog. Geflechtknochen. Zu einem
späteren Zeitpunkt, v. a. im Zuge zunehmender Belastungen,
lagern sich die Kollagenfasern in eine konzentrisch geschichtete Anordnung um, wodurch bei weiterer Calciumeinlagerung ein lamellenartiges Aussehen nach Art einer Zwiebelschale entsteht. Es bildet sich der endgültige Lamellenknochen. Die anfängliche Entstehung von Geflecht- mit späterer
Umlagerung in Lamellenknochen gilt für jede Knochenstruktur, betrifft also die Kompakta oder die Trabekel der Spongiosa genauso wie Knochen, der nach einer Fraktur neu gebildet
wird.
Bei sämtlichen 3 Knochenarten beginnt die Verknöcherung
der Knorpelstücke an deren Oberfläche, wobei sich die Knorpelstücke selbst parallel zum allgemeinen Körperwachstum
andauernd weiter vergrößern. Die zunächst gebildete Kompakta kann sich in Kindheit und Jugend verdicken, aber auch
den enthaltenen Raum von Spongiosa bzw. Diaphyse beliebig
erweitern. Zu diesem Zweck wird jeweils an der Oberfläche von
den Osteoblasten der Kambiumschicht des Periosts neuer
Knochen angelagert, während Osteoklasten an der inneren
Oberfläche der Kompakta die knöchernen Strukturen analog
zu den Erfordernissen wieder abbauen.
Nachfolgend zur Bildung der Kortikalis bzw. Kompakta im
Bereich des Periosts, teilweise auch parallel, wird im Inneren
der Epiphysen der Röhrenknochen sowie der kurzen und platten Knochen aus sog. Knochenkernen heraus der Knorpel in
Knochen umgewandelt. Bei der Mehrzahl der Knochen ist dieser Prozess erst gegen Ende der Pubertät vollständig abgeschlossen.
Röhrenknochen
Während bei den kurzen und platten Knochen Wachstum und
Verknöcherung des angelegten Knorpels sowohl an dessen Oberfläche (perichondrale Ossifikation) als auch aus umschriebenen
Knochenkernen inmitten des Knorpelstücks (enchondrale Ossifikation) erfolgen, beginnt das Längenwachstum der Röhrenknochen in definierten Wachstumszonen, den Epiphysenfugen
(Wachstumsfugen) als Bestandteil der Metaphysen. Im Röntgenbild des Erwachsenen sind die ehemaligen Epiphysenfugen
noch als dünne Verdichtungszonen zu erkennen (› Abb. 1.18).
In der Epiphysenfuge wird hyaliner Knorpel gebildet und
nach Fertigstellung gewissermaßen in die Diaphyse abgeschoben, die dadurch immer länger wird. Der neu gebildete Knorpel
ist zunächst säulenartig angeordnet (Knorpelzellsäulen), um in
Richtung Diaphyse größere, sehr aktive, blasig aufgetriebene
Zellen auszubilden (Blasenknorpel) (› Abb. 1.19). Erst am darauffolgenden Knorpel, also den „ältesten“ Strukturen im Mittelteil der Diaphyse, beginnt dann die eigentliche Verknöcherung
des bis dahin lediglich aus Knorpel vorgeformten „Knochens“
durch Einlagerung von Calciumsalzen, um dann kontinuierlich
gegen die beiden Epiphysen hin fortzuschreiten. Während sich
die Metaphyse abschließend in Spongiosa umwandelt, wird der
größere Teil der Struktur im Inneren der Diaphysen resorbiert
und macht damit der Knochenmarkhöhle Platz.
Auch die Epiphysen selbst verknöchern zunehmend diesseits der Wachstumsfuge aus Knochenkernen, sodass sich im
Wesentlichen bis zum Ende der Pubertät nur noch in der
Wachstumsfuge calciumfreier Knorpel befindet. Die zunehmende Bildung der Geschlechtshormone bewirkt dann im Anschluss an einen Wachstumsschub schließlich auch hier die
Verknöcherung, wodurch kein weiteres Körperwachstum
mehr möglich ist.
Knochenmarksraum
zwischen Spongiosabälkchen
Einzelne Lamelle der äußeren
Generallamellen
Osteon mit
Speziallamellen
Sharpey-Fasern
VolkmannKanal
Havers-Kanal
mit Blutgefäß
Periost
Abb. 1.17 Blutversorgung der Kompakta. Die
Gefäße sprossen aus dem Periost über die Volkmann-Kanäle in die Kortikalis des Knochens ein.
[13]
18 1 Anatomie und Physiologie
Desmale Ossifikation
In seltenen Ausnahmefällen (Schädeldach und Schlüsselbeine) entsteht der Knochen nicht aus vorgeformtem Knorpel (=
chondrale Ossifikation), sondern direkt aus Bindegewebe und
zumindest ansatzweise bereits vor der Geburt. Diese Art der
Knochenbildung nennt man desmale Ossifikation (Desmos =
Band, Bindegewebe) oder auch direkte Verknöcherung. Abgesehen davon, dass die Osteoblasten hierbei aus Vorläuferzellen des Bindegewebes anstatt aus Chondroblasten entstehen,
stimmt der Mechanismus der Knochenbildung weitgehend mit
demjenigen der chondralen Ossifikation überein.
1.3.11 Frakturheilung
Nach einem Knochenbruch, bei dem die Frakturenden nicht
stabil, unter Druck und achsengerecht aneinandergrenzen,
werden zunächst die Osteoklasten aktiv, um die geschädigten
Knochenstrukturen aufzulösen. In das entstandene Hämatom
einschließlich der durch die Osteoklasten geschaffenen Höhle
sprossen in der Folge aus der inneren Periostschicht neue
Blutgefäße, Fibroblasten und Osteoblasten in den Frakturspalt und bauen dort analog der üblichen Wundheilung ein lockeres und gut durchblutetes Bindegewebe (Granulationsgewebe) auf. Es entsteht, abhängig von der Größe des Defekts,
innerhalb von etwa 1–2 Wochen der rein bindegewebige Kallus, der die Bruchenden „kittet“ bzw. locker fixiert
(› Abb. 1.20). Der Kallus wird in der Folge von den Osteoblasten in Osteoid umgewandelt, worauf dann abschließend
Calciumsalze eingelagert werden. Wie üblich entsteht auch
hier zunächst Geflechtknochen.
A C H T U N G
Bei der Erstversorgung von Frakturen ist daran zu denken, dass der
Blutverlust erhebliche Ausmaße annehmen kann. Zum Beispiel können bei einer Oberschenkelhalsfraktur mehr als 1,5 l Blut verloren
gehen, bei Beckenfrakturen > 2 l. Diese Blutverluste beinhalten bereits die Gefahr eines hypovolämischen Schocks.
P A T H O L O G I E
Bei unzureichender Reposition der Bruchenden mit zu großem
Spalt dazwischen bzw. auch bei nicht ausreichender Ruhigstellung ist es möglich, dass keine durchgehende Verknöcherung mehr
stattfinden kann, sondern lediglich ein mehr oder weniger straffes
Bindegewebe entsteht, die sog. Pseudarthrose – also ein „Pseudogelenk“ an einer Stelle, an der zuvor keines war. Resultat ist die Instabilität des gesamten betroffenen Knochens.
Einbruchstelle
perichondraler
Knochen
Epiphysenknorpel
Säulenknorpel
Blasenknorpel
primäres
Knochenmark
Perichondrium
Abb. 1.19 Längenwachstum eines Röhrenknochens. [58]
Epiphyse
Epiphyse
Diaphyse
Metaphyse
Metaphyse
Knorpel
Manschette
aus Knochenlamellen
primärer
Knochenkern versorgendes
Blutgefäß Epiphysenlinie
Epiphysenfuge
KnochenBlutgefäß mark
sekundärer
Knochenkern
Epiphyse
Epiphysenfuge
einsprossende
Blutgefäße
Abb. 1.18 Entwicklung eines Röhrenknochens. Dargestellt ist auch die Blutversorgung von Spongiosa und Knochenmark über Aa. nutriciae. [38]
1.3 Knochengewebe 19
1.3.12 Osteosynthese
Die Ruhigstellung der beiden Frakturenden mittels Gipsverband oder Osteosynthese (operative Fixierung bspw. mittels
Platte und Schrauben) dient der allgemeinen Heilung, aber auch
der ungestörten Kallusbildung und damit der Vorbeugung einer Pseudarthrose. Die Osteosynthese verfolgt aber daneben
noch ein weiteres Ziel: Nur bei einer perfekten Fixierung der
beiden Bruchenden aufeinander, also ohne jeden trennenden
Spalt, ist auch eine Frakturheilung ohne Kallusbildung möglich. Die knöcherne Durchbauung der Fraktur geht hier nicht
vom Periost, sondern direkt von den Osteonen aus. Aus den eröffneten Havers-Kanälen sprossen Kapillaren, Osteoklasten und
Osteoblasten in den Defekt. Nach umschriebener Resorption geschädigten Gewebes wird durch die Osteoblasten direkt neuer
Knochen aufgebaut. Eine derartige direkte Durchbauung nennt
man primäre Frakturheilung, die übliche Heilung auf dem
„Umweg“ der Kallusbildung dementsprechend eine sekundäre
Frakturheilung (› Abb. 1.21). Die sekundäre Heilung bis zu
einer ersten Durchbauung mit Geflechtknochen dauert beim Erwachsenen etwa 6 Wochen, die primäre geht deutlich schneller.
Zusammenfassung
Makroskopischer Aufbau des Knochens:
• Röhrenknochen mit Diaphyse, 2 Metaphysen, 2 Epiphysen
und Epiphysenfuge zwischen Meta- und Epiphyse
• kurze Knochen
• platte Knochen
• im Inneren der Knochen befindet sich blutbildendes Knochenmark
Knochengewebe:
• besteht zu 65% aus anorganischer Substanz (v. a. Calcium
und Phosphat), zu 25% aus organischer Substanz und zu
10% aus Wasser
• Knochenzellen:
– Osteoblasten: sezernieren organische Substanzen, bauen
Osteoid auf → Osteozyten
– Osteoklasten: bauen Knochen ab, setzen Calcium und
Phosphat frei
• aufgebaut aus zahlreichen Osteonen (zentral befindlicher
Havers-Kanal mit Blutgefäßen und Nerven, lamellenartig
geschichtetes Knochengewebe), verbunden durch Schaltlamellen
• Periost (Knochenhaut) mit Stratum fibrosum und Stratum
germinativum, überzieht die äußere Oberfläche des Knochens (Ausnahme: Gelenkflächen)
• Endost bedeckt die inneren Knochenoberflächen
• Blutversorgung: Blutgefäße aus dem Periost verlaufen in
Volkmann-Kanälen zur Kortikalis, Aa. nutriciae versorgen
Spongiosa und Knochenmark
Knochenmark
kortikaler
Knochen
Periost
Osteozyt
Fibroblast
Kollagen
Neovaskularisation
vitale
Kortikalis
avitale
Kortikalis
Geflechtknochen
Knorpel
Osteoklast
periostaler
reaktiver
Geflechtknochen
endostaler
reaktiver
Geflechtknochen
lamellärer
Knochen
a b c d
Tage Wochen Monate
Abb. 1.20 Sekundäre Frakturheilung über Kallusbildung. [47]
Haverskanäle
Kontaktheilung
Spaltheilung
a b
Abb. 1.21 Primäre Knochenbruchheilung ohne Kallus (a), sekundäre Heilung mit Kallusbildung (b) – abhängig von der Effektivität der Osteosynthese. [47]
20 1 Anatomie und Physiologie
Knochenbildung:
• chondrale Ossifikation:
– Bildung von Geflechtknochen aus hyalinem Knorpel
– durch zunehmende Belastung Bildung des endgültigen
Lamellenknochens
– Längenwachstum (Röhrenknochen) ausgehend von der
Epiphysenfuge
• desmale Ossifikation: Knochenbildung aus Bindegewebe,
z.B. Schädeldach
• Frakturheilung:
– sekundäre: Granulationsgewebe → bindegewebiger Kallus → Osteoid → Geflechtknochen
– primäre durch Osteosynthese: knöcherne Durchbauung
des Frakturspaltes ausgehend von den Osteonen, keine
Kallusbildung
1.4 Die Knochen des menschlichen
Körpers
1.4.1 Schädel
Am knöchernen Schädel werden Hirnschädel (Schädeldach,
Schädelkalotte) und Gesichtsschädel unterschieden. Die Schädelkalotte umgibt und schützt die weiche Hirnsubstanz, der
Gesichtsschädel ist für die Form des Gesichts verantwortlich
und beherbergt die Sinnesorgane Auge und Ohr, Geruch und
Geschmack.
Schädelkalotte (Hirnschädel, Schädeldach)
Das Schädeldach wird aus 7 Knochen aufgebaut (› Abb. 1.22):
• Stirnbein (Os frontale)
• 2 Scheitelbeine (Os parietale)
• 2 Schläfenbeine (Os temporale)
• Keilbein (Os sphenoidale)
• Hinterhauptbein (Os occipitale).
Der untere Anteil der Kalotte, also die basalen Anteile dieser
Knochen mit Ausnahme des Scheitelbeins, werden gemeinsam
mit dem Siebbein (Os ethmoidale) zur Schädelbasis zusammengefasst (› Abb. 1.24). Traumatisch bedingt kommt es
hier relativ häufig zu Frakturen (› 4.16.5).
Die Knochen der Schädelkalotte entstehen durch desmale
Ossifikation und bleiben in der 1. Lebenshälfte durch Bandhaften nachgiebig miteinander verbunden. Ab dem mittleren
Lebensalter entstehen daraus Knochenhaften. Diese zunächst
bindegewebigen und später knöchernen Nähte nennt man Suturae (› Abb. 1.22). An der Berührungsstelle der beiden
Scheitelbeine entsteht die längs verlaufende Pfeilnaht (Sutura
sagittalis), zwischen Stirnbein und den beiden Scheitelbeinen
die quer verlaufende Kranznaht (Sutura coronalis) und zwiSutura coronalis
Os frontale
Os sphenoidale
Os lacrimale
Os nasale
Maxilla
Os parietale
Sutura sagittalis (zwischen Ossa parietalia)
Sutura
squamosa
Sutura
lambdoidea
Sutura
occipitomastoidea
Os occipitale
Os temporale
Porus acusticus externus
Condylus occipitalis
Proc. styloideus
Mandibula
Os zygomaticum
Os ethmoidale
Abb. 1.22 Schädelknochen der Schädelkalotte und Schädelnähte. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 21
schen Hinterhauptbein und den Scheitelbeinen die ebenfalls
quer verlaufende Lambdanaht (Sutura lambdoidea).
Um eine stabilere gegenseitige Haftung über ihre Synarthrosen zu erreichen, sind die Knochen an ihren Kontaktstellen
wellenförmig miteinander verzahnt. Nach der Verknöcherung ihrer Nähte ab dem 30.–40. Lebensjahr sind die Knochen
der Kalotte unbeweglich miteinander verbunden, behalten allerdings nach der Lehre der Kraniosakraltherapie auch im hohen Alter noch eine gewisse gegenseitige Restbeweglichkeit.
Fontanellen
Beim Neugeborenen bestehen noch ausgedehnte Knochenlücken (› Abb. 1.23) einerseits am Treffpunkt von Pfeil- und
Kranznaht zwischen Stirnbein und den beiden Scheitelbeinen
(= große Fontanelle) und andererseits zwischen Hinterhauptbein und den beiden Scheitelbeinen (= kleine Fontanelle). Die
kleine Fontanelle schließt sich knöchern innerhalb der ersten
3–4 Monate. Die große Fontanelle ist erst nach etwa 24 Monaten vollständig geschlossen. Dies kann bei Säuglingen und
Kleinkindern dazu genutzt werden, mittels Ultraschall Gehirnstrukturen und Ventrikel zu beurteilen. Der Knochen selbst
kann vom Ultraschall nicht durchdrungen werden.
Stirnbein
Das Stirnbein (Os frontale; › Abb. 1.22) bildet die Stirn und
die kraniale Überdachung der Orbita (= knöcherne Augenhöhle). Auf seiner Rückseite baut es gemeinsam mit Teilen des
Os sphenoidale und Os ethmoidale den Boden der vorderen
Schädelgrube auf (› Abb. 1.24).
Scheitelbein
Beim Scheitelbein (Os parietale; › Abb. 1.22) handelt es sich
um einen rechteckigen, flachen, gleichmäßig gebogenen Knochen, der den größten Anteil des Schädeldachs bildet. Nach
vorne grenzt es ans Stirnbein, nach hinten ans Hinterhauptbein und nach unten ans Schläfenbein. Außerdem besitzt es
nach vorne unten auch eine Berührungsfläche mit dem Keilbein. Über die Pfeilnaht sind die Scheitelbeine in der Mediansagittalen miteinander verwachsen.
Schläfenbein
Das Schläfenbein (Os temporale; › Abb. 1.25) bildet zum
Schädelinneren hin den größten Teil der mittleren Schädelgrube (› Abb. 1.24). Es lässt sich in 3 verschiedene Anteile
untergliedern:
• Pars squamosa (Schläfenbeinschuppe): Aus diesem vorn
oben befindlichen, flächigen Teil geht der nach vorne zum
Jochbein ziehende Jochbeinbogen (Arcus zygomaticus)
hervor. Am Beginn dieses Bogens findet sich unten eine
kleine Grube (Fossa mandibularis), die mit dem Processus
condylaris der Mandibula (Unterkiefer) zum Kiefergelenk
artikuliert.
• Pars petrosa (Felsenbein): Dieser Teil erhebt sich als dorsale Begrenzung der mittleren Schädelgrube hinter der
Schläfenbeinschuppe und enthält Innenohr mit Hör- und
Gleichgewichtsorgan sowie innerem Gehörgang. Die
A. carotis interna zieht durch das Felsenbein ins Schädelinnere. Dorsal und unten, damit auch dorsal des Ohrs, sieht
man den Warzenfortsatz (Proc. mastoideus). Das Mastoid
ist mit Schleimhaut ausgekleidet und lufthaltig (pneumatisiert), weil es mit dem Mittelohr in Verbindung steht. Vor
dem Mastoid findet sich, nach innen versetzt, ein griffelförmiger Fortsatz (Proc. styloideus), der dem Ansatz von
Muskeln dient.
• Pars tympanica: Vor dem Mastoid befindet sich das Mittelohr mit Paukenhöhle (Tympanon) und Ohrtrompete
(Tuba auditiva) als Verbindung zwischen Paukenhöhle und
Rachen. Außerdem gehören die knöchernen Anfangsteile
Sutura frontalis
Sutura coronalis
Sutura
sagittalis
Fonticulus posterior
Os occipitale,
Squama occipitalis
Fonticulus
anterior
Os frontale,
Squama frontalis
Sutura lambdoidea
Os parietale,
Tuber parietale
Abb. 1.23 Schädel eines Neugeborenen mit Fontanellen. [36]
22 1 Anatomie und Physiologie
des äußeren Gehörgangs (Meatus acusticus externus) zu
diesem Teil des Schläfenbeins. In der Paukenhöhle befinden
sich die 3 Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel (› Fach Sinnesorgane). Die Paukenhöhle liegt überwiegend noch im Felsenbein und kann deshalb ungeachtet
ihrer Namensgebung (Tympanon) auch zur Pars petrosa
gerechnet werden, sodass für die Pars tympanica gerade
noch das Stückchen Knochen ab dem Trommelfell nach außen übrig bleiben würde. Glücklicherweise besitzen derlei
Feinheiten für die Heilpraktikerprüfung keinerlei Bedeutung.
Keilbein
Das Keilbein (Os sphenoidale; › Abb. 1.26) erstreckt sich als
zentraler Knochen der Schädelbasis zwischen Stirnbein und
Schläfenbein quer durch den gesamten Schädel und bildet beiderseits einen kleinen Anteil der Kalotte, eingerahmt von
Schläfen-, Scheitel-, Joch- und Stirnbein. Gut auf der Abbildung zu erkennen sind die 4 Flügel des Keilbeins:
• 2 große und breit ausladende Flügel (Alae majores), die auf
ihrem Weg zur Schädelkalotte an den Augenhöhlen vorbeiziehen, deren hintere Begrenzung bilden und sich am Aufbau der mittleren Schädelgrube beteiligen (› Abb. 1.24)
• 2 kleinere Flügel (Alae minores), die sich oberhalb von den
großen befinden und Anteil am Aufbau der vorderen Schädelgrube haben.
Keilbeinhöhle und Türkensattel
Zentral (median) im Keilbeinkörper befindet sich der Sinus
sphenoidalis (Keilbeinhöhle), eine der vier Nasennebenhöhlen. Betrachtet man die innere Schädelbasis (› Abb. 1.24),
erkennt man dorsal der Keilbeinhöhle eine knöcherne Einsenkung, die nach ihrem Aussehen als Türkensattel (Sella turcica) bezeichnet wird. In die Aussparung der Sella turcica eingelassen findet sich die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), eine
übergeordnete Hormondrüse (› Fach Endokrinologie).
P A T H O L O G I E
Es gilt zu beachten, dass Keilbeinhöhle und Türkensattel lediglich
durch eine sehr dünne Knochenlamelle voneinander getrennt sind.
Eitrige Prozesse der Keilbeinhöhle (bakterielle Sinusitis sphenoidalis)
können diese knöcherne Barriere im Einzelfall durchbrechen und damit zur lebensgefährdenden Beteiligung zerebraler Strukturen führen.
Canalis nervi hypoglossi
Foramen magnum
Sulcus nervi
petrosi majoris
Canalis nervi hypoglossi
Sulcus sinus sagittalis superioris Foramen caecum
Crista galli Tuberculum sellae
Lamina et Foramina cribrosa
Dorsum sellae Os sphenoidale, Corpus
Canalis opticus Proc. clinoideus posterior
Fissura orbitalis superior
Os sphenoidale, Fossa hypophysialis
Ala minor Proc. clinoideus
Foramen rotundum anterior
Foramen lacerum Sulcus caroticus
Fossa
cranii
anterior
Fossa
cranii
media
Fossa
cranii
posterior
Foramen ovale
Foramen
spinosum
Sulcus nervi
petrosi minoris
Os temporale,
Pars petrosa
Foramen jugulare
Foramen
mastoideum
Sulcus sinus sigmoidei
Canalis condylaris
Foramen jugulare
Protuberantia occipitalis interna
Sulcus sinus transversi
Clivus
Sulcus sinus sagittalis superioris
Os temporale,
Pars squamosa
Porus acusticus
internus
Os frontale
Os parietale
Os ethmoidale
Os sphenoidale
Os temporale
Os occipitale
Abb. 1.24 Innere Schädelbasis mit vorderer (Fossa cranii anterior), mittlerer (Fossa cranii media) und hinterer (Fossa cranii posterior) Schädelgrube. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 23
Hinterhauptbein
Das Hinterhauptbein (Os occipitale; › Abb. 1.27) bildet gemeinsam mit dorsalen Anteilen der Schläfenbeine die hintere
Schädelgrube (› Abb. 1.24), in der das Kleinhirn liegt. Durch
das große Hinterhauptsloch (Foramen magnum) zieht das
Rückenmark nach kranial und wird an dieser Stelle sprachlich
zum verlängerten Mark (Medulla oblongata).
Seitlich vom Foramen magnum sind 2 Gelenkflächen (Condylus occipitalis) zu erkennen, die mit dem obersten Halswirbel (Atlas) ein Eigelenk ausbilden. Diese Gelenke werden auch
als (obere) Kopfgelenke bezeichnet. Verkantungen (Blockaden) in diesen Gelenken können zu schwersten Störungen führen (› 3.4.1, › 3.4.2).
Gesichtsschädel
Der Gesichtsschädel (› Abb. 1.28) besteht einschließlich der
Gehörknöchelchen und des Zungenbeins aus nahezu 30 Knochen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Mehrzahl der Knöchelchen doppelt vorhanden ist, also auch doppelt gezählt werden muss. Lediglich Ober- und Unterkiefer, Pflugscharbein
und Zungenbein stellen singuläre Knochen dar. Zu den Knochen des Gesichtsschädels zählen:
• Siebbein (Os ethmoidale)
• Nasenbein (Os nasale)
• Tränenbein (Os lacrimale)
• Nasenmuschel (Concha nasalis)
Apertura sinus
sphenoidalis
Corpus
Ala major
Crista sphenoidalis
Ala minor Fissura orbitalis
superior
Foramen rotundum
Proc. pterygoideus,
Lamina lateralis
Proc. pterygoideus
Lamina medialis
Canalis
pterygoideus
Ala major
Abb. 1.26 Keilbein (Os sphenoidale) in der Ansicht von ventral. [36]
Foramen
mastoideum
Proc. mastoideus
Pars tympanica
Proc. styloideus
Pars squamosa
Arcus zygomaticus
Fossa mandibularis
Meatus acusticus externus
Pars petrosa
Abb. 1.25 Das Schläfenbein (Os temporale) ist aus den 3 Teilen Pars squamosa, Pars petrosa und Pars tympanica aufgebaut. Rechtes Schläfenbein in der
Ansicht von außen. [36]
24 1 Anatomie und Physiologie
• Pflugscharbein (Vomer)
• Jochbein (Os zygomaticum)
• Gaumenbein (Os palatinum)
• Oberkiefer (Maxilla)
• Unterkiefer (Mandibula)
• Zungenbein (Os hyoideum)
• Hammer (Malleus)
• Amboss (Incus)
• Steigbügel (Stapes)
Dazu gesellen sich noch Stirnbein, Schläfenbein und Keilbein, die damit zu beiden Schädelanteilen gerechnet werden.
Jochbein
Das Jochbein (Os zygomaticum; › Abb. 1.28) bildet das Relief der Wange und die laterale sowie Teile der unteren Begrenzung der Orbita. Es grenzt an Maxilla, Stirn-, Keil- und Schläfenbein.
Squama occipitalis
Protuberantia
occipitalis externa
Fossa condylaris
Proc. jugularis
Condylus occipitalis Condulus occipitalis
Canalis nervi hypoglossi
Foramen magnum
Pars lateralis
Pars basilaris
Abb. 1.27 Hinterhauptbein (Os occipitale) von unten mit Foramen magnum und Gelenkflächen (Condylus occipitalis) zur Artikulation mit dem Atlas. [36]
Os nasale Sutura internasalis
Sutura coronalis
Os parietale
Os sphenoidale, Ala major
Os frontale, Proc. zygomaticus
Fissura orbitalis superior
Os sphenoidale, Ala minor
Os sphenoidale, Ala major
Os zygomaticum
Fissura orbitalis inferior
Maxilla
Os ethmoidale
Vomer
Foramen mentale
Angulus mandibulae
Os frontale
Foramen supraorbitale
Os parietale
Os temporale
Os lacrimale
Os palatinum
Sutura nasomaxillaris
Foramen infraorbitale
Concha nasalis media
Sutura intermaxillaris
Mandibula
Septum nasi
osseum
Concha nasalis inferior
Abb. 1.28 Schädelknochen des Gesichtsschädels. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 25
Schläfenbein
Das Schläfenbein (Os temporale; › Abb. 1.28) bildet mit einem präaurikulär (= vor dem Ohr) nach ventral laufenden Bogen (Arcus zygomaticus) die Gelenkpfanne für die Artikulation
mit dem Proc. condylaris der Mandibula (= Kiefergelenk).
Oberkiefer
Der Oberkiefer (Maxilla; › Abb. 1.28) baut den Boden der
Orbita auf, begrenzt beiderseits das Nasenbein und trägt kaudal, eingelassen in knöcherne Lücken (Alveolen) die obere
Zahnreihe. Die Kieferhöhlen (= Nasennebenhöhlen) sind auf
Abbildung 1.30 und 1.31 dargestellt.
Unterkiefer
Der Unterkiefer (Mandibula; › Abb. 1.28), der größte und
schwerste Gesichtsknochen, begrenzt den Gesichtsschädel
nach kaudal, artikuliert mit dem Schläfenbein zum Kiefergelenk (› Abb. 1.29) und trägt in seinen Alveolen die untere
Zahnreihe. Er ist gleichzeitig der einzige bewegliche Knochen
am Schädel des Erwachsenen. Als Unterkieferwinkel (Angulus mandibulae) bezeichnet man die unteren, hinteren, abgerundeten Ecken des Kieferknochens.
Auf beiden Seiten des Kinns befindet sich eine Öffnung mit
dem Namen Foramen mentale. Diese Foramina bilden die
Durchtrittsstellen des 3. Astes (= N. mentalis) des 5. Hirnnerven (N. trigeminus), der hier einer groben Überprüfung auf
Druckschmerzhaftigkeit zugänglich ist. Entsprechende Foramina für die ersten beiden Äste des N. trigeminus (N. supraorbitalis und N. infraorbitalis) finden sich im Stirnbein (Foramen
supraorbitale) sowie in der Maxilla (Foramen infraorbitale).
Kiefergelenk (›Abb. 1.29)
Der Unterkiefer ist über seinen Proc.condylaris gelenkig verbunden, aber nicht mit dem Oberkiefer, wie man mutmaßen
könnte. Vielmehr artikuliert der Condylus (Gelenkkopf) dieses
Fortsatzes mit der Fossa mandibularis des Os temporale. Das
Kiefergelenk ist vor dem Ohr zu tasten. Seine beiden Gelenkfläa
b
Fossa mandibularis ossis temporalis
Discus articularis
Caput mandibulae
Porus acusticus externus
Collum mandibulae
Capsula articularis
Proc. condylaris
Proc. styloideus
Ramus mandibulae
Proc. coronoideus
Os zygomaticum
Discus articularis
Caput mandibulae
Collum mandibulae
Capsula articularis
Proc. mastoideus
Proc. styloideus
Ramus mandibulae
Proc. coronoideus
Os zygomaticum
Fossa mandibularis,
Facies articularis
Abb. 1.29 Kiefergelenk mit Discus articularis. a Mund fast geschlossen. b Mund geöffnet. [36]
26 1 Anatomie und Physiologie
chen vollführen bei der Öffnung des Mundes bzw. den Kaubewegungen sehr komplexe Bewegungsmuster ohne starre Gelenkachse, bei denen der Proc. condylaris regelrecht nach vorne über einen faserknorpeligen Discus articularis aus der
Fossa mandibularis herausgleiten kann. Durch gleichzeitige
Rotation in der Transversal- und Sagittalebene sowie Seitwärtsbewegungen besitzt das Kiefergelenk etwas, was eigentlich nicht möglich scheint, nämlich 4 Freiheitsgrade.
Ventral des Proc. condylaris mit seiner gelenkigen Verbindung befindet sich ein weiterer knöcherner Fortsatz mit der
Bezeichnung Proc. coronoideus, der bei geschlossenem Mund
medial unter den Jochbogen passt, gemeinsam mit den Zähnen
eine Anschlagsbegrenzung bildet und dem stärksten Kaumuskel (M. temporalis) zum Ansatz dient.
Tränenbein
Das Tränenbein (Os lacrimale; › Abb. 1.28), ein winziges
Knöchelchen, bildet den vorderen, medialen Rand der Orbita.
Siebbein
Das Siebbein (Os ethmoidale; › Abb. 1.30) füllt den Raum
zwischen den beiden Orbitae und bildet damit auch den Hauptanteil deren medialen Begrenzung. Es liegt dorsal vom Nasenbein und dem angrenzenden Stirnbein. Das Siebbein enthält
miteinander kommunizierende, luftgefüllte Hohlräume, die
Siebbeinzellen. Es verbindet diesen schleimhautausgekleideten Hohlraum ebenso mit dem Nasenraum wie die 3 weiteren,
lufthaltigen Nasennebenhöhlen: Stirnhöhlen (Sinus frontalis)
des Stirnbeins, linke und rechte Kieferhöhle der Maxilla (Sinus maxillaris) sowie Keilbeinhöhle des Os sphenoidale (Sinus
sphenoidalis).
Zentral im Siebbein findet sich eine dünne Knochenlamelle,
die den oberen Anteil der knöchernen Nasenscheidewand
bildet (unterer Anteil = Vomer). Das Os ethmoidale bildet
Ausstülpungen in den Nasenraum (obere und mittlere Nasenmuschel = Concha nasalis) sowie die, gewissermaßen als Fortsetzung der knöchernen Nasenscheidewand nach oben in die
vordere Schädelgrube vorspringende Crista galli (Hahnenkamm), eingelassen in die Siebbeinplatte (Lamina cribrosa).
Auf der Siebbeinplatte liegt beidseits der Crista galli der
1. Hirnnerv (Riechnerv = N. olfactorius; › Fach Atmungsorgane, › Fach Neurologie).
Orbita
Die Orbita (knöcherne Augenhöhle; › Abb. 1.28) wird von
insgesamt 7 verschiedenen Knochen aufgebaut:
• Keilbein (Os sphenoidale): dorsale Begrenzung
• Stirnbein (Os frontale): Dach
• Siebbein (Os ethmoidale): mediale Begrenzung
• Tränenbein (Os lacrimale) medial gelegen, vor dem Os ethmoidale
• Oberkiefer (Maxilla): medialer Boden
• Jochbein (Os zygomaticum): laterale Begrenzung und lateraler Boden
• Gaumenbein (Os palatinum): besitzt vom harten Gaumen
aus einen Ausläufer nach kranial bis zum Boden der Orbita.
Nase
Die Nase ist in ihrem vorderen Anteil aus hyalinem Knorpel
aufgebaut und in ihrem dorsalen Abschnitt aus Knochen. In
diesem hinteren Anteil bildet der Vomer (Pflugscharbein) den
unteren Anteil der Nasenscheidewand (Septum nasi), ein lamellenartiger Ausläufer des Siebbeins den oberen
(› Abb. 1.30).
Dem hinteren Teil der Nase aufgelagert finden sich die beiden Nasenbeine (Os nasale; ›Abb. 1.28). Von lateral her
stülpen sich 3 Nasenmuscheln (Conchae nasales) in den Nasenraum und unterteilen die eigentlich sehr große Höhle in
beidseits 3 schmale Nasengänge (Meatus nasi). Die beiden
oberen Muscheln (Concha nasalis superior und medius) stellen lediglich Ausstülpungen des Siebbeins dar, während die
untere Nasenmuschel als eigenständiger Knochen gewertet
wird. Genauer besprochen wird die Nase im › Fach Atmungsorgane.
Nasennebenhöhlen
Zu den Nasennebenhöhlen (› Abb. 1.31) gehören zusammengefasst die folgenden knöchernen, mit Schleimhaut ausgekleideten Hohlräume. Sie stehen mit dem Nasenraum über
schmale Gänge in Verbindung und sind deswegen pneumatisiert (lufthaltig):
• Stirnhöhle (Sinus frontalis)
• Kieferhöhle (Sinus maxillaris)
• Keilbeinhöhle (Sinus sphenoidalis)
• Siebbeinzellen (Cellulae ethmoidales).
Es gibt demnach 4 Nasennebenhöhlen. Rechnet man die Höhlen entsprechend ihres tatsächlichen Vorkommens jeweils
doppelt, so sind es 8.
Die Nasennebenhöhlen sind bei der Geburt lediglich rudimentär angelegt und entwickeln sich erst in den folgenden Jahren. Besonders lange zu ihrer Entwicklung brauchen die Stirnhöhle (8.–10. Lebensjahr) und v. a. die Keilbeinhöhle, die erst
nach dem 20. Lebensjahr voll ausgebildet ist.
Ohrtrompete
Pneumatisiert durch seine Verbindung mit dem Nasen-Rachen-Raum ist neben den Nasennebenhöhlen auch der
Proc. mastoideus (Mastoid) des Schläfenbeins über den Raum
des Mittelohrs. Die Paukenhöhle erhält die Luft der Außenwelt
über die Ohrtrompete (Tuba auditiva, Eustachio-Röhre), einem engen, schleimhautbedeckten Kanal aus elastischem
Knorpel, der seitlich aus dem oberen Teil des Rachens (› Fach
Atmungsorgane) entspringt.
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 27
a
b
Sinus frontalis
Cellulae ethmoidales
Ala minor
Crista galli
Sinus maxillaris
Os ethmoidale, Lamina perpendicularis
Concha nasalis inferior Maxilla, Proc. alveolaris
Os frontale
Os temporale
Maxilla, Proc. palatinus
Fissura orbitalis
inferior
Vomer
Os zygomaticum
Concha nasalis media
Cavitas nasi
Os palatinum
Os sphenoidale Ala major,
Facies orbitalis
Sutura coronalis Sulci arteriosi
Dorsum sellae Os temporale, Pars squamosa
Sella turcica Sutura squamosa
Lamina et Foramina cribrosa
Sinus frontalis
Crista galli
Os nasale
Squama occipitalis
Sinus sphenoidalis
Sulcus sinus transversi
Vomer
Sulcus sinus sigmoidei
Foramen mastoideum
Os palatinum Proc. styloideus Porus et Meatus acusticus internus
Os ethmoidale,
Lamina perpendicularis
Protuberantia
occipitalis externa
Sutura lambdoidea
Abb. 1.30 Siebbein (Os ethmoidale). a Frontalschnitt mit Darstellung von Kieferhöhlen, Stirnhöhlen, Siebbeinzellen, Nasenraum und dorsalem Anteil der
Orbita. b Mediansagittalschnitt mit hartem Gaumen mit Maxilla und Os palatinum. Kranial davon befindet sich der hintere knöcherne Anteil der Nasenscheidewand mit Os ethmoidale (oberer Anteil) und Vomer (unten). Dorsal des Siebbeins erkennt man die Keilbeinhöhle und, wiederum dorsal davon, die Sella
turcica (Türkensattel). Oberhalb des Siebbeins ist im Stirnbein die Stirnbeinhöhle (Sinus frontalis) dargestellt. [36]
Sinus frontalis
Cellulae
ethmoidales
Sinus maxillaris
Sinus frontalis
Sinus
sphenoidalis
Sinus maxillaris
a b
Abb. 1.31 Nasennebenhöhlen in der Projektion auf das Gesicht. [7]
28 1 Anatomie und Physiologie
Zungenbein
Beim Zungenbein (Os hyoideum;› Abb. 1.32) handelt es sich
um einen kleinen hufeisenförmigen Knochen. Er befindet sich
kranial des Kehlkopfs und ist mit diesem nicht über Gelenke,
sondern lediglich über ein kräftiges Ligament verbunden. Neben der Zunge setzen zahlreiche weitere Muskeln an ihm an,
sichern so seine Stabilität im Raum und ermöglichen seine
Funktionen z.B. beim Schluckreflex, bei dem durch sein Abweichen nach oben auch der gesamte Kehlkopf um einige Zentimeter nach kranial gezogen wird.
M E R K E
Das Zungenbein ist der einzige Knochen des menschlichen Körpers,
der keinerlei direkte Verbindung zu einem weiteren Knochen hat.
Zusammenfassung
Knochen des Schädels:
• am Schädel werden Hirnschädel (Schädeldach, Schädelkalotte) und Gesichtsschädel unterschieden
• der Hirnschädel besteht aus folgenden Knochen:
– Os frontale (Stirnbein) mit den Stirnhöhlen (Sinus frontalis)
– paarige Ossa parietalia (Scheitelbeine): sind durch Pfeilnaht (Sutura sagittalis) miteinander verbunden
– paarige Ossa temporalia (Schläfenbeine), jeweils bestehend aus
– Pars squamosa (Schläfenbeinschuppe), bildet über den
Arcus zygomaticus die Gelenkpfanne für das Kiefergelenk
– Pars petrosa (Felsenbein) mit Hör- und Gleichgewichtsorgan, innerem Gehörgang und lufthaltigem
Warzenfortsatz
– Pars tympanica mit Mittelohr und Teilen des äußeren
Gehörgangs
– Os sphenoidale (Keilbein) mit Keilbeinhöhle (Sinus sphenoidalis) und Türkensattel
– Os occipitale (Hinterhauptbein) mit Foramen magnum und
Gelenkflächen für das Gelenk mit dem 1. Halswirbel (Atlas)
• Schädelnähte: verbinden die Knochen des Hirnschädels zunächst bindegewebig, später knöchern miteinander und weiten sich beim Säugling zu großer und kleiner Fontanelle
– Pfeilnaht (Sutura sagittalis)
– Kranznaht (Sutura coronalis)
– Lambdanaht (Sutura lambdoidea)
• der Gesichtsschädel besteht aus folgenden Knochen:
– Os zygomaticum (Jochbein)
– Maxilla (Oberkiefer): enthält die paarigen luftgefüllten
Kieferhöhlen (Sinus maxillaris), trägt die Oberkieferzähne
– Mandibula (Unterkiefer), artikuliert mit dem Arcus zygomaticus des Schläfenbeins zum Kiefergelenk, trägt die
Unterkieferzähne
– Os lacrimale (Tränenbein)
– Os ethmoidale (Siebbein) mit oberer und mittlerer Nasenmuschel (Concha nasalis superior und medius), enthält
die luftgefüllten Siebbeinzellen (Cellulae ethmoidales)
– Os nasale (Nasenbein)
– Vomer (Pflugscharbein) bildet den unteren Teil des knöchernen Nasenseptums
– Os palatinum (Gaumenbein)
– Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel)
– Os hyoideum (Zungenbein)
• die knöcherne Augenhöhle (Orbita) wird von Anteilen
von 7 verschiedenen Knochen des Schädels gebildet
• Nasennebenhöhlen: Stirnhöhle, Kieferhöhle, Keilbeinhöhle, Siebbeinzellen
1.4.2 Larynx
Der Larynx (Kehlkopf) bildet den Übergang zwischen Rachen
und Luftröhre. Er wird nicht mehr zum Kopf gerechnet. Sein
Vorsprung wird v.a. beim Mann ventral am Hals sichtbar, weshalb er als „Adamsapfel“ bezeichnet wird. Er besitzt wichtige
Funktionen für das Sprechen, indem die enthaltenen Stimmbänder beim Durchtritt von Luft in der gewünschten Tonhöhe zum
Schwingen gebracht werden. Weitere wesentliche Funktionen
bestehen in der Trennung von Luft- und Speisewegen sowie,
über einen luftdichten Verschluss der Stimmbänder, die Mithilfe
bei der Erzeugung eines thorakalen Überdrucks (Husten,
Bauchpresse).
Der Kehlkopf baut sich aus knorpeligen Strukturen auf
(› Abb. 1.32):
• Ringknorpel (Cartilago cricoidea): liegt kaudal; dient dazu, sowohl den Kehlkopf als auch den Übergang zur Luftröhre zu verstärken, damit die Luftwege offen bleiben
• Kehldeckel (Epiglottis): klappenähnlich gebaut; bildet den
Übergang zum Pharynx und verschließt die Luftwege während des Schluckens
• Schildknorpel (Cartilago thyroidea): Er ist „schildförmig“
und dorsal offen, liegt zwischen Ringknorpel und Kehldeckel, begrenzt den Kehlkopf nach ventral und nimmt den
größten Raum ein. Er verankert sowohl die Epiglottis als
auch die Stimmbänder, die von hier aus nach dorsal zu den
beiden Stellknorpeln (Cartilago arytaenoidea) am Oberrand des Cricoids ziehen. Die Grundhöhe der Stimme hängt
in hohem Maße von der Elastizität, Spannung und Länge
der Stimmbänder ab. Sobald sich (neben dem ausgeprägten
Wachstum des Kehlkopfs einschließlich der Stimmbänder)
der Winkel der Cartilago thyroidea bei Jungen in der Pubertät verändert, vermindert sich die Spannung der Stimmbänder und die Stimme wird tiefer.
Die Epiglottis besteht aus elastischem Knorpel, die weiteren Strukturen aus hyalinem. Genauer besprochen werden
Anatomie und Funktion des Kehlkopfs im › Fach Atmungsorgane.
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 29
1.4.3 Wirbelsäule
Die Wirbelsäule (Columna vertebralis; › Abb. 1.33) gibt dem
Körper Halt und ermöglicht dem Menschen seinen aufrechten
Gang. Brustkorb, Becken und Schädel sind an ihr befestigt. In ihrem Inneren liegt das Rückenmark optimal geschützt. Sie besteht
aus 28–29 einzelnen Wirbeln (Vertebrae), deren Wirbelkörper
(Corpus vertebrae) jeweils durch Scheiben aus sehr widerstandsfähigem Faserknorpel (Zwischenwirbelscheiben = Bandscheiben
= Disci intervertebrales) voneinander getrennt sind.
Die 7 Halswirbel, 12 Brustwirbel und 5 Lendenwirbel sind
jeweils gelenkig untereinander verbunden und ermöglichen so
die Bewegungen der Wirbelsäule. Dagegen sind die 5 Sakralwirbel ab dem frühen Erwachsenenalter starr miteinander zum
Kreuzbein (Os sacrum) verschmolzen und werden deshalb bei
der Auflistung der einzelnen Wirbel auch nur als Einzelknochen
„gewertet“. Die Zwischenwirbelscheiben bleiben teilweise rudimentär erhalten. Die 3–4 Steißbeinwirbel sind nur teilweise
gelenkig untereinander verbunden und erhalten dadurch auch
nur eine teilweise und geringe Beweglichkeit, jedoch bleiben
Kreuzbein und Steißbein insgesamt gegeneinander beweglich.
Schwingungen der Wirbelsäule
Physiologische Schwingungen
Bei der Geburt ist die Wirbelsäule noch weitgehend gerade. Erst
im Verlauf der ersten Lebensjahre erhält sie ihre typischen Schwingungen mit konkaver Anordnung der Halswirbel (Halslordose),
konvexer Biegung der Brustwirbelsäule (Brustkyphose), wiederum konkaver Lendenwirbelsäule (LWS-Lordose) und abschließender, kyphotischer Biegung des Steißbeins nach ventral.
M E R K E
Im Hals- und Lendenbereich findet man eine Lordose (also hohl).
Pathologische Schwingungen
Eine pathologische Überbetonung der Brustkyphose führt zum
Rundrücken bzw. zum Hohlrundrücken, wenn die LWS
gleichzeitig hyperlordosiert ist. Eine zu gering ausgebildete Kyphosierung im BWS-Bereich nennt man Flachrücken, die (alleinige) Hyperlordosierung der LWS Hohlrücken (Hohlkreuz)
(› Abb. 1.34).
Bei der Aufsicht von dorsal oder ventral ist die Wirbelsäule
idealerweise gerade, also ohne seitliche Abweichungen. Eine
mehr oder weniger starke Verkrümmung (Seitverbiegung)
nennt man Skoliose (› Abb. 1.35). Ist die Wirbelsäule dabei
zusätzlich in ihrer Achse verdreht, spricht man von einer Torsionsskoliose. Eine Skoliose kann zu Rückenschmerzen führen. Es gibt aber zahlreiche Menschen, die trotz ausgeprägter
Skoliose keinerlei Beschwerden haben. Umgekehrt gibt es
Menschen mit Rückenschmerzen, bei denen die Wirbelsäule
vollständig im Lot steht.
Zwischenwirbelscheiben
Die Zwischenwirbelscheiben (Bandscheiben, Disci intervertebrales; › Abb. 1.36) dienen einerseits der Pufferung enta b
Lig. cricotracheale
Lig. cricothyroideum
medianum
Os hyoideum,
Cornu majus
Cartilago thyroidea,
Cornu superius
Cartilago thyroidea,
Cornu inferius
Cartilagines
tracheales
Arcus cartilaginis
cricoideae
Membran
thyrohyoidea
Lig. thyrohyoideum
medianum
Cartilago
thyroidea
Lig. thyrohyoideum
laterale
Cartilago
epiglottica
Os hyoideum,
Cornu minus
Os hyoideum,
Cornu minus
Os hyoideum,
Cornu majus
Lig. thyrohyoideum
laterale
Membrana
thyrohyoidea
Cartilago thyroidea,
Cornu superius
Cartilago thyroidea,
Cornu inferius
Lig. cricopharyngeum
Cartilagines Ligg. anularia
tracheales
Lig. cricoarytenoideum
Cartilago
arytenoidea
Cartilago
thyroidea
Cartilago
epiglottica
Corpus adiposum
preepiglotticum
Lig. cricotracheaele
Abb. 1.32 Larynx und Os hyoideum (Zungenbein) in der Ansicht von ventral (a) und dorsal (b). [36]
30 1 Anatomie und Physiologie
a b c
Vertebrae
cervicales
(C1–C7)
Vertebrae
thoracicae
(Th1–Th12)
Vertebrae
lumbales
(L1–L5)
Os sacrum
(5 fusionierte
Kreuzbeinwirbel 1–5)
Os coccygis
(3–4 fusionierte
Kreuzbeinwirbel 1–4)
Atlas
Axis
Vertebra
prominens
Foramina
intervertebralia
Promontorium
Disci intervertebrales
Abb. 1.33 Wirbelsäule in der Ansicht von ventral (a), dorsal (b) und links (c). [36]
Lumbale
Hyperlordose
(Hohlkreuz)
Thorakale
Hyperkyphose
(Rundrücken)
Physiologisch
Abb. 1.34 Schwingungen der Wirbelsäule. [38]
Scheitelpunkt der
Wirbelsäulenverkrümmung
Abb. 1.35 Skoliose [38]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 31
sprechender Belastungen und sind andererseits Voraussetzung
für die Beweglichkeit der Wirbelsäule. Sie besitzen zentral einen weichen, nachgiebigen, strukturlosen Gallertkern (Nucleus pulposus), der allseits von einem derben Ring aus Faserknorpel (Anulus fibrosus) umgeben ist. Aus diesem in die benachbarten Wirbelkörper einstrahlende Fasern dienen der
Verankerung. Ein Discus intervertebralis passt von seiner Ausdehnung her exakt zwischen den kranial und kaudal benachbarten Wirbelkörper; seine Höhe ist allerdings deutlich geringer. Die äußere Form der Zwischenwirbelscheiben ist keilförmig, um sich den Schwingungen der Wirbelsäule anzupassen.
In HWS und LWS sind sie vorne, in der BWS hinten höher.
Entsprechend den Wirbeln nehmen auch sie von kranial nach
kaudal an Dicke und Durchmesser zu.
Wesentlich sind die Stabilität des Anulus fibrosus, der extremen Belastungen standzuhalten hat, sowie die Nachgiebigkeit
des Gallertkerns, wodurch Bewegungen in den Zwischenwirbelgelenken ermöglicht werden: Die Gelenkfortsätze (Processus
articulares) bilden eine knöcherne Einheit mit ihren Wirbeln,
sodass ohne ausreichende Nachgiebigkeit der Zwischenwirbelscheiben keine Bewegungen in der Wirbelsäule möglich wären.
P A T H O L O G I E
Die Degeneration und Höhenminderung der Disci intervertebrales mit
zunehmendem Lebensalter (Beginn bereits um das 20. Lebensjahr)
beinhaltet auch eine zunehmende Eintrocknung des Nucleus pulposus, worunter die Beweglichkeit in den Zwischenwirbelgelenken leiden muss.
Anatomie der Wirbel
Der Bau der einzelnen Wirbel (Vertebrae; › Abb. 1.37) ist in
den einzelnen Wirbelsäulenabschnitten prinzipiell identisch
mit nur wenigen Abweichungen. Der ventral liegende Wirbelkörper (Corpus vertebrae) geht dorsal in den Wirbelbogen
(Arcus vertebrae) über und bildet mit diesem eine knöcherne,
gelenkfreie Einheit. Am Wirbelbogen entstehen verschiedene
knöcherne Fortsätze:
• Dorsal liegt in der Mediansagittalen der Dornfortsatz
(Proc. spinosus). An HWS und LWS steht er fast waagrecht,
an der BWS schräg nach kaudal. Starke Bänder verbinden
die Dornfortsätze untereinander und geben der Wirbelsäule
zusätzlichen Halt. Kraniales (Atlas) und kaudales Ende der
Wirbelsäule (Steißbein) tragen keine Dornfortsätze.
• Seitlich am Wirbelbogen liegen beiderseits die Querfortsätze (Processus transversi), die als Hebelarme für Muskeln
dienen. Außerdem tragen sie in der BWS beidseits je eine
Gelenkfläche für die zugehörige Rippe.
Der Wirbelbogen ist dort, wo er vom Wirbelkörper abgeht,
am oberen Rand leicht, am unteren aber tief eingeschnürt
(Incisura vertebralis superior et inferior). Diese EinschnürunArticulationes zygapophysiales
Disci intervertebrales
Anulus fibrosus Nucleus pulposus
Außenzone
Übergangszone
Innenzone
Abb. 1.36 Schema der Zwischenwirbelscheiben. Sie bestehen aus einem
Anulus fibrosus und einem Nucleus pulposus. [46]
Corpus
vertebrae
Proc. articularis superior
Proc. articularis
inferior
Incisura vertebralis inferior
Incisura vertebralis
superior Proc.
spinosus
Proc.
transversus
Lamina
Pediculus
Foramen
vertebrale
Pediculus Proc.
transversus
Lamina
Proc.
spinosus
Corpus
vertebrae
Arcus
vertebrae
a b
Fusioniertes
Rippenelement
Ventral
Kaudal
Kranial
Dorsal
Anterior Posterior
Abb. 1.37 Schema eines Wirbels. [46]
32 1 Anatomie und Physiologie
gen ergänzen sich mit den Einschnürungen des kranial bzw.
kaudal benachbarten Wirbels zu den Zwischenwirbellöchern
(Foramen intervertebrale; › Abb. 1.38), an denen Nerven
(und Blutgefäße) hindurchtreten und noch im Bereich der Zwischenwirbellöcher Spinalganglien bilden.
Das Wirbelloch (Foramen vertebrale) wird vom Wirbelbogen gebildet. Die exakt übereinander liegenden Wirbelbögen mit
ihrem zentralen Wirbelloch bilden in ihrer Summe einen vollständigen knöchernen Kanal in der Wirbelsäule, der vom Atlas
bis in den Sakralbereich reicht und das Rückenmark beherbergt.
Dasselbe endet allerdings bereits in Höhe L1/L2, sodass ab hier
nur noch die Nervenfasern nach kaudal weiterziehen. Wegen
ihres Aussehens bezeichnet man die Gesamtheit dieser Nerven
als Cauda equina (Pferdeschweif) (› Fach Neurologie).
P A T H O L O G I E
Eine mechanische Bedrängung und Schädigung der Nervenfasern in
ihrem knöchernen Kanal unterhalb L2 wird als Kauda-Syndrom
bezeichnet. Ursächlich können Frakturen, Tumoren oder ein medialer
Bandscheibenvorfall in Frage kommen. Die wichtigsten Symptome
bestehen in Schmerzen, Parästhesien, schlaffen Lähmungen und Störungen der Funktion von Blase und Mastdarm. Das Kauda-Syndrom
ist als dringlicher Notfall anzusehen.
Intervertebralgelenke
Jeder Wirbel ist mit den kranial und kaudal benachbarten Wirbeln beweglich über jeweils 2 obere und 2 untere Gelenke verbunden, sofern er nicht, wie beim Kreuzbein, knöchern mit ihnen verwachsen ist. Für diese Artikulationen dienen weitere
Fortsätze des Wirbelbogens – 2 obere Gelenkfortsätze
(Proc. articularis superior) sowie 2 untere (Proc. articularis
inferior), die mit den Gelenkfortsätzen der benachbarten Wirbelbögen die kleinen Wirbelgelenke (Intervertebralgelenke,
Spondylgelenke von Spondylus = Wirbel; ›Abb. 1.38) bilden.
Die Anordnung der Gelenkflächen ist nicht in allen Abschnitten der Wirbelsäule identisch (› Abb. 1.33c). Beispielsweise sind sie lumbal fast sagittal angeordnet, weshalb in der
LWS praktisch keine Rotation möglich ist. Ihre frontale Anordnung in der BWS ermöglicht dagegen eine ordentliche Rotation, aber dafür wenig Beugung.
M E R K E
Die Neigung des Rumpfes erfolgt in der LWS, seine Rotation in der
BWS.
P A T H O L O G I E
Die Wirbelkörper sind im Bereich der HWS noch relativ zierlich, um
entsprechend der zunehmenden Belastung kaudalwärts immer größer
und schwerer zu werden. Durch diese zunehmende Belastung kommt
es im Bereich der LWS unter dem zusätzlichen Einfluss von Fehlbelastungen am ehesten und am häufigsten zu Schädigungen der Wirbel
und ihrer Gelenke oder auch der Bandscheiben – z.B. einem Bandscheibenvorfall mit möglicher mechanischer Schädigung der durch
das Zwischenwirbelloch hindurchtretenden Nervenwurzeln sowie Beschwerden an den Strukturen, die von diesen Nerven versorgt werden.
Ganz besonders häufig betroffen sind die Disci intervertebrales L4/5
und L5/S1 – also der Übergang von derLWS zum Kreuzbein (Sakrum).
Besonderheiten einzelner
Wirbelsäulenabschnitte
HWS
Atlas
Der Atlas (1. Halswirbel; › Abb. 1.39) ist der Träger des
Kopfes. Er besitzt keinen Wirbelkörper, sondern besteht ausGanglion spinale
Discus intervertebralis
Foramen intervertebrale
Incisura vertebralis superior
Procc. articularis inferior
Proc. articularis superior
Articulatio zygapophysialis
(Gelenk zwischen Proc.
articulares superior und inferior)
Incisura vertebralis inferior
Abb. 1.38 Foramen intervertebrale mit Spinalganglion (BWS). [46]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 33
schließlich aus dem Wirbelbogen. Seine besonders langen
Querfortsätze sind direkt vor dem Mastoid bei einiger Übung
gut zu tasten und hinsichtlich einer Fehlstellung des Atlas bei
vorliegender Gelenkblockade zu beurteilen (› 3.4.1).
Über 2 nach kranial weisende Gelenkfortsätze (Proc. articularis superior) artikuliert der Atlas mit den Kondylen des Os
occipitale zu den oberen Kopfgelenken (Eigelenke). In diesen
Gelenken ist sowohl eine Nickbewegung (Inklination, Reklination) als auch eine nach seitwärts gerichtete Kippbewegung
(Lateralflexion) möglich.
Die beiden Gelenkfortsätze an der Unterseite des Atlas artikulieren mit den oberen Gelenkflächen des Axis (2. Halswirbel) zu den unteren Kopfgelenken. Hier handelt es sich um
plane Gleitgelenke. Über den Dens axis können Atlas und Axis
auch gegeneinander rotieren.
Axis
Der Axis (2. Halswirbel; › Abb. 1.40) bildet im ventralen Anteil seines (kleinen) Wirbelkörpers einen senkrecht nach kranial ragenden Fortsatz (Dens axis = Zahn des Axis), mit dem er
mit dem inneren ventralen Anteil des Atlas ein Rad- bzw.
Dreh- bzw. Zapfengelenk ausbildet.
Foramina transversaria
Den 6 obersten Halswirbeln ist gemein, dass sie in ihren
Querfortsätzen Löcher (Foramina transversaria) aufweisen
(› Abb. 1.41), die in ihrer Summe einen knöchernen Kanal
bilden, durch den die A. vertebralis nach kranial zieht, um den
okzipitalen und basalen Anteil des Gehirns mit Blut zu versorgen. Sie kommuniziert schließlich als A. cerebri posterior mit
den Folgegefäßen der A. carotis interna (› Fach Herz-Kreislauf-System, › Fach Neurologie).
Dornfortsätze
Während der Atlas keinen Dornfortsatz besitzt, sind von
sämtlichen (verbleibenden) Dornfortsätzen der Wirbelsäule allein diejenigen der Halswirbel II bis VI gegabelt
(› Abb. 1.41).
Vertebra prominens
Der 7. Halswirbel heißt Vertebra prominens, weil sein Dornfortsatz nuchal (im Nacken) als deutlicher Höcker hervorspringt
Sulcus arteriae
vertebralis
Foramen vertebrale
Arcus anterior atlantis
Facies articularis
superior
a Tuberculum posterius
b
Arcus posterior atlantis
Proc.
transversus
Foramen transversarium
Tuberculum anterius
Arcus posterior atlantis
Foramen
transversarium
Proc.
transversus
Tuberculum anterius
Fovea dentis
Foramen
vertebrale
Facies articularis
inferior
Arcus anterior atlantis
Tuberculum posterius
Abb. 1.39 Atlas (1. Halswirbel) in der Ansicht von kranial (a) und kaudal
(b). [36]
Proc. articularis
superior
Apex dentis
Proc.
transversus
Foramen
transversarium
Proc. articularis
inferior
Facies articularis posterior
Corpus vertebrae
Foramen
transversarium
Foramen
vertebrale
Arcus vertebrae
Proc. spinosus
Abb. 1.40 Axis (2. Halswirbel) in der Ansicht von dorsal kranial. [36]
Foramen vertebrale
Sulcus
nervi
spinalis
Foramen
transversarium
Corpus vertebrae,
Facies intervertebralis
Proc. spinosus
Arcus vertebrae
Proc. articularis
superior
Tuberculum
posterius
Tuberculum
anterius
Abb. 1.41 5. Halswirbel von kranial. Die Spitzen der Dornfortsätze sind
meist gespalten und die Querfortsätze besitzen Löcher. [36]
34 1 Anatomie und Physiologie
(prominent ist) und damit auch das Abzählen der Wirbel, also
die Orientierung an der Wirbelsäule erleichtert (› Abb. 1.33).
BWS
Knöcherne Fortsätze u. a. zur Artikulation mit benachbarten
Wirbeln entstehen üblicherweise ausschließlich am Arcus
vertebrae. Nun tragen als Ausnahme auch die Wirbelkörper
der BWS Gelenkflächen, die mit den Rippenköpfchen artikulieren (› Abb. 1.42). An den Querfortsätzen der Brustwirbel
finden sich weitere Gelenke zur Artikulation mit dem Hals der
zugehörigen Rippe. Die Rippen bilden also an ihrem Abgang
von der Wirbelsäule direkt hintereinander 2 Gelenke – das erste mit dem Wirbelkörper (Kostovertebralgelenk) und das direkt nachfolgende mit dem Querfortsatz des Wirbelbogens
(Kostotransversalgelenk).
Stabilisierung der Wirbelsäule
Bereits die Achse der Wirbelkörper mit den zwischengelagerten, faserknorpeligen Bandscheiben sorgt für Belastbarkeit und
Stabilität. Ergänzt wird dies durch die Intervertebralgelenke
mit ihren Gelenkkapseln und Bändern, deren Gelenkflächen
im Wesentlichen nur geringgradige und gut definierte Bewegungen zulassen. Darüber hinaus bilden die Wirbelbögen mit
ihren Wirbelkörpern eine knöcherne Einheit.
Zusätzliche Stabilität erhält die Wirbelsäule durch kräftige
Bänder, die an der Ventral- wie an der Dorsalseite von Wirbelkörpern nebst Bandscheiben verlaufen (vorderes und hinteres
Längsband; Lig. longitudinale anterius und posterius)
(› Abb. 1.43). Sie sind ventral nur mit den Wirbelkörpern verwachsen und dorsal nur mit den Zwischenwirbelscheiben. Wenn
man dann noch berücksichtigt, dass jeder einzelne Wirbel über
Bänder zwischen den Dornfortsätzen (Ligg. supra- und interspinalia) sowie Wirbelbögen (Ligg. flava) an jedem Nachbarwirbel befestigt ist, könnte es eher verwundern, dass überhaupt
noch eine Restbeweglichkeit der Wirbelsäule übrig bleibt.
M E R K E
Beim hinteren Längsband ist zu beachten, dass es im vordersten Anteil des Wirbelkanals zwischen Rückenmark und Wirbelkörper verläuft und dort an den Bandscheiben festgewachsen ist.
Zusammenfassung
Wirbelsäule (Columna vertebralis):
• Aufgaben: ermöglicht den aufrechten Gang, dient als „Aufhängevorrichtung“ für die großen Körperhöhlen, schützt
das Rückenmark; sie wird durch zahlreiche kräftige Bänder
stabilisiert
• ist aufgebaut aus:
– 7 Halswirbeln in konkaver Anordnung (Halslordose)
– 12 Brustwirbeln in konvexer Anordnung (Brustkyphose)
– 5 Lendenwirbeln in konkaver Anordnung (Lendenlordose)
– Kreuzbein (Os sacrum), bestehend aus 5 miteinander
verschmolzenen Sakralwirbeln in konvexer Anordnung
(Sakralkyphose)
– 3–4 Steißbeinwirbeln
Fovea costalis
superior
Foramen
vertebrale
Costa
Tuberculum
costae
Articulatio
costotransversaria
Proc. transversus
Proc. articularis
[Zygapophysis]
superior
Lamina arcus
vertebrae
Proc. spinosus
Pediculus arcus
vertebrae
Fovea
costalis
processus
transversi
Caput costae
Articulatio capitis
costae
Corpus vertebrae
Collum costae
Abb. 1.42 Baumerkmale am Beispiel des 5. Brustwirbels (Ansicht von kranial). [36]
Lig. longitudinale posterius
a Lig. longitudinale anterius
Lig. supraspinale
Lig. interspinale
b Lig. flavum
Abb. 1.43 a Längsbänder der Wirbelsäule. b Bandapparat der Wirbelsäule. [46]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 35
• der Bauplan der einzelnen Wirbel ist prinzipiell identisch:
– Wirbelkörper geht nach dorsal über in den
– Wirbelbogen mit den Dorn- und Querfortsätzen, bildet
mit dem jeweils benachbarten Wirbelbogen die
– Zwischenwirbellöcher: hier treten Spinalnerven und Gefäße in den Rückenmarkskanal ein und aus
– Wirbelloch wird vom inneren Raum des Wirbelbogens
gebildet, sämtliche Wirbellöcher bilden einen knöchernen Kanal, der das Rückenmark enthält
• eine Sonderstellung nehmen die ersten zwei Halswirbel ein:
– Atlas (1. Halswirbel): besteht lediglich aus dem Wirbelbogen, bildet Eigelenke mit der Schädelbasis (obere
Kopfgelenke), über die unteren Kopfgelenke ist er verbunden mit dem 2. Halswirbel
– Axis (2. Halswirbel): besitzt einen nach kranial gerichteten Knochenfortsatz (Dens axis), der mit dem Atlas ein
Radgelenk bildet
• Zwischenwirbelscheiben (Discus intervertebralis):
– liegen zwischen den Wirbelkörpern
– bestehen aus einem nachgiebigen Gallertkern (Nucleus
pulposus), der von einem Faserring (Anulus fibrosus)
umgeben ist
– wirken als Puffer bei Belastungen und ermöglichen die
Bewegungen in den Zwischenwirbelgelenken (gelenkige
Verbindungen benachbarter Wirbel)
• Die Rippen bilden an ihrem Abgang von der Brustwirbelsäule jeweils ein Gelenk mit dem Wirbelkörper (Kostovertebralgelenk) und ein Gelenk mit dem Wirbelbogen (Kostotransversalgelenk).
1.4.4 Thorax
Der knöcherne Brustkorb (Thorax) wird von Brustwirbelsäule, Brustbein (Sternum) und 12 Rippenpaaren (Costae)
gebildet (› Abb. 1.44). Er bietet einen knöchernen Schutz für
Herz und Lunge – kaudal für die Oberbauchorgane Leber, Magen und Milz sowie teilweise auch für die Nieren. Seine Bewegungen vergrößern und verkleinern den intrathorakalen Raum
und ermöglichen dadurch der Lunge Inspiration und Exspiration. Kranial dem Thorax aufgelagert bilden Schlüsselbeine (Claviculae) und Schulterblätter (Scapulae) gemeinsam den sog.
Schultergürtel, an dem die Arme aufgehängt sind.
Sternum
Das Sternum (Brustbein) ist ein platter Knochen, an dem 3 Anteile unterschieden werden (› Abb. 1.45): Kranial der Handgriff (Manubrium sterni), anschließend der eigentliche Brustbeinkörper (Corpus sterni) und nach kaudal abschließend der
Schwertfortsatz (Proc. xiphoideus, Xiphoid). Das Xiphoid
bleibt bis ins höhere Lebensalter gegenüber dem Korpus teilweise beweglich. Für das Manubrium gilt dies nur für die ersten Lebensjahre; danach entsteht eine Knochenhaft.
Entsprechend sämtlicher platten Knochen ist die Kompakta
des Brustbeins aus Lamellenknochen aufgebaut, während sich
im Inneren Spongiosa befindet. Das Brustbein enthält auch
im fortgeschrittenen Lebensalter noch aktives Knochenmark. Dadurch, und durch seine oberflächliche Lage direkt
unter der Haut, eignet es sich gut zur Knochenmarkpunktion (Sternalpunktion). Meist benutzt man aber dafür den Beckenkamm, weil dies für den Patienten weit weniger unangenehm ist.
Rippen
Bei den Rippen handelt es sich um flache, gebogene Knochen,
die über jeweils 2 Gelenke an der Brustwirbelsäule befestigt
sind (› Abb. 1.44, ›Abb. 1.45). Der weitere Verlauf im Bogen nach ventral ist dann sehr unterschiedlich:
• Nur die Rippen 1 bis 7 sind direkt mit dem Sternum verbunden und werden deshalb echte Rippen genannt. Die
1. Rippe ist hierbei durch Knorpelhaft (Synchondrose)
ans Brustbein geheftet (› Abb. 1.47). Die Rippen 2 bis 7
bilden echte Gelenke (= Sternokostalgelenke) mit demselben.
• Die Rippen 8 bis 10 enden knorpelig an der 7. Rippe. Da sie
nicht direkt am Sternum angeheftet sind, bezeichnet man
sie als falsche Rippen. Der Knorpel dieser Rippen bildet
ventral die untere Begrenzung des Thorax. Gemeinsam mit
dem knöchernen Anteil der 10. Rippe bilden sie den
Rippenbogen, der medial im epigastrischen Winkel, also
Rippenknorpel
Rippenbogen
epigastrischer Winkel
Costae
fluctuantes
(freie Rippen)
Costae spuriae
(falsche Rippen)
[8.–12. Rippe]
Costae verae
(echte Rippen) [1.–7. Rippe] Interkostalraum
Abb. 1.44 Knöcherner Thorax und Schultergürtel. [46]
36 1 Anatomie und Physiologie
der Magengrube, endet. Die Rippenknorpel des Rippenbogens bilden an ihren jeweiligen Kontaktstellen ebenfalls Gelenke aus, bedeutsam für problemlose Bewegungen des
Thorax.
• Die beiden untersten Rippen 11 und 12 gehen ventral keine
Verbindung ein und enden „blind“. Sie heißen deshalb freie
Rippen. Da sie nur dorsal an den Wirbeln befestigt sind,
bleiben sie beweglich bzw. gegenüber mechanischem Druck
nachgiebig.
Das sternale Ende der Rippen besteht aus hyalinem Knorpel.
Bei maximaler Ein- und Ausatmung wird er verbogen, da die
Sternokostalgelenke kein ausreichendes Bewegungsausmaß
zulassen. Die Länge der Rippenknorpel nimmt von kranial
nach kaudal immer weiter zu. Die 1. Rippe verläuft teilweise
hinter der Klavikula und kann deshalb nicht getastet werden
(› Abb. 1.44). Bei der ersten, unterhalb der Klavikula tastbaren Rippe handelt es sich also um die zweite.
M E R K E
Zu beachten ist, dass bei den Sternokostalgelenken ausnahmsweise
ein Knochenende mit einem Knorpelende artikuliert.
1.4.5 Schultergürtel
Der Schultergürtel ist dem Thorax kranial locker und sehr beweglich aufgelagert. Er besteht aus den beiden Schlüsselbeinen
(Claviculae) und den Schulterblättern (Scapulae). Die extreme Beweglichkeit dient den Armen, die an den Schulterblättern hängen, als zusätzlicher Freiraum für ihre Bewegungen.
Schlüsselbeine
Bei den Schlüsselbeinen (Claviculae) handelt es sich um gebogene platte Knochen (› Abb. 1.46), die an ihren beiden Enden gelenkig mit Brustbein bzw. Schulterblatt verbunden sind.
Der gesamte Schultergürtel einschließlich der Arme ist lediglich durch ein einziges Gelenk mit dem Thorax verbunden,
dem Brustbein-Schlüsselbein-Gelenk (Sternoklavikulargelenk), einem „Zwitter“ zwischen Kugel- und Sattelgelenk
(› Abb. 1.47). In die Gelenkfläche ist, entsprechend Kieferund Handgelenk, ein Discus articularis aus Faserknorpel eingefügt. Am lateralen Ende der Clavicula besteht über das Akromioklavikulargelenk (AC-Gelenk) eine gelenkige Verbindung
mit dem Akromion (Schulterhöhe) der Skapula.
Proc. articularis superior
Corpus
sterni
Symphysis xiphosternalis
Proc. xiphoideus
Fovea costalis
proc. transversi
Proc.
articularis
inferior
Fovea costalis
inferior
Fovea costalis superior Incisura jugularis
Gelenkfläche für
die Clavicula
Manubrium sterni
Angulus sterni
(Art. manubriosternalis)
Symphysis
manubriosternalis
Costa V
Caput costae
Callum costae
Angulus
costae
Cartilago costalis (Rippenknorpel)
Gelenkfacetten für die Artikulation
mit den Rippenknorpeln
Discus
intervertebralis
Corpus vertebrae
Abb. 1.45 Aufbau von Sternum und Rippen, Kostovertebral- und Kostotransversalgelenk. [46]
Extremitas acromialis
Corpus claviculae
Tuberculum conoideum
Extremitas sternalis
Abb. 1.46 Rechtes Schlüsselbein (Clavicula) von kranial. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 37
P A T H O L O G I E
Klavikulafraktur
Durch die exponierte Lage der Klavikula kommt es hier bei entsprechender Gewalteinwirkung häufig zu Frakturen. Die Klavikulafraktur
stellt nach der Radiusfraktur des Unterarms die zweithäufigste
Form eines Bruches dar (15% aller Frakturen). Die Ruhigstellung
nach einer Fraktur, bei der die Bruchenden einigermaßen im Lot stehen, erfolgt durch den Rucksackverband, durch den die Schultern
nach hinten gezogen und fixiert werden (› Abb. 1.48). Bei nicht
achsengerechter Stellung wird operiert.
Bandschädigungen
Auch das laterale Akromioklavikulargelenk wird recht häufig geschädigt, indem Gelenkkapsel und Bandapparat überdehnen
(Tossy I) oder reißen können (Tossy II–III). Nach einer neueren
Nomenklatur wird die Einteilung inzwischen nach Rockwood vorgenommen, weil damit erweiterte Verletzungsvarianten erfasst werden
können. Allerdings entsprechen sich die Grade I–III weitgehend, sodass esfür den Alltag des Nicht-Facharztesziemlich gleichgültig ist, ob
die Bezeichnung Tossy oder Rockwood gewählt wird. Bei einer Bandüberdehnung nach Tossy I bleibt das Gelenk selbst intakt, während es
bei Tossy II bereits subluxiert und bei Tossy III vollständig luxiert ist.
Der nach kranial gerichtete Muskelzug des M. sternocleidomastoideus
bewirkt in diesen Fällen ein Höhertreten der Klavikula, besonders
ausgeprägt bei der vollständigen Luxation im AC-Gelenk bei Tossy III
(› Abb. 1.49). Dies kann zur Diagnosestellung benutzt werden –
nochmals verdeutlicht dadurch, dass sich das laterale Klavikulaende
mit den Fingern nach unten drücken lässt, um bei Aufhebung des
Drucks sofort wieder nach kranial abzuweichen. Dies wird als Klaviertastenphänomen bezeichnet. Gesichert wird die Diagnose
durch eine Röntgenaufnahme, bei der der Patient über ein Gewicht am Arm auch das Schulterblatt nach unten zieht, sodass sich
Skapula und Klavikula deutlich erkennbar voneinander entfernen. Die
Therapie der AC-Gelenkverletzungen erfolgt bei Tossy(Rockwood) I–II
konservativ durch Ruhigstellung, ab Grad III in der Regel operativ.
Schulterblatt
Beim Schulterblatt (Scapula) handelt es sich um einen großen,
flachen, dreieckigen Knochen lateral der oberen Brustwirbelsäule (› Abb. 1.50). Er ist am Rücken nicht knöchern, sondern lediglich muskulär fixiert, was ihm ausgedehnte Bewegungen an der Dorsalseite des Thorax ermöglicht.
Im kranialen Anteil der Skapula verläuft eine knöcherne
Leiste (Spina scapulae) schräg nach oben außen. Das verdickte
Ende dieser Leiste bildet die Schulterhöhe (Acromion), die
das Schultergelenk überdacht (nicht bildet) und mit der Klavikula gelenkig verbunden ist. Die beiden Gruben kranial und
Clavicula
Discus articularis
Lig. interclaviculare
Lig. costoclaviculare
Lig. sternoclaviculare anterius
Lig. sternocostale radiatum
Symphysis manubriosternalis Cartilago costalis II
Manubrium sterni
Cartilago costalis I
Capsula articularis
Lig. costoclaviculare
Abb. 1.47 Sternoklavikulargelenk mit Discus articularis von ventral, Knorpelhaft der 1. Rippe und Sternokostalgelenk der 2. Rippe. [36]
Abb. 1.48 Rucksackverband nach Klavikulafraktur. [37]
Abb. 1.49 Zerreißung des Bandapparates bei Tossy (Rockwood) III und
Hochstand der lateralen Klavikula. [55]
38 1 Anatomie und Physiologie
kaudal der Spina scapulae heißen Fossa supraspinata und
Fossa infraspinata. In der Fossa supraspinata befindet sich der
M. supraspinatus, dessen Sehne zwischen Schultergelenk und
Akromion hindurch zum proximalen Oberarm zieht und in
diesem Durchtritt wenig Platz zur Verfügung hat, sodass sie
leicht geschädigt werden kann.
Der laterale kraniale Winkel der Skapula (Angulus lateralis)
bildet eine Gelenkpfanne zur Aufnahme des Oberarmkopfes (→
Articulatio humeri = Schultergelenk). Der mediale kraniale
Winkel heißt Angulus superior, die kaudale Spitze Angulus inferior.
Vom Oberrand der Skapula, etwas medial der Gelenkpfanne
des Schultergelenks, zieht ein knöcherner, gebogener Fortsatz
nach ventral und erscheint hier am vorderen Thorax unterhalb
der lateralen Klavikula. Nach seinem Aussehen heißt er Rabenschnabelfortsatz (Proc. coracoideus, Coracoid). An ihm
sind mehrere Muskeln befestigt.
Schultergelenk
Der Angulus lateralis der Skapula bildet mit dem Kopf des
Oberarmknochens (Caput humeri) das Schultergelenk. Während der Gelenkknorpel des Kopfes entsprechend der möglichen Gelenkbewegungen sehr umfassend ausgebildet ist,
stellt das Schulterblatt v. a. im Vergleich zur Hüftgelenkspfanne eine nur geringe Fläche zur Artikulation bereit
(› Abb. 1.51). „Gut gemeint“, aber wenig hilfreich ist ihre
geringfügige Verbreiterung durch eine faserknorpelige Gelenklippe.
Von einem kleinen knöchernen Vorsprung am Oberrand
der Pfanne (Tuberculum supraglenoidale) entspringt die Sehne des langen Bizepskopfes und läuft anschließend ein Stück
weit durch die Gelenkhöhle. Am Unterrand der Pfanne (Tuberculum infraglenoidale) entspringt die Sehne des langen
Trizepskopfes. Beinahe ein wenig eingeklemmt zwischen Gelenkkapsel und Schulterhöhe zieht die Sehne des M. supraspinatus zum proximalen Oberarm. Zwischen dieser Supraspinatussehne und dem Knochen des Akromion ist als nachgiebiges Polster ein Schleimbeutel (Bursa subacromialis) eingeschoben.
Die Beweglichkeit der Skapula, die Aufhängung der gesamten Strukturen über ein einziges Gelenk und die Ausformung
des Schultergelenks als Kugelgelenk mit gleichzeitig auffallend
kleiner, wenig überdachender Gelenkfläche ermöglichen die
extrem freie Beweglichkeit des Armes. Die Gelenkkapsel des
Schultergelenks ist daneben auch deutlich weiter und weniger
straff als üblich, weil sie sämtliche Bewegungen mitzumachen
hat. Das Schultergelenk wird so zum beweglichsten Gelenk des
gesamten Körpers. Der Nachteil dieser anatomischen Verhältnisse ist die gleichzeitig gegebene Verletzlichkeit der Strukturen Schlüsselbein (Fraktur) mit AC-Gelenk (Tossy bzw. Rockwood), Schultergelenk mit häufiger Luxationsneigung (Heraustreten des Oberarmkopfes aus seiner Gelenkpfanne) sowie
Empfindlichkeit der umgebenden Strukturen Bursa subacromialis, Sehnen und Muskelansätze (PHS).
M E R K E
Es gibt am Schultergürtel auf jeder Seite 3 Gelenke:
• Sternoklavikulargelenk als Verbindung zwischen Sternum und Klavikula und gleichzeitig einziger Verbindung zwischen Schultergürtel und Rumpf
• Akromioklavikulargelenk als Verbindung zwischen Klavikula und
Skapula
• Schultergelenk als Verbindung zwischen Skapula und Humerus.
Angulus lateralis
Angulus
acromii
Acromion
Proc. coracoideus
Incisura scapulae
Angulus superior Margo superior
Fossa
supraspinata
Spina
scapulae
Margo
medialis
Angulus inferior
Collum scapulae
Margo lateralis
Cavitas
glenoidalis
Fossa infraspinata
Proc. coracoideus
Incisura scapulae
Margo superior
a b
Facies
costalis
Acromion
Facies articularis
clavicularis
Cavitas
glenoidalis
Collum
scapulae
Fossa
subscapularis
Abb. 1.50 Rechtes Schulterblatt (Scapula) von dorsal (a) und ventral (b). [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 39
P A T H O L O G I E
Schultergelenkluxation
Häufig genügt bereits ein eigentlich harmloser Sturz auf den Arm, um
das Caput humeri aus seiner Pfanne herauszuhebeln. Nicht so selten kommt es bei manchen Menschen in der Folge angeborener oder
erworbener Anomalien, z.B. aufgrund einer nochmals verkleinerten Gelenkpfanne oder einer übergroßen Nachgiebigkeit der umgebenden
Strukturen, zur Luxation bereits bei Alltagsbewegungen. Man spricht
hier von der habituellen (habituell = wiederholt, gewohnheitsmäßig)
Schultergelenkluxation. Meist springt der Kopf bei diesen Luxationen nach vorne heraus und ist dann in der Achselhöhle zu tasten. Der
Hinweis beim Patienten ergibt sich neben meist nur milden Schmerzen
aus einer deutlich eingeschränkten, federnden Beweglichkeit. Die eigentliche Diagnose erfolgt aus dem Röntgenbild, in dem auch zusätzliche
Verletzungen von Pfanne oder weiteren Strukturen erkennbar werden.
Die Reposition einer vorderen Schulterluxation wurde bereits vor
rund 2.400 Jahren von Hippokrates durchgeführt. Nach seinen Anweisungen kann man auch heute noch den in die Achselhöhle des liegenden Patienten gestemmten Fuß als Hypomochlion benutzen, um den
Humeruskopf durch Längszug am Patientenarm in seine Pfanne zurückgleiten zu lassen (› Abb. 1.52). Alternativ ist auch die Rückenlehne eines Stuhls als Hypomochlion geeignet. Allerdings können
durch die Reposition zusätzliche Verletzungen entstehen bzw. bereits
im Rahmen einer traumatischen Luxation entstanden sein. Sie sollte
deshalb bevorzugt in der Klinik stattfinden, in der sowohl eine Kurznarkose unter Muskelrelaxation als auch Röntgenkontrollen möglich sind.
PHS
Die PHS (Periarthritis oder auch Periarthropathia humeroscapularis) mit mehr oder weniger umfangreicher Beteiligung umgebender Strukturen ist ein ungemein häufiges Krankheitsbild. Betroffen ist
hierbei nicht das Gelenk selbst (Arthritis), sondern seine Umgebung
aus Sehnen, Bändern und Muskeln (Periarthritis). Die Therapie besteht
aus Schonung, Wärmeapplikation, entsprechenden Medikamenten
oder lokalen Infiltrationen an Muskulatur und Sehnenansätzen.
Humerus
Scapula
M. supraspinatus
Lig. coracohumerale
Labrum glenoidale
Cavitas glenoidalis
Caput humeri
M. biceps brachii,
Caput longum, Tendo
M. biceps brachii,
Caput longum, Tendo
Bursa subacromialis
Acromion
Facies articularis clavicularis
Abb. 1.51 Rechtes Schultergelenk (Articulatio humeri) von ventral. Beachte folgende Strukturen: sehr kleine Gelenkpfanne, Akromion mit Gelenkfläche zur
Klavikula, lange Bizepssehne, Sehne des M. supraspinatus, Bursa subacromialis und verknöcherte Epiphysenfuge. [36]
Abb. 1.52 Reposition einer vorderen Schulterluxation. a Reposition nach
Hippokrates: Der unbeschuhte Fuß des Therapeuten dient als Hypomochlion
für den Längszug am gestreckten Arm. b Reposition nach Arlt: Der verletzte
Arm liegt über einer gepolsterten Stuhllehne, es wird ein Zug am rechtwinklig gebeugten Arm durchgeführt. [47]
40 1 Anatomie und Physiologie
Weitere Ursachen für Schulterschmerzen sind die Arthrose des Schultergelenks(Omarthrose), Verkalkungen im Bereich des Gelenks, eine
Schädigung der Bursa subacromialis, Reizungen oder eine Ruptur
der langen Bizepssehne oder Reizungen derjenigen Muskeln, die
am Proc. coracoideus ansetzen. Schließlich können auch Erkrankungen innerer Organe in die Schulter ausstrahlen (Herzinfarkt, Magenperforation, Perihepatitis, Erkrankungen der Gallenblase, Milzruptur
u.a.), doch ist dies anhand zusätzlicher Symptome leicht abzugrenzen.
Impingement-Syndrom
Eine tatsächliche Überlastung des Schultergelenks macht sich in erster Linie durch eine Einengung und Reizung der Sehne des M. supraspinatus bzw. der gesamten Rotatorenmanschette einschließlich der
Bursa subacromialis bemerkbar. Man bezeichnet dies als Impingement-Syndrom („Einklemmungssyndrom“). Der typische Hinweis hierauf ergibt sich bei der aktiven oder passiven Abduktion (Seitwärtshebung bis zur Horizontalen) und Elevation (Hebung über die Horizontale hinaus) des Armes. Die Abduktion wird etwa ab einem Winkel
von 70° schmerzhaft, weil die gereizte und verdickte Supraspinatussehne ab diesem Winkel zusätzlichen mechanischen Reizungen ausgesetzt ist. Hier sind lokale Infiltrationen sinnvoll und angezeigt.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Gerade bei der PHS wird häufig übersehen, dass die eigentliche
Schmerzsymptomatik nicht durch eine tatsächlich eingetretene Überlastung, sondern vielmehr durch Blockaden im Bereich der HWS
verursacht wurde. Beispielsweise ist das Dermatom bzw. Myotom der
mittleren HWS die Schulterhöhe. Zusätzlich verursachen Rippenblockaden (v. a. CT 3, CT 5 und CT 7) massive Verspannungen am
Oberrand des M. trapezius. Der M. levator scapulae, der am Angulus
superior der Scapula ansetzt, wird aus den Segmenten C 3 und C 4
versorgt und führt im Bereich des Angulus superior zu massiven Myogelosen (Verhärtungen), wenn Gelenke der oberen HWS blockieren.
Auch die Blockade des 1. Brustwirbels strahlt in die Schulter aus. Den
entscheidenden Hinweis auf diese häufigste Ursache eines Schulterschmerzes erhält man aus der weitgehend ungestört durchführbaren
Abduktion und Elevation des Armes. Anamnestisch wird man nicht so
selten von Parästhesien erfahren, die in der Ruhe, z.B. beim morgendlichen Erwachen, bis in die Finger ausstrahlen und damit einen
Bezug zum Karpaltunnelsyndrom (› 3.4.4) herstellen.
Die übliche Behandlung ist für den Patienten sicherlich hilfreich,
gleichzeitig aber auch langwierig und nicht immervon Erfolg gekrönt,
weil sie die eigentliche Ursache außer Acht lässt. Die kausale Therapie kann hier einzig aus einer (sofort wirksamen) chirotherapeutischen Deblockierung von HWS und oberer BWS bestehen.
Zusammenfassung
Brustkorb (Thorax): schützt Herz, Lunge und Oberbauchorgane; besteht aus:
• Sternum (Brustbein) mit Handgriff (Manubrium), Brustbeinkörper und Schwertfortsatz (Proc. xiphoideus)
• 12 Rippenpaaren mit jeweils zwei gelenkigen Verbindungen zur Brustwirbelsäule:
– Rippen 1–7 sind über ihre Rippenknorpel direkt mit dem
Brustbein verbunden (echte Rippen)
– Rippen 8–10 enden knorpelig an der 7. Rippe (falsche
Rippen)
– Rippen 11 und 12 enden frei im Bauchraum (freie Rippen)
• Brustwirbelsäule
Schultergürtel:
• Schlüsselbein (Clavicula): ist gelenkig mit Brustbein (Sternoklavikulargelenk) und Schulterblatt (Akromioklavikulargelenk) verbunden
• Schulterblatt (Scapula): flacher dreieckiger Knochen; bildet die Gelenkpfanne für den Oberarmkopf (Schultergelenk)
• Schultergelenk: ist ein Kugelgelenk und das beweglichste
Gelenk des Körpers; gleichzeitig anfällig für Verletzungen
(Luxation, PHS, Impingement-Syndrom, Schulterschmerz
unterschiedlicher Genese)
1.4.6 Obere Extremität
Der Arm besteht aus einem einzelnen Oberarmknochen, zwei
Unterarmknochen, 8 Handwurzelknochen sowie 19 Knochen
an Mittelhand und Fingern (› Abb. 1.53).
Oberarm
Der Oberarmknochen heißt Humerus (› Abb. 1.54) und bildet mit seinen beiden Epiphysen das Schultergelenk und das
Ellbogengelenk. Die proximale Epiphyse des Humerus trägt
an einem sehr kurzen Hals (Collum) den kugeligen Gelenkkopf
(Caput humeri). Ihm gegenüber – in Neutralstellung des Armes also lateral – findet sich auf derselben Höhe ein knöcherner Höcker (Tuberculum majus). Ventral wiederum auf derselben Höhe befindet sich ein weiterer, deutlich kleinerer Höcker (Tuberculum minus).
In der Mitte der distalen Epiphyse erkennt man eine knöcherne Rolle (Trochlea humeri), die mit der angrenzenden
Elle (Ulna) des Unterarms einen Teil des Ellbogengelenks bildet, das Humeroulnargelenk. Dieses Gelenk stellt ein einachsiges Scharnier- bzw. Walzengelenk dar.
Lateral neben der Trochlea findet sich ein rundliches Gelenkköpfchen (Capitulum humeri), das mit der Speiche
(Radius) des Unterarms artikuliert (Humeroradialgelenk).
Die grubenförmige Gelenkfläche des Radiusköpfchens bildet
mit dem Capitulum humeri eigentlich ein Kugelgelenk, doch
ist die Bewegungsachse im Ellbogengelenk durch die Trochlea humeri bzw. das Humeroulnargelenk vorgegeben, sodass
das Humeroradialgelenk nur dessen Bewegungen mitführen
und stabilisieren kann.
An der Außen- und Innenseite der distalen Epiphyse sitzt je
ein weiterer knöcherner Höcker, der hier nicht Tuberculum
(kleiner Höcker), sondern Epicondylus lateralis bzw. Epicondylus medialis genannt wird, weil er dem Gelenkkopf (Condylus) aufsitzt (epi). Der Epicondylus lateralis befindet sich über
der Achse des angrenzenden Radius (Speiche) des Unterarmes
und heißt deswegen auch Epicondylus humeri radialis. Entsprechend heißt der Epicondylus medialis auch Epicondylus
humeri ulnaris.
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 41
P A T H O L O G I E
Tennis- und Golferellenbogen
Eine häufige Erkrankung ist die Epicondylitis humeri radialis (Tennisellenbogen) bzw. Epicondylitis humeri ulnaris (Golferellenbogen). Dabei handelt es sich im Prinzip um einen entzündlichen Reizzustand derjenigen Sehnen, die an diesen Epikondylen ansetzen, bzw.
des Periosts, in dassie einstrahlen. Bei den Muskeln, deren Sehnen am
Epicondylus radialis inserieren, handelt es sich überwiegend um die
Streckmuskulatur (Extensoren) des Unterarms, bei denjenigen des
medialen Epikondylus um die Beugemuskeln (Flexoren). Hier gilt
ähnliches wie das, was bei der PHS ausgeführt wurde (› 1.7.5): Häufig führt nicht eine stattgehabte Überlastung zu dem Krankheitsbild,
sondern Blockaden in den Segmenten C5/6 und C6/7, die in ihren
Kennmuskeln dann Myogelosen (Verhärtungen) auslösen. Die Verspannung des Muskels führt zum Zug an der zugehörigen Sehne und dieser
schließlich zum Reizzustand im Bereich des Epikondylen-Periosts.
Überprüft wird der Reizzustand mit dem Thomsen-Zeichen:
• Die aktiv gegen Widerstand (des Untersuchers) ausgeführte Extension im Handgelenk führt beim Patienten mit Tennisellenbogen zu Schmerzen in Streckmuskulatur und lateralem Epikondylus.
• Entsprechend kommt es bei der Flexion im Handgelenk gegen
Widerstand zur Reizung von Beugemuskulatur und Epicondylus ulnaris.
Humerusfraktur
Eine besonders frakturgefährdete Stelle des Humerus ist nicht etwa
der lange Schaft (die Diaphyse), sondern der an das Caput humeri
angrenzende Bereich des Halses bzw. der beiden Tubercula bzw. der
direkt anschließende Teil der Diaphyse (sog. Collum chirurgicum).
Man spricht dann von einer proximalen bzw. subkapitalen Humerusfraktur.
Carpus,
Ossa carpi
Metacarpus,
Ossa metacarpi
Digiti manus,
Ossa digitorum:
– Phalanx proximalis
– Phalanx media
– Phalanx distalis
Clavicula
Scapula
Humerus
Radius
Ulna
Articulatio
acromioclavicularis
Articulatio humeri
Articulatio cubiti
Articulatio humeroradialis
Articulatio
Articulatio radioulnaris
proximalis
Articulatio radioulnaris distalis
Articulatio radiocarpalis
Articulatio mediocarpalis
Articulationes carpometacarpales
Articulationes metacarpophalangeae
Articulationes interphalangeae
manus proximales
Articulationes interphalangeae
manus distales
Abb. 1.53 Übersicht über die obere Extremität. [36]
42 1 Anatomie und Physiologie
Unterarm
Die beiden Unterarmknochen heißen Elle (Ulna) und Speiche
(Radius) (› Abb. 1.53, › Abb. 1.55). Vor allem die Ulna bildet gemeinsam mit der Trochlea humeri die einachsige Verbindung zwischen Ober- und Unterarm, also den tragenden
und führenden Teil des Ellbogengelenks für seine Flexion
(Beugung) und Extension (Streckung). Das Humeroulnargelenk ist ein reines Scharniergelenk. Das dorsale Ende der proximalen Ulna-Epiphyse heißt Olecranon (Ellenbogen = knöcherner Bogen der Elle). Es begrenzt die Streckung des Armes,
indem es in der knöchernen Grube (Fossa olecrani) einrastet,
die sich auf der Dorsalseite der distalen Humerusepiphyse befindet (› Abb. 1.54b). Daneben artikuliert der proximale Radius mit dem Capitulum humeri (Humeroradialgelenk), sodass Streckung und Beugung im Ellbogengelenk immer gleichzeitig in den Gelenken zwischen Humerus einerseits sowie Ulna und Radius andererseits durchgeführt werden. Die distalen
Enden der Unterarmknochen tragen jeweils einen griffelförmigen Fortsatz – den Proc. styloideus radii bzw. Proc. styloideus ulnae.
Direkt distal von Humeroulnar- und Humeroradialgelenk
kommunizieren Elle und Speiche zum proximalen Radioulnargelenk, einem einachsigen Radgelenk, bei dem sich das
Köpfchen des Radius (Caput radii) in der Gelenkfläche der proa b
Caput humeri
Tuberculum minus
Margo medialis
Fossa coronoidea
Epicondylus
medialis
Condylus humeri Trochlea humeri
Sulcus intertubercularis
Tuberculum majus
Tuberositas deltoidea
Margo lateralis
Fossa radialis
Epicondylus lateralis
Capitulum humeri
Collum chirurgicum
Collum anatomicum
Corpus humeri
Tuberculum majus
Trochlea humeri
Collum anatomicum
Sulcus nervi
radialis
Fossa olecrani
Sulcus nervi
ulnaris
Collum chirurgicum
Abb. 1.54 Rechter Oberarmknochen (Humerus) von ventral (a) und dorsal (b). [36]
Epicondylus
lateralis
Capitulum
humeri
Epicondylus
medialis
Trochlea
humeri
Olecranon
Circumferentia
articularis
Collum radii
Caput radii
Tuberositas
radii
Corpus radii,
Facies anterior
Incisura trochlearis
Proc.
coronoideus
Tuberositas ulnae
Corpus ulnae,
Facies anterior
Incisura radialis
Abb. 1.55 Rechtes Ellenbogengelenk von ventral. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 43
ximalen Ulna dreht. Das Caput radii trägt also zwei Gelenkflächen – zu Elle und Oberarmknochen. Entsprechendes muss
dann auch für die Basis der Elle gelten.
M E R K E
Die 3 Gelenke
• Humeroradialgelenk (Articulatio humeroradialis)
• Humeroulnargelenk (Articulatio humeroulnaris)
• proximales Radioulnargelenk (Articulatio radioulnaris proximalis)
werden, weil sie eine gemeinsame Gelenkhöhle bilden, zum Ellbogengelenk zusammengefasst.
P A T H O L O G I E
Bursitis olecrani
Der Schleimbeutel zwischen Olecranon und Haut ist im Alltag häufig Überlastungen ausgesetzt. Es kommt zur schmerzhaften Bursitis
olecrani mit Rötung und Schwellung (› Abb. 1.56). Auch im Rahmen einer Verletzung, einer cP oder als Gichtanfall kann eine
Bursitis entstehen.
Subluxation des Radiusköpfchens
Im Kleinkindesalter subluxiert das Radiusköpfchen noch relativ
leicht aus seiner Gelenkverbindung durch das umhüllende Bandgewebe (Lig. anulare;› Abb. 1.57) hindurch, wodurch es seinen
physiologischen Kontakt zur Ulna verliert, im Lig. anulare eingeklemmt wird und Bewegungen im Ellbogengelenk nicht mehr möglich
sind. Es resultiert eine Pseudoparese (Scheinlähmung), die sog.
Chassaignac-Lähmung, bei der die Kinder den Arm angebeugt in
Pronationsstellung vor den Körper halten und Bewegungen im
Ellbogengelenk nicht mehr möglich sind. Man sollte also Kleinkinder
niemals ruckartig am Arm hochreißen.
Die Therapie wird dem unerfahrenen Therapeuten gewissermaßen
durch den Radiologen abgenommen, weil derselbe für seine Röntgenaufnahme den Arm in Supinationsstellung bringen muss. Man
führt also, um dieser Schmach zu entgehen, für die Reposition der
Luxation eine kombinierte Beuge- und Supinationsbewegung
durch, wodurch das Radiusköpfchen in seine Pfanne zurückgleitet.
Hand
Proximales Handgelenk
Der Kopf des Radius sitzt an dessen proximalem Ende. Der
Kopf der Ulna (Caput ulnae) dagegen befindet sich am distalen
Ende des Knochens. Die breite (distale) Basis des Radius bildet mit den proximalen Handwurzelknochen ein (zweiachsiges) Eigelenk, das proximale Handgelenk (›Abb. 1.58). Das
Ulna-Köpfchen beteiligt sich am Handgelenk dagegen nicht direkt, sondern lediglich „indirekt“ über eine dicke Scheibe aus
Faserknorpel (Discus articularis). Die Bewegungen im proximalen Handgelenk bestehen aus Flexion und Extension sowie
Abknickbewegungen nach radial und ulnar.
Rotation der Hand
Das Humeroulnargelenk ist ein reines Scharniergelenk und damit zuständig allein für Flexion (Beugung) und Extension
(Streckung) des Armes im Ellbogengelenk. Die Drehbewegungen von Hand und Unterarm, die wegen fehlender Rotationsmöglichkeit im Handgelenk stets gemeinsam stattfindet, erfolgt dagegen mittels der beiden Radioulnargelenke (proximales als Bestandteil des Ellbogengelenks). Hierbei dreht sich
sowohl proximal wie distal jeweils der Radius um die Ulna, wobei beide Gelenke durch ihre Zugehörigkeit zu denselben Knochen immer in Kombination arbeiten müssen. Auch das distale
Radioulnargelenk ist also ein Radgelenk.
Bei der Hand- bzw. Unterarmdrehung nach außen wird die
Handfläche (Palma), zumindest bei angebeugtem Unterarm,
nach oben gerichtet. Man nennt diese Bewegung Supination.
Die beiden Unterarmknochen stehen bei vollständig durchgeführter Supination parallel zueinander (› Abb. 1.59).
Werden Hand bzw. Unterarm aus der Supinationsstellung
heraus nach innen gedreht, kommt die Handfläche unten zu
liegen. Man nennt diese Bewegung Pronation. Durch unterschiedliche Bewegungsausmaße im proximalen und distalen
Radioulnargelenk überkreuzen sich in der Endstellung der
Pronation die beiden Unterarmknochen (› Abb. 1.59).
M E R K E
Bei der Supination ist die Hohlhand nach oben gerichtet und bildet
quasi eine Suppentasse. Bei der Pronation weist die Handfläche
nach unten, wie man dies z.B. für das Schneiden von Brot benötigt.
Abb. 1.56 Bursitis olecrani. [21]
Articulatio
radioulnaris
proximalis
Lig. anulare
radii
Collum radii
Tuberositas ulnae
Proc.
coronoideus
Incisura
trochlearis
Olecranon
Tuberositas
radii
Abb. 1.57 Rechtes proximales Radioulnargelenk (Ansicht von proximal
ventral) und Lig. anulare, das das Radiusköpfchen umgibt. [36]
44 1 Anatomie und Physiologie
Handwurzel
Die Karpal- bzw. Handwurzelknochen (Carpus = Handwurzel) setzen sich an jedem Handgelenk aus 8 einzelnen Knochen
zusammen. Sie heißen (› Abb. 1.58, › Abb. 1.53):
• Kahnbein (Os scaphoideum)
• Mondbein (Os lunatum)
• Dreieckbein (Os triquetrum)
• Erbsenbein (Os pisiforme): ein Sesambein (› 1.4.8)
• großes Vieleckbein (Os trapezium)
• kleines Vieleckbein (Os trapezoideum)
• Kopfbein (Os capitatum)
• Hakenbein (Os hamatum).
Jeweils 4 Knochen stehen proximal und distal in einer Reihe.
Die 4 proximalen Handwurzelknochen heißen also in der
Reihenfolge von radial nach ulnar Kahnbein, Mondbein,
Dreieckbein und Erbsenbein. Die kleine, sicht- und tastbare
Vorwölbung an der Ulnarseite der Handwurzel wird vom
Erbsenbein verursacht. Die 4 distalen Handwurzelknochen
heißen – wiederum beginnend mit der Radialseite – großes
und kleines Vieleckbein, Kopfbein und Hakenbein. Das Os
trapezium wird häufig nicht als Vieleckbein, sondern als Trapezbein bezeichnet. Entsprechend heißt das Os trapezoideum
auch trapezähnlicher Knochen oder Trapezoid. Radius,
Kahnbein, großes Vieleckbein, 1. Mittelhandknochen und
Daumen stehen von proximal nach distal in einer fortlaufenden Verbindungsreihe.
M E R K E
Für Namen und Anordnung der 8 Handwurzelknochen gibt es in
Abhängigkeit von der jeweiligen Übersetzung des Os trapezium bzw.
trapezoideum 2 etwas unterschiedliche Versionen eines kleinen „Gedichts“:
Ein Kahnbein fährt im Mondenschein
im Dreieck um das Erbsenbein.
Vieleck groß und Vieleck klein,
der Kopf, der muss am Haken sein.
Oder:
Ein Schiffchen fährt im Mondenschein
dreieckig um das Erbsenbein.
Trapeze, regulär und krumm,
im Kopfe hakt die Wurzel nun.
Distales Handgelenk
Drei der vier proximalen Handwurzelknochen (das Erbsenbein
beteiligt sich nicht) bilden mit der Basis des Radius und dem
Articulatio radioulnaris distalis
Caput ulnae
Articulatio radioulnaris
distalis
Discus articularis
Lig. collaterale carpi ulnare
Articulatio mediocarpalis
Os hamatum
Articulationes
carpometacarpales
Radius
Os lunatum
Articulatio radiocarpalis
Os capitatum
Os scaphoideum
Lig. collaterale carpi radiale
Os trapezoideum
Os trapezium
Articulatio carpometacarpalis pollicis
Os metacarpi I
Os triquetrum
Abb. 1.58 Radius und proximales Handgelenk (Articulatio radiocarpalis) sowie Ulna mit Discus articularis und Gelenke der Handwurzel. [36]
Elle (Ulna)
Speiche
(Radius)
1. Glied 5.5. Glied 1.
distales
Radio-UlnarGelenk
Ellenköpfchen
(Caput
ulnae)
proximales
RadioUlnarGelenk
Supination Pronation
Abb. 1.59 Supination und Pronation von Hand bzw. Unterarm. [38]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 45
Discus articularis des Ulnaköpfchens das proximale Handgelenk (= Eigelenk).
Die vier in der distalen Reihe bilden mit diesen proximalen
Karpalknochen das distale Handgelenk ohne wesentliche Beweglichkeit – Beugung und Streckung sowie Kippbewegung
nach außen und innen (= radiale und ulnare Abduktion der
Hand zum Unterarm) finden weit überwiegend im proximalen
Handgelenk statt.
Jeder der 8 Handwurzelknochen bildet eine Vielzahl gelenkiger Verbindungen mit jeweils sämtlichen angrenzenden
Knochen, wobei allerdings das jeweilige Bewegungsausmaß
minimal bleibt.
Karpaltunnel
Die Handwurzelknochen sind bogenförmig angeordnet, weshalb sich beugeseitig (palmar) eine längs verlaufende Rinne
ergibt. Durch die Überdachung dieser Rinne mittels eines breiten Haltebandes (Retinaculum flexorum) entsteht ein regelrechter Tunnel (Karpaltunnel), durch den neben den Sehnen
der Fingerbeugemuskeln auch der N. medianus nach distal
zieht (› Abb. 1.60). Befestigt ist das Halteband radialseitig an
Kahnbein und Trapezbein sowie ulnarseitig an Dreieckbein
und Hakenbein.
Bestimmung des Knochenalters
Mittels einer Röntgenaufnahme der Handwurzelknochen
(› Abb. 1.61) kann man näherungsweise das Lebensalter eines Kindes bestimmen, weil ab dem Zeitpunkt der Geburt in
jedem Jahr ein neuer Knochenkern in einem weiteren „Handwurzelknorpel“ hinzukommt.
M. flexor pollicis
longus, Tendo
N. medianus
M. flexor carpi
radialis, Tendo
Os trapezium
Os trapezoideum
Os capitatum
A.; N. ulnaris
Hamulus ossis hamati
M. flexor digitorum
profundus, Tendines
M. flexor digitorum
superficialis, Tendines
Retinaculum musculorum flexorum
Ligg. carpometacarpalia Os hamatum
palmaria
Abb. 1.60 Transversalschnitt durch das Handgelenk. Im Canalis carpi kann der N. medianus komprimiert werden, was als Karpaltunnel-Syndrom bezeichnet wird. [36]
4
6
2
1
9
5
8
4
10
7
2
9
8
6
5
3
1
11
10
7
9
8
12
5
1
2
3 4
6
11
a b c
Abb. 1.61 Röntgenaufnahmen des Handgelenks zur Bestimmung des Knochenalters eines Kindes. a 4½-jähriger Junge. b 7-jähriger Junge. c 11-jähriger
Jugendlicher. 1 = Ulna, 2 = Radius, 3 = distale Epiphyse der Ulna, 4 = distale Epiphyse des Radius, 5 = Os lunatum, 6 = Os triquetrum, 7 = Os scaphoideum, 8 = Os hamatum, 9 = Os capitatum, 10 = Os trapezoideum, 11 = Os trapezium, 12 = Os pisiforme. [28]
46 1 Anatomie und Physiologie
P A T H O L O G I E
Die distale Radiusfraktur (knapp proximal des Handgelenks) ist
mit 25% Anteil an allen Frakturen die mit Abstand häufigste Fraktur des Erwachsenen. Übliche Ursachen sind Stürze auf die überstreckte oder angebeugte Hand (› Abb. 1.62). Die Ulna ist häufig
in das Trauma mit einbezogen.
Ebenfalls häufig bricht das in Fortsetzung des Radius liegende
Kahnbein, wobei hier in der Regel ein Sturz auf die angebeugte
Hand zugrunde liegt. Die Besonderheit dieser Fraktur besteht darin,
dass sie oftmals in einer ersten Röntgenaufnahme nicht erkennbar ist, selbst wenn in 4 Ebenen geröntgt wird. Man sollte also bei
entsprechendem Verdacht (Schwellung und Druckschmerz über der
Tabatiere = Hautgrube über dem Kahnbein) nach 1–2 Wochen eine
Kontrolle durchführen und so lange in der Gipsschiene ruhigstellen.
Übersehene Kahnbeinfrakturen führen häufig zu Pseudarthrosen.
Mittelhand (›Abb. 1.60)
Anschließend an die 8 Handwurzelknochen folgen nach distal
die 5 Mittelhandknochen (Os metacarpale I–V) der Finger 1
bis 5. Man beginnt auf der Radialseite mit dem Zählen: Der
1. Finger ist der Daumen, der 5. Finger ist der Kleinfinger. Der
1. Mittelhandknochen ist der Verbindungsknochen zwischen
dem großen Vieleckbein (Trapezbein) und dem Daumen. Der
5. Mittelhandknochen verbindet entsprechend das Hakenbein
mit dem kleinen Finger.
Das Daumenwurzelgelenk (= Daumensattelgelenk = Karpometakarpalgelenk = Verbindung zwischen Os trapezium
und Os metacarpale I), ermöglicht durch seine 2 Freiheitsgrade die Opponens-Stellung des Daumens zu den übrigen Fingern und damit die besonderen Möglichkeiten der menschlichen Hand. Hierbei hilft auch die besonders kräftig ausgebildete Muskulatur des Daumens (Thenar).
Finger (›Abb. 1.60)
Die nach distal an die Mittelhandknochen anschließenden Finger bestehen jeweils aus den 3 Knochen Grundphalanx, Mittelphalanx und Endphalanx. Lediglich der Daumen besitzt
nur 2 Knochen – Grundphalanx und Endphalanx.
Fingergelenke (›Abb. 1.63)
Die Grundgelenke der Finger 2–5 (Metakarpophalangealgelenk = MP), d. h. die Gelenke zwischen jeweiligem Mittelhandknochen und Grundphalanx (= Knöchel), sind angenähert
Kugelgelenke mit etwas eingeschränktem Bewegungsumfang.
Beim Daumengrundgelenk (nicht Daumenwurzelgelenk!)
handelt es sich dagegen um ein (einachsiges) Scharniergelenk.
Auch die Mittelgelenke und Endgelenke der Finger sind
Scharniergelenke mit lediglich einem Freiheitsgrad.
P A T H O L O G I E
Frakturen müssen in der medizinischen Terminologie verwechslungssicher gekennzeichnet werden. Zum Beispiel würde ein Knochenbruch im mittleren Abschnitt des rechten Zeigefingers bezeichnet als Fraktur der Mittelphalanx D2 re. D steht hierbei für Digitus =
Finger (Zehe). D1 bezeichnet den Daumen (Großzehe), D5 den Kleinfinger (Kleinzehe).
Das Daumensattelgelenk ist oftmals besonderen Belastungen
bzw. auch Überlastungen ausgesetzt und neigt zu Entzündungen und
Blockierungen. Verschleiß und Entzündung des Daumensattelgelenks
heißen Rhizarthrose und Rhizarthritis.
Zusammenfassung
Knochen der oberen Extremität:
• Oberarmknochen (Humerus): Röhrenknochen mit Tuberculum majus und Tuberculum minus proximal, Trochlea
humeri, Capitulum humeri, Epicondylus lateralis und Epicondylus medialis distal
• Elle (Ulna) mit breiter Basis und Olecranon proximal,
Köpfchen und Proc. styloideus ulnae distal
• Speiche (Radius) mit Köpfchen proximal, breiter Basis und
Proc. styloideus radii distal
• Handwurzelknochen:
– proximale Reihe (von radial nach ulnar): Kahnbein (Os
scaphoideum), Mondbein (Os lunatum), Dreickbein (Os
triquetrum), Erbsenbein (Os pisiforme)
– distale Reihe: großes Vieleckbein (Os trapezium), kleines
Vieleckbein (Os trapezoideum), Kopfbein (Os capitatum), Hakenbein (Os hamatum)
Speiche
(Radius)
Elle
(Ulna)
Fraktur
Handwurzelknochen
Abb. 1.62 Distale Radiusfraktur durch Sturz auf die überstreckte Hand.
[38]
Articulatio
metacarpophalangea
Phalanx proximalis
Caput phalangis
Articulatio
interphalangea
manus proximalis Basis phalangis
Os metacarpi
Phalanx distalis
Phalanx media
Articulatio
interphalangea
manus distalis
Tendo
Abb. 1.63 Fingergelenke im Sagittalschnitt (Ansicht von ventral). Klinisch
werden die Mittelgelenke als PIP (proximales Interphalangealgelenk) und
die Endgelenke als DIP (distales Interphalangealgelenk) bezeichnet. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 47
• 5 Mittelhandknochen (Os metacarpale I–V)
• Finger bestehen jeweils aus Grundphalanx, Mittelphalanx,
Endphalanx (Ausnahme: Daumen mit Grund- und Endphalanx)
Gelenke der oberen Extremität:
• Ellenbogengelenk: ist ein Scharniergelenk; setzt sich zusammen aus drei Gelenken, die gemeinsam in einer Gelenkhöhle liegen:
– Humeroradialgelenk zwischen Capitulum humeri und
Radius
– Humeroulnargelenk (Scharniergelenk) zwischen Trochlea humeri und Ulnabasis
– proximales Radioulnargelenk (Radgelenk) zwischen
Caput radii und proximaler Ulna
• proximales Handgelenk: ist ein Eigelenk; wird gebildet von
der Basis des Radius und dem Discus articularis des Ulnaköpfchens einerseits und den proximalen Handwurzelknochen (außer Os pisiforme) andererseits; in diesem Gelenk
kann die Hand gebeugt, gestreckt und nach radial und ulnar
gekippt werden
• distales Handgelenk: Gesamtfläche zwischen den proximalen und distalen Handwurzelknochen, ohne nennenswerte
Beweglichkeit
• distales Radioulnargelenk: zwischen Caput ulnae und distalem Radius; die Drehbewegungen der Hand und des Unterarmes (Supination und Pronation) finden gemeinsam im
proximalen und distalen Radioulnargelenk statt
• Daumenwurzelgelenk: Sattelgelenk zwischen großem Vieleckbein und Os metacarpale I, hat 2 Freiheitsgrade und ermöglicht die Opponens-Stellung des Daumens
• Fingergelenke: Grundgelenke (MP), Mittelgelenke (PIP),
Endgelenke (DIP)
• Karpaltunnel: wird von den Handwurzelknochen und einem kräftigen Halteband, dem Retinaculum flexorum, gebildet; in ihm verlaufen der N. medianus und die Sehnen
der Fingerbeugemuskeln
1.4.7 Becken
Das knöcherne Becken (= Beckengürtel; › Abb. 1.64) besteht
aus 4 Knochen:
• Os sacrum: Kreuzbein oder Sakrum
• Os ilium: Darmbein oder Ilium
• Os ischii: Sitzbein
• Os pubis: Schambein
Das Steißbein wird nicht dazu gerechnet. Die miteinander verwachsenen Darmbein, Sitzbein und Schambein werden auch
zum Hüftbein (Os coxae) zusammengefasst (› Abb. 1.65).
Beim kindlichen Skelett sind die 3 Knochen des Hüftbeins
durch Wachstumsfugen voneinander getrennt, die sich im
Acetabulum (Pfanne des Hüftgelenks) treffen (› Abb. 1.66).
Beim Blick von lateral auf die 3 Knochen des Hüftbeins sieht
man den groben Umriss einer „8“, wobei die obere Schleife
vom Darmbein, die untere von Sitzbein und Schambein gebildet werden. Etwa im Knoten der „8“ liegt das Dach der Hüftgelenkspfanne. Zwischen dem ventralen Schambein und dem
dorsal liegenden Sitzbein befindet sich eine große Knochenlücke – das Foramen obturatum.
Darmbein
Der obere Anteil des Hüftbeins wird vom Darmbein (Os ilium)
aufgebaut. Während sich der kleine Darmbeinkörper am Acetabulum beteiligt, bildet der weit überwiegende Anteil die breit
ausladende Darmbeinschaufel. Die obere Leiste der Schaufel
heißt Crista iliaca (Darmbeinkamm). Ihre beiden Begrenzungen, die Übergänge von horizontal nach vertikal, sind als knöcherne Vorsprünge (Spinae) gut zu tasten – ventral die Spina
iliaca anterior superior (SIAS), dorsal die Spina iliaca posterior superior (SIPS). Unterhalb der beiden oberen Darmbeinstachel befindet sich jeweils noch ein weiterer – Spina iliaca
anterior inferior und Spina iliaca posterior inferior. Diese
beiden sind am Lebenden nicht tastbar.
Die kaudale Begrenzung des Darmbeins bildet eine Linie,
die etwa von direkt unterhalb des Iliosakralgelenks bis in den
oberen Anteil des Acetabulum verläuft. Unterhalb des dorsalen
Anteils dieser gedachten Linie beginnt das Sitzbein und ventral
das Schambein.
Schambein
Die Symphyse ist die (faserknorpelige) Verbindung der beiden
Schambeine (Os pubis). Ausgehend von der Symphyse und getrennt vom vorderen Anteil des Foramen obturatum lässt sich
das Schambein in einen oberen Schambeinast (R. superior
ossis pubis) und einen unteren (R. inferior ossis pubis) sowie einen Schambeinkörper (Corpus ossis pubis), der den
ventralen, kaudalen Anteil des Acetabulum bildet, differenzieren.
Sitzbein
Das Sitzbein (Os ischii) bildet den dorsokaudalen Anteil des
Hüftbeins und endet am Foramen obturatum sowie den beiden
weiteren Hüftbeinknochen. Die dorsomediale, rundliche Begrenzung des Sitzbeins ist der Sitzbeinhöcker (Tuber ischiadicum). Auf die beiden Sitzbeinhöcker stützt sich das Becken
beim Sitzen. Der knöcherne Vorsprung oberhalb des Sitzbeinhöckers heißt Spina ischiadica.
Großes und kleines Becken
Der Beckengürtel ist als Basis der Wirbelsäule bzw. Träger des
gesamten Rumpfes besonders stabil. Zusätzlichen Schutz z.B.
beim Abfangen von Stoßbelastungen bieten die Haften der
48 1 Anatomie und Physiologie
Knochenverbindungen – dorsal als funktionelle Bandhaft zwischen Sakrum und den beiderseitigen Darmbeinen (KreuzDarmbein-Gelenke = Iliosakralgelenke) sowie ventral zwischen den beiden Schambeinen (Symphyse = Knorpelhaft),
die einerseits eine große Festigkeit besitzen, andererseits aber
auch eine gewisse Nachgiebigkeit und Elastizität.
Das „obere Stockwerk“ des Beckens, den Teil zwischen den
ausladenden Darmbeinschaufeln, nennt man großes Becken.
Das kleine Becken wird gebildet von Kreuzbein, Sitzbein und
Schambein. Das Steißbein wird nicht zum knöchernen Becken
gerechnet. Wenn man im Rahmen einer Geburt vom Beckeneingang spricht, meint man damit den Oberrand (den „Eingang“) des kleinen Beckens, weil nur dessen Durchmesser dabei eine Rolle spielt.
Geschlechtsunterschiede
Das weibliche Becken ist deutlich breiter, mit weiterem, querovalem Beckeneingang, und etwas niedriger als das männliche,
bei dem die Darmbeinschaufeln enger zusammenstehen und
weiter nach kranial reichen (› Abb. 1.67). Der weibliche Beckeneingang hat dadurch gerade die Größe, die notwendig ist,
um den kindlichen Kopf bei der Geburt hindurchtreten zu lassen.
Die engste Stelle im kleinen Becken, gleichzeitig auch die Ebene des Beckeneingangs, wird durch eine gedachte Linie zwischen
dem Hinterrand der Symphyse und dem ventralen oberen Rand
des Kreuzbeins (= Promontorium) gebildet. Diese Verbindungslinie (Conjugata vera) misst üblicherweise um die 11cm. Sind es
weniger, ist die Geburt eines normal großen Kindes nicht möglich.
Os coxae
Femur
Patella
Fibula
Tibia
Tarsus, Ossa tarsi
Metatarsus,
Ossa metatarsi
Digiti pedis,
Ossa digitorum:
– Phalanx proximalis
– Phalanx media
– Phalanx distalis
Articulationes interphalangeae pedis
Articulationes metatarsophalangeae
Articulationes tarsometatarsales
Articulationes intercuneiformes
(Articulatio cuneocuboidea)
Articulatio cuneonavicularis
Articulatio calcaneocuboidea
(Articulatio talotarsalis) Articulatio subtalaris
Articulatio genus
Articulatio tibiofibularis
(Articulatio femoropatellaris)
(Articulatio meniscofemoralis)
(Articulatio meniscotibialis)
Articulatio coxae
Articulatio talocalcaneonavicularis
Articulatio sacroiliaca
Articulatio talocruralis
Syndemosis tibiofibularis
Abb. 1.64 Übersicht über die untere Extremität. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 49
Iliosakralgelenk (Kreuzdarmbeingelenk)
Das Kreuzdarmbeingelenk (Iliosakralgelenk = ISG oder auch
Sakroiliakalgelenk = SIG; › Abb. 1.64) ist eigentlich ein planes, etwas unebenes Gelenk mit einer queren Drehachse, um
die Kippbewegungen des Rumpfes nach vorne und hinten
möglich wären. Der massiv ausgebildete Bandapparat dieses
Gelenks reduziert diese theoretische Beweglichkeit allerdings
auf ein dämpfend-federndes Nachgeben unter der Last des
Rumpfes. Zusätzlich werden die Bewegungen durch die weitgehend starre Symphyse noch weiter eingeschränkt. Im Ergebnis resultiert eine Bandhaft mit minimaler Restbeweglichkeit
(„Wackelgelenk“). Aus der Diarthrose wird funktionell eine
Synarthrose, weshalb dieses Gelenk auch als Amphiarthrose
(„sowohl als auch“) bezeichnet wird. Notwendig ist der überdimensioniert scheinende Bandapparat deshalb, weil die beiden
Iliosakralgelenke die einzige Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken mit anschließenden Beinen darstellen.
a
b
Labium internum
Linea intermedia
Crista iliaca
Labium
externum
Fossa iliaca
Spina iliaca anterior superior
Corpus ossis ilium
Spina iliaca anterior inferior
Acetabulum
Limbus acetabuli
Facies lunata
Fossa acetabuli
Ala ossis ilium
Tuberositas iliaca
Ramus superior ossis pubis
Pecten ossis pubis
Crista pubica
Ramus interior ossis pubis
Ramus ossis ischii
Facies
symphysialis
Foramen obturatum
Corpus ossis ischii
Corpus ossis pubis
Facies glutea
Linea glutea posterior
Spina iliaca posterior superior
Spina iliaca posterior inferior
Incisura ischiadica major
Limbus acetabuli
Spina ischiadica
Incisura ischiadica minor
Corpus ossis ischii
Tuber ischiadicum
Ala ossis ilium
Spina iliaca
anterior superior
Corpus ossis ilium
Spina iliaca anterior inferior
Facies lunata
Fossa acetabuli
Pecten ossis pubis
Tuberculum pubicum
Ramus inferior ossis pubis
Ramus ossis ischii
Crista iliaca Linea glutea anterior
Linea glutea inferior
Abb. 1.65 Rechtes Hüftbein (Os coxae) von ventral (a) und von lateral dorsal (b). [36]
50 1 Anatomie und Physiologie
Die geringe Restbeweglichkeit in diesem Gelenk reicht dennoch dazu aus, dass es im Alltag laufend Probleme bereitet:
Ein oder beide Iliosakralgelenke sind häufig blockiert (in unphysiologischer Stellung verkantet und in der Beweglichkeit
noch weiter reduziert). Daraus resultieren häufig ausstrahlende Schmerzen und in der Regel auch eine mehr oder weniger
ausgeprägte Schiefstellung des Beckens. Dieselbe führt neben
der Ausbildung einer funktionellen Skoliose auch zu einer
veränderten Stellung der Oberschenkelköpfe in den Hüftgelenkpfannen mit Rotation der Beinachsen nach außen oder innen und zumeist auch zu einer scheinbaren Beinlängendifferenz. Es ist entscheidend wichtig, eine solche, lediglich scheinbare (funktionelle) Beinlängendifferenz nicht mechanisch über
Einlagen oder Schuhsohlenerhöhungen auszugleichen, weil
dadurch lediglich die Fehlstellung im Becken mit allen Folgen
einschließlich muskulärer Verspannungen zementiert wird.
Vielmehr besteht hier die korrekte Therapie darin, die Ursache
der Fehlstellung, also die ISG-Blockade, mittels Chirotherapie
oder anderer Methoden zu beseitigen.
Zusammenfassung
Knochen des Beckens:
• Aufbau:
– Kreuzbein (Os sacrum)
– 2 Darmbeine (Os ilium) mit Darmbeinkörper und
Darmbeinschaufel; wird begrenzt durch Crista iliaca mit
Spina iliaca anterior superior und Spina iliaca posterior
superior
– 2 Sitzbeine (Os ischii) mit Sitzbeinhöcker
– 2 Schambeine (Os pubis) mit Schambeinkörper, oberem
und unterem Schambeinast; werden durch die Symphyse
miteinander verbunden
• Darm-, Sitz- und Schambein sind miteinander zum Hüftbein (Os coxae) verschmolzen
• das große Becken wird von den Darmbeinschaufeln
gebildet, nach kaudal schließt sich das kleine Becken an
• Iliosakralgelenk (ISG): Gelenk zwischen Kreuzbein und
den beiderseitigen Darmbeinschaufeln; ist eine funktionelle Bandhaft mit minimaler Beweglichkeit; neigt zu
Blockaden
Ala ossis ilium
Corpus ossis
ischii
Tuber ischiadicum
(cartilagineum) Ramus
ossis ischii
Crista iliaca
(cartilaginea)
Corpus ossis
ilium
Acetabulum Corpus ossis
pubis
Ramus
superior
ossis pubis
Ramus inferior
ossis pubis
Foramen obturatum
Abb. 1.66 Rechtes Hüftbein (Os coxae) eines 6-jährigen Kindes. Die 3 Anteile des Hüftbeins sind im Bereich der Hüftpfanne ein einer Y-förmigen
Knorpelfuge miteinander verbunden. Diese synostosiert um das 13.–18. Lebensjahr. [36]
Lig. iliolumbale Vertebra lumbalis IV, Corpus
Articulatio sacroiliaca,
Lig. sacroiliacum anterius
Vertebra lumbalis V, Proc. costalis
Foramen ischiadicum
majus
Lig. sacrotuberale
Spina iliaca anterior
superior
Lig. sacrospinale
Lig. inguinale
Lacuna musculorum
Foramen ischiadicum
minus Arcus iliopectineus
Articulatio coxae,
Lig. iliofemorale
Foramen
obturatum
Lacuna
vasorum
Lig.
pubicum
a superius
Abb. 1.67a Männliches Becken von ventral. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 51
1.4.8 Untere Extremität
Das Skelett der Beine (› Abb. 1.64) besteht analog zu den Armen aus einem einzelnen Oberschenkelknochen (Femur), zwei
Unterschenkelknochen (Tibia und Fibula), 5 Mittelfußknochen und 5 Zehen. Lediglich die Fußwurzel (Tarsus) enthält
mit 7 Knochen einen weniger als die Handwurzel (Karpus).
Oberschenkel
Der Oberschenkelknochen (Femur) ist der größte und längste
Knochen im menschlichen Körper (› Abb. 1.68). Seine proximale Epiphyse besteht aus einer kugeligen Auftreibung, dem
Kopf des Femur (Caput femoris). Dieser bildet die Gelenkfläche, die mit dem Acetabulum zum Hüftgelenk artikuliert. Das
Lig. iliolumbale
Conjugata vera Vertebra lumbalis IV, Corpus
Articulatio sacroiliaca,
Lig. sacroiliacum anterius
Vertebra lumbalis V, Proc. costalis
Foramen ischiadicum
majus
Conjugata vera
Lig. sacrospinale
Spina iliaca
anterior superior
Lig. sacrotuberale Lig. inguinale
Foramen ischiadicum minus Lacuna musculorum
Arcus iliopectineus
Articulatio coxae,
Lig. iliofemorale
Foramen
obturatum
Lacuna
vasorum
Lig.
pubicum
b superius
Abb. 1.67b Weibliches Becken von ventral. [36]
Foramen obturatum
Facies symphysialis
c
Lig. sacrotuberale
Tuberculum pubicum
Foramen ischiadicum minus
Pecten ossis
pubis Os coccygis
Linea terminalis
Conjugata vera
Lig. sacrospinale
Spina iliaca anterior inferior
Foramen ischiadicum majus
Spina iliaca anterior superior
Fossa iliaca
Crista iliaca
Articulatio lumbosacralis,
Discus intervertebralis
Vertebra lumbalis V, Corpus Foramen intervertebrale
Os sacrum
Articulatio sacroiliaca,
Lig. sacroiliacum
anterius
Linea arcuata
Conjugata vera
Abb. 1.67c Medianschnitt durch ein weibliches Becken. [36]
52 1 Anatomie und Physiologie
Caput femoris sitzt auf einem recht langen Hals (Collum femoris), der über einen Winkel von etwa 125° in den Schaft, die
Diaphyse des Femur übergeht.
Auf der Lateralseite des Knochens, fast auf gleicher Höhe
mit dem Caput femoris, befindet sich ein großer knöcherner
Vorsprung – der Trochanter major (großer Rollhügel). Dorsomedial und unterhalb davon, etwa auf Höhe des Winkels, den
Hals und Schaft miteinander bilden, findet sich ein weiterer,
deutlich kleinerer Vorsprung – der Trochanter minor (kleiner
Rollhügel). Während also das Tuberculum minus des Oberarms
ventral sitzt, entsteht der Trochanter minor des Oberschenkels
dorsal bzw. dorsomedial.
Auf der distalen Epiphyse des Femur sitzen 2 Gelenkköpfe,
der Condylus medialis und Condylus lateralis, die mit dem
proximalen Ende des Schienbeins (Tibia) zum Kniegelenk artikulieren. Auf den Kondylen (= Gelenkknorren) sitzen seitlich
zwei weitere knöcherne Vorsprünge, der Epicondylus medialis und Epicondylus lateralis. Zwischen den beiden Kondylen
befindet sich auf der Dorsalseite des Femur eine Aussparung –
die Fossa intercondylaris.
CCD-Winkel
Der Centrum-Collum-Diaphysen-Winkel (= CCD-Winkel),
den Schenkelhals und Diaphyse miteinander bilden, beträgt
physiologischerweise beim Erwachsenen etwa 125°
(› Abb. 1.69). Seine Vergrößerung auf > 130° bezeichnet
man als Valgusstellung. Sie führt zu O-Beinen. Seine Verkleinerung (< 120°) heißt Varusstellung und führt zu X-Beinen.
Es ist zu beachten, dass die Vergrößerung des CCD-Winkels
(Valgusstellung) automatisch eine Varusstellung im Kniegelenk zur Folge hat (Genu varum), und die Verkleinerung (Varusstellung) eine Valgisierung (Genu valgum) im Kniegelenk.
P A T H O L O G I E
Ähnlich wie beim Oberarmknochen (Humerus) bricht auch der Femur bei entsprechender Gewalteinwirkung besonders häufig im Bereich des Oberschenkelhalses. Beim osteoporotischen Knochen
alter Menschen genügt dafür bereits ein Bagatelltrauma. Der proximale Femur ist gut durchblutet. Der mögliche Blutverlust von 1–2l
kann durchaus zum hypovolämischen Schock und in der Folge
zum Tod führen, weshalb diese Patienten notfallmäßig (Notarzt, Infusion) zu versorgen sind.
Fossa trochanterica
Trochanter
major
Collum femoris
Caput femoris
Collum femoris
Linea intertrochanterica
Trochanter minor
Corpus femoris
Tuberculum
adductorium
Epicondylus
medialis
Facies patellaris
Epicondylus
lateralis
Caput femoris
Collum femoris
Trochanter minor
Linea pectinea
Condylus
medialis
Trochanter
major
Tuberculum
quadratum
Crista intertrochanterica
Linea
aspera
Facies poplitea
Epicondylus
lateralis
Condylus lateralis
Fossa intercondylaris
Tuberculum
adductorium
a b
Abb. 1.68 Rechter Oberschenkelknochen (Femur) von ventral (a) und dorsal (b). [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 53
Hüftgelenk
Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk mit Bewegungsmöglichkeit in allen 3 Richtungen des Raums (Flexion, Extension, Abduktion, Adduktion, Innen- und Außenrotation). Der Gelenkkopf wird dabei über seine Mitte hinaus von der Gelenkpfanne des Hüftbeines umfasst. Er gleicht damit einer Walnuss,
deren oberes Drittel entfernt worden ist und bei der nun die
Nuss beim Hineinschauen ähnlich in ihrer Schale liegt wie der
Hüftgelenkkopf im Acetabulum. Man spricht deshalb auch von
einem Nussgelenk. Eine weitere (seltene) Bezeichnung ist
Napfgelenk. Der Unterschied zu den üblichen Kugelgelenken
liegt also nicht in den möglichen Bewegungen, sondern vielmehr in seiner größeren Stabilität gegenüber äußeren Einflüssen. Im Gegensatz zum Schultergelenk kann das Hüftgelenk kaum jemals luxieren. Zusätzlich ist dem Rand des Acetabulum eine Gelenklippe aus Faserknorpel aufgesetzt (Labrum
acetabulare), welche die Überdachung des Femurkopfes noch
weiter vergrößert.
Auf › Abbildung 1.70 ist zu erkennen, dass der Oberschenkelkopf über ein Band (Lig. capitis femoris) locker im Acetabulum befestigt ist. Durch Gefäße, die in diesem Band verlaufen, erfolgt v. a. in der Wachstumsperiode die Blutversorgung
des Gelenkkopfs.
Unterschenkel
Der Unterschenkel (Crus, cruris) wird von zwei Knochen gebildet – Schienbein (Tibia) und Wadenbein (Fibula)
(› Abb. 1.71). Während Elle und Speiche des Unterarms von
annähernd gleicher Größe sind, übernimmt am Unterschenkel
die Tibia die Hauptlast des Körpers und ist entsprechend dimensioniert. Sie alleine kommuniziert auch mit ihrer proximalen Epiphyse zum Kniegelenk. Erst das distale obere Sprunggelenk wird von beiden Knochen gemeinsam gebildet.
Ähnlich wie am Unterarm sind auch Tibia und Fibula sowohl proximal (über eine Amphiarthrose) als auch distal
(über eine Syndesmose = Bandhaft) miteinander verbunden,
doch sind hier keine wesentlichen Drehbewegungen möglich
– auch deshalb, weil eine kräftige Membran (Membrana interossea) die beiden Knochen im Bereich ihrer Diaphysen aneinander heftet. Dadurch besteht, anders als am Unterarm, keine
Rotationsmöglichkeit des Unterschenkels (mit Fuß) gegenüber dem Oberschenkel.
Das dickere Ende der Tibia (› Abb. 1.72) liegt proximal
und heißt Tibiakopf (Caput tibiae). Passend zu den beiden
Gelenkknorren des distalen Femur trägt er ebenfalls 2 Kondylen, die mit den Femurkondylen artikulieren. Entsprechend
der knöchernen Aussparung zwischen den beiden Femurkondylen (Fossa intercondylaris) erhebt sich zwischen den beiden
Tibiakondylen ein Tuberculum intercondylare, das allerdings
die Fossa intercondylaris bei Weitem nicht ausfüllt. An Fossa
intercondylaris und Tuberculum intercondylare sind die
Kreuzbänder des Kniegelenks befestigt. Ventral oberhalb der
126°
Abb. 1.69 CCD-Winkel (Schenkelhalswinkel). [36]
M. rectus femoris,
Tendo
Trochanter minor
Lig.
ischiofemorale
Lig. iliofemorale
Labrum acetabuli
Lig. capitis
femoris
Canalis obturatorius
Os pubis,
Facies symphysialis
Lig. pubofemorale
Lig. capitis femoris
Membrana obturatoria
Caput femoris
Abb. 1.70 Hüftgelenk nach Eröffnung der Gelenkkapsel von lateral distal. [36]
54 1 Anatomie und Physiologie
Schienbeinkante, am Übergang zum Tibiakopf, befindet sich
eine aufgeraute Fläche (Tuberositas tibiae), die Anheftungsstelle der Sehne des M. quadriceps femoris.
P A T H O L O G I E
Mit einer Fibulafraktur kann man so lange laufen, wie das Sprunggelenk bzw. sein Bandapparat nicht beteiligt sind – hauptsächlich
deshalb, weil das Schienbein die Last des Körpers fast alleine trägt
und die Fibula an der Bildung des Kniegelenks nicht beteiligt ist und
deshalb im Wesentlichen nur Führungsaufgaben für das obere
Sprunggelenk zu übernehmen hat.
Kniegelenk
Im Kniegelenk artikulieren die beiden Kondylen des Femur,
getrennt durch die Fossa intercondylaris, mit den beiden Kondylen der Tibia, getrennt durch das Tuberculum intercondylare (› Abb. 1.73). Der dritte, am Kniegelenk beteiligte Knochen ist die Kniescheibe (Patella) (› Abb. 1.64). Sie ist als
größtes Sesambein des menschlichen Körpers in die Sehne des
großen Oberschenkelmuskels M. quadriceps femoris eingelassen.
Sesambeine
Ganz pauschal werden alle Knochen des Körpers, die mitten
im Verlauf einer Sehne liegen, bei denen also die Sehne eines
Muskels am einen Ende angeheftet ist und am anderen Ende
weiterzieht, als Sesambeine bezeichnet. Die wichtigsten Sesambeine des Menschen sind die Patella und das Erbsenbein (Os
pisiforme) der Handwurzel. Daneben gibt es weitere z.B. an
Händen und Füßen (› Abb. 1.74). Sesambeine sind Schaltknochen, die einen Muskelzug im Sehnenverlauf variabel umlenken können und an Stellen eingefügt sind, an denen ein einfaches Hypomochlion samt Sehnenscheiden ungeeignet wären.
Im Gegensatz zum Zungenbein besitzen Sesambeine eine
Kontaktfläche zu einem weiteren Knochen. Bei der Kniescheibe ist dies der Femur ventralseitig etwa da, wo sich dorsal die
Fossa intercondylaris befindet. Die Kontaktfläche ist wie üblich
mit einem Knorpelüberzug versehen. Es entsteht damit, in den
Gesamtraum des Kniegelenks integriert, eine reguläre Gelenkfläche, auf der die Patella bei Beugung und Streckung im Kniegelenk über den Femur gleitet und damit Führungsaufgaben für
die Sehne des M. quadriceps femoris übernimmt (› Abb. 1.75).
P A T H O L O G I E
Bei einem (entzündlichen) Kniegelenkserguss wird die Kniescheibe
durch den Flüssigkeitsdruck von ihrer Gelenkfläche abgehoben. Dies
ist am liegenden Patienten nachzuweisen, indem man die Patella gegen diese Flüssigkeit drücken und verschieben kann, wobei der Eindruck der sog. tanzenden Patella entsteht.
Menisci
Femur- und Tibiakondylen sind nicht völlig deckungsgleich.
Die Knorpelüberzüge der Gelenkflächen haben nur teilweise
Kontakt miteinander. Um die kommunizierende Gelenkfläche
zu vergrößern und damit einer vorzeitigen Abnutzung der relativ geringen Kontaktfläche zu begegnen, gleichzeitig aber
auch als Puffer im Hinblick auf die gewaltigen Belastungen,
wurde an beiden Gelenkflächen ein etwa halbmondförmiges
Gebilde aus Faserknorpel eingeschoben – der Meniscus medialis und der Meniscus lateralis (› Abb. 1.76).
P A T H O L O G I E
Die beiden Menisken sind auf den Tibiakondylen verankert, behalten
aber eine gewisse Beweglichkeit, sodass v. a. der Außenmeniskus bei
der Beugung im Kniegelenk nach hinten rutscht. Bei Gewalteinwirkungen unter gleichzeitiger Drehbewegung verhalten sie sich spröde
wie Glas – Risse oder Absprengungen sind die Folge. Weit überwiegend hiervon betroffen ist der Innenmeniskus (Meniscus medialis).
Absprengungen nennt man Gelenkmäuse. Sie verhalten sich wie
„Sand im Getriebe“ und müssen operativ entfernt werden.
Bandapparat
Die Kreuzbänder des Kniegelenks (› Abb. 1.76,
› Abb. 1.77) sichern seine Stabilität und führen seine Bewegungen. Sie laufen von der Fossa intercondylaris des Femur
Malleolus lateralis
Tuberositas
tibiae
Membrana
interossea cruris
Malleolus
medialis
Articulatio tibiofibularis,
Lig. capitis fibulae anterius
Caput fibulae
Syndesmosis tibiofibularis,
Lig. tibiofibulare anterius
Abb. 1.71 Verbindungen von rechter Tibia und Fibula (Ansicht von ventral). [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 55
Condylus lateralis
Tuberositas
tibiae
Facies articularis inferior Facies articularis
malleoli medialis
Condylus
medialis
Corpus tibiae
Area intercondylaris anterior
Eminentia
intercondylaris
Area
intercondylaris
posterior
Sulcus
malleolaris
Facies
articularis
fibularis
Foramen
nutricium
Facies articularis
inferior
Facies articularis malleoli medialis
Tuberculum
intercondylare mediale
Tuberculum
intercondylare laterale
Incisura fibularis
Malleolus
medialis
a b
Abb. 1.72 Scheinbein (Tibia) von ventral (a) und dorsal (b). [36]
Condylus lateralis
Meniscus lateralis
Facies patellaris
Lig. cruciatum posterius
Condylus medialis
Meniscus medialis
Lig. transversum genus
Tuberositas tibiae
Lig. cruciatum anterius
Caput fibulae
Lig. capitis fibulae anterius
Fossa intercondylaris
Candylus medialis
Tuberculum intercondylare
Candylus lateralis
Abb. 1.73 Rechtes Kniegelenk in 90°-Beugestellung von ventral. Die Patella ist entfernt. [36]
56 1 Anatomie und Physiologie
„über Kreuz“ zum Tuberculum intercondylare tibiae. Unterstützt werden die Kreuzbänder in ihrer Funktion der Gelenkstabilisierung vom medialen und lateralen Seitenband
(› Abb. 1.77), die an den jeweiligen Epikondylen des Femur
ansetzen und zum benachbarten Tibiakopf bzw. Fibulakopf
ziehen.
Das Innenband (mediale Seitenband) läuft im direkten Kontakt am Innenmeniskus (Meniscus medialis) vorbei und ist
mit seinem Rand verwachsen, wodurch derselbe bei Gewalteinwirkungen kaum ausweichen kann, sodass eine höhere Gefährdung resultiert. Der Außenmeniskus (laterale Meniskus)
hat keine Verbindung mit dem Außenband (lateralen Seitenband), weil das Band durch seine Anheftung am lateral vorspringenden Fibulaköpfchen einen ziemlichen Abstand zum
Meniskus wahrt. Er kann dadurch Drehbewegungen besser
mitmachen und ist bei Kniegelenkverletzungen selten beteiligt.
Bewegungen im Kniegelenk
Das Kniegelenk ist, etwas vereinfacht dargestellt, ein Scharniergelenk, auch wenn sein Bewegungsmechanismus bei Beugung
und Streckung recht kompliziert ist und nacheinander Innenund Außenrotation beinhaltet. Dazu kommt, dass bei gebeugtem
Knie auch eine Rotation des Unterschenkels gegen den Oberschenkel möglich ist. Man spricht deshalb auch von einem Drehwinkel-Gelenk. Diese Drehung erfolgt allerdings nicht als Bewegungsvorgabe durch das Gelenk selbst, sondern entspricht eher
einem Rutschen der Femurkondylen auf den Tibiakondylen.
M E R K E
Es handelt sich beim Kniegelenk definitionsgemäß um ein einachsiges (Scharnier-)Gelenk.
Sprunggelenk
Distal laufen die beiden Unterschenkelknochen in die entsprechenden Knöchel des Sprunggelenks aus. Dabei bildet das Tibiaende den Malleolus medialis (Innenknöchel) und das Fibulaende den tiefer stehenden Malleolus lateralis (Außenknöchel)
(› Abb. 1.71). Zwischen den beiden Knöcheln liegt die Gelenkfläche zur Artikulation mit dem Sprungbein (Talus) des Fußes
zum oberen Sprunggelenk (OSG, Articulatio talocruralis)
(› Abb. 1.64). Das obere Sprunggelenk ist im Wesentlichen ein
Scharniergelenk, das ähnlich wie das Kniegelenk bei der Bewegung von der Dorsalflexion des Fußes zur Plantarflexion und
zurück kleine Seitbewegungen mit einschließt, weil die beteiligten Gelenkknochen nicht völlig gleichmäßig gestaltet sind.
Anders als beim Handgelenk, bei dem die Bewegungen Flexion und Extension eindeutig definiert sind, würden diese Begriffe beim Sprunggelenk zu Missverständnissen führen, denn
das, was wie eine Streckung (Extension) aussieht, ist in Wahrheit eine Flexion. Aus diesem Grund haben sich zur unmissverständlichen Beschreibung der Bewegungen im OSG die Begriffe Dorsal- und Plantarflexion durchgesetzt.
Abb. 1.74 Sesambeine (Ossa semsamoidea) im Bereich von Händen und
Füßen.
M. quadriceps femoris,
Tendo
Femur
Patella
Epicondylus
medialis
Lig. patellae
Meniscus medialis
Lig. collaterale tibiale
Tuberositas tibiae
Tibia
Fibula
Abb. 1.75 Die Patella befindet sich in der Sehne des M. quadriceps femoris und bildet mit dem Femur das Femoropatellargelenk. [36]
Bursa infrapatellaris
profunda
Lig. transversum
genus
Meniscus
medialis
Lig. cruciatum
anterius
Lig. patellae
Meniscus
Lig. cruciatum posterius lateralis
Abb. 1.76 Meniscis und Kreuzbänder des rechten Kniegelenks von proximal. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 57
P A T H O L O G I E
Außenbandruptur
Von den zahlreichen Bändern, die das obere Sprunggelenk verstärken
und schienen, ist das vordere der beiden Außenbänder (Lig. talofibulare anterius) besonders häufig (häufigste Bandverletzung
überhaupt) von Überdehnungen, Ein- oder Abrissen, evtl. sogar mit
zusätzlicher Fraktur der Knöchelspitze betroffen (› Abb. 1.78). Obwohl es zahlreiche Bänder gibt, die „irgendwo außen“ verlaufen,
spricht man bei dieser Verletzung meist nur pauschal und ohne nähere Zuordnung von der Außenbandruptur.
Der Unfallmechanismus besteht in einem Umknicken des Fußes
nach lateral (Supinationsbewegung). Der Bereich des Außenknöchels ist hierbei geschwollen und druckschmerzhaft. Bei einem vollständigen Abriss des Bandes besteht eine Aufklappbarkeit
im OSG in die Supinationsstellung, die durch eine sog. gehaltene
Röntgenaufnahme bestätigt werden kann.
Unabhängig von irgendwelchen Unfällen besteht häufig eine angeborene Bandschwäche, die zu einer chronischen Instabilität im
OSG mit rezidivierendem Umknicken des Fußes führt. Hier kann man
krankengymnastisch eine Stabilisierung erreichen.
Fibulafraktur und Klassifikation nach Weber
Fibulafrakturen sind meist Knöchelfrakturen (› Abb. 1.79). Sie können an der Spitze des Außenknöchels (Weber A-Fraktur), im Bereich
der Syndesmose (Weber B) oder oberhalb der Syndesmose (Weber C)
auftreten. Fibulafrakturen stellen die häufigsten Frakturen der unteren Extremität dar.
Fuß
Fußwurzel
Entsprechend den Verhältnissen an Unterarm und Hand folgt
distal im Anschluss an die Unterschenkelknochen die FußwurFemur, Condylus medialis
Lig. meniscofemorale posterius
Lig. collaterale tibiale
Lig. popliteum obliquum
Lig. cruciatum posterius
M. popliteus, Aponeurosis
Tibia, Condylus lateralis
Meniscus lateralis
Femur, Condylus lateralis
Lig. cruciatum anterius
Lig. collaterale fibulare
Lig. capitis fibulae posterius
Caput fibulae
Abb. 1.77 Rechtes Kniegelenk von dorsal mit Kreuzbändern sowie Innen- (Lig. collaterale tibiale) und Außenband (Lig. collaterale fibulare). [36]
Malleolus lateralis
Tendo calcaneus*
Lig. plantare longum
Lig. talocalcaneum laterale
Lig. talocalcaneum interosseum
Lig. cuboideonaviculare dorsale
Ligg. cuneonavicularia dorsalia
Ligg. metatarsalia dorsalia
Ligg. metatarsalia
transversa profunda
Ligg. tarsometatarsalia dorsalia
M. fibularis [peroneus] brevis, Tendo
Lig. calcaneofibulare
Lig. talofibulare anterius
Lig. tibiofibulare anterius
Lig. calcaneonaviculare
Lig. calcaneocuboideum
Lig. bifurcatum
Abb. 1.78 Bandapparat von rechtem Sprunggelenk und Fuß von lateral. [36]
58 1 Anatomie und Physiologie
zel (Tarsus). Die Fußwurzel besteht dabei im Gegensatz zur
Handwurzel nur aus 7 einzelnen Knochen, weil sie kein Sesambein (Os pisiforme der Handwurzel) enthält (› Abb. 1.80).
Die einzelnen Knochen sind:
• Sprungbein (Talus): Es liegt auf dem Calcaneus und bildet
mit Tibia und Fibula das obere Sprunggelenk.
• Fersenbein (Calcaneus): Ist der größte Knochen des Fußes.
Sein hinterer Anteil ist zum Fersenhöcker (Tuber calcanei)
verdickt. Hier inseriert die Achillessehne.
• Kahnbein (Os naviculare, Naviculare): folgt distal anschließend an den Talus
• Würfelbein (Os cuboideum, Cuboid): liegt distal vom Calcaneus; bildet den lateralen Teil der distalen Reihe der Fußwurzelknochen, also den Fußaußenrand
• inneres, mittleres und äußeres Keilbein (Os cuneiforme
mediale, intermedium, laterale): Sie bauen den medialen
Teil der distalen Reihe der Fußwurzelknochen auf, wobei
das innere Keilbein (Os cuneiforme mediale) den Abschluss
zur Medialseite des Fußes bildet.
M E R K E
Für Namen und Anordnung der 7 Fußwurzelknochen gibt es eine
Eselsbrücke:
Das Sprungbein und das Fersenbein,
die wollten in den Kahn hinein
und kriegten dreimal Keile – vom Würfelbein.
P A T H O L O G I E
Unter der Diagnose Fersensporn (Kalkaneussporn;› Abb. 1.81)
versteht man einen dornartigen Knochenauswuchs (Exostose)
des Fersenhöckers – entweder am Ansatz der Achillessehne und
verbunden mit einer Weichteilschwellung (sog. Haglund-Ferse)
durch chronische Reizung (enge Schuhe, Überlastung des M. triceps
surae) oder am darunter liegenden Stützpunkt des Fußes im Bereich überbeanspruchter Sehnenansätze (kleine Fußmuskeln) z.B. bei
Absenkung des Fußgewölbes, bei Sportlern oder Übergewicht. Die
resultierenden Belastungsschmerzen können erheblich sein.
Zur Therapie eignen sich maßgefertigte Einlagen, evtl. ergänzt
durch lokale Infiltrationen. Wenn dies nicht ausreicht, können
Stoßwellen oder Röntgenstrahlen versucht werden. Eine homöopathische Therapie mit Hekla lava D3 oder D4 (3 × tgl.) kann sehr
erfolgreich sein.
a b c
Abb. 1.79 Einteilung der Malleolarfrakturen nach der Klassifikation von
Weber. a Fraktur der Fibula distal der tibiofibularen Syndesmose (Typ Weber A). b Fibulafraktur auf Höhe der Syndesmose mit häufiger Zerreißung
der Syndesmose (Typ Weber B). c Fibulafraktur proximal der Syndesmose,
Zerreißung der Syndesmose und der Membrana interossea (Typ Weber C).
[32]
Caput ossis
metatarsi
Corpus ossis
metatarsi
Basis ossis
metatarsi
Os cuneiforme
mediale
Os cuneiforme
intermedium
Os naviculare
Caput tali
Phalanx distalis
Phalanx media
Phalanx proximalis
Caput phalangis
Corpus phalangis
Basis phalangis
Os cuneiforme
laterale
Tuberositas ossis
metatarsi quinti
Os cuboideum
Calcaneus
Proc. lateralis tali
Trochlea tali
Calcaneus
I II III
IV
V
Talus
Abb. 1.80 Rechtes Fußskelett von proximal. I =
Hallux (Großzehe), V = Kleinzehe. [36]
1.4 Die Knochen des menschlichen Körpers 59
Unteres Sprunggelenk
Das untere Sprunggelenk (› Abb. 1.82) wird gebildet vom
Sprungbein und seinen angrenzenden Knochen Naviculare
und Fersenbein, verstärkt und geschient durch straffe Bänder.
Auch beim unteren Sprunggelenk handelt es sich überwiegend
um ein Scharniergelenk mit allerdings schräger Bewegungsachse, bei welcher der Vorfuß eine kombinierte Einwärtsdrehung (Adduktion) unter gleichzeitiger Supination und Plantarflexion vollführt. Entsprechend gelingt die Pronation nur unter
gleichzeitiger Auswärtsdrehung (Abduktion) und Dorsalflexion. Zur Erinnerung: Supination und Pronation der Hand werden nicht vom proximalen oder distalen Handgelenk, sondern
allein durch die Drehbewegung des Unterarms ausgeführt.
Mittelfuß und Zehen (›Abb. 1.80)
Den Mittelfuß bilden die 5 Mittelfußknochen (Metatarsalknochen), den Vorfuß die Zehen. Entsprechend den Fingern der Hand bestehen die Zehen 2–5 aus jeweils 3 Gliedern,
die Großzehe (Hallux) nur aus deren 2. Auch die Gelenke entsprechen denjenigen der Hände.
Fußgewölbe
Die Anordnung des Fußskeletts bedingt eine Höhlung der
Fußsohle in Längs- und in Querrichtung. Das Längsgewölbe
bewirkt, dass der Mittelfuß hauptsächlich mit seinem lateralen
Anteil Bodenkontakt bekommt. Das Quergewölbe erstreckt
sich von der Fußwurzel bis zu den Metatarsalknochen, besonders ausgeprägt im Bereich der Keilbeine.
Den Erhalt der beiden Gewölbe sichern starke Bänder, die
kurzen Fußmuskeln nebst den Sehnen der langen Fußmuskeln
sowie Verstärkungen der einzelnen Gelenkkapseln. Diese Verstärkungen der Gelenke führen dazu, dass es sich bei den Gelenken zwischen den Sprung- und Zehengelenken um Amphiarthrosen handelt.
Das Druckgewicht beim Gehen eines Erwachsenen liegt bei
über 400 kg an der Fußunterseite. Durch das nachgiebige Federn der beiden Fußgewölbe verringert sich diese enorme Belastung.
Fußdeformierungen
Senk-, Spreiz- und Knickfuß
Eine angeborene oder im Lauf des Lebens erworbene Abplattung des Längsgewölbes nennt man Senkfuß. Eine Abflachung des Quergewölbes wird Spreizfuß genannt. Entsprechend entsteht beim Nachgeben beider Fußgewölbe der Senkspreizfuß (Plattfuß). Teilweise wird auch die alleinige Absenkung des Längsgewölbes (Senkfuß) als Plattfuß bezeichnet.
Häufig entsteht, z.B. bei einer Bandschwäche, eine Verbiegung des Fußes in Pronationsstellung bzw. Valgusstellung
(Knickfuß), wobei eine leichte Abknickung von etwa 7° physiologisch ist. Der Innenknöchel springt dabei stärker als üblich hervor. Das mediale Fußgewölbe senkt sich, sodass es über
den zunächst entstehenden, im unbelasteten Zustand reversiblen Knicksenkfuß im Extremfall bis zum fixierten Plattfuß
kommen kann. Im Kleinkindesalter sind Knick- bzw. KnickAbb. 1.81 Fersensporn [15]
Os naviculare
Os cuneiforme intermedium
Os cuneiforme mediale
Ossa metatarsi
Ossa sesamoidea
mediale et laterale
Basis ossis
metatarsi hallucis
Tuberositas ossis
metatarsi V
Os cuboideum,
Tuberositas ossis cuboidei
Calcaneus,
Proc. medialis
tuberis calcanei
Sustentaculum tali
Art. talocalcaneonavicularis
Facies malleolaris
medialis
Talus
Art.
subtalaris Unteres
Sprunggelenk
Phalanx proximalis
Phalanx media
Phalanx distalis
Abb. 1.82 Rechtes Fußskelett von medial und unteres Sprunggelenk. [36]
60 1 Anatomie und Physiologie
senkfüße noch als durchaus physiologisch anzusehen. Wichtig
ist, dass sich das Fußgewölbe beim Zehenstand aufrichtet und
die Knickung ausgeglichen wird. Bei Kinderfüßen, die sich
fehlzuentwickeln drohen, kann mit Fußgymnastik viel erreicht
werden – man sollte hier mit Einlagen zunächst sehr zurückhaltend sein, weil dieselben eine muskuläre Insuffizienz eher
fördern und zementieren würden.
Die mit weitem Abstand häufigste Ursache von Knick-,
Senk- oder/und Spreizfüßen ist beim Erwachsenen in einer
statischen Insuffizienz, also einem Missverhältnis zwischen
Belastung des Fußes und dessen Belastbarkeit zu sehen. Begünstigt wird ein solches Missverhältnis durch ein erhöhtes
Körpergewicht, zu kleine oder sonst ungeeignete Schuhe sowie
Rotationsfehlstellungen der Beine bei echten oder scheinbaren
Beinlängendifferenzen.
Hammer- und Krallenzehen
Der Spreizfuß stellt die häufigste Fußdeformität überhaupt
dar. Er kann nicht nur Belastungsbeschwerden, sondern auch
Zehendeformierungen hervorrufen. Diese Deformierungen
werden im Einklang mit dem entstehenden Bild als Hammerzehen bzw. Krallenzehen bezeichnet (› Abb. 1.83). Dabei
kommt es zur Absenkung der Metatarsalköpfchen II–IV.
Unter den Mittelfußköpfchen sowie an der Zehenstreckseite
bilden sich druckbedingt schmerzhafte Schwielen. Eine dauerhafte Aufrichtung des Quergewölbes ist nicht möglich.
Hallux valgus
Auch die Abspreizung des Os metatarsale I (und V) mit Ausbildung eines Hallux valgus ist beim Spreizfuß häufig, weil die
Verbreiterung des Fußes gleichzeitig zu enger werdenden
Schuhen führt. Die Hauptursache des Hallux valgus besteht allerdings im jahrelangen Tragen zu enger bzw. spitz zulaufender Schuhe, was man als Modediktat betrachten kann. Frauen
sind aus diesem Grund wesentlich häufiger betroffen als Männer. Hat die Verbiegung der Großzehe in Richtung Kleinzehe
erst einmal begonnen, wird sie durch den entstehenden Muskelzug weiter verstärkt. Die Abweichung des Metatarsalköpfchens nach medial führt in diesem Bereich zur scheinbaren
Exostose mit druckbedingter Hornhautverdickung bzw. entzündlichen Reizungen (› Abb. 1.84).
Patienten mit Hallux valgus tragen ihrer Meinung nach
grundsätzlich außerordentlich bequeme Schuhe, die keinesfalls zu eng sein können, sodass man mit dem eigenen Erklärungsmodell nicht landen kann. Es hat sich in diesen Fällen
bewährt, die Patienten mit unbekleideten Füßen aufrecht stehen zu lassen und die Schuhe direkt daneben zu stellen. Nun
erst fällt in aller Regel das ausgeprägte Missverhältnis zwischen
(engen) Schuhen und (breiten) Vorfüßen auf.
Die Therapie des Hallux valgus kann man, abgesehen von
geeignetem Schuhwerk, mit nächtlichen Hallux-valgus-Schienen versuchen. Bei Erfolglosigkeit und entsprechendem Leidensdruck wird operiert, wobei verschiedene Verfahren im
Gebrauch sind.
Zusammenfassung
Knochen der unteren Extremität:
• Oberschenkelknochen (Femur): ist der größte menschliche
Knochen; proximal finden sich Caput femoris, Collum femoris, Trochanter major, Trochanter minor; am distalen
Ende liegen Condylus medialis, Condylus lateralis, Epicondylus medialis, Epicondylus lateralis, Fossa intercondylaris
• Schienbein (Tibia) mit Caput tibiae, Tuberculum intercondylare, Malleolus medialis (distal)
• Wadenbein (Fibula) mit Fibulaköpfchen (proximal) und
Malleolus lateralis (distal)
• Patella (Kniescheibe): Sesambein; eingebettet in die Sehne
des M. quadriceps femoris
• Fußwurzel (Tarsus): Sprungbein (Talus), Fersenbein (Calcaneus), Kahnbein (Os naviculare), Würfelbein (Os cuboideum), inneres, mittleres und äußeres Keilbein (Os cuneiforme mediale, intermedium, laterale)
• 5 Mittelfußknochen (Metatarsalknochen)
• Zehenknochen: analog zu den Fingerknochen bestehend
aus 3 Gliedern (Ausnahme: Großzehe aus 2 Gliedern)
a
b
Abb. 1.83 a Hammerzehe. b Krallenzehe.
Abb. 1.84 Entstehung des Hallux valgus mit Zugrichtung des M. abductor
versus M. adductor und M. extensor hallucis longus (gestrichelter Pfeil) als
valgisierende Muskeln. [2]
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 61
Gelenke der unteren Extremität:
• Hüftgelenk: ist ein Kugelgelenk; wird gebildet aus Caput femoris und Acetabulum des Hüftbeines; besitzt große Stabilität
• Kniegelenk: ist einScharnier- bzw. Drehwinkelgelenk; wird
gebildet aus Condylus medialis und Condylus lateralis des
Oberschenkelknochens, aus den zwei Kondylen des Schienbeins und der Patella
– zwischen den Gelenkflächen liegen die halbmondförmigen, aus Faserknorpel bestehenden Meniscus medialis
und Meniscus lateralis, um die enormen Belastungen im
Kniegelenk auszugleichen
– wird stabilisiert durch vorderes und hinteres Kreuzband
sowie mediales und laterales Seitenband
• oberes Sprunggelenk: ist ein Scharniergelenk; wird gebildet vom Malleolus medialis des Schienbeins, Malleolus lateralis des Wadenbeins und dem Talus; stabilisiert wird es
durch zahlreiche Bänder
• unteres Sprunggelenk: ist ein Scharniergelenk mit schräger
Bewegungsachse; wird gebildet von Talus, Os naviculare
und Calcaneus, geschient durch straffe Bänder
Fußgewölbe:
• zusammengesetzt aus Längs- und Quergewölbe
• gesichert durch kräftige Bänder, die kurzen Fußmuskeln
und Sehnen der langen Fußmuskeln
• verringern durch ihr nachgiebiges Federn die Belastungen,
die auf den Fuß einwirken
1.5 Muskulatur – Anatomie und
Physiologie
Die Muskulatur ist der aktive Teil des Bewegungsapparates.
Sie stellt mit einem Anteil von gut 40% beim Mann und 30%
bei der Frau die Hauptmasse des menschlichen Körpers. Ihre
Aufgabe ist es, Kraft zu entwickeln, um etwas zu bewegen oder
festzuhalten oder anzuspannen. Mit ihrer Hilfe bewegen wir
Arme und Beine. Herz, Darm, Harn- und Gallenblase treiben
ihren Inhalt weiter. Ohne ihre Hilfe könnten wir den Rücken
nicht gerade halten, geschweige denn aufrecht gehen.
Jeder einzelne Muskel wird namentlich bezeichnet. In der
medizinischen Nomenklatur wird hierbei das Wort Musculus
– abgekürzt M. – dem eigentlichen Namen vorangestellt. So
heißt z.B. ein wichtiger Oberarmmuskel Musculus bzw. M. biceps brachii. Sind mehrere Muskeln gemeint, so bezeichnet
man sie als Musculi, abgekürzt Mm.
Die einzelne Muskelzelle wird wegen ihres Aussehens zumeist als Muskelfaser bezeichnet. Sarx, Sarkos bedeutet
Fleisch, Muskel. Die Zellmembran der Muskelfaser heißt dementsprechend Sarkolemm, ihr Zytoplasma Sarkoplasma. Das
endoplasmatische Retikulum der Muskelzelle nennt man sarkoplasmatisches Retikulum.
Nahezu jeder Muskel ist über seine Sehnen an 2 unterschiedlichen Knochen befestigt, die man als Ursprung und
Ansatz bezeichnet. Definitionsgemäß ist hierbei der Ursprung
derjenige Knochen, der sich nicht oder weniger als der andere
bewegen kann. Der Ansatz ist demnach ein Knochen mit
mehr Bewegungsspielraum. Beispielsweise hat der M. biceps
brachii seinen Ursprung am knöchernen Schultergürtel und
seinen Ansatz an einem Knochen des Armes. An den Extremitäten, bei denen diese Unterscheidung nicht so leicht getroffen
werden kann, wird grundsätzlich die proximale Anheftungsstelle als Ursprung, die distale als Ansatz bezeichnet.
Die Muskeln des Körpers lassen sich in 3 verschiedene Typen einteilen:
1. Skelettmuskulatur = quergestreifte, dem Willen unterstellte Muskulatur
2. Muskeln innerer Hohlorgane (z.B. Wandung von Blutgefäßen, Verdauungstrakt) = glatte Muskulatur
3. der Sonderfall der Muskulatur des Herzens.
Sämtliche Muskeln des Körpers lassen sich in diese 3 Gruppen
einordnen. Im Rahmen unseres Faches interessiert hier überwiegend nur die quergestreifte Skelettmuskulatur.
1.5.1 Makroskopischer Aufbau
Ein Muskel der Skelettmuskulatur besteht aus einem oder
mehreren Muskelbäuchen, einer derben bindegewebigen
Haut, die den gesamten Muskel umhüllt (Faszie) sowie zumindest 2 Sehnen, die den Muskelzug auf die jeweiligen Anteile des knöchernen Skeletts übertragen. Zusammengesetzt ist er
aus einer großen Anzahl einzelner Muskelfaserbündel, wodurch eine strähnige Struktur entsteht, die man mit bloßem
Auge erkennen kann. Dieses strähnige bzw. faserige Aussehen
des Muskels in seiner Längsrichtung hat mit der Querstreifung nichts zu tun, sondern wird allein von einer bindegewebig septierten Bündelung seiner Muskelfasern in größere Einheiten verursacht. Es gibt also ungeachtet dieses makroskopischen Aussehens keine „längsgestreifte“ Muskulatur, sondern
allein die erwähnten 3 Typen.
Einzelne Muskelfasern sind wegen ihres geringen Durchmessers für das menschliche Auge im Allgemeinen nicht mehr
sichtbar. Erst ihre Bündelung zu beieinander liegenden Gruppen aus Einzelzellen mit umgebendem Bindegewebe wird dann
als das erkannt, was wir im anatomischen Sinne inkorrekt als
„Fleischfasern“ bezeichnen.
Ein einzelnes Muskelfaserbündel (sog. Primärbündel) besteht aus bis zu 50 beieinander liegenden Zellen, zwischen
die lockeres Bindegewebe eingeschoben ist (Endomysium),
das sowohl als Verschiebe- und Haftschicht dient als auch
Nerven und zahlreiche Blutgefäße zur Versorgung des Muskels führt (› Abb. 1.85). Als Einheit zusammengefasst wird
ein Primärbündel durch eine Umhüllung aus Bindegewebe
(Perimysium internum). Das Bindegewebe, das mehrere
Primärbündel umgibt und den Muskel damit in größere
Einheiten unterteilt (= Sekundärbündel), wird als Perimysium externum bezeichnet. Das lockere Bindegewebe schließ-
62 1 Anatomie und Physiologie
lich, das den gesamten Muskel einscheidet, definiert man als
Epimysium.
Dem Epimysium aufgelagert findet sich die Faszie aus
straffem Bindegewebe. Sie umgibt einzelne Muskeln, kann
jedoch auch Muskelgruppen oder eine ganze Extremität einhüllen.
1.5.2 Aufbau der Muskelzellen
Einzelne Muskelfasern (= Einzelzellen) sind, je nach der Länge des jeweiligen Gesamtmuskels, bis zu 25 cm lang. Ihr
Durchmesser reicht dagegen nur bis zu etwa 1
⁄10 mm (= 20–
100 μm). Muskelfaser ist also lediglich die Bezeichnung für eine Zelle, die in Relation zu ihrem geringen Durchmesser ungeheuer lang ist. Hervorgegangen ist sie in der Embryonalentwicklung aus einer großen Zahl kettenförmig aneinander gelagerter Vorläuferzellen, deren Kontaktflächen sich aufgelöst
haben. Aufgrund ihrer Entstehung und der enormen Länge
enthalten Muskelzellen, im Gegensatz zu allen weiteren
menschlichen Zellen, zahlreiche (hunderte), randständig gelegene Zellkerne. Zur Stillung ihres gewaltigen Energiebedarfs
besitzen Muskelfasern eine große Zahl an Mitochondrien und,
wiederum als Besonderheit gegenüber anderen Zellen, das im
Sarkoplasma (Zytoplasma) gelöste Myoglobin. Das bräunlich
gefärbte Myoglobin ist für die Muskelfarbe verantwortlich. Es
ähnelt dem Hämoglobin der Erythrozyten und hat genau wie
jenes die Aufgabe, Sauerstoff zu binden. Seine Affinität zum
Sauerstoff ist höher als diejenige des Hämoglobin, sodass
derselbe von den Erythrozyten des vorbeiströmenden Blutes
auf das Myoglobin übergeht und als Reserve für den arbeitenden Muskel gespeichert wird.
Das reichlich ausgebildete, den Myofibrillen unmittelbar benachbarte, meist glatte sarkoplasmatische (endoplasmatische) Retikulum der Muskelzellen enthält große Mengen an
Calcium, das mit seiner Freisetzung über Calciumkanäle die
Kontraktion der Zelle ermöglicht. Die kontraktilen Einheiten
als zentrale Elemente von Muskelzellen stellen fädige Strukturen (Myofibrillen) dar, die die Zellen der Länge nach durchziehen und ihre Hauptmasse ausmachen.
Als weitere Besonderheit der Muskelzelle ist eine Basalmembran zu erwähnen, die der eigentlichen Zellmembran
aufgelagert ist und in das bindegewebige Endomysium zwischen benachbarten Muskelzellen übergeht. Dort befinden sich
zahlreiche Kapillaren, die durch ihren spiraligen Verlauf die
Längenunterschiede des Muskels ausgleichen können.
Querstreifung
Die Querstreifung, nach der die Skelettmuskulatur ihren Namen erhielt, sieht man nicht mit bloßem Auge, sondern ausschließlich im Mikroskop. Sie entsteht auf folgende Weise: In
einer einzelnen Muskelfaser liegen in Längsrichtung Hunderte
bis Tausende röhrenförmiger Myofibrillen parallel nebeneinander. Eine einzelne Myofibrille besteht wiederum aus Tausenden identischer Untereinheiten, den Sarkomeren, die hintereinander aufgereiht sind wie die Perlen einer Perlenkette
(› Abb. 1.86). Ein Sarkomer ist also die kleinste Einheit einer Myofibrille und nur ca. 2,5μm lang und 1μm dick. Seine
beiden Begrenzungen stellen aus Proteinen geflochtene Scheiben (Z-Scheiben) dar, die im zweidimensionalen Bild des
Lichtmikroskops als Linien (Z-Linien, Z-Streifen) erscheinen
(› Abb. 1.87). An ihnen sind zahlreiche sehr dünne, fadenartige Eiweißmoleküle befestigt (Aktin), die von den beiden Begrenzungen (Z-Linien) des Sarkomers aus etwa 1 μm weit zu
seiner Mitte ziehen, ohne dieselbe zu erreichen. Ein zweites,
gegenüber dem Aktin sehr viel dickeres Protein (Myosin) befindet sich in ebenfalls großer Zahl und paralleler Anordnung
in der Mitte des Sarkomers. An seinen beiden Seiten überlappt
es mit den Aktinmolekülen, liegt also hier direkt daneben.
Zwei weitere Eiweiße der Sarkomere, Tropomyosin und Troponin, seien lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt. Sie
sind mit den Aktinfäden verknüpft und besitzen Bedeutung für
Calciumbindung und Kontraktion. Gerade Troponin hat inzwischen große Bedeutung zur Frühdiagnostik des Herzinfarkts (› Fach Herz-Kreislauf-System) erlangt, weil es bei
dessen umfangreichen Zellnekrosen in entsprechenden Mengen freigesetzt wird und innerhalb weniger Stunden nach dem
Ereignis aus dem Serum nachgewiesen werden kann.
Die Aktin- ebenso wie die Myosinmoleküle liegen in den
Sarkomeren parallel nebeneinander, sind aber gegenüber dem
jeweils anderen Eiweißmolekül versetzt angeordnet. Weil
sämtliche Sarkomere hunderter oder tausender Myofibrillen
einer Zelle exakt ausgerichtet nebeneinander liegen, befinden
1
8
3
4
5
6
7
2
9
Abb. 1.85 Schema der bindegewebigen Anteile eines Muskelfaserbündels. 1 = Muskelzelle, 2 = Endomysium, 3 = Perimysium internum, 4 =
Perimysium externum, 5 = Epimysium, 6 = Faszie, 7 = Blut- und Lymphgefäße der Skelettmuskulatur, 8 = Primärbündel. [27]
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 63
sich auch die dicken Myosinproteine, die dünnen Aktinfäden
sowie die Z-Scheiben der Sarkomere genau neben denjenigen
der benachbarten Sarkomere. Auf diese Weise entsteht die im
Mikroskop sichtbare Querstreifung. Die Z-Linien sämtlicher
Myofibrillen bilden also gemeinsame, die Zelle quer durchziehende feine Linien; die dicken Myosinmoleküle der Sarkomere sämtlicher Myofibrillen bilden einheitliche, kräftige, quer
verlaufende Streifen (A-Band, A-Streifen). Weitere, sich hiervon abhebende Anteile der Querstreifung ergeben sich u. a. aus
den Zonen beiderseits der Z-Linien, in denen nur die dünnen
Aktinmoleküle nebeneinander liegen (I-Streifen, I-Band).
1.5.3 Muskelkontraktion
Bei der Verkürzung eines Muskels, der Muskelkontraktion,
gleiten die Aktinmoleküle der beiden Z-Scheiben an den mittig liegenden Myosinmolekülen entlang aufeinander zu, weil
sich kleine Fortsätze des Myosin (die sog. Myosinköpfchen)
an den benachbarten Aktinmolekülen „festkrallen“ und sie ein
kleines Stück in Richtung Mitte des Sarkomers ziehen
(› Abb. 1.88). Für das Anheften der Myosinköpfchen wird
Calcium benötigt. Die Energie für das anschließende Umklappen und Lösen der Köpfchen wird durch ATP-Spaltung bereitgestellt. Die Anheftung der Myosinköpfchen und ihr Umklappen mit nachfolgendem Loslassen wiederholt sich bei Anwesenheit von Calcium so lange, bis der zur Verfügung stehende
Weg aufgebraucht ist. Da die Aktinmoleküle mit ihrem anderen Ende am Z-Streifen festhängen, bewegen sich durch ihre
Bewegung in Richtung Sarkomermitte auch die beiden Z-Streifen aufeinander zu: Das Sarkomer verkürzt sich. Die beiderseits an den Z-Streifen hängenden Aktinmoleküle können sich
bei vollständiger Kontraktion sogar in der Mitte des Sarkomers
überlappen. Gleichzeitig ändert sich mit der Verkürzung der
Sarkomere das Muster der Querstreifung.
Tausende von Sarkomeren kettenartig aneinander gereiht
ergeben eine Myofibrille. Diese erstreckt sich vom einen Ende
der Zelle zum anderen. Da eine Zelle (Muskelfaser) wiederum
der Länge des Gesamtmuskels entspricht, ist eine einzelne
Myofibrille zwar nur ca. 1
⁄1.000 mm (1 μm) dick, aber häufig so
lang wie der gesamte Muskel.
Ein einzelnes Sarkomer kann sich im Skelettmuskel von
rund 2,5 auf etwa 1,6 μm, also um 30–40% der ursprünglichen
Ruhelänge verkürzen. Die Kontraktion aller Sarkomere einer
Epimysium
Perimysium
Muskelfaserbündel
Blutgefäße
quergeschnittene
Muskelfasern
Endomysium
Sarkolemm
Myofibrille
Sarkoplasmatisches Retikulum
Z-Streifen Sarkomer
einzelne
Muskelfaser =
Muskelzelle
Mitochondrien Myofibrillen
Motorische
Endplatte
Muskelfaser
Axon mit
Myelinscheide
Muskelbauch
(Muskelfaszie
entfernt)
Sehne
Sarkolemm
Sarkolemm
d) Myofibrillen
a) Skelettmuskeln
(am Beispiel des
Unterarms)
b) Ausschnitt aus Skelettmuskel
c) Innervation einer
einzelnen Muskel-
faser
Signal
vom Motoneuron
Muskelfaserzellkern
Abb. 1.86 Vom Gesamtmuskel zur Myofibrille. [41]
64 1 Anatomie und Physiologie
Myofibrille verkürzt entsprechend auch die Myofibrille um bis
zu 40%. Die Verkürzung der Myofibrillen in einer Muskelfaser
ergibt gleichzeitig deren Verkürzung, weil die Myofibrillen in
ihren Zellen verankert sind. Mit der Verkürzung von Myofibrillen und Zellen kontrahiert sich auch der Gesamtmuskel, da
die Muskelfasern den Gesamtmuskel von der Ursprungssehne
bis zur Ansatzsehne durchziehen.
Inzwischen hat man mehrere Myosintypen gefunden, die
dafür verantwortlich sind, dass sich Muskeln unterschiedlich schnell kontrahieren, abhängig vom Lebensalter und
von einer etwaigen sportlichen Betätigung. Während z. B.
Ausdauersportler überwiegend „langsame Muskeln“ besitzen, verfügen Sprinter über einen hohen Anteil an „schnellem Myosin“.
Daneben gibt es, häufig innerhalb ein und desselben Muskels, unterschiedliche motorische Einheiten, deren Muskelfasern einmal eine geringe Kontraktionskraft mit langsamem
Kraftanstieg, aber sehr geringer Ermüdbarkeit verbinden,
und andere, die sich sehr schnell und mit großer Kraft kontrahieren, aber dafür sehr rasch ermüden. Schnelle Muskeln
enthalten häufig weniger Myoglobin und sind dadurch blasser als langsame Muskeln geringer Ermüdbarkeit. Das Zerebrum kann in Abhängigkeit von der anstehenden Aufgabe zwischen den motorischen Einheiten des Gesamtmuskels auswählen.
1.5.4 Sehnen
Die Zellmembran einer Muskelfaser heißt Sarkolemm. Sie
ist, abgesehen von der aufgelagerten Basalmembran, v. a. am
Ende der Zellen mittels bindegewebiger Auflagerungen dicker und fester als üblich. Etwas vereinfacht entspringen
aus diesen Verdickungen heraus die Sehnen (Tendines, Einzahl Tendo), indem die kollagenen Auflagerungen der Zellenden weiterlaufen. Die Summe dieses straffen BindegeweDie Aktin-Myosin-Verbindung wird wieder gelöst...
und die Myosinköpfchen richten sich auf, um sich erneut
mit dem Aktin zu verbinden.
Aktin und Myosin
verbinden sich...
die Myosinköpfchen kippen
um und gleiten so an den
Aktinfilamenten vorbei.
Myosin
Aktin
90°
+Ca++
50°
ADP+P
ATP
+ATP
Abb. 1.88 Muskel-Kontraktionsmechanismus [38]
Myofibrille
Basallamina
sarkoplasmatisches
Retikulum
Mitochondrium
T-Tubulus
Desmingürtel
Terminalzisterne
M-Streifen H-Zone A-Bande Sarkomer
I-Bande
Z-Linie
Zellmembran
Aktinfilament
Myosinfilament
Titinfilament
Z-Linie
Glykogen
Abb. 1.87 Ausschnitt aus einer Muskelfaser. [9]
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 65
bes sämtlicher Fasern eines Muskels bildet schließlich an
seinen beiden Enden die jeweiligen Sehnen, verstärkt
durch kollagene Fortsetzungen aus Endomysium, Perimysium und Epimysium und ergänzt durch die Gesamthülle des
Muskels, die Faszie, die ebenfalls auf die Sehne weiterzieht
und integriert wird. Ist eine Sehne nicht gebündelt, sondern
flächenhaft ausgebreitet, bezeichnet man diese Struktur
als Aponeurose.
Das zellarme, straffe, parallelfaserige Sehnengewebe
(› Abb. 1.89) wird von Längszügen lockeren, durchbluteten
und nerval versorgten Bindegewebes durchzogen und zusätzlich auch eingehüllt (Peritendineum), wobei Peritendineum
internum und externum letztendlich nur die Fortsetzungen
des Perimysium internum und externum darstellen. Die Fibrozyten des bindegewebigen Anteils ermöglichen nach Verletzungen eine Regeneration des Sehnengewebes, die allerdings
langwierig ist und oft nur unvollständig, unter narbiger Abheilung, stattfindet. Indem sich jedoch die kollagenen Fasern
der entstehenden Narbe häufig in Längsrichtung der Sehne
ausrichten, entsteht letztendlich eine dem Ausgangszustand
vergleichbare Festigkeit.
Befestigung am Knochen
Sehnen bilden die Verbindung des Muskels zum Knochen.
Sie strahlen (inserieren) in das Periost des Knochens, den der
zugehörige Muskel zu bewegen hat. Ihr kollagenes Bindegewebe vermischt sich dabei übergangslos mit dem kollagenen
Bindegewebe der äußeren Schicht des Periosts (Stratum fibrosum) – ebenso, wie dieses nahtlos im Bereich der Gelenke in
die Gelenkkapsel übergeht. Trifft eine Sehne in sehr steilem
Winkel auf ihren Knochen, kann sie auch unter Umgehung
des Periosts direkt in das kollagene Bindegewebe der Grundsubstanz des Knochens selbst einstrahlen und sich dort verankern.
Sehnen sind an ihren Insertionsstellen meist aufgefächert,
um breitere und damit festere Haftungsstellen zu erzielen. Wo
sie entsprechend der entstehenden Bewegungen geknickt werden oder sich an Knochenvorsprüngen aufreiben könnten,
sind sie mittels Einlagerung von Faserknorpel zusätzlich geschützt oder sie gleiten in Sehnenscheiden.
Sehnenscheiden
Wenn Sehnen geführt werden müssen, weil sie um Ecken herumlaufen bzw. um im bestmöglichen Winkel in den Knochen einzustrahlen, oder wenn sie in direktem Kontakt an einem Knochen vorbeiziehen und dabei geschädigt werden
könnten, verlaufen sie in Sehnenscheiden (Einzahl: Vagina
tendinis) (› Abb. 1.90). Die Wand dieser tunnelartigen Gebilde besteht, ganz analog zu Periost bzw. Gelenkkapsel bzw.
Schleimbeutel, aus zwei Schichten, wobei auch hier die äußere aus derbem und widerstandsreichem Bindegewebe (Stratum fibrosum) und die innere aus einer gut durchbluteten
Synovialschicht (Stratum synoviale) gebildet wird. An den
beiden Enden der Sehnenscheide geht das äußere Stratum fibrosum, das die Sehnenscheide im Bindegewebe der Umgebung verankert, in das innere Stratum fibrosum über, das der
durchziehenden Sehne aufliegt. Im Inneren der „Röhrenwandung“ befindet sich Synovialflüssigkeit, wodurch die Wand
für die durchziehende Sehne trotz aller Stabilität nachgiebig
bleibt. Regelmäßig findet man Sehnenscheiden an Händen
und Füßen, weil die langen Sehnen derjenigen Muskeln, die
sich an Unterarm oder Unterschenkel befinden, einen Winkel
beschreiben müssen, um zu den Knochen von Hand bzw. Fuß
zu gelangen.
Abb. 1.89 Sehne im Längsschnitt. Man erkennt die Kerne der Sehnenzellen (Pfeile) und die gewellt verlaufenden Kollagenfasern. [58]
Vagina communis
tendinum musculorum
flexorum
M. flexor
carpi ulnaris,
Tendo
M. abductor
digiti minimi
M. opponens
digiti minimi
Vagina
communis
tendinum
musculorum
flexorum
Vaginae synoviales
digitorummanus
Vagina tendinum
musculorum abductoris
longi et extensoris
pollicis brevis
M. opponens
pollicis
M.
abductor
pollicis
brevis
M. flexor
pollicis brevis
Vagina tendinis
musculi flexoris
pollicis longi
M. adductor pollicis,
Caput transversum
M. lumbricalis I
Retinaculum
musculorum
flexorum
M. flexor digiti
minimi brevis
Vagina tendinis musculi
flexoris pollicis longi
Vagina tendinis
musculi flexoris
carpi radialis
Abb. 1.90 Sehnenscheiden und Palmaraponeurose (Faszie teilweise entfernt) der linken Hand (Ansicht von palmar). [36]
66 1 Anatomie und Physiologie
P A T H O L O G I E
Die Entzündung von Sehnenscheiden, z. B. nach Über- oder Fehlbelastung, nennt man Tendovaginitis. Die entzündliche Mitbeteiligung von Sehnenscheiden und Schleimbeuteln, also Tendovaginitis
und Bursitis, findet man nicht nur nach Überlastungen oder Verletzungen, sondern auch u. a. im Rahmen der Gicht oder der chronischen Polyarthritis (cP).
Bewegungsrichtung
Muskeln können mit ihren Sehnen geradlinig vom Ursprung
zum Ansatz verlaufen. Die Bewegungen der zugehörigen Knochen bzw. ihre Achsen sind hierbei natürlich exakt definiert.
Sehnen können aber auch einen Bogen um einen Knochenvorsprung machen oder gleich mehrere Gelenke mit unterschiedlichen Bewegungsachsen überbrücken. Oft haben sie
hier zusätzliche synergistische Muskeln. Die eigentliche Bewegungsrichtung wird dabei nicht vom Verlauf des Muskels,
sondern vom Verlauf desjenigen Sehnenanteils definiert und
vorgegeben, der die letzte Wegstrecke zum Knochen überbrückt und in diesen einstrahlt.
Ein Knochenvorsprung stellt ein Hypomochlion (= Umlenkstelle) dar, das die ursprüngliche Bewegungsrichtung der
Muskelkontraktion verändert. Die Fußknöchel sind Hypomochlien für die langen Fußmuskelsehnen (› Abb. 1.91). Die
Patella ist ein Hypomochlion für die Sehne des M. quadriceps
des Oberschenkels. Ein weiteres Sesambein, das Erbsenbein
der Handwurzel, ist ein Hypomochlion für den M. flexor carpi
ulnaris.
M E R K E
Die Sehnenendstrecke distal eines Hypomochlions bestimmt die Bewegungsrichtung des zugehörigen Knochens, ganz unabhängig von
der Lage des Muskels. Die Sehnen selbst liegen im Bereich eines Hypomochlions in Sehnenscheiden.
1.5.5 Schleimbeutel
Weitere Schutzfunktion neben den Sehnenscheiden übernehmen an besonders gefährdeten Stellen, z.B. zwischen Knochen
und Muskeln bzw. deren Sehnen oder zwischen oberflächlich
liegenden Knochen und der Oberhaut, die Schleimbeutel (Bursa synovialis). Besonders zahlreich sind sie im Bereich der
Schulter-, Ellbogen- und Kniegelenke (› Abb. 1.51,
› Abb. 1.76).
Die Wand dieser Beutel besteht analog zur Wand der Gelenkkapseln aus zwei Schichten, wobei die gefäßreiche innere
Schicht den Schleim (entspricht einer eingedickten Synovialflüssigkeit) produziert. Teilweise kommunizieren die Schleimbeutel mit direkt benachbarten Gelenken. Bursitis bezeichnet
die Entzündung eines solchen Schleimbeutels.
1.5.6 Kontraktionserfolg
Das Ergebnis einer Muskelkontraktion kann isoton (isos =
gleich, Tonos = Spannung) oder isometrisch (Metron = Maß)
sein (› Abb. 1.92). Es resultiert also entweder eine gleichmäßige Bewegung des Ansatz-Knochens bei gleichförmiger
Spannung in dem sich verkürzenden Muskel (isoton). Oder es
entwickelt sich in dem betreffenden Muskel bei festgestellten
Gelenken ohne Bewegungsmöglichkeit lediglich eine Spannung (Kraft), indem sich die nebeneinander liegenden Aktinund Myosinproteine fester ineinander verzahnen, aber wegen
der unnachgiebigen Anheftungsstellen ihrer Sehnen an den beteiligten Knochen die Sarkomere nicht wesentlich verkürzen
können.
Eine isometrische Muskelkontraktion bewirkt also eine vermehrte Kraftentwicklung (Zugspannung) ohne Bewegung
angrenzender Knochen. Eine isotonische Muskelkontraktion
dagegen bewirkt eine Bewegung zugehöriger Knochen bei
gleichmäßiger Kraftentwicklung und unter Verkürzung des
Vagina tendinis musculi tibialis anterioris
Retinaculum musculorum
extensorum inferius
Vagina tendinis musculi
extensoris hallucis longi
Vaginae
tendinum
digitorum
pedis
Vagina tendinis musculi
tibialis posterioris
agina tendinis
musculi flexoris
digitorum longi
Vagina tendinis
musculi flexoris
ballucis longi
Tendo
calcaneus
Retinaculum
musculorum
flexorum
Vagina tendinis
muscul itibialis
posterioris
M. abductor
hallucis
M. abductor hallucis,
Tendo
M. flexor
digitorum brevis
Vagina tendinis musculi
flexoris hallucis longi
Vagina tendinis musculi
flexoris digitorum longi Abb. 1.91 Der Innenknöchel dient als Hypomochlion für die Fußbeugemuskeln. [36]
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 67
Muskels. Es versteht sich von selbst, dass dies in dieser reinen
Form eher selten zu beobachten ist, sondern dass sich die
Mehrzahl der Muskelkontraktionen aus beiden Elementen zusammensetzt (= auxotonische Kontraktion).
1.5.7 Muskeltypen
Bei parallelfaserigen Muskeln (› Abb. 1.93a–e), bei denen
der gesamte Muskelbauch aus parallel nebeneinander liegenden Muskelfasern besteht, die von der Ursprungssehne bis zur
Ansatzsehne reichen, entspricht die erreichbare Kraft exakt
dem Durchmesser des Muskelbauches, also der Anzahl enthaltener Myofibrillen.
Die Evolution hat in den gefiederten Muskeln (› Abb. 1.93f,
g) einen Weg gefunden, bei gleichem Durchmesser des Muskelbauches dessen Kraft zu erhöhen. Hier sitzt eine weit höhere
Anzahl einzelner Muskelfasern schräg auf ihren Sehnen, wodurch das Aussehen einer Feder resultiert. Diese Muskelfasern
sind wesentlich kürzer – sie reichen nicht mehr vom einen Ende des Muskels zum anderen – und können durch ihre Anzahl
zwar deutlich mehr Kraft entwickeln, durch ihre Anordnung in
einem Winkel aber dem Gesamtmuskel nicht dieselbe Wegstrecke ermöglichen wie bei paralleler Anordnung. Gefiederte
Muskeln findet man daher überall dort, wo es auf die Entwicklung maximaler Kraft, aber nicht auf die Überbrückung großer Wege ankommt, z.B. an der Haltemuskulatur des Rumpfes.
1.5.8 Erzeugung und Speicherung von
Energie
Das gegenseitige Verzahnen und Vorbeibewegen der Aktin- und
Myosinmoleküle bei der Kontraktion des Muskels erfordert neben Calcium auch Energie. Diese wird wie allgemein üblich auf
biochemischem Weg durch ATP (Adenosintriphosphat) bereitgestellt. Die Abspaltung eines Phosphatrestes aus ATP (ATP →
ADP + P = Adenosindiphosphat + Phosphat) setzt Energie frei,
die für die Kontraktion genutzt, überwiegend (zu > 60%) aber
als Wärme frei wird, weshalb körperliche Arbeit zur Erwärmung des Organismus führt. ADP und Phosphat müssen danach unter Zufuhr von Energie wieder zu ATP regeneriert werisometrische
Kontraktion
isotonische
Kontraktion
Abb. 1.92 Varianten der Muskelkontraktion. [38]
b Musculus
biceps
c Musculus
biventer
d Musculus
planus
g Musculus
pennatus
f Musculus
semipennatus
e Musculus
intersectus
a Musculus
fusiformis
Abb. 1.93 Muskeltypen: einköpfiger Muskel (a), zweiköpfiger Muskel (b), zweibäuchiger Muskel (c), mehrköpfiger Muskel (d), durch Zwischensehnen
unterteilter, mehrbäuchiger Muskel (e), einfach gefiederter Muskel (f), zweifach gefiederter Muskel (g). [36]
68 1 Anatomie und Physiologie
den. Dies geschieht in der Atmungskette der Mitochondrien mit
Hilfe der Energie, die aus der Verbrennung (Oxidation) von
Glukose oder Fettsäuren mit Sauerstoff erzeugt wird.
In dem Moment, in dem der zuvor ruhende Skelettmuskel
zu arbeiten beginnt, entsteht ein Missverhältnis zwischen dem
nun entstehenden Zusatzbedarf an ATP und einer adäquaten
Bereitstellung von Sauerstoff für dessen Erzeugung. Die wesentliche Ursache ist in der Autoregulation der Arteriolen zu
sehen, die mindestens 1 Minute lang verengt bleiben, bis der
entstehende Sauerstoffmangel infolge der lokalen Mediatoren
zu ihrer Erweiterung führt und ab diesem Zeitpunkt ein ausreichendes Sauerstoffangebot zur Verfügung steht. Auch der auf
dem Blutweg zugeführte Brennstoff (Glukose, Fettsäuren)
könnte für die Muskelzellen in dieser kurzen Zeitspanne knapp
werden, weshalb es im Stoffwechsel der Skelettmuskulatur gegenüber weiteren Geweben etliche Besonderheiten gibt:
• Skelettmuskelzellen besitzen in Gestalt des Myoglobin eigene Sauerstoffvorräte.
• In Form gespeicherten Glykogens steht unabhängig von
der Durchblutung Brennstoff (Glukose) zur Verfügung.
• Mit dem Molekül Kreatinphosphat steht ein weiteres energiereiches Molekül zur schnellen Regeneration verbrauchten ATP's bereit.
Kreatin wird von der Leber aus der Aminosäure Glycin synthetisiert und dem Muskel auf dem Blutweg zur Verfügung gestellt.
Kreatinphosphat
Kreatin und Phosphat verbinden sich mit Hilfe der Energie, die
in den Mitochondrien durch die Oxidation von Glukose oder
Fettsäuren erzeugt wird, zu Kreatinphosphat:
Kreatin + ATP Kreatinphosphat + ADP
Das Kreatinphosphat ist bei drohendem ATP-Mangel der Zelle
in der Lage, sein Phosphat auf ADP zu übertragen, das dadurch
wieder zu ATP wird und dem nächsten Kontraktionsvorgang
des Muskels zur Verfügung steht. Das in dieser Übertragungsreaktion entstandene Kreatin wird während der nächsten Ruhephase des Muskels erneut unter Energiezufuhr und Phosphat
zu Kreatinphosphat regeneriert. Kreatinphosphat dient also als
zusätzliche und sofort zur Regeneration des ATP verfügbare
Energiereserve, wodurch wenigstens ein Teil des Zusatzbedarfs bei Arbeitsaufnahme des Muskels bereitgestellt wird.
E X K U R S
Die Bindung von Phosphat an Molekülewie Adenosin oder Kreatin stellt
grundsätzlich eine energiereiche Bindung dar. Für ihre Bildung muss
Energie zugeführt werden, bei ihrer Spaltung wird Energie freigesetzt,
die vom Körper auf die mannigfaltigste Weise genutzt werden kann.
Diese Vorgänge werden im › Fach Biochemie genauer besprochen.
Das Enzym, das die Übertragung des Phosphatrestes zwischen
Kreatin und ATP katalysiert, ist die Kreatinkinase (CK). Bei
muskulären Schädigungen mit Zellzerfall wird sie freigesetzt und
kann dann analog zum Umfang der Schädigung aus dem Serum
nachgewiesen werden. Da die CK in verschiedenen Formen vorkommt, im Herzmuskel z.B. als CK-MB, kann zwischen Nekrosen von Herz- und Skelettmuskulatur unterschieden werden.
Dies gilt auch für verschiedene Unterformen des Troponin, sodass die Enzymdiagnostik beim Herzinfarkt nicht durch Schädigungen quergestreifter Skelettmuskulatur gestört werden kann.
Kreatinin als diagnostischer Parameter
Wesentlich ist, dass aus Kreatinphosphat täglich durch automatische Zyklisierung von Kreatin etwa 1–1,5 g Kreatinin entsteht, das für den Muskel wertlos ist und deswegen abgegeben
und über die Niere ausgeschieden wird (› Abb. 1.94). Dabei
ist die im Serum nachweisbare und über den Urin ausgeschiedene Menge weitgehend proportional zur Gesamtmuskelmasse, gleichzeitig aber auch zur Funktion der Niere. Steigt der
Serumspiegel über 1,2mg/dl (Normobergrenze), stellt dies
den empfindlichsten Laborparameter für eine beginnende
Niereninsuffizienz dar (› Fach Urologie).
Leichenstarre
ATP wird im Muskel u. a. für die Trennung ineinander verkrallter Aktin- und Myosinmoleküle benötigt. Bei einem absoluten
Mangel an ATP, wie er zum Zeitpunkt des Todes entsteht, ist
dies nicht mehr möglich. Es kommt zur Totenstarre (Leichenstarre, Rigor mortis). Dieselbe beginnt nach ca. 2 Stunden in
kleinen Muskeln v. a. im Bereich des Kopfes (Augenlider, später
Kiefermuskulatur), um dann abwärts zu schreiten und nach etwa 5–8 Stunden den ganzen Körper zu erfassen. In Muskeln,
die kurz zuvor wegen entsprechender Beanspruchung ihre
ATP-Vorräte aufgebraucht hatten, beginnt die Totenstarre frühzeitiger. Auch durch warme Umgebungstemperaturen wird
ihr Beginn beschleunigt. Die nach 2–4 (1–6) Tagen eintretende Verwesung (Fäulnis) mit Auflösung der Zellstrukturen löst
schließlich auch die Totenstarre.
Milchsäurebildung
Bei übermäßiger Muskelarbeit mit einem relativen Mangel an
Durchblutung und folglich auch Sauerstoff wird der übliche
Energiegewinn durch Oxidation von Glukose und Fettsäuren
in den Mitochondrien eingeschränkt, weil eine Oxidation ohne
Sauerstoff nicht möglich ist. Ersatzweise wird die Glukose nun
verstärkt über einen alternativen Stoffwechselweg ohne Sauerstoff abgebaut (anaerobe Glykolyse). Dabei handelt es sich allerdings um eine Notlösung mit deutlich weniger Energiegewinn (nur 2 ATP anstatt 38), wobei dann an Stelle der üblichen
Endprodukte CO2 und H2O größere Mengen an Milchsäure
(Laktat) anfallen (› Abb. 1.95). Die Milchsäure wird ans Blut
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 69
abgegeben und führt hier bei Mengen, die nicht vollständig abgepuffert werden können, zur Azidose (Laktatazidose). Mäßige Mengen an Laktat im Blut sind selbst in körperlicher Ruhe
physiologisch, weil die Erythrozyten mangels Mitochondrien
nur auf diesem Weg Energie gewinnen können. Aufgenommen
und entsorgt (verwertet) wird die Milchsäure durch Leber und
Herzmuskel (› Fach Biochemie, › Fach Herz-KreislaufSystem, › Fach Endokrinologie).
Muskelkater
Der jedem bekannte „Muskelkater“ wurde früher auf die Muskelübersäuerung in der Folge der Milchsäurebildung zurückgeführt. Der Mechanismus der Schmerzentstehung besteht allerdings darin, dass bei muskulärer Überlastung einzelne Myofibrillen bzw. die Z-Scheiben ihrer Sarkomere reißen. Diese Mikrotraumen (Trauma = Verletzung), v. a. aber das sich
ausbildende entzündliche Ödem verursachen den Schmerz des
Muskelkaters. Im Einklang damit steht, dass der Schmerz zumeist erst nach 2–3 Tagen abklingt, also entsprechend der Zeit
der Abheilung dieser Mikrotraumen, und nicht nach maximal
einer Stunde, wenn die überschüssige Milchsäure durch die
Normalisierung zwischen Durchblutung und Belastung des
Muskels bereits wieder ausgeschwemmt und von Herz und Leber abgebaut worden ist. Auch die ersten Erscheinungen des
Muskelkaters beginnen erst nach einer Zeitspanne, in der die
Arginin-Glycinamidino- transferase
Arginin
Ornithin
Guanidoacetat
Kreatinkinase
Glycin
H2N - CH2 - COOH
N - CH2 - COOH
HN = C
H
NH2
N - CH2 - COOH
CH3
[CH3]
NH2
N - P - OH
H
O
ON-CH2
H O
N C
Glycin
Guanidoacetat
Kreatinphosphat
Kreatinin
Kreatin
Kreatin
ADP
ATP ATP
ADP
P
Methyltransferase
ATP-Kreatintransphosphorylase
Kreatinphosphat
Kreatinin
HN = C
HN = C
CH3
Abb. 1.94 Weg vom Glycin (Leber) zum zyklischen Kreatinin (Muskel).
hohe ATPAusbeute
bei ausreichender
O2-Verfügbarkeit
bei O2-Mangel
Umwandlung
von Pyruvat zu
CO2
geringe ATPAusbeute
Laktat
Glykolyse
„GlukoseSpeicher“
Glykogen
Glukose
ZitratZ y k l u s
AcetylCoenzym A
O2
Pyruvat
Abb. 1.95 Energiegewinnung mit und ohne Sauerstoff (O2). [38]
70 1 Anatomie und Physiologie
Milchsäure längst abtransportiert worden ist, häufig erst am
Folgetag der Überlastung.
Aus der Ursache eines Muskelkaters kann man schlussfolgern, dass die oftmals gehörte Empfehlung, einen solchen Muskel weiterhin zu belasten, nicht richtig sein kann. Ein traumatisierter Muskel benötigt, entsprechend jedem Trauma und jeder
Entzündung, v. a. Ruhe oder höchstens ganz leichte Bewegungen, die die Durchblutung verbessern.
1.5.9 Hypertrophie, Atrophie und
Regeneration
Die anhaltende Nichtbeanspruchung eines Muskels, z.B. wegen Ruhigstellung nach einer Fraktur, führt zu Muskelschwund (Muskelatrophie). Die Zahl der Muskelzellen nimmt
hierbei nicht ab, wohl aber die Zahl der in den Muskelfasern
enthaltenen Myofibrillen. Umfang und Kraftentwicklung der
einzelnen Muskelfasern und damit des entsprechenden Gesamtmuskels verringern sich.
Ein Muskelaufbautraining führt ebenfalls nicht zu einer
vermehrten Anzahl an Muskelfasern, sondern nur zu einer
Vermehrung der enthaltenen Myofibrillen (Muskelhypertrophie). Atrophie wie Hypertrophie sind also jederzeit reversibel.
Die Zahl der einzelnen Zellen pro Gesamtmuskel ist genetisch festgelegt und bleibt ab dem Kleinkindesalter weitgehend unverändert. Ab diesem Zeitpunkt nehmen lediglich die
Zahl der Myofibrillen pro Muskelfaser sowie mit dem allgemeinen Wachstum des Kindes auch die Länge der Muskeln durch
Bildung weiterer Sarkomere pro Myofibrille zu.
Zugrunde gegangene Muskelfasern können nicht regenerieren. Sie werden bindegewebig umgewandelt. Allerdings gibt
es auch im ausgewachsenen Muskel Vorläuferzellen (Myoblasten), die vermehrungsfähig bleiben und den Verlust einzelner
Zellen ausgleichen können. Dies ist aber nur bis zu einem gewissen Umfang möglich, sodass umfangreichere Nekrosen
nicht mehr kompensiert werden.
Wenn durch die Schädigung des Nerven, der einen Teil des Gesamtmuskels versorgt, eine größere Zahl an Zellen zugrunde geht,
ist eine Kompensation durch neu gebildete Zellen nicht möglich,
weil in diesen Fällen keine Innervation erfolgen kann. Der betroffene Muskel wird seine frühere Stärke nur noch dadurch zurückgewinnen können, dass durch ein angemessenes Aufbautraining
die übrig gebliebenen Muskelfasern hypertrophieren – also die
Zahl ihrer Myofibrillen vermehren. Die einzelne Muskelfaser
wird dicker. Die Hypertrophie von Muskelfasern hat allerdings
ihre Grenzen. Ein umfangreicherer Zelluntergang kann durch die
restlichen Zellen nicht mehr ausgeglichen werden.
1.5.10 Nervale Versorgung der Muskulatur
Ein Skelettmuskel muss wissen, wann er sich wie stark und
wie lange zu kontrahieren und wann er zu erschlaffen hat.
Die dazu benötigten Befehle erhält er aus dem Gyrus precentralis des Großhirns (› Fach Neurologie). Die Leitung dieser
Befehle erfolgt über Nervenfasern von Hirn und Rückenmark
(Pyramidenbahn) und schließlich, nach synaptischer Umschaltung im zugehörigen Rückenmarksegment, über den sich
anschließenden peripheren Nerven. Diese myelinisierten, sehr
schnell leitenden Nerven nennt man motorische Nerven bzw.
α-Motoneurone.
Periphere Nerven haben Längen von bis zu über 100cm und
Durchmesser, die sie mit bloßem Auge erkennbar werden lassen. Entsprechend dem Aufbau der Muskelfaserbündel, die man
ebenfalls ohne Zuhilfenahme eines Mikroskops sehen kann, ist
auch der Nerv aus einer Unzahl von nur noch mikroskopisch
erkennbaren, einzelnen Nervenfasern zusammengesetzt.
Eine einzelne Nervenfaser (= Axon) ist der Fortsatz einer
einzelnen Nervenzelle, die z.B. im Rückenmark der LWS liegen
kann, während ihre Faser den 100 cm entfernten Muskel eines
Fußes versorgt. Die Zellkörper der motorischen Nerven befinden sich im Vorderhorn des Rückenmarks, ihre Axone ziehen
als Teil der Spinalnerven durch die Zwischenwirbellöcher zu
den muskulären Strukturen. Einen weiteren Anteil der Spinalnerven bilden Fasern, die den umgekehrten Weg nehmen, aus
der Peripherie zum Zerebrum, und dem Gehirn z.B. Schmerz
oder Berührung oder Juckreiz melden (sensible Nerven).
Motorische Endplatte
Nervenzellen, die mit ihren Fasern zu einem Muskel ziehen, um
ihn zur Kontraktion zu bringen, heißen also motorisch. Die Verknüpfungsstelle zwischen dem Ende des Axons und der Muskelfaser heißt motorische Endplatte oder auch myoneurale Synapse. Hier legen sich diverse Verzweigungen des Nervenfaserendes mit ihren leicht kolbig aufgetriebenen Enden in grübchenförmige Einsenkungen benachbarter Muskelfasern (› Abb. 1.96).
Die Membran der aufgetriebenen Nervenfaserendigung heißt
präsynaptische Membran. Die Zellmembran der angrenzenden Muskelfaser heißt postsynaptische Membran. Zwischen
beiden befindet sich der synaptische Spalt. Die Gesamtstruktur
heißt Synapse oder (am Skelettmuskel) motorische Endplatte.
Während sich das Axon des motorischen Nerven beim Erreichen des innervierten Muskels in zahlreiche Endigungen und
damit präsynaptische Membranen aufteilen kann, wird pro
Muskelfaser lediglich eine einzige Synapse ausgebildet.
Motorische Einheit
Die Zahl der nervalen Endungen eines Axons entspricht der
Zahl innervierter Muskelfasern. Dies können bei Muskeln, die
einer besonders feinen Steuerung bedürfen (z.B. am Auge), lediglich 10 benachbarte Zellen sein, bei Muskeln wie z.B. der
Haltemuskulatur des Rumpfes jedoch mehr als 1.000 Muskelfasern, die durch ebenso viele Verzweigungen eines einzelnen
Axons erreicht werden (›Abb. 1.97). Eine funktionelle Ein-
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 71
heit aus einem Motoneuron mit seinem Axon und sämtlichen
von ihm innervierten Muskelfasern nennt man motorische
Einheit, weil sie vom Zerebrum als Einheit und getrennt von
benachbarten Muskelanteilen gesteuert werden kann.
1.5.11 Neurophysiologie
Ruhepotenzial
Das ionale Ungleichgewicht zwischen der Intra- und Extrazellulärflüssigkeit mit großen Mengen positiv geladener Natriumionen außerhalb und positiv geladener Kaliumionen innerhalb der
Zellen führt an den Zellmembranen des Organismus zu einer
Ladungsdifferenz auf den beiden Seiten. In der Ruhe einer Zelle
wird dieses pseudoelektrische Potenzial durch Kaliumionen erzeugt, die durch ihre Kanäle vom Zellinneren aus zur Außenseite
der Membran gelangen und dort festhängen. Die negativ geladenen Partner der Kaliumionen (Eiweiß und Phosphat) verbleiben
an der Innenseite der Zellmembran. Die Differenz der positiven
Ladungen außen zu den negativen Ladungen innen ergibt in der
Summe eine Spannung bzw. ein Potenzial von etwa 85–90 mV.
Aktionspotenzial
Der Befehl des Gehirns mit Weiterleitung bis zur präsynaptischen Membran führt hier zur Ausschüttung eines chemischen Botenstoffes, des Acetylcholin, in den synaptischen
Spalt. Acetylcholin wird bis zum Eintreffen des Nervenimpulses in kleinen Bläschen (synaptische Vesikel) der Nervenendigung gespeichert (› Abb. 1.96). Die synaptischen Vesikel
sind für ihre Stabilität und ordnungsgemäße Funktion auf ausreichende Mengen an Magnesium angewiesen.
Ein Teil der Bläschen verschmilzt beim Eintreffen des Nervenimpulses mit der präsynaptischen Membran und entlässt
den Inhalt (ca. 10.000 Moleküle Acetylcholin/Vesikel) in den
synaptischen Spalt. Daraufhin diffundiert das Acetylcholin
zur postsynaptischen Membran (Plasmalemm der Muskelzelle), bindet dort an spezifische Rezeptoren und verändert dadurch die Durchlässigkeit der Muskelfasermembran v. a. für
Natriumionen (Na+).
Durch den nun folgenden, ungeheuer schnellen Einstrom
positiv geladener Natriumionen vom Interstitium ins Zellinnere wird die Muskelfasermembran, vergleichbar mit einem elektrischen Impuls, innerhalb von Sekundenbruchteilen erregt.
Aus dem Ruhepotenzial entsteht das Aktionspotenzial. Dabei
ist dieses Aktionspotenzial immer vollständig, sofern die am
synaptischen Spalt übertragene Menge an Acetylcholin zur
Auslösung des Potenzials ausgereicht hat. Das Aktionspotenzial findet also statt oder nicht. Wenn es stattfindet, hat es immer
dieselbe Form und Stärke. Diesen Zusammenhang bezeichnet
man als Alles-oder-Nichts-Gesetz.
Die Erregung des Aktionspotenzials pflanzt sich vom Bereich der Endplatte aus in Sekundenbruchteilen auf die gesamte Oberfläche der zugehörigen Muskelfaser sowie über Einstülpungen der Zellmembran (transversale Tubuli) bis zu den in
Längsrichtung verlaufenden Schläuchen (longitudinale Tubuli) des sarkoplasmatischen Retikulum fort. Vom Retikulum
aus erfolgt direkt anschließend über sich öffnende Calciumkanäle ein Einstrom von Calciumionen zu den benachbart liegenden Myofibrillen. Die Calciumionen bewirken nun die
Verzahnung der Aktin- und Myosinfilamente miteinander und
dadurch die Kontraktion von Muskelfaser und Gesamtmuskel. Die Umsetzung des pseudoelektrischen Membranpotenzials auf die rein mechanische Kontraktion der Muskelfaser bezeichnet man als elektromechanische Kopplung.
postsynaptische
Membran
Basallamina
Schwann-Zelle
Endknöpfchen
des Axons
Markscheide
Axon
Mitochondrien
synaptische
Vesikel
präsynaptische
Membran
synaptischer Spalt
(mit Basallamina)
subneurales
Faltenfeld
Skelettmuskelzelle
Endosom
Abb. 1.96 Schema einer motorischen Endplatte. [12]
Augenmuskel
Skelettmuskel
untere
Extremität
hoch
differenzierte,
fein steuerbare
Bewegung
wenig
differenzierte,
grobe
Bewegung
ca. 2000 Fasern
1 Motoneuron versorgt: ca. 10 Fasern
Abb. 1.97 Versorgungsgebiet einer motorischen Einheit. [38]
72 1 Anatomie und Physiologie
M E R K E
Grundsätzlich und ganz pauschal kann man sagen, dass in jeder Muskelzelle, in der sich Calcium befindet, eine Kontraktion stattfindet
und da, wo Calcium nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist, eine
Kontraktion nicht möglich ist: Calcium = Kontraktion.
Nur wenige Millisekunden (1ms = 1
⁄1.000 sec) nach Ausschüttung von Acetylcholin in den synaptischen Spalt wird dieses
durch ein spezifisches Enzym, die Cholinesterase, auch schon
wieder gespalten und damit unwirksam gemacht. Dadurch
wird jeweils nur ein einziges Aktionspotenzial ausgelöst und
das Gehirn erhält die Möglichkeit, den entsprechenden Muskel
ganz nach seinen Bedürfnissen von einer kurzen Muskelzuckung bis hin zu einer Dauerkontraktion (durch laufend wiederholte Nervenimpulse) zu steuern.
Die Natriumkanäle schließen, nachdem sie durch des Acetylcholin geöffnet worden waren, umgehend wieder (innerhalb
von 1–2ms). Innerhalb von weiteren 3ms stellen ausströmende Kaliumionen das Ruhepotenzial weitgehend wieder her.
Die im Aktionspotenzial nach innen geströmten Natriumionen
werden von der Natrium-Kalium-Pumpe hinausgeschafft.
Insgesamt dauert der gesamte Vorgang vom Zusammenbrechen des Ruhepotenzials bis hin zu seiner ausreichenden
Wiederherstellung kaum länger als 5ms. Erst danach ist die
Zellmembran durch einen weiteren Nervenimpuls erneut erregbar. Während der Dauer des Aktionspotenzials ist dies
nicht möglich. Man bezeichnet deshalb diese Zeitspanne von
ca. 5ms als Refraktärphase.
H I N W E I S P R Ü F U N G
Ruhe- und Aktionspotenzial werden einschließlich ihrer ionalen Gegebenheiten und Veränderungen im › Fach Herz-Kreislauf-System
genauer besprochen. Für ein Grundverständnis wie für die Anforderungen der Heilpraktikerprüfung genügt die zusammenfassende Darstellung an dieser Stelle.
Erschlaffung der Muskelzelle
Solange sich Calciumionen an den kontraktilen Filamenten befinden, kann die Muskelfaser nicht erschlaffen. Von besonderer Bedeutung ist deshalb eine große Zahl an Pumpen sowohl
in der Zellmembran als auch in den Membranen des sarkoplasmatischen Retikulums, die unmittelbar nach dem Einströmen
der Calciumionen bereits damit beginnen, dieselben wieder
aus dem Zytosol hinauszupumpen und damit von den Myofibrillen zu entfernen. Dabei muss die Calciumkonzentration im
Bereich der Myofibrillen eine kritische Konzentration von
rund 10–7mol/l unterschreiten, damit es zur Erschlaffung kommen kann.
Tetanische Kontraktion
Die Öffnung der Calciumkanäle im sarkoplasmatischen Retikulum hält länger an als diejenige der Natriumkanäle in der
Zellmembran. Auch das anschließende Hinausschaffen der
Calciumionen durch die Calciumpumpen geht nicht ganz so
schnell vonstatten. Insgesamt dauert es mindestens 20ms, bis
die Calciumkonzentration ausreichend abgenommen hat. Damit ist gleichzeitig auch die Zeitdauer einer einzelnen Muskelzuckung definiert.
Gibt das Gehirn über seine Nerven bereits nach 10 oder
20ms den Befehl zur nächsten Kontraktion, erfolgt der neuerliche Calciumeinstrom zu einer Zeit, in der der Muskel noch
kontrahiert ist. Er kann also nicht erschlaffen, sondern hält
und verstärkt die noch vorhandene Kontraktion. Man nennt
eine solche Dauerkontraktion tetanische Kontraktion. Vollständig wird sie etwa ab 50 zerebralen Impulsen/Sekunde
(50 Hz) (› Abb. 1.98). Dies entspricht einem Zeitintervall von
20ms zwischen aufeinanderfolgenden nervalen Impulsen.
100 ms
20 Hz 20 Hz 50 Hz
Einzelzuckung
Superposition
von zwei
Einzelzuckungen
unvollständige
tetanische
Kontraktion
vollständige
tetanische
Kontraktion
Reizfrequenz
Aktionspotenziale
Muskelkontraktion
Abb. 1.98 Abhängigkeit muskulärer Kontraktionen von der Frequenz nervaler Befehle. [52]
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 73
Kraftentwicklung
Die Kraft eines Muskels lässt sich dadurch erhöhen, dass man
ihn zuvor etwas aus seiner Ruhelage heraus überdehnt. Wenn
man den Hohlraum einer Herzkammer durch vermehrte Blutfüllung weitet und damit die Muskelzellen ihrer Wandung
dehnt, entwickeln diese bei der folgenden Kontraktion eine
größere Kraft (› Abb. 1.99). Man nennt diesen Vorgang am
Herzen Frank-Starling-Mechanismus. Diese Namensgebung
gilt für den Skelettmuskel nicht. Der Vorgang ist aber vergleichbar: Wenn man einen Ball werfen will, holt man dafür
mit dem Arm aus, überdehnt also zuvor die für das Werfen erforderliche Muskulatur.
Die Ursache für die Kraftzunahme ist darin zu sehen, dass
die Aktin- und Myosinfilamente eine bessere Ausrichtung zueinander bekommen und sich bei der folgenden Kontraktion
besser verzahnen können. Des Weiteren sollen auch die Calciumionen „mehr Platz bekommen“ und deshalb in größerer
Zahl die Kontraktion verstärken.
Überdehnt man einen Muskel aber zu stark, verlängern sich
seine Sarkomere in einem Maß, dass auch die Filamente so
weit auseinander gezogen werden, bis sie nur noch unvollständig oder schließlich überhaupt nicht mehr überlappen. Die
mögliche Kraft nimmt wieder ab, bis zuletzt überhaupt keine
Kontraktion mehr erfolgen kann (ab einer Sarkomerlänge von
3,6 μm).
Ruhetonus
Noch im Schlaf hat jeder Muskel eine geringe Grundspannung
(Ruhetonus). Das bedeutet, dass selbst ohne jede willentliche
Anspannung immer eine wechselnde Anzahl an motorischen
Einheiten im Einsatz ist. Erst in einer tiefen Narkose ist ein
Muskel vollständig entspannt.
1.5.12 Steuerung muskulärer Kontraktionen
Das Gehirn wäre nicht imstande, sehr fein abgestufte Bewegungen zu steuern, wenn es nicht laufend über den exakten
Bewegungsumfang und Zustand seiner Muskulatur unterrichtet würde. Dies geschieht durch die Kontrolle der Augen sowie über das Gleichgewichtsorgan des Innenohrs, das ständig
über die Lage des Körpers im Raum informiert. Daneben registrieren die Mechanorezeptoren von Haut und Gelenkstrukturen (› Fach Dermatologie) fein abgestuft Berührungen bis
hin zu stärksten Drücken. Schließlich beherbergen die Muskeln sowie ihre Sehnen Messfühler, die Propriozeptoren, zu
denen die Muskelspindeln und Sehnenspindeln zählen. Sie
melden dem Gehirn die momentane Spannung in Muskel und
Sehnen sowie die aktuelle Länge des Muskels.
Muskelspindel
Eine Muskelspindel ist ein wenige Millimeter langes ovales Gebilde, das einem „Mini-Muskel“ ähnelt und von einer bindegewebigen Hülle umgeben ist (› Abb. 1.100). Darin liegende,
sog. intrafusale Muskelfasern dienen als Rezeptoren für die
Registrierung von Spannungen und können in ihrer Ansprechschwelle verändert und damit wechselnden Zuständen und
Anforderungen angepasst werden.
Die Muskelspindeln werden von unterschiedlichen Nervenfasern versorgt, die einerseits die Ansprechschwelle dieser
Spindeln verändern und andererseits deren Dehnung und damit auch die Dehnung des umgebenden Muskelgewebes weitermelden können. Nerven, die für die Einstellung der Vormaximale
Kraft [%]
Sarkomerlänge [µm]
1,5 2,0 2,5 3,0
0
20
40
60
80
100
3,5 4,0
1 2 3
1,65 µm
1
2
3
2,20–2,25 µm
3,65 µm
Abb. 1.99 Abhängigkeit der Kraftentwicklung von der Ausgangslänge des
Muskels. [52]
1 mm
Sehne
Golgi-Sehnenorgan freie
Endigungen
III Ib IaII
Muskelfasern
Muskelspindel
Abb. 1.100 Längen- und Spannungsrezeptoren der quergestreiften Skelettmuskulatur. Die Längenrezeptoren sind in einer Muskelspindel lokalisiert
und parallel zur Arbeitsmuskulatur angeordnet. Sie werden von afferenten
Axonen der Gruppen I (Ia) und II innerviert. Die Spannungsrezeptoren, die
Golgi-Sehnenorgane, sind am Übergang von den Muskelfasern zur Sehne in
Serie angeordnet. Sie werden von afferenten Axonen der Gruppe I (Ib) innerviert. [52]
74 1 Anatomie und Physiologie
spannung in Spindeln von Muskeln und Sehnen zuständig
sind, gehören zu den sog. γ-Motoneuronen (› Fach Neurologie).
Sehnenspindel
Die Sehnenspindeln (Golgi-Sehnenorgane) reagieren wie die
Muskelspindeln auf Dehnung und beantworten dieselbe ebenfalls mit Nervenimpulsen in Richtung Rückenmark bzw. Zerebrum (› Abb. 1.100). Sie haben allerdings eine weitaus höhere Reizschwelle, d. h. der erforderliche Zug an ihnen muss bis
zur Auslösung einer nervalen Antwort deutlich größer sein.
Im Gegensatz zur Muskelspindel wird die Sehnenspindel sowohl aktiviert, wenn Sehne und Muskel passiv überdehnt werden, als auch dann, wenn der Muskel sich aktiv kontrahiert
und damit seine eigene Sehne sowie deren Golgi-Spindeln
überdehnt.
Ein Zug auf die Sehnen und ihre Spindeln erfolgt also bei jedem ausgeprägten Zug an ihnen, gleichgültig ob durch Kontraktion des zugehörigen Muskels oder denjenigen des Antagonisten. Ein Zug an den Spindeln des Muskels kann demgegenüber nur dann eintreten, wenn der Gesamtmuskel passiv überdehnt wird, denn bei seiner Kontraktion erschlaffen die
enthaltenen Muskelspindeln. Daraus geht hervor, dass die Sehnenspindel alleine (bei Muskelkontraktion) oder gemeinsam
mit der Muskelspindel (bei ausgeprägter passiver Dehnung)
ansprechen kann. Wenn dagegen die sensiblere Muskelspindel
alleine und ohne Sehnenbeteiligung anspricht, muss es sich um
eine mäßig ausgeprägte passive Dehnung handeln. Je nachdem, ob beide Spindeltypen oder lediglich eine von ihnen Nervenimpulse weiterleiten, weiß das Gehirn, ob der Muskel sich
kontrahiert oder passiv gedehnt wird und in welchem Ausmaß
dies geschieht.
H I N W E I S P R Ü F U N G
Diese Vorgänge sind nicht prüfungsrelevant und bedürfen deshalb
keiner genaueren Erörterung.
1.5.13 Muskeleigenreflex
Muskeleigenreflexe werden durch die abrupte Überdehnung
eines Muskels, und damit auch seiner Spindeln, ausgelöst
und über die afferente Faser der Muskelspindel im Rückenmark direkt auf denjenigen motorischen Vorderhornnerven
synaptisch weitergeleitet, der den überdehnten Muskel versorgt. Das Ergebnis besteht in einer Reflexzuckung im direkten Anschluss an den mit dem Reflexhammer ausgeführten
Schlag auf die Sehne des entsprechenden Muskels. Eigenund Fremdreflexe werden im › Fach Neurologie ausführlich
besprochen.
E X K U R S
Muskelzuckungen aufgrund einer Elektrotherapie erfolgen nicht
direkt über die motorische Endplatte und nicht durch Ionenverschiebungen in den Muskelfasern als Folge elektrischen Stroms. Vielmehr
bewirkt dieser eine Reizung der Rezeptoren der Muskulatur und
ihrer Sehnen, welche dies entsprechend dem Weg der Muskeleigenreflexe auf den motorischen Nerven im Vorderhorn übertragen. Sehr
starke Ströme können die Muskulatur aber auch direkt zur Kontraktion bringen.
1.5.14 Rückführung der Muskelkontraktion
Jeder Muskel hat einen Gegenspieler. Der Agonist hat seinen
Antagonisten, der die vom Agonisten durchgeführte Bewegung eines Skelettanteils wieder rückgängig macht. Beispielsweise ist der M. triceps der Antagonist des M. biceps (und umgekehrt): Der Bizepsmuskel beugt den Arm im Ellbogengelenk.
Der Trizeps streckt ihn wieder. Kontrahiert sich der eine, wird
gleichzeitig der andere gedehnt. Ein einzelner Muskel ist nach
seiner Kontraktion nicht imstande, sich wieder auf seine Ruhelänge aufzudehnen, weil es hierfür keine Vorrichtungen gibt.
Er ist also grundsätzlich auf die Hilfe eines Antagonisten angewiesen.
Synergistische Muskelgruppen nennt man solche, die sich
gegenseitig in ihren Bewegungen unterstützen. Synergistisch
wirken also Muskeln, die am selben Knochen ansetzen und bei
ihrer Kontraktion in etwa in die gleiche Richtung ziehen. Dies
gilt u. a. für mehrere Muskeln am medialen Oberschenkel, die
allesamt eine Adduktion des Beines im Hüftgelenk bewirken.
Sie werden deswegen auch zur Gruppe der Adduktoren zusammengefasst.
1.5.15 Unterschiede zwischen den
Muskelarten
Quergestreifte Skelettmuskulatur
Muskelfasern stellen nach den Nervenzellen mit ihren langen
Fortsätzen die längsten Zellen des menschlichen Körpers dar.
Sie enthalten als einzige Zellart zahlreiche (hunderte) Zellkerne. Jede Einzelzelle ist von ihren Nachbarzellen vollständig
getrennt, arbeitet also autonom (für sich allein). Die Kontraktion erfolgt ausschließlich infolge eines Nervenimpulses an
der motorischen Endplatte durch den Überträgerstoff Acetylcholin.
Jeder einzelne motorische Nerv verzweigt sich vor der Innervation der einzelnen Muskelfasern in etwa 10 (Auge, Ohr)
bis > 1.000 (Haltemuskulatur der Wirbelsäule) einzelne, kolbig
aufgetriebene Endungen und versorgt dadurch ebenso viele
einzelne Muskelfasern (motorische Einheit). Die Muskelfasern der zahllosen weiteren motorischen Einheiten kontrahieren sich hierbei nicht, tragen also zur Kontraktionskraft des
Gesamtmuskels auch nichts bei. Erst wenn der Befehl des Ge-
1.5 Muskulatur – Anatomie und Physiologie 75
hirns gleichzeitig an alle einen Muskel versorgenden Nervenfasern ergeht, kontrahieren sich auch dessen sämtliche Zellen
und der Gesamtmuskel arbeitet mit maximaler Kraft.
Die Regulierung der Muskelkraft, mit der man z.B. einen
Gegenstand hält oder bewegt, erfolgt also ausschließlich über
den wechselnden Anteil an Nerven, der gerade aktiv ist. Die
einzelne Nervenfaser kann bei einem einzelnen Impuls die
Kraft der versorgten Muskelfasern nicht steigern; diese ist immer vollständig, sofern die durch den synaptischen Spalt diffundierende Menge an Acetylcholin für einen Zusammenbruch
des Ruhepotenzials ausgereicht hat (Alles-oder-Nichts-Gesetz). Die dem Aktionspotenzial nachfolgende Kontraktion
kann nur dadurch verstärkt und verlängert werden, dass die
Nervenfaser pausenlos weiter feuert und die Muskelfaser damit auch unentwegt zusätzliche Mengen an Calcium erhält. Sie
hat dadurch keine Chance mehr zu erschlaffen (tetanische
Kontraktion).
Die Querstreifung des Skelettmuskels ist ausschließlich im
Mikroskop zu erkennen. Sie entsteht durch die perfekt parallele Ausrichtung der Myofibrillen in ihren Zellen, wodurch
Z-Streifen, Aktin- und Myosinfilamente benachbarter Myofibrillen genau nebeneinander zu liegen kommen. Dadurch bilden die Strukturen der Sarkomere mit ihren unterschiedlich
dicken und unterschiedlich lichtbrechenden Molekülen einheitliche, die Muskelfaser quer durchziehende Linien bzw.
Streifen.
Angefügt werden soll, dass die Muskulatur des Kopfes überwiegend von Anteilen der 12 Hirnnerven innerviert wird, und
die Muskeln des restlichen Körpers von den zugehörigen Spinalnerven (› Fach Neurologie). Des Weiteren gibt es vereinzelt auch quergestreifte Muskulatur, die nicht willkürlich,
sondern über das Vegetativum gesteuert wird, dem Willen also
gar nicht untersteht. Dazu gehören v. a. Anteile der Speiseröhre
(oberes Drittel).
Herzmuskulatur
Auch die Herzmuskulatur besteht aus quergestreifter Muskulatur, weil auch bei ihr die Myofibrillen einer einzelnen Herzmuskelzelle parallel nebeneinander liegen. Im Skelettmuskel
liegen auch die einzelnen Muskelfasern parallel nebeneinander. Dies ist beim Herzen nicht der Fall. Seine Einzelzellen bilden teilweise Winkel zueinander, überragen sich gegenseitig
und haben oft auch einzelne Ausläufer, sind also gewissermaßen verzweigt. Daneben besitzen sie die Größe üblicher Zellen
(100 μm) und nur einen Zellkern (selten auch zwei).
Der wichtigste Unterschied zur Skelettmuskulatur besteht
darin, dass die Muskulatur des Herzens vollkommen autonom
und unabhängig von nervalen Impulsen arbeitet. Es gibt keine motorische Endplatte und die Nervenfasern des vegetativen Nervensystems, die Teile des Herzens innervieren, haben
ausschließlich modulierenden (verändernden) Charakter. Sie
werden aber für die eigentliche Funktion des Herzens nicht benötigt, sodass sich die Herzkammern auch dann noch regelmäßig kontrahieren, wenn man das gesamte Herz aus dem Thorax
entfernt und lediglich seine Durchblutung aufrechterhält.
Ermöglicht wird dies durch kleine Poren (sog. gap junctions) in den Zellmembranen an den Stellen, an welchen benachbarte Herzmuskelzellen aneinander grenzen (Glanzstreifen). Hierdurch gelangen dann Natrium- bzw. Calciumionen von der einen Zelle zur nächsten und so fort, bis das
gesamte Herz erregt ist und sich kontrahiert. Die Natriumionen, die ausgehend von der motorischen Endplatte des Skelettmuskels als positive Ladungsträger (Na+) vom Interstitium aus ins Zytosol geströmt waren und damit das Aktionspotenzial ausgelöst hatten, werden also am Herzen ersetzt
durch positive Ionen, die von der einen Zelle über die gap
junctions zur nächsten gelangen und dort das Ruhepotenzial
beenden. Dies wird im › Fach Herz-Kreislauf-System genauer besprochen.
Ein weiterer Unterschied zur Skelettmuskulatur besteht darin, dass die Calciumionen, die auch am Herzmuskel die Kontraktion auslösen, hier nicht ausschließlich aus dem sarkoplasmatischen Retikulum in die Zelle (Sarkoplasma) hineinHerzmuskel Skelettmuskel
50
Zeit [s]
0 0,1 0,2 0,3
MP
[mV]
0
+30
a
0
Kraft
Zeit [s]
0 0,1 0,2 0,3
MP
[mV]
0
+30
b
0
Kraft
50
Abb. 1.101 Gegenüberstellung eines Aktionspotenzials (MP) und der zeitlich zugehörigen Kraftentwicklung. a Herzmuskelfaser. b Skelettmuskelfaser. [52]
76 1 Anatomie und Physiologie
strömen, sondern zusätzlich von außen, also aus dem Interstitium. Dadurch unterscheidet sich das Aktionspotenzial in
seinen pseudoelektrischen Abläufen erheblich von demjenigen
des Skelettmuskels (› Abb. 1.101).
Glatte Muskulatur
Die Aktin- und Myosinfilamente liegen in der Muskulatur der
Blutgefäße und der Wandungen von Hohlorganen nicht in
strenger Ordnung parallel nebeneinander, sondern recht wahllos und ungeordnet. Sie ergeben deshalb im Mikroskop keine
Querstreifung, weshalb dieses Muskelgewebe als glatt bezeichnet wird.
Der schnelle Natriumeinstrom von außen (Skelettmuskel)
oder aus der Nachbarzelle (Herzmuskel) fehlt an der glatten
Muskulatur fast vollständig. Der Zusammenbruch des Ruhepotenzials wird hier nicht durch Natriumionen, sondern durch
einströmende Calciumionen verursacht. Dabei gelangen dieselben ausschließlich vom Interstitium aus ins Sarkoplasma.
Das sarkoplasmatische Retikulum enthält kein Calcium.
Glatte Muskelzellen haben teilweise über gap junctions
Verbindungen zur Nachbarzelle und werden teilweise durch
Nervenfasern erregt und zur Kontraktion gebracht. Sie sind
aber im Gegensatz zu den beiden anderen Muskelarten sogar
dazu imstande, z.B. bei ihrer Dehnung aus sich selbst heraus
Kontraktionen zu bilden. Dies wird im › Fach Herz-Kreislauf-System genauer besprochen.
Zusammenfassung
Muskelgewebe:
• Aufgabe: Kraftentwicklung, Bewegung, Haltearbeit
• quergestreifte Muskulatur:
– Befestigung am Knochen durch Sehnen (evtl. mit Sehnenscheide): Ursprung, Ansatz
– Muskel besteht aus Muskelfaserbündeln, ist umhüllt von
Muskelfaszie
– Muskelzelle: bis zu 25 cm lang, Durchmesser 20–100 μm,
zahlreiche Zellkerne, Mitochondrien, Sarkoplasma mit
O2-bindendem Myoglobin, Sarkolemm (Zellmembran),
Myofibrillen (kontraktile Elemente Aktin und Myosin,
bestehend aus Sarkomeren) sind verantwortlich für
Querstreifung
• Herzmuskulatur:
– Muskelzellen: übliche Zellgröße, 1–2 Zellkerne, sind verbunden durch gap junctions, keine exakt parallele Anordnung
– arbeitet autonom, vegetatives Nervensystem hat lediglich
modulierenden Einfluss
• glatte Muskulatur:
– Muskulatur der Blutgefäße und inneren Organe (Darm,
Magen usw.)
– keine Querstreifung
Muskelphysiologie:
• Muskelkontraktion: Verkürzung der Sarkomere durch den
Einfluss von Ca2+ und ATP; ATP wird regeneriert durch
Kreatinphosphat; eigene Sauerstoffreserve (Myoglobin); eigene Brennstoffreserve (Glykogen → Glukose)
• Kontraktionsformen:
– isoton: Muskel verkürzt sich bei gleichbleibender Kraftentwicklung
– isometrisch: Muskel verrichtet Haltearbeit, ohne seine
Länge zu verändern
– auxotonisch: Mischform aus isotoner und isometrischer
Kontraktion
• Zusammenspiel von Agonist und Antagonist (Spieler und
Gegenspieler, z.B. Beuger und Strecker) notwendig, um eine Muskelkontraktion rückgängig zu machen
Neurophysiologie:
• Muskel wird von motorischen Nervenfasern innerviert
• motorische Endplatte: Verbindungsstelle von Nervenfaser
und Muskel, besteht aus prä- und postsynaptischer Membran, synaptischem Spalt, synaptischen Vesikeln mit Acetylcholin als Transmitter
• Ruhepotenzial: elektrisches Potenzial an einer Zelle, beträgt
ca. 85 mV, hervorgerufen durch die ungleiche Verteilung
geladener Teilchen (Ionen) im Extra- und Intrazellulärraum
• Aktionspotenzial: kurzzeitige Ladungsverschiebung an der
Zellmembran, ausgelöst durch Ausschüttung von Acetylcholin in den synaptischen Spalt und dessen Bindung an
Rezeptoren mit nachfolgender Öffnung von Ionenkanälen
• Aktionspotenzial breitet sich über die Muskelfaser bis zum
sarkoplasmatischen Retikulum fort und bewirkt dort über
die Öffnung von Calciumkanälen eine Muskelkontraktion
(elektromechanische Kopplung)
• tetanische Kontraktion: Dauerkontraktion durch ständig
wiederholte nervale Impulse
• Muskelspindel, Sehnenspindel: Rezeptoren, die die Muskelspannung bzw. -dehnung messen und ans ZNS melden
1.6 Die Muskeln des menschlichen
Körpers
Die Namensgebung der Muskeln erfolgt nach verschiedenen
Kriterien. Teilweise tragen sie Eigennamen. Oft werden sie
nach ihrer besonderen Form bezeichnet. So heißen 2 Muskeln
des Oberarmes M. biceps bzw. M. triceps, weil sie 2 bzw. 3
„Köpfe“ besitzen (bi = 2; tria = 3; ceps von Caput). Da es auch
am Ober- bzw. Unterschenkel jeweils einen zwei- bzw. dreiköpfigen Muskel gibt, muss aus dem Namen zusätzlich die genaue
Lokalisation hervorgehen. Die Oberarmmuskeln heißen deshalb mit vollständigem Namen M. biceps bzw. triceps brachii
(Brachium = Arm, Oberarm). Ein Muskel des Zungenbeins
heißt M. digastricus von di = zwei und Gastär = Magen bzw.
Bauch. Es handelt sich also um einen „zweibäuchigen“ Muskel.
Die Mehrzahl der Muskeln wird entweder nach den Knochen bezeichnet, an denen sie entspringen bzw. ansetzen, oder
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 77
in direkter, meist lateinischer Übersetzung ihrer Funktion:
Der M. temporalis entspringt dem Os temporale, der M. sternohyoideus zieht vom Sternum zum Zungenbein (Os hyoideum), der M. levator scapulae zieht das Schulterblatt nach oben
(levare = hochheben, hochziehen).
H I N W E I S P R Ü F U N G
Die Funktionen eines Muskels sollte man nicht auswendig lernen,
sondern aus Ursprung und Ansatz ableiten: Ein Muskel, der von a
nach b zieht, muss bei seiner Kontraktion diese Lokalisationen einander annähern. Ein Muskel, der ringförmig um eine Öffnung zieht, z. B.
an Auge oder Mund, wird bei seiner Kontraktion diese Öffnung einengen bzw. verschließen.
Insgesamt sind Prüfungsfragen betreffend Namen und/oder Funktion
einzelner Muskeln in den letzten Jahren zunehmend selten geworden.
1.6.1 Kopf (›Abb. 1.102,›Tab. 1.1)
Antagonisten des M. orbicularis oculi sind, in tieferen Schichten, der M. levator palpebrae (Lidheber, innerviert durch den
N. oculomotorius) sowie der direkt an der Lidplatte (Tarsus)
ansetzende M. tarsalis (innerviert durch den Sympathikus).
Die Hebung des Oberlids bzw. Senkung des Unterlids durch
den M. tarsalis erfolgt unvollständig, wodurch beim Ausfall des
Halssympathikus (Horner-Syndrom) die Lidspalte nur mäßig
verengt ist (Ptosis).
Weitere Kaumuskeln neben M. masseter und M. temporalis
stellen die Pterygoides-Muskeln dar, die unterhalb (profundus) des M. masseter verlaufen und teilweise ebenfalls am Kieferwinkel ansetzen.
1.6.2 Hals
Kraniale Zungenbeinmuskeln
(Mundbodenmuskeln)
M. digastricus, M. stylohyoideus und M. mylohyoideus bilden
den Hauptteil der kranialen Zungenbeinmuskeln (= Mundbodenmuskeln; › Abb. 1.103, › Tab. 1.2).
Untere Zungenbeinmuskeln
Tab. 1.1 Gesichts- und Kaumuskeln.
M. orbicularis oculi (Ringmuskel des Auges)
Funktion • umgibt kranzförmig das Auge einschließlich
Ober- und Unterlid
• schließt die Augenlider (Lidschlag!), bewegt die
Augenbrauen
Ursprung Oberrand der Maxilla und Tränenbein
Ansatz nicht knöchern, sondern periorbitale Haut
Innervation N. facialis
M. masseter (Kaumuskel)
Funktion schließt den Mund
Ursprung Arcus zygomaticus (Jochbein und Schläfenbein)
Ansatz Unterkieferwinkel
Innervation N. trigeminus
M. temporalis (Schläfenmuskel)
Funktion schließt den Mund, übertrifft dabei sogar den
M. masseter an Stärke
Ursprung Außenfläche des Schläfenbeins
Ansatz Proc. coronoideus der Mandibula
Innervation N. trigeminus
M. orbicularis oris (Ringmuskel des Mundes)
Funktion • umgibt ringförmig den Mund
• bildet das Fleisch der Lippen
• schließt den Mund
Ursprung/Ansatz Unterhautgewebe von Mund und Umgebung,
nicht knöchern
Innervation N. facialis
Tab. 1.2 Mundbodenmuskeln
M. digastricus (zweibäuchiger Unterkiefermuskel)
Funktion • hebt das Zungenbein
• senkt mit dem vorderen Bauch den Unterkiefer (öffnet den Mund)
• bewegt den Mund zur Seite
Ursprung mit je einem Muskelbauch von Unterkiefer und Schläfenbein
Ansatz Zungenbein
Innervation N. trigeminus (vorderer Bauch), N. facialis (hinterer Bauch)
M. stylohyoideus (Griffelfortsatz-Zungenbeinmuskel)
Funktion • fixiert das Zungenbein
• zieht das Zungenbein beim Schluckvorgang nach dorsal und kranial
Ursprung Proc. styloideus des Schläfenbeins
Ansatz Zungenbein
Innervation N. facialis
M. mylohyoideus (Kiefer-Zungenbeinmuskel)
Funktion • bildet den Mundboden
• hebt Mundboden, Zungenbein und Zunge
Ursprung Mundboden mit seitlichem Unterkiefer
Ansatz Zungenbein
Innervation N. trigeminus
Tab. 1.3 Untere Zungenbeinmuskeln.
M. sternohyoideus (Brustbein-Zungenbeinmuskel)
Funktion • fixiert das Zungenbein
• zieht das Zungenbein nach unten
Ursprung Innenfläche des Brustbeins
Ansatz Zungenbein
Innervation Plexus cervicalis (C1–C4)
78 1 Anatomie und Physiologie
M. temporalis
M. epicranius,
M. occipitofrontalis,
Venter occipitalis
M. sternocleidomastoideus
M. digastricus,
Venter posterior
V. jugularis interna
A. carotis communis
Os hyoideum
M. stylohyoideus
M. digastricus, Venter anterior
M. depressor labii inferioris
M. mentalis
M. masseter, Pars superficialis
M. orbicularis oris
M. masseter,
Pars profunda
M. orbicularis oris
M. nasalis
M. orbicularis oculi
M. epicranius, M. occipitofrontalis,
Venter frontalis
Pericranium
M. constrictor pharyngis inferior
M. buccinator
A. temporalis superficialis
Abb. 1.102 Gesichts- und Kaumuskeln. Der Arcus zygomaticus ist teilweise entfernt, um den Ansatz des M. temporalis am Proc. coronoideus zu zeigen,
der M. masseter ist oberhalb des Kieferwinkels durchtrennt. [36]
M. scalenus posterior
Acromion
M. masseter
M. digastricus, Venter anterior
Os hyoideum
M. omohyoideus, Venter superior
M. sternohyoideus
M. thyrohyoideus
M. constrictor pharyngis inferior
M. sternocleidomastoideus
Clavicula
M. digastricus, Venter posterior
M. sternocleidomastoideus
M. splenius capitis
M. levator scapulae
M. scalenus medius
M. trapezius
M. stylohyoideus
M. mylohyoideus
M. scalenus anterior
M. sternothyroideus
Abb. 1.103 Mundbodenmuskeln, untere Zungenbeinmuskeln und seitliche tiefe Halsmuskeln. Dem M. scalenus posterior aufgelagert ist der M. levator
scapulae. [36]
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 79
M. sternohyoideus, M. sternothyroideus, M. thyrohyoideus
und M. omohyoideus bilden die unteren Zungenbeinmuskeln
(› Abb. 1.103,› Tab. 1.3).
Oberflächliche Halsmuskeln (›Abb. 1.103,
›Abb. 1.104,›Abb. 1.105,›Tab. 1.4)
Tab. 1.3 Untere Zungenbeinmuskeln. (Forts.)
M. sternothyroideus (Brustbein-Schildknorpelmuskel)
Funktion • zieht den gesamten Kehlkopf nach unten
• hat dadurch großen Einfluss auf die Stimmbildung
Ursprung Hinterfläche von Manubrium sterni und Knorpel der
1. Rippe
Ansatz Außenfläche der Schildknorpelplatte
Innervation Plexus cervicalis (C1–C4)
M. thyrohyoideus (Schildknorpel-Zungenbeinmuskel)
Funktion • fixiert das Zungenbein
• hebt den Kehlkopf
Ursprung Außenfläche der Schildknorpelplatte (Cartilago thyroidea)
Ansatz Zungenbein
Innervation Plexus cervicalis (v. a. C1 und C2 → sog. Globus hystericus bei Blockaden der Gelenke C1 und/oder C2)
M. omohyoideus (Schulter-Zungenbeinmuskel)
Funktion • fixiert das Zungenbein
• zieht das Zungenbein nach kaudal
• spannt die Faszie des Halses
Ursprung Oberrand der Skapula (Incisura scapulae)
Ansatz Zungenbein
Innervation Plexus cervicalis (C1–C3)
Tab. 1.4 Oberflächliche Halsmuskeln.
Platysma (Hautmuskel des Halses)
Funktion • besteht lediglich aus einer platten Schicht direkt unterhalb der Haut und ist ohne eigene Faszie mit dieser verwachsen
• öffnet den Mund
• zieht die Mundwinkel herab
Ursprung Muskelfaszien des M. pectoralis major und M. deltoideus
Ansatz Unterkieferrand und Wange
Innervation N. facialis
M. sternocleidomastoideus (Kopfwendermuskel)
Funktion • dreht den Kopf zur Gegenseite
• hebt gleichzeitig das Kinn
• zieht bei beiderseitiger Innervation Kopf und HWS
nach vorne
• neigt den Kopf zur gleichen Seite
• hilft bei festgestelltem Kopf bei der Inspiration
Glandula
parotidea
N. auricularis magnus
V. jugularis
externa
Platysma
N. auricularis posterior (VII)
A. occipitalis
V. occipitalis
N. occipitalis
major
N. occipitalis minor
M. sternocleidomastoideus
N. auricularis magnus
M. levator scapulae
N. accessorius [XI]
M. trapezius
Abb. 1.104 Oberflächliche Halsmuskeln. [36]
80 1 Anatomie und Physiologie
Die beiden Kopfwendermuskeln begrenzen zwischen sich die
vordere Halsgegend.
Der M. trapezius wirkt praktisch nie in seiner Gesamtheit,
sondern in Teilen und gemeinsam mit anderen Muskeln.
Seitliche tiefe Halsmuskeln (›Abb. 1.103,
›Tab. 1.5)
Die 3 Skalenusmuskeln sind die wichtigsten Hilfsmuskeln für
die Inspiration. Zwischen dem vorderen und dem mittleren
Skalenusmuskel befindet sich eine Lücke, durch die der Plexus
brachialis und die A. subclavia hindurchtreten, um den Arm
zu versorgen (›Abb. 1.106).
1.6.3 Brust (›Abb. 1.107,›Tab. 1.6)
Tab. 1.5 Seitliche tiefe Halsmuskeln.
M. levator scapulae (Schulterblattheber)
Funktion • zieht das Schulterblatt nach innen und oben
• dreht und beugt bei fixiertem Schulterblatt den
Kopf
Ursprung Processus transversi C1–C4
Ansatz oberer medialer Schulterblattwinkel (Angulus superior)
Innervation Plexus cervicalis (v. a. C3 und C4)
M. scalenus anterior (vorderer Rippenhalter)
Funktion • hebt die 1. Rippe (Hilfe bei der Inspiration)
• neigt HWS (und Kopf) zur gleichen Seite (Lateralflexion)
Ursprung Querfortsätze 3.–6. Halswirbel
Ansatz 1. Rippe
Innervation Plexus cervicalis
M. scalenus medius (mittlerer Rippenhalter)
Funktion wie M. scalenus anterior
Ursprung Querfortsätze sämtlicher Halswirbel
Ansatz 1. Rippe (lateral des M. scalenus anterior)
Innervation Plexus cervicalis
Tab. 1.4 Oberflächliche Halsmuskeln. (Forts.)
M. sternocleidomastoideus (Kopfwendermuskel)
Ursprung Manubrium sterni, mediale Fläche der Klavikula
Ansatz Proc. mastoideus (Mastoid) und dorsal davon
Innervation N. accessorius und Plexus cervicalis
M. trapezius (Kappenmuskel, Kapuzenmuskel)
Funktion • bildet durch seinen Ursprung an sämtlichen Dornfortsätzen von HWS und BWS das Relief von Nacken und oberer Rückenhälfte
• kranialer Anteil: zieht das Schulterblatt nach oben und
innen, hilft bei der Elevation (Hebung des Armes über
die Horizontale hinaus)
• mittlerer Anteil: zieht das Schulterblatt nach medial
• unterer Anteil: zieht das Schulterblatt nach kaudal
• zum Hinterhaupt laufende Fasern drehen den Kopf
zur Gegenseite und neigen ihn gleichzeitig nach
oben
Ursprung Hinterhauptbein sowie Dornfortsätze von C2–C7 und
Th1–Th12
Ansatz akromiales (= laterales) Drittel der Klavikula, Akromion,
lateraler Anteil der Spina scapulae
Innervation weit überwiegend N. accessorius
Tab. 1.5 Seitliche tiefe Halsmuskeln. (Forts.)
M. scalenus posterior (hinterer Rippenhalter)
Funktion • hebt die 2. Rippe (Hilfe bei der Inspiration)
• neigt HWS (und Kopf) zur gleichen Seite
Ursprung Querfortsätze 5.–7. Halswirbel
Ansatz Oberrand der 2. Rippe
Innervation Plexus cervicalis
Tab. 1.6 Muskeln der Brustwand.
M. pectoralis major (großer Brustmuskel)
Funktion • bedeckt den größten Teil des vorderen Thorax und
bildet die vordere Begrenzung der Axilla
• Adduktion und Innenrotation des Armes
• Pars sternocostalis hebt bei aufgestützten Armen
die Rippen (hilft bei der Inspiration)
Ursprung • Pars clavicularis: sternale Hälfte des Schlüsselbeins
• Pars sternocostalis: Brustbein und Rippenknorpel
2–6
• Pars abdominalis: vorderes Blatt der Rektusscheide
des M. rectus abdominis
Ansatz Tuberculum majus humeri
Innervation Nervenfasern aus C5–Th1
M. pectoralis minor (kleiner Brustmuskel)
Funktion • liegt unterhalb der Mitte des M. pectoralis major
• senkt und fixiert das Schulterblatt und damit den
Schultergürtel
• hebt bei festgestelltem Schultergürtel den Thorax
und hilft damit bei der Inspiration
Ursprung knöcherner Anteil der Rippen 2–5
Ansatz Spitze des Proc. coracoideus (gemeinsam mit dem
M. coracobrachialis und dem kurzen Bizepskopf)
Innervation Nervenfasern aus C5–Th1
M. serratus anterior (vorderer Sägemuskel)
Funktion • läuft hinter der Skapula auf dem Thorax zu ihrem
medialen Rand
• fixiert die Skapula auf dem Thorax und zieht sie
nach lateral
Ursprung Rippen 1–9
Ansatz medialer Skapularand einschließlich Angulus inferior
und superior
Innervation C5–C7 aus dem Plexus brachialis
Mm. intercostales externi (äußere Zwischenrippenmuskeln)
Funktion unterstützen die Hebung der Rippen und damit die
Inspiration
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 81
Spina
scapulae
Fascia
deltoidea
M. teres
major
M. infraspinatus,
Fascia infraspinata
M. rhomboideus major
M. obliquusexternus
abdominis
M. latissimus dorsi
M. sternocleidomastoideus
Acromion
Scapula, Angulus inferior
M. latissimus dorsi
Vertebra thoracica XII,
Proc. spinosus
Fascia thoracolumbalis
Pars descendens
Pars transversa
Pars ascendens
M. trapezius
Abb. 1.105 Oberflächliche Muskelschicht von Hals und Rücken. [36]
M. scalenus medius
M. scalenus posterior
A.; V. thoracica interna
Pleura parietalis
V. cava superior
A. subclavia
Costa I
N. phrenicus
A. carotis communis
Arcus aortae
Truncus brachiocephalicus
A. vertebralis
Truncus superior
Truncus medius
Truncus inferior
Plexus brachialis
IV
V
VI
VII
VIII
M. scalenus anterior
V. vertebralis
N. phrenicus
A. vertebralis
Abb. 1.106 A. subclavia und Plexus brachialis ziehen durch die vordere Skalenuslücke (rechts). [36]
82 1 Anatomie und Physiologie
Die inneren Zwischenrippenmuskeln dienen der Ausatmung,
die äußeren der Einatmung.
1.6.4 Bauch (›Tab. 1.7)
Kaudal bildet die Faszie des M. obliquus externus abdominis
(› Abb. 1.108) das Leistenband (Lig. inguinale) und damit
einen wesentlichen Teil des Leistenkanals.
Der M. obliquus internus abdominis (› Abb. 1.109) geht
nach medial in eine flächenhafte Aponeurose über. Diese spaltet sich in 2 Lamellen, die den M. rectus abdominis ventral
und dorsal umfassen (Rektusscheide). Die Lamellen der beiden Mm. recti abdominis vereinigen sich median in der sog.
Linea alba. Aus den kaudalen Fasern des M. obliquus internus
abdominis wird beim Mann der M. cremaster gebildet, der mit
dem Samenstrang zum Hoden zieht und beim Cremasterreflex den Hoden mit seinen Hüllen um eine Kleinigkeit in Richtung Leiste zieht (gedacht zum Schutz des Hodens).
a
b
M. pectoralis major
M. pectoralis minor
A. thoracica lateralis
N. pectoralis lateralis
M. subclavius
A. thoracoacromialis
M. serratus anterior
Mm. intercostales externi
Mm. intercostales
externi
Interkostalvene
Interkostalarterie
Interkostalnerv
Kollateraläste
Mm. intercostales interni
Mm. intercostales externi
Mm. intercostales intimi
Abb. 1.107 Muskeln der Brustwand. a Pektoralismuskulatur und M. serratus anterior. b Interkostalmuskeln. [46]
Tab. 1.6 Muskeln der Brustwand. (Forts.)
Mm. intercostales externi (äußere Zwischenrippenmuskeln)
Ursprung/
Ansatz
in jedem Rippenzwischenraum von hinten oben nach
vorne unten zum Oberrand der nächsttieferen Rippe
Innervation Nn. intercostales 1–11
Mm. intercostales interni (innere Zwischenrippenmuskeln)
Funktion senken die Rippen und dienen damit der Exspiration
Ursprung/
Ansatz
verlaufen von lateral unten nach medial oben zum
Unterrand der nächsthöheren Rippe
Innervation Nn. intercostales 1–11
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 83
Auf dem kaudalen Ende des M. rectus abdominis, mit Ursprung an der Symphyse und Ansatz an der Rektusscheide,
sitzt ein kleiner, dreieckiger Muskel, der M. pyramidalis
(› Abb. 1.109). Seine einzige Funktion besteht in einer Straffung der Rektusscheide.
Entwicklungsgeschichtlich saß das Zwerchfell (› Abb. 1.110)
im Bereich des Halses und senkte sich erst später nach kaudal.
Die nervale Versorgung erfolgt deshalb durch den N. phrenicus
aus C3 und C4. Ein Singultus (Schluckauf) kommt häufig bei Gelenkblockaden im Bereich C3 und v.a. C4 vor. Die zentrale Sehnenplatte des Zwerchfells (Centrum tendineum) enthält für die
V. cava (Foramen venae cavae), im muskulären Anteil auch für
den Ösophagus (Hiatus oesophageus) und für die Aorta (Hiatus
aorticus) Öffnungen.
1.6.5 Rücken (›Abb. 1.111,› Tab. 1.8)
Zur tiefen Rückenmuskulatur (M. erector spinae als Sammelbegriff für die sog. autochthone Rückenmuskulatur;
› Abb. 1.112) gehören eine ganze Reihe verschiedener Muskeln, die bei den Bewegungen der Wirbelsäule mithelfen, v. a.
aber den Rücken strecken und stabilisieren Sie brauchen
nicht im Einzelnen gelernt zu werden.
Tab. 1.7 Muskeln der Bauchwand.
M. obliquus externus abdominis (äußerer Schrägmuskel des Bauches)
Funktion • dreht den Rumpf zur Gegenseite und neigt ihn zur selben Seite
• beugt bei beiderseitiger Innervation die Wirbelsäule
• hilft bei der Bauchpresse
• zieht gemeinsam mit dem M. rectus abdominis den Thorax nach unten (Exspirationsmuskel)
Ursprung Außenflächen der Rippen 5–12
Ansatz Crista iliaca; seine Faszienplatte liegt in der Mitte des Bauches auf dem äußeren Blatt der Rektusscheide und
verstärkt sie
Innervation Nn. intercostales 5–12
M. obliquus internus abdominis (innerer Schrägmuskel)
Funktion • liegt unterhalb des M. obliquus externus abdominis
• hilft bei der Bauchpresse
• dreht den Thorax zur gleichen Seite
Ursprung Crista iliaca einschließlich der Spina iliaca anterior superior
Ansatz kaudaler Rand der 3 kaudalen Rippen
Innervation Nn. intercostales 8–12, Plexus lumbalis
M. transversus abdominis (querer Bauchmuskel)
Funktion • bildet die innerste Schicht der muskulären Bauchwand
• verläuft quer von den unteren Rippenknorpeln bis zur Crista iliaca nach medial zur Rektusscheide
• hilft bei der Bauchpresse
• beteiligt sich kaudal am Aufbau des M. cremaster
Ursprung Innenfläche der Rippenknorpel 6–12, Crista iliaca
Ansatz Linea alba
Innervation Nn. intercostales, Plexus lumbalis
M. rectus abdominis (gerader Bauchmuskel)
Funktion • mehrbäuchiger, sehnig unterteilter Muskel
• beugt die Wirbelsäule
• senkt die Rippen und unterstützt damit die Exspiration
• hilft bei der Bauchpresse
Ursprung Außenfläche der Rippenknorpel 5–7, Proc. xiphoideus
Ansatz am Oberrand des Schambeins im Bereich der Symphyse
Innervation Nn. intercostales 5–12
Diaphragma (Zwerchfell)
Funktion • trennt den Brustraum vom Bauchraum
• beteiligt sich an der Bauchpresse
• ist der mit Abstand wichtigste Atemmuskel für die Inspiration
Ursprung Xiphoid, Rippen 7–12 einschließlich ihrer Knorpel, LWK 1–3
Ansatz alle Teile laufen nach medial in eine zentrale Sehnenplatte (Centrum tendineum)
Innervation N. phrenicus (C3 und C4)
84 1 Anatomie und Physiologie
M. serratus anterior
Vagina musculi
recti abdominis,
Lamina anterior
M. rectus abdominis,
Intersectio tendinea
M. rectus abdominis
M. obliquus externus
abdominis
Linea alba
Fibrae
intercrurales
Anulus inguinalis
superficialis
M. pectoralis major
M. obliquus externus
abdominis
Mm. intercostales
interni
M. rectus
abdominis
M. obliquus
internus abdominis,
Aponeurosis
M. obliquus externus
abdominis
M. obliquus internus
abdominis
M. obliquus externus
abdominis,
Aponeurosis
Funiculus spermaticus; M. cremaster
M. pyramidalis
Abb. 1.108 Schräge Bauchwandmuskeln M. obliquus externus abdominis (rechts) und M. obliquus internus abdominis (links). [36]
Tab. 1.8 Rückenmuskeln
M. trapezius (Kappenmuskel, Kapuzenmuskel)› 1.6.2
M. latissimus dorsi (breiter Rückenmuskel)
Funktion • bedeckt als dünne, breite Muskelplatte den gesamten unteren Teil des Rückens
• bildet die hintere Achselfaltenlinie
• Adduktion, Innenrotation und Retroversion des Oberarmes
• senkt den erhobenen Arm bzw. hebt den Rumpf bei oberhalb der Schulter fixiertem Arm (Klimmzug) – gemeinsam mit dem
M. trapezius und den Mm. pectorales
Ursprung unterer Schulterblattwinkel (Angulus inferior); über die breite Sehnenplatte Fascia thoracolumbalis an Th6–Th12, LWS und Kreuzbein
Ansatz Tuberculum minus humeri
Innervation Plexus brachialis
M. serratus posterior superior (hinterer oberer Sägemuskel)
Funktion hebt mit den oberen Rippen gleichzeitig den ganzen Thorax → Hilfsmuskel für die Inspiration
Ursprung Dornfortsätze C6–Th2 (Übergang HWS/BWS)
Ansatz mit 4 Zacken an den Rippen 2–5
Innervation Nn. intercostales 1–4
Funktion • senkt mit den unteren Rippen den ganzen Thorax
• Hilfsmuskel (normalerweise) für die Exspiration
• hilft durch Antagonismus gegenüber dem Zwerchfell auch bei einer vertieften Inspiration
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 85
M. rectus abdominis
Mm. intercostales externi
Mm. intercostales interni
M. obliquus externus
abdominis
Vagina musculi recti
abdominis, Lamina posterior
M. transversus abdominis
M. obliquus internus abdominis
M. obliquus internus
abdominis, Aponeurosis
Vagina musculi recti
abdominis, Lamina anterior
M. serratus anterior
M. obliquus externus
abdominis
M. rectus abdominis
Vagina musculi recti
abdominis, Lamina anterior
M. obliquus internus
abdominis
M. transversus abdominis
Intersectio tendinea
M. obliquus internus
abdominis
M. rectus abdominis M. pyramidalis
Mm. intercostales
externi
Linea arcuata
Fascia transversalis
Funiculus spermaticus
Abb. 1.109 Tiefe Bauchmuskeln M. transversus abdominis (rechts) und M. rectus abdominis (links) mit Rektusscheide. [36]
Foramen venae cavae
M. transversus abdominis
Centrum tendineum
Pars costalis
diaphragmatis
Lig. arcuatum mediale
Lig. arcuatum laterale
M. quadratus lumborum
M. psoas major
Pars sternalis diaphragmatis
Pars costalis diaphragmatis
Hiatus aorticus
Truncus coeliacus
Pars abdominalis aortae
Vertebrae lumbales III; IV
Pars lumbalis diaphragmatis,
Crus dextrum
Oesophagus, Pars abdominalis
Hiatus oesophageus
Abb. 1.110 Zwerchfell [36]
86 1 Anatomie und Physiologie
1.6.6 Becken (›Tab. 1.9)
Die Funktion der Gluteusmuskulatur (v. a. M. gluteus medius
und minimus; › Abb. 1.113, › Abb. 1.115) lässt sich mit
dem Trendelenburg-Zeichen überprüfen: Bei Lähmung der
Gluteusmuskulatur ist der Einbeinstand auf der betroffenen
Seite wegen des Absinkens des Beckens zur Seite des angehobenen Beines (Spielbein) nicht mehr möglich. Zusätzlich entsteht ein Watschelgang. Das Trendelenburg-Zeichen ist auch
bei angeborener Hüftluxation positiv.
Der M. gluteus minimus wird für intramuskuläre Injektionen verwendet. Der kräftigste Beuger im Hüftgelenk, der
M. iliopsoas besteht aus dem M. psoas major und dem M. iliacus (› Abb. 1.114).
Tab. 1.8 Rückenmuskeln (Forts.)
M. serratus posterior superior (hinterer oberer Sägemuskel)
Ursprung Dornfortsätze Th11 und 12, L1 und 2 (Übergang BWS/LWS)
Ansatz mit 4 Zacken am Unterrand der Rippen 9–12
Innervation Nn. intercostales 9–12
M. rhomboideus major (großer rautenförmiger Muskel)
Funktion • fixiert das Schulterblatt auf dem Rücken (gemeinsam mit dem M. serratus anterior)
• zieht das Schulterblatt nach medial und oben
Ursprung Dornfortsätze Th1–Th4
Ansatz medialer Skapularand
Innervation N. dorsalis scapulae (aus dem Plexus brachialis)
Tab. 1.9 Muskeln im Bereich des Beckens.
M. gluteus maximus (großer Gesäßmuskel)
Funktion • größter und stärkster Muskel des Menschen (gemeinsam mit dem M. quadriceps femoris)
• Faserverlauf von kranial und medial nach kaudal und lateral
• Aufrichten des Körpers
• Streckung und Außenrotation im Hüftgelenk
Ursprung kaudaler Anteil der Fascia thoracolumbalis, Seitenrand des Kreuzbeins und dorsomedialen Anteilen der Darmbeinschaufel
Ansatz seitlicher Oberschenkel: am Tractus iliotibialis der Fascia lata (kräftige Faszie um den gesamten Oberschenkel), am dorsolateralen
Femur unterhalb des Trochanter major
Innervation N. gluteus inferior (L4–S1)
M. gluteus medius (mittlerer Gesäßmuskel)
Funktion • Abduktion im Hüftgelenk
• neigt das Becken gegen das Standbein und stabilisiert so den Einbeinstand
Ursprung Crista iliaca und anschließender Teil der Darmbeinschaufel
Ansatz Trochanter major
Innervation N. gluteus superior (L4–S1)
M. gluteus minimus (kleiner Gesäßmuskel)
Funktion • Abduktion im Hüftgelenk
• neigt das Becken gegen das Standbein und stabilisiert so den Einbeinstand
Ursprung Darmbeinschaufel unterhalb des M. gluteus medius
Ansatz Trochanter major
Innervation N. gluteus superior (L4–S1)
M. iliopsoas (Darmbeinlendenmuskel): besteht aus dem M. psoas major und dem M. iliacus
Funktion • kräftigster Beuger im Hüftgelenk (Beugen im Hüftgelenk heißt auch Aufrichten aus dem Liegen)
• besorgt die Anteversion des Schwungbeins beim Gehen
Ursprung • M. psoas: Seitenfläche der BWK 12 und LWK 1–5
• M. iliacus: Innenfläche der Darmbeinschaufel einschließlich Spina iliaca anterior inferior
• verläuft von LWS und Darmbein durchs Innere des Beckens zum dorsomedialen Oberschenkel
Ansatz Trochanter minor femoris
Innervation N. femoralis des Plexus lumbalis (Th12–L3)
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 87
M. serratus posterior
superior
Costae
M. latissimus dorsi
M. serratus posterior
inferior
M. trapezius
M. sternocleidomastoideus
M. rhomboideus minor
M. levator scapulae
M. trapezius
M. erector spinae
Scapula, Angulus inferior
M. latissimus dorsi
Crista iliaca
M. rhomboideus major
Abb. 1.111 Rückenmuskeln [36]
Mm. interspinales
-cervicis
-thoracis
-lumborum
M. longissimus
-capitis
-cervicis
-thoracis
M. splenius
-capitis
-cervicis
Mm. rotatores breves
-cervicis
-thoracis
-lumborum
M. semispinalis
-capitis
-cervicis
Mm. rotatores longi
-cervicis
-thoracis
-lumborum
Mm. intertransversarii
posteriores
M. spinalis
-capitis
-cervicis
-thoracis
M. iliocostalis
-cervicis
-thoracis
-lumborum
M. multifidus
-cervicis
-thoracis
-lumborum
Abb. 1.112 Tiefe (autochthone) Rückenmuskulatur. [36]
88 1 Anatomie und Physiologie
a
b
M. erector spinae,
Fascia thoracolumbalis
Fascia lata
Trochanter major
M. gluteus maximus
Crista iliaca
Tractus iliotibialis
M. gluteus maximus
Tuber ischiadicum
Ramus ossis ischii
M. adductor magnus
M. gracilis
M. semitendinosus
M. biceps femoris,
Caput longum
Tuberositas glutea
M. gluteus maximus
M. quadratus femoris
M. obturatorius internus
M. gluteus medius
Spina ischiadica
M. gemellus inferior
M. gemellus superior
Crista iliaca
M. piriformis
Abb. 1.113 Gesäßmuskulatur: M. gluteus maximus (a), M. gluteus medius (b) und M. gluteus minimus (› Abb. 1.115). [36]
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 89
1.6.7 Bein
Oberschenkel (›Abb. 1.115,›Abb. 1.116,
›Tab. 1.10)
Über seinen Patellarsehnenreflex (PSR) ist der M. quadriceps
femoris Kennmuskel für die Funktion der Segmente L2–L4.
Gemeinsam mit dem M. gluteus maximus ist er der umfangreichste und kräftigste Muskel des menschlichen Körpers.
M. psoas major
M. iliopsoas
M. iliacus
Lig. inguinale
Spina iliaca
anterior inferior
Spina iliaca
anterior superior
Trochanter minor
Th XII
LI
LII
LIII
LIV
LV
Abb. 1.114 M. psoas major und M. iliacus, meist zusammengefasst als
M. iliopsoas. [46]
Tab. 1.10 Muskeln des Oberschenkels.
M. biceps femoris (zweiköpfiger Schenkelmuskel)
Funktion • läuft auf der Rückseite des Oberschenkels
• beugt im Kniegelenk
• rotiert Oberschenkel und Kniegelenk nach außen
• leichte Streckung im Hüftgelenk durch das Caput longum, das über 2 Gelenke zieht
Ursprung • Caput longum: am Tuber ischiadicum
• Caput breve: am lateralen Oberschenkel
Ansatz Fibulaköpfchen (lateral am Unterschenkel)
Innervation N. ischiadicus (L5–S1)
M. semitendinosus (Halbsehnenmuskel)
Funktion • läuft auf der Rückseite des Oberschenkels
• streckt im Hüftgelenk
• beugt im Kniegelenk
• Innenrotation von Oberschenkel und Kniegelenk
Ursprung Tuber ischiadicum (verwachsen mit der Sehne des
M. biceps femoris)
Ansatz Medialseite der Tuberositas tibiae (medial am Unterschenkel)
Innervation N. ischiadicus (L5–S2)
Tab. 1.10 Muskeln des Oberschenkels. (Forts.)
M. quadriceps femoris (vierköpfiger Schenkelmuskel)
Der Muskel besteht aus 4 Teilen bzw. „Köpfen“, die sich am Oberrand der Patella zu einem einzigen Muskel zusammenschließen:
M. rectus femoris, M. vastus medialis, M. vastus intermedius und
M. vastus lateralis
Funktion • Streckung im Kniegelenk
• M. rectus femoris: zieht als einziger der 4 Teilmuskeln über 2 Gelenke (Hüft- und Kniegelenk);
beugt deshalb auch als einziger in der Hüfte –
zusätzlich zur Hauptfunktion des Gesamtmuskels
Ursprung • M. vastus medialis: zwischen den beiden Trochanteren (Linea intertrochanterica) und kaudal
davon
• M. vastus intermedius: frontal und lateral am
Femurschaft
• M. vastus lateralis: Linea intertrochanterica und
Trochanter major
• M. rectus femoris: Spina iliaca anterior inferior
und Oberrand des Acetabulum
Ansatz am Oberrand der Patella, benutzt diese als Sesambein und inseriert über das Lig. patellae an der Tuberositas tibiae
Innervation N. femoralis (L2–L4)
M. sartorius (Schneidermuskel)
Funktion • besitzt die längsten Muskelfasern (bis zu 30 cm)
• zieht über 2 Gelenke: geringe Beugung, Außenrotation und Abduktion im Hüftgelenk
• dreht den gebeugten Unterschenkel einwärts (→
Schneidermuskel)
Ursprung Spina iliaca anterior superior
Ansatz medial neben der Tuberositas tibiae (wie M. gracilis)
Innervation N. femoralis (L2–L3)
M. gracilis (schlanker Muskel)
Funktion • verläuft an der Innenseite des Oberschenkels
• Adduktion im Hüftgelenk
Ursprung unterer Schambeinast direkt neben der Symphyse
Ansatz medial neben der Tuberositas tibiae (wie M. sartorius)
Innervation N. obturatorius (L2–L4)
M. adductor longus, M. adductor magnus, M. adductor brevis
(langer, großer, kleiner Oberschenkelanspreizer)
Funktion Adduktion des Oberschenkels
Ursprung beide Schambeinäste
Ansatz Medialseite des Femur
Innervation N. obturatorius
90 1 Anatomie und Physiologie
M. gluteus maximus
M. obturatorius internus
M. gemellus inferior
M. obturatorius internus
Tuber ischiadicum
M. semitendinosus
M. biceps femoris, Caput longum
M. semimembranosus
M. gluteus medius
M. gluteus minimus
M. piriformis
M. gemellus superior
M. tensor fasciae latae
M. quadratus femoris
Trochanter major
M. gluteus maximus
M. adductor minimus
M. adductor magnus
M. vastus lateralis
M. biceps femoris, Caput breve
M. biceps femoris, Caput longum
Abb. 1.115 Dorsal gelegene Muskeln des Oberschenkels: M. biceps femoris, M. semitendinosus und M. semimembranosus. [36]
M. adductor longus, M. adductor magnus, M. adductor brevis
und M. gracilis werden gemeinsam zur Gruppe der Adduktoren zusammengefasst (› Abb. 1.116).
Die Fascia lata (Oberschenkelfaszie) bildet mit ihrer lateralen Verstärkung (Tractus iliotibialis) eine straffe Umhüllung
des gesamten Oberschenkels. Der M. tensor fasciae latae (mit
Ursprung von der Spina iliaca anterior superior) strafft diese
Faszie und hilft gleichzeitig bei der Beugung und Innenrotation
im Hüftgelenk (› Abb. 1.116).
Unterschenkel (›Abb. 1.117,›Abb. 1.118,
›Tab. 1.11)
Tab. 1.11 Muskeln des Unterschenkels.
M. gastrocnemius (Zwillingswadenmuskel)
Funktion • begrenzt beiderseits die Kniekehle
• bildet das Relief der Wade
• beugt im Kniegelenk
• Plantarflexion und Supination des Fußes
Ursprung • Caput mediale: am Epicondylus medialis femoris
• Caput laterale: am Epicondylus lateralis femoris
Ansatz mittels der langen Tendo calcanei (Achillessehne) am Tuber calcanei des Fersenbeins
Innervation N. tibialis (v. a. S1)
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 91
Lig. inguinale
M. iliopsoas
M. tensor
fasciae latae
M. rectus
femoris
M. sartorius
M. vastus
lateralis
Fascia lata,
Tractus iliotibialis
Caput fibulae
M. pectineus
M. adductor
longus
M. gracilis
M. vastus
medialis
M. iliopsoas M. iliacus
M. psoas
major Pecten ossis
pubis
M. adductor
longus
M. pectineus
M. adductor
brevis
M. gracilis
M. adductor
longus
M. adductor
magnus
M. vastus
medialis
Hiatus
adductorius
Femur,
Epicondylus
medialis
Lig. patellae
Patella
M. rectus femoris,
Tendo
M. vastus
intermedius
Fascia
lata
M. vastus
lateralis
M. rectus
femoris
Spina iliaca
anterior superior M. iliopsoas
a b
Abb. 1.116 Ventral gelegene Muskeln des Oberschenkels und Adduktorengruppe. a Oberflächliche Schicht. b Tiefe Schicht. [36]
Tab. 1.11 Muskeln des Unterschenkels. (Forts.)
M. tibialis anterior (vorderer Schienbeinmuskel)
Funktion • Dorsalflexion (= Dorsalextension) des Fußes
• leichte Supination
Ursprung laterale Tibiafläche mit Membrana interossea cruris
Ansatz Os cuneiforme mediale und Os metatarsale I (am Fußrücken)
Innervation N. peroneus (fibularis) profundus (L4–S1)
M. fibularis (peroneus) longus (langer Wadenbeinmuskel)
Funktion • Plantarflexion im oberen Sprunggelenk
• Pronation im unteren Sprunggelenk
Ursprung proximales Drittel des Wadenbeins einschließlich Fibulaköpfchen
Ansatz Os cuneiforme mediale und Os metatarsale I (von plantar)
Innervation N. fibularis (peroneus) superficialis (L5/S1)
92 1 Anatomie und Physiologie
Unterhalb des M. gastrocnemius verläuft, mit Ursprung von
den Rückflächen von Fibula und Tibia, der M. soleus (Schollenmuskel). Da er ebenfalls über die Achillessehne am Fersenbein ansetzt, wird er gemeinsam mit dem Zwillingswadenmuskel zum M. triceps surae (dreiköpfiger Wadenmuskel) zusammengefasst. Der Achillessehnenreflex (ASR) prüft überwiegend das Segment S1.
P A T H O L O G I E
Bei einer Lähmung des M. tibialis anterior und weiterer Extensoren von Fuß und Zehen, z. B. durch Druckschädigung des N. fibularis
im Bereich des Fibulaköpfchens, kann der Fuß nicht mehr gehoben
werden. Es resultiert eine Spitzfußstellung sowie der sog. Steppergang.
1.6.8 Schulter und Arm
Schulter (›Tab. 1.12)
M. semitendinosus
M. semimembranosus
M. gracilis
M. semitendinsus, Tendo
M. semimembranosus, Tendo
M. gastrocnemius,
Caput mediale
M. soleus
M. gastrocnemius,
Tendo
M. plantaris,
Tendo
Fascia cruris
Malleolus
medialis
Tuber
calcanei
Malleolus
lateralis
M. soleus
M. gastrocnemius,
Caput laterale
M. plantaris
M. biceps femoris
Abb. 1.117 Muskeln des Unterschenkels in der Ansicht von dorsal. [36]
Patella
Tractus
iliotibialis
Lig. patellae
M. tibialis
anterior
M. extensor
digitorum
longus
M. extensor
digitorum longus
M. extensor
hallucis longus
Retinaculum
musculorum
extensorum
inferius
Malleolus lateralis
M. extensor
digitorum brevis
Tibia, Condylus
medialis
Tuberositas tibiae
M. gastrocnemius
M. soleus
M. tibialis anterior,
Tendo
Malleolus
medialis
M. extensor
hallucis brevis
M. fibularis
[peroneus]
longus
M. fibularis
[peroneus] longus
M. fibularis [peroneus]
longus tertius, Tendo
Abb. 1.118 Muskeln des Unterschenkels in der Ansicht von ventral. [36]
Tab. 1.12 Schultermuskeln
M. supraspinatus (Obergrätenmuskel)
Funktion Abduktion des Armes
Ursprung der Muskel liegt in der Fossa supraspinata, der er
auch entspringt
Ansatz die kräftige Sehne zieht über den oberen Rand der
Schultergelenkkapsel und verschmilzt mit dieser; im
weiteren Verlauf tritt sie unter dem Akromion auf den
Oberarm und ist hier gut zu tasten, bevor sie am Tuberculum majus humeri ansetzt
Innervation N. suprascapularis (C4–6)
M. deltoideus (Deltamuskel)
Funktion • vorderer Anteil: dreht den Arm nach innen
• hinterer Anteil: dreht den Arm nach außen
• kräftiger mittlerer Anteil: hebt den Arm seitlich (abduziert) bis zur Horizontalen
Ursprung laterales Drittel der Klavikula, Akromion, Spina scapulae
Ansatz Tuberositas deltoidea (Frontalfläche des Humerus etwas oberhalb der Mitte des Schaftes)
Innervation N. axillaris (C5–6)
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 93
Der M. supraspinatus bildet gemeinsam mit M. infraspinatus, M. subscapularis und M. teres minor die Rotatorenmanschette des Schultergelenks (› Abb. 1.119), die durch ihre
Lage zwischen Skapula und den Tubercula des Humerus der
stützenden Abdeckung der schlaffen Schultergelenkkapsel
dient. Sie ist häufig und gemeinsam mit weiteren Strukturen in
das Bild der PHS (Periarthropathia humeroscapularis) miteinbezogen. Typischerweise ist dabei u. a. die Supraspinatussehne
verdickt und schmerzhaft tastbar.
Der M. deltoideus (› Abb. 1.105) legt sich wie ein Mantel
um den proximalen Oberarmknochen und das Korakoid. Er
gilt als Kennmuskel für das Segment C5. Sein Ursprung entspricht ziemlich genau dem Ansatz des M. trapezius.
Oberarm (›Abb. 1.120,›Abb. 1.121,
›Tab. 1.13)
a
b
M. teres minor
M. infraspinatus
M. supraspinatus
M. subscapularis
M. deltoideus
Rotatorenmanschette
M. deltoideus
Abb. 1.119 Schematische Darstellung der Rotatorenmanschette von dorsal (a) und ventral (b). [32]
Tab. 1.13 Muskeln des Oberarms.
M. biceps brachii (zweiköpfiger Armmuskel)
Funktion • zweigelenkiger Muskel
• Anteversion und Abduktion des Oberarmes (bis zur
Horizontalen)
• Beugung im Ellbogengelenk – hierbei auch Supination des Unterarmes; gilt aus der Beugestellung des
Ellbogengelenks heraus als stärkster Supinationsmuskel
• Innenrotation im Schultergelenk
Ursprung • Caput longum: am Tuberculum supraglenoidale
scapulae, also am oberen Rand der Schultergelenkpfanne innerhalb der Gelenkkapsel; die Sehne läuft
durchs Schultergelenk
• Caput breve: am Proc. coracoideus
Ansatz Tuberositas radii (Ulnarseite des proximalen Radius)
Innervation C5–C7
M. brachialis (Armbeuger)
Funktion kräftiger Beuger im Ellbogengelenk
Ursprung v. a. Vorderfläche der distalen Humerushälfte
Ansatz proximale Ventralseite der Ulna (Tuberositas ulnae)
Innervation C5–C7
M. triceps brachii (dreiköpfiger Armstrecker)
Funktion • liegt mit 3 Köpfen dorsal und lateral am Oberarm
• wichtigster Streckmuskel im Ellbogengelenk
Ursprung • Caput longum: am Tuberculum infraglenoidale scapulae – ist also zweigelenkig
• Caput laterale: am lateralen und dorsalen Umfang
des proximalen Humerus
• Caput mediale: überwiegend dorsal am proximalen
Humerus
Ansatz mit gemeinsamer Sehne am Olecranon ulnae
Innervation N. radialis (C6–C8)
M. coracobrachialis (Hakenarmmuskel)
Funktion Innenrotation und Adduktion
Ursprung Proc. coracoideus
Ansatz ventral und medial in der Mitte des Humerusschaftes
Innervation C5–C7
94 1 Anatomie und Physiologie
Unterarm (›Abb. 1.121,›Abb. 1.122,
›Abb. 1.123,›Tab. 1.14)
Die Flexoren von Handgelenk und Fingern entspringen mit
ihren Sehnen dem medialen (ulnaren) Epicondylus humeri (→
Golferellenbogen), die Extensoren dem lateralen (radialen)
Epikondylus (→ Tennisellenbogen).
Durch den Karpaltunnel ziehen neben dem N. medianus
lediglich die 8 Sehnen des M. flexor digitorum (superficialis
und profundus) sowie die Sehne des M. flexor pollicis longus
(→ Karpaltunnelsyndrom).
Folgende Bewegungen sind im Handgelenk möglich:
Palmarflexion, Dorsalextension, Ulnarabduktion und Radialabduktion (› Abb. 1.125).
a b
M. supraspinatus
M. subscapularis
M. teres major
M. triceps brachii,
Caput longum
M. triceps brachii,
Caput mediale
M. brachialis
Epicondylus medialis
Fascia antebrachii
Lig. Clavicula
coracoclaviculare
Proc. coracoideus
M. coracobrachialis
M. deltoideus
M. biceps
brachii,
Caput breve,
Tendo
M. biceps brachii,
Caput longum,
Tendo
M. biceps brachii,
Caput longum
M. biceps brachii,
Caput breve
M. brachialis
M. biceps
brachii, Tendo
M. brachioradialis
M. extensor carpi
radialis longus
M. extensor
carpi radialis brevis
Clavicula
M. subscapularis
M. triceps
brachii,
Caput longum
M. triceps
brachii,
Caput mediale
Epicondylus
medialis
M. biceps
brachii
M. trapezius
M. deltoideus
M. biceps brachii,
Caput breve
M. biceps brachii,
Caput longum
Corpus humeri
M. brachialis
M. brachioradialis
M. coracobrachialis
M. pectoralis minor
M. extensor
carpi radialis
longus
Abb. 1.120 Beugemuskeln des rechten Oberarms (Ansicht von ventral). a Oberflächliche Schicht. b Tiefe Schicht. [36]
Tab. 1.14 Muskeln des Unterarms.
M. brachioradialis (Oberarmspeichenmuskel)
Funktion • Beugung im Ellbogengelenk
• Supination und Pronation (jeweils bis zur Mittelstellung des Unterarms)
Ursprung distales radialseitiges Humerusdrittel
Ansatz an der Basis des Proc. styloideus radii
Innervation N. radialis
M. flexor carpi radialis (radialseitiger Handbeuger)
Funktion • Palmarflexion
• radiale Abduktion
• bei gestrecktem Ellbogengelenk auch Pronation
Ursprung v. a. Epicondylus medialis (ulnaris) humeri
Ansatz palmare Fläche der Basis des Os metacarpale II
Innervation N. medianus
M. flexor carpi ulnaris (ulnarer Handbeuger)
Funktion • Palmarflexion
• ulnare Abduktion
Ursprung Epicondylus medialis (ulnaris) humeri
Tab. 1.14 Muskeln des Unterarms. (Forts.)
M. flexor carpi ulnaris (ulnarer Handbeuger)
Ansatz Sehne zieht über das Os pisiforme (= Sesambein) zum
Os hamatum und zur Basis des Os metacarpale V
Innervation N. ulnaris
M. supinator (Auswärtsdreher)
Funktion Supination von Unterarm und Hand
Ursprung Epicondylus lateralis (radialis) humeri, Lig. anulare radii
Ansatz proximaler Radius
Innervation N. radialis (C5–C6)
1.6 Die Muskeln des menschlichen Körpers 95
Clavicula
M. deltoideus
M. biceps
brachii
M. brachialis
M. brachioradialis
M. extensor
carpi radialis
longus
Epicondylus
lateralis
M. teres
major
M. triceps brachii,
Caput longum
M. triceps brachii,
Caput mediale
M. triceps brachii,
Tendo
Olecranon
M. trapezius
M. triceps brachii,
Caput laterale
M. extensor
carpi radialis
brevis
Abb. 1.121 Muskeln des rechten Oberarms in der Ansicht von lateral dorsal. [36]
Epicondylus
medialis
M. palmaris
longus
M. biceps
brachii
M. brachialis
M. brachioradialis
M. extensor carpi
radialis brevis
M. abductor
pollicis longus
M. pronator
quadratus
Retinaculum
musculorum
extensorum
M. extensor carpi
radialis longus
M. triceps
brachii,
Caput
mediale
M. flexor digitorum
superficialis
M. flexor
pollicis longus
M. flexor
carpi radialis
M. flexor
carpi ulnaris
M. flexor
digitorum
superfi
Abb. 1.122 Muskeln des rechten Unterarms (oberflächliche Schicht in der
Ansicht von ventral). [36]
Lig. anulare radii
M. extensor
carpi radialis
brevis
M. supinator
Corpus radii
M. extensor
pollicis longus
M. abductor
pollicis longus
M. extensor
pollicis brevis
Radius
M. extensor carpi
radialis brevis,
Tendo
M. extensor carpi
radialis longus,
Tendo
M. interosseus
dorsalis II
M. interosseus
dorsalis I
Olecranon
Epicondylus
lateralis
Corpus ulnae
M. extensor
indicis
Caput ulnae
M. extensor carpi
ulnaris,Tendo
Ligg. carpometacarpalia dorsalia
M. interosseus
dorsalis III
M. extensor
digitorum, Tendines
M. interosseus
dorsalis IV
M. flexor carpi
ulnaris
Abb. 1.123 Muskeln des rechten Unterarms (tiefe Schicht in der Ansicht
von dorsal). [36]
Abb. 1.124 Schnellender Finger. [56]
96 1 Anatomie und Physiologie
Palmarflexion
Dorsalextension
M. extensor
carpi ulnaris
M. flexor
carpi ulnaris
M. extensor
carpi radialis
longus et
brevis
M. flexor
carpi radialis
Ulnarabduktion Radialabduktion
Abb. 1.125 Bewegungen im Handgelenk.
P A T H O L O G I E
Nicht so selten kommt es in einzelnen Fingersehnen (v. a. der Beugesehnen), zumeist aufgrund von Überlastungen, zu knötchenoder spindelförmigen Verdickungen überwiegend im Bereich der
Fingergrundgelenke. Die Gleitfähigkeit der betroffenen Sehnen in
ihren Scheiden (Ringbänder) wird dadurch beeinträchtigt, sodass eine
Streckhemmung entsteht, die sich nur mit erhöhtem Kraftaufwand,
unter einem möglicherweise schmerzhaften „Schnappen“ überwinden lässt (› Abb. 1.124). Dies wird als schnellender Finger bezeichnet. Die Therapie besteht in einer operativen Spaltung der
Sehnenscheide (Ringbänder).
Zusammenfassung
Muskeln, nach denen bisher (Stand 12/2011) in der Prüfung
gefragt worden ist:
• M. biceps brachii
• M. brachioradialis
• M. coracobrachialis
• M. cremaster
• M. deltoideus
• M. erector spinae (autochthone Rückenmuskulatur)
• M. gluteus
• M. iliopsoas bzw. M. iliacus und M. psoas
• Mm. intercostales
• M. latissimus dorsi
• M. masseter
• M. orbicularis oris
• M. pectoralis major et minor
• M. quadriceps femoris bzw. M. rectus femoris
• M. rectus abdominis
• Mm. scaleni
• M. serratus anterior
• M. sternocleidomastoideus
• M. temporalis
• M. transversus abdominis
• M. trapezius
• Platysma
• Rotatorenmanschette
• Zwerchfell
Untersuchung
Passiver und aktiver Bewegungsapparat bieten zahlreiche Untersuchungsmöglichkeiten. Mit Ausnahme der Dermatologie
gibt es allerdings kaum ein Fach, bei dem zunächst gerade Inspektion und Palpation so sehr im Vordergrund stehen – wie
immer auf der Basis einer soliden Anamnese.
2.1 Anamnese
Grundsätzlich gilt auch für den Bewegungsapparat, dass sich
die Anamnese zunächst mit dem befassen muss, was den Patienten zum Therapeuten geführt hat. Er sollte also seine Beschwerden schildern, ihren Beginn und eventuell zeitlich veränderten Verlauf. Von Bedeutung ist, ob sich die Beschwerden
bereits in der Ruhe manifestieren oder erst unter Belastung
und ob sich ihr Charakter abhängig von deren Ausmaß verändert. Steht ein einzelnes Gelenk im Vordergrund, versucht man
herauszufinden, was dem Beschwerdebild vorausging, ob weitere Gelenke rezidivierend oder chronisch in den Prozess miteinbezogen werden und ob Sehnenscheiden oder Schleimbeutel, Muskeln oder sonstige Strukturen, eventuell sogar innere
Organe oder die Haut beteiligt sind oder waren. Von Bedeutung sind begleitende Allgemeinsymptome wie Fieber, Veränderung des Essverhaltens, Müdigkeit oder psychische Alterationen. Abhängig vom Beschwerdebild kann es im Einzelfall
hilfreich sein, eine soziale oder Familienanamnese anzuschließen.
Auch beim Bewegungsapparat ändert sich die Gesprächsführung im Lauf der Jahre. Je mehr der Therapeut an Erfahrung gewinnt, je mehr Krankheitsbilder er nicht nur theoretisch gelernt,
sondern v. a. auch praktisch erfahren hat, desto konkreter werden seine Fragen und desto eher wird er dazu neigen, anamnestischen Ballast beiseitezulassen. Die üblichen Schemata einer
Anamneseführung, die dazu neigen, den gesamten Patienten
einschließlich Kindheit, Eltern, Partner, Berufsleben, Impfungen, Kinderkrankheiten samt aller weiteren vorausgegangenen
Krankheiten, soziale Zufriedenheit usw. kennen zu lernen, mögen so lange akzeptabel sein, wie der Therapeut noch keine Patienten zu betreuen hat und der Patient nicht nur Zeit mitbringt,
sondern auch dankbar registriert, dass sich da endlich jemand
für seine Lebensgeschichte einschließlich seiner Großfamilie interessiert. Zum eigentlichen Krankheitsbild tragen allerdings
stundenlange Gespräche eher selten bei. Wenn z.B. dem Patienten sein Knie weh tut, weil er gestürzt ist, sind Kenntnisse über
Eltern und Großeltern im Zusammenhang nicht von allzu
großem Wert.
Beispiele
Ein ohne vorausgehendes Trauma akut verdicktes und
schmerzhaftes, bei der nachfolgenden Untersuchung erkennbar überwärmtes Kniegelenk hat beim jungen Erwachsenen
eine andere Qualität als beim alten Menschen, und beim Kind
oder Jugendlichen werden nochmals veränderte Ursachen
möglich oder wahrscheinlich. Zum Beispiel ist beim Kind
oder Jugendlichen an ein rheumatisches Fieber zu denken,
sodass sich diesbezügliche Fragen anschließen sollten. Ein besonders deutlicher Fingerzeig wäre ein rascher Wechsel befallener Gelenke (Arthritis saltans). Beim alten Menschen wären
2
2.1 Anamnese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2.2 Inspektion und Palpation . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.2.1 Gangbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.2.2 Inspektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.3 Konstitutionstypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.4 Knöcherne Bezugspunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2.5 Neutral-Null-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen . . . . 101
2.3.1 Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.3.2 Schultergelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
2.3.3 Hüftgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
2.3.4 Iliosakralgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.3.5 Kniegelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.4 Spezielle Untersuchungen . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.1 Bandscheibenvorfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.2 Karpaltunnelsyndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.3 Kahnbeinfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.4 Muskelkraft und Muskeltonus . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.5 Röntgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.6 Arthroskopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.7 Elektromyographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
KAPITEL
98 2 Untersuchung
diese Fragen zunächst eher überflüssig, weil die Krankheit
unwahrscheinlich geworden ist. Dagegen würde man hier
z. B. nach einem Steifigkeitsgefühl oder einem Anlaufschmerz
fragen, was man sich beim Kind wiederum sparen kann. Beim
älteren Kind oder Jugendlichen ist bei typischen Beschwerden
eine Retropatellararthrose in Betracht zu ziehen. Beim jungen
Erwachsenen könnte man an eine Gonorrhö oder einen Morbus Reiter denken und nach Begleitsymptomen wie einer
Urethritis bzw. Dysurie fragen, was beim Kind überflüssig
und beim alten Menschen ähnlich wie Fragen nach der Konstellation eines rheumatischen Fiebers zunächst eher sinnlos
wäre.
Auffallend heftige Schmerzen z.B. im Kniegelenk, verbunden mit Überwärmung und Gelenkerguss, würden beim Erwachsenen in der 2. Lebenshälfte u. a. an einen Gichtanfall
denken lassen, was beim Kind nicht möglich ist, solange keine
Leukose o.Ä. in der Vorgeschichte eruierbar ist. Dafür wäre
kaum in der 2. Lebenshälfte, sehr wohl aber beim Kind an eine
hämatogene Osteomyelitis, eventuell sogar an einen malignen
Tumor zu denken, der sich gerade bei Kindern häufig im Bereich des Kniegelenks manifestiert.
Rezidivierendes Hinken, eventuell verbunden mit Schmerzen in Hüfte oder Leiste, lassen beim Kind zunächst an einen
Morbus Perthes denken, beim jungen Erwachsenen an einen
Morbus Bechterew und beim Älteren an eine Coxarthrose bzw.
Coxarthritis. Die Hüftdysplasie wird heute bei Kindern dank
der Vorsorgemaßnahmen kaum noch beobachtet.
Begleitende schuppende Exantheme oder Nagelveränderungen weisen auf eine Psoriasis-Arthritis, eine Konjunktivitis auf
eine Gonorrhö oder einen Morbus Reiter hin. Berichtet der Patient von einem länger zurückliegenden Erythema migrans,
wird die Lyme-Borreliose wahrscheinlich. Auch ohne erinnerliche Zeckenstiche oder Symptome eines Stadium I muss bei
einer Mon- oder Oligoarthritis immer an eine Borreliose gedacht werden.
Gesichtserytheme, evtl. schmetterlingsförmig, deuten auf einen Lupus erythematodes hin. Eine Arthritis im zeitlichen Zusammenhang mit juckenden Exanthemen bzw. einer Urtikaria
lassen an eine Allergie vom Typ I oder III (Serumkrankheit)
denken. Begleitende oder vorausgegangene Durchfälle könnten mit einer Enterokolitis z.B. durch Yersinien, aber auch mit
einem Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa zusammenhängen. Salmonellen und weitere Erreger sind ebenfalls in Betracht zu ziehen.
Sind mehrere Gelenke symmetrisch betroffen, im typischen
Fall nicht akut, sondern in langsamer Entwicklung über Monate, ist an eine chronische Polyarthritis zu denken. Vor allem bei
Kindern sieht man hierbei nicht so selten auch akute und asymmetrische Verläufe, teilweise mehr die großen Gelenke betreffend.
Die Fibromyalgie des Erwachsenen betrifft keine Gelenkstrukturen, sondern schwerpunktmäßig die Weichteile des
Schulter- und Beckengürtels. Beim älteren Patienten müssen
in solchen Fällen auch eine Polymyositis oder eine Polymyalgia
rheumatica in die Überlegungen eingeschlossen werden.
Wichtige Hinweise auf diese Erkrankungen sind begleitende
Müdigkeit und Schwäche, eventuell Depressionen und Gewichtsabnahme. In Verbindung mit Schmerzen oder auch nur
morgendlicher Steifigkeit in kleinen Gelenken von Händen
und Füßen deuten die Symptome wiederum eher auf die Möglichkeit einer chronischen Polyarthritis.
M E R K E
Bei Erkrankungen, die mehrheitlich typische Altersgruppen betreffen,
gilt es zur Zeiteinsparung zu beachten, dass in der Medizin „Häufiges
häufig und Seltenes selten ist“. Das Seltene sollte deswegen erst
dann an Stellenwert gewinnen, wenn das Häufige ausgeschlossen
worden ist.
2.2 Inspektion und Palpation
Gerade bei einem Patienten mit möglichen Symptomen von
Seiten des Bewegungsapparates lohnt es sich für den Therapeuten besonders, ihn persönlich aus dem Wartezimmer abzuholen, um zu beobachten, wie er sich aus dem Stuhl erhebt und in
Gang setzt, ob seine Beinachsen beim Gehen parallel zueinander stehen und ob irgendwelche Asymmetrien oder Schonhaltungen zu erkennen sind. Arthrotisch verursachte Anlaufschwierigkeiten lassen sich eventuell nur auf den ersten Metern erkennen.
2.2.1 Gangbild
Auffallende Gangbilder kann man teilweise bereits einer definierten Erkrankung zuordnen:
• Das Gangbild des Patienten mit fortgeschrittener Multipler
Sklerose ist spastisch, wobei es diesbezüglich Alternativen
gibt.
• Die Hemiparese nach einem Apoplex führt am betroffenen
Bein zu einem halbkreisförmigen Nachvorneführen (Zirkumduktion), weil es nicht mehr angehoben werden kann.
• Das „watschelnde“ Trendelenburg-Hinken tritt bei Lähmung im Bereich der Gluteus-Muskulatur, bei Hüftgelenkdysplasie oder auch bei Symphysensprengung auf.
• Bei einer Lähmung des N. peroneus (N. fibularis) kann der
Fuß nicht mehr nach dorsal angehoben werden. Es kommt
zur Spitzfußstellung. Beim Gehen muss das betroffene Bein,
damit der Fuß nicht über den Boden schleift, besonders
weit angehoben werden. Es resultiert der sog. Steppergang.
• Der Parkinson-Patient macht extrem kurze Schritte, setzt
sich zögerlich in Bewegung und kann nur unter Schwierigkeiten wieder anhalten. Die Arme schwingen nicht, sondern
werden angebeugt am Körper gehalten.
• Hinken findet man u. a. bei fortgeschrittenen Arthrosen im
Bereich von Hüfte, Knie oder Sprunggelenken bzw. bei
Schmerzen in diesen Gelenken. Auch echte Beinverkürzungen bzw. der Morbus Perthes der Kinder führen zu einem
hinkenden Gangbild.
2.2 Inspektion und Palpation 99
2.2.2 Inspektion
An peripheren Gelenken lässt sich meist bereits durch die Inspektion erkennen, ob es sich eher um ein entzündliches Stadium mit Rötung und Schwellung handelt, oder eher um eine
einfache Arthralgie. Einen Hinweis auf entzündlich oder arthrotisch veränderte Kiefergelenke erhält man, wenn der Patient
den Mund öffnet und schließt, während der Therapeut mit den
Fingern die Gelenke im Seitenvergleich palpiert.
Am Thorax achtet man auf Asymmetrien bzw. auf das
Nachschleppen einer Seite bei der Atmung (Pleuritis, Pneumothorax, Rippenfraktur). Der „rachitische Rosenkranz“ der Rippen an den Übergängen vom Knorpel zum Knochen ist gut zu
erkennen. Dasselbe gilt für den Fassthorax des Emphysematikers mit hochstehenden Rippen. Die Trichterbrust mit Einziehung des unteren Sternumanteils ist angeboren. Durch Verlagerung des Herzens führt sie manchmal zu Veränderungen im
EKG. Als Folge einer frühkindlichen Rachitis kann es sowohl
zu einer Einziehung ähnlich der Trichterbrust kommen als
auch ganz im Gegenteil zu einem Vorspringen des Sternums.
Die resultierende Thoraxform wird dann als Hühnerbrust bzw.
Kielbrust bezeichnet, weil das Sternum wie der Kiel eines Schiffes aus dem flacheren Thorax hervorspringt. Eine Kielbrust
kann auch unabhängig von einer Rachitis als Entwicklungsanomalie des Sternums auftreten (Silverman-Syndrom).
Die physiologischen oder pathologischen Schwingungen der
Wirbelsäule, Schonhaltungen, hervorstehende Schulterblätter,
ein Beckenschiefstand und verdrehte Beinachsen lassen sich in
Kombination mit der Palpation erkennen. Die fixierte oder
funktionelle Skoliose oder gar Kyphoskoliose der BWS führt zu
Deformierungen des Thorax, von denen immer auch die Lunge
betroffen ist, die dem Thorax innen anliegt. Es kommt bei ausgedehnten Thoraxdeformierungen zu atelektatischen und emphysematischen Bereichen der Lungen, die u. a. zu Störungen
der Lungendurchblutung führen. Die mögliche Folge sind eine
pulmonale Hypertonie und ein Cor pulmonale, das zum Rechtsherzversagen führen kann. Auch aus diesem Grund ist es wichtig, dass man funktionelle Deformierungen der Wirbelsäule erkennt und einer (chirotherapeutischen) Behandlung zuführt,
bevor Folgekrankheiten entstanden sind. Fixierte Hyperkyphosierungen der BWS (Rundrücken) findet man z.B. beim Morbus
Bechterew oder nach einem Morbus Scheuermann der späten
Kindheit. Ein relativ frühes Symptom beim Morbus Bechterew
besteht in einer Abflachung der Lendenlordose mit Bewegungseinschränkung der LWS, die kein vollständiges Vorwärtsneigen
des Rumpfes mehr gestattet. Eine Quantifizierung dieser Bewegungseinschränkung erlaubt das Schober-Zeichen.
Verschiedene Erkrankungen lassen sich bereits aus dem Aspekt eindeutig zuordnen. Beispiele sind der typische Gichtanfall im Großzehengrundgelenk, die ulnare Deviation von
Handgelenk oder Fingern bei der chronischen Polyarthritis,
der Morbus Bechterew im Spätstadium, die Dupuytren-Kontraktur der Finger 4 und 5 oder die Chassaignac-Luxation
(Scheinlähmung durch Subluxation des Radiusköpfchens) der
Kleinkinder.
2.2.3 Konstitutionstypen
Die Konstitutionstypen nach Kretschmer sind, sofern man
denn Wert darauf legt, an der Form des Thorax am besten
voneinander zu unterscheiden. Diese Typen sind
• der stämmige, untersetzte, zu Fettansatz neigende Pykniker
mit kurzem Hals und breitem Gesicht
• der hagere, hoch aufgeschossene Leptosome bzw. Astheniker mit schmalen Schultern, schmalem Thorax und schmalem Kopf
• der (Modell-)Athlet mit breiten Schultern und schmalen
Hüften.
• Als 4. Typus benennt Kretschmer noch den dysplastischen,
hormonell gestörten Menschen.
In der Regel sieht man keine reinen Formen, sondern Mischbilder. Man hat versucht, bestimmte Krankheiten wie die Neigung zu Bluthochdruck oder Tuberkulose bevorzugt einem
dieser Typen zuzuordnen, doch ist dies eigentlich von sehr geringer Relevanz, denn wenn einer an einer Tuberkulose oder
Hypertonie leidet, ist es ziemlich gleichgültig, ob er klein oder
groß, dick oder dünn, athletisch oder „dysplastisch“, jung oder
alt, klug oder dämlich ist.
2.2.4 Knöcherne Bezugspunkte
Knöcherne Bezugspunkte (› Abb. 2.1) am Rumpf stellen dorsalseitig Scapulae, Beckenschaufeln und Dornfortsätze dar. Am
Schulterblatt sind dies Angulus inferior und Margo medialis,
Akromion sowie die schräg ansteigende Spina scapulae. Am
Becken kann die Crista iliaca im Seitenvergleich mit aufliegenden Händen als erster, allerdings recht grober Hinweis auf einen Beckenschiefstand dienen, ergänzt durch vergleichende
Palpation der beiden hinteren oberen Darmbeinstachel. Die
beiden unteren können nicht getastet werden.
Die Dornfortsätze lassen sich auf Druck- und Klopfschmerzhaftigkeit überprüfen und liefern bei der Palpation ergänzend
zur Inspektion Hinweise auf skoliotische Abweichungen. Zur
Erleichterung des Abzählens und damit der Orientierung dienend sind v. a. der meist deutlich vorspringende 7. Halswirbel
(Vertebra prominens), der 6. Brustwirbel etwa einen Querfinger oberhalb der Verbindungslinie zwischen den beiden unteren Schulterblattwinkeln (Angulus inferior scapulae) sowie der
4. Lendenwirbelkörper zu nennen: Legt man beide, flach und
exakt horizontal gehaltenen Hände auf die beiden Cristae iliacae, treffen sich die Daumen über LWK4. Dessen Dornfortsatz
steht allerdings um einen Querfinger tiefer.
2.2.5 Neutral-Null-Methode
Der Bewegungsumfang eines bestimmten Gelenks kann aktiv
und passiv untersucht und möglichen Abweichungen zugeordnet werden. Werden Abweichungen erkennbar und ist eine
Therapie dieses Gelenks vorgesehen, kann eine Dokumentati-
100 2 Untersuchung
on vor und im Verlauf der Therapie hilfreich sein, um deren
Erfolg zu objektivieren. Als einheitliche und vergleichbare Basis dieser Dokumentation, auch bspw. für forensische Zwecke,
wurde die Neutral-Null-Methode geschaffen.
Nach dieser Methode erhält ein jedes Gelenk als Ausgangsstellung (Nullstellung) die Position zugewiesen, die es bei einem aufrecht stehenden Menschen mit locker herabhängenden
Armen einnimmt. Aus dieser Nullstellung heraus kann für jedes Gelenk entsprechend der physiologischen Bewegungsachsen der maximal mögliche, passive und/oder aktive Bewegungsumfang bestimmt werden. Für den üblichen Alltag können die erhaltenen Winkelgrade geschätzt werden, für forensische Zwecke benutzt man Winkelmesser.
Soll nun beispielsweise das rechte Handgelenk dokumentiert werden, sind seine beiden Bewegungsachsen getrennt zu
messen und schriftlich zu fixieren (› Abb. 2.2). Man
schreibt in diesem Fall also z. B.: Rechtes Handgelenk, Extension/Flexion 50°/0°/60°, sofern in der Extension 50° und in
der Flexion 60° gemessen wurden. Hierbei gilt es Folgendes
zu beachten:
• Die Null steht als Ausgangsbasis für die Gelenkbewegungen
grundsätzlich in der Mitte, sofern sie vom Patienten erreicht wird. Wird die Neutralstellung nicht erreicht, rutscht
die Null nach vorne oder hinten.
• Die 1. Zahl bezieht sich immer auf die Bewegungsrichtung,
die im Anschluss an die Benennung des Gelenks als erste definiert wird, die letzte Zahl bezieht sich dementsprechend
auf die Gegenrichtung. Würden in obigem Beispiel die Zahlen 50°/0°/60° dem rechten Handgelenk, aber dieses Mal der
Schreibweise Flexion/Extension zugeordnet, wäre damit die
Flexion mit 50° und die Extension mit 60° gemessen.
• Die seitlichen Abknickbewegungen des Handgelenks wurden
im Beispiel bisher nicht erfasst. Sie müssten also in einem
zweiten Durchgang mit „rechtes Handgelenk, Ulnar-/Radialflexion (bzw. Abduktion)“ z.B. als 40°/0°/20° aufgeschrieben
werden, wobei wiederum die 1. Zahl (40°) der am Anfang
stehenden Begrifflichkeit (Ulnarflexion) zugeordnet wäre.
• Lässt das Handgelenk eines Patienten posttraumatisch nur
noch minimale Bewegungen in der Beugestellung zwischen
20 und 30° zu, ohne die Neutralstellung zu erreichen, wäre der Befund: rechtes Handgelenk, Extension/Flexion
0°/20°/30°. Die Null kann nicht in der Mitte stehen, weil sie
nicht erreicht wird. Einfacher zu verstehen ist das Beispiel,
wenn man die Bewegungsrichtung und die Zahlen einfach
umdreht: rechtes Handgelenk, Flexion/Extension 30°/20°/0°.
Die 1. Zahl steht für die maximal erreichbare Flexion. Die
2. Zahl muss sich ebenfalls auf die Flexion beziehen, denn
wenn eine Extensionsbewegung erreicht würde, wäre die
Spina scapulae
Acromion
Angulus inferior der Scapula
Margo medialis der Scapula
Position der Protuberantia
occipitalis externa
Proc. spinosus C7
(Vertebra prominens)
Procc. spinosi
Spina iliaca posterior superior
Crista iliaca Proc. spinosus L4
Michaelis-Raute
Beginn der Crena ani
Abb. 2.1 Tastbare Knochenpunkte. [46]
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 101
Neutralstellung durchlaufen und die Null müsste in der Mitte stehen. Da sie jedoch hinten steht, ist dokumentiert, dass
der Patient sein Handgelenk lediglich zwischen 20 und 30°
Flexion hin- und herbewegen kann.
• Ein weiteres Beispiel: rechtes Kniegelenk, Extension/Flexion
10°/10°/0°. Das Kniegelenk des Patienten ist in einer
Überstreckung von 10° eingesteift. Die Null steht hinten,
weil die Neutralstellung nicht erreicht wird.
2.3 Untersuchung spezifischer
Strukturen
Es gibt im Bereich des Bewegungsapparats einzelne Strukturen,
die besonders häufig Beschwerden bereiten bzw. traumatisch
oder degenerativ geschädigt sind und deren gewissenhafte Begutachtung deshalb besondere Bedeutung besitzt. Im Vordergrund
stehen Wirbelsäule, Schulter-, Hüft-, Iliosakral- und Kniegelenk.
Abb. 2.2 Bewegungsumfänge ausgewählter Gelenke. [32]
102 2 Untersuchung
2.3.1 Wirbelsäule
Zur Inspektion der Wirbelsäule befindet sich der Therapeut
hinter dem (teil-)entkleideten, aufrecht stehenden Patienten.
Auf diese Weise lassen sich sowohl Seitverbiegungen (Skoliosen) als auch Abweichungen ihrer physiologischen Krümmungen erkennen. Dabei ist gleichzeitig auf die Symmetrie von
Schultern, Schulterblättern und Becken zu achten.
Skoliose
Eine Skoliose wird nach ihrer Lage und der Richtung ihrer
Auslenkung definiert (› Abb. 2.3). Zum Beispiel würde man
eine Abweichung der BWS nach rechts als rechtskonvexe
BWS-Skoliose bezeichnen. In der Mehrzahl der Fälle bedingt
die skoliotische Verkrümmung eines Wirbelsäulenabschnitts
eine kompensatorische Gegenschwingung eines oder beider
benachbarten Abschnitte. Die rechtskonvexe BWS-Skoliose
hat also z. B. eine linkskonvexe LWS-Skoliose zur Folge, sodass die Verformung sich insgesamt S-förmig darstellt. Meist
sind in solchen Fällen Schultern und/oder Becken nicht mehr
symmetrisch. Bei der rechtskonvexen BWS-Skoliose würde
man also einen Schulterhochstand rechts erwarten, einschließlich ihrer Skapula. Die Beckenkippung wäre abhängig
von der Ausprägung der LWS-Gegenschwingung. In ausgeprägten Fällen springen die Schulterblätter hervor, der gesamte Thorax wird asymmetrisch (Rippenbuckel). Auf der konvexen Seite der LWS-Skoliose entsteht ein Lendenwulst, auf
der Konkavseite ein Lendental. Manchmal werden die Veränderungen deutlicher, wenn sich der Patient während der Inspektion nach vorn beugt. Hinsichtlich der entstehenden Thoraxasymmetrie muss bedacht werden, dass jede Seitabweichung eines Brustwirbels eine gleichzeitig stattfindende Rotation (Torsion) dieses Wirbels bedingt, weil er über Gelenke,
Zwischenwirbelscheiben und straffe Bänder an den benachbarten Wirbeln befestigt ist.
Bei erkennbaren Skoliosen sollte man herauszufinden
suchen, ob sie fixiert oder lediglich funktionell entstanden
sind, weil sie in diesem Fall eine ursächliche Therapie ermöglichen. Einen ersten Hinweis erhält man zum einen aus dem
Grad der Abweichung, weil die weit überwiegende Mehrzahl
milder Skoliosen funktionell aus einem Beckenschiefstand resultieren und demzufolge begradigt werden können. Zum anderen sollte eine angeborene oder in der Kindheit erworbene
Achsabweichung anamnestisch bekannt sein, eventuell mit
entsprechender Zuordnung z.B. zu einer Hüftdysplasie oder
Fraktur im Bereich von Bein, Becken oder Wirbelsäule bzw. einem Morbus Perthes. Den sichersten Hinweis erhält man aus
der Inspektion der Wirbelsäule während ihrer Bewegungen
nach vorne, nach beiden Seiten und als Rotation um ihre Achse.
Vor allem bei der Seitwärtsneigung gleichen sich funktionelle
Skoliosen üblicherweise aus, während dies bei ihrer Fixation
nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig erhält man mit der Überprüfung der Beweglichkeit und eventuell dabei entstehender
Schmerzen weitere Hinweise auf Veränderungen bzw. denselben zugrunde liegende Erkrankungen.
Zeichen nach Schober
Aufgrund ihrer sagittal stehenden Zwischenwirbelgelenke ist
die LWS besonders auf Inklinations- und Reklinationsbewegungen der Wirbelsäule ausgerichtet. Mit dem Schober-Zeichen ermittelt man deren Umfang. Der Therapeut befindet sich
hinter dem aufrecht stehenden Patienten und misst mit dem
Maßband eine 10 cm lange Strecke über der LWS.
Um einen einheitlichen Standard festzulegen, nimmt man
dabei den Dornfortsatz von S1, markiert ihn mit einem Stift
und misst dann eine Strecke von 10 cm nach kranial, deren
Endpunkt ebenfalls markiert wird (› Abb. 2.4). Während der
Therapeut nun den Anfang des Maßbandes wiederum auf S1
legt, bittet er den Patienten, sich so weit wie möglich in Richtung Boden zu bücken. Dabei verlängert sich die ursprüngliche
Strecke von 10 cm physiologischerweise auf 14–16 cm, der obere Messpunkt rutscht also um 4–6 cm nach kranial.
S1 lässt sich problemlos auffinden, wenn man sich daran erinnert, dass die Daumen über L4 zu liegen kommen, wenn man
die beiden Hände horizontal und flach auf die Cristae iliacae
des Patienten legt. Hat man auf diese Weise L4 gefunden,
braucht man über die Palpation von L5 lediglich noch eine weitere Etage nach kaudal auf den Dornfortsatz S1 zu rutschen.
Zeichen nach Ott
Mit dieser Messung wird die Beweglichkeit der BWS dokumentiert. Der Therapeut befindet sich hinter dem aufrecht steSchulterhochstand
rechtskonvexe BWS-Skoliose
Asymmetrische
Taillendreiecke
Rippenbuckel
Abb. 2.3 Rechtskonvexe BWS-Skoliose. [39]
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 103
henden Patienten, markiert den 7. Halswirbel (Vertebra prominens), führt das Maßband 30 cm nach kaudal und markiert
den erhaltenen Bezugspunkt (› Abb. 2.4). Während der Beginn des Bandes auf dem Punkt über der Vertebra prominens
liegt, bückt sich der Patient so weit in Richtung Boden, wie ihm
das möglich ist. Dabei verlängert sich die Strecke auf etwa 32–
34 cm. Die Verlängerung von 2–4 cm wird oft, entsprechend
der LWS, mit 4–6 cm angegeben, doch wird dies allenfalls von
Artisten erreicht.
Bei der Messung nach Ott ist Folgendes zu beachten: Bei
zahlreichen, normal beweglichen Patienten verlängert sich die
Strecke um höchstens 1 oder 2 cm oder sie bleibt unverändert
bzw. verkürzt sich im Einzelfall sogar auf z.B. 29 cm. Ursache
sind die quer bis schräg stehenden Gelenkflächen der Intervertebralgelenke der BWS, die eine gute Rotation der Wirbelsäule,
jedoch keine physiologisch vorgesehene Beugung ermöglichen.
Dies bedeutet in der Konsequenz, dass sich der Patient bei dieser Untersuchung nicht einfach nur bücken darf, sondern sich
vielmehr nach vorne krümmen muss, um die Strecke auch tatsächlich zu verlängern.
M E R K E
Rotationsbewegungen der Wirbelsäule erfolgen bevorzugt in der
BWS, Neigungsbewegungen überwiegend in der LWS. Der Versuch,
eine endgradige Drehbewegung der BWS durch zusätzliche Rotation
der LWS weiter zu verstärken, führt häufig zu Blockaden in diesem
Wirbelsäulenabschnitt.
Man kann rein theoretisch die Zeichen nach Schober und Ott
zusammenfassen, indem die maximal mögliche Vorwärtsneigung als Finger-Boden-Abstand gemessen wird. Die Aussagekraft dieser Untersuchung ist allerdings eher begrenzt, weil es
in Abhängigkeit vom Verhältnis Rumpf zu Extremitäten und
weiteren Abweichungen zu individuell erheblichen Unterschieden kommt, selbst wenn Schober und Ott und damit die
Beweglichkeit der Wirbelsäule vollkommen unauffällig waren.
Prüfung der HWS
Mit der passiv am sitzenden Patienten durchgeführten Prüfung
der Beweglichkeit des Kopfes (Rotation, Inklination und Reklination) erkennt man in Verbindung mit der Palpation von
Myogelosen und Triggerpunkten Störungen im Bereich der
HWS, bei jüngeren Patienten in aller Regel Blockaden der kleinen Wirbelgelenke. Eine Atlasblockade ist durch Palpation des
Atlas-Querfortsatzes zwischen Mastoid und Außenohr nachzuweisen. Der Querfortsatz springt auf der Seite der Blockade
dem palpierenden Finger entgegen. Das darüber befindliche
Gewebe ist verquollen und druckschmerzhaft und die Palpation insgesamt für den Patienten äußerst unangenehm. Teilweise lässt sich sogar ein Schwindelgefühl erzeugen.
Klopfschmerz
Eine umschriebe Druck- bzw. Klopfschmerzhaftigkeit einzelner Wirbelsäulenabschnitte (mit dem Reflexhammer bzw. einfach mit den Fingerkuppen) kann zahlreiche Ursachen haben,
die in der Regel erst durch das Röntgenbild oder weitergehende Untersuchungen zugeordnet werden können. Allein schon
deswegen, weil es sich hierbei immer auch um metastatische
Absiedlungen, Wirbelkörpereinbrüche oder auch um eine Osteomyelitis handeln kann, sind stets apparative Untersuchungen anzustreben.
Die häufigen Blockaden der Intervertebral- oder Rippenwirbelgelenke verursachen keine knöcherne Klopfschmerzhaftigkeit, können also auch nicht ihrer Erklärung dienen. Den entscheidenden Hinweis auf blockierte Intervertebralgelenke liefern umschriebene, fingerkuppengroße, paravertebrale, druckschmerzhafte Myogelosen sowie muskuläre Verquellungen
bzw. Verhärtungen u. a. des oberen Trapeziusrandes. Als weiteren Hinweis findet man Haut und Gewebe im Bereich von
Blockaden deutlich kühler als in den Nachbarsegmenten.
2.3.2 Schultergelenk
Beim Schultergelenk handelt es sich aufgrund seiner besonderen Konstruktion um das mit weitem Abstand beweglichste
Gelenk des menschlichen Körpers. Wesentliche Ursache dafür
ist die evolutionäre Entwicklung der menschlichen Hand, deren besondere Fähigkeiten erst dadurch vollständig genutzt
werden, dass sie mit Hilfe des Schultergelenks in jede beliebige
Position gebracht werden kann. Wichtige Voraussetzung für
die Extrembeweglichkeit ist nicht nur die geringe Überdachung des Oberarmkopfes mitsamt lockerer Fixation durch
Kapsel und Bandstrukturen, sondern auch die Anbindung des
Armes an den Schultergürtel, weil erst dessen zusätzliche
C7
S1
30 cm
10 cm
32–34 cm 14–16 cm
S1
C7
FingerBodenAbstand
Ott-Zeichen
(Streckenverlängerung BWS)
Schober-Zeichen
(Streckenverlängerung LWS)
Abb. 2.4 Zeichen nach Schober und Ott. [42]
104 2 Untersuchung
Bewegungen die Führung der Hand z.B. zum Rücken, oder die
Hebung von Arm und Hand über die Horizontale hinaus (Elevation) ermöglichen.
Der große Bewegungsumfang in Schultergelenk und Sternoklavikulargelenk als einziger gelenkigen Verbindung zwischen
Schultergürtel und Arm zum Rumpf bedeutet eine hohe Belastung der beteiligten Strukturen. Neben den möglichen mechanischen oder entzündlichen Alterationen gesellen sich allerdings
ähnlich der Wirbelsäule in ungewöhnlich großem Umfang die
Auswirkungen von Blockaden der kleinen Wirbelsäulengelenke,
sodass die Ursachen einer Periarthropathia humeroscapularis
mechanisch-degenerativ-entzündlich oder (häufig) lediglich in
den Auswirkungen dieser Blockaden liegen können. Häufig
kommt es auch zu Mischbildern, denen man nur gerecht wird,
wenn dann eben auch beide Anteile korrekt zugeordnet und adäquat behandelt werden.
Erkennen von Blockaden
Die typischen Ausstrahlungen wichtiger Blockaden der Intervertebral-, Kostotransversal- und Kostovertebralgelenke werden im Rahmen der Chirotherapie besprochen. Zusammengefasst stehen die Blockaden der HWS auf der betroffenen Seite
im Vordergrund, ergänzt v. a. durch die Rippenwirbelgelenke,
weil dieselben sehr heftige Myogelosen des M. trapezius auslösen können. Einen wertvollen Hinweis liefern Sensibilitätsstörungen der Extremität bis in die Finger, v. a. in Ruhe beispielsweise beim morgendlichen Erwachen. Von größter Bedeutung
zur Abgrenzung gegenüber mechanischen oder entzündlichen
Irritationen ist das Ergebnis der Elevation. Erfolgt sie für den
Patienten vollkommen ungestört und schmerzfrei, kann davon
ausgegangen werden, dass die Periarthropathia humeroscapularis unter chirotherapeutischer Behandlung abklingen wird.
Ist die Elevation schmerzhaft, sollte daraufhin untersucht werden, ob nicht zusätzlich Auswirkungen von Blockaden bestehen, die das Bild erheblich verschlimmern können.
Periarthropathia humeroscapularis
Im Vordergrund steht die allgemeine Untersuchung der Beweglichkeit im Schultergelenk, ergänzt durch die Überprüfung der
Supraspinatus-Sehne (› Abb. 2.5): Die Sehne des M. supraspinatus zieht aus dem in der Fossa supraspinata liegenden
Muskel zwischen Bursa subacromialis und Gelenkkapsel zum
Tuberculum majus. Hier hat sie bereits physiologischerweise in
Abhängigkeit von der Stellung des Schultergelenks wenig Platz,
der bei einer Anschwellung von Sehne oder umgebenden Strukturen sehr schnell aufgebraucht ist (Impingement-Syndrom).
Es kommt zu mechanischen, sehr schmerzhaften Irritationen,
die eine aktive oder passive Abduktion ab etwa 60° und besonders auch Elevation unmöglich machen können. Meist ist die
Supraspinatussehne direkt unterhalb des Akromions verdickt
und außerordentlich schmerzhaft zu tasten. Bursa subacromialis
und Bursa subdeltoidea können palpatorisch nicht ausreichend
beurteilt werden, was erst recht im Hinblick auf mögliche Verkalkungen von Bursen oder Schultergelenk gilt.
A C H T U N G
Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Bereich des Schultergürtels sollten, sofern sie nicht eindeutig Blockaden in HWS und oberer BWS zugeordnet werden können, stets vom Orthopäden abgeklärt werden.
Es ist bei der Periarthropathia humeroscapularis meist pauschal von einer Irritation, Distorsion oder sogar einem Abriss
im Bereich der Rotatorenmanschette die Rede, wobei manchmal übersehen wird, dass zahlreiche weitere Strukturen ausschließlich oder zusätzlich an dem Bild beteiligt sind. Dies gilt
z.B. für das Korakoid, an dem nicht weniger als 3 Muskeln mit
ihren Sehnen ansetzen und das beinahe gesetzmäßig einen erheblichen Druckschmerz und damit gleichzeitig eine Behandlungsbedürftigkeit dieser Strukturen anzeigt. Gefunden wird
die Korakoidspitze direkt unterhalb der lateralen Klavikula.
Ebenso wenig wie der Proc. coracoideus gehört der Angulus
superior der Skapula mit den dort ansetzenden Strukturen zur
Rotatorenmanschette, doch dürfte es eher zu den Ausnahmen
gehören, wenn nicht direkt oberhalb dieses Winkels erhebliche
und äußerst schmerzhafte Myogelosen, häufig bereits verkalkt
und palpatorisch „knirschend“ zu tasten wären. Abgesehen
vom M. levator scapulae machen sich hier z.B. auch Blockaden
von Th1 bemerkbar.
Während die kurze Bizepssehne zum Korakoid zieht und
dort auf Druckschmerzhaftigkeit geprüft werden kann, ist der
Ansatz der langen Bizepssehne am Tuberculum supraglenoidale
nicht direkt zugänglich. Man kann die Sehne jedoch palpieren,
wenn man bei nach außen rotiertem Arm vom Muskelbauch
ausgehend nach proximal tastet, bis sich die palpierenden Finger in der gelenknahen Lücke zwischen den beiden Tubercula
befinden. Man kann auch überprüfen, ob bei angebeugtem Unterarm aus der Pronationsstellung heraus eine Supinationsbewegung gegen den Widerstand des Untersuchers schmerzfrei
möglich ist. Bei einem Abriss der langen Bizepssehne würde der
Muskelbauch am Oberarm deutlich sichtbar hervorspringen.
2.3.3 Hüftgelenk
Hüftgelenke können blockieren und dadurch Beschwerden
verursachen. Dies hat allerdings keine allzu große Bedeutung
für den Alltag, weil sich die Gelenke nach erfolgreicher ISG30° Abb. 2.5 Supraspinatus-Test (Ansicht von oben). [47]
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 105
Behandlung mit Beheben der Rotationsfehlstellung zumeist
von alleine zentrieren und „einlaufen“. Im Vordergrund der
Untersuchung durch einen Therapeuten, der weder chirotherapeutisch noch z.B. mittels Kraniosakraltherapie oder Osteopathie tätig ist, steht ohnehin die Frage, ob ein Hüftgelenk eventuell arthrotisch degeneriert bzw. vielleicht sogar bereits in
seinem Bewegungsumfang entscheidend eingeschränkt ist.
Zu beachten ist, dass Schmerzen im Bereich des Hüftgelenks häufig in die Leiste projizieren, v. a. unter Belastung auch
in den volaren Oberschenkel und teilweise bis zum Knie. Entstehen Schmerzen beim Treppenlaufen, ist es hilfreich nachzufragen, ob sie treppauf oder treppab verstärkt erscheinen, weil
Schmerzen im Oberschenkel u. a. auch vom Kniegelenk verursacht sein können. Entstehen die Beschwerden also verstärkt
beim Abwärtsgehen, kommt man „von oben“ und auch die
Schmerzen werden „von oben“, also vom Hüftgelenk verursacht. Wird es dagegen beim Aufwärtsgehen schlimmer,
kommt man „von unten“, sodass auch die Ursache eher „unten“, also im Kniegelenk zu suchen ist.
Schmerzen in der Leiste resultieren häufig aus einer Alteration des Hüftgelenks, doch sollte man nicht versäumen, durch
sorgfältige Palpation weitere Ursachen wie u. a. angeschwollene Lymphknoten oder einen Leistenbruch auszuschließen.
Auch eine Periostitis der Schambeine infolge einer Fehlbelastung der Adduktoren kann hier zu Beschwerden führen.
Wenn man einmal von angeborenen oder (traumatisch) erworbenen Störungen, von der übersehenen Hüftluxation bis
hin zur Perthes-Krankheit absieht, besteht die Hauptursache
für (vorzeitige) Coxarthrosen in einer Fehlrotation der Beine, erzwungen üblicherweise durch einen Beckenschiefstand.
Dabei sind die Köpfe nicht mehr in ihren Pfannen zentriert –
die eine Seite ist nach oben in Richtung Pfannenrand, die Gegenseite nach unten abgewichen. Mit einiger Regelmäßigkeit
besteht dann auch eine funktionelle, scheinbare Beinlängendifferenz. Unter anderem dieser Zusammenhang macht einen
Schuhausgleich so folgenreich, denn die Fehlstellung im Acetabulum wird dadurch gerade nicht ausgeglichen, sondern festgeschrieben – mit der unausweichlichen Folge einer vorzeitigen Coxarthrose. Dieser Zusammenhang zeigt gleichzeitig auf,
dass die häufig geübte Praxis, einen Beckenschiefstand dadurch zu diagnostizieren, dass man so lange Brettchen unter
das scheinbar kürzere Bein des Patienten legt, bis die beiden
Cristae iliacae symmetrisch stehen, in die Irre führen muss.
Diese Untersuchungsmethode macht sozusagen aus der funktionellen Beinlängendifferenz eine tatsächliche und übersieht
damit die Zusammenhänge. Dasselbe gilt für die Röntgenaufnahme am stehenden Patienten, die letztendlich ohne jegliche
Zuordnung lediglich den Beckenschiefstand aufzeigt, denn die
ISG-Blockade kann im Röntgenbild nicht erkannt werden.
Diagnostik
Die Routinediagnostik des Hüftgelenks beschränkt sich im
Wesentlichen auf eine Überprüfung der Rotationsbeweglichkeit, sofern keine entzündlichen oder schmerzhaften Veränderungen bestehen. Gibt es Hinweise auf eine mögliche Erkrankung des Hüftgelenks, prüft man am besten sämtliche Bewegungsachsen.
Abduktion und Adduktion
Der Patient liegt mit gestreckten Beinen auf dem Rücken. Um
eine Mitbewegung des Beckens zu verhindern, fixiert der Therapeut das Becken durch Druck auf die kontralaterale Spina
iliaca und führt das zu untersuchende Bein am Unterschenkel
oder Sprunggelenk in die maximal mögliche Abduktion. Auf
dieselbe Weise wird die Adduktion überprüft, wobei das Bein
des Patienten über das Bein der Gegenseite geführt werden
muss. Anschließend folgen die Untersuchung des kontralateralen Beines und der Vergleich mit dem Bewegungsumfang der
Gegenseite. Dieser sollte sich in etwa entsprechen, Schmerzen
dürfen nicht entstehen.
Flexion und Extension
Die Flexion wird vom liegenden Patienten aktiv durchgeführt,
indem er nacheinander seine im Kniegelenk gebeugten Beine
gegen seinen Bauch nach oben zieht. Im Idealfall sollte dabei
der Oberschenkel den Stamm nahezu berühren. Der Therapeut
kann dabei seine Hand flach unter die LWS des Patienten halten, um zu erkennen, wann die LWS-Lordose aufgebraucht ist
und die tatsächliche Flexion im Hüftgelenk beginnt.
Ist die Flexion für den Patienten mühsam oder schmerzhaft
und bestehen gleichzeitig Bauchschmerzen, kann der Therapeut der aktiven Flexion durch den Patienten Widerstand entgegensetzen, indem er dessen Oberschenkel nach unten drückt.
Verstärken sich dabei die Bauchschmerzen, weil der M. psoas
als wesentlicher Beugemuskel des Hüftgelenks gereizt ist, deutet dies auf eine entzündliche Ursache im Bauchraum. Das sog.
Psoas-Zeichen wird z.B. bei einer Appendizitis positiv, die
sich über den Wurmfortsatz hinaus in die Umgebung ausgebreitet hat, im Einzelfall bis hin zur Abszessbildung.
Die Extension kann am auf dem Bauch liegenden Patienten,
aber auch in Seitenlage oder im Stehen überprüft werden.
Rotation
Geprüft wird beim liegenden Patienten in 90° Beugung von
Hüfte und Knie und im Vergleich zur Gegenseite (› Abb. 2.6).
Neben der Schmerzfreiheit und dem absoluten Bewegungsumfang sollte auch überprüft werden, ob der jeweilige Endanschlag der Bewegung bei Innen- und Außenrotation federnd
erfolgt oder eventuell unphysiologisch hart bzw. unnachgiebig.
Zu beachten ist bei dieser Untersuchung, dass bei einer Drehung des Unterschenkels nach innen (medial) die Rotationsbewegung im Hüftgelenk nach außen erfolgt, also jeweils
gegenläufig ist.
Als Hinweis auf Fehlstellungen des Beckens ist zu werten,
wenn der Gesamtbewegungsumfang zwar seitengleich ist,
106 2 Untersuchung
dabei aber unterschiedliche Ausmaße an Innen- und Außenrotation einschließt, das eine Bein also z. B. weiter nach innen, aber gleichzeitig in geringerem Umfang nach außen
rotiert werden kann. Ursache ist die Fehlrotation der Hüftköpfe beim Beckenschiefstand – in aller Regel als Folge einer
ISG-Blockade.
Beim Verdacht auf eine Coxarthritis kann die Überprüfung
der Rotation zu deren weiteren Abklärung genutzt werden. Dabei stützt sich der Therapeut auf das angebeugte Knie des Patienten und bewegt nun den Hüftkopf unter Druck in seiner
Pfanne hin und her. Entstehen dabei keinerlei Beschwerden,
kann eine entzündliche Gelenkerkrankung weitgehend ausgeschlossen werden.
Watschelgang
Ein Gangbild, bei dem das Becken des Patienten zur Seite des
angehobenen und nach vorne geführten Beines kippt, weil das
Standbein muskulär nicht ausreichend stabilisiert werden
kann, wird als Watschelgang bezeichnet. Die wichtigsten Ursachen bestehen in einer (angeborenen) Hüftdysplasie sowie
in einer Schwäche der Abduktoren-Muskulatur (v. a. M. gluteus medius). Bei der Hüftdysplasie ist der Hüftkopf nach kranial zum Pfannenrand verlagert oder sogar vollständig luxiert, sodass eine tatsächliche Beinlängendifferenz resultiert.
Wird dieselbe bei genauer Messung nicht gefunden, handelt
es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Abduktorenschwäche, die mit dem Trendelenburg-Zeichen nachgewiesen
werden kann.
Trendelenburg-Zeichen
Beim Einbeinstand muss der Schwerpunkt des Rumpfes zur
Seite des Standbeins verlagert werden, um ihn überhaupt zu
ermöglichen. Diese Abknickbewegung wird überwiegend von
M. gluteus medius und M. gluteus minimus bewirkt. Sind sie
dazu aufgrund einer gestörten nervalen Versorgung (N. gluteus
superior aus dem Plexus sacralis) oder einer Hüftluxation nicht
in der Lage, kippt das Becken zur Seite des angehobenen sog.
Spielbeins, sodass der Einbeinstand nicht gehalten werden
kann (› Abb. 2.7). Das Trendelenburg-Zeichen wird positiv.
2.3.4 Iliosakralgelenk
Das ISG (Iliosakralgelenk) bzw. SIG (Sakroiliakalgelenk) ist für
die Gesamtstatik des Patienten von überragender Bedeutung.
Nichts, was an Rücken oder stammnahen Gelenken therapeutisch erreicht wird, bleibt auf Dauer erhalten, wenn ein
Abb. 2.6 Untersuchung der Innen- (a) und Außenrotation (b) des Hüftgelenks. [54]
Abb. 2.7 Positives Trendelenburg-Zeichen rechts. [25]
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 107
Beckenschiefstand des Patienten übersehen, seine beiden Iliosakralgelenke nicht deblockiert wurden.
Andersherum könnte man auch sagen, dass allein die Deblockierung der beiden ISG, die Aufhebung von Beckenschiefstand, Fehlrotation der Beine und Begradigung der funktionellen Skoliose zumindest bei jüngeren und (geopathisch) unbelasteten Patienten in einem Teil der Fälle genügt, um dem
„Rest“ der Wirbelsäule ihre normale Funktion und Balance zurückzuerstatten. Zahlreiche Blockaden lösen sich selbsttätig,
sofern ihre Ursache vergangen ist.
Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die ISG-Blockade
nicht nur zu erheblichen lokalen und/oder ausstrahlenden Beschwerden führen kann (aber nicht muss!), sondern sowohl
über die resultierende Skoliose die gesamte Wirbelsäule als
auch über die Fehlrotation im Hüftgelenk das gesamte Bein mit
Knie- und Sprunggelenken und zusätzlich die Statik des Fußes
mit einbeziehen kann.
M E R K E
Der größte Anteil vorzeitiger Arthrosen oder Beschwerden in den Gelenken von Wirbelsäule, Bein und Fuß rührt überwiegend oder ausschließlich aus einem chronisch blockierten ISG.
Diagnostik
Für die Feststellung einer ISG-Blockade stehen ungezählte
Möglichkeiten zur Verfügung, die nicht alle gleich einfach
durchzuführen sind. Während aber diejenigen, die am
schnellsten zu einer Aussage führen (z.B. die Verquellung bei
Blase 2), vom Anfänger oftmals eher als unsicher oder unklar
bewertet werden, werden die „aufwendigeren“ zunächst favorisiert, um mit wachsender Erfahrung dann doch zunehmend
als überflüssig erachtet und verworfen zu werden. Die verschiedenen Methoden sollen im Folgenden kurz vorgestellt
werden:
• Das Gewebe, in das eine ISG-Blockade einstrahlt, befindet
sich medial und etwas unterhalb der Spina iliaca posterior
superior. Dort findet man eine druckschmerzhafte Myogelose.
• Der Blasenmeridian, in den das ISG eingebettet ist, erscheint an markanten Punkten derb und verquollen. Dies
betrifft z.B. das Nackenband auf der Seite der Blockade
ebenso wie das Gewebe im Bereich Blase 2 (mediale Augenbrauenregion).
• Die Wirbelsäule ist skoliotisch deformiert, wobei dies
natürlich zunächst nicht beweisend für ein schiefes Becken steht, weil es sich auch um eine „echte“ fixierte Skoliose handeln könnte. Auch tatsächliche Beinlängendifferenzen oder Schonhaltungen aus anderem Anlass sind
möglich.
• Vorlaufphänomen und Spine-Test sind pathologisch
nachweisbar.
• In der Regel findet man eine (scheinbare) Beinlängendifferenz.
• Die beiden hinteren oberen Darmbeinstachel stehen häufig
ungleich hoch, wobei dies am besten zu erkennen ist, wenn
der hinter dem stehenden Patienten sitzende Therapeut seine beiden Daumen horizontal, mit den Daumenkuppen exakt auf den beiden Spinae iliacae, auf den Rücken des
Patienten legt.
Vorlaufphänomen
Zur Prüfung des Vorlaufphänomens steht der Patient aufrecht
und symmetrisch vor dem (sitzenden) Therapeuten. Dieser legt
seine beiden Daumen horizontal auf die beiden hinteren oberen Darmbeinstachel und fordert den Patienten anschließend
auf, sich bei weiterhin durchgestreckten Kniegelenken nach
vorne zu beugen. Bei einer einseitigen ISG-Blockade rotiert die
Darmbeinschaufel auf dieser Seite nicht gegen das Sakrum,
sondern wird bei der Rumpfbeuge sofort mit nach oben gezogen. Der Therapeutendaumen tritt also auf der Seite der Blockade höher, während bei einer fehlenden, aber auch beidseitigen
Blockierung keine wesentliche Abweichung zu erkennen ist.
Spine-Test
Beim Spine-Test steht der Patient vor dem (sitzenden) Therapeuten, wobei derselbe einen Daumen auf die Spina der zu untersuchenden Seite legt, den anderen aber auf den Dornfortsatz
S1. Es wird beim Spine-Test also kein direkter Seitenvergleich
vorgenommen, sondern die Beweglichkeit der Iliosakralgelenke einzeln und unabhängig voneinander überprüft. Der Patient
wird nun auch nicht zur Rumpfbeuge aufgefordert, sondern er
hebt bei durchgestrecktem Standbein das Bein der zu untersuchenden Seite unter gleichzeitiger Beugung im Kniegelenk.
Ist die Beweglichkeit im ISG der untersuchten Seite erhalten,
liegt also keine Blockade vor, wird die Spina in dem Moment
tiefer treten, in dem die Beweglichkeit im Hüftgelenk erschöpft
ist, sobald also der Patient sein Bein im Hüftgelenk entsprechend stark angebeugt hat. Fehlt dieses Tiefertreten, oder ist
es absolut oder im Vergleich zur nachfolgenden Überprüfung
der Gegenseite nur gering vorhanden, kann von einer Blockade ausgegangen werden.
Beinlängendifferenz
Die Beinlängendifferenz eines Patienten kann in der Folge einer früheren Fraktur oder einer (angeborenen) Hüftgelenkluxation tatsächlich vorhanden sein. Sie kann aber auch scheinbar bestehen, wie dies bei einer ein- oder beidseitigen ISG-Blockade häufig zu beobachten ist. Tatsächliche Beinlängendifferenzen stellen im Praxisalltag eine Rarität dar. Nahezu alle
Differenzen sind scheinbar und verschwinden nach erfolgreicher Deblockierung der ISG-Gelenke, was bei einer echten
Differenz nicht möglich ist.
108 2 Untersuchung
Man kann die Beinlängendifferenz eines Patienten so deuten,
dass sie bei fehlender Fraktur bzw. Luxation einen sicheren
Hinweis auf eine ISG-Blockade erlaubt, während der Umkehrschluss nicht zulässig ist: Erfolgt nämlich bei einer beiderseitigen Blockade die Kippung der jeweiligen Beckenschaufel symmetrisch zur Gegenseite nach vorne oder hinten, entsprechen
sich auch die Auswirkungen auf das jeweilige Bein, sodass keine Abweichungen erkennbar werden. Zumeist sind allerdings
die Auswirkungen auf Rotation und Länge der beiden Beine
asymmetrisch, sodass mit der Differenz der Beinlänge gleichzeitig auch der Nachweis der Beckenfehlstellung erbracht ist.
Zum Erkennen einer Beinlängendifferenz liegt der Patient
in Rückenlage auf der Liege, wobei streng auf eine symmetrische, exakt ausgerichtete Lage zu achten ist. Um etwaige geringe Abweichungen aus dem Lot zu korrigieren, kann der
Therapeut vom Fußende der Liege aus durch Traktion an den
Patientenbeinen die lotrechte Lage erzwingen. Im Anschluss
hieran braucht nun lediglich durch Vergleich der beiden aneinander liegenden Innenknöchel eine Abweichung erkannt
oder ausgeschlossen zu werden. Bei Patienten, bei denen die
Innenknöchel nicht deutlich vorspringen, kann der Therapeut seine beiden Daumen auf diese Fixpunkte legen, um
nun im Höhenvergleich seiner Daumen eine Abweichung zu
erkennen.
Übliche (scheinbare) Beinlängendifferenzen liegen zwischen
0,5 und 2 cm, bei einer Beckenverwringung auch einmal darüber hinaus. Minimale und undeutliche Abweichungen von
1–2 Millimetern sollten nicht bewertet werden. Es sei daran erinnert, dass selbst bei fehlender Beinlängendifferenz ISG-Blockaden bestehen können, sodass bei entsprechenden Symptomen des Patienten verstärkt auf die weiteren Hinweise zu achten ist.
Im Zweifelsfall, wenn also eine gefundene Differenz nicht
sicher als „echt“ oder „scheinbar“ zuzuordnen ist, kann die
Beinlänge auch mit dem Maßband gemessen und mit der Gegenseite verglichen werden. Hierzu misst man von der Spina
iliaca anterior superior zum Innenknöchel der jeweiligen
Seite (› Abb. 2.8), wobei es sich von selbst versteht, dass die
Beine des Patienten durchgestreckt und die knöchernen Messpunkte exakt getroffen werden müssen. Ob der Innenknöchel
hierbei bei der beiderseitigen Messung jeweils mittig oder
mehr in seinem proximalen oder distalen Bereich gewählt
wird, ist unerheblich, da es nicht auf die absolute Beinlänge,
sondern auf den Vergleich zur Gegenseite ankommt.
Werden die Beine trotz Abweichung der Knöchel bei der
obigen Überprüfung mit dem Maßband als gleich lang gemessen, ist dies der Beweis für eine scheinbare Beinlängendifferenz und damit auch für die Ursache einer Beckenfehlstellung
bei ISG-Blockade. Diese Prüfung, so simpel sie erscheinen
mag, hat sich im Alltag als deutlich zuverlässiger und genauer
erwiesen als die üblichen Messungen mittels Röntgenbild oder
einseitigem Unterlegen von Distanzscheiben am stehenden Patienten, wie dies meist üblich ist.
Prüfung nach Derbolowski
Eine Variante der Überprüfung besteht im Erkennen einer variablen Beinlängendifferenz nach Derbolowski. Hierbei liegt der
Patient in Rückenlage wie beim Innenknöchelvergleich beschrieben. Der Untersucher umfasst die Sprunggelenke des Patienten, wobei die Daumen auf den Innenknöcheln zu liegen kommen, und fordert den Patienten anschließend auf, sich unter
Zuhilfenahme seiner Hände bzw. Arme zum Sitzen aufzurichten.
Dies sollte zur Verifizierung mehrfach wiederholt werden.
Beim Vorliegen einer ISG-Blockade wird beim Aufrichten
des Patienten das eine Bein deutlich tiefer treten als das Bein
der Gegenseite, wobei analog zur entstehenden Differenz auch
das Maß der vorliegenden Beckenfehlstellung erkannt wird.
Beckenschiefstand
Ergänzend zur Feststellung einer Beinlängendifferenz, und
ganz besonders für diejenigen Fälle geeignet, bei denen trotz
deutlichem Hinweis auf eine ISG-Blockade keine Differenz zu
erkennen ist, kann das Becken selbst beurteilt werden. Sehr
viel genauer als am stehenden Patienten, bei dem man die
Hände vergleichend auf die beiden Cristae iliacae legen kann,
ist die Beurteilung am liegenden Patienten: Hierzu werden im
Seitenvergleich die vorderen oberen Darmbeinstachel verwendet, indem der Therapeut seine beiden Daumen flächig und
streng horizontal und mit den Daumenkuppen auf den Spinae
auflegt und die Höhe im Seitenvergleich überprüft. Idealerweise sollten sich die Augen des Untersuchers über dem Patientenbecken befinden. Der Bauchnabel des Patienten dient als
Bezugspunkt, wodurch nun selbst minimale Abweichungen in
der Höhenlokalisation der beiden Daumen und damit auch der
beiden Spinae iliacae erkennbar werden.
Anfänger haben häufig Probleme beim Auffinden der beiden Spinae, wodurch die Untersuchung ungenau wird und
nicht mehr verwertet werden kann. Man sollte daher im Kreis
der Kollegen oder der Familie die notwendige Sicherheit erlangt haben, bevor man bei seinen Patienten Fehldiagnosen
stellt: Beim Aufsuchen und Entlanggleiten auf der Crista iliaca nach vorne gelangt der palpierende Finger schließlich zu
einem knöchernen Vorsprung, an dem aus dem horizontalen
Abb. 2.8 Beinlängenmessung von der Spina iliaca anterior superior zum
Innenknöchel. [60]
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 109
Bewegungsablauf heraus ein Abkippen in die Vertikale stattfindet. Gleitet man mit dem Finger mehrmals über diesen
Punkt nach unten und wieder zurück in die Horizontale,
kann man schließlich die Spina millimetergenau definieren.
Solange dies nicht beiderseits exakt gelingt, und die beiden
Daumen zugleich flächig und horizontal auf dem Patienten
aufliegen, ist die Untersuchung nicht genau genug.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Im Alltag geht es darum, mit minimalem Zeitaufwand zuverlässig zu
einer Diagnose zu kommen. Die verschiedenen Untersuchungen werden daher in ihrer Summe mit wachsender Erfahrung weitgehend
überflüssig. Als wichtigste Instrumente auf dem Weg zu einer sicheren Diagnose haben sich mir die Überprüfung von Differenzen der
Beine (Innenknöchel) und des Beckens (Spinae) bewährt, ergänzt
durch die Palpation von Blase 2. Dies ist, sobald der Patient auf
der Liege liegt, in 2 Minuten durchzuführen mit dem entscheidenden
Vorteil, dass er nun für die sich (hoffentlich) anschließende Therapie
nur noch auf die Seite gedreht zu werden braucht.
Differenzialdiagnose Sakroileitis
Ausstrahlende Schmerzen oder morgendliche Steifigkeit können auch von einer Sakroileitis herrühren, die deshalb zumindest bei jungen Männern vorsorglich ausgeschlossen werden
sollte, bevor man sich der Diagnose einer Blockade zu sicher
ist. Immerhin gibt es in Deutschland rund 1 Million Bechterew-Patienten. Abgesehen von den weiteren Symptomen des
Patienten, die zur Diagnose führen können, steht für eine
schnelle Abgrenzung das Zeichen nach Mennell zur Verfügung: Der Therapeut drückt in Rückenlage des Patienten auf
dessen beide Darmbeinschaufeln, wobei dieses „Drücken“ eher
als ein mit großer Kraft durchgeführtes Daraufstemmen zu interpretieren ist, weil andernfalls wegen des gewaltigen Bandapparates des ISG keine Scherwirkung erzielt werden kann. Bei
entzündlich ein- oder beidseitig gereizten Iliosakralgelenken
entstehen dabei Schmerzen, während dies bei der Blockade
nicht möglich ist. Alternativ und eigentlich überflüssig wird
das Zeichen auch so angegeben, dass der Patient auf der Seite
liegt und der Therapeut die Scherwirkung dadurch bewirkt,
dass er das oben liegende Patientenbein überstreckt.
Entstehen beim Zeichen nach Mennell Schmerzen, lässt sich
die Entzündung durch eine nachfolgende Röntgenaufnahme
verifizieren. Patienten mit ISG-Blockade, die gerne darauf bestehen, dass bei eventuell vorausgegangenen radiologischen
Abklärungen alles in Ordnung gewesen sei, sollten darüber
aufgeklärt werden, dass Blockaden damit nicht nachgewiesen
werden können.
2.3.5 Kniegelenk
Am Kniegelenk gibt es zahlreiche Strukturen, die potenziell geschädigt werden können. Besonders häufig betrifft ein Trauma
die Menisci oder den Bandapparat. Nicht jeder Defekt lässt sich
klinisch unmittelbar zuordnen. Die aussagekräftigste apparative Untersuchungsmöglichkeit besteht dann in der MRT. Teilweise ist man aber auch auf eine Arthroskopie angewiesen.
Dies gilt natürlich besonders für die Fälle, bei denen man die
endoskopische Inspektion der Strukturen mit operativen Eingriffen kombinieren möchte.
Meniskus
Die Untersuchung der Menisci erfolgt durch das SteinmannZeichen. Dabei wird der Unterschenkel des liegenden Patienten bei rechtwinklig angebeugtem Kniegelenk gegen den Oberschenkel nach innen und außen rotiert (nicht ad- bzw. abduziert) (› Abb. 2.9). Bei einer Schädigung des Innenmeniskus
ist die Außenrotation schmerzhaft, bei der (seltenen) Außenmeniskusschädigung die Innenrotation (sog. Steinmann I).
Als Steinmann II bezeichnet man das Wandern des maximalen Druckschmerzes von vorne nach hinten in Richtung Kniekehle, wenn das Kniegelenk aus der Streckung heraus angebeugt wird (› Abb. 2.9).
Die Rotation des Unterschenkels gegen den Oberschenkel
kann alternativ auch am auf dem Bauch liegenden Patienten
durchgeführt werden.
Seitenbänder
Die Untersuchung der Seitenbänder bei Verdacht auf Riss oder
Überdehnung erfolgt am liegenden Patienten bei minimal (etwa 5°) angebeugtem Unterschenkel. Durch kräftige Abduktion des Unterschenkels gegen den Oberschenkel überprüft man
die Stabilität des Innenbandes (› Abb. 2.10), durch die Adduktion diejenige des Außenbandes. Bei einer Bandüberdehnung kommt es zu Schmerzen, bei einem Abriss entsteht eine
erkennbare Aufklappbarkeit des Gelenks. Schmerzen entstehen in diesem Fall nicht, weil etwas, das nicht mehr da ist, auch
nicht schmerzen kann.
Bei Innenmeniskusschaden und Außenrotation des
gebeugten Knies:
Schmerz am
medialen Gelenkspalt
Wandern des Gelenkdruckschmerzes von
vorne nach hinten bei
zunehmender
Kniebeugung
Bei Außenmeniskusschaden und Innenrotation: Schmerz
am lateralen
Gelenkspalt
Steinmann I Steinmann II
Abb. 2.9 Steinmann-Zeichen [39]
110 2 Untersuchung
Die Untersuchung der Seitenbänder fällt dem Anfänger erfahrungsgemäß besonders schwer, weil der Oberschenkel meist
nicht ausreichend fixiert wird und deshalb bei den versuchten
Bewegungen des Unterschenkels scheinbare Bewegungen zustande kommen. Mehrheitlich wird die Abduktions- bzw.
Adduktionsbewegung auch vor lauter Angst, man könnte dem
Patienten Schmerzen bereiten, mit viel zu geringer Kraft
durchgeführt. Damit wird diese Untersuchung jedoch wertlos.
Es ist also zunächst von großer Bedeutung, mit der Hand, deren Finger über die Kniekehle eine geringe Anbeugung erzwingen, gleichzeitig den distalen Oberschenkel im Bereich seiner
Epikondylen zuverlässig zu fixieren, um dem Druck der kontralateralen Hand am distalen Unterschenkel bzw. am Sprunggelenk des Patienten standzuhalten. Gleichzeitig ist streng darauf zu achten, dass das Bein im Hüftgelenk ohne jegliche Rotation gerade gehalten wird, denn bereits ein kleiner Rotationswinkel nach innen oder außen führt bei den Seitbewegungen
des Unterschenkels zu einer Rotationsverstärkung im Hüftgelenk, die dann irrtümlich als Bewegung im Kniegelenk gedeutet wird.
Liegt das Bein gerade und wird der Oberschenkel innenoder außenseitig zuverlässig fixiert, resultiert aus den mit großer Kraft ausgeführten Abduktions- bzw. Adduktionsversuchen
keinerlei erkennbare Beweglichkeit. Dagegen klappt es bei einem Abriss des Seitenbandes um etliche Winkelgrade auf, woraus hervorgeht, dass die übliche unerschütterliche Stabilität des
Kniegelenks weitgehend nur durch seinen kräftigen Bandapparat bewirkt wird.
A C H T U N G
Es versteht sich von selbst, dass man im Anschluss an ein akutes Trauma
diese wie jede weitere Untersuchung der Gelenkstrukturen zunächst mit
angemessener Zurückhaltung vornimmt. Hierbei kann es zunächst nur
darum gehen, auf irgendeine Art und Weise involvierte Strukturen u.a.
durch sorgfältige Palpation dingfest zu machen, bevor man bei fehlender Schmerzauslösung „mutiger“ wird und den Kraftaufwand erhöht.
Entstehen also im Beispiel bereits bei geringen Abduktions- oder Adduktionsversuchen Schmerzen im Bereich des untersuchten Seitenbandes, ist von einer Distorsion auszugehen und der Patient je nach möglichem Verletzungsumfang einer apparativen Diagnostik zuzuführen.
Kreuzbänder
Die beiden Kreuzbänder laufen von der Fossa intercondylaris
des Femur „über Kreuz“ zum Tuberculum intercondylare der
Tibia. Entsprechend den Seitenbändern tragen sie ganz entscheidend zur Stabilität im Kniegelenk bei.
Der Nachweis eines Kreuzbandrisses erfolgt durch das sog.
Schubladenphänomen: Lässt sich bei gebeugtem Unterschenkel (90°) der Tibiakopf von der Femurepiphyse weg nach vorne ziehen, liegt ein Riss des vorderen Kreuzbandes vor (vordere Schublade; › Abb. 2.11b; › Abb. 2.12); lässt er sich
nach hinten drücken, so ist das hintere Kreuzband gerissen
(hintere Schublade; › Abb. 2.11c).
Zur Untersuchung des vorderen Kreuzbandes legt der Therapeut seine gedoppelten Hände flach und mit der radialen
Handkante in die Kniekehle hinter den Tibiakopf
(› Abb. 2.12). Damit der 90°-Winkel im Kniegelenk erhalten
bleibt, sitzt der Therapeut idealerweise seitlich auf dem distalen
Fuß des Patienten. Der Zug nach vorn hat mit großer Kraft zu
erfolgen, weil der muskuläre Widerstand überwunden werden
muss, um zur Haltefunktion des Kreuzbandes zu gelangen.
Dies verursacht dem Patienten bei intaktem oder gerissenem
Kreuzband keinerlei Schmerzen. Ist das Kreuzband angerissen und damit nicht mehr in der Lage, seine Funktion zu erfüllen, könnte es anlässlich dieser Überprüfung theoretisch vollends durchreißen, doch wäre dies ohnehin passiert, sobald der
Patient in der Folge sein Kniegelenk wieder physiologisch belastet hätte.
Abb. 2.10 Untersuchung des medialen Seitenbandes. [54]
Femur Patella
Hinteres
Kreuzband
Vorderes
Tibia Kreuzband
a b c
Abb. 2.11 a Intakte Kreuzbänder. b Riss des
vorderen Kreuzbandes (→ vordere Schublade).
c Riss des hinteren Kreuzbandes (→ hintere Schublade).
2.3 Untersuchung spezifischer Strukturen 111
M E R K E
Ist man als Untersucher zu vorsichtig bzw. ängstlich, wird man weder
bei intaktem noch bei gerissenem Kreuzband irgendeine Art von Resultat erhalten und die Untersuchung wird wertlos.
Zur Untersuchung des hinteren Kreuzbandes steht der Therapeut seitlich neben dem in derselben Position wie zuvor liegenden Patienten. Während die eine Therapeutenhand nun den
Oberschenkel fixiert, übt die andere Hand über den Tibiakopf
einen möglichst großen Druck nach proximal aus. Sinngemäß
sollte der Therapeut versuchen, den Tibiakopf mit großer Kraft
gewissermaßen unter dem Oberschenkel hindurch nach proximal zu drücken. Ist das hintere Kreuzband gerissen, entsteht
bei dieser Untersuchung eine deutliche Beweglichkeit, eben die
„hintere Schublade“.
Kniegelenkserguss
Bei der Untersuchung des Kniegelenks liegt der Patient grundsätzlich auf dem Rücken, wobei die Beine gestreckt, gleichzeitig aber locker und möglichst ohne jede muskuläre Anspannung gelagert sein sollten, um die Untersuchung überhaupt
erst zu ermöglichen. Eine Untersuchung am stehenden Patienten ist deswegen sinnlos.
Bei einem umfangsvermehrten Kniegelenk kann die Ursache in den umgebenden Weichteilen zu suchen sein (z.B. Bursitis), aber auch die Gelenkhöhle selbst betreffen. Ist das Gelenk betroffen, kann die Anschwellung von einem blutigen,
eitrigen oder serösen Gelenkerguss herrühren, aber auch durch
die knöchernen Strukturen verursacht sein, z.B. bei einer fortgeschrittenen Gonarthrose oder einem Tumor. Man wird also
zunächst die Umgebung des Gelenks einschließlich Bursen,
Seitenbändern und Gelenkspalt palpieren, ergänzt durch vorsichtige Gelenkbewegungen unter aufgelegter Hand (arthrotische Krepitation?), um einen ersten Hinweis auf eine Beteiligung dieser Strukturen zu erhalten.
Befindet sich Flüssigkeit in der Gelenkhöhle, ist sie nicht nur
im Gelenkspalt zwischen Femur- und Tibiakondylen, sondern
gleichzeitig auch zwischen Femur und Patella, weil es sich um
einen einheitlichen Raum handelt. Dabei wird die Patella von
ihrem Lager auf dem distalen Femur abgehoben und schwimmt
nun gewissermaßen auf der Gelenkflüssigkeit. Während physiologischerweise beim Anpressen mit den Fingern umgehend
und ohne jedes Spiel der knöchern-knorpelige Widerstand ihrer femuralen Pfanne spürbar wird, lässt sie sich beim Gelenkerguss in die Flüssigkeit hineindrücken wie ein schwimmendes
Stück Holz ins Wasser (› Abb. 2.13). Lässt man das Holz bzw.
die Patella los, federn sie elastisch zurück. Erfolgt der Anpressdruck nicht genau mittig nach unten oder wird sie nicht durch
die Finger der anderen Hand fixiert, rutscht sie evtl. seitlich unter den Fingern weg. Dieses Spiel mit einer auf der Flüssigkeit
tanzenden Patella lässt sich beliebig wiederholen, weil es keinerlei Schmerzen verursacht. Manchmal wird empfohlen, die
Patella ruckartig gegen den Femur zu pressen, was nicht sinnvoll ist, denn den spürbaren Anschlag auf dem Femur hat man
bereits physiologisch bei fehlender Ergussbildung.
Bei einem sehr kleinen Gelenkerguss wird diese Untersuchung unsicher. Der Therapeut kann dann versuchen, durch
flächigen Druck mit der Hand direkt oberhalb der Patella im
Recessus suprapatellaris vorhandene Flüssigkeit nach distal
hinter die Patella zu verschieben. Nun wird eventuell ein geringgradiges „Tanzen“ der Patella möglich oder es entsteht
seitlich von ihr eine kleine, sicht- und tastbare, mit den Fingern verschiebliche Vorwölbung.
Die korrekte Diagnostik der Retropatellararthrose wird
unter › 4.2 besprochen.
Abb. 2.12 Schubladenphänomen: Untersuchung des vorderen Kreuzbandes (die radialen Handkanten sollten sich in der Kniekehle und nicht unterhalb davon befinden). [32]
Abb. 2.13 Tanzende Patella bei Kniegelenkserguss. [32]
112 2 Untersuchung
2.4 Spezielle Untersuchungen
2.4.1 Bandscheibenvorfall (›4.18)
Bandscheibenvorfälle entstehen meist in den Segmenten der
LWS einschließlich L5/S1. Den wesentlichen Hinweis erhält
man durch lumbale Schmerzen des Patienten, die einem bestimmten Dermatom bzw. Myotom zugeordnet bis zum Fuß
hinunterziehen. Begleitend ist es eventuell bereits zu Sensibilitätsstörungen oder sogar muskulären Lähmungen gekommen, erkennbar u. a. an abgeschwächten Reflexen (PSR oder
ASR; › Fach Neurologie).
Den entscheidenden Hinweis auf die Wurzelreizung erhält
man mit dem Zeichen nach Lasègue. Dabei liegt der Patient
mit gestreckten Beinen auf dem Rücken, während der Therapeut das Bein der betroffenen Seite vorsichtig nach oben führt
(› Abb. 2.14a). Sobald die Nervenwurzel in ihrem Zwischenwirbelloch mechanisch bedrängt wird, führt dies zur Schmerzauslösung bzw. -verstärkung. Daraus kann man ableiten, dass
der Zustand des Patienten sich desto ernsthafter darstellt, je
geringer der Beugewinkel im Hüftgelenk ist, bei dem bereits
Schmerzen auftreten.
Ein Herr Bragard meinte im vorigen Jahrhundert, ein
weiteres Zeichen kreieren zu sollen, indem er bei auftretenden Schmerzen zusätzlich den Patientenfuß nach dorsal
flektierte und den Schmerz dadurch weiter verstärkte
(› Abb. 2.14b). Dies ist allerdings aufgrund der zusätzlichen Nervendehnung folgerichtig und stellt nichts anderes
dar, als wenn man das Bein nach Lasègue ungeachtet der
ersten Schmerzensschreie von Seiten des Patienten noch
weiter anheben würde. Dies ist etwa so, als ob man versuchte, bei einer unklaren Fraktur durch Auslösen abnormer Beweglichkeit und Krepitation die Diagnose zu erhärten. Des
ungeachtet sind sowohl die Crepitatio als auch das BragardZeichen in der Medizin verankert und sollten für die Prüfung gelernt werden.
Man kann theoretisch in unklaren Fällen das Zeichen nach
Lasègue auch als sog. gekreuzten oder kontralateralen
Lasègue durchführen, indem man das gesunde Bein hebt, also
im Hüftgelenk beugt. Der erreichbare Winkel ist dabei natürlich ungleich größer, bis es dann (auf der betroffenen Seite)
schließlich doch zu Schmerzen kommt. Der gekreuzte Lasègue
wird auch als Moutard-Martin-Zeichen bezeichnet und ist eigentlich entbehrlich. Unter dem Minor-Zeichen versteht man
die Beobachtung, dass der Patient mit Ischiassyndrom beim
Aufstehen von der Liege überwiegend nur sein gesundes Bein
belastet.
M E R K E
Es sei daran erinnert, dass das Zeichen nach Lasègue zunächst für
einen Bandscheibenvorfall spricht, jedoch weitere mögliche Ursachen
vom Tumor bis hin zu Entzündungen in Frage kommen. Positiv wird
es auch bei einer Reizung der Hirnhäute, wobei dann allerdings die
weiteren Symptome zur klaren Abgrenzung führen.
2.4.2 Karpaltunnelsyndrom (›4.13)
Ein Karpaltunnelsyndrom kann durch Affektionen der HWS
verursacht sein, aber auch durch eine direkte Kompression
des N. medianus in seinem beugeseitigen Tunnel. In diesen
Fällen kann man durch direkten Druck bzw. eine zusätzliche
Einengung des Karpaltunnels Schmerzen auslösen bzw. vorhandene verstärken, daneben auch Sensibilitätsstörungen
erzeugen.
Die Untersuchung besteht also in einem Druck oder einem
Beklopfen der beugeseitigen Handwurzel. Alternativ kann man
durch eine maximal mögliche Flexion der Patientenhand über
1 Minute versuchen, Symptome auszulösen. Entstehen bei diesen Untersuchungen keine Beschwerden, ist von der ursächlichen Beteiligung der HWS auszugehen.
Hauptsächlich vom Karpaltunnelsyndrom betroffen sind die
durch den N. medianus versorgten Finger 1–3. Abgesehen von
der Inspektion und Überprüfung der Daumenmuskulatur
(Thenar) lässt sich die Funktionsfähigkeit der Flexoren nach
› Abb. 2.15 überprüfen.
2.4.3 Kahnbeinfraktur
Kahnbeinfrakturen des Handgelenks, isoliert oder begleitend
zu einer distalen Radiusfraktur, lassen sich radiologisch häufig
nicht auf Anhieb erkennen. Den relativ sichersten Hinweis bis
zu einer zweiten Röntgenaufnahme 1–2 Wochen später erhält
man durch die Schwellung und v. a. durch den ausgeprägten
b
a
Abb. 2.14 a Lasègue-Zeichen. b Bragard-Zeichen. [50]
2.4 Spezielle Untersuchungen 113
Druckschmerz über der Tabatiere („Schnupftabakgrübchen“),
weil sich das Kahnbein direkt unterhalb davon befindet.
Man findet die Tabatiere, wenn man den Patienten bittet,
den Daumen zu abduzieren und gleichzeitig ein wenig nach
oben (dorsal) zu führen, weil sich dabei direkt distal des
Proc. styloideus radii die dreieckige Vertiefung der Tabatiere
zwischen zwei Sehnen abzeichnet, die zum Daumen ziehen.
2.4.4 Muskelkraft und Muskeltonus
Eine grobe Abschätzung der Muskelkraft ist v. a. an den Extremitäten möglich, indem man den Patienten z.B. bittet, bestimmte Bewegungen auszuführen, die man dann mit den eigenen Händen zu unterbinden sucht. Auch ein möglichst kräftiger Händedruck durch den Patienten, am besten beiderseits,
vermittelt einen ersten Hinweis. Den Muskeltonus kann man
am möglichst entspannt liegenden oder sitzenden Patienten
abschätzen, wenn man seine Extremitäten in den großen Gelenken beugt bzw. streckt.
2.4.5 Röntgen
Knöcherne Strukturen lassen sich im Röntgenbild weit besser
erkennen als jede sonstige Struktur des menschlichen Körpers,
weil Röntgenstrahlen problemlos durch sämtliche Weichteilschichten dringen und lediglich von verkalkten Anteilen reflektiert werden, wodurch sich dieselben von ihrer Umgebung
abgrenzen lassen. Während z.B. umfangreiche Weichteile wenigstens schemenhaft zu erkennen, wenn auch nicht zu diagnostizieren sind, kann man feinere Strukturen wie Bänder oder
Gelenkknorpel gar nicht darstellen und beispielsweise Lymphknoten oder tuberkulöse Herde erst dann, wenn sie im Zuge
degenerativer Prozesse verkalkt sind. Röntgenaufnahmen sind
also bei unklaren Prozessen knöcherner Strukturen grundsätzlich 1. Wahl apparativer Untersuchungen, lediglich bei Bedarf
ergänzt durch weitergehende Maßnahmen wie CT, MRT oder
die Szintigraphie.
Die Sonographie ist für die Diagnostik knöcherner Strukturen nicht geeignet, weil Ultraschall Knochen nicht durchdringen kann. Dafür stellt sie auch im Bereich des Bewegungsapparats eine ideale Ergänzung zum Röntgenbild dar, weil Weichteile problemlos und fein aufgelöst zu erkennen sind. Dies gilt
bei modernen Geräten sogar für Band- oder Kapselstrukturen.
Ein Problem ergibt sich bei Weichteilprozessen, die hinter
knöchernen Strukturen liegen, wie z.B. im Bereich der Lunge,
gerade weil der Ultraschall die Rippen nicht zu durchdringen
vermag. Bei der Suche nach Lungenmetastasen würde man also zunächst eine Röntgenübersichtsaufnahme anfertigen. Liegt
eine Metastasierung vor und befinden sich einzelne Metastasen bereits in der Größenordnung eines Zentimeters, lassen sie
sich durch ihre abweichende Dichte gegenüber der Umgebung
auch im Röntgenbild erkennen, meist als sog. Rundherde. Andernfalls muss man auf das CT ausweichen. Entsprechendes
gilt für den Lungenhilus, an dem verbackene Lymphknotenpakete, wie sie v. a. bei Tuberkulose, Sarkoidose oder einem
Bronchialkarzinom entstehen können, erkennbar werden,
während man bei weniger voluminösen Prozessen auf das CT
oder sogar invasive Maßnahmen angewiesen ist. Bei einer Osteomyelitis lassen sich die Herde erst dann darstellen, wenn
sich knöcherne Strukturen aufgelöst haben. Bis dahin muss
man auf CT, Ultraschall oder die Szintigraphie ausweichen.
2.4.6 Arthroskopie
Arthroskopie bedeutet, dass man in ein Gelenk (Arthron) hineinschaut (skopein). Meist dient die Methode minimal-invasiven operativen Zwecken, da man sie dank der hervorragenden
Auflösung von Gelenkstrukturen im MRT nur noch selten zur
Diagnostik verwenden muss. Minimal-invasive Eingriffe bergen ein sehr viel geringeres Infektionsrisiko als offene Operationen und heilen deutlich schneller und komplikationsärmer,
Abb. 2.15 Prüfung der Beugesehnenfunktion. [47]
114 2 Untersuchung
sofern der Chirurg bzw. Orthopäde ausreichend Erfahrungen
sammeln konnte. Außerdem kann man die Methode meist in
Lokalanästhesie anwenden, sodass auch das Risiko der Intubationsnarkose entfällt.
Besonders häufig wird die Arthroskopie am Kniegelenk eingesetzt, weil es bei diesem Gelenk häufiger als an anderen großen Gelenken zu kleineren oder größeren Traumen bzw. degenerativen Veränderungen an Menisci, Band- oder Gelenkknorpelstrukturen kommt, die operativer Korrekturen bedürfen.
Der Eingriff erfolgt mittels mehrerer Stichinzisionen, durch die
Lichtquelle und benötigtes Instrumentarium eingeführt werden. Vor dem diagnostischen oder operativen Eingriff wird das
Gelenk mit Kohlendioxid bzw. (häufiger) Ringer-Lösung gefüllt, die dann auch als Spülflüssigkeit dienen kann.
Die wichtigsten Komplikationsmöglichkeiten bestehen in
irrtümlichen Verletzungen von Gelenkstrukturen und einer sekundären (bakteriellen) Infektion.
2.4.7 Elektromyographie
Mit dieser Untersuchungsmethode werden die elektrischen
Aktivitäten einzelner Muskeln und ihre eventuellen Abweichungen von der Norm erfasst. Während ein entspannter Muskel in der Regel keine Aktivitätsmuster zeigt, die mit der Elektromyographie (EMG) aufgezeichnet werden könnten, lassen
sich bei seiner willkürlichen Aktivierung typische Ableitungen
erhalten. Die Veränderung der physiologischen Ableitungen
zum einen bei Schädigungen des Muskels selbst und zum anderen bei nervalen Störungen können wiederum von denjenigen abgegrenzt werden, die z.B. bei einem Muskel erhalten
werden, der sich nach vorübergehender Schädigung in seiner
Regenerationsphase befindet. Typische Abweichungen von der
Norm sieht man neben vielen anderen bei Erkrankungen wie
Myasthenia gravis, Polymyositis oder einer Polyneuropathie.
Benutzt werden z.B. für die Messung von Leitgeschwindigkeiten Oberflächenelektroden über dem untersuchten Muskel.
Dies ist in etwa mit der Ableitung eines EKG vergleichbar, bei
dem ebenfalls Aktionspotenziale der Herzmuskulatur in ihrer
Richtung, Stärke und Regelmäßigkeit erfasst werden. Genauer
werden die erhaltenen Ergebnisse, wenn das EMG über eingestochene Nadeln abgeleitet wird.
Zusammenfassung
Untersuchung:
• Anamnese: Fragen nach lokalen Beschwerden und Allgemeinsymptomen; soziale und Familienanamnese nur bei
Bedarf
• Inspektion und Palpation: z.B. Gangbild, Gelenke (Rötung, Schwellung, Überwärmung), Schonhaltung, Schwingungen und Seitverbiegungen der Wirbelsäule (Patienten
nach vorne beugen lassen), Kopfbeweglichkeit, Beckenschiefstand, Beinachsen, Thoraxform, Konstitutionstyp
(Pykniker, Leptosome, Athlet) meist ohne Bedeutung
• Neutral-Null-Methode: Feststellung und Dokumentation
des Bewegungsumfangs eines Gelenkes
• apparative Diagnostik: Röntgen, Sonographie, Arthroskopie, EMG
• Untersuchung der Wirbelsäule:
– Schober-Zeichen: Messung der LWS-Beweglichkeit
– Zeichen nach Ott: Messung der BWS-Beweglichkeit
– knöcherner Druck- und Klopfschmerz
– paravertebrale Myogelosen
• Untersuchung des Schultergelenks:
– Überprüfung der Beweglichkeit
– Untersuchung der Supraspinatussehne
– Druckschmerz über knöchernen Bezugspunkten (z.B.
Korakoid)
– Suche nach Blockaden in HWS und oberer BWS
• Untersuchung des Hüftgelenks:
– Bewegungsumfang
– Rotationsbeweglichkeit
– Schmerzausstrahlung
– Watschelgang, Trendelenburg-Zeichen: Feststellung Beckenschiefstand, Beinlängendifferenz
• Untersuchung des Iliosakralgelenks:
– druckschmerzhafte Myogelose neben der Spina iliaca
posterior superior
– Blasenmeridian derb und verquollen
– Vorlaufphänomen
– Spine-Test
– Messung der Beinlänge mit Maßband, Vergleich Höhe
Innenknöchel, Prüfung nach Derbolowski: variable Beinlängendifferenz
– Vergleich Spina iliaca anterior superior zur Gegenseite:
Beckenschiefstand
– Mennell-Zeichen: Differenzialdiagnose Sakroileitis
• Untersuchung des Kniegelenks:
– Steinmann-Zeichen: Untersuchung der Menisci
– Ab- bzw. Adduktion des Unterschenkels gegen den Oberschenkel: Untersuchung der Seitenbänder
– Schubladenphänomen: Untersuchung der Kreuzbänder
– tanzende Patella: Kniegelenkserguss
• Untersuchung auf Bandscheibenvorfall:
– Schmerzen
– Sensibilitätsstörungen
– muskuläre Schwäche
– abgeschwächte Reflexe
– Lasègue-Zeichen, Bragard-Zeichen (nur bis zur Prüfung)
• Untersuchung auf Karpaltunnelsyndrom:
– Druckschmerz der beugeseitigen Handwurzel
– Untersuchung der Daumenmuskulatur (Thenar)
– Sensibilitätsstörungen, Schmerzen
• Untersuchung auf Kahnbeinfraktur: Druckschmerz über
der Tabatiere
Chirotherapie
H I N W E I S P R Ü F U N G
Die Chirotherapie bzw. Chiropraktik gehört nicht zu den für den angehenden Heilpraktiker prüfungsrelevanten Fächern.
Die folgenden Ausführungen erheben deshalb auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Angestrebt wird ein gewisses
Grundverständnis für diese ungemein wertvolle Therapieform,
ergänzt durch Hinweise auf alltägliche, besonders häufige
Krankheitssymptome, die überwiegend oder ausschließlich
durch Blockaden der Wirbelsäule verursacht werden. Sofern
diese Zusammenhänge übersehen werden, gibt es dafür keine
alternative Heilmethode. Auf eine Beschreibung der Therapie
wird an dieser Stelle trotzdem verzichtet: Niemand erlernt chirotherapeutische Manipulationen ohne „lebendes Modell“ und
ohne Unterweisung und Kontrolle durch einen erfahrenen
Chirotherapeuten.
Chirotherapie bedeutet, aus dem Griechischen übersetzt, eine Therapie, die mit den Händen ausgeführt wird (Cheir, cheiros = Hand). Synonym wird auch das Wort Chiropraktik benutzt, das in den USA entstand. Parallel entwickelte sich in den
USA die verwandte Therapieform der Osteopathie. International bezeichnet man diese Therapien zumeist als manuelle Medizin, wobei Manus im Lateinischen ebenfalls Hand bedeutet.
Neuerdings ist es üblich, die weichen Techniken der Mobilisation, die z.B. auch von Physiotherapeuten durchgeführt werden, als manuelle Therapie zu bezeichnen, während die Impulstechniken der Manipulation Ärzten und Heilpraktikern
vorbehalten bleiben und eher mit den Begriffen Chirotherapie
oder Chiropraktik belegt werden.
3.1 Theoretische Grundlagen
3.1.1 Historisches
Die Chirotherapie ist eine sehr alte Heilkunst, die zu allen Zeiten und bei den verschiedensten Völkern eingesetzt wurde –
dokumentiert bereits im Jahre 3.000 v. Chr. Überall gab es
Kundige, die in der Lage waren, durch Handgriffe Beschwerden an Wirbelsäule und Gliedmaßen zu lindern oder zu beseitigen.
Auf eine breitere Basis gestellt wurde die Heilmethode
dann vor gut 100 Jahren, als in den USA zwei unterschiedliche Schulen entstanden: 1894 gründete der amerikanische
Arzt Still eine Schule, als Vorreiter einer ganzen Reihe spezialisierter, staatlich anerkannter Universitäten, deren Absolventen den Titel eines Doktors der Osteopathie erhielten.
Nur ein Jahr später entstand dann durch den kanado-ameri3
3.1 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.1.1 Historisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.1.2 Aufgaben der Chirotherapie . . . . . . . . . . . . . . 116
3.1.3 Folgen von Gelenkblockaden . . . . . . . . . . . . . . 116
3.1.4 Abgrenzung gegenüber Arthrosen . . . . . . . . . . 118
3.1.5 Wirbelsäulengelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
3.1.6 Radikuläre und pseudoradikuläre Syndrome . . 119
3.1.7 Blockaden der Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.1.8 Folgen von Manipulationen . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.2 Chirodiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
3.2.1 Hautfaltentechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.2.2 Weitere Untersuchungsmöglichkeiten . . . . . . . 121
3.3 Indikationen und Kontraindikationen . . . . 122
3.3.1 Absolute Kontraindikationen . . . . . . . . . . . . . . 122
3.3.2 Relative Kontraindikationen . . . . . . . . . . . . . . 122
3.3.3 Ursachen von Blockaden und ihren Rezidiven . . 123
3.4 Blockaden der Wirbelsäule
und ihre Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.4.1 C1 (Atlas) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.4.2 C2 (Axis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.3 C4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.4 C5–C7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.5 Weitere Auswirkungen von
HWS-Blockaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
3.4.6 Th1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.7 Th3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.8 Th6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.9 Th9 und Th11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.10 L2 und L4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
3.4.11 CT3, CT5 und CT7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.4.12 Iliosakralgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.4.13 Sternoklavikulargelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
KAPITEL
116 3 Chirotherapie
kanischen Gemischtwarenhändler Palmer die erste Schule
der Chiropraktik.
In Deutschland wurde die Methode erst nach dem 2. Weltkrieg allmählich publik, als sich zunehmend Chiropraktiker
und Osteopathen nach dem Heilpraktikergesetz niederließen.
Erst hierdurch wurden vereinzelt auch Ärzte auf die enormen
Möglichkeiten dieser Therapieform aufmerksam. 1953 wurden unabhängig voneinander zwei große ärztliche Gesellschaften gegründet, die sich 1966 zur Deutschen Gesellschaft für
Manuelle Medizin zusammenschlossen. Auf eine wissenschaftliche Basis gestellt wurde die Methode im deutschsprachigen Raum in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts
hauptsächlich durch Tilscher und Eder. Seit den 90er-Jahren
gehört die Chirotherapie zu den Pflichtfächern der deutschen
Orthopäden.
3.1.2 Aufgaben der Chirotherapie
Die Aufgabe der Chirotherapie besteht in erster Linie darin,
ein blockiertes Gelenk als solches zu erkennen und durch
eine gezielte Manipulation zu deblockieren, d. h. ihm seinen ursprünglichen und physiologischen Bewegungsspielraum wiederzugeben. Ist dies nicht möglich, wird durch die
Mobilisation versucht, dieses Ziel wenigstens annähernd zu
erreichen.
Blockierung bedeutet Bewegungseinschränkung. Das Gelenk ist in sich verdreht bzw. verkantet und kann so nicht mehr
seinen gesamten Freiraum nutzen. Aus der im Idealfall gleichmäßigen Druckverteilung zwischen den artikulierenden Gelenkflächen mit gleichmäßig breitem Gelenkspalt entsteht eine
(geringfügige, im Röntgenbild nicht erkennbare) Achsabweichung mit punktueller Druckerhöhung, die auch als wesentliche Ursache einer Arthrose anzusehen ist. Tatsächlich ist ein
chronisch blockiertes Gelenk ganz abgesehen von dem Beschwerdebild, das es verursachen kann, geradezu prädestiniert,
arthrotisch zu degenerieren.
M E R K E
Die Störung des Gelenkspiels, bezogen auf die Blockierung, ist stets
als funktionell und reversibel anzusehen, beinhaltet also keinerlei anatomisch fassbare Veränderungen. Sie hat demnach auch
nichts mit einer Subluxation zu tun, von der man früher ausging.
Man könnte diese Störung der freien Gleitvorgänge in einem
Gelenk mit dem Klemmen einer alten Holzschublade vergleichen, die oft in einer Richtung noch gut verschiebbar ist, während sie beim Bewegen in die andere Richtung zunehmend
schwerer geht, bis sie festsitzt. Entsprechend hat auch ein blockiertes Gelenk eine freie Richtung, die unbehinderte und
schmerzfreie Bewegungen zulässt, und eine oder mehrere gesperrte Richtungen, die nur noch einen Teil der ursprünglichen Bewegung erlauben und ab einem gewissen Bewegungsausmaß auch zunehmend Schmerzen bereiten.
M E R K E
Die chirotherapeutische Manipulation erfolgt ausnahmslos in die
freie Richtung.
3.1.3 Folgen von Gelenkblockaden
Ein von seiner Umgebung isoliertes und unabhängiges Gelenk
gibt es nicht. Jede seiner Strukturen wie auch diejenigen seiner
Umgebung sind mit Nerven und Rezeptoren ausgestattet, die
bereits die geringste Fehlstellung weitermelden und damit eine
Antwort auf der Ebene des zugehörigen Segments in Rückenmark oder sogar Gehirn induzieren.
Rezeptoren befinden sich in den Sehnen und Muskeln, die
das entsprechende Gelenk bewegen, ebenso wie in den zugehörigen Dermatomen von Haut und Unterhaut (› Abb. 3.1). In
der Synovialmembran der Gelenkkapseln finden sich zahlreiche Nervenfaserenden. Dasselbe gilt für zahlreiche Bänder und
weitere Strukturen, z.B. auch für die Längsbänder oder Zwischenwirbelscheiben der Wirbelsäule, die Fehlstellungen der
Wirbelkörper zueinander, mechanische Irritationen oder
Schmerzen weiterleiten.
Eine, wenn auch geringe Achsenfehlstellung in einem blockierten Gelenk bewirkt eine Störung im Gleichgewicht der
Agonisten zu ihren Antagonisten. Der eine Muskel ist in der
neuen Mittenstellung des Gelenks etwas länger als zuvor – er
ist überdehnt. Der Antagonist ist verkürzt. Gleichzeitig findet
in jedem gedehnten Muskel eine darauf folgende Kontraktion
statt. Dies kann man sich folgendermaßen vorstellen: Die Dehnung eines Muskels führt zu einer Erregung seiner Muskel-,
eventuell auch Sehnenspindeln (den Propriozeptoren), die dies
umgehend über Nerven, die ins Hinterhorn des Rückenmarks
eintreten, weitermelden. Auch die Nozizeptoren der Gelenkumgebung projizieren ins Hinterhorn. Hier erfolgt eine Umschaltung auf drei verschiedenen Wegen (› Abb. 3.1):
• Der 1. Weg führt über das Seitenhorn zu sympathischen
(vegetativen) Nervenzellen, die diese Impulse an Blutgefäße und innere Organe weiterleiten und demnach hier zu
Störungen bzw. Veränderungen führen können. Durchblutungsstörungen durch Engstellung der Arteriolen betreffen
auch das perikapilläre Bindegewebe, sodass in den beteiligten Dermatomen nicht nur Temperaturminderungen,
sondern auch Verquellungen des Gewebes getastet werden
können, verstärkt durch die an der Schmerzauslösung beteiligten Mediatoren wie Prostaglandine und Kinine. Über
den Grenzstrang des Sympathikus wird das zunächst lokale
Geschehen sehr viel breiter abgebildet und bezieht weitere
Dermatome, Myotome sowie innere Organe mit ein.
• Der 2. Weg führt über die Vorderseitenstrangbahn direkt
zu Hirnstamm (mit Thalamus und limbischem System)
und Großhirn, informiert dort also über das periphere Geschehen bzw. löst bei stärkeren Reizen oder bei einer Summation aus mehreren Reizen Schmerzen aus.
• Der 3. Weg schließlich führt über das motorische Vorderhorn direkt zu den Muskelfasern des gedehnten Muskels und
3.1 Theoretische Grundlagen 117
graue Substanz des
Rückenmarks
Organ,
z.B. Pankreas
Haut (oder
auch Muskel)
Hinterwurzel
(afferent)
Spinalganglion
Spinalnerv
Grenzstrangganglion
Vorderwurzel
(motorisch)
Abb. 3.1 Verschaltungen zwischen Dermatom
bzw. Myotom, inneren Organen und sensiblen sowie sympathischen Nerven.
Abb. 3.2 Muskelspindel mit Afferenzen und Efferenzen. [18]
118 3 Chirotherapie
bringt dieselben zur Kontraktion. Ein Muskeleigenreflex verläuft auf diesem Weg. Wenn hierbei durch einen Schlag auf
die Ansatz- oder Ursprungssehne dieselbe mitsamt ihrem
Muskel abrupt überdehnt wird, folgt über das motorische
Vorderhorn postwendend der Befehl an diesen Muskel, sich
zu kontrahieren. Wir erkennen dies dann an der entstehenden Reflexzuckung (› Abb. 3.2). Der nächste Schlag mit
dem Gummihammer bewirkt die nächste Kontraktion usw.
Die chronische Überdehnung eines Muskels führt also gewissermaßen zu „chronischen Reflexzuckungen“ geringeren
Ausmaßes, genauer zu einer chronischen Tonussteigerung
(Verhärtung bzw. Verquellung = Myogelose) dieses Muskels.
Es führt also jede Blockierung eines Gelenks zur Kontraktion
und damit auch palpatorisch erkennbaren Myogelose eines
oder mehrerer zugehöriger Muskeln. Je nach Intensität und
Dauer, mit der Propriozeptoren und Nozizeptoren ihre Salven
zum Hinterhorn des Rückenmarks feuern, bleibt der ans Großhirn weitergeleitete Schmerz gerade noch unterschwellig oder
er wird wahrgenommen, und bleiben die Auswirkungen auf
innere Organe noch aus oder eben nicht mehr. Darüber hinaus
bleibt auch der Dauerzug eines kontrahierten Muskels an seinen Sehnen oft nicht ohne Folgen – es kommt zur Sehnenreizung (Tendinitis) bzw. Reizung des Sehneninsertionsbereichs
(Periostitis) oder auch der zugehörigen Sehnenscheiden (Tendovaginitis) oder Schleimbeutel (Bursitis).
3.1.4 Abgrenzung gegenüber Arthrosen
Ein blockiertes Gelenk hat an seinem Gelenkknorpel und subchondralen Knochen keine gleichmäßige Druckverteilung
mehr. Es ist punktuell überlastet. Damit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Entstehung einer späteren Arthrose
erfüllt.
Ist erst einmal eine Arthrose aus diesem oder einem anderen
Grund entstanden, findet man durch die resultierende Destruktion und Fehlstellung der Gelenke dieselben Gesetzmäßigkeiten hinsichtlich der Auswirkung auf einen Hypertonus
(Verspannung) einzelner Muskeln und weiteren Folgen bis hin
zur Störung innerer Organe, wie man dies bei reinen Blockaden beobachtet. Die Unterscheidung gelingt durch die Untersuchung des Gelenks, das bei einer Arthrose immer pathologisch verändert ist. Hingegen ist bei der Gelenkblockade nicht
das Gelenk verändert, sondern lediglich seine Funktion
gestört.
Selbstverständlich ist eine Arthrose keine Indikation für eine chirotherapeutische Manipulation. Das betroffene Gelenk
ist allerdings im Rahmen einer Krankengymnastik einer chirotherapeutischen Mobilisation zugänglich, die z.B. aus einer
Traktion unter gleichzeitiger Durchbewegung bestehen kann.
Nur hierbei darf dann auch einmal vorsichtig in die gesperrte
Richtung gearbeitet werden. Es ist durch derartige Techniken
z.B. möglich, die besonders empfindlichen und leicht schrumpfenden Gelenkkapseln an Schulter und teilweise auch Hüfte
wieder so aufzudehnen, dass deren zusätzliche Spannung auf
das entsprechende Gelenk wesentlich vermindert und ein Teil
des Schmerzes beseitigt sowie seine Beweglichkeit gebessert
wird. Gleichzeitig bessert sich dabei auch die Gleitfähigkeit der
Gelenkflächen. Man kann dem Patienten damit manchmal eine drohende Operation ersparen oder zumindest weit hinausschieben.
Natürlich kann auch ein arthrotisch verändertes Gelenk zusätzlich blockieren. Zumeist wird es sogar blockiert, also verkantet sein, sonst hätte es nicht arthrotisch zu werden brauchen. In diesem Fall kann die chirotherapeutische Manipulation, soweit sie mit aller Vorsicht noch durchführbar ist, den
Teil des Schmerzes nehmen, der blockierungsbedingt ist, und
gleichzeitig den weiteren Fortgang der Arthrose mindern bzw.
beenden.
3.1.5 Wirbelsäulengelenke
An der Wirbelsäule gibt es zwei unterschiedliche Gelenke: Zum
einen die Intervertebralgelenke zwischen den Wirbelbögen
zweier benachbarter Wirbel und zum anderen im BWS-Bereich
die Gelenke zwischen Wirbelkörper bzw. Wirbelbogen und zugehöriger Rippe. Beide Gelenkarten können blockieren. Die
Auswirkungen sind häufig weit größer und auch sehr viel komplexer und unübersichtlicher als bei peripheren Blockaden.
M E R K E
Die Gelenke der Wirbelsäule blockieren nicht in gleicher Häufigkeit.
Besonders häufig betroffen sind die folgenden Gelenke:
• Intervertebralgelenke C1, C2, C4, C5, C6, Th1, Th3, Th6,
Th9, Th11, L2 und L4
• Rippenwirbelgelenke (Kostotransversal- bzw. Kostovertebralgelenke) CT1, CT3, CT5 und CT7
• Außergewöhnlich häufig, beinahe regelhaft betroffen sind
die Kreuzdarmbeingelenke (Iliosakralgelenke = ISG) sowie
deutlich seltener auch die Sternoklavikulargelenke, an denen der gesamte Schultergürtel angehängt ist.
Nur diese Gelenke werden in ihren Auswirkungen besprochen.
Die restlichen blockieren eher selten und/oder haben in ihren
Auswirkungen keine vergleichbare Bedeutung.
Jedes der benannten Gelenke hat eine „eigene Geschichte“.
Jedes verursacht Symptome und Beschwerden nicht nur an Ort
und Stelle, sondern auch weitab davon. Innere Organe werden
in teilweise erheblichem Ausmaß in ihren Funktionen gestört
oder scheinen in anderen Fällen durch dorthin ausstrahlende
Schmerzen betroffen. Viele Organstörungen können nur aus
der genauen Kenntnis dieser Fernwirkungen blockierter Wirbelsäulengelenke heraus verstanden und zugeordnet werden.
Es ist immer wieder von Neuem beglückend, wie teilweise seit
Jahren bestehende und die Lebensqualität des Patienten beeinträchtigende Beschwerden mittels korrekter Zuordnung zu einem bestimmten Gelenk und nachfolgender manualtherapeutischer Manipulation innerhalb von Sekunden zum Verschwinden gebracht werden können.
3.1 Theoretische Grundlagen 119
3.1.6 Radikuläre und pseudoradikuläre
Syndrome
Man unterscheidet an Stamm und Extremitäten grundsätzlich
zwischen radikulären und pseudoradikulären Syndromen. Radix heißt Wurzel.
Das radikuläre Syndrom resultiert aus einer Irritation der
Nervenwurzel, also des peripheren Nerven an seinem Austritt
aus dem Wirbelkanal am Foramen intervertebrale. Es findet
sich demgemäß eine Störung im Verlauf eines definierten peripheren Nerven. Umschriebene Störungen eines definierten
Nervensegments resultieren im Allgemeinen aus einer entzündlichen oder mechanischen Schädigung des zugehörigen
Rückenmarksnerven, seiner zerebral liegenden Nervenzellen
oder auch der motorischen Nervenzellen im Vorderhorn bzw.
deren Fortsätzen (Axone), die dann z.B. durch einen Bandscheibenvorfall im Bereich des Foramen intervertebrale mechanisch geschädigt werden. Zu einem radikulären Schmerz
gehören also nicht nur eine segmentale Zuordnung zu einem
bestimmten Nerven und dessen Ausbreitungsgebiet einschließlich des zugehörigen Dermatoms, sondern häufig auch
motorische und/oder sensible Ausfallerscheinungen – zumindest bei längerem Bestehen der mechanischen oder entzündlichen Noxe (verursachenden Schädigung).
Demgegenüber ist ein pseudoradikuläres Syndrom scheinbar keineswegs so klar definiert und zuordnungsfähig, da das
Geschehen nicht einem bestimmten Nerven, sondern den Gesamtstrukturen eines Gelenks samt seiner weiteren Umgebung, den vegetativen Verschaltungen sowie dem zugehörigen
Meridian zugerechnet werden muss. Es hat also nur scheinbar
mit einer Nervenirritation zu tun, lässt sich aber niemals genau
dem Ausbreitungsgebiet eines definierten Nerven zuordnen,
da es mit einem solchen eben nichts zu tun hat. Dementsprechend gibt es hier auch keine sensiblen oder motorischen Ausfallserscheinungen. Ein pseudoradikuläres Syndrom ist also
das Ergebnis einer oder mehrerer Gelenkblockaden und damit
prädestiniert für eine Behandlung durch die Chirotherapie.
Als Beispiel seien die Reizung des Ischiasnerven und die Blockade eines Iliosakralgelenks einander gegenübergestellt.
Ischialgie versus ISG-Blockade
Die mechanische Reizung des Ischiasnerven bei seinem
Durchtritt durch das Foramen intervertebrale infolge eines
Bandscheibenvorfalls bewirkt einen durchgängigen Schmerz
in allen oder einem Teil derjenigen Strukturen, die von dem
Nerven versorgt werden, also mit Ausstrahlung zumeist bis in
den Fuß. Gleichzeitig können je nach Ausprägung des Vorfalls
auch sensible Anteile des Ischiasnerven geschädigt werden,
worauf wiederum nur in dem versorgten Gebiet oder in Teilen
hiervon Sensibilitätsstörungen auftreten, die durch eine neurologische Untersuchung nachweisbar werden. Dasselbe gilt
für motorische Defekte einschließlich einer erkennbaren Seitendifferenz der Reflexe am Bein.
Positiv ist auch das Zeichen nach Lasègue, bei dessen Prüfung das aus dem Liegen passiv zunehmend im Hüftgelenk gebeugte Bein dadurch Schmerzen bereitet, dass die Irritation
des Nerven im Bereich des Zwischenwirbellochs weiter zunimmt. Bereits Husten oder Niesen, also eine Erschütterung
des Körpers oder auch Betätigung der Bauchpresse genügen
häufig, um den Schmerz eines Bandscheibenvorfalls zu verstärken.
M E R K E
Die Irritation des Ischiasnerven verursacht Störungen exakt in dem
Bereich, die von den einzelnen Nervenfasern, aus denen er zusammengesetzt ist, motorisch und/oder sensibel versorgt werden. Typisch
für eine solche radikuläre Störung ist die Schmerzzunahme bei
Belastung und deren Nachlassen in der Ruhe.
Bei einer Gelenkblockade mit ihrer punktuellen Überlastung
wird dagegen der Schmerz im allgemeinen durch Bewegung
gebessert, weil das „Verhaken“ der Gelenkflächen hierbei
nicht mehr so ausgeprägt ist wie in der Ruhe. Typisch für die
Blockade des ISG ist der im Liegen oder nach längerem Sitzen
auftretende Schmerz, der nach einigen Minuten der Bewegung
wieder nachlässt. Die betroffenen Patienten berichten häufig
von nächtlichen oder frühmorgendlichen Rückenschmerzen,
die sie aus dem Bett treiben und zum Umhergehen zwingen,
woraufhin es dann für die nächsten Stunden wieder leichter
wird. Das erinnert an die Symptomatik des Bechterew-Patienten, bei dem die Iliosakralgelenke nicht blockiert, sondern entzündet sind. Die Abgrenzung erfolgt durch das Zeichen nach
Mennell sowie das Röntgenbild, auf dem die Sakroileitis erkennbar wird, nicht jedoch die Blockade.
Der auftretende Schmerz ist niemals so scharf umschrieben
wie beim Nervenschmerz, sondern eher diffus auf größere Bereiche verteilt. Er zieht auch niemals bis in den Unterschenkel
oder gar Fuß, sondern ist auf die Bereiche Rücken, Gesäß, evtl.
Leiste und Oberschenkel begrenzt.
Das Zeichen nach Lasègue ist negativ. Es kann hierbei lediglich bei stärkerer Beugung zu einer geringen Schmerzverstärkung kommen, die durch Gelenkreizungen, Bewegungen in die
gesperrte Richtung oder auch Anspannungen bereits hypertoner Muskeln ausgelöst wird und nicht mit dem massiven Nervenschmerz einer Wurzelirritation verwechselt werden kann.
Die Bauchpresse verursacht keine Verschlimmerung. Es gibt
keine Störungen der Sensibilität oder der Motorik, also z.B.
Reflexdifferenzen zwischen rechter und linker Seite wie beim
fortgeschrittenen Bandscheibenvorfall.
3.1.7 Blockaden der Wirbelsäule
Die Blockade eines peripheren Gelenks stellt ein komplexes
Geschehen dar, in das verschiedene Strukturen einschließlich
der Rezeptoren und freien Nervenendungen in Haut und Gelenkkapsel eingebunden sind. Bei Blockaden der intervertebralen und kostotransversalen Gelenke nimmt die Komplexität
120 3 Chirotherapie
noch weiter zu – oftmals in einem Ausmaß, dass es zunächst
schwierig erscheint, den Überblick zu behalten:
Einzelne Nerven versorgen nicht nur ein einziges Gelenk,
sondern auch benachbarte. Ebenso wird ein einzelnes Gelenk
oder auch ein umschriebenes Hautsegment (Dermatom) von
verschiedenen Nerven aus benachbarten Segmenten zumindest teilweise mitversorgt. Des Weiteren beeinflusst zum einen
die Psyche über das limbische System und zum anderen die
Formatio reticularis des Hirnstamms über die γ-Neurone, mittels derer die Aktivität der Spindeln von Muskeln und Sehnen
reguliert werden, das Geschehen. Zusätzlich darf man nie außer
Acht lassen, dass eine skoliotische Fehlhaltung, z.B. als Schonhaltung aufgrund umschriebener Schmerzen in einem Wirbelsäulensegment oder (häufiger) in der Folge eines Beckenschiefstands, eine kompensatorische Gegenschwingung eines weiteren Wirbelsäulensegments nach sich zieht. Auch dort werden
sich demnach muskuläre Dysbalancen mit Verspannungen und
möglichen Schmerzen einstellen. Immerhin wird man aber im
Rahmen der Diagnostik zumeist dort die ausgeprägtesten Myogelosen tasten, wo auch die wesentliche Ursache besteht.
Die Wirbelsäule ist grundsätzlich als Einheit aufzufassen.
So induziert z.B. die Blockade des 2. Halswirbels links fast regelmäßig eine Blockade des 2. Lendenwirbels rechts und umgekehrt. Wenn man dies übersieht und sich nur mit der Blockade von C2 befasst, wird man keine dauerhafte Heilung erreichen können.
Schließlich sind auch die Gelenke der Wirbelsäule in Meridiane eingebettet, die völlig unabhängig von den Nervenbahnen verlaufen, also nichts mit denselben zu tun haben. Über
einen solchen Meridian kann ein blockiertes Gelenk fern von
seinem Ort Beschwerden und Störungen verursachen. So sehr
diese Meridiane die Diagnostik scheinbar zusätzlich erschweren, so hilfreich sind sie andererseits, wenn man ihren Verlauf
gelernt hat und dadurch über Organstörungen, die ursächlich
ohne Wissen um die Zusammenhänge nicht erklärbar wären,
direkt zu einem Wirbelsäulensegment geführt wird, das die
scheinbare oder tatsächliche Organstörung ausgelöst hat.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass das Gehirn über
hemmende Bahnen selbst bestimmt, welche Information, also
z.B. welchen Schmerz es wahrnehmen möchte. Viele Reize
bleiben dadurch unterschwellig. Die Blockade bzw. Störung ist
vorhanden, gelangt aber nicht ins Bewusstsein. Niemand ist
jemals ganz frei von einzelnen Gelenkblockaden in Wirbelsäule
und peripheren Gelenken. Trotzdem fühlt sich die Mehrheit
zumeist wohl und beschwerdefrei. Erst wenn sich zu diesen
unterschwelligen Reizen weitere gesellen, also eine sog. zeitliche oder örtliche Bahnung erfolgt, wird dies als Schmerz oder
Verspannung registriert.
3.1.8 Folgen von Manipulationen
Es ist möglich, dass die chirotherapeutische Deblockierung
einzelner Gelenke dazu führt, dass danach Schmerzen in
einem anderen Segment entstehen, das zuvor scheinbar gar
nicht betroffen war. Der Patient sieht dies dann als Folge der
Chirotherapie und meint vielleicht, der Therapeut hätte ihm
hier Gelenke blockiert, die bis dahin frei gewesen waren.
Dies ist allerdings nicht der Fall, bei korrekter Technik auch
gar nicht möglich. Es ist vielmehr so, dass die Normalisierung
in einem Segment, das zuvor gestört war, dazu führen kann,
dass das labile Gleichgewicht aus Schwingung und Gegenschwingung, das in seiner Weitermeldung bis dahin gerade
noch unterschwellig geblieben war, nun ins Bewusstsein tritt,
indem die Schwingung vorübergehend nicht mehr durch ihre
Gegenschwingung ausgeglichen werden kann.
M E R K E
Es sollte stets versucht werden, dem Patienten nicht nur am Ort des
im Vordergrund stehenden Geschehens die Gelenke zu deblockieren,
sondern auch in dessen weiterer Umgebung – bei ausreichender Zeit
natürlich am besten am ganzen Körper.
Manchmal wird von Gegnern der Chirotherapie (in der Regel
von solchen, welche die Methode gar nicht kennen) behauptet,
chirotherapeutische Manipulationen würden zum „Ausleiern“ der Gelenke bzw. ihrer Bandstrukturen führen. Denkbar
ist dies tatsächlich in Fällen, bei denen ein und dieselben Gelenke ständig manipuliert werden, wie man dies bei Menschen
sehen kann, die gewissermaßen im Stundentakt ihre Fingergelenke knacksen lassen. Der zugehörige Bandapparat kann dabei sicherlich auch einmal zunehmend überdehnt werden, sodass eine straffe Schienung und Führung des Gelenks nicht
mehr gegeben ist. Dies würde dann der Situation bei einem hypermobilen Gelenk entsprechen.
Übliche chirotherapeutische Maßnahmen erfolgen allerdings nicht im Stundentakt, sondern in Abständen von zumindest Tagen, Wochen oder Monaten. Die Kräfte, die hierbei auf
ein Gelenk einwirken, entsprechen üblichen Alltagssituationen. Der anatomisch mögliche Bewegungsumfang eines Gelenks wird niemals überschritten, zumeist noch nicht einmal
annähernd ausgeschöpft, wofür beweisend auch die fehlende
Schmerzhaftigkeit der Manipulation stehen kann. Insofern,
und auch hinsichtlich der nun in 50 Jahren gesammelten Erfahrungen und Daten allein im europäischen Raum, kann dieser Einwand als unbegründet angesehen werden.
3.2 Chirodiagnostik
Die Untersuchung vor der Durchführung einer chirotherapeutischen Manipulation umfasst zunächst einmal all das, was
man auch ohne eine solche Manipulation durchführen würde –
also nach der Anamnese die körperliche Inspektion am (teil)
entkleideten Patienten, die Palpation schmerzhafter Strukturen, das Wahrnehmen von Schwellungen oder Entzündungen,
die Beurteilung des Ausmaßes der aktiven und passiven Beweglichkeit mit dem automatischen Vergleich zum Normalen
sowie für eine endgültige Diagnose erforderliche Zusatzuntersuchungen wie Labor und Röntgenaufnahmen.
3.2 Chirodiagnostik 121
Röntgenaufnahmen werden in jedem Lehrbuch wie in allen
Kursen und Seminaren als notwendig vor jeglicher Chirotherapie dargestellt. In der üblichen Praxis hält sich nur niemand
an diese Empfehlung, weil sie absolut nicht durchführbar wäre.
Es ist unmöglich, in der täglichen Praxisroutine jeden Patienten zum Röntgen zu schicken, um ihn dann die Tage, die er auf
den entsprechenden Termin wartet, unversorgt zu lassen bzw.
so lange mit Tabletten oder Spritzen zu behandeln. Außer den
Orthopäden macht das also keiner. Umso wichtiger wird es
aber dadurch, um Zwischenfällen vorzubeugen, dass die Kontraindikationen zur Chirotherapie sehr genau beachtet werden, dass man sorgfältig untersucht und dass man schließlich
auch nur Techniken anwendet, die einen Schaden am Patienten von vornherein ausschließen.
Wer in bester Absicht dem Patienten ins Kreuz springt und
damit neben der Deblockierung von 3 Gelenken auch noch
2 Wirbelkörper bricht, der hat etwas falsch gemacht. Wer aber
nach ausreichend gründlicher Anamnese und Untersuchung
mit schonender Technik arbeitet und die Kontraindikationen
zuvor auch noch beachtet hat, der kann eigentlich gar nichts
mehr falsch machen und er wird auch kaum jemals einen erwähnenswerten Zwischenfall erleben.
M E R K E
Wichtig ist, das richtige Maß zwischen zu großer Vorsicht und Ängstlichkeit sowie einem unbedarften und respektlosen „Angriff“ auf den
Rücken des Patienten zu finden. Dieses Maß findet sich üblicherweise
im Rahmen wachsender Erfahrung.
3.2.1 Hautfaltentechnik
Die eigentliche Chirodiagnostik benutzt zusätzliche Techniken, die über das sonst übliche Maß hinausgehen bzw. dieselben ergänzen. Die zunächst für Unerfahrene wichtigste zusätzliche Untersuchungsmethode besteht in dem Abheben der sog.
Kibler-Hautfalten. Hierbei hebt man am entspannten, auf
dem Bauch liegenden Patienten mit Daumen und Zeige- oder
Mittelfinger beider Hände beiderseits der Wirbelsäule horizontale Hautfalten ab und beurteilt deren Konsistenz durch
vorsichtiges Rollen zwischen den Fingern (› Abb. 3.3). Bei
einer Blockade in diesem Segment erscheint das Gewebe derb
und verquollen; es lässt sich nur schlecht von seiner Unterlage
abheben und der Patient wird eine mehr oder weniger große
Schmerzhaftigkeit beklagen. Ohne Blockade im jeweiligen Bereich ist das Gewebe dagegen zart und weich und lässt sich zwischen den Fingern rollen, ohne dem Patienten Schmerzen zu
bereiten.
Im eigentlichen Sinn ist eine Kibler-Falte ein abgehobener
Hautanteil, der in seiner Mitte eine quere, also horizontal verlaufende Einkerbung zeigt, indem die Haut hier an ihrer Unterlage „klebt“ und nicht mit abgehoben werden kann. Dieselben
Hautfalten lassen sich auch im Verlauf der Körpermeridiane
abheben und beurteilen. Dort besteht dann allerdings das Problem, dass man damit den Meridian mitsamt seiner Störung
insgesamt erfasst, also den Ort der Blockade „eingekreist“, aber
häufig noch nicht exakt definiert hat.
Zur Erkennung von Wirbelsäulenblockaden werden also am
entspannt liegenden Patienten, mit Beginn bei Th1 und segmental nach kaudal fortgeführt, beidseits der Wirbelsäule horizontale Hautfalten abgehoben und in ihrer Konsistenz beurteilt. Zentrale Einsenkungen in diesen Falten stehen beweisend für eine Blockade des betroffenen Segments auf der Seite
dieser Falte. Die Zuordnung kann millimetergenau erfolgen,
indem die zentrale Einsenkung exakt zum betroffenen Gelenk
hinführt. Auffallend ist häufig auch eine spürbare Abkühlung
der Haut im betroffenen Segment, verursacht durch die Verschaltung mit dem Sympathikus. Diese Abkühlung wird direkt
nach erfolgter Deblockierung von einer reaktiven Hyperämie
abgelöst, die von zahlreichen Patienten bemerkt und als angenehm empfunden wird.
M E R K E
Im Bereich der LWS lassen sich wegen der derben Fascia thoracolumbalis keine zentralen Einstülpungen der Hautfalten mehr erhalten. Hier muss also allein aus dem Tonus des Gewebes auf eine Blockade rückgeschlossen werden.
3.2.2 Weitere Untersuchungsmöglichkeiten
Eine weitere chirodiagnostische Technik besteht darin, das
passive Bewegungsausmaß eines Gelenks in die verschiedenen Richtungen hin zu prüfen und dabei die jeweilige Zu- oder
Abnahme umschriebener Myogelosen ebenso zu beurteilen
wie den zu- oder abnehmenden Schmerz, den dies beim Patienten evtl. hervorruft. Man erhält damit auch gleichzeitig den
sicheren Hinweis auf die gesperrte bzw. freie Richtung, den
man – zumindest an HWS und LWS – ohnehin für die sich anschließende Manipulation benötigt. Wichtig ist bei dieser Untersuchung auch die Beurteilung des Endanschlags eines Gelenks in der jeweils vorgegebenen Bewegungsrichtung – also
das Gefühl, das bei diesem Endanschlag entsteht. Ist es bei freiem Gelenkspiel federnd-elastisch, kann man von einem ungestörten Gelenk ausgehen. Ist der Anschlag dagegen „hart“ und
unnachgiebig, liegt eine Blockade vor, soweit das Gelenk nicht
Abb. 3.3 Kibler-Hautfalte zum Auffinden von Blockaden. [17] arthrotisch verändert ist.
122 3 Chirotherapie
Beim Überprüfen der passiven Beweglichkeit lässt sich, sofern
eine Blockade in diesem Segment besteht, auch die zu- oder abnehmende Spannung der sog. Triggerpunkte beurteilen, umschriebener fingerkuppengroßer Bereiche von Weichteilen
bzw. Muskeln, die jeweils bestimmten Gelenken zugeordnet
werden können. Bei einer Bewegung in die gesperrte Richtung wird der Tonus dieser Triggerpunkte zunehmen, bei Bewegung in die freie Richtung dagegen abnehmen.
Des Weiteren kann mit dieser Untersuchungstechnik erkannt werden, ob in einem Segment eine Hyper- oder Hypomobilität vorliegt, ob also das passive Gelenkspiel im Bereich
des normalen Ausmaßes liegt oder deutlich darüber hinausgeht bzw. dasselbe nicht erreicht. Eine Hypermobilität gilt als
relative Kontraindikation für die manuelle Therapie und sollte in jedem Fall mit muskelaufbauenden gymnastischen Übungen nachbehandelt werden, um die betroffenen Gelenke zu
stabilisieren. Eine Hypomobilität erschwert die Chirotherapie
und macht sie manchmal auch unmöglich.
Im Zuge wachsender Erfahrung und Sensibilität für das zu
beurteilende Gewebe wird man die Hautfaltentechnik lediglich
noch dazu benutzen, Meridianverläufe zu beurteilen, um bei
deren palpatorisch erkennbaren Störung, und im Verein mit
der üblicherweise typischen Anamnese, auf das verursachende
Gelenk rückzuschließen. In diesem Stadium ist das Erkennen
paravertebraler, umschriebener Myogelosen vollkommen hinreichend für die Diagnostik. Palpation der myogelotischen
Verhärtung und direkt anschließende Deblockierung des zugehörigen Gelenks bilden dann eine zeitliche Einheit, die über
eine einzige Minute kaum hinauszugehen braucht. Auf diese
Weise wird es für den Erfahrenen möglich, die Ganzkörperbehandlung eines Patienten (einschließlich HWS, Armen und
Beinen) in einem Zeitraum von 15–20 Minuten und mit sehr
zufriedenstellendem Ergebnis durchzuführen.
3.3 Indikationen und
Kontraindikationen
M E R K E
Die einzige Indikation zur chirotherapeutischen Manipulation ist
die Blockade eines Gelenks.
Kontraindikationen lassen sich in relative und absolute unterteilen.
Das Gebot, dass die Chirotherapie nicht weh tun darf, ist stets zu
beachten. Es schützt im gleichen Maße auch davor, dem Patienten
körperlichen Schaden zuzufügen.
3.3.1 Absolute Kontraindikationen
Absolute Kontraindikationen sind:
• Tumoren bzw. Tumormetastasen im Bereich der angestrebten Manipulation. Ein Patient mit einem bekannten
Tumor, der wie z.B. das Prostatakarzinom oder das Mammakarzinom häufig in die Wirbelsäule metastasiert, darf so
lange nicht chirotherapeutisch behandelt werden, bis durch
ein Röntgenbild die Tumorfreiheit des Bezirks seiner Blockade nachgewiesen ist.
• akute Entzündungen
• fortgeschrittene Osteoporose
• Bandscheibenvorfall mit Kompression von Nervenwurzeln
• Spondylolisthesis
• Zustand nach einem Trauma – z.B. mit subluxierten Gelenken
• HWS-Schleudertrauma, bei dem über Wochen nach dem
Ereignis keinesfalls manipuliert werden darf, selbst wenn
das Röntgenbild keinen pathologischen Befund ergeben
hatte
• Fehlen einer freien Richtung und damit auch einer
schmerzlos möglichen Manipulation; in diesen Fällen muss
bis zur Besserung des Zustands und so lange konservativ
behandelt werden, bis später eine freie Richtung gefunden
werden kann.
3.3.2 Relative Kontraindikationen
Relative Kontraindikationen gibt es wenige. Neben der Hypermobilität ist dies z.B. die Ängstlichkeit eines Patienten,
also das mangelnde Vertrauen in den Therapeuten oder in die
Methode. Ein solcher Patient wird auch kaum die Lockerheit in
seinen Geweben erreichen, die man für eine schmerzfreie Manipulation benötigt.
Eine relative Kontraindikation könnte auch in der noch
mangelnden Erfahrung des Therapeuten liegen bei Grenzfällen wie einer mäßigen Osteoporose, nicht ganz zweifelsfreier
Diagnostik oder z.B. an der HWS, wenn sich hier ein Wirbel
nicht sozusagen fast von alleine lösen lässt.
Zu erwähnen ist weiterhin das arthrotisch veränderte Gelenk mit zusätzlicher Blockade, das einer Manipulation häufig
nicht mehr zugängig ist, wohl aber der chirotherapeutischen
Mobilisation.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Eine relative bis absolute Kontraindikation stellt aus meiner Sicht
auch die geopathische Belastung eines Patienten dar. Hier sitzen
die Blockaden zumeist so fest, dass sie höchstens noch, falls überhaupt, mit erhöhtem Kraftaufwand zu lösen sind, sodass man dann
sehr schnell in Bereiche kommt, wo doch Schmerzen entstehen würden. Daneben ist die Therapie in diesen Fällen ohnehin „für die Katz“,
weil 1–2 Nächte später schon wieder alles beim Alten ist. Man kann
allein aus der Untersuchung und (versuchten) Chirotherapie die geopathische Belastung eines Patienten mit großer Zuverlässigkeit ersehen. Ich selbst bestehe in solchen Fällen zunächst auf einer Schlafplatzsanierung und wiederhole die Therapie 3–4 Wochen später. Der
Mehrzahl der Patienten fällt auf, wie spielerisch leicht sich nun plötzlich zuvor unlösbare Blockaden lösen lassen. Bei mangelnder Bereitschaft oder Offenheit für diese Dinge beim Patienten weiche ich auf
konservative Methoden aus (Spritzen bzw. Tabletten, Wärmeanwendungen, Massagen usw.). Dies hat dann allerdings häufig nichts mehr
mit Heilung, sondern nur noch mit Symptomlinderung zu tun.
3.4 Blockaden der Wirbelsäule und ihre Folgen 123
3.3.3 Ursachen von Blockaden und ihren
Rezidiven
Wird ein Patient nach erfolgreich durchgeführter Chirotherapie jeweils nur vorübergehend beschwerdefrei, ist er entweder
geopathisch belastet und dies wurde vom Therapeuten nicht
bemerkt, oder es bestehen Hypermobilitäten oder man hat
vergessen, dass der Mensch, zumindest aber seine Wirbelsäule, eine Einheit darstellt, die entsprechend umfassend zu therapieren ist. Eventuell aber ist er in seinem Alltag auch Belastungen ausgesetzt, die über sein physiologisches Maß, z.B. seine muskuläre Stabilität hinausgehen.
Daneben handelt es sich bei den Störungen in der Folge von
Gelenkblockaden um keine Einbahnstraßen: Genauso, wie eine
Blockade eine Organstörung vorzutäuschen vermag, kann eine
tatsächlich vorhandene Organstörung die entsprechende Blockade hervorrufen. Zum Beispiel verursacht die Blockade des
6. Brustwirbels Magenbeschwerden, die mit der Deblockierung
von Th6 augenblicklich verschwinden. Ein chronisches Magenleiden (von der Gastritis bis hin zum Magenkarzinom) wird aber
auch umgekehrt eine Th6-Blockade zur Folge haben, die nach
erfolgreicher Chirotherapie sehr schnell wiederkehren wird.
M E R K E
Rezidivierende Blockaden sollten stets daran denken lassen, nach
einem organischen Geschehen im Segment zu suchen, im Beispiel der
Th6-Blockade also mittels Gastroskopie.
Findet man für rezidivierende Blockierungen keine offensichtliche Ursache, so ist spätestens jetzt eine umfassende Anamnese anzuschließen, die auch die Schlafposition des Patienten
beinhaltet. Ich bin beispielsweise noch niemals einem Bauchschläfer ohne Dauerblockaden begegnet. Dasselbe gilt für Menschen, die ohne oder mit sehr flachem oder sehr dickem Kopfkissen schlafen. Auch durchgelegene Matratzen oder Roste
führen zu Blockaden, ebenso wie das immer noch beliebte
Brett als Rost-Ersatz.
Das einseitige Tragen schwerer Taschen, unphysiologisches
Bücken, Drehbewegungen unter Einbeziehung der LWS, Sitzpositionen im Auto mit zu flach eingestellter Rückenlehne
und/oder zu weitem Abstand zum Lenkrad sind weitere Ursachen rezidivierender Blockaden. Dies gilt auch für unphysiologisches Sitzen am Tisch, vor dem Fernseher oder am PC. In
vielen Fällen ist es sinnvoll, mit geeigneten Methoden die Haltemuskulatur aufzutrainieren und ganz allgemein ein besseres
Körpergefühl anzustreben.
3.4 Blockaden der Wirbelsäule
und ihre Folgen
Erarbeitet wurde die Mehrzahl der vorgestellten Zusammenhänge in langjähriger praktischer Tätigkeit von Dr. med. Josef
Brand, gelehrt und fortgeführt von Dr. med. Lothar Fechter.
Ihre Arbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt und gewürdigt
werden. Für mich bildete sie die Basis einer 20-jährigen chirotherapeutischen Tätigkeit. Aus meiner Sicht ist eine Chirotherapie auf der Basis dieser Kenntnisse für die Routine der täglichen Praxisarbeit unverzichtbar – dies selbstverständlich auf
dem Boden solider medizinischer Kenntnisse. Sie trägt entscheidend dazu bei, dass man auch vor schweren und scheinbar hoffnungslosen Erkrankungen der Patienten nicht kapitulieren muss. Darüber hinaus geht sie auf eine Weise mitten hinein ins ursächliche Geschehen, dass bei ihrer Anwendung
andere, durchaus wertvolle Methoden wie die Akupunktur zumindest zum Teil überflüssig werden, weil dieselben ihre Wirkungen mehr in der Peripherie entfalten. Wir heilen aber nicht
durch eine Behandlung in der Peripherie, sondern durch das
Erkennen und direkte Angehen der Ursachen der Krankheiten.
Es handelt sich im Folgenden um die hinsichtlich häufiger
funktioneller Organstörungen wichtigsten Blockaden. Da ihre
Wirkungen weder an der Universität noch in der Klinik noch
während der üblichen Ausbildung zum chirotherapeutisch tätigen Arzt oder Heilpraktiker gelehrt und gelernt werden, bedeutet ihre Kenntnis und spätere Umsetzung in die eigene chirotherapeutische Arbeit ein mächtiges Instrument, die vielfältigsten
Symptome der Patienten ursächlich zu erkennen und zu heilen.
3.4.1 C1 (Atlas)
Der Atlas herrscht über die Wirbelsäule genau so, wie er gewissermaßen auf ihr thront. Zahlreiche Symptome bis hin zu lebensentstellenden Erkrankungen gehen auf sein Konto. Es gibt
chirotherapeutische Richtungen, die sich in der Meinung, alles
andere werde sich sozusagen von alleine regeln, ausschließlich
mit dem obersten Halswirbel beschäftigen. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung heraus diese Meinung in ihrer Absolutheit nicht teilen. Es ist aber zu bedenken, dass die Atlasregion
zahlreiche Verbindungen und Quervernetzungen zu den
vielfältigsten Zentren unterhält – u. a. zum gesamten Hirnstamm von der Medulla bis zum Thalamus einschließlich der
dort befindlichen vegetativen Zentren, zu einzelnen Augenmuskeln (Abduzenskerne), zur A. vertebralis, zum sog. Gammasystem und damit zur Regulierung des gesamten Muskeltonus und zum Gleichgewichtsorgan im Innenohr.
Eine Blockade oder auch Instabilität – als Hypermobilität
bzw. nach einem Trauma mit Schädigung des zugehörigen
Bandapparates – kann konsekutiv Auswirkungen auf all diese
Strukturen unterhalten, bis hin zu Impulsen an Atem-, Kreislauf- oder Brechzentrum. Damit dominieren die Kopfgelenke
in dem angesprochenen Sinn tatsächlich auch das Achsenorgan, die Wirbelsäule.
Die Atlasblockade kann wie jede Blockade vollständig ohne
Beschwerden bestehen. Häufig aber bewirkt sie ein Gefühl von
Schwäche und Unsicherheit oder auch ein Gefühl der Unwirklichkeit, so als ob man bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens „neben sich stehe“ und zuschaue, ohne dies näher
definieren zu können. Man fühlt sich zwischen Wachsein und
Traum, wobei es hier in Richtung Albtraum geht, weil dieser
124 3 Chirotherapie
Zustand als sehr belastend empfunden werden kann. In milderen Fällen erfährt man nach der Deblockierung vom Patienten,
dass er plötzlich sehr viel klarer denken könne – als ob nun irgendein imaginärer Schleier weggezogen sei.
Der Atlas verursacht Schwindelgefühle bis hin zu schwersten Schwindelattacken, bei denen ein Gehen unmöglich wird.
Begleitend kann Übelkeit bis hin zum Erbrechen bestehen.
Tinnitus (Ohrgeräusch) und Hörsturz werden durch seine Irritation verursacht oder mitverursacht. Eher selten findet man
hierfür andere Ursachen wie Durchblutungsstörungen, Entzündungen oder Tumoren im Bereich des Innenohrs.
Das Globusgefühl, der sog. Globus hystericus, also ein Engegefühl oder sogar Kloß im Bereich des Kehlkopfs, der ständig
zum Räuspern zwingt oder das Gefühl vermittelt, von einer
imaginären Hand regelrecht gewürgt zu werden, werden durch
ihn verursacht, evtl. im Verein mit C2 und/oder C4 (Zungenbeinmuskeln). Auch hier findet man nur selten andere Ursachen wie etwa eine Vergrößerung der Schilddrüse (Struma).
Das Symptom ist zumeist in der großen psychosomatischen
Schublade der Medizin abgelegt.
Schließlich verursacht er, wie jeder andere Halswirbel auch,
Kopfschmerzen, die von nuchal nach vorne ziehen können bis
in den Bereich des Auges oder sogar Jochbeins.
M E R K E
Die wesentlichen Symptome, die ausschließlich oder überwiegend
durch Atlasblockaden hervorgerufen werden, sind:
• Schwäche, Unsicherheit, Gefühl der Unwirklichkeit
• Schwindel, Übelkeit mit Erbrechen
• Tinnitus bis hin zum Hörsturz
• Globus hystericus
• Kopfschmerzen bis hin zur Migräne
• Durchblutungsstörung der A. vertebralis mit Beeinträchtigung des
Denkvermögens
• Beeinflussung von Atmung, Kreislauf sowie gesamtem
Muskeltonus
3.4.2 C2 (Axis)
Eine Atlasblockade ruft in den allermeisten Fällen eine Blockade des kontralateralen Axis hervor. Die Auswirkungen
sind deshalb oft nicht gut von denen des Atlas zu trennen.
Er ist beteiligt an Tinnitus und Globus, kann dieselben auch
manchmal alleine auslösen. Die Otalgie, der Schmerz im Bereich des Außenohrs, bei dem an den Strukturen des Ohrs
nichts Pathologisches zu finden ist, kann durch ihn verursacht
werden, des Weiteren Kopfschmerzen von nuchal wie bei allen anderen Halswirbeln und immer auch eine Rotationsbehinderung in die gesperrte Richtung.
3.4.3 C4
Seine Blockade verursacht vor allem Singultus (Schluckauf),
daneben Kopfschmerzen, Beteiligung am Schulter-ArmSyndrom (PHS) und Parästhesien wie C5–C7. Die C4-Blockade dürfte die mit weitem Abstand häufigste Ursache des chronisch rezidivierenden Singultus sein. Ursache ist die Innervation des Zwerchfells (N. phrenicus) aus diesem Segment.
3.4.4 C5–C7
Parästhesien bis in die Finger der Hand in der Ruhe, also z.B.
nach dem Erwachen aus dem Schlaf. Eine Verstärkung dieser
Symptomatik in der Ruhe ist hier besonders typisch und
wichtig zur Abgrenzung anderer Krankheiten wie eines lokal
verursachten Karpaltunnelsyndroms. Die überwiegende Mehrzahl der Karpaltunnelsyndrome wird nicht durch die allgemein
angeschuldigte Kompression des N. medianus, sondern durch
HWS-Blockaden verursacht.
Es sei daran erinnert, dass in der Bewegung des Gelenks
und seiner Peripherie die Wirkung der Blockade mit unphysiologischer Druckverteilung im Gelenk und den Auswirkungen auf Nachbarstrukturen, Vegetativum und Meridian abgeschwächt, „verwischt“, also überwiegend nicht mehr bemerkt wird. Es ist dies ein überragendes Unterscheidungsmerkmal zu den jeweiligen echten Organstörungen z. B. des
Herzens, bei der Sakroileitis oder auch beim Karpaltunnelsyndrom und sollte während der Anamnese stets sehr genau
nachgefragt werden. Gerade die Brachialgia paraesthetica
nocturna, die als „ach so beweisend“ für die Kompression des
Karpaltunnels steht, sollte auf dieser Basis konsequent zu Ende gedacht werden.
C6 und C5 sind auch als Auslöser der überwiegenden Mehrzahl der Tennis- und Golferellenbogen (Epicondylitis radialis
et ulnaris humeri) anzusehen und in aller Regel am Bild des
Schulter-Arm-Syndroms (PHS) mitbeteiligt.
3.4.5 Weitere Auswirkungen von
HWS-Blockaden
Sämtliche Halswirbel, v. a. aber C2–C4 können Zahnschmerzen vortäuschen bzw. eine Trigeminusneuralgie auslösen. Die
Migräne wird mehrheitlich durch HWS-Blockaden verursacht.
Manchmal gelingt es, einen Migräneanfall durch Deblockierung der oberen HWS umgehend zu beenden. Bevorzugt sollte
die Therapie jedoch im schmerzfreien Intervall durchgeführt
werden.
Das Anschwellen der Nasenschleimhäute, die chronische
Rhinitis, kann durch Blockaden v. a. der oberen Halswirbel zumindest mitverursacht werden, weil dort Verschaltungen zum
vegetativen Nervensystem bestehen (Sympathikus). Derselbe
Mechanismus liegt der trockenen Mundschleimhaut zugrunde, die typischerweise nachts bzw. in Ruhe am stärksten empfunden wird – also dann, wenn die Blockade am stärksten ausgeprägt ist.
Angefügt werden soll, dass offensichtlich die Summation
der Blockierungen mehrerer Halswirbel eine reflektorische
3.4 Blockaden der Wirbelsäule und ihre Folgen 125
Minderdurchblutung der A. vertebralis zur Folge hat – in jedem Fall dann, wenn die Kopfgelenke beteiligt sind. Dies könnte eine Mitursache verschiedener Erkrankungen wie Sehstörungen, Hörstörungen bis hin zu Tinnitus oder Gehörsturz,
Morbus Menière, Konzentrationsstörungen usw. – möglicherweise auch eines Schlaganfalls darstellen.
3.4.6 Th1
Hinsichtlich der Parästhesien gilt das, was zu C5–C7 ausgeführt wurde. Der Plexus brachialis rekrutiert sich aus nervalen
Anteilen von C4–Th1. Aus demselben Grund ist er mitbeteiligt
an der PHS, wobei er z.B. die häufigen und sehr schmerzhaften
Verspannungen am medialen oberen Schulterblattwinkel (Angulus superior) verursacht. Beteiligt sind hieran allerdings
auch die 4 oberen Halswirbel (über den M. levator scapulae).
3.4.7 Th3
Herzneurose
Th3 ist einer der beiden großen „Herzwirbel“ (gemeinsam mit
Th6) und kann verantwortlich sein für
• Druck- und/oder Engegefühl und/oder Schmerzen im Bereich des Herzens, teilweise entsprechend der „echten“
KHK mit Ausstrahlung in den linken Oberarm
• Tachykardie (Herzrasen) ganz plötzlich aus der Ruhe heraus, besonders häufig nach dem Hinlegen
• Arrhythmien wie bei ernsthaften Herzerkrankungen.
Der Wirbel strahlt nicht nur in den Bereich des Thorax über
bzw. etwas oberhalb des Herzens, falls er linksseitig blockiert
ist, sondern auch in den Bereich der Herzkranzgefäße, wo er
Spasmen auslösen kann (sog. Prinzmetal-Angina, für die
schulmedizinisch keine Ursache bekannt ist). Arrhythmien
und präkordiale Schmerzen können in wechselndem Umfang
gemeinsam oder getrennt voneinander bestehen, chronisch
andauernd oder lediglich sporadisch rezidivierend. Üblicherweise ist im EKG dieser Patienten absolut nichts Pathologisches zu finden, sodass man hier von der Herzneurose spricht
und die betroffenen Patienten in der großen psychosomatischen Schublade der Medizin ablegt (› Fach Herz-KreislaufSystem).
Mastodynie
Eine zweite große Wirkung geht von einem blockierten
3. Brustwirbel aus, die Mastodynie der Frau. Th3 verursacht
eine tastbare Verhärtung der Brustdrüse sowie der Pektoralismuskulatur der betroffenen Seite mit begleitender Schmerzhaftigkeit, teilweise sogar extremer Berührungsempfindlichkeit. Man bekommt dann manchmal zu hören, der Partner
dürfe sie schon lange nicht mehr „anfassen“. Oft tritt eine
zyklusabhängige Besserung oder Verschlimmerung ein; niemals aber wird diese Form der Mastodynie durch den Zyklus,
also hormonell verursacht.
Die Blockade von Th3 ist der mit weitem Abstand häufigste
Anlass für die Durchführung einer Mammographie bei unklarer Mastodynie. Man kann den betroffenen Frauen also mit der
Chirotherapie eine derart unnötige Strahlenbelastung ersparen –
ganz zu schweigen von den Ängsten, die gerade mit diesen
Schmerzen verbunden sein können.
3.4.8 Th6
Th6 ist der zweite große „Herzwirbel“ – mit einer etwas anderen Lokalisation des nach ventral ausstrahlenden Schmerzes
als bei Th3-Blockaden (3 Segmente tiefer), aber ähnlichen Auswirkungen einschließlich Tachykardien und Arrhythmien.
Auch Th6 hat eine weitere Wirkung, die im Praxisalltag sehr
häufig ist und über Jahre Probleme bereiten kann. Es ist dies
seine Ausstrahlung ins Epigastrium bzw. in den Magen. Die
Patienten fangen mit Genuss und Appetit an zu essen und legen dann nach wenigen Bissen die Gabel aus der Hand, weil es
anfängt zu drücken bzw. der Appetit bereits gestillt scheint. Sie
haben das Gefühl, der Magen arbeite nicht, befördere die Nahrung nicht weiter. Sehr häufig fällt der Ausspruch vom Gefühl
eines „Steins im Magen“, der immer wegweisend für Th6 ist.
Nicht ganz so selten ist eine chronische Gastritis oder ein
Magenulkus mit einer Th6-Blockade kombiniert, wobei dann
die Symptome beider Erkrankungen geschildert werden. Auch
bei der Untersuchung findet man die typische Druckschmerzhaftigkeit des Epigastriums kombiniert mit der Th6-Blockade.
Es ist dies ein Hinweis darauf, dass eben jede Ausstrahlung eines Wirbels zum entsprechenden Organ auch einmal den umgekehrten Weg nehmen kann: die chronische Gastritis induziert die Blockade „ihres Wirbels“ Th6.
3.4.9 Th9 und Th11
Die beiden Wirbel verursachen Seitenstechen beim Dauerlauf –
als einzige mir bekannte Blockaden, die ihre Symptome vornehmlich unter Belastung auslösen.
An Blockaden dieser Wirbel ist aber v. a. bei Patienten mit
sog. labiler Hypertonie zu denken, also einem Blutdruck, der
mal erhöht und dann wieder normal zu messen ist, demnach
medikamentös praktisch nie richtig eingestellt werden kann:
Th9 und Th11 haben Verbindung zu den Nebennieren, die offenbar über unterschiedlich hohe Hormonsekretionen (v. a.
Aldosteron) diese Blutdruckschwankungen induzieren.
3.4.10 L2 und L4
Neben der lokalen Lumbalgie sind auch Ausstrahlungen in
den Unterbauch möglich.
126 3 Chirotherapie
3.4.11 CT3, CT5 und CT7
Die 5. Rippe ist die mit weitem Abstand häufigste Ursache für
den akuten oder chronischen Schläfenkopfschmerz – einschließlich der rezidivierenden Migräne in diesem Bereich.
Daneben erzeugt sie muskuläre Verspannungen (direkt paravertebral) der gesamten Wirbelsäule entlang sowie von nuchal
(lateral des Nackenbandes) bis in den Bereich des Jochbeins.
Die 3. und 7. Rippe lösen ebenfalls paravertebrale Verspannungen aus – lateral der 5. Rippe. Die 3. Rippe zieht bis in den
Bereich des N. ischiadicus und führt dort eventuell zu „Ischiasbeschwerden“.
Alle 3 Rippen sind an der PHS beteiligt, indem sie Verspannungen am oberen Trapeziusrand zwischen Hals und Akromion verursachen. Dabei werden die medialen Verspannungen verursacht von der 5. Rippe, die lateralen von der 3. Rippe und diejenige zwischen beiden von der 7. Rippe. Zur Diagnostik wird ausnahmsweise nicht die Haut über dem Trapezius
benutzt; vielmehr sollte der obere Muskelrand selbst palpatorisch hinsichtlich seiner Konsistenz beurteilt werden.
3.4.12 Iliosakralgelenk
Gerade das ISG findet sich im Praxisalltag ungemein häufig
blockiert. Im Allgemeinen resultiert hieraus eine Beckenschiefstellung oder sogar Beckenverwringung (> 2 cm), die
zumeist eine scheinbare Beinlängendifferenz sowie eine
funktionelle Skoliose mit sich bringt. In der Folge der verdrehten Beinachsen findet man dann bei Kindern und Jugendlichen die Chondropathia patellae und bei Erwachsenen eine
(vorzeitige) Gonarthrose oder Coxarthrose.
Der Blockierungsschmerz des ISG wird vom Patienten häufig als Ischiasschmerz beschrieben, weil er in den Oberschenkel ausstrahlt. Die Lokalisation dieser Ausstrahlung entspricht
aber nicht einer echten Ischialgie einschließlich deren zumeist
ununterbrochenem Verlauf bis in den Fuß, sondern verläuft
mehr dorsolateral in den Oberschenkel und hört spätestens
am Knie auf. Ein weiteres wesentliches Unterscheidungsmerkmal besteht darin, dass sich eine echte Ischialgie unter
Belastung verschlimmert, während die ISG-Symptomatik
überhaupt nur in Ruhe auftritt, also v. a. nach längerem Liegen oder Sitzen, um nach einigen Minuten der Bewegung vollständig abzuklingen, sofern nicht ein zusätzlicher Reizzustand
besteht.
Da das ISG im Verlauf des Blasenmeridians liegt, verursacht
es Verspannungen der Nackenmuskulatur. Ein Nackenschmerz kann also auch einmal lediglich ISG-bedingt sein.
M E R K E
Es sei daran erinnert, dass eine scheinbare Beinlängendifferenz, ausgelöst durch eine ISG-Blockade, keinesfalls durch einen Schuhausgleich „ausgeglichen“ werden darf, weil dann zwar die Wirbelsäule
wieder einigermaßen im Lot steht, andererseits jedoch das Geschehen im Bereich von ISG und den Gelenken der Beine (verdrehte Achsen) endgültig zementiert würde.
3.4.13 Sternoklavikulargelenk
Das einzige Gelenk, das Thorax und Schultergürtel miteinander verbindet, ist nicht sehr anfällig für Blockierungen. Falls
doch, so bedeutet dies eine Störung des Nierenmeridians,
der hier zum Abschluss seines Weges vom Os metatarsale III
endet.
Es resultieren teilweise krampfartige Schmerzen im rechten oder linken Oberbauch sowie im Bereich des McBurneyPunktes, die mit einer Appendizitis verwechselt werden können. Am Unterschenkel bestehen Schmerzen, die eventuell
gleichzeitig vorhandenen Krampfadern zugeschoben werden.
Im Fußgewölbe entstehen Schmerzen nach längeren Wanderungen.
Gerade Schmerzen im rechten oder linken Oberbauch bereiten diagnostisch größte Probleme, sofern man sie nicht fassbaren Veränderungen wie Gallesteinen (rechts) oder einer Gastritis (links) zuordnen kann. Gallesteine, die reizlos in der Gallenblase herumkullern, verursachen allerdings keinerlei Symptome, auch nicht unspezifische wie Druck oder Völlegefühl, die
dann in Unkenntnis der eigentlichen Zusammenhänge dankbar den Steinen zugeschoben werden.
Ausgewählte Erkrankungen
Die Gicht wird im › Fach Endokrinologie besprochen. Nach
fett gedruckten Erkrankungen wird in der Heilpraktikerprüfung in nahezu jeder Prüfung, nach kursiv gedruckten sporadisch gefragt, nach den weiteren nie. Diese Krankheiten sind
relevant für den medizinischen Alltag (› Tab. 4.1).
Zu den rheumatischen Erkrankungen bzw. zum rheumatischen Formenkreis gehören eine ganze Reihe von Erkrankungen, deren wesentlichen Manifestationsort der aktive und
passive Bewegungsapparat darstellt. Häufig sind zusätzlich
innere Organe betroffen. Rheuma heißt Fließen oder Strömen. Gemeint sind also Erkrankungen des Bewegungsapparates, die mit fließenden, reißenden oder ziehenden Schmerzen
einhergehen. Entsprechend diesem ursprünglichen Wortsinn
werden den rheumatischen Erkrankungen nach der internationalen Klassifikation inzwischen auch degenerative Erkrankungen wie die Arthrose, oder mechanisch-traumatische
Erkrankungen wie das Karpaltunnelsyndrom zugerechnet,
die mit dem eigentlichen medizinischen Verständnis nicht
mehr in Verbindung stehen. Nach dieser überflüssigen Nomenklatur gehören auch angeborene Veränderungen wie das
4
4.1 Arthrose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
4.2 Chondropathia patellae . . . . . . . . . . . . . . . . 131
4.3 Hüftdysplasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.4 Morbus Scheuermann . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
4.5 Rheumatoide Arthritis . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
4.6 Fibromyalgie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
4.7 Polymyalgia rheumatica . . . . . . . . . . . . . . . 141
4.8 Polymyositis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
4.9 Rheumatisches Fieber . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.10 Morbus Bechterew . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
4.11 Osteoporose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
4.12 Rachitis und Osteomalazie . . . . . . . . . . . . . 150
4.12.1 Rachitis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.12.2 Osteomalazie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
4.13 Karpaltunnelsyndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
4.14 Dupuytren-Kontraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
4.15 Distorsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.16 Fraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.16.1 Oberarmfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
4.16.2 Rippenfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
4.16.3 Rippenserienfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
4.16.4 Schenkelhalsfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
4.16.5 Schädelbasisbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.16.6 Schädel-Hirn-Trauma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
4.16.7 Wirbelkörperfraktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
4.17 Spondylolisthesis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.18 Bandscheibenvorfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
4.19 Epicondylitis humeri . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
4.20 Morbus Perthes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
4.21 Osteomyelitis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
4.22 Gutartige Knochentumoren . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.1 Tietze-Syndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.2 Exostosen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.22.3 Überbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.23 Bösartige Knochentumoren . . . . . . . . . . . . . 173
4.23.1 Knochenmetastasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.23.2 Osteosarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.23.3 Chondrosarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.23.4 Ewing-Sarkom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
KAPITEL
128 4 Ausgewählte Erkrankungen
Marfan-Syndrom, eine überlastungsbedingte Bursitis, Stoffwechselerkrankungen wie die Gicht sowie ganz pauschal alle
Krankheiten des Knochens und des Knorpels zu den rheumatischen Erkrankungen. Eigentliche rheumatische Erkrankungen
sind v. a.
• chronische Polyarthritis
• Morbus Bechterew
• rheumatisches Fieber
sowie einige wenige, etwas unscharf definierte Krankheiten,
die primär nicht die Gelenke, sondern Muskeln und Sehnen
betreffen und die man deswegen unter dem Begriff des Weichteilrheumatismus zusammenfasst:
• Polymyositis
• Polymyalgia rheumatica
• Fibromyalgie.
4.1 Arthrose
Ursachen
Die Arthrose der Gelenke gehört zu den degenerativen Erkrankungen. Im Vordergrund steht die Abnutzung und nicht
die Entzündung. Betroffen sind überwiegend Gelenke, die über
lange Jahre Überlastungen und v. a. Fehlbelastungen ausgesetzt
waren. Auch der natürliche Alterungsprozess spielt dabei eine
begünstigende Rolle: Ein 80-Jähriger hat in jedem Gewebe seines Körpers Abbauprozesse. Es versteht sich von selbst, dass
gerade die ständig belasteten und relativ schlecht ernährten
Gelenkknorpel (keine Blutgefäße) davon nicht ausgenommen
sein können. Ob die Arthrose z.B. der Kniegelenke (= Gonarthrose) allerdings bereits im Alter von 40 Jahren oder erst mit
80 oder auch einmal überhaupt nicht beginnt, hängt von etlichen Faktoren ab – vom Körpergewicht, einer eventuellen
Fehlstatik bei Beckenschiefstand, einer Fehlbelastung durch
Beruf, Hochleistungssport oder auch z.B. durch Joggen auf
Teerstraßen, von der Ernährung oder von vorausgegangenen
Schädigungen des betroffenen Gelenks.
M E R K E
Pauschaliert ausgedrückt entsteht die Arthrose durch ein Missverhältnis zwischen mechanischer Resistenz des Gelenkknorpels
und dessen Beanspruchung. Die wichtigste Ursache hierfür ist nicht
die Gesamtüberlastung beispielsweise durch Übergewicht oder
Sport, sondern eine punktuelle, also umschriebene Überlastung
in einem Gelenk mit ungleichmäßiger Druckverteilung durch
pathologische Ursachen.
Beispiele sind X-Beine und O-Beine, eine langjährige Beckenfehlstellung mit verdrehten Beinachsen, eine Gelenkstufe nach
einer intraartikulären Fraktur oder eine angeborene und nicht
rechtzeitig behandelte Hüftdysplasie. Immer gibt es in solchen
Gelenken Zonen überhöhten Drucks und andere, die fast
nichts zur Gelenkführung beitragen. Dies gilt letztendlich auch
für ein chronisch blockiertes Gelenk, bei dem stets gestörte
und ungleichmäßige Druckverhältnisse bestehen.
Nicht so selten entsteht eine Arthrose auf dem Boden einer
zurückliegenden Gelenkerkrankung, die Schäden am Gelenkknorpel hinterlassen hat. Dazu gehören z.B. die Gicht oder das
rheumatische Fieber, soweit sie nicht zügig ohne Knorpelschäden ausheilen. Die Arthrose ist also auch der Endzustand
einer jeden Gelenkerkrankung, die Schäden an ihren Binnenstrukturen, insbesondere den Knorpelüberzügen hinterlassen
hat.
Krankheitsentstehung
Die Arthrose eines Gelenks, bei dem keine mechanischen oder
entzündlichen Schädigungen vorausgegangen sind, beginnt
mit einer umschriebenen Schädigung des Knorpels in der
Hauptbelastungszone. Die glatte und glänzende Knorpelschicht wird an dieser Stelle matt und aufgeraut. Der Knorpel
Tab. 4.1 Erkrankungen des Bewegungsapparats.
Degenerative Erkrankungen • Arthrose › 4.1
• Chondropathia patellae › 4.2
• Hüftdysplasie › 4.3
• Morbus Scheuermann
› 4.4
Rheumatische Erkrankungen • rheumatoide Arthritis
› 4.5
• Fibromyalgie › 4.6
• Polymyalgia rheumatica › 4.7
• Polymyositis › 4.8
• rheumatisches Fieber › 4.9
• Morbus Bechterew › 4.10
Osteoporose › 4.11
Rachitis bzw. Osteomalazie
› 4.12
Karpaltunnelsyndrom
› 4.13
Dupuytren-Kontraktur › 4.14
Traumatische Erkrankungen • Zerrung (Distorsion) › 4.15
• Fraktur (allgemein)› 4.16
• Rippenfraktur › 4.16.2,
› 4.16.3
• Schenkelhalsfraktur › 4.16.4
• Schädelbasisfraktur › 4.16.5
• Schädel-Hirn-Trauma
› 4.16.6
• Wirbelkörperfraktur › 4.16.7
Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)
› 4.17
Bandscheibenvorfall› 4.18
Epicondylitis humeri › 4.19
Morbus Perthes › 4.20
Osteomyelitis › 4.21
Tumorerkrankungen • gutartige Knochentumoren
› 4.22
• Osteosarkom › 4.23.2
• Chondrosarkom › 4.23.3
• Ewing-Sarkom › 4.23.4
4.1 Arthrose 129
wird weich und mit der Zeit vollständig weggeschliffen, bis zuletzt der subchondrale Knochen frei liegt. Dieses Verschwinden
des Gelenkknorpels ist im Röntgenbild als Verschmälerung
des Gelenkspaltes im Bereich der Haupttragezone des Gelenks
zu erkennen. Schließlich gleiten dann nicht mehr die Knorpelüberzüge, sondern die ungeschützten Knochen aufeinander.
Das Fortschreiten der Arthrose entsteht danach v. a. durch
die Reaktion der weiteren, im Gegensatz zum Knorpel gut
durchbluteten Strukturen: In den unbelasteten Randzonen des
Gelenks beginnt der Knochen zu wuchern. Hierdurch entstehen Osteophyten („das, was aus dem Knochen wächst“), also
knöcherne Anbauten, die an den Gelenkrändern sehr breit ausladen können, aber auch in den Gelenkspalt hineinwachsen
(› Abb. 4.1). Die Osteophyten stellen den Versuch dar, die
Gelenkfläche zu vergrößern, um den Druck auf eine möglichst
große Fläche zu verteilen.
Durch das Abschleifen des Knorpels wird das Gelenk inkongruent (ungleichmäßig; Kopf und Pfanne passen nicht
mehr perfekt zueinander), wodurch die Druckverteilung immer noch ungleichmäßiger wird, bis das Gelenk schließlich
subluxiert (der Gelenkkopf hat noch Kontakt zu seiner Pfanne, ist aber nicht mehr zentriert). Subluxation und weitere
Veränderungen können äußerlich als Deformierung erkennbar werden. Man sprach deshalb früher von der Arthrosis
deformans.
In der Spongiosa des subchondralen Knochens der Hauptbelastungszone erfolgt eine allmähliche Sklerosierung, d. h.
Umwandlung in einen geschichteten Kortikalis- (= Lamellen-)Knochen. Dies ist im Röntgenbild oft frühzeitig zu erkennen. Im Bereich dieser Umwandlungszonen bilden sich häufig,
wohl aufgrund des übermäßigen Drucks, rundliche Zysten.
Die Synovialmembran der Gelenkkapsel ist verdickt als Reaktion auf den vermehrten Abrieb im Gelenk. Sie reagiert auf
den Knorpel- und Knochenabrieb auch rezidivierend mit einer
Entzündung (Synovitis), welche die Hauptursache für wiederkehrende Schmerzen und Gelenkergüsse darstellt. In dieser
Phase der Arthrose spricht man dann von einer aktivierten
Arthrose, während ansonsten die Entzündung eines Gelenks
als Arthritis bezeichnet wird.
Im Endstadium der Arthrose verformen sich die Gelenke
immer mehr und werden schließlich steif und unbeweglich.
Diese Gelenkeinsteifung nennt man Ankylose.
Altersgelenk
Das sog. Altersgelenk stellt keine Arthrose dar. Es ist gekennzeichnet durch eine mäßige und gleichmäßige Verschmälerung des Gelenkspaltes, die alleine von der physiologischen Alterung und Eintrocknung des hyalinen Gelenkknorpels herrührt. Das Altersgelenk verursacht höchstens
minimale Bewegungseinschränkungen und eine gewisse
Morgensteifigkeit, aber keine weiteren Störungen und auch
keine Schmerzen. Es wird in dieser reinen Form allerdings
selten gesehen, weil mit zunehmendem Alter zumindest
leichte Fehlstellungen mit entstehender punktueller Überlastung doch eher die Regel als die Ausnahme darstellen. Die
Übergänge zwischen Altersgelenk und Arthrose sind also
fließend.
Lokalisationen
Entsprechend der Abhängigkeit der Arthrose auch von Überlastungen (bestimmte Sportarten, Übergewicht) ergibt sich etwa die folgende Häufigkeitsverteilung in ihrem Auftreten:
1. Wirbelgelenke (Spondylarthrose)
2. Kniegelenke (Gonarthrose)
3. Hüftgelenke (Coxarthrose) (› Abb. 4.2)
Abb. 4.1 Gonarthrose mit verschmälertem Gelenkspalt. [19]
Abb. 4.2 Weit fortgeschrittene Coxarthrose des rechten Hüftgelenks mit
aufgehobenem Gelenkspalt, entrundetem Hüftkopf, Sklerosierung des Pfannendaches, Zysten und ausgeprägten Osteophyten, die das Acetabulum
stark verbreitert haben. [4]
130 4 Ausgewählte Erkrankungen
4. danach folgen Sprunggelenke, Fuß- und Zehengelenke,
Schulter (Omarthrose), Handgelenk, Daumensattelgelenk
(Rhizarthrose) und zuletzt die übrigen Gelenke.
An der Wirbelsäule sieht man hierbei die gleiche Reihenfolge
wie auch bei den Bandscheibenvorfällen: Die am stärksten belastete LWS degeneriert früher und häufiger als die kranialen
Abschnitte. Die Arthrose der kleinen Wirbelgelenke wird begünstigt durch die Degeneration der Zwischenwirbelscheiben,
die bereits um das 20. Lebensjahr herum einsetzt. Der Nucleus
pulposus trocknet zunehmend ein. Der Anulus fibrosus verliert
an Höhe, sodass auch die Gelenke zwischen den benachbarten
Wirbelbögen und ihren Gelenkfortsätzen ihre ideale Position
zueinander verlieren. Fehlstellungen mit punktueller Überlastung sind die unausweichliche Folge, womit die Entwicklung
der Arthrose vorgezeichnet ist.
Dasselbe gilt für die ungemein häufigen chronischen Blockaden in diesen Gelenken, die ebenfalls Fehlstellungen und
dadurch punktuelle Überlastungen erzeugen, und noch mehr
für die funktionelle Skoliose auf dem Boden einer ISG-bedingten Beckenschiefstellung, die wiederum zu Fehlstellungen in den Intervertebralgelenken führen muss.
Symptomatik
Typisch für die Arthrose sind ein Steifigkeitsgefühl im betroffenen Gelenk sowie der Anlaufschmerz nach längeren Ruhephasen. Später kommt es zu Belastungsschmerzen, schließlich auch zu Dauerschmerzen.
Der Anlaufschmerz entsteht einerseits durch die Fehlstellung mit Verhaken der Gelenkflächen, die sich erst nach einigem Durchbewegen wieder voneinander lösen. Andererseits
aber muss immer berücksichtigt werden, dass jegliche Gelenkfehlstellung gesetzmäßig von einer muskulären Dysbalance
begleitet ist. Agonisten und Antagonisten sind nicht im Gleichgewicht miteinander. Der eine Muskel ist verkürzt, der andere
überdehnt. Immer lassen sich im Meridian, zu dem das Gelenk
gehört, Verspannungen tasten und ebenso ein zum betroffenen
Gelenk gehörender Muskel, der allein durch seine Verhärtung
(Myogelose) oder durch den einseitigen Zug auf das Gelenk
Schmerzen bereiten kann.
Je mehr das Gelenk in seinem Bewegungsumfang eingeschränkt ist und sich dem Stadium der Ankylose nähert, desto
ausgeprägter werden auch die Schmerzen unter Belastung,
schließlich bereits in der Ruhe. Schon in den Jahren davor
kann es zu entzündlichen Phasen (aktivierte Arthrose) mit erheblichen Schmerzen kommen.
Heberden-Arthrose
Eine Sonderform der Arthrose stellt die Heberden-Arthrose
dar. Sie betrifft überwiegend nur die Fingerendgelenke
(› Abb. 4.3) und lässt sich alleine dadurch zweifelsfrei z.B.
von der rheumatischen Erkrankung (cP) unterscheiden, die gerade diese Gelenke ausspart. Die knorpelig-knöcherne, zystenartig mit Hyaluronsäure gefüllte Auftreibung einzelner oder
mehrerer Gelenke und der umgebenden Weichteile ist häufig
schmerzfrei, teilweise aber doch mit Entzündungen und sogar
Endgliedabweichungen verbunden. Systemische Entzündungsparameter oder sonstige Nachweise der Erkrankung
existieren nicht.
Betroffen sind meist Frauen jenseits des 50. Lebensjahres.
Die Krankheit scheint dominant vererbt zu werden. Eine wirksame Therapie ist nicht bekannt.
Diagnostik
Von Bedeutung ist zunächst die Anamnese hinsichtlich Steifigkeitsgefühl und Anlaufschmerz sowie eventuell rezidivierenden Schmerzen unter Belastung, die bei einer Gonarthrose
oder Coxarthrose z.B. beim Treppenlaufen in den Oberschenkel ausstrahlen können. Die wichtigsten Merkmale bei der Untersuchung sind:
• Fehlstellung und Verdickung des Gelenks
• Reibegeräusche bei der Bewegung, die man bei aufgelegter
Hand auch spüren kann
• Einschränkung des sonst üblichen Bewegungsumfangs im
betroffenen Gelenk.
Die wichtigsten Merkmale im Röntgenbild sind die Verschmälerung des Gelenkspalts, randständige Osteophyten,
subchondrale Sklerosierung sowie eventuell Zysten, eine Subluxation und Entrundung des Gelenkkopfes (› Abb. 4.2).
Therapie
Zur Therapie einer Arthrose kann deren Auswirkung auf Meridian und gelenkübergreifende Muskulatur dazu benutzt werden, mittels Akupunktur oder intrakutanen Quaddeln, manualtherapeutischen Mobilisationen oder Massagen der verhärteten Muskulatur das entsprechende Gelenk schmerzfrei
und beweglich zu bekommen.
Wärmeanwendungen, auch in Form von durchblutungsanregenden Salben, tun dem arthrotischen Gelenk und seiner muskulären Umgebung gut, solange nicht ein aktiviertes,
also entzündliches Stadium vorliegt. Hier muss man vorübergehend kühlen. Entzündliche Begleiterscheinungen mit
oder ohne Gelenkerguss sind allerdings nicht sehr häufig und
dann auch zumeist nicht sehr ausgeprägt. Schmerz und
Schwellung in einem Gelenk sind also für sich alleine niemals
Abb. 4.3 Heberden-Arthrose mit Auftreibung der Fingerendgelenke. [21]
4.2 Chondropathia patellae 131
ein Beweis oder auch nur Hinweis auf eine Arthrose. Sie sollten vielmehr bei ihrem ersten Auftreten in einem Gelenk
Anlass geben, nach einer anderen Ursache der Arthritis zu
fahnden.
Von besonderer Bedeutung im Hinblick auf den Fortgang
des Verschleißes sind Bewegungen und Belastungen: Ein arthrotisches Gelenk sollte viel bewegt und wenig belastet werden.
Man konnte nachweisen, dass eine übermäßige Schonung den
Verschleiß vorantreibt und nicht aufhält. Ursachen hierfür
sind die entstehende Muskelatrophie und damit weitere Destabilisierung des Gelenks sowie Ernährungsstörungen des Gelenkknorpels. Gut geeignete Sportarten sind demzufolge z.B.
Schwimmen, Radfahren oder Skilanglauf.
Begleitend zur physikalischen Therapie bieten sich Knorpel
erhaltende Präparate an, zu denen u. a. auch die Vitamine C
und E gehören. Intraartikuläre Injektionen (z. B. Traumeel®
oder Zeel®), wärmende Salben oder Traumeel® Salbe sind
wertvoll. Bei Knorpel erhaltenden, oralen Medikamenten hat
sich in den letzten Jahren so etwas wie ein neuer „Standard“
entwickelt, der z.B. Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat, Glucosamin und Kollagen enthält. Es gibt Studien, die eine gewisse Wirksamkeit bescheinigen und andere, bei denen kein Effekt nachgewiesen werden konnte. Man sollte sich bei der
oralen Anwendung solcher Präparate in Erinnerung rufen,
dass Inhaltsstoffe wie Hyaluronsäure, Kollagen oder Chondroitinsulfat, die einen wesentlichen Bestandteil gesunder
Knorpelstrukturen darstellen, in dieser Form dem Knorpel gar
nicht zugute kommen, weil sie vor ihrer Resorption im Dünndarm in ihre kleinsten Einheiten zerlegt werden und höchstens in der Art benötigter Bausteine und zu einem geringen
Anteil auch zu den Chondrozyten geschädigter Knorpelstrukturen gelangen. Die Frage, inwieweit diese Zellen nun in der
Lage sind, daraus neue Knorpelsubstanzen herzustellen, muss
offen bleiben.
M E R K E
Sofern ihre Ursachen abgestellt werden, kann eine Arthrose mit einer
Kombination dieser Maßnahmen durchaus zum Stillstand kommen.
Eine vollständige Heilung bzw. medikamentöse Wiederherstellung zerstörter Strukturen ist allerdings nicht möglich.
Gelenkersatz
Ein eingesteiftes Gelenk (Ankylose), dessen Funktion für den
Alltag unentbehrlich ist, wird nach Möglichkeit operativ ersetzt. Am häufigsten betrifft dies das Hüftgelenk, bei dem in
der Regel sowohl Oberschenkelkopf als auch das Acetabulum
durch Implantate ersetzt werden (TEP = Totalendoprothese).
Diese Operation wird heute in zahlreichen Krankenhäusern
routinemäßig durchgeführt. In Deutschland wurden 2010 etwa
210.000 Hüftgelenke und 165.000 Kniegelenke implantiert. Die
Ergebnisse, auch hinsichtlich der wiedergewonnenen Mobilität, sind zumeist sehr gut. Die Haltbarkeit künstlicher Gelenke
liegt inzwischen bei 15 Jahren, wobei (mit allerdings ungleich
größerem Aufwand) auch ein nochmaliger Austausch möglich
ist.
Zusammenfassung
Arthrose: degenerative Gelenkerkrankung mit Schädigung des
Knorpels, Bildung von Osteophyten und Verschmälerung des
Gelenkspaltes; aktivierte Arthrose: Entzündung eines arthrotischen Gelenkes
• Ursachen: natürlicher Alterungsprozess, begünstigend
wirken
– Übergewicht
– Fehlstatik (Beckenschiefstand, X-, O-Beine)
– Fehlbelastung in Sport und Beruf
– zurückliegende Gelenkerkrankungen (z.B. rheumatisches
Fieber)
• Symptome:
– Steifigkeitsgefühl
– Anlaufschmerzen
– später Belastungs- und Ruheschmerzen
• Diagnostik:
– Fehlstellung, Deformierung des Gelenkes
– eingeschränkter Bewegungsumfang
– Reibegeräusche
– typische Veränderungen im Röntgenbild
• Therapie:
– Mobilisation, Massagen
– Akupunktur, intrakutane Quaddeln
– Wärmeanwendung (nicht bei entzündetem Gelenk)
– gelenkschonende Sportarten (Schwimmen, Radfahren)
mit viel Bewegung und wenig Belastung
– knorpelerhaltende Präparate mit Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat, Kollagen u. a.
– Gelenkersatz
4.2 Chondropathia patellae
Obwohl es sich bei der Retropatellararthrose um ein degeneratives Krankheitsbild handelt, findet man es überwiegend bei
jungen Menschen in der Wachstumsphase – besonders häufig im Alter zwischen 10 und 14 Jahren.
Krankheitsentstehung
Angeschuldigt werden ein vorausgegangenes Trauma sowie eine angeborene Fehlbildung oder Fehlstellung der Patella mit
ungleichmäßiger Druckverteilung im Gelenk. Andererseits findet man bei genauer Untersuchung immer einen Beckenschiefstand mit scheinbarer Beinlängendifferenz und Rotationsfehlstellung der Beine – in aller Regel als Folge einer ISG-Blockade. Wenn eine solche Fehlstellung über einen längeren Zeitraum besteht, wird dies gerade auch beim wachsenden
Kniegelenk nicht ohne Folgen bleiben können, weil die Patella
in ihrem femuralen Gleitlager verkantet und die gegenseitigen
Wachstumsreize und Anpassungsvorgänge zwischen Patella
und Femur nicht mehr physiologisch ablaufen können. Schmerzen und arthrotische Veränderungen sind vorprogrammiert.
132 4 Ausgewählte Erkrankungen
Symptomatik
Die jungen Patienten klagen über belastungsabhängige
Schmerzen hinter bzw. im Bereich der Patella v. a. beim Treppenlaufen, beim Aufrichten aus der Hocke oder bei sportlicher
Betätigung (Schulsport). Die Beschwerden werden nicht so selten als „Wachstumsbeschwerden“ fehlgedeutet. Wachstum
schmerzt aber nicht, auch wenn diese Verlegenheitsdiagnose
ob ihrer großen Beliebtheit inzwischen sogar im Pschyrembel
auftaucht. Der Belastungsschmerz rührt nicht nur von der beginnenden Arthrose, sondern auch von der Verlagerung der
Patella nach medial oder lateral, wodurch entsprechend veränderte Druckverhältnisse und Verkantungen mit punktueller
Überlastung resultieren.
Diagnostik
Neben der ISG-Blockierung beiderseits mit ihren typischen Folgen wie Beckenschiefstand und Fehlrotation der Beinachsen findet man bei der Untersuchung zumeist eine Rauigkeit der Patellarückseite (Gelenkfläche) beim Anpressen und gleichzeitigen horizontalen Verschieben auf der Gelenkfläche des Femur.
Hierbei entsteht auch der typische Schmerz der Erkrankung. Die
Rauigkeit wird durch die Knorpelschädigung hervorgerufen.
Im Röntgenbild können die Veränderungen erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt werden. Die Arthroskopie dient
diagnostischen und operativen Zwecken.
A C H T U N G
Vor der manchmal ausschließlich empfohlenen Untersuchungsmethode, die bei Anspannung des M. quadriceps unter der auf der Patella liegenden Hand eine Krepitation erspüren oder bei kaudal fixierter Patella Schmerzen auslösen soll (Zohlen-Zeichen), ist zu warnen,
weil dadurch lediglich Endzustände erfasst werden anstatt der sehr
viel wichtigeren frühen Stadien.
Therapie
Die übliche medizinische Therapie besteht aus körperlicher
Schonung, Antiphlogistika wie Ibuprofen, dem Tragen flacher
Schuhe zur Verringerung des patellaren Anpressdrucks sowie,
in therapieresistenten Fällen, aus Operationen, bei denen z.B.
die Knorpelschicht abgeschliffen wird oder bei einer scheinbaren Lateralisation der Patella die Anheftungsstelle der Patellarsehne an der Tuberositas tibiae nach medial verlagert wird.
Auch Knorpelersatzverfahren kommen zum Einsatz.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Die einzig sinnvolle, weil ursächliche Therapie besteht meines Erachtens aus einer Korrektur der verdrehten Beinachsen durch chirotherapeutische Deblockierung der Iliosakralgelenke. Die bereits angegriffenen Gelenkknorpel sollten mittels Chondroprotektiva
oder naturheilkundlicher Therapie behandelt werden. Diese Maßnahmen reichen, zusammen mit vorübergehender Schonung, bei Kindern
und Jugendlichen zur Heilung vollkommen aus.
Zusammenfassung
Chondropathia patellae: Retropatellararthrose aufgrund einer Fehlbelastung, meist verursacht durch ISG-Blockaden mit
resultierendem Beckenschiefstand; häufiges Auftreten zwischen 10 und 14 Jahren
• Symptome: belastungsabhängige Schmerzen
• Diagnostik:
– Rauigkeit der Patellarückseite
– evtl. Röntgenbild
– evtl. Arthroskopie
• Therapie:
– körperliche Schonung
– Antiphlogistika
– ggf. chirotherapeutische Manipulationen
4.3 Hüftdysplasie
Krankheitsentstehung
Bei dieser häufigen (4% aller Kinder) angeborenen Fehlanlage
des Hüftgelenks, von der Mädchen häufiger betroffen sind, ist das
Acetabulum in seinem Winkel zum restlichen Hüftbein „versteilert“ (› Abb. 4.4). Der Kopf des Oberschenkelknochens, der erst
im Alter von 3 Monaten mit der allmählichen Verknöcherung beginnt, liegt nicht in der Mitte der Pfanne, sondern ist nach außenoben abgewichen. Er wird also nicht mehr vollständig vom Acetabulum überdacht. Man spricht von der Subluxation des Gelenks.
Zwischen einer leichten Dysplasie, einer Entrundung der Pfanne, einer Subluxation oder einer vollständigen Luxation mit
Austreten des Femurkopfes nach lateral und oben aus dem Acetabulum heraus sind alle Übergangsstadien zu finden.
Symptomatik und Komplikationen
Die Dysplasie führt im Kindesalter je nach Ausprägung zu vorzeitigem Ermüden und späterem Hinken. Schmerzen bestehen bei den Kindern eher selten. Immer kommt es später zur
Abb. 4.4 Hüftdysplasie rechts (Versteilerung der rechten Hüftgelenkpfanne). [32]
4.4 Morbus Scheuermann 133
Coxarthrose – oft schon im frühen Erwachsenenalter. Es bilden sich ohne Behandlung sekundäre, später nachfolgende Deformierungen: Änderung des Schenkelhalswinkels (Coxa valga), vermehrte Antetorsion (Verdrehung nach ventral), Verbreiterung der Pfanne, mangelnde Überdachung des Kopfes,
Verformung des Hüftkopfs usw.
Aus der Beinverkürzung resultiert ein Beckenschiefstand. Jeder Beckenschiefstand, ob er nun aus einer tatsächlichen (z.B.
nach Dysplasie, Fraktur oder Morbus Perthes) oder scheinbaren Beinlängendifferenz (in der Folge von Lähmungen oder einer Blockade im ISG) resultiert, führt zu Seitverbiegungen der
Wirbelsäule mit links- oder rechtskonvexer LWS-Skoliose und
kompensatorischer Gegenschwingung der BWS (S-förmige
Skoliose). Eine erhebliche Beinlängendifferenz, die durch den
resultierenden Beckenschiefstand nicht vollständig kompensiert werden kann, erzwingt evtl. zusätzlich eine Spitzfußstellung des kürzeren Beines.
Diagnostik
Bei der Untersuchung der Kinder findet man eine Abspreizhemmung des Oberschenkels auf der Seite der Hüftdysplasie
(› Abb. 4.5). Der Trochanter major steht höher als auf der
Gegenseite. Entsprechend besteht eine (echte) Beinlängendifferenz. Die Faltenbildungen der Weichteile im Bereich von
Hüftgelenk und Oberschenkel sind asymmetrisch.
In früheren Jahren benötigte man das Röntgenbild zur sicheren
Diagnosenstellung und Verlaufsbeobachtung. Üblich war damals
auch noch die Auslösung des Ortolani-Phänomens (= SchnappPhänomen): Das im Hüftgelenk angebeugte und adduzierte Beinchen wurde unter Außenrotation in die Abduktion geführt. Dabei
kam es zu einem hör- und spürbaren Schnappen, wenn der (sub-)
luxierte Hüftkopf über den Pfannenrand ins Acetabulum glitt. Da
hierbei der Hüftkopf geschädigt werden kann, wird dieses Zeichen
nicht mehr genutzt. Heute liefert die Ultraschalluntersuchung
sehr genaue und zuverlässige Ergebnisse. Sie ist seit etlichen Jahren fester Bestandteil der üblichen Vorsorgeuntersuchungen.
Therapie
Die Therapie besteht in der Abspreizbehandlung mittels
Spreizhose (› Abb. 4.6), wobei ein früher Beginn die Behandlung wesentlich verkürzt (auf 1–3 Monate). In dieser Stellung wird der Hüftkopf gegen den Pfannengrund gedrückt, die
Hüfte ist konzentrisch und stabil. Damit ist die Voraussetzung
zur Entwicklung eines normalen Gelenks gegeben. Nur bei sehr
schwerwiegenden Veränderungen (z.B. vollständigen Luxationen) ist eine Operation erforderlich.
Zusammenfassung
Hüftdysplasie: angeborene Fehlanlage des Hüftgelenks mit
Steilstellung des Acetabulum und Abweichen des Hüftkopfs
nach außen-oben
• Symptome:
– vorzeitiges Ermüden beim Laufen
– selten Schmerzen
– unbehandelt resultiert eine Coxarthrose
• Diagnostik:
– Sonographie der Hüfte im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung
– Abspreizhemmung des Oberschenkels
– Asymmetrie der Adduktorenfalten am
Oberschenkel
– echte Beinlängendifferenz
• Therapie: Spreizhose, selten Operation
4.4 Morbus Scheuermann
Die Scheuermann-Krankheit (juvenile Kyphose, Adoleszentenkyphose) beginnt etwa im 10. Lebensjahr und führt
mit 12–13 Jahren häufig (nicht immer) zum klinisch erkennbaren fixierten Rundrücken. Auch eine geringgradige
Skoliose ist möglich. Mit dem Ende der Wachstumsperiode,
also gegen Ende der Pubertät, kommt sie zum Stillstand. Sie
ist demnach eine Erkrankung älterer Kinder bzw. Jugendlicher. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen (2 : 1).
Abb. 4.5 Hüftdysplasie links mit Abspreizhemmung und Abweichung nach
kranial. [24]
Abb. 4.6 Behandlung der Hüftdysplasie mit Spreizhose (a) oder PavlikZügel (b). [32]
134 4 Ausgewählte Erkrankungen
Krankheitsentstehung
Eine zweifelsfreie Ursache wurde bis heute nicht gefunden.
Man denkt v. a. an Fehlhaltungen und Fehlbelastungen wie
z.B. durch den erzwungenen Rundrücken auf ungeeigneten
Schulbänken, durch den gerade die ventralen Anteile der Wirbelkörper und Zwischenwirbelscheiben besonders belastet werden. Auch das zunehmend häufigere Fernsehen auf ungeeigneten Stühlen scheint gemeinsam mit einer schlecht entwickelten
Rückenmuskulatur zum Krankheitsprozess beizutragen.
Die hormonellen Veränderungen zu Beginn der Pubertät
mit Wachstumsschub und verminderter Knorpelresistenz begünstigen im Bereich der besonders belasteten Wirbelkörpervorderkanten eine relative Wachstumsverzögerung im Vergleich zu den wenig belasteten Hinterkanten, woraus sich die
Keilwirbelbildung gut erklären lässt. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Deckplatten der Wirbelkörper während des
Wachstums noch nicht ihre endgültige Festigkeit besitzen.
Symptomatik
Im Vordergrund steht der klinische Aspekt mit fixiertem
Rundrücken (› Abb. 4.7). Rückenschmerzen bestehen,
spontan oder bei Belastung, nur bei etwa 1
⁄3 der jungen Patienten. Die Entdeckung der „ehemaligen“ Erkrankung geschieht
deshalb häufig rein zufällig in späteren Jahren.
Diagnostik
Im Röntgenbild sieht man keilförmig veränderte Wirbelkörper mit ventraler Verschmälerung, unregelmäßige Abschlussplatten, Einbuchtungen in diesen Platten (Schmorl-Knötchen) sowie teilweise auch knöcherne Abtrennungen aus den
vorderen Kanten (› Abb. 4.8). Die Schmorl-Knötchen bestehen aus Bandscheibengewebe, das in die Spongiosa des Wirbelkörpers eingebrochen ist. Die Veränderungen betreffen
hauptsächlich die mittlere BWS, zum Teil aber auch die kaudalen BWK sowie die kranialen Abschnitte der LWS.
Therapie
Die Therapie besteht aus intensiven krankengymnastischen
Übungen, die v.a. über eine Kräftigung der Rückenmuskulatur die
Haltung verbessern sollen. In schwereren Fällen muss zusätzlich
ein Korsett über mindestens 1 Jahr getragen werden, um schlimmere Schäden zu verhindern. In schwersten Fällen mit entsprechenden Schmerzen wird eine operative Korrektur angestrebt.
Mit der Verknöcherung der Wachstumsfugen gegen Ende
der Pubertät „heilt“ die Krankheit aus. Der Rundrücken bleibt
aber selbstverständlich bestehen, sodass dann häufig erst in
späteren Jahren Beschwerden entstehen.
Zusammenfassung
Morbus Scheuermann (Adoleszentenkyphose, juvenile Kyphose): betroffen sind v. a. Jugendliche in der Wachstumsperiode
• Ursachen:
– Fehlhaltung
– Fehlbelastung mit vermehrtem Druck im Bereich der
Wirbelkörpervorderkanten
• Symptome:
– Rundrücken
– evtl. Schmerzen
• Diagnostik: Röntgen
• Therapie: Physiotherapie, notfalls Korsett oder Operation
4.5 Rheumatoide Arthritis
Die rheumatoide Arthritis bzw. chronische Polyarthritis (cP)
bezeichnet die Erkrankung, die man üblicherweise mit dem
Abb. 4.7 Fixierter Rundrücken bei Zustand nach Morbus Scheuermann. [21]
Abb. 4.8 Radiologisch erkennbare Veränderungen bei Morbus Scheuermann. [44]
4.5 Rheumatoide Arthritis 135
Begriff des Rheuma in Verbindung bringt, ungeachtet aktueller
Einordnungen und Vorschläge. Die chronische Polyarthritis ist
eine systemische Erkrankung, betrifft also das ganze System
des menschlichen Körpers, zumindest aber den gesamten Bewegungsapparat. Sie ist progredient – d. h., sie schreitet in
zumindest 75% der Fälle unaufhaltsam vorwärts. Bei etwa
10% aller Betroffenen resultiert früher oder später eine vollständige Invalidität. Allerdings gibt es auch eine Selbstheilungsrate in der Größenordnung von 10%.
Betroffen sind > 1% der Bevölkerung (1 Million Bundesbürger), Frauen 3–4-mal häufiger als Männer. Bei Frauen
über 55 beträgt der relative Anteil 5%, also jede zwanzigste.
Dadurch hat die chronische Polyarthritis eine große soziale
Bedeutung auch für die Gesellschaft. Jede Altersgruppe kann
betroffen sein, doch beginnt die Erkrankung in 80% aller Fälle im mittleren Lebensabschnitt zwischen dem 35. und
50. Lebensjahr.
Ursachen und Krankheitsentstehung
Die Ursache der chronische Polyarthritis gilt nach wie vor als
ungeklärt. Vereinzelt gibt es Häufungen in bestimmten Familien. Meist findet man eine Assoziation zu Genen des HLA-Systems (› Fach Immunologie). Beispielsweise ist HLA-DR4
besonders bevorzugt – bei bis zu 70% der Betroffenen.
Die chronische Polyarthritis beruht nicht auf Abnutzungen
wie die Arthrose, sondern auf entzündlichen Vorgängen im
Bereich von Gelenken und weiteren Geweben. Überwiegend
betroffen sind Gewebe, die von einer Synovialis ausgekleidet
sind – also Gelenke, Sehnenscheiden und Schleimbeutel. Das
primäre entzündliche Substrat liegt in der Membrana synovialis. Man vermutet daher eine Autoimmunreaktion in dem
Sinne, dass bei Menschen mit definierten HLA-Systemen im
Bereich der Membrana synovialis Strukturen bestehen, die in
dieser Form teilweise auch auf der Oberfläche von manchen
Viren oder Bakterien vorkommen.
Findet nun eine Infektion mit einem dieser Erreger statt,
lernt das Immunsystem, sich sehr gezielt damit auseinanderzusetzen und den Eindringling möglichst zu vernichten. In erster Linie geschieht dies durch exaktes „Lesen“ der fremden
Oberflächenstrukturen und Produktion hiergegen gerichteter
Antikörper. In der Folge kann das Immunsystem der betroffenen Menschen nicht mehr zwischen den Oberflächenstrukturen (Antigenen) dieser Bakterien oder Viren und den in Teilen
nahe verwandten oder identischen Strukturen der eigenen Synovialmembran unterscheiden und greift deshalb den eigenen
Körper an (sog. molekulares Mimikry). Von daher wird verständlich, dass sämtliche Gelenke und Gewebe mit Synovialstrukturen betroffen sein können und nicht nur einzelne Gelenke wie z.B. bei der Arthrose.
Eine weitere mögliche Ursache könnte darin bestehen, dass
die vermuteten Mykoplasmen (z.B. Mycoplasma arthritidis)
die Gelenke bzw. ihre Synovialis infizieren und in der Folge
vom Immunsystem bekämpft werden. Intrazellulär lebende
Organismen sind allerdings, besonders wenn sie zusätzliche
Abwehrstrategien entwickelt haben, für das Immunsystem
schlecht erreichbar, sodass aus der akuten Infektion ein chronischer Prozess entstehen könnte. Diese Hypothese ist allerdings eher unwahrscheinlich, weil sie den Zusammenhang mit
dem gehäuften Auftreten von HLA-DR4 nicht zu erklären
vermag.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Ich kenne keinen Rheuma-Patienten, bei dem nicht in der Testung
(z. B. Biotensor, Elektroakupunktur oder Kinesiologie) Mykoplasmen und gleichzeitig eine rechtsdrehende Wasserader angesprochen hätten. Mykoplasmen sind intrazellulär lebende, menschenpathogene Bakterien ohne eigene Zellwand. Sie verursachen überwiegend Infektionen im Genitalbereich (Adnexitis, Prostatitis) sowie
im System Lunge bzw. Bronchien (Bronchitis, atypische Pneumonie),
selten auch eine Pankreatitis. Ähnlich wie die entsprechenden Infektionen durch Chlamydien verlaufen v. a. die Unterbauchentzündungen extrem chronisch und sind mittels der üblichen medizinischen
Diagnostik sehr schwer, oft überhaupt nicht zu fassen. Ebenfalls entsprechend der chronischen Chlamydieninfektion müssen diese Entzündungen von den betroffenen Patienten nicht unbedingt zur
Kenntnis genommen werden. Nach meiner Erfahrung handelt es sich
also bei diesen Mykoplasmen um das gesuchte infektiöse Agens, dessen Oberflächenstruktur in Teilen mit der Synovialstruktur mancher
Menschen verwandt scheint und den Autoimmunprozess der rheumatischen Erkrankung in Gang setzt.
In Kreisen, die der Schulmedizin nicht unbedingt nahe stehen, ist seit
langem bekannt, dass der dauerhafte, v. a. nächtliche Aufenthalt auf
Wasseradern mit Drehsinn nach rechts zu Beschwerden im Bewegungsapparat, aber z. B. nicht zu Malignomen führt. So gibt es in
Finnland eine Gegend, in der die Bevölkerung ungemein häufig an
Störungen des Bewegungsapparates leidet, gleichzeitig aber ungewöhnlich selten Krebs bekommt, und wo man auf der Suche nach der
Ursache auf obige Tatsache gestoßen ist. Dies deckt sich mit eigenen
Erfahrungen, nach denen niemals bei meinen Testungen von
Krebspatienten eine rechtsdrehende Wasserader angesprochen hat,
auffallend häufig aber bei solchen mit chronischen Beschwerden an
Rücken oder peripheren Gelenken. Schlafstörungen bzw. morgendliche Müdigkeit (sich fühlen „wie gerädert“) werden sowohl auf
rechtsdrehenden als auch auf linksdrehenden Wasseradern beobachtet, sind also kein Unterscheidungsmerkmal.
Zusammenfassend scheint es also so zu sein, dass die Auslösung des
Autoimmunprozesses, der zum Rheuma führt, bei immunologisch
prädisponierten Patienten (HLA-DR4) sowohl der Mykoplasmen als
auch eines Co-Faktors in Gestalt einer geopathischen Belastung
durch solche Wasseradern bedarf. Einer dieser beiden Faktoren alleine führt nicht zur chronischen Polyarthritis, sondern lediglich zu den
oben angesprochenen Störungen.
Entsprechend beider möglichen Ursachen (Autoimmunreaktion oder infektiöses Agens) findet sich in der Membrana synovialis, und hier v. a. perivaskulär, ein Infiltrat aus Makrophagen, Neutrophilen, T- und B-Lymphozyten sowie Plasmazellen (› Abb. 4.9). Diese Plasmazellen produzieren verschiedene Antikörper, u. a. auch den sog. Rheumafaktor. Lokal
entstehende Antigen-Antikörper-Komplexe können über eine
Komplementaktivierung die Entzündung der Synovialis auslösen und unterhalten. Daneben werden von Makrophagen und
T-Lymphozyten eine ganze Reihe von Interleukinen produ-
136 4 Ausgewählte Erkrankungen
ziert, welche die verschiedensten lokalen und systemischen
Reaktionen verursachen, von der lokalen Entzündungsreaktion über die Stimulierung der CRP-Bildung (und weiterer Akute-Phase-Proteine) in der Leber bis hin zur Fieberreaktion.
Die Synovialis wird ödematös und hypertroph und beginnt, in den Gelenkspalt sowie über die angrenzende Knorpelschicht zu proliferieren und dieselbe zu bedecken. Dieses Granulationsgewebe wird Pannus genannt. Der Pannus enthält
aktivierte Fibroblasten, zahlreiche Blutgefäße sowie immunkompetente Zellen, die auch knorpel- und knochenabbauende
Enzyme produzieren.
Die in großem Umfang, v. a. von den Makrophagen gebildeten Interleukine IL-1 und TNF-α (› Fach Immunologie) stimulieren u. a. sowohl die Chondrozyten zur Bildung von abbauenden Enzymen, als auch die Osteoklasten der angrenzenden Knochenschicht, sodass es neben der Knorpelzerstörung
auch zum Abbau des subchondralen Knochens mit Erosionen
und osteoporotischen Veränderungen kommt. Neben seinen
entzündungsfördernden Eigenschaften besitzt TNF-α systemisch u. a. appetithemmende Funktionen, die bei den Patienten zur Inappetenz mit Gewichtsabnahme führen.
M E R K E
Der entzündliche Prozess der chronischen Polyarthritis ist zunächst
eine entzündliche Infiltration der Membrana synovialis. Die
Leukozyten des sich ausbildenden Pannus, die diese Entzündung einleiten und unterhalten, setzen dann Interleukine, Enzyme und weitere Substanzen frei, die in der Folge zur Knorpelschädigung und
schließlich zur Destruktion des gesamten Gelenks führen.
Symptomatik
Die Krankheit beginnt in der Mehrzahl der Fälle schleichend
und unspezifisch mit subfebrilen Temperaturen bis 38 °C,
allgemeiner Schwäche und chronischer Müdigkeit, Inappetenz mit Gewichtsverlust, Schmerzen in Muskeln (Myalgien)
und Gelenken (Arthralgien) sowie Depressionen. In der Folge, und häufig lange vor dem eigentlichen Ausbruch der chronischen Polyarthritis, entsteht nicht so selten eine Tendovaginitis z.B. im Bereich des Handgelenks.
Später kommt es dann im typischen Fall zu einer symmetrischen Entzündung der proximalen Interphalangealgelenke
(Gelenke zwischen Grund- und Mittelphalanx der Finger), der
Metakarpophalangealgelenke (Fingergrundgelenke, Knöchel) sowie der Fingerbeugesehnen. Auch die Knie- oder Fußgelenke können von Anfang an mitbetroffen sein. Seltener (bei
1
⁄3 der Patienten) sind anfänglich nur einzelne oder wenige Gelenke befallen.
Die Entzündungen verursachen in ausgeprägten Fällen die
üblichen Symptome Rötung, Überwärmung, Schwellung und
Schmerz, im Anfangsstadium aber viel häufiger über intraartikuläre Verwachsungen die für die chronische Polyarthritis
sehr typische Morgensteifigkeit im Bereich der befallenen Gelenke. Diese Steifigkeit löst sich mit dem Durchbewegen der
Finger und der beteiligten Strukturen erst im Verlauf der folgenden Stunden. Sie hält desto länger an, je fortgeschrittener
der Entzündungsprozess ist.
Zug um Zug werden dann weitere Gelenke in den Krankheitsprozess einbezogen, wobei lediglich die Fingerendgelenke nahezu immer ausgespart bleiben (Heberden-Arthrose
› 4.1.3). Auch die Gelenke der Wirbelsäule können betroffen
sein. Es kommt zu Abweichungen der Gelenkachsen in den destruierten (zerstörten) Gelenken, z.B. zu einer ulnaren Deviation am proximalen Handgelenk (› Abb. 4.10) oder den Fingergrundgelenken oder zu X-Beinen. Die zugehörige Muskulatur kann aufgrund mangelnder Beanspruchung atrophieren.
An den Fingern entsteht teilweise eine Überstreckung im
Mittelgelenk bei Beugung im Endgelenk (Schwanenhalsdeformität; › Abb. 4.11b) oder es bildet sich die Knopflochdeformität (› Abb. 4.11c, › Abb. 4.12), eine Beugung im Mittelgelenk bei Überstreckung im Endgelenk, oder es kommt am
Daumen in Folge einer Luxation des Grundgelenks zum sog.
Schusterdaumen (› Abb. 4.12).
M E R K E
Das Kennzeichen der rheumatoiden Arthritis ist der symmetrische
Befall peripherer Gelenke mit Gelenkdeformierungen und
Bewegungseinschränkungen, zumeist verbunden mit Schmerzen.
Die chronische Polyarthritis betrifft nahezu alle Gelenke des Körpers,
besonders häufig aber die Gelenke der Hände und Füße, Ellenbogen, Knie, Sprunggelenke und Schulter. Ebenfalls häufig in das
Krankheitsgeschehen einbezogen sind daneben die Sehnenscheiden und die Schleimbeutel (› Abb. 4.13).
Wie nahezu jede Autoimmunkrankheit verläuft auch die rheumatoide
Arthritis schubweise; Zeiten relativer Symptomenarmut wechseln
mit protrahierten Verläufen.
Rheumaknoten
Des Öfteren (etwa 30% der Fälle) findet man die sog. Rheumaknoten. Dies sind bis zu hühnereigroße Granulome im Bereich
der Weichteile von Gelenken, Sehnen und Faszien, häufig subhyperplastische Synovialzellen
Synovialmembran
entzündlich infiltrierte
Synovialmembran
Gelenkspalt
hyaliner Knorpel
verkalkter Knorpel
subchondrale
Knochenplatte
neutrophile Granulozyten in der Synovia
Knochenmark
Pannus
Gelenkkapsel
Abb. 4.9 Entzündliche Verdickung der Membrana synovialis (Granulationsgewebe, sog. Pannus) mit Infiltration von Neutrophilen und Lymphozyten sowie Knorpelzerstörung.
4.5 Rheumatoide Arthritis 137
kutan an mechanisch belasteten Geweben wie z.B. am Unterarm (› Abb. 4.10). Eher als Ausnahme entstehen solche Granulome in inneren Organen wie Lunge (Pleuritis, Fibrose),
Herz (Karditis) oder Sklera des Auges. Im Bereich des Handgelenks sieht man neben Schwellungen und einer ulnaren Deviation manchmal infolge von Weichteilschwellungen ein Karpaltunnelsyndrom. In der Kniekehle kommt es aufgrund des
Drucks der Synovialflüssigkeit auf die Gelenkkapsel zu Ausstülpungen und damit schmerzhaften Schwellungen (sog. BakerZyste – häufiger bei Innenmeniskusläsionen; › Abb. 4.14).
Vaskulitis
Eine Vaskulitis kann in fortgeschrittenen Stadien Durchblutungsstörungen verursachen, eine periphere Polyneuropathie (das Zerebrum bleibt ausgespart) Sensibilitätsstörungen. Die Vaskulitis scheint bei Patienten mit zirkulierenden
Autoantikörpern (Rheumafaktor) die Rheumaknoten zu verursachen. Auch weitere Organmanifestationen wie Hautveränderungen über Einblutungen (› Abb. 4.15) bis hin zur
Ulkusbildung oder die Beteiligung von Lunge (Pleuritis, Fibrose), Herz (Myokarditis) und weiteren Organen sind ursächlich auf die Vaskulitis zurückzuführen. Selbst die Muskelatrophie der Rheumapatienten rührt nicht nur von der Inaktivität
im Bereich befallener Gelenke, sondern auch von einer direkten entzündlichen Beteiligung. Bei manchen Patienten kommt
es nach jahrelangem Verlauf zusätzlich zu einer Leukopenie
mit Hepatosplenomegalie. Dies wird als Felty-Syndrom bezeichnet.
Abb. 4.10 Rheumaknoten und ulnare Deviation bei chronischer Polyarthritis. [21]
Abb. 4.11 a Normale Stellung der Fingergelenke. b Schwanenhalsdeformität. c Knopflochdeformität. [56]
Abb. 4.12 Knopflochdeformität und Schusterdaumen. [21]
Abb. 4.13 Bursitis olecrani bei chronischer Polyarthritis. [21]
Abb. 4.14 Große Baker-Zyste in der Kniekehle. [10]
138 4 Ausgewählte Erkrankungen
Abweichende Formen
Bei etwa 10% der Patienten, v. a. jüngeren Menschen und
manchmal sogar Kleinkindern, beginnt die chronische Polyarthritis nicht schleichend, sondern akut mit einer Polyarthritis und Allgemeinreaktionen wie Fieber, Lymphadenopathie und Splenomegalie. Die Chance zur dauerhaften oder zumindest länger anhaltenden Remission ist in
diesen Fällen größer, sofern nicht gerade die Sonderform
des Still-Syndroms vorliegt, bei dem ein rezidivierendes hohes Fieber mit sehr breiter systemischer Beteiligung mit
Exanthem, Hepatosplenomegalie und Lymphadenopathie
bestehen.
H I N W E I S D E S A U T O R S
In Anknüpfung an das Gesagte könnte man sich vorstellen, dass das
Immunsystem jüngerer Menschen eventuell noch in der Lage ist, das
auslösende Agens, die Mykoplasmen, zu vernichten. Junge Menschen sind auch mobiler, wechseln häufiger ihre Wohnung und damit
auch den Standort des Bettes. Es ist allerdings auch möglich, dass
diese Erkrankung dem „echten“ Rheuma nur ähnelt, aber ganz andere Ursachen hat.
Diagnostik
Die Diagnose einer chronischen Polyarthritis im Frühstadium
erfolgt nicht durch das Hinzuziehen eindeutig definierter Parameter, sondern praktisch als Ausschlussdiagnose: Sobald alle
anderen in Frage kommenden Gelenkerkrankungen von der
Gicht bis hin zur Borreliose ausgeschlossen worden sind, bleibt
zuletzt die chronische Polyarthritis als wahrscheinlichste Diagnose übrig.
Hinführend ist v. a. die Morgensteifigkeit der Finger in Verbindung mit einer Tendovaginitis und einer stark beschleunigten BSG. Diese Beschleunigung ist im Allgemeinen bereits
im Frühstadium der rheumatoiden Arthritis auffallend und liefert damit den relativ sichersten Hinweis unter den Laborparametern.
Dagegen ist der sog. Rheumafaktor im Frühstadium der
Erkrankung nur selten nachweisbar und selbst in fortgeschrittenen Stadien nur bei 80% der Patienten. Beim Rheumafaktor
handelt es sich um Antikörper der Klasse IgM (oder IgG), die
sich gegen den Fc-Teil anderer Immunglobuline (vom Typ G)
richten (Autoantikörper). Sie sind auch bei einer Reihe weiterer Krankheiten nachweisbar, in 5% sogar bei Gesunden, sodass der Rheumafaktor alleine für die chronische Polyarthritis
keinesfalls beweisend ist, sondern lediglich ein zusätzliches
diagnostisches Kriterium darstellt.
Noch mehr gilt dies für die sog. antinukleären Antikörper
(ANA), die häufig bei der chronischen Polyarthritis, aber auch
bei Kollagenosen oder bei gesunden Menschen nachzuweisen
sind; sie werden noch nicht einmal als zusätzliches DiagnoseKriterium benutzt.
Diagnostische Hauptsymptome
Zur Vereinheitlichung der Diagnostik wurden 7 Hauptsymptome der rheumatoiden Arthritis definiert. Danach kann die
Diagnose als sicher beurteilt werden, wenn zumindest 4 dieser
Kriterien seit mindestens 6 Wochen erfüllt sind:
1. Morgensteifigkeit in und um die Gelenke, Dauer mindestens 1 Stunde vor maximaler Besserung
2. Weichteilschwellung (Arthritis) von 3 oder mehr Gelenken
3. Schwellung (Arthritis) der proximalen Interphalangeal-,
Metakarpophalangeal- oder Handgelenke
4. symmetrische Schwellung (Arthritis)
5. Rheumaknoten
6. nachweisbarer Rheumafaktor
7. im Röntgenbild Erosionen und/oder gelenknahe Osteoporose in Finger- oder Handgelenken
Therapie
Die Therapie der chronischen Polyarthritis ist, wie so häufig,
als rein palliativ anzusehen, ohne Chance auf Heilung. Schulmedizinisch gibt es ausschließlich Medikamente mit potenziell
erheblichen Nebenwirkungen:
• Antiphlogistika wie ASS, Ibuprofen oder Diclofenac, die in
niedriger Dosierung auch dem Heilpraktiker zur Verfügung
stehen
• die kaum noch eingesetzten sog. Basistherapeutika wie
Gold, D-Penicillamin und Resochin.
• Immunsuppressiva – also Substanzen wie z.B. Methotrexat, die auch zur Behandlung von Malignomen eingesetzt
werden, weil sie Zellteilungen hemmen
• Glukokortikoide werden nach wie vor häufig benötigt.
• Seit einigen Jahren gibt es zur Behandlung der cP und
weiterer Krankheiten (extrem teure) Hemmstoffe des
TNF-α und IL-1 – entweder in der Form von Antikörpern gegen diese Interleukine oder als chemische Hemmstoffe (Enbrel®, Remicade®, Kineret®, Adalimumab®).
Die bisherigen Ergebnisse überzeugen: Der entzündliche
Fortgang in den Gelenken wird weitgehend unterbunden,
die Beschwerden lassen entsprechend nach. Aus Sicht des
Autors könnte das „böse Erwachen“ in einigen Jahren
nachfolgen, denn TNF-α und IL-1 sind überall im
menschlichen Körper derart wichtige Bestandteile des ImAbb. 4.15 Rheumaknoten und Einblutungen in die Haut bei Vaskulitis im
Rahmen der chronischen Polyarthritis. [53]
4.6 Fibromyalgie 139
munsystems, dass ihre Ausschaltung über längere Zeit
kaum ungestraft erfolgen kann. Zum Beispiel ist TNF (=
Tumornekrosefaktor) u. a. auf maligne entartete Zellen
spezialisiert. Zu allem Überfluss werden die Medikamente
dieser Gruppe auch noch offiziell als Biologika bezeichnet.
Von großer Bedeutung sind neben der medikamentösen Therapie physikalische Maßnahmen (Bewegungsübungen) zur
möglichst langen Erhaltung der Funktion und Beweglichkeit
der Gelenke. Wärmeanwendungen können in Zeiten relativer
Ruhe hilfreich sein, sind jedoch im akuten Schub streng kontraindiziert. Üblich sind dann Kälteanwendungen (einschließlich Kältekammer: z.B. 3 Minuten bei –110 °C). Auch operative Verfahren sind sporadisch noch im Gebrauch, die z.B.
durch (Teil-)Entfernung der Membrana synovialis den Entzündungsmechanismus zu unterbinden suchen.
H I N W E I S D E S A U T O R S
In der Therapie der Naturheilkunde stehen die Sanierung von Bettplatz bzw. Arbeitsplatz sowie die Elimination der Mykoplasmen an erster Stelle, weil sonst keine Heilung möglich ist. Heilung
bedeutet natürlich nicht, dass ein bereits zerstörtes Gelenk wiederhergestellt werden könnte. Man kann aber dadurch den weiteren
Fortgang der chronischen Polyarthritis vollständig unterbinden.
Zur begleitenden Therapie eignen sich z. B. Vitamin E, Enzympräparate wie Karazym®, pflanzliche wie Teufelskralle oder homöopathische Medikamente. Im akuten Schub und bis zum Wirkungseintritt der angeführten Therapie wird man auf NSAR wie ASS und Ibuprofen zurückgreifen müssen. Dabei handelt es sich um wirksame
und vergleichsweise harmlose Medikamente, die im Gegensatz zu
Glukokortikoiden und weiteren Arzneimitteln eine begleitende homöopathische Therapie nicht stören. Der Magen sollte allerdings
geschützt werden. Bei einer Niereninsuffizienz sind sie wegen ihrer
Prostaglandin-Synthesehemmung kontraindiziert.
Zusammenfassung
Rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis, cP): betrifft
den gesamten Bewegungsapparat und teilweise auch innere
Organe; Frauen sind häufiger betroffen als Männer
• Ursachen:
– Autoimmunerkrankung
– fragliche Infektion mit Mykoplasmen
– Manifestation an der Synovialmembran mit nachfolgenden lokalen und systemischen Entzündungsreaktionen
• Symptome:
– Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Inappetenz, Fieber,
Myalgien
– symmetrischer Gelenkbefall, anfangs meist der kleinen
Gelenke (Finger), später auch der großen Gelenke (Ellenbogen, Knie-, Sprunggelenk)
– Morgensteifigkeit der Gelenke
– Entzündung von Sehnenscheiden und Schleimbeuteln
– Rheumaknoten: subkutan gelegene Granulome
– Symptome, die nicht den Bewegungsapparat betreffen:
Vaskulitis, Pleuritis, Lungenfibrose, Myokarditis, periphere Polyneuropathie
• Diagnostik:
– BSG, Rheumafaktor
– Röntgenbild
– 4 von 7 Hauptsymptomen müssen seit mindestens 6 Wochen bestehen
• Therapie:
– Antiphlogistika (ASS, Ibuprofen, Diclofenac)
– Glukokortikoide
– Basistherapeutika
– Biologika (Antikörper u. a. gegen TNF-α)
– physikalische Therapie (Bewegungsübungen, Wärme,
Kälte)
– operative Entfernung der Synovia
4.6 Fibromyalgie
Die Fibromyalgie ist eine häufige Erkrankung, von der überwiegend Frauen betroffen sind. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt bzgl. der Frauen bei etwa 3,5%, und bei den
Männern bei 0,5%. Insgesamt sollen in Deutschland rund
3 Millionen Menschen betroffen sein.
Während man früher davon ausging, dass die Erkrankung
überwiegend junge Frauen betrifft, weiß man inzwischen, dass
sie mit dem Alter zunimmt. Frauen über 70 sind zu mindestens
7,5% betroffen. Bei Kindern ist die Fibromyalgie sehr selten.
Die frühere Unterscheidung in primäre und sekundäre Formen wird heute nicht mehr getroffen.
Die Fibromyalgie ist eine generalisierte Tendomyopathie
unbekannter Ursache, betrifft also generalisiert sowohl die
Muskulatur (Myo) als auch ihre Sehnen (Tendo) bzw. Sehnenansätze. Die Diagnose des Krankheitsbildes bereitet im medizinischen Alltag große Probleme, weshalb verschiedene Kriterien entwickelt und festgelegt worden sind. Danach müssen sowohl oberhalb als auch unterhalb des Bauchnabels Schmerzen bestehen und gleichzeitig beide Körperhälften betroffen
sein. Die Schmerzsymptomatik ist chronifiziert, muss also definitionsgemäß seit mindestens 3–6 Monaten bestehen. Darüber hinaus wurden im Bereich von Muskeln und Sehnen, besonders häufig am Übergang eines Muskels in seine Sehne,
18 Druckschmerzpunkte (sog. Tender Points) definiert
(› Abb. 4.16), von denen mindestens 11 als schmerzhaft angegeben werden müssen, um die Diagnose zu erlauben. Dabei
sollte der Druck mit einer Stärke von etwa 4 kg/cm2
erfolgen,
um zu reproduzierbaren Ergebnissen zu gelangen. Weniger
Druck löst eventuell keinen Schmerz aus, mehr führt auch bei
Gesunden zu Schmerzen.
Krankheitsentstehung
Zur Ursache der Erkrankung existieren eine Flut von Vermutungen und Erklärungsversuchen. Definiert sind allerdings lediglich Begleitumstände, die bei allen oder wenigstens der
Mehrzahl der Betroffenen zu finden sind. Danach bestehen
grundsätzlich und als wesentlichstes Symptom Einschlaf- und
140 4 Ausgewählte Erkrankungen
v. a. Durchschlafstörungen. Die Patienten sind morgens nicht
erholt. Gleichzeitig ist die Schmerzsymptomatik auch morgens am ausgeprägtesten, um im Verlauf des Tages abzuklingen oder wenigstens nachzulassen. Im Schlaflabor wurde festgestellt, dass bei den Patienten überwiegend die traumlosen
Tiefschlafphasen gestört sind. Die entsprechende Schlafstörung wurde auch bei Patienten mit Schlafapnoe-Syndrom
(› Fach Atmungsystem), bei der chronischen Polyarthritis
und weiteren Erkrankungen des Bewegungsapparates nachgewiesen, was im Hinblick auf die wahrscheinlichste Ursache der
Erkrankung hilfreich ist.
Symptomatik
Die Schmerzen bestehen in Muskeln, Sehnenansätzen und
Muskel-Sehnen-Übergängen und werden von Parästhesien,
Kopfschmerzen und einer Morgensteifigkeit begleitet. Häufig
besonders betroffen sind der Schultergürtel und der Lumbalbereich, mit Ausstrahlung in Gesäß und Oberschenkel. Die
Schmerzen erscheinen teilweise verstärkt unter Belastung,
aber v. a. auch in Ruhe. Gebessert werden sie durch Bewegungen mit geringer Belastung und durch Wärme. Stress, Kälte
oder Wetteränderungen können zu Verschlimmerungen führen.
Zahlreiche Patienten sind, aus der Sicht des (schmerzfreien
und ausgeschlafenen) Untersuchers, psychisch auffällig mit
Depressionen, Ängstlichkeit oder Hypochondrie, wobei dies
den Anhängern psychosomatischer Erkrankungen sehr gelegen kommt, aber mit den chronischen Schmerzen und der
Übermüdung besser erklärt ist. Auffallend häufig wird die Erkrankung von einem Reizdarmsyndrom (Colon irritabile) begleitet.
Entzündliche oder sonstige Veränderungen können nicht
nachgewiesen werden. Auch die Gelenke sind nicht betroffen.
Ebenso wenig existieren Abweichungen der üblichen Laborparameter wie z.B. eine beschleunigte BSG. In manchen Studien
wurde über einen verminderten Spiegel von Somatomedin C
berichtet. Somatomedine üben wesentliche Funktionen beim
Aufbau der Muskulatur und weiteren Geweben bzw. bei Reparaturmechanismen aus und werden in der Leber durch Stimulation des STH (› Fach Endokrinologie) gebildet. STH wird
überwiegend nachts in den Tiefschlafphasen produziert, wodurch nun ein wichtiger Zusammenhang mit den Krankheitssymptomen gegeben ist, über die Ursache der Schlafstörung
aber nichts ausgesagt ist. Peripher und im Liquor der Patienten
findet sich eine deutlich erhöhte Menge an Substanz P, wichtig u. a. für die Schmerzleitung. Dies könnte die Hyperästhesie
der Patienten erklären.
Wie wenig definiert die Erkrankung ist, erkennt man auch
daran, dass parallel zu den Tender Points Punkte angegeben
sind, die nicht druckschmerzhaft sein dürfen, wenn es sich um
eine Fibromyalgie handeln soll. Zu diesen Punkten gehören
u. a. das mittlere Drittel der Klavikula, der Innenknöchel und
die Rückseite des Mittelglieds des 3. Fingers.
Differenzialdiagnose
Abzugrenzen ist die Fibromyalgie gegenüber dem chronischen
Müdigkeitssyndrom (chronic fatigue syndrom, CFS), der Polymyalgia rheumatica oder auch einer Hypothyreose. Das
gluteal: oberer
äußerer Quadrant
Trochanter major: posterior der
Prominentia trochanterica
Nacken: Insertionsstellen der
subokzipitalen Muskulatur
M. supraspinatus: oberhalb
der Spina scapulae
Hals: Intertransversalräume C5–C7
zweite Rippe: kostochondraler
Übergang
Epicondylus lateralis:
2 cm distal des Epikondylus
Knie: Fettpolster proximal des
medialen Gelenkspaltes
M. trapezius: Mitte des Oberrandes
Abb. 4.16 Druckschmerzpunkte bei Fibromyalgie.
4.7 Polymyalgia rheumatica 141
chronische Müdigkeitssyndrom zeigt eine ähnliche Symptomatik, beginnt aber häufig nicht schleichend, sondern in einem
eng umschriebenen Zeitraum und ist dann mit Fieber oder anderen Zeichen eines Infektes vergesellschaftet. Bei der Polymyalgia rheumatica sind die Schmerzen proximal betont, die Blutsenkung ist beschleunigt.
Therapie
Die Therapie der Fibromyalgie umfasst neben Medikamenten
gegen die Schmerzen (NSAR einschließlich ASS oder Ibuprofen), Wärmeanwendungen, Massagen und kurzzeitigen
und milden Bewegungsübungen auch antidepressive Substanzen, wobei Schlaftabletten zur besseren nächtlichen Erholung eventuell sinnvoll sein können. Die Mehrzahl der Patienten erfährt durch die Therapie keine wesentliche und v. a. keine
anhaltende Erleichterung.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Das wesentliche Symptom eines geopathisch gestörten Schlafes
besteht in oft sehr typischen Aufwachzeiten (das erste Mal besonders
häufig zwischen 1 und 2 Uhr) sowie der morgendlichen Müdigkeit
(sich fühlen „wie gerädert“), die sich in Abhängigkeit von der Dauer
der Belastung (Monate, Jahre oder Jahrzehnte) vormittags, nachmittags oder gar nicht mehr wesentlich bessert.
Des Weiteren findet man bei solchen Patienten, v. a. wenn es sich um
sog. rechtsdrehende Wasseradern handelt, regelhaft Störungen von
Seiten des Bewegungsapparates, die sich in Schmerzen, muskulärem Hartspann bzw. einem verdickten und kaum noch von der
Unterlage abhebbaren Gewebe sowie multiplen Blockaden mit ihren Auswirkungen äußern. Blockierungen eines geopathisch belasteten Patienten sind chirotherapeutisch nicht oder nur sehr schwer zu
lösen und rezidivieren innerhalb weniger Tage. Immer betroffen sind
die Iliosakralgelenke (mit Ausstrahlung in Gesäß und Oberschenkel)
und der Schultergürtel, wodurch die gesamte Symptomatik in ausgeprägteren Fällen der Fibromyalgie entspricht.
Nachdem auch Patienten mit anderen Erkrankungen des Bewegungsapparates, z. B. bei der chronischen Polyarthritis, ausnahmslos
geopathisch belastet sind, stellt sich natürlich die Frage, warum der
eine die chronische Polyarthritis, der nächste eine Fibromyalgie und
der dritte lediglich mildere Symptome wie z.B. eine PHS mit Schmerzen und Parästhesien entwickelt. Hier ist v. a. daran zu denken, dass
schwere Erkrankungen in der Regel zusätzlicher Ereignisse bedürfen
wie einer bakteriellen Infektion (Mykoplasmen bei der chronischen
Polyarthritis) oder anderer Faktoren.
Nachdem die Fibromyalgie auffallend häufig mit dem Reizdarmsyndrom vergesellschaftet ist, könnte ich mir einen Zusammenhang mit
Candida albicans vorstellen (› Fach Verdauungssystem). Dazu
passt, dass auch das Restless-legs-Syndrom besonders häufig bei Patienten mit Fibromyalgie und/oder Reizdarm gesehen wird und sich
im Zuge einer Darmsanierung (und Magnesiumgaben) verliert. Ungeachtet derartiger Zusammenhänge habe ich im medizinischen Alltag
weder ein Rheuma noch eine Fibromyalgie jemals ohne geopathische
Belastung gesehen.
Zusammenfassung
Fibromyalgie: generalisierte Tendomyopathie unklarer Ursache
• Symptome:
– Schmerzen an Muskulatur, Muskel-Sehnen-Übergängen,
Sehnenansätzen
– besonders betroffen sind Schultergürtel und Lumbalbereich
– Morgensteifigkeit
– Kopfschmerzen
– Parästhesien
– Schlafstörungen
– psychische Auffälligkeiten (fraglich)
– häufig besteht gleichzeitig ein Reizdarm-Syndrom
• Diagnostik:
– 11 von 18 Druckschmerzpunkten (Tender Points) müssen schmerzhaft sein
– Symptome müssen oberhalb und unterhalb des Bauchnabels, auf beiden Körperseiten und über mindestens 3 Monate bestehen
• Therapie:
– Schmerzmedikation (NSAR)
– Wärme, Massagen, Bewegungsübungen
– Antidepressiva, evtl. Schlafmittel
4.7 Polymyalgia rheumatica
Die Polymyalgia rheumatica ist eine ursächlich ungeklärte Autoimmunerkrankung, die neben dem Bewegungsapparat auch
andere Organe oder Gewebe befallen kann (selten). Auffallend
häufig (ca. 20% der Fälle) sieht man sie in Kombination mit
einer Arteriitis temporalis (› Fach Herz-Kreislauf-System;
› Abb. 4.17). Bevorzugt erkranken ältere Menschen. Die
jährliche Inzidenz liegt bei 1/2.000 Fälle.
Symptomatik
Betroffen ist symmetrisch die Muskulatur (ohne Tendopathie)
des Schultergürtels, des Beckens und der proximalen Extremitäten. Entsprechend der Fibromyalgie ist die Schmerzsymptomatik morgens oder nach Ruhepausen verstärkt und geht mit einer ausgeprägten Steifigkeit einher. In der betroffenen MuskuAbb. 4.17 Arteriitis temporalis. [21]
142 4 Ausgewählte Erkrankungen
latur bestehen Atrophien ohne deutliche Entzündungszeichen,
doch findet man manchmal auch einzelne entzündliche Infiltrate. Die Patienten sind müde, oft auch depressiv. Inappetenz
kann zur Gewichtsabnahme führen. Nicht so selten kommt es
im Verlauf der Erkrankung zu peripheren Arthritiden, z.B. einer Gonarthritis mit entzündlichem Kniegelenkerguss.
Diagnostik
Der wesentlichste Unterschied gegenüber der Fibromyalgie
oder weiteren unklaren Schmerzzuständen besteht in einer
stark beschleunigten BSG. Auffallend ist auch eine deutliche
Erhöhung des CRP-Spiegels, was den Verdacht auf eine bakterielle Ursache dieser Autoimmunerkrankung nahe legt
(› Fach Immunologie).
Therapie
Die Therapie erfolgt primär durch NSAR, doch lässt sich eine
Glukokortikoid-Therapie häufig nicht umgehen. Dies gilt besonders auch für jeden Fall einer begleitenden Arteriitis temporalis.
Zusammenfassung
Polymyalgia rheumatica: Autoimmunerkrankung
• Symptome:
– symmetrische Schmerzen der Muskulatur von Schultergürtel, Becken, proximalen Extremitäten, besonderes
morgens
– evtl. gleichzeitig Arteriitis temporalis
– Müdigkeit, evtl. Depressionen
• Diagnostik: BSG stark erhöht, CRP erhöht
• Therapie: NSAR, Glukokortikoide
4.8 Polymyositis
Auch die Polymyositis ist eine Autoimmunkrankheit mit Befall der Muskulatur. Betrifft sie gleichzeitig die Haut, definiert
man sie als Dermatomyositis. Bei nahezu einem Drittel der Patienten bestehen weitere Erkrankungen wie eine chronische
Polyarthritis, ein systemischer Lupus erythematodes (SLE)
oder eine Sklerodermie. Von denjenigen, bei denen sich die Erkrankung als Dermatomyositis manifestiert, entwickelt etwa
jeder Zehnte ein Malignom.
Die Polymyositis (Dermatomyositis) wird, gemeinsam mit
dem Lupus erythematodes und weiteren Erkrankungen wie der
Sklerodermie (› Fach Dermatologie) zu den sog. Kollagenosen gerechnet. Hierunter versteht man Autoimmunkrankheiten, die bevorzugt das Bindegewebe (und dessen Kollagen)
unterschiedlichster Organe betreffen.
Das bevorzugte Alter ist das mittlere Erwachsenenalter,
doch sind in jedem 5. Fall Kinder betroffen. Die Erkrankung ist
mit etwa 5/1 Million Einwohner insgesamt selten.
Krankheitsentstehung
Die eigentliche Ursache ist unbekannt. Wegen familiärer Häufungen sowie dem oft vorhandenen HLA-DR3 vermutet man
eine genetische Komponente in Verbindung mit einem viralen
Infekt. Im Tierversuch lässt sich die Polymyositis durch Coxsackie-Viren auslösen. Entsprechend lässt sich dieses Virus häufig auch bei der Polymyositis v. a. von Kindern nachweisen.
Die wahrscheinlichste Ursache besteht also in einer Kreuzreaktivität zu einem letztendlich noch unbekannten Virus.
Symptomatik
Die Erkrankung beginnt schleichend mit einer muskulären
Schwäche, die sich symmetrisch auf die proximale Muskulatur
der Extremitäten beschränkt. Die Patienten haben in typischen
Fällen Schwierigkeiten, aus dem Sitzen aufzustehen oder Treppen zu steigen. Teilweise sind weitere Muskelgruppen betroffen, sodass es z.B. zur Dysphagie oder sogar Schlucklähmung
kommt. Lediglich bei einem Teil der Patienten entstehen
Schmerzen in der betroffenen Muskulatur.
Ist die Haut mitbetroffen (Dermatomyositis = Lila-Krankheit), sieht man hauptsächlich an Gesicht und oberem Thorax
lilafarbene, ödematöse, später atrophische Erytheme
(› Abb. 4.18).
Diagnostik
Die Klassifikation der Polymyositis erfolgt gemeinsam mit der
Dermatomyositis, obwohl die Krankheiten wahrscheinlich
nicht identisch sind . In der Muskelbiopsie findet man bei der
Polymyositis entzündliche Infiltrate um die Gefäße des Bindegewebes herum sowie degenerative Veränderungen der
Muskulatur. Im Serum ist die CK (Kreatinkinase) erhöht.
Therapie
Therapeutisch gibt man Glukokortikoide und weitere Immunsuppressiva.
Abb. 4.18 Dermatomyositis („Lila-Krankheit“). [21]
4.9 Rheumatisches Fieber 143
Zusammenfassung
Polymyositis: Autoimmunerkrankung mit Befall der Muskulatur; gehört zu den Kollagenosen (Autoimmunerkrankung,
die das Bindegewebe betrifft); kann in Zusammenhang mit einer anderen Kollagenose oder einem malignen Tumor auftreten; Dermatomyositis: Polymyositis mit gleichzeitigem Befall
der Haut
• Symptome:
– Schwäche der proximalen Muskulatur der Extremitäten
– selten Schmerzen
– Befall des Ösophagus mit Schluckstörungen möglich
(Dysphagie)
– Dermatomyositis: lilafarbene, ödematöse Erytheme an
Gesicht und Thorax
• Diagnostik: CK erhöht, Muskelbiopsie
• Therapie: Glukokortikoide, evtl. Immunsuppressiva
4.9 Rheumatisches Fieber
Diese Erkrankung ist heute in der westlichen Welt sehr selten
geworden, was den verbesserten hygienischen Verhältnissen
und dem großzügigen Einsatz des Penicillins bei Tonsillitiden
zuzuschreiben ist. Inzwischen gibt es die Erkrankung fast nur
noch in den Entwicklungsländern. Man rechnet mit > 15 Millionen Menschen, die an einer rheumatischen Herzerkrankung leiden, mit etwa 250.000 Sterbefällen/Jahr.
Krankheitsentstehung
Das rheumatische Fieber gehört wie die Mehrzahl rheumatischer Erkrankungen zu den Autoimmunkrankheiten. Auslöser sind sog. β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A und von diesen wiederum nur einige wenige Untertypen (z. B. die Serotypen 3, 5, 6, 10 und 18). Auch Erbfaktoren des Menschen, die noch nicht endgültig definiert worden
sind, bestimmen, ob eine unbehandelte Tonsillitis oder ein
Scharlach ein rheumatisches Fieber nach sich ziehen können.
Es führt also längst nicht jede Angina tonsillaris zum rheumatischen Fieber. Insgesamt wird das Risiko, im Anschluss an
eine unbehandelte Streptokokken-Tonsillitis ein rheumatisches Fieber zu entwickeln, auf 3% geschätzt. Betroffen sind,
entsprechend dem Vorkommen von Angina und Scharlach,
überwiegend Kinder und Jugendliche, seltener auch junge
Erwachsene.
In der Folge einer Angina tonsillaris oder eines Scharlach
durch diese Bakterien erkennt das Immunsystem einzelne Moleküle in Geweben von Gelenken, Herz und weiteren Strukturen als „fremd“, verwechselt diese Gewebe also mit bakteriellen
Antigenen und versucht, die vermeintlichen Eindringlinge zu
vernichten. Ursache hierfür ist die Übereinstimmung bestimmter Eiweiß- und Kohlenhydratsequenzen der Streptokokken-Zellwand und -Zellmembran mit Molekülsequenzen
menschlichen Gewebes (Kreuzreaktivität). Dem Verständnis
zuliebe sollte man sich daran erinnern (› Fach Immunologie), dass sich in grauer Vorzeit alles Leben aus Bakterien weiterentwickelt hat. Membransequenzen, die sich bewährten,
brauchten im Laufe der Evolution nicht verändert zu werden.
Dies gilt auch für die insgesamt 20 Aminosäuren, aus denen
sich jegliches Eiweiß in Einzellern, Pflanzen und Tieren zusammensetzt.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Es verwundert angesichts der enormen medizinischen Fortschritte der
vergangenen Jahrzehnte ein wenig, dass das rheumatische Fieber die
einzige unter hunderten Autoimmunkrankheiten darstellt, bei der der
Erreger zuverlässig bekannt ist. Bei einzelnen weiteren werden immerhin Vermutungen angestellt. Bei 99% tappt man definitiv im
Dunkeln.
Symptomatik
Das rheumatische Fieber des Bewegungsapparates beginnt etwa 2 (1–4) Wochen nach einer nicht oder nicht ausreichend
behandelten Tonsillitis mit Fieber und einer sehr schmerzhaften Polyarthritis, die häufig innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen von einem Gelenk zum nächsten wandert (Arthritis
saltans) und dort jeweils die typischen Entzündungszeichen
Schwellung, Rötung, Überwärmung und Schmerzen verursacht.
Auch subkutane Knötchen (Rheumaknoten) wie beim
„echten Rheuma“ können entstehen, sind also kein Unterscheidungsmerkmal. Das Fieber ist allerdings zumeist wesentlich höher (> 39 °C), der gesamte Beginn wesentlich akuter
und dramatischer.
Zu beachten ist, dass sich der zumeist definierte, durchschnittliche Beginn der Erkrankung von 2 Wochen nach der
Streptokokkeninfektion auf die abgeklungene Tonsillitis bezieht. Definiert man die Zeitspanne ausgehend von deren Beginn, sind es im Durchschnitt etwa 3 Wochen.
Typisch für das rheumatische Fieber ist also neben der
Streptokokkenanamnese und dem zumeist hohen Fieber der
asymmetrische, wechselnde Befall zumeist großer Gelenke –
v. a. Knie, Ellbogen, Hand- und Sprunggelenke. Selten können auch einmal mehrere und teilweise kleinere Gelenke
gleichzeitig betroffen sein, ohne nachfolgenden Wechsel auf
weitere Gelenke.
Die Tonsillitis kann allerdings inapparent verlaufen, nicht
jeder vermag Fieber zu entwickeln, selbst der Gelenkbefall
kann fehlen. Aus diesem Grund wurden Kriterien (sog. JonesKriterien) definiert, die sich in 5 Hauptkriterien sowie eine
Reihe von Nebenkriterien gliedern. Zu den Hauptkriterien
zählen neben der Arthritis saltans (zusätzliche) Organbeteiligungen als Karditis, Chorea minor bzw., die Haut betreffend,
Rheumaknoten und Erythema anulare. Daraus geht gleichzeitig hervor, dass das rheumatische Fieber nur teilweise auf den
Bewegungsapparat beschränkt bleibt, häufig jedoch weitere
Organe wie Herz, Nervensystem oder Haut in das Geschehen
einbezieht.
144 4 Ausgewählte Erkrankungen
Karditis
Die in etwa jedem 2. Fall entstehende Karditis ist in der Regel eine
Pankarditis, betrifft also alle 3 Schichten des Herzens. Die häufigsten Symptome bestehen in einer Sinustachykardie, einer Mitralinsuffizienz und/oder -stenose, einer Arrhythmie (Galopprhythmus), einem Perikardreiben und einer Vergrößerung des Herzens
infolge Insuffizienz oder Perikarderguss. Im interstitiellen Gewebe des Myokards finden sich Granulome aus Riesenzellen, weiteren Leukozyten und zentraler Nekrose, die sog. Aschoff-GeipelKnötchen. Die akute Letalität der Karditis liegt zwischen 2 und 5%.
M E R K E
Patienten mit Verdacht auf oder dem Nachweis eines rheumatischen
Fiebers müssen engmaschig kardiologisch überwacht werden.
Chorea minor
Die Chorea minor (Sydenham) entwickelt sich infolge zerebraler Beteiligung (Corpus striatum) teilweise erst nach etlichen
Monaten und betrifft v. a. Mädchen. Sie stellt eine Ausschlussdiagnose dar, weil es keine diagnostischen Kriterien gibt, die
sie beweisen würden.
Die Symptome bestehen in unwillkürlichen, schnellen Bewegungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen, häufig in den
distalen Extremitäten, teilweise auch im Gesicht (Grimassieren). Der Muskeltonus ist außerhalb der Zuckungen erniedrigt.
Häufig bestehen gleichzeitig psychische Veränderungen wie Antriebsminderung oder Reizbarkeit. Die Chorea minor ist in aller
Regel selbstlimitierend und heilt innerhalb von 2 Monaten aus.
Rheumaknoten
Die (seltenen) subkutanen Knötchen (Rheumaknoten)
entstehen erst im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf und nur
bei unzureichender Therapie – am häufigsten, entsprechend der
chronischen Polyarthritis, über den Streckseiten von Gelenken.
Erythema anulare
Das seltene Erythema anulare (Erythema marginatum) erscheint bevorzugt am Stamm. Typisch ist seine randbetonte,
ring- bzw. girlandenartige Form mit zunehmender Ausbreitung in die Peripherie (Erythema anulare centrifugum)
(› Abb. 4.19). Typisch ist auch, dass es abblassen kann, um in
der Folge erneut hervorzutreten.
Diagnostik
Nach den offiziellen Vorgaben darf die Diagnose eines rheumatischen Fiebers nur dann gestellt werden, wenn zumindest
2 Hauptkriterien oder 1 Hauptkriterium in Verbindung mit
2 Nebenkriterien vorhanden sind. Obligat wird der zumindest
indirekte Nachweis der Streptokokken, entweder durch Kultur
oder durch Labortests (z.B. ASL) gefordert.
Hauptkriterien nach Jones
• Arthritis saltans (vorhanden in 75% aller Fälle)
• Karditis (> 50%)
• Chorea minor (= Chorea Sydenham, < 10%)
• Rheumaknoten (< 10%)
• Erythema anulare (< 10%)
Nebenkriterien nach Jones
Als Nebenkriterien sind Fieber, Gelenkschmerzen (= Arthralgie, nicht Arthritis), EKG-Veränderungen (z.B. AV-Block)
und verschiedene Laborparameter wie BSG-Beschleunigung,
Leukozytose und CRP-Erhöhung definiert. Auch der Nachweis
von A-Streptokokken im Rachenabstrich oder zumindest der
Hinweis auf eine vorausgegangene Streptokokkenerkrankung
gehören zu den Nebenkriterien.
Labordiagnostik
Laborchemisch wichtig ist besonders der Nachweis eines erhöhten Antistreptolysin-Titers (ASL) im Blutserum, ersatzweise auch des Antistreptokinase-Titers. Der ASL ist beim
rheumatischen Fieber, im Gegensatz zum Rheuma-Faktor bei
der cP, in den meisten Fällen (80–90%) nachweisbar erhöht.
Daneben findet man eine Leukozytose und zirkulierende Antigen-Antikörper-Komplexe. Die BKS ist stark beschleunigt,
der CRP-Titer erhöht.
Therapie
Die Therapie besteht aus Bettruhe und Penicillin, bei Herzbeteiligung über Jahre (prophylaktisch), und ASS (Aspirin®) in hoher
Dosierung; bei Herzbeteiligung gibt man meist während der akuten Phase zusätzlich Glukokortikoide, obwohl ein Nutzen nicht
belegt ist. Während hierunter sämtliche Symptome folgenlos abheilen, bestimmt die eventuell aufgetretene Karditis nicht nur die
Dauer der Therapie, sondern auch die Prognose (Letalität 2–5%).
Abb. 4.19 Erythema anulare (centrifugum) [5]
4.10 Morbus Bechterew 145
M E R K E
Für den Heilpraktiker besteht nach den §§ 24 und 34 IfSG ein Behandlungsverbot für A-Streptokokkenerkrankungen, sodass
sich z.B. homöopathische Therapien einer chronisch rezidivierenden
Tonsillitis auf die beschwerdefreien Intervalle beschränken müssen.
Das Behandlungsverbot erstreckt sich uneingeschränkt auch auf Folgekrankheiten wie z. B. das rheumatische Fieber.
Glomerulonephritis
Unabhängig vom rheumatischen Fieber, und nur selten gemeinsam mit ihm auftretend, kommt es manchmal 2–3 Wochen nach einer Angina tonsillaris, einem Scharlach oder,
extrem selten, nach einer Hauterkrankung durch Streptokokken (z.B. Impetigo contagiosa) zu einer Mitbeteiligung der
Niere in Gestalt einer Glomerulonephritis (Poststreptokokkennephritis). Die Erkrankung wird im › Fach Urologie besprochen und soll hier nur aus dem Zusammenhang heraus
erwähnt werden.
Der Pathomechanismus ist gegenüber den Erscheinungen
des rheumatischen Fiebers ein grundlegend anderer: Im einen
Fall wird körpereigenes Gewebe durch einen direkten Angriff
des Immunsystems geschädigt (Autoimmunkrankheit); bei
der Glomerulonephritis lagern sich dagegen zirkulierende
Immunkomplexe (Antigen-Antikörper-Komplexe; › Fach
› Immunologie) in die Glomeruli der Niere und führen dort
über eine Komplementaktivierung zur Entzündung.
H I N W E I S P R Ü F U N G
Obwohl das rheumatische Fieber eine klar definierte Autoimmunerkrankung darstellt, mit Autoantikörpern z. B. gegen Myosin, Tropomyosin, Laminin (u. a. im Endokardgewebe enthalten), Keratin und
weiteren humanen Strukturen, die eine molekulare Mimikry (Ähnlichkeit bzw. Identität) mit bestimmten Streptokokkenstrukturen (z. B.
M-Protein) aufweisen, ist in Deutschland eine erstaunliche Entwicklung zu beobachten, die auch einschlägige Lexika wie Pschyrembel,
Roche oder Springer erfasst hat. Während im Pschyrembel etwas verschwommen von einer „postinfektiösen, entzündlich-rheumatischen
Systemerkrankung“ die Rede ist, die durch eine „abnorme Sensibilisierung und Antikörperbildung“ zustande kommen soll, wird im Roche Lexikon behauptet, die Entzündung werde durch „Toxine der AStreptokokken verursacht“. Leider wird im Pschyrembel nicht weiter
ausgeführt, was der geneigte Leser sich unter einer „abnormen Sensibilisierung“ vorstellen darf, denn autoimmun ist nicht gleichbedeutend mit abnorm. Stattdessen erfährt man, dass es sich bei der Arthritis um eine „reaktive Arthritis“ handelt – vorsichtig formuliert ein
sehr unglücklicher Begriff, weil dieselbe zwar nach Streptokokkenerkrankungen entstehen kann, aber gerade nicht im Zusammenhang
mit dem rheumatischen Fieber. Der Begriff tauchte dann auch in der
Heilpraktikerprüfung auf und war anzukreuzen.
Der Begriff „autoimmun“ wird in den Lexika streng vermieden. Bei
den wenigen aufgelisteten Autoimmunkrankheiten unter diesem
Stichwort sucht man denn auch vergeblich nach dem rheumatischen
Fieber. Dafür tauchen hier dann Krankheiten wie Morbus Crohn und
Colitis ulcerosa auf, die dieser Gruppe gerade nicht angehören. Den
Prüflingen sei an dieser Stelle empfohlen, die Medizin zumindest im
Mündlichen korrekt zu definieren und die Kreuzchen im Schriftlichen
dort zu setzen, wo dies nach bisherigen Erfahrungen erwartet wird.
Zusammenfassung
Rheumatisches Fieber: vorangehender Infekt mit
β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A (Angina tonsillaris, Scharlach) führt zu Autoimmunreaktion (Kreuzreaktivität); heute selten aufgrund frühzeitiger Therapie mit Penicillin
• Symptome:
– 2 Wochen nach Streptokokken-Infekt meist hohes Fieber
– wandernde Polyarthritis (Arthritis saltans) meist großer
Gelenke
– subkutane Knötchen (Rheumaknoten)
– Erythema anulare: stammbetont, randbetont, ring- oder
girlandenförmig
– (Pan-)Karditis: Sinustachykardie, Mitralklappenfehler,
Arrhythmie, Perikardreiben, Perikarderguss
– Chorea minor: unwillkürliche, schnelle Muskelzuckungen
• Diagnostik:
– 2 diagnostische Hauptkriterien oder 1 Hauptkriterium
und 2 Nebenkriterien nach Jones müssen erfüllt sein
– Nachweis des Streptokokkeninfektes, erhöhter ASL-Titer
– Leukozytose, CRP-Erhöhung, stark beschleunigte Senkung
• Therapie:
– Bettruhe
– Penicillin, bei Herzbeteiligung als Rezidivprophylaxe
über Jahre
– ASS in hoher Dosierung
– bei Herzbeteiligung evtl. Glukokortikoide
4.10 Morbus Bechterew
Die Bechterew-Krankheit (Spondylitis ankylosans oder auch
Spondylitis ankylopoetica) ist eine chronische, entzündliche
Erkrankung, die hauptsächlich das Achsenskelett (Wirbelsäule und Iliosakralgelenke), daneben aber auch die stammnahen
Gelenke befällt.
Betroffen sind überwiegend junge Männer etwa zwischen 15
und 35 Jahren. Gelegentlich tritt sie erst nach dem 40. Lebensjahr in Erscheinung. Die Bechterew-Erkrankung beginnt also
frühestens zum Ende der Pubertät, während z.B. der Morbus
Scheuermann zu diesem Zeitpunkt bereits abgeklungen ist.
Auch Frauen können daran erkranken, doch ist hier der
Verlauf zumeist so milde, dass sie nicht diagnostiziert werden
und von daher auch statistisch nicht korrekt repräsentiert sind.
Insgesamt rechnet man in Deutschland mit 800.000 Patienten,
also 1% der Bevölkerung.
Krankheitsentstehung
Auch der Morbus Bechterew ist eine Autoimmunerkrankung.
Auffallend ist seine nahezu vollständige Assoziation mit dem
HLA-B27, d. h. er kommt bei Menschen ohne HLA-B27 praktisch nicht vor (weniger als 5% → möglicherweise fehldiagnostiziert). Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass es zu familiären
146 4 Ausgewählte Erkrankungen
Häufungen kommen muss. Wie bei sämtlichen Autoimmunerkrankungen ist bei der Spondylitis ankylosans davon auszugehen, dass das bisher unbekannte infektiöse Agens (Bakterien
oder Viren) auf seiner Oberfläche Strukturen enthält, die mit
Teilen menschlicher Gewebestrukturen nahe verwandt oder
identisch sind.
Während sich bei der chronischen Polyarthritis der Angriff
des Immunsystems gegen die innere Schicht der Gelenkkapsel
(= Membrana synovialis) richtet, ist beim Morbus Bechterew
deren äußere Schicht (= Membrana fibrosa) betroffen. Dasselbe, ungemein derbe, kollagenfaserreiche Bindegewebe ist
auch in den Bandstrukturen der Gelenke sowie in den Sehnen
zu finden. Letztendlich gilt diese Strukturverwandtschaft auch
für Faserknorpel, sodass sowohl die Symphyse als auch die
Disci intervertebrales in den Krankheitsprozess einbezogen
sein können.
Zusammengefasst ist beim Morbus Bechterew generalisiert
alles kollagenfaserreiche, wasserarme Gewebe betroffen. Diese
kaum oder gar nicht durchbluteten Strukturen reagieren auf
den Angriff des Immunsystems mit einer nur langsam fortschreitenden, mäßig ausgeprägten, klinisch oft kaum erkennbaren Entzündung.
Symptomatik
Das Gelenk mit dem ausgeprägtesten Bandapparat ist das Iliosakralgelenk, das aus diesem Grund trotz seines Gelenkcharakters (Scharniergelenk) funktionell zur Bandhaft geworden
ist. Das ISG ist deswegen auch das Gelenk, das nahezu ausnahmslos und zumeist auch als erstes von der Erkrankung erfasst wird.
Die Achillessehne als stärkster Sehne des Körpers mit breitem Ansatz am Fersenbeinhöcker ist häufig befallen. Es entsteht der typische Fersenschmerz.
Eine breite Sehneninsertion findet sich auch am Tuber ischiadicum (langer Kopf der Mm. biceps femoris, semitendinosus und semimembranosus). Hier entsteht der ebenfalls häufige und typische Gesäßschmerz des Bechterew-Patienten.
Weitere häufige Schmerzlokalisationen sind die vorderen
Darmbeinstachel und die Schambeinfuge.
Die Krankheit beginnt, ähnlich wie zahlreiche weitere
schwere und/oder chronische Krankheiten (einschließlich der
chronischen Polyarthritis), schleichend mit allgemeinem
Krankheitsgefühl, Müdigkeit und Schwäche, Gewichtsverlust, evtl. nächtlichem Schwitzen und subfebrilen Temperaturen. Häufig kommt es bereits im Frühstadium zu Schmerzen in den Fersen, an der Spina iliaca anterior superior oder
am Tuber ischiadicum (Gesäßschmerz) mit Ausstrahlung in
den dorsalen Oberschenkel.
Das häufigste Erstsymptom besteht in lumbalen Schmerzen (→ Sakroileitis), eventuell mit Ausstrahlung in den Oberschenkel. Besonders ausgeprägt bestehen diese Beschwerden
in Ruhe, also überwiegend nachts oder in den frühen Morgenstunden, wodurch die Patienten aus dem Bett getrieben
werden, um durch Umherlaufen Erleichterung zu erfahren.
M E R K E
Die Sakroileitis kann dadurch sehr leicht mit einer Blockade des ISG
verwechselt werden, die identische Symptome verursachen kann.
Hilfreich ist dann das Röntgenbild, in dem die Sakroileitis gut zu erkennen ist, nicht aber die Blockade.
Neben den Schmerzen besteht, ähnlich wie bei der cP auch
beim Morbus Bechterew eine Morgensteifigkeit – hier allerdings nicht in den Fingern, sondern im Bereich der LWS. Teilweise können ein thorakales Engegefühl bzw. Schmerzen bei
der Inspiration beobachtet werden. Die Ursache ist ein Befall
der Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen (Kostotransversal- und Kostovertebralgelenke), wodurch die üblichen
Atemexkursionen eingeschränkt werden. Die Atemverschieblichkeit des Thorax ist hierbei bis auf die Hälfte oder weniger
vermindert. In fortgeschrittenen Stadien ist nur noch die
Zwerchfellatmung möglich.
Bei jedem 4. Patienten sind die Augen mitbefallen (Konjunktivitis, Iritis), häufig auch in der Kombination mit einer
Entzündung der Harnröhre (Urethritis).
M E R K E
Die Kombination aus Konjunktivitis, Urethritis und Arthritis
wird auch als eigenständiges Krankheitsbild beobachtet und als
Morbus Reiter bezeichnet. Auch der Morbus Reiter ist eine Autoimmunerkrankung junger Männer und häufig assoziiert mit HLAB27, sodass beide Erkrankungen evtl. dieselbe Ursache haben (Chlamydien, Yersinien?).
Bei jedem 2. Patienten besteht in der Frühphase der Erkrankung gleichzeitig eine periphere Arthritis in Hüft- oder
Schultergelenken, teilweise aber auch in Knie- und Sprunggelenken oder in Fingern und Zehen (› Abb. 4.20). Der Begriff
„Arthritis“ ist hierbei nicht wörtlich zu nehmen, da primär
nicht der Binnenraum des Gelenks, sondern seine Umgebung
betroffen ist.
Die Sklerosierung von Kapseln, Bändern und Sehnenansätzen führt durch die entstehenden Fehlstellungen der Gelenkflächen mit resultierenden punktuellen Überlastungen geAbb. 4.20 Beteiligung kleiner Fingergelenke beim Morbus Bechterew.
[21]
4.10 Morbus Bechterew 147
setzmäßig zur fortschreitenden Arthrose und damit letztendlich auch zu Gelenkdestruktionen und Ankylosen, beschleunigt durch die Entzündung der Umgebung.
Besonders ausgeprägt sind dieselben im Bereich der Wirbelsäule – zum einen, weil auch die kleinen Wirbelgelenke betroffen sind, und zum anderen, weil die Bandstrukturen der
Wirbelsäule und die Zwischenwirbelscheiben ebenfalls in den
Prozess einbezogen werden. Der Anulus fibrosus kann im
Verlauf der Krankheit sogar verknöchern. Bevor jedoch dieses
Endstadium erreicht ist, tritt eine allmählich über Jahre und
Jahrzehnte zunehmende und messbare Bewegungseinschränkung einzelner Wirbelsäulenabschnitte auf – v. a. in BWS und
LWS. Die Bandstrukturen der Wirbelsäule verkalken zunächst,
um zuletzt ebenfalls zu verknöchern, sodass im Endstadium
des Morbus Bechterew eine vollständige Einsteifung der gesamten Wirbelsäule resultiert – zumeist in der Form einer
Hyperkyphosierung der BWS, also mit extremem, fixiertem
Rundrücken (› Abb. 4.21). Die physiologische LWS-Lordose
ist aufgehoben oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Patienten
könnten im Endstadium mit dem Gesicht über dem Boden
nicht mehr nach vorne blicken, wenn sie nicht beizeiten auch
eine Hyperlordosierung ihrer HWS entwickeln würden. Dieser Endzustand des Morbus Bechterew wird heute allerdings
nur noch bei ca. 10% der Erkrankten gesehen.
Oft ist der Verlauf schubweise. Auf Zeiten fortschreitender
Behinderung und starker Schmerzen folgen Jahre relativer Ruhe. Manchmal kommt der Prozess auch zum Stillstand.
Diagnostik
Die Diagnose ergibt sich aus dem Nachweis einer ein- oder
beidseitigen Sakroileitis in Verbindung mit einer eingeschränkten LWS-Beweglichkeit (Schober-Zeichen; › 2.3.1)
und den in der Summe sehr typischen Schmerzen (Ferse, Spina iliaca, Tuber ischiadicum, Iritis). Die Sakroileitis kann
durch das Zeichen nach Mennell vermutet, und im Röntgenbild nachgewiesen werden. Die Blockade der Sakroiliakalgelenke, die häufig eine ähnliche Symptomatik mit frühmorgendlichen Schmerzen verursacht, ist von der Entzündung im Röntgenbild deutlich abzugrenzen. Das Zeichen nach Mennell ist
negativ.
Die BSG ist häufig stark beschleunigt. Der Nachweis von
HLA-B27 beseitigt eventuell noch bestehende diagnostische
Zweifel.
Bänder sind im Röntgenbild nicht sichtbar. Ihre Kalksalzeinlagerung beim Morbus Bechterew lässt sie aber sichtbar
werden. Kommt es im Endstadium der Erkrankung zur Verknöcherung des Anulus fibrosus, bei gleichzeitiger Osteoporose der Wirbelkörper und Verkalkung der Längsbänder, sieht
man im Röntgenbild die typische Bambusstabwirbelsäule des
Bechterew-Patienten (› Abb. 4.22).
Therapie
Ziel der Therapie ist Schmerzarmut und möglichst lange Erhaltung der Beweglichkeit. Ganz im Vordergrund steht hier
die regelmäßig durchgeführte Krankengymnastik. Insgesamt
entspricht sie der Therapie bei der cP. Auf Glukokortikoide
wird allerdings mangels Wirksamkeit in der Regel verzichtet.
Neuerdings werden stattdessen die auch nicht harmloseren
Medikamente aus der Gruppe der sog. Biologika (› 4.5) eingesetzt.
Abb. 4.21 Endstadium des Morbus Bechterew mit fixiertem Rundrücken.
[21] Abb. 4.22 Bambusstabwirbelsäule bei Morbus Bechterew. [6]
148 4 Ausgewählte Erkrankungen
Zusammenfassung
Morbus Bechterew (ankylosierende Spondylitis): chronische Entzündung des Achsenskeletts und der stammnahen
Gelenke; Autoimmunerkrankung, bei der das kollagenfaserreiche Bindegewebe betroffen ist; überwiegend bei jungen
Männern
• Symptome:
– allgemeines Krankheitsgefühl: Müdigkeit, Schwäche, Gewichtsverlust, subfebrile Temperaturen, nächtliches
Schwitzen
– Sakroileitis mit Rückenschmerzen
– Morgensteifigkeit der LWS
– Bewegungseinschränkung einzelner Wirbelsäulenabschnitte bis zur Versteifung
– Schmerzen bei der Inspiration durch Befall der Kostotransversal- und Kostovertebralgelenke
– Fersenschmerz
– Gesäßschmerz
– evtl. Iritis, Konjunktivitis (→ Morbus Reiter)
• Diagnostik:
– klinisches Bild
– BSG deutlich erhöht, HLA-B27 positiv
– Röntgen: verkalkte Bänder, Bambusstabwirbelsäule
• Therapie:
– Physiotherapie
– NSAR
– Biologika
4.11 Osteoporose
Die Osteoporose nimmt als eine typische Erkrankung des Alters mit der zunehmenden Anzahl alter Menschen ständig zu.
Sie ist heute die häufigste Skeletterkrankung überhaupt. Bei
etwa 25% aller Frauen über 60 ist sie derart ausgeprägt, dass
Wirbelkörperdeformierungen auftreten. Die Osteoporose
stellt damit ein enormes sozialmedizinisches Problem dar –
von den Auswirkungen auf die Betroffenen ganz zu schweigen.
Je nach dem Ausmaß der Krankheit, erkennbar in der Knochendichtemessung, unterteilt man die Erkrankung in die Osteopenie (mäßige Ausprägung), die eigentliche Osteoporose
sowie in die manifeste Osteoporose, bei der es bereits zu
Frakturen gekommen ist.
Krankheitsentstehung
Osteoporose bedeutet „Ausdünnung“ des Knochens. Das Verhältnis seiner Bestandteile zueinander ist normal. Die Aktivität der Osteoklasten ist im Verhältnis zur Aktivität der Osteoblasten gesteigert. Die Abbauvorgänge übertreffen diejenigen
des Aufbaus, sind aber im Gegensatz zu anderen Knochenerkrankungen gleichmäßig und geordnet und betreffen sämtliche Strukturen (› Abb. 4.23).
Es handelt sich also um ein quantitatives, nicht qualitatives
Problem. Dementsprechend ist die übliche Übersetzung „Knochenentkalkung“ nicht korrekt. Der Zustand der Knochenentkalkung, bei dem tatsächlich nur ein Mangel an eingelagertem
Calcium zu verzeichnen ist, heißt Osteomalazie bzw., beim
Kind, Rachitis (› 4.12). Bei der Osteomalazie ist der Knochen durch den Calciummangel weicher als üblich. Der osteoporotische Knochen ist nicht weicher, sondern durch die Rarefizierung der Knochenbälkchen und Verdünnung der Kortikalis „spröde und brüchig wie Glas“.
Der Knochenaufbau und seine innere Struktur werden in
der Kindheit, der Jugend und den folgenden Jahrzehnten den
körperlichen Aktivitäten dieser Zeit angepasst. Der Knochen
wächst und verfestigt sich analog zu den geforderten Belastungen – besonders ausgeprägt bis zum Ende der Pubertät.
Es ist von daher nicht verwunderlich, wenn er sich angesichts
der geringen Anforderungen, welche die Aktivitäten alter
Menschen an ihn stellen, zurückbildet. Auch ein junger
Mensch, der z. B. nach einem schweren Unfall über Monate
immobilisiert wird, verliert große Anteile seiner Muskulatur
wie auch seiner Knochensubstanz. Erst der gezielte und tatkräftige Aufbau im Zuge der Mobilisierung verhilft ihm
schließlich wieder zu früherer Stärke, sofern der Zeitraum
der Immobilisation nicht wesentlich länger als 4 Monate gedauert hat.
Eine gewisse Osteoporose des alternden Menschen ist also
schon von daher physiologisch, doch addieren sich zu deren
Ausprägung noch weitere Faktoren hinzu. Die größte Bedeutung kommt bei der Frau den hormonellen Veränderungen
mit Absinken der Östrogene nach der Menopause zu. Beim
Mann fällt der Testosteronspiegel bei Weitem nicht im gleichen Umfang, sodass die Osteoporose mit zunehmender
Frakturgefährdung in erster Linie eine Erkrankung der alternden Frau darstellt. Dazu kommt die größere Knochenmasse
des Mannes, die im Alter größere Reserven bietet. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch Männer ihre Osteoporose beAbb. 4.23 a Normale Spongiosa. b Spongiosa
bei Osteoporose. [23]
4.11 Osteoporose 149
kommen würden – nur eben später und nicht unbedingt im
selben Ausmaß.
Manchmal spielen weitere Hormonveränderungen eine Rolle. Die Hormone Parathormon und Calcitonin steuern direkt
den Ab- und Aufbau des Knochens. Die Schilddrüsenhormone greifen in das Regelwerk ein. Wachstumshormon und v. a.
das D-Hormon sind von Bedeutung. Der im Alter veränderte
Biorhythmus mag dazuhelfen.
Besonders wichtig ist auch das Hormon Cortisol, das bei einem Überangebot von innen (z.B. Morbus Cushing) oder außen (Medikamente) eine ausgeprägte Osteoporose in jedem
Lebensalter verursacht. Im Gegensatz zur primären Osteoporose des Alters nennt man dies eine sekundäre Osteoporose.
Weitere sekundäre Osteoporosen gibt es bei Anorexia nervosa, anderen massiven Unter- und Fehlernährungen hauptsächlich in Bezug auf Eiweiß, Hypogonadismus v. a. bei Frauen, fortgeschrittenem Diabetes mellitus und bei Immobilisierung. Übergewicht führt nicht zur Osteoporose: Zusätzliches
Gewicht belastet auch Knochen zusätzlich und im Fettgewebe
werden sogar, auch nach der Menopause, stabilisierende Östrogene produziert.
Symptomatik und Folgen
Die Reduzierung der Knochenmasse betrifft zunächst die
Spongiosa und erst später auch die Kortikalis. Demzufolge
finden sich zunächst vermehrt Wirbelkörpereinbrüche
(„Fischwirbelbildung“ mit zentral eingebrochenen Wirbeln;
› Abb. 4.24) und erst später dann gehäuft auch Schenkelhalsfrakturen.
Eine Osteoporose verursacht Schmerzen v. a. im Bereich des
Rückens. Teilweise ist daran die vermehrte Beanspruchung
der Muskulatur bei Deformierungen der Wirbelsäule beteiligt.
Der wesentliche Schmerz entsteht aber durch die häufigen Impressionsfrakturen der Wirbelkörper, wodurch es zu Verkrümmungen der Wirbelsäule kommen kann („Witwenbuckel“). Seltener entstehen Schmerzen auch in peripheren
Knochen.
Diagnostik
Im Röntgenbild sieht man eine erhöhte Strahlendurchlässigkeit der Knochen, ohne dass dies aber für das Ausmaß der Osteoporose beweisend wäre (› Abb. 4.25). Die erhöhte Strahlendurchlässigkeit ist auch erst zu erkennen, wenn bereits mindestens 30% der Knochenmasse verloren gegangen sind. Sehr
viel genauer ist die Computertomographie (CT).
Heute misst man üblicherweise mittels der Osteodensitometrie (Knochendichtemessung = Messung der Photonenabsorption), die aber immer noch nicht genau reproduzierbare
Werte liefert. Inzwischen wird sogar Ultraschall verwendet. Es
versteht sich von selbst, dass man ungeachtet der verwendeten
Untersuchungsmethode im besten Fall das Ausmaß der verminderten Knochendichte feststellen kann, aber nicht deren
Ursache.
M E R K E
Laborparameter als Hinweis auf eine Osteoporose gibt es nicht; alle
Laborwerte sind üblicherweise normal.
Therapie
Der Wert einer Calciumzufuhr bei der Therapie der Osteoporose war früher umstritten, stellt aber heute die wesentliche
Säule einer jeden therapeutischen Maßnahme dar. Im Vordergrund stehen Milch und Milchprodukte wie Käse und Joghurt,
calciumreiche Mineralwässer und Medikamente. In grünem
Gemüse wie Bohnen, Brokkoli usw. sind ebenfalls geringere
Abb. 4.24 „Fischwirbel“ bei Osteoporose. [45]
Abb. 4.25 Inaktivitätsosteoporose der linken Hand nach Ruhigstellung:
vermehrte Strahlendurchlässigkeit und sehr dünne, kaum noch erkennbare
Kortikalis. [57]
150 4 Ausgewählte Erkrankungen
Mengen an Calcium enthalten. Die Zufuhr sollte 1,0–1,5 g/Tag
betragen, ergänzt durch die (Sommer-)Sonne bzw. Vitamin D
zumindest im Winterhalbjahr.
Calcitonin als „natürlichste“ Therapieform (Stimulation
der Osteoblasten) hilft, ist aber viel zu teuer für eine breite
Anwendung. Auffallend an der Injektionstherapie mit Calcitonin ist, dass der Osteoporose-Schmerz oft in den ersten Therapiewochen verschwindet, obwohl zu diesem Zeitpunkt von
einem nennenswerten Knochenaufbau noch keine Rede sein
kann.
Fluoride sind teilweise noch im Gebrauch, führen aber am
Oberschenkel eher zu einer Häufung der Frakturrate, während
sie die Wirbelsäule zu stabilisieren vermögen. Sie sind eigentlich obsolet, weil die modernen Therapieformen ungleich
wirksamer sind.
Seit etlichen Jahren sind die Bisphosphonate (nicht Phosphate!) auf dem Markt, die durch eine Hemmung der Osteoklasten echten Fortschritt ermöglichten. Diese Präparate sind
allerdings verschreibungspflichtig und bleiben daher dem Arzt
vorbehalten.
Raloxifen (Evista®, Optruma®) und verwandte Präparate
stellten bis vor kurzem die modernste Therapieform für
weibliche Patienten dar. Die Präparate besitzen östrogene
Eigenschaften, die sich überwiegend nur am Knochen manifestieren. Trotzdem ist auch unter Raloxifen das Thromboserisiko wie unter den üblichen Hormontherapien leicht erhöht.
2010 eingeführt wurde mit Denosumab (Prolia®) ein ganz
neuer Therapieansatz. Es handelt sich um gentechnologisch
hergestellte Antikörper gegen einen Membranrezeptor der Osteoklasten (Rezeptor-Aktivator des Nuklearfaktor-κB-Liganden
= RANKL). Die Antikörper hemmen sowohl die Bildung als
auch die Aktivität der Osteoklasten und damit die Abbaurate
insgesamt. Im Ergebnis überwiegt der Aufbau, wodurch eine
deutlich messbare Zunahme an Knochensubstanz möglich
wurde und die Frakturrate an Wirbelsäule und peripheren
Knochen signifikant gesenkt werden konnte. Das Präparat
braucht lediglich 2-mal/Jahr gespritzt zu werden, ist also, was
die zu erwartende Compliance angeht, konkurrenzlos. Die Nebenwirkungen liegen nach den ersten klinischen Erfahrungen
über wenige Jahre auf Placebo-Niveau. Die Langzeitergebnisse
müssen abgewartet werden.
Physikalische Therapie
Ergänzt werden sollte jegliche Therapie durch möglichst große körperliche Aktivität. Sie alleine kann letztendlich einen
physiologischen und geordneten Wiederaufbau des Knochens bewirken. Jede pharmakologische Therapie schafft im
besten Fall die Voraussetzungen hierfür (reichliches Calciumangebot) oder härtet den Knochen im schlimmsten Fall
auf unphysiologische Weise (Fluoride). Besonders geeignet
sind Sportarten, die Knochen und Muskulatur auch tatsächlich belasten – bis hin zum Krafttraining. Weniger effektiv
sind demnach entlastende Sportarten wie Schwimmen oder
Radfahren.
Zusammenfassung
Osteoporose: „Ausdünnung“ des Knochens (Abnahme der
Knochenmasse) durch gesteigerte Aktivität der Osteoklasten
bei normalem Verhältnis seiner Bestandteile zueinander; der
Abbau betrifft gleichmäßig sämtliche Strukturen; typische Erkrankung des Alters (Frauen > Männer)
• Formen:
– primär: postmenopausal, altersbedingt
– sekundär: Morbus Cushing, Therapie mit Glukokortikoiden, Hypothyreose, Immobilität nach Trauma, Mangelernährung
• Symptome:
– Wirbelkörpereinbrüche mit Schmerzen und Kyphosierung der Wirbelsäule
– Oberschenkelhalsfraktur
• Diagnostik: Röntgen, v. a. Knochendichtemessung
• Therapie:
– körperliche Aktivität
– Physiotherapie bei Bettlägerigkeit
– calciumreiche Ernährung, Calciumtabletten mit Vitamin D-Zusatz
– Bisphosphonate, Raloxifen, Denosumab
4.12 Rachitis und Osteomalazie
4.12.1 Rachitis
Die Rachitis ist in den westlichen Ländern eine fast „ausgestorbene“ Krankheit, weil ihre Ursache dank guter Aufklärung und
weitgehend vollständig durchgeführter Prophylaxe und/oder
ausreichender Ernährung weggefallen ist.
Krankheitsentstehung
Die Rachitis ist eine Calcium-Mineralisationsstörung des Knochens durch Unterversorgung mit Vitamin D und hieraus entstehendem Mangel an Calcium. Der Erkrankungszeitraum
reicht etwa vom 3. Lebensmonat bis zum vollendeten 2. Lebensjahr. Sie ist also eine Erkrankung des Säuglings und Kleinkindes.
M E R K E
Erwachsene bekommen keine Rachitis.
Betroffen ist das gesamte Skelettsystem. Entsprechend des
Wachstums der einzelnen Knochen erkranken zunächst der
Schädel, in der Folge der Rumpf und zuletzt die Extremitäten.
Symptomatik
Die entstehenden Symptome lassen sich zwanglos aus dem
Calciummangel des Wachstumsalters ableiten, von dem in erster Linie das Skelett betroffen sein muss:
4.12 Rachitis und Osteomalazie 151
• Der Schädel ist parietal und okzipital abgeflacht, frontal
vorgewölbt. Das Schädeldach bleibt weich. Die Nähte können klaffen.
• Die Übergänge der Rippen vom knöchernen zum knorpeligen Anteil werden durch knöchern-knorpelige Anbauten
(Osteophyten) prominent; es entsteht der rachitische Rosenkranz.
• Selten kommt es zur Vorwölbung des Sternums; dies nennt
man Kielbrust (Hühnerbrust), die aber auch unabhängig
von der Rachitis (angeboren) vorliegen kann.
• Das Becken deformiert sich.
• Die Extremitäten werden krumm und frakturieren leicht.
• Die Zähne brechen verspätet durch und tragen Schmelzdefekte (› Abb. 4.26).
• Die Kinder bleiben insgesamt im Wachstum zurück.
• In ausgeprägten Fällen sinkt auch das Serum-Calcium, das
üblicherweise auf Kosten des Calciumspeichers Knochen
sehr genau einreguliert wird, und es kommt zu muskulärer
Schwäche und eventuell zu Tetanien.
• Die Kinder neigen zu einem muskulären Hypotonus und
zur Obstipation, erscheinen reizbar und unruhig und
schwitzen auffallend schnell – v. a. am Hinterkopf.
Therapie
Die Therapie besteht aus der Zufuhr von Vitamin D (1.000 Einheiten/Tag). Auf ausreichende Mengen an Calcium über die
Nahrung (Milch und Milchprodukte) ist zu achten. Bei noch
nicht allzu weit fortgeschrittenen Schäden heilt die Rachitis
damit folgenlos aus.
Prophylaxe
Die Rachitisprophylaxe sollte mit täglich 400–500 Einheiten
Vitamin D in der 2. Lebenswoche beginnen. Sie ist zu beenden, sobald sich die Kinder in den Sommermonaten ausreichend lange und höchstens teilbekleidet im Freien bewegen,
üblicherweise im Alter von 2 Jahren. In den westlichen Ländern ist die Prophylaxe mit (wohlschmeckenden) Tabletten
längst allgemeingültiger Standard, während man die Kinder
der Nachkriegsjahre noch mit Lebertran gequält hatte.
Leider ist es in zahlreichen Praxen immer noch üblich, die
Prophylaxe gemeinsam mit Fluor durchzuführen (D-Fluoretten®, Fluor-Vigantoletten®), obwohl die Fluorprophylaxe seit
etwa 10 Jahren offiziell nicht mehr empfohlen wird.
4.12.2 Osteomalazie
Die Osteomalazie („Knochenerweichung“) ist die „Rachitis
des Erwachsenen“. Der Knochen ist in seiner Struktur unverändert, durch seinen Mangel an Calcium(-Phosphat) jedoch
weicher als üblich. Die Krankheit ist bei uns gar nicht so selten.
Viele einheimische Bürger meiden Sonnenbäder, weil man
glücklicherweise inzwischen erkannt hat, dass von der Sonne
enorme Gefährdungen ausgehen, sodass diese Menschen überleben, aber in ihrer Haut kein Vitamin D mehr bilden können.
Die Unbelehrbaren, die sich trotzdem sporadisch in die Sonne
wagen, verwenden dabei z.B. Lichtschutzfaktor 50 in ihren
Sonnencremes, sodass auch in diesen Fällen die Vitaminbildung sistiert. Wenn dann noch die weit verbreitete Fehlernährung hinzukommt, sind die Bedingungen für die Entwicklung
einer Osteomalazie bereits gegeben.
Bei ausländischen Mitbürgern, v. a. denjenigen mit stärkerer
Hautpigmentierung aus südlichen Ländern, kommt es in unseren Breiten noch schneller zu einer D-Hypovitaminose durch
unzureichende Sonnenexposition. Viele von ihnen tragen zusätzlich verhüllende Kleidung. Auch die Ernährungsgewohnheiten sind nicht immer ideal.
Symptomatik
Während Patienten mit Osteoporose eher umschriebene
Schmerzen z. B. in der Wirbelsäule beklagen, kommt es bei
der Osteomalazie mehr zu generalisierten Schmerzen mit
Gehstörungen und muskulärer Schwäche. Man sollte also
gerade bei muslimischen Patientinnen mit entsprechenden
Beschwerden immer an diesen möglichen Zusammenhang
denken.
Therapie
Therapie und Prophylaxe entsprechen derjenigen der kindlichen Rachitis (› 4.12.1).
Vitamin D
Dieses „Vitamin“ ist genau genommen kein Vitamin, sondern
lediglich die unwirksame Vorstufe für ein körpereigenes Hormon, das an Dünndarm, Knochen und Niere auf den Stoffwechsel von Calcium und Phosphat Einfluss nimmt.
Es entsteht in der Haut des Menschen durch die UV-Strahlen der Sonne aus Cholesterin (› Abb. 4.27). Auch zahlreiche
weitere Hormone, von Cortisol bis zu den Sexualhormonen bei
Mann und Frau, entstehen aus Cholesterin (→ Steroidhormone) – allerdings nicht in der Haut und auch nicht unter MithilAbb. 4.26 Zahnschmelzdefekte bei Rachitis. [34] fe der Sonneneinstrahlung.
152 4 Ausgewählte Erkrankungen
Das UV-Licht der Sonne (UV−B = 280–315 nm) spaltet in der
Haut Cholesterin, das der Nahrung oder der Lebersynthese
entstammt und auf dem Blutweg zur Haut transportiert wird.
Aus der Spaltung entsteht Vitamin D, das wiederum ans Blut
abgegeben wird. Dort bindet es an ein Protein des Blutplasmas
und wird zur Leber transportiert. Eine Sonnen-Ganzkörperbestrahlung, die gerade eben eine leichte Rötung der Haut verursacht, bildet dabei etwa eine Menge von 10.000 Einheiten Vitamin D. Wie effektiv dies ist, zeigt sich daran, dass die physiologisch erforderliche Menge an Vitamin D nur etwa 300 Einheiten/Tag beträgt. Durch Sonnencreme, gebräunte oder gealterte
Haut wird die Vitaminbildung behindert.
In der Leber wird im nächsten Schritt an das Vitamin D eine
Hydroxylgruppe angehängt. Es entsteht das 25-Hydroxy-Vitamin D mit einer Halbwertszeit von etwa 3 Wochen im Blutplasma. Es handelt sich hierbei also um eine Depot-Form
(Speicherform), sodass keine täglichen Sonnenbestrahlungen
notwendig sind. Dementsprechend schwankt aber auch der
Spiegel an 25-Hydroxy-D ganz erheblich je nach Jahreszeit,
Sonnenexposition und zugeführter Nahrung (Lebertran, Vitamin D-angereicherte Milch, Eigelb).
Der letzte und entscheidende Schritt zur eigentlich wirksamen Form vollzieht sich schließlich in der Niere. Hier wird
ein weiterer OH-Rest angehängt. Es entsteht das 1,25-Dihydroxy-D, das eigentliche D-Hormon. Dieses entfaltet nun seine beiden Hauptwirkungen: Zum einen sorgt es für eine verstärkte und beschleunigte Aufnahme von Calcium, Magnesium und Phosphat aus dem Darmlumen ins Blut. Zum anderen begünstigt es in der Niere die Rückresorption von
Calcium (und Magnesium). Beide Mechanismen erhöhen
den Calcium-Serumspiegel, was schließlich zu dessen vermehrter Einlagerung in den Knochen führt. Der Calciumstoffwechsel wird, gemeinsam mit den Funktionen der zugehörigen Hormone, im › Fach Endokrinologie genauer besprochen.
M E R K E
Für die Bildung ausreichender Mengen an D-Hormon bedarf es also
nicht nur einer regelmäßigen Sonnenexposition und/oder Vitamin DZufuhr durch die Nahrung, sondern auch einer funktionierenden Leber und Niere.
Verschiedene Medikamente wie z.B. Antiepileptika vermindern die Bildung von 25-Hydroxy-D in der Leber. Bei einer
Schädigung der Niere (Niereninsuffizienz) wird zu wenig DHormon hergestellt. Es kommt zur Osteomalazie.
Abb. 4.27 Entstehung des D-Hormons. [8]
4.13 Karpaltunnelsyndrom 153
Zusammenfassung
Rachitis bzw. Osteomalazie: Mineralisationsstörung des Knochens beim Säugling bzw. Erwachsenen aufgrund eines Vitamin-D-Mangels; die Rachitis ist heute selten aufgrund der Prophylaxe mit Vitamin D
• Symptome:
– weiches Schädeldach, Verformung des Schädels
– rachitischer Rosenkranz im Thoraxbereich
– Kielbrust
– Beckendeformierungen
– verspäteter Zahndurchbruch, Zahnschmelzdefekte
– Wachstumsverzögerung
– muskulärer Hypotonus
– Obstipation
• Therapie:
– Zufuhr von Vitamin D und Calcium
– Rachitisprophylaxe ab der 2. Lebenswoche obligat
4.13 Karpaltunnelsyndrom
Das Karpaltunnelsyndrom stellt nach der üblichen und allgemein anerkannten Lehrmeinung eine Kompression des
N. medianus in seinem „Tunnel“ am beugeseitigen = volaren
Handgelenk dar. Bei Frauen ist die Krankheit wesentlich häufiger als bei Männern. In jedem 2. Fall sind beide Handgelenke
betroffen.
Die Karpalknochen bilden durch ihre konkave Anordnung
an der beugeseitigen Handwurzel eine längs verlaufende Rinne, in der neben einigen Fingerbeugesehnen auch der N. medianus verläuft (› Abb. 4.28). Zu einem Kanal verschlossen
wird diese knöcherne Einsenkung durch ein quer verlaufendes,
derbes Band, das Retinaculum flexorum („Halteband“).
M E R K E
Die Blutgefäße verlaufen außerhalb dieses Kanals, sodass Durchblutungsstörungen nicht zum Karpaltunnelsyndrom gehören.
Krankheitsentstehung
Kommt es nach Verletzungen oder entzündlichen Reizungen
im Bereich der Sehnenscheiden, bei extremen Fehlstellungen
oder Fehlbelastungen im Bereich der Handwurzel, im Zusammenhang mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Amyloidose (durch Ablagerungen), evtl. auch in der
Spätschwangerschaft (durch Wassereinlagerung) zu einer
Einengung des Kanals, so führt diese zu einem Druck auf den
N. medianus. Aus der mechanischen Kompression des Nerven
wiederum resultieren anfangs sensible und später auch motorische Störungen im Ausbreitungsgebiet des Nerven, also an
den Fingern 1–3 sowie an der Radialseite des 4. Fingers. Inzwischen ist auch ein Zusammenhang des Karpaltunnelsyndroms mit einem Defekt auf Chromosom 17 bekannt geworden, aus dem offensichtlich eine höhere Anfälligkeit gegenüber mechanischen Überlastungen des Karpaltunnels resultiert.
Symptomatik
Schmerzen und Parästhesien (Kribbeln, „Ameisenlaufen“)
treten bei den betroffenen Patienten besonders beim morgendlichen Erwachen oder in der Nacht auf, sodass die Nachtruhe dadurch unterbrochen wird. Die Missempfindungen werden dann durch Bewegungen in Hand und Arm gebessert. In
ausgeprägten Fällen kommt es zur Atrophie der Muskulatur
des Daumenballens (Thenaratrophie), sodass Gegenstände
wie größere Flaschen nicht mehr gegriffen werden können.
Über dem Karpaltunnel an der beugeseitigen Handwurzel besteht manchmal ein Druck- und Klopfschmerz.
Häufig strahlen die Schmerzen den Arm hinauf bis in die
Schulter (Brachialgia parästhetica nocturna), was als besonders typisch für das Karpaltunnelsyndrom angesehen wird,
ohne dass gerade diese Ausstrahlung Anlass dazu geben würde, die Zusammenhänge noch einmal zu überdenken. Bei längerem Bestand der Beschwerden findet man häufig Veränderungen der Nervenleitgeschwindigkeit.
Therapie
Die Therapie besteht in der Druckentlastung des Nerven, zunächst versuchsweise durch eine nächtliche Schienung des
Handgelenks, bei Erfolglosigkeit in der operativen Spaltung
des Retinaculum flexorum. In der Mehrzahl der Fälle findet
man intraoperativ keine Veränderungen, also auch nicht die
angeschuldigte Ursache einer Medianuskompression. Dementsprechend sind die Operationsergebnisse eher durchwachAbb. 4.28 Der Karpaltunnel wird von den Karpalknochen und dem Retinaculum flexorum gebildet. In ihm verläuft der N. medianus. [22]
154 4 Ausgewählte Erkrankungen
sen; häufig ist es hinterher auch nicht besser als zuvor. Nur
teilweise werden anhaltende Heilungen erzielt.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Der N. medianus erhält seine Fasern aus dem Plexus brachialis
etwa zwischen C5 und Th1. Blockaden im Bereich dieser Segmente
führen zu Irritationen (Schmerzen, Parästhesien) in den Dermatomen
und Myotomen, die vom jeweiligen Nervenanteil versorgt werden.
Wie bei jeder blockierungsbedingten Störung treten die Symptome
fast ausschließlich in Ruhe auf, um bei Bewegungen, also wenn das
„Verhaken“ der Gelenkflächen geringer wird, zurückzugehen oder
ganz zu verschwinden.
Ein mechanisch bedingter Reizzustand würde sich unter Belastung
nicht bessern, sondern eher an Intensität zunehmen. Des Weiteren
kann die sensible oder motorische Reizung eines Nerven in der Peripherie nicht proximal davon zu noch schlimmeren Beschwerden führen,
während umgekehrt eine proximale Reizung von Nervenfasern genau
in dem Gewebe empfunden wird, das von den jeweiligen Nervenanteilen versorgt wird. Die hauptsächliche Ursache des Karpaltunnelsyndroms ist also nicht eine mechanische Komponente im Bereich des
Karpaltunnels, sondern weit überwiegend eine bzw. mehrere chronische Blockaden im Bereich zwischen C5 und Th1 auf der betroffenen
Seite. In Übereinstimmung hiermit bestehen bei diesen Patienten fast
durchweg Verspannungen und Schmerzen im Bereich von Schulter,
Nacken und Kopf sowie teilweise auch eine Epicondylitis humeri.
Die adäquate Therapie besteht in der chirotherapeutischen Deblockierung. An eine Operation sollte man erst denken, wenn sich
das Beschwerdebild unter der Behandlung eines sehr erfahrenen Chirotherapeuten nicht deutlich bessert.
Zusammenfassung
Karpaltunnelsyndrom: Kompression des N. medianus am volaren Handgelenk
• Ursachen:
– Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus, Amyloidose
– Fehlbelastung bzw. Fehlstellung der Handwurzel
– Spätschwangerschaft
• Symptome:
– Schmerzen und Parästhesien im Versorgungsgebiet (Finger 1–3, Radialseite des 4. Fingers) besonders morgens
– Schmerzausstrahlung in Arm und Schulter
– Besserung der Beschwerden durch Bewegung
– Thenaratrophie
• Diagnostik:
– Druck- und Klopfschmerz an der Beugeseite des Handgelenks
– Nervenleitgeschwindigkeit verzögert
• Therapie:
– nächtliche Schienung des Handgelenks
– operative Spaltung des Retinaculum flexorum
4.14 Dupuytren-Kontraktur
Die Dupuytren-Kontraktur ist eine Erkrankung von Männern
über 40. Selten entsteht sie bei jüngeren Männern und nur in
10% der Fälle bei Frauen. Die Erkrankung soll 2% der Bevölkerung betreffen, wovon aber im medizinischen Alltag nichts zu
bemerken ist.
Krankheitsentstehung
Die Ursachen sind unbekannt, doch besteht eine erbliche Disposition, eventuell sogar geschlechtsgebunden dominant. Relativ häufig sieht man die Erkrankung bei Diabetikern, im Zusammenhang mit einer Epilepsie, bei alkoholkranken Menschen sowie bei der Leberzirrhose auch dann, wenn sie nicht
alkoholbedingt ist.
Ursache der Kontraktur ist eine Zellproliferation mit darauf
folgender Bildung eines pathologischen Kollagens, welches
das ursprüngliche Gewebe ersetzt und zur knotigen Verdickung und narbigen Schrumpfung der großen Faszienplatte
der Hohlhand (Palmaraponeurose) führt (› Abb. 4.29). Dieser Schrumpfungsprozess greift auf die Haut sowie die langen
Beugesehnen bzw. deren Septen über, sodass die Finger (3–)4–
5 nach palmar gezogen werden und im Extremfall die Handfläche berühren.
Symptomatik
Das Merkmal der Erkrankung besteht in einer Beugekontraktur der Finger 4 und 5; teilweise ist auch der Mittelfinger in
das Geschehen einbezogen. In 2
⁄3 der Fälle sind beide Hände betroffen, in bis zu 10% der Fälle auch die Füße (sog. Morbus
Ledderhose). Die Greiffunktion der Hand wird zunehmend
beeinträchtigt. Schmerzen bestehen üblicherweise nicht bzw.
lediglich beim Druck auf die derben Knötchen der Hohlhand,
in deren Bereich die Haut eingezogen erscheint.
Die Erkrankung verläuft schubweise, kann über Jahre auch
zum Stillstand kommen. Der Verlauf ist also nicht vorhersehbar.
Diagnostik
Da es keine veränderten Serumparameter gibt, muss die Diagnose aus dem klinischen Aspekt gestellt werden. Andererseits
ist das Bild unverwechselbar und kennt auch keine Differenzialdiagnose. Besonders typisch sind neben den Beugekontrakturen die derben Knötchen und umschriebenen Einziehungen
im Bereich der Hohlhand.
Abb. 4.29 Dupuytren-Kontraktur [16]
4.16 Fraktur 155
Therapie
Die Therapie besteht in der operativen Spaltung der Palmaraponeurose bzw. in der Entfernung allen erkrankten Gewebes, was sehr viel Können und Erfahrung des Chirurgen voraussetzt. Rezidive sind häufig, sofern nicht die gesamte
Palmaraponeurose entfernt wird. Man wartet daher in aller Regel, bis die Operation unumgänglich geworden ist.
Eine konservative Therapie durch Medikamente oder Besserungen durch krankengymnastische Maßnahmen sind nicht
möglich, doch kann durchaus mit Aussicht auf Erfolg in frühen Stadien der Erkrankung eine Strahlentherapie versucht
werden.
Zusammenfassung
Dupuytren-Krankheit: narbige Schrumpfung der Palmaraponeurose und der langen Beugesehnen
• Symptome:
– Beugekontraktur des 4. und 5. Fingers
– tritt häufig beiderseits auf
– eingeschränkte Greiffunktion der Hand
– keine Schmerzen
– auch die Füße können betroffen sein (Morbus Ledderhose)
• Diagnostik: klinisches Bild mit Einziehungen und derben
Knötchen im Bereich der Hohlhand
• Therapie: Operation
4.15 Distorsion
Der Begriff Distorsion (Zerrung, Verdrehung, Verstauchung)
lässt keine Rückschlüsse auf das Ausmaß der Verletzung zu.
Auch die dabei geschädigten Strukturen sind durch diesen Begriff nicht genau definiert. Im Allgemeinen versteht man darunter aber doch primär die Schädigungen der Strukturen, die
ein Gelenk umgeben, also die Gelenkkapsel sowie die Bänder,
die das Gelenk stabilisieren. Auch die Sehnen derjenigen Muskeln, die auf das Gelenk einwirken, können von der Überdehnung betroffen sein.
Symptomatik
Diese Strukturen können dabei lediglich überdehnt werden,
woraus höchstens milde Schwellungen sowie eventuell auch
leichte Gewebeeinblutungen resultieren. Sie können aber auch
unter stärkerer Einblutung ins Gewebe zerreißen. Man spricht
dann von Kapselriss bzw. Bandriss bzw. Sehnenriss (= Ruptur).
Auch ein Muskel kann gezerrt werden. Dabei sieht man
eventuell eine Schwellung. Aufgrund der Schmerzhaftigkeit
entsteht häufig eine Bewegungseinschränkung. Deformierungen oder ein Auseinanderklaffen von Muskelanteilen sind
nicht möglich. Dieselben können aber beim Muskelfaserriss
gesehen werden, bei dem einzelne Faserbündel oder größere
Anteile (Sekundärbündel) zerreißen. Hier kommt es dann
auch in jedem Fall zu kleineren oder größeren Hämatomen
(Austritt von Blut aus den Gefäßen ins umgebende Gewebe).
M E R K E
Distorsion und Riss sind also keine synonymen Begriffe, sondern eigenständige Diagnosen für unterschiedliche Grade eines Traumas.
Oft kann man in der Praxis nicht auf Anhieb erkennen, ob es
sich lediglich um eine Distorsion oder bereits z.B. um einen
umfangreicheren Einriss einer Gelenkkapsel handelt. Lediglich
ausgedehnte Muskelrisse sind durch die entstehenden Lücken
mit begleitenden Hämatomen gut zu erkennen. Ebenso auch
ein Sehnenabriss, relativ häufig beispielsweise an der Achillessehne oder der langen Bizepssehne, bei der der am Oberarm
entstehende Muskelbauch deutlich hervortritt. Einrisse in Gelenkkapseln erkennt man oftmals erst am langwierigen Heilungsverlauf.
Therapie
Die Therapie besteht v. a. aus Ruhigstellung bzw. Schonung.
Je nach Ausmaß kann zusätzlich mit Homöopathie, Enzymen
und Antiphlogistika behandelt werden. Dasselbe gilt für die
Prellung (Contusio) oder deren „Fortsetzung“, die Quetschung (Compressio) eines Gewebes oder Organs.
Zusammenfassung
Distorsion (Zerrung, Verdrehung, Verstauchung): Schädigung von Strukturen, die ein Gelenk umgeben (Gelenkkapsel,
Bänder, Sehnen)
• Symptome:
– Schwellung
– Schmerzen
– Einblutungen
– Bewegungseinschränkung
• Therapie:
– Ruhigstellung
– Antiphlogistika, u.U. homöopathische Therapie, Enzyme
4.16 Fraktur
Die Fraktur (Knochenbruch) ist definiert als Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens. Im Allgemeinen bedarf eine
Fraktur eines adäquaten Traumas, d. h. einer entsprechenden
Gewalteinwirkung.
Sonderformen
Spontanfraktur
Fehlt ein entsprechendes Trauma, spricht man von einer
Spontanfraktur bzw. pathologischen Fraktur. Eine Spontanfraktur hat natürlich ebenfalls eine Ursache. In Frage kommen
156 4 Ausgewählte Erkrankungen
Tumoren bzw. Tumormetastasen, eine fortgeschrittene Osteoporose oder Osteomalazie (bzw. Rachitis bei Kindern), eine Osteomyelitis (Entzündung des Knochenmarks), im Allgemeinen in Kombination mit der Entzündung des umgebenden
Knochens (Ostitis) sowie Periostes (Periostitis).
Ermüdungsbruch
Die sog. Ermüdungsbrüche („schleichende Frakturen“) in der
Folge von Mikrotraumen entstehen häufig nach längeren Wanderungen im Bereich des Fußgewölbes (Os metatarsale II–V,
sog. Marschfraktur). Bei diesen Brüchen sieht man teilweise
keine Frakturlinien im Röntgenbild, sondern lediglich Auftreibungen im Bereich des Periosts.
Eine Sonderform der Fraktur ist die Fissur, bei der die Kontinuität des Knochens nicht vollständig aufgehoben ist, sondern lediglich ein Riss entstand. Das Periost bleibt dabei meist
unverletzt.
Grünholzfraktur und Epiphysenlösung
Weitere Sonderformen gibt es bei Kindern in Gestalt der
Grünholzfraktur sowie der Epiphysenlösung, bei der die Fraktur den Bereich der Knochenwachstumszone betrifft. Die Besonderheit bei der Grünholzfraktur besteht darin, dass das
Periost auf der Konkavseite der Knochenverbiegung unverletzt bleibt und so den Knochenbruchstücken noch eine gewisse Schienung und einen Zusammenhalt bietet. Der Knochen ist bei Kindern aufgrund des enthaltenen Knorpels deutlich biegsamer, also weniger spröde als beim Erwachsenen,
und das Periost ist gleichzeitig auch relativ dicker und widerstandsfähiger. Dies ermöglicht das Zustandekommen dieser
besonderen Frakturform des Kindes.
Osteochondrosis dissecans
In größeren Gelenken (oft Knie oder Ellbogen) kommt es
manchmal traumatisch bedingt zur Schädigung von subchondralen Knochenstücken im Bereich der Gelenkfläche. Es entsteht eine aseptische Knochennekrose, die demarkiert und
abgestoßen werden kann und dann mitsamt dem dazu gehörenden Gelenkknorpel als freier Gelenkkörper die Gelenkbewegungen blockiert. Die Entstehung einer Arthrose ist begünstigt. Häufig jedoch bestehen über längere Zeit keine Symptome. Es ist zu beachten, dass der Begriff Osteochondrosis
dissecans wie so häufig lediglich die wörtliche Übersetzung
dessen darstellt, was in dem Gelenk passiert ist.
Einteilung und Bezeichnungen
Die Fraktur wird bezeichnet nach dem Namen des gebrochenen Knochens sowie möglichst auch nach ihrer genaueren Lokalisation. Man spricht also z.B. von einer proximalen oder
distalen Radiusfraktur bzw. von einer Radius-Schaftfraktur. Ist
sie im Epiphysenbereich gelegen, so unterscheidet man in solche ohne und in solche mit Gelenkbeteiligung.
Abhängig vom Zustand der umgebenden Haut spricht man
von offenen oder geschlossenen Frakturen. Offene Fraktur bedeutet also Zerreißung des um den Knochen liegenden Gewebes, sodass ein direkter Kontakt zwischen Knochen und Außenwelt entstanden ist. Offene Frakturen mit Durchspießen
der Haut durch Knochensplitter nennt man kompliziert. Für
die Diagnosestellung einer offenen Fraktur muss allerdings
nicht gleich ein Knochenfragment sichtbar sein; es genügt
hierfür bereits die Durchtrennung der Haut im Frakturbereich.
Solche Frakturen sind in erheblichem Umfang infektionsgefährdet. Eine Infektion wiederum verhindert zuverlässig die
Knochenbruchheilung.
Je nach der Anzahl der Bruchstücke spricht man von einfachen Frakturen, Mehrfragmentfrakturen und Trümmerfrakturen (mehr als 6 Einzelbruchstücke) (› Abb. 4.30). Schließlich
kann man nach der Art der Bruchform unterscheiden in Biegungsfrakturen, Torsionsfrakturen, Abscherfrakturen, Abrissfrakturen, Kompressionsfrakturen, Impressionsfrakturen und
weiteren Formen.
Folgen und Komplikationen
Bei jedem Knochenbruch gibt es Gefäßzerreißungen zumindest in Markraum und Periost sowie Zerreißungen und Reizungen sensibler Nerven in der inneren Schicht des Periosts.
Ersteres führt zu mehr oder weniger umfangreichen Einblutungen ins umliegende Gewebe (bei einer Oberschenkelhalsfraktur
bis zu 2 Liter); Letzteres bedingt die Schmerzen, die bei einem
Knochenbruch entstehen. Daneben ist nahezu jede Fraktur von
einer Weichteilschädigung begleitet, aus der es ebenfalls bluten
kann. Immer entsteht demnach ein Hämatom. Bei ausgedehnten Blutungen besteht die Gefahr eines hypovolämischen
Schocks, verstärkt durch den Frakturschmerz. Es ist deshalb besonders wichtig, die Schmerzkomponente durch Schienung
bzw. Ruhigstellung des betroffenen Abschnitts zu vermindern.
Eine seltene, aber v. a. bei Brüchen von Röhrenknochen
mögliche Komplikation besteht darin, dass Fett in Gefäße eingeschwemmt wird. Es kommt zur Fettembolie. Diskutiert
wird auch die Entstehung solcher Emboli aus einer Präzipitation (Verklumpung, Ausfällung) von Blutfetten, wofür auch
spricht, dass sich Fettembolien hauptsächlich im Rahmen eines Schocks ereignen.
Als Folge der Ruhigstellung über Wochen resultiert in den
ruhiggestellten Knochen eine Osteoporose und in der ruhiggeunvollständige
Fraktur
Schrägfraktur
Torsionsoder
Spiralfraktur
Trümmerfraktur
Querfraktur
Biegungsfraktur mit
Biegungskeil
als 3. Fragment
Abb. 4.30 Bezeichnungen von Frakturen nach Art der Bruchform und Anzahl der Bruchstücke. [38]
4.16 Fraktur 157
stellten Muskulatur eine Atrophie. In den venösen Gefäßen
des ruhiggestellten Abschnitts besteht bis zur vollständigen
Mobilisierung die Gefahr einer Thrombose mit der Möglichkeit der nachfolgenden Lungenembolie. Die diesbezügliche
Diagnostik ist schwieriger als üblich, weil ohnehin häufig
Schwellungen und Schmerzen nach einer Fraktur bestehen
bleiben und der angelegte Gips nicht nur die Diagnostik erschwert, sondern auch selbst wieder Schmerzen und Schwellungen verursachen kann. Es ist deshalb längst medizinischer
Brauch, mittels täglicher Heparingaben (s.c.) eine Prophylaxe vorzunehmen.
Diagnostik
Als sichere Frakturzeichen gelten:
• deutliche Deformierung (Fehlstellung) einer Extremität
• abnorme Beweglichkeit
• tastbare oder sogar hörbare Krepitation (= „Knochenreiben“) der Frakturenden
• Erkennen von einzelnen Knochenfragmenten.
Unsichere Frakturzeichen, am Unfallort als vollkommen
ausreichende Hinweise zu werten, sind:
• Bewegungseinschränkung
• Schmerzen
• Schwellung durch Hämatom.
Die eigentliche Diagnose wird grundsätzlich aus dem Röntgenbild gestellt, das gleichzeitig auch für Verlaufskontrollen
unverzichtbar ist.
A C H T U N G
Niemand wird (hoffentlich) am Unfallort versuchen, durch das Auslösen einer abnormen Beweglichkeit oder einer Crepitatio die Diagnose
einer Fraktur zu sichern. Eine vermutlich gebrochene Extremität sollte
lediglich geschient und stabilisiert werden, um dem Patienten zusätzliche Schmerzen und weitere Traumatisierungen des betroffenen Gewebes während des Transports zu ersparen.
Therapie
Die Frakturheilung erfolgt im Idealfall als primäre Knochenbruchheilung ohne Bildung eines Kallus. In diesen Fällen sind
die Bruchenden einander so gut angenähert und der Frakturbereich gleichzeitig so konsequent ruhiggestellt, dass die Osteone des Knochens den Frakturspalt durchwachsen und in der
Folge reguläres Knochengewebe bilden.
Bei der sekundären Knochenbruchheilung wird immer
Kallus gebildet. Kallus entsteht, indem zunächst das FrakturHämatom resorbiert wird und anschließend aus der inneren
Schicht des Periosts Zellen und Kapillaren (kleinste Blutgefäße) in den Frakturbereich einsprossen. Es entsteht ein weiches
und ungewöhnlich gut durchblutetes Bindegewebe, das sog.
Granulationsgewebe. In der Folge formen sich die hier befindlichen Zellen wieder zu Blasten – in Fibroblasten des Bindegewebes, Chondroblasten des Knorpels (bei kindlichen Frakturen) und Osteoblasten des Knochens. Diese Zellen scheinen
sich auch je nach Bedarf ineinander umwandeln zu können.
Aus dem zunächst entstehenden bindegewebigen Kallus bildet
sich allmählich wieder Knochen, zunächst als Geflechtknochen.
Die sekundäre Heilung ist die übliche Heilung bei konservativer, also nichtoperativer Therapie einer Fraktur. Wird also
keine Osteosynthese benötigt, weil die Frakturfragmente in
ausreichender Annäherung achsengerecht stehen, erfolgt die
Ruhigstellung im Gips oder durch entsprechende Schienung
(› Abb. 4.31, › Abb. 4.32). Wird die Fraktur dagegen operativ durch eine Osteosynthese versorgt (› Abb. 4.33), versucht man, durch möglichst perfekte Annäherung der Frakturenden eine Kallusbildung zu verhindern und die Heilung damit zu beschleunigen (primäre Heilung).
Ein komplikationsloser Knochenbruch heilt beim Erwachsenen und bis zur Bildung eines weitgehend stabilen Geflechtknochens meist innerhalb eines Zeitraums von ca. 6 Wochen.
Die immer entstehende Osteoporose und Muskelatrophie benötigt bis zur Ausheilung zusätzlich weitere Wochen, abhängig von begleitender Krankengymnastik oder weiteren Aktivitäten und abhängig vom Alter des Patienten und seinen Vorerkrankungen (wie Diabetes mellitus) oder eventuellen Fehlernährungen (z.B. Mangel an Eiweiß, Magnesium oder
Vitamin C).
Bei Kindern heilt eine Fraktur deutlich schneller und komplikationsloser. Eventuell resultierende Achsenfehlstellungen
werden im Verlauf des Wachstums meist von alleine ausgeglichen. Komplizierend gibt es hier aber die Möglichkeit einer
Einbeziehung der Wachstumsfuge in die Fraktur. Ein Problem
kann sich auch aus der Fraktur eines Beines ergeben, indem
Ober- oder Unterschenkel nach einer Fraktur zumeist länger
werden als auf der Gegenseite.
Abb. 4.31 Stack-Schiene zur Ruhigstellung eines Endglieds. [16]
Abb. 4.32 Ruhigstellung einer Zehenfraktur. [32]
158 4 Ausgewählte Erkrankungen
Komplikationen
Die wesentlichen Komplikationen bei der sekundären Frakturheilung bestehen in einem zu großen Frakturspalt, sodass
sich zwar Kallus (evtl. verzögert) bilden kann, der dann aber
nicht mehr knöchern durchbaut wird. Es entsteht eine Pseudarthrose, also eine Beweglichkeit und Instabilität des betroffenen Knochens. Dasselbe passiert bei unzureichender Ruhigstellung einer Fraktur, bei der die ständig erfolgende Bewegung im Bereich des Frakturspaltes eine ausreichende Kallusbildung und knöcherne Durchbauung verhindert. Auch eine
überschießende Kallusbildung kann Probleme bereiten, indem z.B. zwei benachbarte Knochen zusammenwachsen (an
Unterarm oder Unterschenkel), wodurch Funktionseinschränkungen entstehen. Weitere mögliche Komplikationen nach
Frakturen oder Weichteilverletzungen bestehen im SudeckSyndrom und im Kompartmentsyndrom.
Sudeck-Syndrom
Der Morbus Sudeck entsteht im Anschluss an die Fraktur einer
distalen Extremität und lässt sich in 3 Stadien einteilen:
• Stadium I: brennende Schmerzen, Schwellung und Überwärmung (› Abb. 4.34)
• Stadium II: Zwischenstadium mit beginnenden Atrophien
von Muskulatur und Haut („Glanzhaut“)
• Stadium III: innerhalb von 12 Monaten kommt es zur vollständigen Atrophie von Haut, Unterhaut, Muskulatur und
Knochen im betroffenen Bezirk.
Die Beteiligung des Sympathikus an der Erkrankung erkennt
man an einer Steigerung der Schweißsekretion in der betroffenen Extremität. Frauen erkranken deutlich häufiger als
Männer. Die Sudeck-Dystrophie, früher als sympathische Reflexdystrophie bezeichnet, kann auch einmal ohne Knochenbruch lediglich nach einem Bagatelltrauma oder einer Entzündung auftreten.
Krankheitsentstehung
Die pathophysiologischen Zusammenhänge sind nach wie vor
noch nicht einmal ansatzweise geklärt. Auffallend ist, dass in
der Regel besonders ängstliche und um ihre Verletzung besonders besorgte Menschen erkranken. Die verletzte Extremität wird mehr als üblich geschont, der z.B. betroffene Finger
permanent hochgehalten. Dabei kommt es zur Umverteilung
mit Minderdurchblutung der Weichteile und relativer Mehrdurchblutung des Knochens. Eine Mehrdurchblutung eines
Schrauben- Fixateur externe
osteosynthese
Plattenosteosynthese
Marknagelosteosynthese
Winkelplatte Dynamische Endoprothese
Hüftschraube
Abb. 4.33 Beispiele für Osteosynthesen. [38]
Abb. 4.34 Sudeck-Syndrom Stadium I. [21]
4.16 Fraktur 159
nicht belasteten Knochens bedeutet gleichzeitig auch eine beschleunigte Osteoporose – über die immobilisierungsbedingte Osteoporose hinaus. Hierzu passend findet man bereits im
Stadium I der Erkrankung einen radiologisch nachweisbaren
Knochenabbau.
Therapie
Therapeutisch sollte v. a. frühzeitig (krankengymnastisch)
mobilisiert sowie eine ausreichende Analgesierung (Schmerzbekämpfung) angestrebt werden. Calcitonin ist eventuell hilfreich. Die psychische Mitverursachung wird mittels Psychotherapie und Antidepressiva behandelt.
Kompartmentsyndrom
Vor allem in den Extremitäten verlaufen Muskeln oder Muskelgruppen in ihren bindegewebigen Hüllen (Faszien) teilweise
strikt getrennt und „abgeschottet“ von ihrer Umgebung in eigenen Logen bzw. Kompartimenten (› Abb. 4.35). Dies gilt
entsprechend auch für die Gefäße, die diese Räume benutzen.
Nach Frakturen oder Weichteilverletzungen kommt es zu
Einblutungen, im Anschluss an das Trauma, eine Verbrennung
oder Erfrierung auch häufig zu entzündlichen, ödematösen
Schwellungen. Wenn diese Flüssigkeit nicht abfließen kann,
entsteht im betroffenen Kompartiment ein teilweise derart ausgeprägter Druck auf die enthaltenen Strukturen, evtl. nochmals
verstärkt oder ausgelöst durch einen schlecht angepassten Gipsverband, dass es über Funktions- und Durchblutungsstörungen
bis hin zu Nekrosen des Gewebes kommen kann.
A C H T U N G
Der Verdacht auf ein Kompartmentsyndrom stellt einen hochakuten
Notfall dar.
Symptomatik und Diagnostik
Zunächst entwickeln sich relativ zügig heftige Schmerzen.
Die betroffene Extremität ist angeschwollen, derb verhärtet
und sehr druckschmerzhaft, mit auffallend gespannter,
glänzender Haut (Glanzhaut). Anschließend entstehen sensible und motorische Störungen. Die Extremität kühlt infolge der Ischämie ab, ist aber eher livide verfärbt als blass
(› Abb. 4.36).
Schwellung und livide Verfärbung könnten als Hinweis auf
eine Phlebothrombose fehlgedeutet werden – umso mehr, als
nun etliche Zeichen wie diejenigen nach Homans, Payr oder
der Kulissen- und Wadendruckschmerz, die als typisch für die
Phlebothrombose gelten, positiv werden. Als Schutz vor einer
Fehldiagnose sind v. a. die Beachtung des heftigen Schmerzes,
ähnlich einem arteriellen Ereignis, sowie die kühle Extremität
geeignet. Die Abgrenzung gegenüber einem arteriellen Embolus ist einfach, weil dabei keine Schwellung entsteht und kein
Trauma vorausging.
Es kann nicht genug davor gewarnt werden, bei Akutereignissen wie z.B. Phlebothrombose, Kompartmentsyndrom oder
Appendizitis „blind“ auf die einschlägigen Zeichen zu vertrauen, anstatt denselben das eigene medizinische Verständnis zumindest zur Seite zu stellen: So ist bei einem Appendizitisverdacht der in aller Regel gut tastbare Unterrand des Caecums in
unmittelbarer Nachbarschaft zum McBurney weit sicherer für
eine erste Diagnose geeignet als z.B. Lanz, Blumberg und Douglas, die auch bei der Adnexitis positiv werden (› Fach Verdauungssystem). Für Phlebothrombose und Kompartmentsyndrom gilt vor sämtlichen, zur Verfügung stehenden Zeichen, dass ein Thrombus exakt an der Stelle druckempfindlich
ist, an der er sich befindet und der Muskel eben entsprechend
seiner Lokalisation und seinem Kompartiment (› Fach HerzKreislauf-System). Die Venen, die es beim Verdacht auf eine
tiefe Thrombose zu beurteilen gilt, verlaufen nun allerdings
zwischen den Bäuchen des M. gastrocnemius, und diese Bäuche sind unauffällig weich, während im Venenverlauf beinahe
millimetergenau der verhärtete Venenstrang getastet werden
kann, wenn man sich mit den Fingerspitzen beider Hände von
der Kniekehle aus und streng in der Tiefe zwischen den Muskelbäuchen nach distal vorarbeitet. Und exakt da, wo die VerAbb. 4.35 Muskellogen am Unterschenkel. Blau = vorderes Kompartiment, rot = laterales Kompartiment, gelb = tiefes hinteres Kompartiment,
grün: oberflächliches hinteres Kompartiment. [47]
Abb. 4.36 Kompartmentsyndrom [55]
160 4 Ausgewählte Erkrankungen
härtung palpatorisch beginnt, entsteht erstmals auch der
Druckschmerz beim Patienten. Dasselbe gilt für die Muskellücke am medialen Oberschenkel des Patienten beim Verdacht
auf ein Vorwachsen des Thrombus nach proximal.
Dagegen ist beim Kompartmentsyndrom das gesamte Gewebe, also auch die Muskulatur, derb verspannt und extrem
druckschmerzhaft, sodass irgendwelche „Zeichen“ keine differenzialdiagnostische Bedeutung haben können. Dies gilt sinngemäß auch für einfache Überlastungen der Unterschenkelmuskulatur, die Schmerzen bereiten, die man mit denjenigen
der tiefen Beinvenenthrombose verwechseln könnte. Auch hier
wäre z.B. das Zeichen nach Homans (Dehnung des Gewebes
bei Dorsalflexion des Fußes) positiv zu erwarten, weil dieses
Zeichen nichts anderes besagt, als dass Vene oder Muskel oder
die gesamte Muskelloge auf Dehnung mit Schmerzen reagieren.
Explizit definiert allerdings ist dieses Zeichen exklusiv für die
Thrombose des Unterschenkels – leider auch im Pschyrembel.
Das mögliche (seltene) Kompartmentsyndrom des Bauchraums braucht nicht besprochen zu werden, weil sich die Betroffenen aufgrund ihrer Vorgeschichte üblicherweise bereits
in der Klinik, zumindest aber in ärztlicher Behandlung befinden.
Therapie
In der Klinik erfolgt die notfallmäßige Dekompression durch
operative Spaltung der Faszie.
Zusammenfassung
Fraktur (Knochenbruch):
• Einteilung:
– offen (mit Durchtrennung der Haut im Frakturbereich)
oder geschlossen
– nach Anzahl der Bruchstücke: Einfach-, Mehrfragmentfraktur-, Trümmerfraktur
– nach Art der Bruchform: Biegungs-, Torsions-, Abscher-,
Abriss-, Kompressions-, Impressionsfraktur u. a.
• Sonderformen:
– Spontanfraktur ohne adäquates Trauma, z.B. bei Tumor,
Osteoporose
– Ermüdungsbruch im Fußgewölbe („Marschfraktur“) als
Folge von Mikrotraumen
– Osteochondrosis dissecans: aseptische Knochennekrose
nach Schädigung von subchondralen Knochenstücken
– Fissur: Knochenriss mit erhaltenem Periost
– im Kindesalter: Grünholzfraktur, Epiphysenlösung
• Symptome:
– Schmerzen
– Schwellung mit Hämatom
– eventuell Fehlstellung
• Komplikationen:
– hypovolämischer Schock – v. a. nach Frakturen in Becken
oder Oberschenkel
– Fettembolie (sehr selten)
– Thrombose mit Lungenembolie
– Muskelatrophie
– Pseudarthrose
– Sudeck-Syndrom: Atrophie von Haut, Unterhaut, Muskulatur und Knochen
– Kompartmentsyndrom: steigender Gewebedruck führt
zu Durchblutungsstörungen und schließlich Nekrose
• Diagnostik:
– sichere Frakturzeichen: Deformierung (Fehlstellung), abnorme Beweglichkeit, Krepitation, Erkennen von Knochenfragmenten
– unsichere Frakturzeichen: Bewegungseinschränkung,
Schmerzen, Schwellung durch Hämatom
– Röntgen
• Therapie:
– Ruhigstellung in Gips oder Schienung bei achsengerechter ausreichender Annäherung der Frakturenden
– ansonsten Osteosynthese
4.16.1 Oberarmfraktur
Besondere Probleme entstehen bei einer Fraktur im Bereich
des Humerus, in der Regel also einer subkapitalen Fraktur.
Der Kapsel- und Bandapparat des Schultergelenks, der im
Hinblick auf die extreme Beweglichkeit dieses Gelenks sehr
weit und locker das Gelenk umgibt, beginnt bei einer Ruhigstellung bereits innerhalb weniger Tage zu schrumpfen. Dieser Prozess setzt sich weiter fort, sodass nach der sonst üblichen Ruhigstellung über mindestens 3 Wochen nur eine minimale Restbeweglichkeit erhalten bliebe, die nahezu jede Alltagsverrichtung verunmöglichen würde.
Man schließt deshalb nach einer Fraktur im Bereich des
Schultergelenks einen Kompromiss in der Art, dass bereits
nach einer Ruhigstellung von wenigen Tagen z.B. im Gilchrist- (› Abb. 4.37) oder Desault-Verband (› Abb. 4.38) mit
der vorsichtigen, krankengymnastischen Mobilisierung begonnen wird. Des ungeachtet kommt es nahezu immer zu Bewegungseinschränkungen nach abgeheilter Fraktur, die z.B.
ein Frisieren mit der Hand der betroffenen Seite nicht mehr erlaubt. Es kann v. a. bei älteren Menschen etliche Monate dauern, bis die Beweglichkeit wenigstens einigermaßen wiederhergestellt ist.
A C H T U N G
Ruhigstellungen im Schultergelenk sind selbst nach Frakturen nur für
sehr kurze Zeiträume erlaubt.
4.16.2 Rippenfraktur
Rippenfrakturen sind häufige Ereignisse. In der Regel ist der
mittlere Thoraxbereich (5.–9. Rippe) betroffen, weil die
obersten Rippen durch den Schultergürtel geschützt werden
und die untersten Rippen besser nachgeben können.
4.16 Fraktur 161
Symptomatik und Therapie
Der entstehende Schmerz, v. a. bei den Atemexkursionen des
Thorax, veranlasst die Patienten zur oberflächlichen Atmung. Die wesentlichste therapeutische Maßnahme für die
Zeit nach einer Rippenfraktur besteht deshalb in der Verabfolgung von Analgetika. Eventuell muss mit Heftpflasterverbänden oder einem Rippengürtel eine Stabilisierung versucht
werden.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt zunächst palpatorisch, indem nicht so
selten eine kleine Stufe im Rippenverlauf zu tasten ist. Das
Röntgenbild zeigt die Fraktur, sofern sie im knöchernen Anteil
einer Rippe liegt, kann aber auch versagen, wenn die Fraktur
im knorpeligen Anteil aufgetreten ist.
Mögliche Komplikationen von Rippenfrakturen bestehen
in einer Lungenkontusion oder einem Pneumothorax, wenn
ein Rippenfragment die Pleura durchstoßen hat. Neben einer
palpatorischen Untersuchung sollte der Patient deswegen auch
auskultiert werden.
M E R K E
Ein posttraumatischer Thoraxschmerz über mehr als 1 Woche weist
auch dann auf eine Fraktur hin, wenn sie radiologisch nicht diagnostiziert werden konnte.
4.16.3 Rippenserienfraktur
Sind gleichzeitig 3 oder mehr Rippen auf einer Thoraxseite gebrochen, spricht man von der Rippenserienfraktur. Dabei entstehen besonders häufig Komplikationen in Form von Einblutungen (Hämatothorax), einem Pneumothorax oder Verletzungen von Lunge, Herz oder Oberbauchorganen.
Symptomatik
Nicht so selten entsteht bei der Rippenserienfraktur eine Instabilität des knöchernen Thorax mit einer sog. paradoxen Atmung (sog. Brustwandflattern): Der sich bei der Inspiration
nach außen und oben bewegende Thorax bleibt im Bereich der
Fraktur zurück bzw. wird sogar durch die Retraktionskraft der
Lunge nach innen gezogen, während er bei der Exspiration
hinter der Abwärtsbewegung der übrigen Thoraxanteile zurückbleibt. Es kommt also umschrieben zu einer paradoxen
Einwärtsbewegung bei der Inspiration und relativen Auswärtsbewegung bei der Exspiration.
4.16.4 Schenkelhalsfraktur
Die Schenkelhalsfraktur des Oberschenkelknochens ist eine
Fraktur älterer bis alter Menschen. Bei jüngeren Menschen
kommt sie nur bei erheblichen Gewalteinwirkungen (z. B.
Motorradunfällen) vor. Trotzdem ist die Fraktur des proximalen Femur (Schenkelhalsfraktur, pertrochantere Fraktur)
nach der Rippen-, der Klavikula- und der distalen Unterarmfraktur die häufigste Fraktur überhaupt (rund 150.000/Jahr
allein in Deutschland). Aufgrund der ausgeprägten Osteoporose vieler alter Menschen genügt hierfür oft schon ein Bagatelltrauma.
Symptomatik
Abgesehen von den Schmerzen kommt das Bein in der Mehrzahl der Fälle (nicht immer) in eine Außenrotationsstellung
bei gleichzeitiger Abduktion und Flexion im Hüftgelenk. Ausgelöst wird dies durch den nun überwiegenden Zug der MusAbb. 4.37 Gilchrist-Verband [49]
Abb. 4.38 Desault-Verband [32]
162 4 Ausgewählte Erkrankungen
kulatur des M. iliopsoas und der Mm. glutei. Häufig kann dann
auch eine leichte Beinverkürzung beobachtet werden.
Therapie
Das Anlegen einer Infusion ist am Unfallort wegen des zu erwartenden großen Blutverlustes von bis zu 2 l bei einer
Schenkelhalsfraktur (nach Verständigung des Notarztes) obligatorisch. Weitere Maßnahmen sollten nicht erfolgen, sofern
keine Bedrohung der Vitalfunktionen entsteht.
Die Adduktionsbrüche mit einer entstehenden Varusstellung (› Abb. 4.39) führen sehr oft zu Komplikationen, heilen
langsam und schlecht oder überhaupt nicht mehr. Häufig entstehen Pseudarthrosen. Bei der operativen Reposition strebt
man deshalb eine leichte Valgisierung an. Die Blutzirkulation
ist in Folge der Fraktur oft unterbrochen, häufig irreversibel.
Es kommt zu Hüftkopfnekrosen, die oft erst Monate später
(bis zu einem Jahr) in Erscheinung treten. Bei der für eine
möglichst umgehende Mobilisation der (alten) Patienten immer notwendigen Operation entfernt man entweder den abgebrochenen Hüftkopf und ersetzt ihn durch eine Endoprothese,
eventuell gemeinsam mit der Pfanne als Totalendoprothese (=
TEP) oder stabilisiert die Bruchstücke durch Nagelung oder
Platte (Osteosynthese).
Die Abduktionsbrüche mit Valgusstellung der Bruchenden
(› Abb. 4.39) sind mechanisch weit stabiler, sind oft eingekeilt und heilen wesentlich problemloser – teilweise sogar unter konservativer Behandlung ohne Operation. Die pertrochanteren Frakturen werden zwar operiert, um die Patienten
möglichst schnell wieder zu mobilisieren, heilen aber gewöhnlich ebenfalls ohne Komplikationen.
Schenkelhalsfrakturen bei Kindern und jüngeren Erwachsenen werden immer operiert. Die Bruchenden müssen möglichst genau angepasst und verschraubt werden, um einer Kopfnekrose vorzubeugen. Eine Nagelung wie beim osteoporotischen Knochen des alten Menschen ist nicht möglich, weil die
hier noch sehr harte Spongiosa darunter zerbrechen würde. Abschließend sei daran erinnert, dass bei jüngeren Patienten durch
die häufig veränderte Stellung der artikulierenden Knochen zueinander nicht nur Hüftkopfnekrose, Pseudarthrose und Embolien drohen, sondern mittelfristig auch eine Coxarthrose.
4.16.5 Schädelbasisbruch
Frakturen knöcherner Strukturen, die das Zerebrum umhüllen, finden wir am konvexen Teil des Schädels, der Kalotte, sowie an seinen basalen Anteilen. Letztere betreffen also die basalen Anteile des Stirnbeins und Hinterhauptbeins sowie der
Schläfen- und Keilbeine. Bei Komprimierung des Schädels
kommt es zu einer Berstungsfraktur. Wird er durch einen
größeren Gegenstand getroffen, entsteht eine Biegungsfraktur. Kleinere Gegenstände verursachen Impressionsfrakturen. Vor allem bei Kindern kann es auch zu Nahtsprengungen
kommen.
Im Bereich der Schädelbasis entstehen durch bilaterale
Kompressionen quer verlaufende Brüche, die zumeist die mittlere Schädelgrube betreffen und dadurch gleichzeitig die Felsenbeine mit Mittel- und Innenohr schädigen können.
Bei Gewalteinwirkungen in Längsrichtung, z.B. als Folge
schwerer Autounfälle, entstehen Bruchlinien der vorderen
Schädelgrube mit häufiger Einbeziehung der Nasennebenhöhlen. Verlaufen die Bruchlinien durch die zahlreichen Foramina der Schädelbasis, können die dort durchtretenden Gehirnnerven oder Blutgefäße geschädigt werden.
Symptomatik und Diagnostik
Schädelbasisfrakturen können wie jede Fraktur offen oder geschlossen sein. Offen bedeutet Verbindung zur Außenwelt,
wobei in diesem Fall allerdings nicht der Kontakt des Bruches,
sondern die Verbindung zwischen zerebralen Anteilen und
der Luft der Außenwelt gemeint ist – bevorzugt durch Brüche
in den Nasennebenhöhlen oder in Mastoid oder Gehörgang. In
diesen Fällen läuft „Hirnwasser“ (Liquor cerebrospinalis)
durch Nase und/oder Rachen und/oder Gehörgang „ins Freie“.
M E R K E
Ein Nachweis von Liquor in Nase, Rachen oder Ohr (bevorzugt
mittels Zuckerteststreifen wegen der im Liquor enthaltenen Glukose) ist als sicherer Nachweis einer offenen Fraktur zu werten.
Blutungen aus Nase oder Ohr können immer auch durch Weichteilverletzungen verursacht sein, sind also kein Hinweis auf das Vorliegen einer offenen oder geschlossenen Fraktur.
mediale Schenkelhalsfraktur
Adduktionsfraktur
Abduktionsfraktur
Pauwels I
unter 30° 50°
Pauwels II Pauwels III laterale Schenkelhalsfraktur
über 70°
Abb. 4.39 Einteilungsmöglichkeiten der Schenkelhalsfrakturen.
4.16 Fraktur 163
Das Hämatom der Augenlider mitsamt der Umgebung des
Auges wird in der Regel durch eine Fraktur der vorderen
Schädelgrube verursacht, bestätigt also zumeist das Vorhandensein einer Fraktur. Bei Beteiligung beider Augen spricht
man vom Brillenhämatom (› Abb. 4.40), bei nur einem Auge vom Monokelhämatom (› Abb. 4.41). Abzugrenzen hiervon sind Hämatome durch Verletzungen der Weichteile im
Bereich des Auges.
Therapie
Grundsätzlich gilt für jede Fraktur des Hirnschädels, dass sie
keiner Therapie bedarf, solange nicht darunter liegende Strukturen wie Gehirn, Nerven oder Blutgefäße gleichzeitig verletzt
worden sind bzw. durch Einblutungen solche Schäden drohen.
Intrazerebrale Blutungen (Blutungen innerhalb des knöchernen Schädels) müssen operiert werden, weil sie durch ihren
Druck auf Hirngewebe Schädigungen auslösen würden. Dabei
ist zu beachten, dass solche Blutungen im Extremfall noch Tage (bis Wochen) nach einem Schädel-Hirn-Trauma aus subduralen Gefäßen entstehen und Symptome zur Folge haben
können (› Fach Neurologie).
4.16.6 Schädel-Hirn-Trauma
Frakturen des Schädels sind für sich alleine betrachtet so lange vergleichsweise „harmlos“ und folgenlos, wie keine Gehirnsubstanz, Nerven oder Gefäße daran beteiligt sind. Andererseits aber führt die Gewalt eines Traumas, das einen Knochen brechen lässt, doch sehr häufig auch zu gleichzeitigen
Verletzungen innerhalb der Schädelhöhle, indem z. B. die
recht weiche Hirnmasse gegen das Innere des Schädeldaches
gepresst wird. Eine Schädigung von Hirnsubstanz kann andererseits auch ohne Fraktur entstehen. Man spricht vom
Schädel-Hirn-Trauma (SHT), das alle Schweregrade bis zum
Koma umfassen kann:
• Beim SHT I sieht man zumindest eine Benommenheit, üblicherweise jedoch eine kürzere oder längere Bewusstlosigkeit (Sekunden bis zu maximal 30 Minuten) sowie später
eine Gedächtnislücke für einige Zeit vor dem Unfall (retrograde Amnesie), eventuell auch für einige Zeit nach dem
Unfall (anterograde Amnesie). Zumeist besteht Übelkeit
mit Erbrechen. Die Kopfschmerzen, teilweise gepaart mit
Schwindel, können in seltenen Fällen noch Jahre nach dem
Unfall weiter bestehen.
• Besteht die Bewusstlosigkeit nach dem Unfall über 30 Minuten oder länger, ist es zu Quetschungen der Hirnsubstanz gekommen. Man spricht dann vom SHT II. In diesen
Fällen können Dauerschäden mit neurologischen Ausfällen resultieren.
• Ein SHT III verursacht noch weiter ausgedehnte Bewusstlosigkeiten über Tage oder Wochen, oft in Verbindung mit
Störungen von Atmung und Kreislauf, eventuell auch
Krämpfen. Hier entstehen immer Folgeschäden, falls das
Trauma überlebt wird.
Das SHT I kann man in etwa mit der Commotio cerebri (Gehirnerschütterung) gleichsetzen, SHT II und III mit der Contusio cerebri (Gehirnquetschung).
Wacht der Patient nach kürzerer oder längerer Bewusstlosigkeit auf, um dann Stunden später erneut komatös zu werden, ist die wahrscheinlichste Ursache hierfür eine intrazerebrale Blutung. Die erste Bewusstlosigkeit wurde dann durch das
Trauma selbst verursacht, die zweite durch den sich entwickelnden Druck der Blutung auf die Hirnsubstanz. In diesen
Fällen muss umgehend operiert werden.
Ausführlicher besprochen werden die Zusammenhänge im
› Fach Neurologie.
4.16.7 Wirbelkörperfraktur
Wirbelkörperfrakturen entstehen aufgrund massiver Gewalteinwirkungen oder als Folge einer Erkrankung des Knochens
bereits durch geringste Belastungen. Bricht lediglich der Wirbelkörper, bleiben also Wirbelbogen und Längsbänder intakt,
nennt man die Fraktur stabil. Die Gefahr einer Rückenmarkschädigung ist hier praktisch nicht gegeben. Die Behandlung
erfolgt meist konservativ unter frühzeitiger Mobilisierung. Lediglich bei einer massiven Abknickung der Wirbelsäule in diesem Bereich versucht man durch eine Extension, eventuell sogar im Gipskorsett, den Knick zu verkleinern. Mögliche Folge
einer solchen Wirbelkörperfraktur ist eine bleibende Verkrümmung der Wirbelsäule.
Ist der Wirbelbogen ebenfalls gebrochen und sind gleichzeitig die Längsbänder gerissen, können sich die Fragmente auch
noch sekundär, also nach dem Unfall verschieben und zu Verletzungen des Rückenmarks führen, sofern dies nicht ohnehin bereits geschehen ist. Eine solche Fraktur nennt man instabil. Sie muss operativ stabilisiert werden (› Abb. 4.42).
Abb. 4.40 Brillenhämatom [20]
Abb. 4.41 Monokelhämatom [33]
164 4 Ausgewählte Erkrankungen
A C H T U N G
Aufgrund der Möglichkeit einer sekundären Rückenmarksverletzung durch Knochensplitter oder Bruchstücke von Bandscheiben ist
es an der Unfallstelle bzw. beim Transport wichtig, den Rücken
flach und möglichst stabil zu lagern, bis mittels Röntgenaufnahmen
und weiterer Untersuchungen der Umfang der Verletzung ersichtlich
geworden ist.
Ist bereits direkt nach dem Unfalltrauma in beliebiger Segmenthöhe ein komplettes Querschnittssyndrom aufgetreten,
braucht nicht mehr operiert zu werden. Hier ist keine Wiederherstellung der Funktion möglich.
Folgen und Symptomatik
Die Wirbelkörperfraktur aufgrund einer massiven Osteoporose besteht in der Regel aus einer Deckplatten- oder Impressionsfraktur, die bei stabilem Wirbelbogen sowie erhaltenem
Bandapparat das Rückenmark zumeist nicht betrifft. Erst wenn
Knochensplitter oder Bandscheibenanteile in das Foramen
vertebrale eindringen oder das Foramen intervertebrale einengen, entstehen neurologische Probleme.
Schwere Traumen, die zur Fraktur eines oder mehrerer Wirbel einschließlich ihrer Wirbelbögen unter Bandzerreißungen führen, verursachen praktisch immer mehr oder weniger
ausgeprägte Schäden an Rückenmark und Nervenwurzeln. Je
nachdem, ob Knochenfragmente und abgerissene Zwischenwirbelscheiben-Bruchstücke nur leichte Quetschungen oder
schwere Verletzungen des Rückenmarks verursachen, reicht
die Palette möglicher Folgeschäden von umschriebenen Paresen (Lähmungen) einzelner Muskeln oder Muskelgruppen
über Hemiplegie (Halbseitenlähmung) und Paraplegie (Lähmung beider Beine) bis hin zur Tetraplegie (Lähmung aller
4 Extremitäten) bzw. kompletten Querschnittssyndromen, bei
denen ab der Höhe der Läsion jegliches Nervengewebe und damit Muskelgewebe kaudal davon gelähmt wird. Eingeschlossen
hierin ist stets die Lähmung von Enddarm (Mastdarm, Rektum) und Blase. Immer ausgenommen sind das autonom arbeitende Herz (mit Ausnahme einer Bradykardie bei Sympathikusausfall) sowie die Atmung, deren Regulationszentrum
im Hirnstamm, also kranial der HWS liegt. Allerdings wird das
Zwerchfell aus C3–C5 versorgt; bei einer Querschnittslokalisation oberhalb C5 muss deshalb maschinell beatmet werden.
Da die Muskeln des Armes aus dem Plexus brachialis versorgt werden, resultiert oberhalb von etwa Th1 stets eine Tetraplegie mit Lähmung von Armen und Beinen. Dieser Mensch
besteht also sozusagen noch aus einem denkenden Gehirn sowie wenig gestörten Organen wie Leber und Niere, Magen und
Milz. Hören, riechen, sehen und eingeschränkt auch sprechen
sind durch die entsprechende Versorgung durch die kranial
liegenden Hirnnerven möglich, die Nahrungsaufnahme nicht
mehr, zumindest nicht ungestört. Die Ausscheidungsorgane
Darm und Blase arbeiten reflexartig, abhängig vom Füllungszustand. Die Blase muss, zumindest über längere Zeit, durch
einen Dauerkatheter versorgt werden, was aufsteigende Infektionen begünstigt.
Eine Paraplegie mit Lähmung beider Beine ergibt sich bei
einer Querschnittshöhe zwischen Th1 und etwa L2. Eine Querschnittslokalisation unterhalb L2 betrifft nur noch Teilbereiche
der Beine, sodass dann ein Gehen eventuell noch eingeschränkt
möglich bleibt.
Kauda-Syndrom
Das Rückenmark ist auf Höhe L2 zu Ende, sodass es ab hier im
eigentlichen Sinn keine Querschnittssyndrome mehr geben
kann. Allerdings laufen die Nervenwurzeln für die Versorgung von Becken und Bein weiter im Wirbelkanal nach kaudal, sodass dieselben bei entsprechenden Traumen oder Ischämien (Fehlen der Blutversorgung) auch ohne begleitendes
Rückenmark geschädigt werden können. Man spricht dann
aber nicht mehr von einem Querschnittssyndrom, sondern
vom Kauda-Syndrom, weil diese im Wirbelkanal ab L2 nach
Abb. 4.42 Versorgung einer instabilen Fraktur
von BWK 12. [55]
4.17 Spondylolisthesis 165
kaudal laufenden Nervenfasern als Cauda equina (Pferdeschweif) bezeichnet werden. Kauda- und Querschnittssyndrome werden im › Fach Neurologie genauer besprochen.
Zusammenfassung
Oberarmfraktur: meist subkapitale Humerusfraktur
• Komplikation: Gefahr der Einsteifung im Schultergelenk
• Therapie:
– Ruhigstellung im Gilchrist- oder Desault-Verband nur
für wenige Tage
– dann vorsichtig Bewegungsübungen
Rippenfraktur: meist 5.–9. Rippe betroffen
• Symptome: Schonatmung aufgrund der Schmerzen
• Diagnostik:
– Palpation
– Lungenauskultation
– Röntgen
• Komplikationen:
– Lungenkontusion
– Pneumothorax
• Therapie:
– Analgetika
– evtl. Heftpflasterverband, Rippengürtel
Rippenserienfraktur: 3 oder mehr Rippen gebrochen, evtl. instabiler Thorax
• Symptome:
– Schonatmung aufgrund der Schmerzen
– paradoxe Atmung
• Komplikationen:
– Pneumothorax
– Hämatothorax
– Verletzung von Lunge, Herz oder Oberbauchorganen
Schenkelhalsfraktur: betrifft v. a. ältere Menschen aufgrund
der Osteoporose
• Symptome:
– Schmerzen
– Außenrotations-, Abduktions- und Flexionsstellung im
Hüftgelenk
• Therapie:
– (Total-)Endoprothese
– Osteosynthese
Schädelbasisbruch:
• offene Fraktur: Verbindung des Gehirns zur Luft der Außenwelt (Bruch in Nasennebenhöhlen, Mastoid, Gehörgang)
• Brillen-, Monokelhämatom: Hinweis für Fraktur der vorderen Schädelgrube
• häufig begleitet von Schädel-Hirn-Trauma (SHT I–III)
• Komplikation: intrazerebrale Blutung
Wirbelkörperfraktur:
• Formen:
– stabil: nur Wirbelkörper betroffen, Wirbelbogen und
Längsbänder sind intakt
– instabil: Wirbelbogen und Längsbänder verletzt, Gefahr
der Rückenmarksschädigung
• Deckplatten-, Impressionsfraktur bei Osteoporose
• Komplikationen: Rückenmarksschädigung mit Folgeschäden (Parese, Hemi-, Para-, Tetraplegie, Querschnittssyndrom, Kauda-Syndrom)
4.17 Spondylolisthesis
Spondylon heißt Wirbel, Olisthesis bedeutet ausrutschen, abgleiten. Als Spondylolisthesis (Wirbelgleiten) wird der Vorgang bezeichnet, bei dem ein Wirbel bzw. Wirbelkörper auf
dem darunter befindlichen (nach ventral) abgeglitten ist.
Der Prozess beginnt bereits im Kindesalter und ist zumeist
mit etwa 20 Jahren abgeschlossen. Im höheren Lebensalter
kann er, begünstigt durch eine Osteoporose, wieder aktiviert
werden. Sehr häufig ist das Wirbelgleiten eine Zufallsentdeckung, in früheren Jahren z.B. anlässlich einer Röntgenreihenuntersuchung. Circa 4% der Bevölkerung sind davon betroffen. Die meisten wissen nichts davon.
Krankheitsentstehung
Die Ursache der Spondylolisthesis ist zumeist eine angeborene
Spondylolyse. Damit wird ein Defekt im Bereich des Wirbelbogens bezeichnet, bei dem die Gelenkanteile zur Artikulation mit dem kranial benachbarten Wirbelbogen falsch angelegt und darüber hinaus auch zumeist nicht knöchern ausgebildet sind, sondern lediglich aus Knorpel oder Bindegewebe
bestehen. Es fehlt damit die normale Artikulation und „Befestigung“ am Nachbarwirbel. Zusätzlich bestehen in der Regel
auch Defekte im Bereich des Wirbelbogens selbst. Der dorsale
Anteil des Wirbelbogens kann sich in diesem Bereich mitsamt
dem Dornfortsatz regelrecht von seinem ventralen Anteil ablösen.
Durch das Gewicht der darüber liegenden Wirbelsäule mit
allen Anteilen, die sie zu tragen hat, kommt diese auf ihrer Unterlage, dem betroffenen Wirbel, gewissermaßen ins Rutschen
und gleitet entsprechend der möglichen Richtung (an der LWS
lordosebedingt nach ventral) soweit aus der Wirbelsäulenachse, wie die haltenden Strukturen (v. a. Zwischenwirbelscheibe
und Längsbänder) dies zulassen. Dies geschieht allerdings
nicht abrupt, sondern sehr langsam über Jahre.
Die Lokalisation der Spondylolisthesis ähnelt derjenigen des
Bandscheibenvorfalls. In erster Linie ist das Segment L5/S1 betroffen, deutlich seltener L4/L5. Andere Lokalisationen sind
eine Rarität.
Symptomatik
Sofern Symptome auftreten, bestehen sie üblicherweise aus langsam progredienten Kreuzschmerzen, die sich unter Belastung
verstärken und in der Ruhe auch wieder verschwinden können.
Ihr Beginn liegt zumeist erst im Alter zwischen 20 und 25 Jahren, selten bereits im Kindesalter. Neurologische Erscheinungen
oder Ausfälle sind selten, da der Cauda equina im betroffenen
166 4 Ausgewählte Erkrankungen
Wirbelloch sehr viel Platz zur Verfügung steht. Es kann allerdings zusätzlich ein Bandscheibenprolaps entstehen, der dann
seinerseits eine Kompression der Nervenwurzel verursacht.
Diagnostik
Bei einer stärkeren Verschiebung lässt sich in der Dornfortsatzreihe eine Stufe sehen und tasten (› Abb. 4.43). Die eigentliche Diagnose wird aus Röntgenbild (› Abb. 4.44) bzw.
CT gestellt.
Therapie
Die Therapie besteht bei Kindern aus einer operativen knöchernen Versteifung, sofern der Prozess unter regelmäßigen
Kontrollen (1–2 Röntgenaufnahmen/Jahr) progredient ist. Um
dies zu verhindern, wird mit stabilisierender Wirbelsäulengymnastik therapiert. Bei Erwachsenen ist die Gefahr des weiteren Abgleitens praktisch nicht mehr gegeben.
Zusammenfassung
Spondylolisthesis (Wirbelgleiten):
• Ursache: Defekt im Bereich des Wirbelbogens mit Störung
der Verankerung, sodass der darüber befindliche Teil der
Wirbelsäule nach ventral abgleiten kann
• Symptome:
– Rückenschmerzen (selten), meist Zufallsbefund
– bevorzugt Segmente L5/S1 und L4/L5 betroffen
– evtl. gleichzeitiger Bandscheibenvorfall, der seinerseits zu
Beschwerden führt
• Diagnostik: Röntgen, CT
• Therapie:
– Physiotherapie
– Röntgenkontrollen
– bei Kindern notfalls Operation
4.18 Bandscheibenvorfall
Der Vorfall (Prolaps) der Zwischenwirbelscheibe, bezeichnet
auch als Diskusprolaps oder Diskushernie, ist eine recht häufige Erkrankung. Entsprechend der Spondylolisthesis bleibt sie in
vielen Fällen unbemerkt. Die Ursache hierfür ist einmal, dass
ein Vorfall der Bandscheibe, der keinen Druck auf die Nervenwurzeln des Foramen intervertebrale ausübt, keine Beschwerden verursacht. Andererseits ist es in der Praxis aber so, dass
chronisch rezidivierende Kreuzschmerzen häufig lediglich über
eine „normale“ Röntgenaufnahme abgeklärt werden, auf der
ein Bandscheibenvorfall nicht zu sehen ist. Wenn dann zusätzlich keine wesentliche Höhenminderung im Bereich der Zwischenwirbelscheibe sichtbar wird und keine neurologischen
Ausfälle wie Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen bestehen, wird häufig nicht an einen Bandscheibenvorfall gedacht.
Krankheitsentstehung
Eine Diskushernie entsteht üblicherweise nicht aufgrund eines besonderen Traumas, sondern auf der Basis vorbestehender, degenerativer Veränderungen des Bandscheibengewebes. Anlässlich einer akuten Fehlbelastung oder erzwungenen Bewegung, die dem entsprechenden Segment ohne Vorschädigung überhaupt nichts anhaben könnte, kommt es
dann zum Prolaps. Lediglich im Bereich der HWS entstehen
primär bei Unfällen wie dem Schleudertrauma Bandscheibenvorfälle.
Abb. 4.43 Spondylolisthesis bei L5/S1 mit vorspringendem Dornfortsatz
S1 und verstärkter Lendenlordose. [30]
Abb. 4.44 Spondylolisthesis L5/S1 [29]
4.18 Bandscheibenvorfall 167
Der Faserring (Anulus fibrosus), der den Gallertkern (Nucleus
pulposus) umgibt, platzt dabei auf, sodass sich letzterer teilweise durch die entstehende Lücke hindurchzwängen kann.
Zumeist nimmt er hierbei wegen des stabilen hinteren Längsbandes den Weg nach dorsal und lateral, also geradewegs in
Richtung Foramen intervertebrale, durch das die Nerven des
Segments aus dem Wirbelkanal heraustreten. Dabei kann der
prolabierte Anteil auch abreißen und isoliert, als Sequester, die
benachbarten Strukturen bedrängen.
M E R K E
Bei der Beschreibung der erfolgten Prolapsrichtung gilt es zu beachten, dass dieselbe nicht nach dem Gallertkern, sondern nach dem
Blickwinkel des Beobachters definiert wird. Ein Durchbrechen des
hinteren Längsbandes, eigentlich nach dorsal in den Raum von
Rückenmark bzw. Cauda equina, ist deswegen ein medialer Prolaps, derjenige in Richtung Zwischenwirbelloch ein mediolateraler (› Abb. 4.45).
Mit > 90% Anteil dominieren entsprechend der Spondylolisthesis auch beim Diskusprolaps die Segmente L4/L5 und L5/
S1, wobei hier aber L4/L5 an erster Stelle steht. Weit dahinter
folgen weitere LWS-Segmente und zuletzt die HWS, zumeist
im Segment C5/C6 oder C6/C7 z.B. in der Folge eines Schleudertraumas. Die BWS ist so gut wie nie betroffen.
Symptomatik
In der Mehrzahl aller Bandscheibenvorfälle entstehen keine
oder lediglich unspezifische Symptome, weil der Prolaps nicht
groß genug ist, um die Nervenwurzel im Bereich des Zwischenwirbellochs mechanisch zu bedrängen. Bei umfangreicheren, symptomatischen Vorfällen kommt es infolge einer
Kompression der Nervenwurzeln zwischen L4 und S1 zum
akut oder rezidivierend auftretenden Ischiassyndrom mit
Schmerzen lumbal und Ausstrahlung ins ganze Bein bis zum
Fußaußenrand. In den zugehörigen Dermatomen bestehen
Sensibilitätsstörungen (› Abb. 4.46). Je nach Ausmaß und
Dauer der Wurzelkompression findet man Reflexabschwächungen auf der betroffenen Seite oder sogar muskuläre Lähmungen. Meist besteht schmerzbedingt eine Schonhaltung
des Patienten.
In seltenen Fällen tritt ein Bandscheibenanteil auch einmal
unter Zerreißung des hinteren Längsbandes in der Medianebene nach dorsal (medialer Prolaps) und bedrängt hier die Cauda
equina so weitgehend, dass ein Kauda-Syndrom entsteht.
Hierbei entstehen dann heftige Schmerzen in den Beinen mit
zunehmender schlaffer Lähmung und ausgedehnten Sensibilitätsstörungen („Reithosenanästhesie“). Die Reflexe sind
nicht mehr auslösbar. Zusätzlich kommt es zu Störungen der
Funktion von Blase und Mastdarm. Hier muss innerhalb weniger Stunden operiert werden, wenn man noch etwas retten
will.
Diagnostik
Im Bereich des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts bestehen
ein muskulärer Hartspann, Druck- und Klopfschmerzen.
Neben dem Schober-Zeichen ist auch das Lasègue-Zeichen
positiv – d. h. es kommt beim liegenden Patienten zu Schmerzen in Gesäß und Bein, wenn durch passives Anheben des betroffenen Beines der Druck auf die Nervenwurzel weiter erhöht wird. Die Schmerzhaftigkeit entsteht aus der Einengung
und Überdehnung des Ischiasnerven irgendwo zwischen L4
und S1. Eine genaue Zuordnung zur Segmenthöhe ist damit
nicht möglich.
Abb. 4.45 Abhängig von der Richtung eines Bandscheibenvorfalls (1 =
mediolateral, 2 = medial, 3 = lateral) werden unterschiedliche Strukturen
komprimiert und in ihrer Funktion beeinträchtigt. [40]
L1
L2
L3
L4
L5
S1
Abb. 4.46 Sensibilitätsstörungen bei Bandscheibenvorfall. [43]
168 4 Ausgewählte Erkrankungen
Häufig kann man im Verlauf eines irritierten Nerven Druckschmerzen erzeugen. Diese Nervendruckpunkte werden allgemein als Valleix-Punkte bezeichnet (› Abb. 4.47). Ist es
zu Reflexabschwächungen gekommen, betreffen dieselben
meist den ASR, eventuell auch den PSR, sofern die Segmente
L2–L4 betroffen sind. Der eigentliche Nachweis einer Diskushernie wird über das CT oder (besser) über die MRT erreicht.
Lumbago
Gewissermaßen als Teilaspekt oder auch einmal als Vorstadium eines Ischiassyndroms kann man den Hexenschuss (Lumbago) betrachten. Hierbei handelt es sich um einen akut einsetzenden, segmental in der Lende empfundenen, stechenden
Schmerz, der durch die Schädigung der sensiblen Eigenversorgung der LWS verursacht wird und mit muskulärem Hartspann, Lähmungsgefühl und Zwangshaltung einhergehen
kann. Die Dornfortsatzreihe ist druckschmerzhaft. Die Ischiaswurzel ist in der Regel nicht betroffen, sodass auch keine wesentlichen Ausstrahlungen bestehen.
Mögliche Ursachen sind Bandscheibenvorfälle, Tumoren,
eine Spondylolisthesis oder degenerative Veränderungen. In
aller Regel jedoch handelt es sich auch anatomisch gewissermaßen um einen Teilaspekt des eigentlichen Vorfalls, indem
der Nucleus pulposus gegen einen eingerissenen, im äußeren
Anteil jedoch noch intakten Faserring drückt und denselben
lediglich vorwölbt (Protrusion).
Therapie
Solange die Spinalnerven „Luft haben“ und dem Bandscheibenanteil ausweichen können, wird gar nichts passieren oder
höchstens zeitweise, wenn durch entsprechende Haltungen des
Wirbelsäulenabschnitts oder durch eine Druckerhöhung im
Bauchraum (Valsalva-Manöver, z.B. beim Husten oder Niesen) eine Raumverengung eintritt. In solchen Fällen wird niemals operiert, sondern lediglich konservativ durch Wärme,
Massagen, angepasste Lagerung, Auftrainieren der Muskulatur
und dem Vermeiden von Fehlhaltungen Abhilfe versucht und
in aller Regel auch erreicht.
Nur wenn der Raum primär oder sekundär nicht mehr ausreicht und die Nervenwurzel auf eine Weise bedrängt wird,
dass nicht nur Schmerzen, sondern auch neurologische Ausfälle entstehen, ist die Operation Mittel der Wahl. Diese hat
zum Ziel, die raumbeengenden Anteile des Bandscheibengewebes zu entfernen. Die Methoden hierzu sind in den letzten Jahren mit minimal-invasiven Methoden über Sonden und Katheter immer weiter verfeinert worden (Lasertechnik, Hitze, enzymatische Auflösung durch Papain usw.), sodass sowohl die
Belastung der Operation als auch die Gefahr von unerwünschten Folgeerscheinungen deutlich vermindert worden sind.
Sicherlich sinnvoller als die Therapie von Lumbago bzw.
Bandscheibenvorfall ist es, dieselben durch Kräftigung der Rückenmuskulatur und durch angemessene Haltungen und Bewegungsabläufe prophylaktisch zu vermeiden (› Abb. 4.48).
Zusammenfassung
Bandscheibenvorfall: Kompression der Nervenwurzel im Foramen intervertebrale durch den Nucleus pulposus; am häufigsten betroffen sind die Segmente L4/L5 und L5/S1, seltener
höhere LWS-Segmente oder die HWS
• Ursache: degenerative Veränderung des Bandscheibengewebes
• Symptome: je nach betroffenem Segment, meist als Ischiassyndrom
– Rückenschmerzen mit Ausstrahlung ins Bein
– Sensibilitätsstörungen
– Reflexabschwächung
– Lähmungen
– schmerzbedingte Schonhaltung
– selten Kauda-Syndrom (Reithosenanästhesie, Störungen
der Funktion von Blase und Mastdarm)
• Diagnostik:
– muskulärer Hartspann
– Druck- und Klopfschmerz
– Schober-Zeichen positiv
– Lasègue-Zeichen positiv
– Valleix-Punkte druckschmerzhaft
– CT, MRT
• Therapie:
– Physiotherapie
– bei neurologischen Ausfällen Operation
Lumbalpunkt IV
Lumbalpunkt V
oberer Glutealpunkt
Ileosakralpunkt
unterer Glutealpunkt
Poplitealpunkt
Peronealpunkt
Malleolarpunkt
Abb. 4.47 Valleix-Punkte (Nervendruckpunkte) beim Ischiassyndrom. [14]
4.19 Epicondylitis humeri 169
4.19 Epicondylitis humeri
Die beiden Epikondylen des (distalen) Humerus dienen als Ansatzknochen für die Sehnen von Unterarmmuskeln. Dabei setzen am lateralen = radialen Epikondylus überwiegend Muskeln an, die eine Streckung (Extension) des Handgelenks bewirken, und am medialen = ulnaren Epikondylus solche, die
eine Flexion im Handgelenk ermöglichen.
Krankheitsentstehung und Symptomatik
Verschiedene Sportarten führen zu einer Überlastung der Unterarmmuskulatur und dadurch auch teilweise zu einer Überlastung der Sehneninsertion an den Epikondylen. Bei sich
wiederholenden Überlastungen entstehen neben rezidivierenden Tendinosen (Reizzuständen) auch degenerative Abnutzungen an den Insertionsstellen. Zusätzlich zum lokalen
Schmerz am jeweiligen Epikondylus kommt es zu Ausstrahlungen in die Unterarmmuskulatur.
Die Epicondylitis humeri radialis ist deutlich häufiger als
die ulnare Epikondylitis. Nach ihrem besonders häufigen Auftreten bei Tennisspielern bezeichnet man sie auch als Tennisellenbogen. Entsprechend wird die ulnare Epikondylitis als
Golferellenbogen bezeichnet.
Diagnostik
Die Diagnose der lateralen Epikondylitis erfolgt durch den
typischen Druckschmerz am Epikondylus sowie dadurch,
dass man den Patienten mit der geschlossenen Faust eine
Dorsalextension gegen Widerstand durchführen lässt. Hierbei tritt der typische Schmerz auf. Entsprechend entsteht der
Schmerz an medialem Epikondylus und Beugemuskulatur
bei Palmarflexion gegen den Widerstand des Untersuchers.
Diese Untersuchungsmethoden sind als Thomsen-Zeichen
definiert.
Therapie
Zur Therapie infiltriert man den betroffenen Epikondylus mit
Lokalanästhetika, wobei eventuell der Arm zusätzlich ruhig
gestellt werden, in jedem Fall aber geschont werden muss.
Wenn das nicht ausreicht, kann die sog. Operation nach
Hohmann (Spaltung der Sehneninsertion) durchgeführt werden. Eine nicht geringe Anzahl von Patienten wird mit oder
ohne Operation über längere Zeiträume nicht beschwerdefrei.
H I N W E I S D E S A U T O R S
Auffallend ist bei der Epikondylitis die zuverlässige Übereinstimmung
des Krankheitsbildes mit Blockaden im zugehörigen Wirbelsäulensegment. Dies gilt ausnahmslos für die zahlreichen Patienten,
die trotz typischer Symptomatik keinerlei Überlastungen in der Vorgeschichte aufzuweisen haben. Die Blockade eines Wirbelsäulensegments führt zu Myogelosen im zugehörigen Myotom und dadurch
auch zum Dauerzug an den Ansatzsehnen und ihrer Insertion.
Die Streckmuskulatur des Unterarms wird überwiegend vom
N. radialis, die Flexoren werden vom N. medianus versorgt. Beide Nerven rekrutieren sich aus Anteilen des Plexus brachialis, der
N. radialis überwiegend aus dem Segment C5/C6, der N. medianus mehr aus C6/C7. Entsprechend findet man bei der üblichen
Epicondylitis radialis die Blockaden im Segment C5 und C6, und bei
der medialen Epicondylitis zwischen C6 und Th1.
Die Therapie besteht sinnvollerweise in der chirotherapeutischen
Deblockierung der HWS-Blockaden, wobei man danach einige Tage Geduld braucht, weil die Ursache zwar beseitigt ist, nicht aber der
Reizzustand im Bereich der Sehneninsertion.
Zusammenfassung
Epicondylitis humeri: Überlastung der Unterarmmuskulatur
und Sehneninsertion an den Epikondylen
• radiale Epikondylitis: Streckmuskulatur betroffen, Tennisellenbogen
• ulnare Epikondylitis: Beugemuskulatur betroffen, Golferellenbogen
Falsche Haltungen Richtige Haltungen
Lasteinwirkung Lasteinwirkung
Abb. 4.48 Richtige Haltung zur Prophylaxe von
Lumbago und Bandscheibenvorfall. [3]
170 4 Ausgewählte Erkrankungen
• Symptome: Schmerzen am betroffenen Epikondylus mit
Ausstrahlung in die Unterarmmuskulatur
• Diagnostik:
– lokaler Druckschmerz über dem Epikondylus
– Thomsen-Zeichen positiv
• Therapie:
– Infiltration am Epikondylus mit Lokalanästhetika
– Ruhigstellung des Armes
– evtl. Operation nach Hohmann
4.20 Morbus Perthes
Bei der Perthes-Krankheit handelt es sich um eine aseptische
(nichtinfektiöse) Knochennekrose des Hüftkopfs, die bei Kindern weit überwiegend im Alter zwischen 3 und 10 Jahren auftritt und für 3–5 Jahre andauert. Jungen sind wesentlich häufiger betroffen als Mädchen. In jedem 5. Fall sind beide Femurköpfe betroffen. Insgesamt geht man von einer Häufigkeit von
gut 0,1% aller Kinder aus.
Ursachen
Die Ursache der Erkrankung ist unklar. Entzündliche Vorgänge finden nicht statt. Man denkt an Durchblutungsstörungen
im Bereich der proximalen Femurepiphyse, indem im Wachstumsalter, also vor Eintritt der Pubertät, die Vereinigung des
epiphysären Blutkreislaufs mit demjenigen der Metaphyse
noch nicht vollzogen ist (› Abb. 4.49).
Auch genetische Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen,
weil bei 7% der Erkrankten familiäre Häufungen zu beobachten sind. Die genetische Disposition könnte in Abweichungen
der Gefäßversorgung bestehen, die mit zunehmendem Wachstum zu einer Minderversorgung des Hüftkopfs führen. Andererseits kann man bei der Mehrzahl dieser Kinder einen Rückstand des Skelettalters gegenüber dem Lebensalter feststellen,
weshalb auch an weitere genetische Faktoren zu denken ist.
Der initialen Nekrose des Hüftkopfs folgt eine reaktive
Mehrdurchblutung mit Bildung von Bindegewebe, das anschließend knöchern umgewandelt wird. Dies entspricht den
Vorgängen nach einer Fraktur.
Symptomatik
Die ersten Symptome bei den betroffenen Kindern bestehen in
vorzeitiger Ermüdbarkeit und zunehmendem Hinken nach
längerem Gehen. Manchmal kommt es auch zu leichten
Schmerzen in der betroffenen Hüfte oder in den Knien. Das
Hinken kann vorübergehend wieder verschwinden oder auch
in ein andauerndes Schonhinken übergehen. Das Allgemeinbefinden ist ausnahmslos ungestört.
Diagnostik
Die Hinweisdiagnose ergibt sich aus dem Beschwerdebild
(Hinken) und dem typischen Alter der betroffenen (männlichen) Kinder. Die eigentliche Diagnose wird aus Röntgen
(› Abb. 4.50), Ultraschall, MRT und Szintigraphie gestellt.
Da es sich um ein rein lokales, nichtentzündliches Geschehen
handelt, befinden sich sämtliche Laborparameter im Normbereich.
Therapie
Die wesentliche Therapie besteht in einer Entlastung des Hüftkopfs, damit es während der bindegewebigen Umbauvorgänge
mit sich anschließender Reossifikation nicht zu bleibenden
Verformungen durch die Alltagsbelastungen kommt. Eine
mehr oder weniger ausgeprägte Abplattung der Femurepiphyse kann aber trotzdem häufig nicht vermieden werden, wodurch bereits im mittleren Lebensalter eine Coxarthrose entstehen kann.
Die Entlastung des Hüftkopfs erfolgte früher durch die sog.
Thomas-Schiene, die den Kindern durch Abstützung am Tuber ischiadicum ein Gehen an Gehstützen gestattete
(› Abb. 4.51). Inzwischen verwendet man abgewandelte
Konstruktionen (Orthesen). Zuvor erfolgt in der Regel die Anlegung eines Beckengipses (später auch Gehgipses), bei dem
Gelenkkapsel
A. femoralis
A. circumflexa
femoris medialis
R. ascendens der
A. circumflexa
femoris lateralis
A. profunda
femoris
Abb. 4.49 Blutversorgung des Femurkopfs. [47]
R L
Abb. 4.50 Hüftkopfnekrose rechts (Morbus Perthes). [31]
4.21 Osteomyelitis 171
der Oberschenkel in leichter Beugung, Abduktion und Außenrotation festgestellt wird. In dieser Position erfolgt die relativ beste Durchblutung der Femurepiphyse durch maximale
Entspannung des Kapsel-Band-Apparates. Außerdem wird auf
diese Weise der Hüftkopf in der Pfanne zentriert und damit
entlastet. Zusätzlich therapiert man mit Antiphlogistika und
physiotherapeutischen Mobilisationen. Abhängig vom Ergebnis wird operiert.
Das Tragen von Thomas-Schiene bzw. Orthese und begleitende Krankengymnastik werden bis zum knöchernen Wiederaufbau des Hüftkopfs fortgeführt. Die Prognose ist unter dieser
Therapie insgesamt günstig, abgesehen von der Gefahr einer
Coxarthrose in späteren Jahren. Allerdings sieht man immer
wieder Fälle, bei denen ein regulärer Aufbau des Hüftkopfs
nicht gelungen ist (› Abb. 4.52).
Zusammenfassung
Morbus Perthes: aseptische Knochennekrose des Hüftkopfes
im Kindesalter; Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen
• Ursache:
– unklar
– evtl. Durchblutungsstörungen des Hüftkopfes
– genetische Faktoren
• Symptome:
– vorzeitige Ermüdbarkeit und evtl. Hinken nach längerem
Gehen
– Schmerzen in Hüfte und Knie
• Diagnostik:
– Röntgen
– Ultraschall
– MRT
• Therapie:
– Entlastung des Hüftkopfes durch Orthese und Gehstützen
– Physiotherapie
– evtl. Antiphlogistika
4.21 Osteomyelitis
In aller Regel ist die Entzündung des Knochens (Ostitis) kombiniert mit der Entzündung von Knochenmark (eigentliche
Osteomyelitis) und Periost (Periostitis). Osteomyelitis wird
deshalb zumeist als Oberbegriff für die Entzündung aller
3 Strukturen verwendet. Es handelt sich um schwere, langwierige und leicht rezidivierende Entzündungen, die zumeist
durch Bakterien verursacht werden.
Krankheitsentstehung
Grundsätzlich wird unterschieden einmal nach der Art der
Keimeinschleppung in die hämatogene (endogene), also über
den Blutweg erfolgende Infektion (z.B. aus Eiterherden an
Zähnen, Tonsillen oder Haut) und in die exogene (posttraumatische) Infektion nach Unfällen oder Operationen
(› Abb. 4.53). Zum anderen differenziert man in eine akute
und eine chronische Form, wobei die chronische aus der akuten hervorgehen oder primär chronisch entstehen kann. Die
Osteomyelitis ist bei Säuglingen und Kindern häufiger als bei
Erwachsenen und nimmt einen anderen Verlauf, weshalb auch
diese Formen voneinander unterschieden werden. Schließlich
Abb. 4.51 Prinzip der Thomas-Schiene. [35]
Abb. 4.52 Schlechte Ausheilung mit unvollständigen Hüftköpfen nach
Morbus Perthes beiderseits. [19]
172 4 Ausgewählte Erkrankungen
trennt man die sog. spezifischen Formen ab, wie sie bei Syphilis, Typhus oder Tuberkulose entstehen.
In der Mehrzahl der Fälle beginnt die Osteomyelitis bei Kindern subperiostal im Bereich der Metaphysen und anschließenden Teilen der Epiphysen, um sich eventuell sekundär in
die Diaphysen oder in die Gelenke auszubreiten. Bevorzugt betroffen sind die proximale oder distale Femurmetaphyse, seltener die Metaphysen von Tibia und Humerus. Wichtigster
Keim ist Staphylococcus aureus, doch kommen auch Streptokokken, Escherichia coli und andere in Frage.
Bei Erwachsenen kommt es überwiegend nur im Rahmen
von Verletzungen zu einer Osteomyelitis (exogene Form). Die
seltene hämatogene Form entsteht bevorzugt in kurzen Knochen wie den Wirbelkörpern (Spondylitis) oder, noch seltener, in den Diaphysen der langen Röhrenknochen.
Symptomatik
Im Bereich der Entzündung entstehen Schmerzen, Schwellungen und entzündliche Rötungen. Zumeist besteht auch ein
schweres, septisches Krankheitsbild mit Fieber und Schüttelfrost.
Diagnostik
Labormedizinisch findet man eine Leukozytose und Beschleunigung der BKS. Die Osteomyelitis kann im Frühstadium am
besten im Ultraschall, CT oder im Szintigramm sichtbar gemacht werden, während das Röntgenbild erst dann eine Diagnose erlaubt, wenn es zu Osteolysen durch eitrige Knocheneinschmelzungen, zu Reaktionen des Periostes, Sequesterbildungen
oder zu umschriebenen Knochenneubildungen gekommen ist.
Therapie
Die Therapie einer Osteomyelitis gestaltet sich außerordentlich
schwierig und langwierig. Die intensive und langandauernde
Antibiotikagabe reicht häufig nicht aus. Es muss dann lokal
durch operative Ausräumung des Herdes, Einlegen einer
Spül-Saug-Drainage (›Abb. 4.54) und Ruhigstellung (Fixateur externe) eine Sanierung versucht werden. Wichtig ist die
Erregerisolierung durch Blutkulturen oder Punktate. Rezidive,
v. a. bei Erwachsenen, sind häufig.
Zusammenfassung
Osteomyelitis: Entzündung von Knochen, Knochenmark und
Periost
• Einteilung:
– hämatogen (endogen) v. a. bei Kindern oder posttraumatisch (exogen) als Hauptform der Erwachsenen
– akut oder chronisch
– spezifische Osteomyelitis bei Syphilis, Tuberkulose, Typhus
• Ursache: meist bakteriell (Staphylococcus aureus)
• Symptome:
– Schmerzen, Schwellung, Rötung
– Fieber, Schüttelfrost
• Diagnostik:
– Entzündungsparameter im Blut erhöht
– Erregernachweis aus Blutkultur oder Punktion
– Ultraschall
– CT
– Szintigraphie
• Therapie:
– Antibiotika
– Ruhigstellung
– evtl. operative Ausräumung und anschließende SpülSaug-Drainage
Osteomyelitis
akute
Osteomyelitis
chronische
Osteomyelitis
spezifische Infektion
Tbc, Typhus, Lues u.a.
unspezifische
Infektion
endogenhämatogene
Form
exogene
Form
sekundär
chronische
Form
primär
chronische
Form
Abb. 4.53 Einteilung der Osteomyelitis. [48]
Spüllösung
Redonflaschen
Abb. 4.54 Technik der Spül-Saug-Drainage bei Osteomyelitis. [40]
4.23 Bösartige Knochentumoren 173
4.22 Gutartige Knochentumoren
Neubildungen (Tumoren) im Bereich des Knochens lassen sich
wie üblich unterscheiden in benigne und maligne Formen,
daneben aber auch in semimaligne, die zwar analog zum Basaliom der Haut destruierend unter Zerstörung des umliegenden
Gewebes wachsen, aber kaum jemals metastasieren. Schließlich kann man diesen primären Knochentumoren noch die
sekundären gegenüber stellen, zu denen die Metastasen anderweitiger Tumoren gerechnet werden.
Bei etlichen Knochentumoren lässt sich eine eindeutige Zuordnung zu benignen bzw. malignen Tumoren nicht treffen, weil
auch einige primär gutartige Tumore in Blutgefäße einbrechen
können und dann verschleppt werden, oder weil sie rezidivieren,
solange nicht restlos alles erkrankte Gewebe entfernt worden ist.
Schließlich können primär gutartige Tumoren auch entarten;
z.B. kann ein Chondrom in ein Chondrosarkom übergehen.
Unter den gutartigen Knochentumoren werden zahllose
Formen unterschieden, die entweder vom Knochen, vom
Knorpel oder von Zellen des Knochenmarks ihren Ausgang
nehmen. Die wesentlichsten sind: Enchondrom, Osteoidosteom, Osteochondrom, Chondroblastom, Chordom, Fibrom,
Lipom, Lymphangiom, Zysten (z.B. Epidermoidzyste) und Hämangiome (= häufigste benigne Tumoren der Wirbelsäule).
Eine genauere Kenntnis dieser Formen hat für den Heilpraktiker keine Bedeutung.
4.22.1 Tietze-Syndrom
Das Tietze-Syndrom stellt eine tumorartige Neubildung am
Übergang der 2. oder 3. Rippe zum Sternum dar. Die Rippenknorpel sind schmerzhaft aufgetrieben. Die Ursache ist trotz
der Häufigkeit dieser Erkrankung immer noch unklar. Man
denkt an degenerative Prozesse.
Das Tietze-Syndrom hat mit Ausnahme des zumeist nur
leichten Schmerzes keine weitere Bedeutung. Therapeutisch
kann die Infiltration von Lokalanästhetika versucht werden.
Regelmäßig findet sich allerdings auch eine Blockade der entsprechenden Rippe im Kostovertebral- bzw. Kostotransversalgelenk, weshalb man in der Fehlstellung und Bewegungseinschränkung der Rippe mit Dauerreiz des kostosternalen Ansatzes auch die wesentliche Ursache vermuten könnte.
4.22.2 Exostosen
Exostosen sind höckerige oder spornartige knöcherne Vorsprünge an einer Knochenoberfläche (› Abb. 4.55). Sie finden sich besonders häufig im Bereich von einstrahlenden Sehnen und stellen dann eine Reaktion des Knochengewebes auf
Überlastungen dieser Sehnenansätze dar (→ Fersensporn).
Es gibt aber auch hereditäre Formen, bei denen multiple
Exostosen an allen möglichen Knochen zu beobachten sind.
Besonders häufig sieht man kleine Exostosen im Bereich von
Händen und Füßen – an den Füßen z.B. als Haglund-Ferse
(Fersensporn).
4.22.3 Überbein
Das Überbein (Ganglion) ist im eigentlichen Sinn kein Tumor,
kann aber als solcher imponieren. Es entsteht überwiegend im
Bereich eines Gelenks als umschriebene Ausstülpung der Gelenkkapsel, kann aber auch einmal aus Schleimbeuteln oder
Sehnenscheiden herausgedrückt werden.
Ursache ist eine Gelenküberlastung, die durch entsprechende Druckerhöhung zum Ausweiten des Kapselanteiles
führt. Entsprechend hat das Überbein Verbindung zum Gelenkraum, ist mit Synovialflüssigkeit gefüllt und tastet sich als
prall-elastischer, schmerzhafter Tumor. Nach längerem Bestand kann sich der Zysteninhalt verfestigen, sodass sich das
Ganglion sehr derb, fast knöchern anfühlt. Bevorzugte Lokalisationen für Überbeine sind Handgelenkstreckseite (zwischen
Mondbein und Kahnbein) und Fußrücken.
Die umfassende operative Entfernung eines Überbeins ist
nicht so ganz einfach, weshalb häufig Rezidive entstehen.
4.23 Bösartige Knochentumoren
4.23.1 Knochenmetastasen
Verschiedene Malignome metastasieren mit einiger Regelmäßigkeit in die Wirbelsäule oder weitere Knochen (› Abb. 4.56).
Bevorzugt sind dies
Abb. 4.55 Große Exostose am Humerus. [23]
174 4 Ausgewählte Erkrankungen
• Prostatakarzinom
• Mammakarzinom
• Bronchialkarzinom
• Schilddrüsenkarzinom
• Nierenkarzinom (Hypernephrom).
Alle diese Karzinommetastasen verursachen osteolytische
(= Knochen auflösende) Defekte. Das Plasmozytom lässt
sich radiologisch dadurch von primären oder sekundären
Knochentumoren abgrenzen und wahrscheinlich machen,
dass seine Herde im Röntgenbild wie ausgestanzt wirken.
4.23.2 Osteosarkom
Das Osteosarkom ist der mit weitem Abstand häufigste maligne Knochentumor. Bevorzugt betroffen sind Kinder und Jugendliche im Zeitraum der Pubertät. Hauptlokalisationsorte
sind das Kniegelenk im Bereich der Metaphysen von Femur
(50% aller Fälle) und Tibia sowie der proximale Humerus.
Eher selten entsteht es in weiteren Anteilen des Skelettsystems
einschließlich des Schädels.
Symptomatik
Der Tumor wächst sehr schnell. Erstsymptom sind Schmerzen und eine derbe Schwellung im betroffenen Bereich. Zum
Zeitpunkt der Erstentdeckung bestehen in ¾ der Fälle bereits
radiologisch erkennbare Lungenmetastasen. In den restlichen
Fällen ist die Prognose, im Verein mit der Chemotherapie, inzwischen relativ gut (Heilungsrate 75%).
Diagnostik und Therapie
Die Diagnose wird radiologisch bzw. mittels eines CT gestellt.
Die Therapie erfolgt primär zunächst durch eine Chemotherapie. Erst im Anschluss hieran wird operiert.
4.23.3 Chondrosarkom
Beim Chondrosarkom handelt es sich um den zweithäufigsten
malignen Tumor des Knochens. Wie der Name ausdrückt,
nimmt er seinen Ausgang vom Knorpelgewebe. Betroffen ist
im Gegensatz zum Osteosarkom weit überwiegend das Erwachsenenalter.
Auch das Chondrosarkom entsteht besonders häufig im Bereich der Metaphysen, entweder primär oder sekundär aus einem Enchondrom. Hauptlokalisationen sind Becken und proximaler Femur, proximaler Humerus (› Abb. 4.57) und
Rippen.
Der Tumor wächst langsam und unter nur mäßiger Knochenzerstörung, sodass er selten zu Spontanfrakturen führt und oft
schon erhebliche Ausmaße erreicht hat, wenn er aufgrund von
umschriebenen Schmerzen oder Schwellungen entdeckt wird.
Therapie
Die Therapie besteht deswegen ausschließlich in der umfassenden Resektion, was z.B. am Becken zu einer Teilentfernung mit geringer Reststabilität führt. Dafür ist die Überlebenschance bei einer derartigen Radikaloperation mit 80%
ungewöhnlich hoch.
Langsam wachsende Tumoren wie das Chondrosarkom sind
weitgehend resistent gegenüber Strahlen- oder Chemotherapie.
4.23.4 Ewing-Sarkom
Das Ewing-Sarkom stellt den dritthäufigsten malignen Knochentumor dar. Es kommt, entsprechend dem Osteosarkom,
weit überwiegend bei Kindern und Jugendlichen im 2. Lebensjahrzehnt, selten auch bei jungen Erwachsenen vor.
Es handelt sich um einen weichen Tumor in den Diaphysen, seltener auch Metaphysen der langen Röhrenknochen
oder im Becken, ausgehend vom Knochenmark. Besonders
häufig entsteht es direkt proximal oder distal des Kniegelenks (› Abb. 4.58).
Abb. 4.56 Hauptlokalisationen von Knochenmetastasen. Besonders häufig sind die dunklen Bezirke Wirbelsäule, Becken und Rippen betroffen.
4.23 Bösartige Knochentumoren 175
Das Malignom beginnt mit unspezifischen Schmerzen und
Schwellungen im betroffenen Bereich. Häufig bestehen Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit und Fieber. Die Kinder
machen einen schwerkranken Eindruck, weshalb die Differenzialdiagnose in erster Linie gegen eine Osteomyelitis zu erfolgen hat. Im Blut findet man eine beschleunigte BKS und
später eine Anämie.
Wegen seiner frühen Metastasierung in andere Skelettanteile,
später auch in die Lunge, war seine Prognose früher infaust
(hoffnungslos). Inzwischen bestehen durch kombinierte Therapien aus Bestrahlung, Operation und hoch dosierten
Zytostatika etwas bessere Chancen. Relativ häufig kommt es
allerdings bei den „geheilten“ Kindern einige Jahre später am
Ort der Bestrahlung zu einem Osteosarkom.
Abb. 4.57 Chondrosarkom des proximalen Humerus. [1] Abb. 4.58 Ewing-Sarkom des distalen Femur. [11]
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Abbildungsnachweis 177
Abbildungsnachweis
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Klammern. Alle nicht besonders gekennzeichneten Grafiken und
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Register 179
A
Abspreizhemmung 133
Acetabulum 52
Acetylcholin 71
Achillessehne 58, 146
Achillessehnenreflex 93
Acromion 38
Adoleszentenkyphose 133
Agonist 74
Akromioklavikulargelenk, Bandschädigungen 37
Aktin 62
Aktionspotenzial 71
alkalische Phosphatase 12
Altersgelenk 129
Amnesie 163
Amphiarthrose 4, 50, 59
Anämie 175
Anamnese 97
Angina tonsillaris 143, 145
Ängstlichkeit 140
Angulus lateralis 38
Ankylose 129, 147
Anlaufschmerz 130
Anorexia nervosa 149
Ansatz 61
Antagonist 74
antinukleäre Antikörper 138
Antistreptolysin-Titer 144
Anulus fibrosus 31, 147
Aponeurose 82
Apoplex 98
Arcus zygomaticus 21
Arrhythmie 125, 144
Arrhythmien 125
Arteria
–carotis interna 21
–nutricia 16
–subclavia 82
–vertebralis 33
Arteriitis temporalis 141
Arthose 126
Arthralgie 136
Arthritis 146
–saltans 143
Arthrose 98, 128, 147
–Abgrenzung zur Gelenkblockade
118
–Diagnostik 130
–Krankheitsentstehung 128
–Lokalisationen 129
–Symptomatik 130
–Therapie 130
–Ursachen 128
Arthrosis deformans 129
Arthroskopie 113
Aschoff-Geipel-Knötchen 144
Astheniker 99
A-Streifen 63
Atemhilfmuskeln 80
Atemmuskeln 82
Athlet 99
Atlas 33
–Blockade 123
ATP 68
Atrophie, Muskel 70
Augenhöhle 26
Außenbandruptur 57
Außenknöchel 56
Autoimmunerkrankung 135, 141, 142, 143
Autoimmunkrankheit 145
Axis 33
–Blockade 124
Azidose 69
B
Baker-Zyste 137
Bambusstabwirbelsäule 147
Bänder 5
Bandhaft 3, 49
Bandscheiben 31, 146
Bandscheibenvorfall 32, 112, 119, 166
–Diagnostik 167
–Krankheitsentstehung 166
–Symptomatik 167
–Therapie 168
Basistherapeutika 138
Bauchwandmuskulatur 82
Becken 47
–Geschlechtsunterschiede 48
–großes 48
–kleines 48
Beckeneingang 49
Beckengürtel 48
Beckenmuskeln 86
Beckenschiefstand 105, 108, 130, 131, 133
Beckenverwringung 126
Beinlängendifferenz 50, 105, 107, 126, 131,
133
Bewegungsapparat, Funktion 1
Bewegungsausmaß 121
Bewegungseinschränkung 116
Bewusstlosigkeit 163
Biologika 139
Bisphosphonate 150
Blockade
–Atlas 123
–Axis 124
–C4 124
–C5–C7 124
–CT3 126
–CT5 126
–CT7 126
–HWS 124
–Iliosakralgelenk 126
–L2 125
–L4 125
–Sternoklavikulargelenk 126
–Th1 125
–Th3 125
–Th6 125
–Th9 125
–Th11 125
–Wirbelsäule 123
Blockierung 116
Bragard-Zeichen 112
Brand 123
Brillenhämatom 163
Bronchialkarzinom 174
Brustbein 35
Brustbein-Schlüsselbein-Gelenk 36
Brustkorb 35
Brustkyphose 29
Brustwandflattern 161
Brustwandmuskeln 82
Bursa 5
–synovialis 66
Bursitis 118
–olecrani 43
BWS 34
C
Calcaneus 58
Calcitonin 15, 149, 150
Calcium 9, 13, 63, 71, 149, 150, 151
–Stoffwechsel 15
Candida albicans 141
Capitulum humeri 40, 42
Cartilago
–arytaenoidea 28
–cricoidea 28
–thyroidea 28
Cauda equina 32
CCD-Winkel 52
Cellulae ethmoidales 26
Centrum-Collum-Diaphysen-Winkel 52
Chassaignac-Lähmung 43
Chirodiagnostik 120
Chiropraktik 116
Chirotherapie 115
–Aufgaben 116
–Historisches 115
–Indikationen 122
–Kontraindikationen 122
Cholesterin 151
Cholinesterase 72
Chondroblasten 7
Chondroitinsulfat 7
Chondropathia patellae 126, 131
–Diagnostik 132
–Krankheitsentstehung 131
–Symptomatik 132
–Therapie 132
Chondrosarkom 174
Chondrozyten 7
Chorea minor (Sydenham) 144
chronic fatigue syndrom 140
chronische Polyarthritis 134
chronisches Müdigkeitssyndrom 140
Colon irritabile 140
Columna vertebralis 29
Commotio cerebri 163
Compressio 155
Condylus
–lateralis 52
–medialis 52
Register
180 Register
Conjugata vera 49
Contusio 155 –cerebri 163
Coracoid 38
Cortisol 15, 149
Coxa valga 133
Coxarthrose 105, 129, 133, 162,
170
Coxsackie-Viren 142
Cremasterreflex 83
Crista –galli 26 –iliaca 47 D
Darmbein 47
Darmbeinkamm 47
Daumengrundgelenk 46
Daumensattelgelenk 46
Daumenwurzelgelenk 46
Denosumab 150
Dens axis 33
Depression 136, 140, 142
Dermatomyositis 142
Desault-Verband 160
D-Hormon 15, 149
Diabetes mellitus 149, 154
Diaphragma 83
Diaphyse 10, 11
Diarthrose 3
Disci intervertebrales 31
Discus articularis 4, 37
Diskushernie 166
Diskusprolaps 166
Distorsion 155 –Symptomatik 155 –Therapie 155
Dornfortsatz 31
Drehgelenk 5
Dreieckbein 44
Dupuytren-Kontraktur 154 –Diagnostik 154 –Krankheitsentstehung 154 –Symptomatik 154 –Therapie 155
Durchschlafstörungen 140
Dysphagie 142 E
Eigelenk 6, 43
elastischer Knorpel 8
elektromechanische Kopplung
72
Elektromyographie 114
Ellbogengelenk 43
Elle 42
Ellipsoidgelenk 6
Endomysium 61
Endoprothese 162
Endost 15
Energie 67
Epicondylitis humeri 169 –Diagnostik 169 –Krankheitsentstehung 169 –Symptomatik 169 –Therapie 169
Epicondylus –lateralis 40, 52 –medialis 42, 52
epigastrischer Winkel 36
Epiglottis 28
Epilepsie 154
Epimysium 62
Epiphyse 10
Epiphysenfuge 10
Epiphysenlösung 156
Erbrechen 124, 163
Erbsenbein 44, 54
Ermüdungsbruch 156
Erschlaffung 72
Erythema anulare 144
Eustachio-Röhre 28
Ewing-Sarkom 174
Exostose 173 F
Faltenasymmetrie 133
Fascia lata 90
Faserknorpel 3,
8
Fassthorax 99
Faszie 61, 65
Fehlernährung 149
Felsenbein 21
Felty-Syndrom 138
Femur, Fraktur 52
Fersenbein 58
Fersenhöcker 58
Fersenschmerz 146
Fersensporn 58
Fettembolie 156
Fettgewebe, gelbes 11
Fibromyalgie 139 –Differenzialdiagnosen 140 –Krankheitsentstehung 139 –Symptomatik 140 –Therapie 141
Fibrozyten 65
Fibula 53 –Fraktur 54, 57
Fieber 136, 138, 143, 172, 175
Fingergelenke 46
Finger-Boden-Abstand 103
Fischwirbelbildung 149
Flachrücken 29
Fluoride 150
Fontanelle 21
Foramen –intervertebrale 32 –magnum 23 –mentale 25 –obturatum 47 –transversarium 33 –vertebrale 32
Fossa –infraspinata 38 –intercondylaris 52 –supraspinata 38
Fraktur 148, 155 –Bezeichnungen 156 –Diagnostik 157 –Einteilung 156 –Folgen 156
–Heilung 18 –Komplikationen 156, 158 –pathologische 156 –Therapie 157
Frakturheilung –primäre 19 –sekundäre 19
Freiheitsgrad 5
Fuß 58 –Deformierungen 59
Fußgewölbe 59
Fußwurzel 58 G
Gangbild 98
Ganglion 173
Gastritis 125
Geflechtknochen 17, 157
Gehirnerschütterung 163
Gehirnquetschung 163
Gehstörungen 151
Gelenk –Achsen 5 –Bewegungsumfang 99 –dreiachsiges 6 –ebenes 6 –echtes 3 –einachsiges 5 –Form 2 –Hilfseinrichtungen 4 –Inspektion 99 –Stabilisierung 5 –unechtes 3 –zweiachsiges 6
Gelenkblockade 116 –Abgrenzung zu Arthrose 118 –Folge 116 –Ursachen 123
Gelenkerguss 129
Gelenkersatz 131
Gelenkkapsel 4, 146
Gelenkkopf 3
Gelenklippe 4
Gelenkmaus 54
Gelenkpfanne 3
Gesäßmuskeln 86
Gesäßschmerz 146
Gesichtsmuskeln 77
Gesichtsschädel 23
Gicht 128
Gilchrist-Verband 160
Glanzhaut 159
Glanzstreifen 75
Glasknochenkrankheit 12
Gleitgelenk 7
Globus hystericus 124
Glomerulonephritis 145
Glykogen 68
Glykolyse, anaerobe 69
Golferellenbogen 41, 124, 169
Golgi-Sehnenorgan 74
Gonarthritis 142
Gonarthrose 129
Grimassieren 144
Grünholzfraktur 14, 156
Register 181
H
Hahnenkamm 26
Hakenbein 44
Hallux valgus 60
Halslordose 29
Halsmuskeln –oberflächliche 80 –seitliche tiefe 80
Hämatom 155, 156 –Augenlid 163
Hämatothorax 161
Hammerzehe 60
Hand 43 –Rotation 43
Handgelenk –distales 45 –proximales 43
Handwurzel 44
Handwurzelknochen 44 –Röntgen 46
Hautfaltentechnik 121
Havers-Kanal 14, 16
Havers-System 14
Heberden-Arthrose 130
Hemiparese 98
Hemiplegie 164
Heparin 157
Hepatosplenomegalie 137
Herzinfarkt 62
Herzmuskulatur 75
Herzneurose 125
Herzwirbel 125
Hexenschuss 168
Hilfseinrichtungen 4
Hinken 98, 132, 170
Hinterhauptbein 23
Hirnanhangsdrüse 23
Hirnschädel 20
HLA-B27 145, 146, 147
HLA-DR3 142
HLA-DR4 135
Hohlkreuz 29
Hohlrücken 29
Hohlrundrücken 29
Hörsturz 124
Howship-Lakune 12
Hüftbein 47
Hüftdysplasie 106, 128, 132 –Diagnostik 133 –Komplikationen 132 –Krankheitsentstehung 132 –Symptomatik 132 –Therapie 133
Hüftgelenk 53 –Abduktion 105 –Adduktion 105 –Extension 105 –Flexion 105 –Rotation 105 –Untersuchung 104
Hüftkopfnekrose 162, 170
Hüftluxation 89
Hüftschmerzen 170
Hühnerbrust 99, 151
Humeroradialgelenk 40, 42
Humeroulnargelenk 40, 42
Humerus 40
Humerusfraktur 41 –subkapitale 160
HWS 33 –Blockade 124 –Untersuchung 103
hyaliner Knorpel 8
Hyaluronsäure 7
Hypermobilität 122
Hypernephrom 174
Hypertonie, labile 125
Hypertrophie, Muskel 70
Hypochondrie 140
Hypogonadismus 149
Hypomobilität 122
Hypomochlion 66
Hypophyse 23
Hypothyreose 141
Hypotonus 151 I
Iliosakralgelenk 4, 48, 49, 118, 146 –Blockade 119 –Untersuchung 106
Impingement-Syndrom 40, 104
Impulstechniken 115
Inaktivität 15
Inappetenz 136
Innenknöchel 56
Innenmeniskus 54
Inspektion 99
Inspiration 80
Interphalangealgelenk 136
Intervertebralgelenk 32, 118
intrazerebrale Blutung 163
Iritis 146
Ischialgie 119
Ischiasbeschwerden 126
Ischiassyndrom 167 J
Jochbein 25
Jochbeinbogen 21
Jones-Kriterien 143, 144 K
Kahnbein 44, 58 –Fraktur 46, 112
Kalium 71
Kalkaneussporn 58
Kallus 18, 157
Kambiumschicht 14
Karditis 144
Karies 13
Karpaltunnel 45, 96
Karpaltunnelsyndrom 112, 137, 153 –Krankheitsentstehung 153 –Symptomatik 153 –Therapie 153
Kauda-Syndrom 32, 164, 167
Kaumuskeln 77
Kehldeckel 28
Kehlkopf 28
Keilbein 22, 59
Keilbeinhöhle 22, 26
Keratansulfat 7
Kibler-Hautfalte 121
Kiefergelenk 25
Kieferhöhle 25, 26
Kielbrust 99, 151
Klaviertastenphänomen 37
Klavikula 36 –Fraktur 37
Knickfuß 59
Knicksenkfuß 60
Kniegelenk 52, 53, 54 –Bänder 56 –Bewegungen 56 –Erguss 54, 111 –Menisken 54 –Untersuchung 109
Kniescheibe 54
Knieschmerzen 170
Knochen 9 –Belastung 15 –Bildung 16 –Blutgefäße 16 –Feinbau 11 –kurze 10, 16 –makroskopischer Aufbau 10 –platte 10, 16 –Wachstum 15 –Zusammensetzung 9
Knochenalterbestimmung 46
Knochenbruch 155
Knochenbruchheilung 157
Knochenentkalkung 148
Knochenerweichung 151
Knochengewebe 9
Knochenhaft 3, 35
Knochenhaut 14
Knochenmark 10, 175
Knochenmarkpunktion 35
Knochenmatrix 11
Knochenmetastasen 12, 174
Knochennekrose, aseptische 156
Knochenpunkte 99
Knochenstoffwechsel 15
Knochentumoren 12 –bösartige 174 –gutartige 173
knöcherne Bezugspunkte 99
Knopflochdeformität 136
Knorpel 7 –Aufbau 7 –elastischer 8 –Faser- 8 –hyaliner 8 –Varianten 8
Knorpelgewebe 7
Knorpelhaft 3, 35
Kollagenose 142
Kompakta 10
Kompartmentsyndrom 159
Kondylengelenk 5
Konjunktivitis 146
Konstitutionstypen 99
Kontraktion 72 –isometrisch 66 –isoton 66 –Rückführung 74 –Steuerung 73
182 Register
Kontraktionserfolg 66
Kopfbein 44
Kopfgelenk 23
–oberes 33
–unteres 33
Kopfschmerzen 124, 140, 163
Korsett 134
Kortikalis 10
Kostotransversalgelenk 34, 118
Kostovertebralgelenk 34, 118
Kraftentwicklung 73
Krallenzehe 60
Kranznaht 21
Kreatinin 68
Kreatinkinase 68
Kreatinphosphat 68
Kretschmer 99
Kreuzband 56, 110
Kreuzbein 47
Kreuzdarmbeingelenk 49
Kreuzschmerzen 165
Kugelgelenk 6, 38, 46, 53
Kyphose, juvenile 133
L
Labrum acetabulare 53
Laktatazidose 69
Lambdanaht 21
Lamellenknochen 17
Lamina cribrosa 26
Längsband 34
Larynx 28
Lasègue-Zeichen 167
Leberzirrhose 154
Leichenstarre 68
Leistenband 82
Leptosom 99
Leukopenie 137
Lidheber 77
Ligamente 5
Ligamentum
–anulare 43
–capitis femoris 53
–flavum 35
–inguinale 82
–interspinale 34
–longitudinale anterius 34
–longitudinale posterius 34
–supraspinale 34
–talofibulare anterius 57
Lila-Krankheit 142
Linea alba 83
Liquor 162
Lumbago 168
Lumbalgie 125, 146
Lungenembolie 157, 162
Lungenfibrose 137
Lungenkontusion 161
Lungenmetastasen 174
Lupus erythematodes 142
LWS-Lordose 29
Lymphadenopathie 138
M
Magenulkus 125
Magnesium 9, 13
Makrophagen 12
Malleolus
–lateralis 56
–medialis 56
Mammakarzinom 174
Mandibula 25
Manipulation 115
–Folgen 120
Manubrium sterni 35
manuelle Medizin 115
Markhöhle 10
Marschfraktur 156
Mastodynie 125
Maxilla 25
Meatus nasi 26
Mechanorezeptoren 73
Membrana interossea 53
Meniscus 4
–lateralis 54
–medialis 54
Meniskus 54, 109
Metakarpophalangealgelenk 136
Metaphyse 10
Metastasen, Knochen 174
Migräne 124, 126
Milchsäurebildung 68
Minor-Zeichen 112
Mitralinsuffizienz 144
Mitralstenose 144
Mittelfuß 59
Mittelhand 46
Mittelhandknochen 46
Mobilisation 115
Mondbein 44
Monokelhämatom 163
Morbus Bechterew 99, 145
–Diagnostik 147
–Krankheitsentstehung 145
–Symptomatik 146
–Therapie 147
Morbus Ledderhose 154
Morbus Paget 13
Morbus Parkinson 98
Morbus Perthes 98, 170
–Diagnostik 170
–Symptomatik 170
–Therapie 170
–Ursachen 170
Morbus Recklinghausen 16
Morbus Reiter 146
Morbus Scheuermann 99, 133
–Diagnostik 134
–Krankheitsentstehung 134
–Symptomatik 134
–Therapie 134
Morgensteifigkeit 136, 138, 140, 141, 146
motorische Einheit 70
motorische Endplatte 70
Moutard-Martin-Zeichen 112
Müdigkeit 136, 146
Multiple Sklerose 98
Mundbodenmuskeln 79
Musculus/Musculi
–biceps brachii 93
–biceps femoris 89
–brachialis 93
–brachioradialis 94
–coracobrachialis 93
–cremaster 83
–deltoideus 92
–digastricus 77
–erector spinae 86
–fibularis (peroneus) longus 91
–flexor carpi radialis 94
–flexor carpi ulnaris 94
–flexor pollicis longus 77
–gastrocnemius 90
–gluteus maximus 86
–gluteus medius 86
–gluteus minimus 86
–gracilis 89
–iliopsoas 86
–infraspinatus 93
–intercostales externi 80
–intercostales interni 82
–latissimus dorsi 84
–levator palpebrae 77
–levator scapulae 80
–masseter 77
–medius 80
–mylohyoideus 77
–obliquus externus abdominis 83
–obliquus internus abdominis 83
–omohyoideus 79
–orbicularis oculi 77
–orbicularis oris 77
–pectoralis major 80
–pectoralis minor 80
–pterygoideus 77
–pyramidalis 83
–quadriceps femoris 54, 89
–rectus abdominis 83
–rectus femoris 89
–rhomboideus major 86
–sartorius 89
–scalenus anterior 80
–scalenus posterior 80
–semitendinosus 89
–serratus anterior 80
–serratus posterior inferior 86
–serratus posterior superior 84
–soleus 92
–sternocleidomastoideus 79
–sternohyoideus 77
–sternothyroideus 79
–stylohyoideus 77
–subscapularis 93
–supinator 94
–supraspinatus 38, 92, 104
–tarsalis 77
–temporalis 77
–tensor fasciae latae 92
–teres minor 93
–thyrohyoideus 79
–tibialis anterior 91
–transversus abdominis 83
–trapezius 80
–triceps brachii 93
–triceps surae 92
–vastus intermedius 89
–vastus lateralis 89
–vastus medialis 89
Register 183
Muskel –Arm 93 –Aufbau 61 –Bauch 82 –Becken 86 –Bein 90 –Brust 82 –Hals 79 –Kopf 77 –Namensgebung 76 –Rücken 83 –Schulter 93 –Typen 67
Muskelarten 74
Muskelatrophie 70, 137, 142, 157
Muskeleigenreflex 74
Muskelfaser 62
Muskelfaserbündel 61
Muskelfaserriss 155
Muskelhypertrophie 70
Muskelkater 69
Muskelkontraktion 63, 66
Muskelkraft 113
Muskelschwäche 142, 151
Muskelschwund 70
Muskelspindel 73
Muskeltonus 113
Muskelzelle 62
Muskulatur 61 –glatte 76 –nervale Versorgung 70 –quergestreifte 74
Myalgie 136
Mykoplasmen 135
Myofibrille 62
Myogelose 118, 121, 130
Myoglobin 62
Myokarditis 137
Myosin 62, 63
Myosintypen 64 N
Napfgelenk 6, 53
Nase 26
Nasenbein 26
Nasengang 26
Nasenmuschel 26
Nasennebenhöhlen 26
Nasenscheidewand 26
Natrium 71
Nervus –medianus 45, 112, 153 –olfactorius 26
Neurophysiologie 71
Neutral-Null-Methode 99
Niereninsuffizienz 68
Nierenkarzinom 174
Nucleus pulposus 31
Nussgelenk 6, 53 O
O-Beine 52
Oberarm 40 –Fraktur 160 –Muskeln 94
Oberkiefer 25
Oberschenkel 51 –Muskulatur 90
Oberschenkelfaszie 90
Obstipation 151
Ohrtrompete 26
Olecranon 42
Omarthrose 130
Orbita 26
Orthesen 171
Ortolani-Phänomens 133
Os –capitatum 44 –coxae 47 –cuboideum 58 –cuneiforme 59 –ethmoidale 26 –frontale 21 –hamatum 44 –hyoideum 28 –ilium 47 –ischii 47 –lacrimale 26 –lunatum 44 –nasale 26 –naviculare 58 –occipitale 23 –parietale 21 –pisiforme 44, 54 –pubis 47 –sacrum 47 –scaphoideum 44 –sphenoidale 22 –temporale 21, 25 –trapezium 44 –trapezoideum 44 –triquetrum 44 –zygomaticum 25
Ossifikation –chondrale 16 –desmale 18 –enchondrale 17 –perichondrale 17
Osteoblasten 11, 12
Osteochondrosis dissecans
156
Osteodensitometrie 149
Osteodystrophia deformans 13
Osteogenesis imperfecta 12
Osteoid 11
Osteoklasten 11, 12, 148
Osteomalazie 16, 148, 151, 156 –Symptomatik 151 –Thearpie 151
Osteomyelitis 156, 171 –Diagnostik 172 –Krankheitsentstehung 171 –Symptomatik 172 –Therapie 172
Osteon 14
Osteopathie 116
Osteopenie 148
Osteophyten 129
Osteoporose 16, 148, 156, 157,
164
–Diagnostik 149 –Folgen 149
–Krankheitsentstehung 148 –Symptomatik 149 –Therapie 149
Osteosarkom 13, 128, 174
Osteosynthese 19, 157, 162
Osteozyten 11, 12
Ostitis 156, 171
Otalgie 124
Ott-Zeichen 102 P
Paget-Krankheit 13
Palmaraponeurose 154
Palmer 116
Pankarditis 144
Pannus 136
paradoxe Atmung 161
Paraplegie 164
Parästhesien 124, 125, 140, 153
Parathormon 15, 149
Parese 164
Pars –petrosa 21 –squamosa 21 –tympanica 22
Patella 54 –tanzende 54, 111 –Verlagerung 132
Patellarsehnenreflex 90
Periarthropathia humeroscapularis 39, 93,
104, 124, 125
Perichondrium 7
Perikarderguss 144
Perikardreiben 144
Perimysium 62
Periost 14
Periostitis 118, 156, 171
Peritendineum 65
pertrochantere Frakturen 162
Pfeilnaht 20
Pferdeschweif 32
Pflugscharbein) 26
Phlebothrombose 159
Phosphat 9, 151
PHS 39
Plasmozytom 174
Plattfuß 59
Platysma 79
Pleuritis 137
Plexus, brachialis 82
Pneumothorax 161
Polyarthritis 143
Polymyalgia rheumatica 140, 141 –Diagnostik 142 –Symptomatik 141 –Therapie 142
Polymyositis 142 –Diagnostik 142 –Krankheitsentstehung 142 –Symptomatik 142 –Therapie 142
Polyneuropathie 137
Poststreptokokkennephritis 145
Prellung 155
Primärbündel 61
Prinzmetal-Angina 125
184 Register
Processus
–articularis inferior 32
–articularis superior 32
–condylaris 26
–coracoideus 38
–coronoideus 26
–mastoideus 21, 26
–spinosus 31
–styloideus 21
–styloideus radii 42
–styloideus ulnae 42
–transversus 31
–xiphoideus 35
Pronation 44
Propriozeptoren 73
Prostatakarzinom 174
Proteoglykan 7
Prüfung nach Derbolowski 108
Pseudarthrose 18, 46, 158, 162
pseudoradikuläres Syndrom 119
Psoas-Zeichen 105
Pykniker 99
Q
Querfortsatz 31
Querschnittssyndrom 164
Querstreifung 62
Quetschung 155
R
Rabenschnabelfortsatz 38
Rachitis 148, 150, 156
–Krankheitsentstehung 150
–Prophylaxe 151
–Symptomatiik 150
–Therapie 151
rachitischer Rosenkranz 99, 151
Radgelenk 5, 43
radikuläres Syndrom 119
Radioulnargelenk, proximales 43
Radius 42
–Fraktur 46
Radiusköpfchen, Subluxation 43
Raloxifen 150
Recklinghausen-Krankheit 16
Reflexblase 164, 167
Refraktärphas 72
Regeneration, Muskelgewebe 70
Reithosenanästhesie 167
Reizdarmsyndrom 140
Rektusscheide 82
Retinaculum flexorum 45, 153
Rheumafaktor 135, 138
Rheumaknoten 136, 137, 143, 144
rheumatische Erkrankungen 127
rheumatisches Fieber 128, 143
–Diagnostik 144
–Krankheitsentstehung 143
–Symptomatik 143
–Therapie 144
rheumatoide Arthritis 134
–Diagnostik 138
–Formen 138
–Hauptsymptome 138
–Krankheitsentstehung 135
–Symptomatik 136
–Therapie 138
–Ursachen 135
Rhinitis 124
Rhizarthritis 46
Rhizarthrose 46, 130
Rigor mortis 68
Ringknorpel 28
Rippen 34, 35
–echte 35
–falsche 35
–freie 36
Rippenbogen 36
Rippenbuckel 102
Rippenfraktur 160
–Diagnostik 161
–Symptomatik 161
–Therapie 161
Rippenserienfraktur 161
Rippenwirbelgelenk 118
Rockwood 37
Röhrenknochen 10, 17
Röntgen 113
Rotatorenmanschette 93, 104
Rückenmark 32
–Verletzung 164
Rückenmuskulatur 83
–autochthone 86
Rückenschmerzen 134, 149
Rucksackverband 37
Ruhepotenzial 71
Ruhetonus 73
Rundrücken 29, 99, 133, 147
S
Säbelscheidentibia 13
Sakroileitis 109, 146, 147
Sakroiliakalgelenk 49
Sarkolemm 61, 65
Sarkomer 62, 63
Sarkoplasma 61
Sattelgelenk 6
Sauerstoff 68
Schädelbasisbruch 162
–Diagnostik 162
–Symptomatik 162
–Therapie 163
Schädeldach 20
Schädelgruben 21
Schädel-Hirn-Trauma 163
Schädelkalotte 20
Schädelknochen 20
Schädelnaht 20
Schaft 10
Schaltlamelle 14
Schambein 47
Scharlach 143, 145
Scharniergelenk 5, 40, 42, 47, 56, 59
Scheitelbein 21
Schenkelhalsfraktur 149, 161
–Symptomatik 161
–Therapie 162
Schienbein 53
Schilddrüsenhormone 15
Schilddrüsenkarzinom 174
Schildknorpel 28
Schläfenbein 21, 25
Schläfenbeinschuppe 21
Schläfenkopfschmerz 126
Schleimbeutel 5, 66
Schleudertrauma 167
Schluckauf 83
Schlucklähmung 142
Schlüsselbein 36
Schmorl-Knötchen 134
schnellender Finger 96
Schober-Zeichen 102, 167
Schock, hypovolämischer
156
Schubladenphänomen 110
Schulterblatt 37
Schultergelenk 38
–Blockaden 104
–Luxation 39
–Untersuchung 103
Schultergürtel 36
–Gelenke 38
Schulterhochstand 102
Schulterhöhe 38
Schultermuskulatur 93
Schulterschmerzen 40
Schusterdaumen 136
Schwanenhalsdeformität 136
Schwangerschaft 153
Schwertfortsatz 35
Schwindel 124, 163
Schwitzen 146, 151
Sehne 5, 61, 64
–Bewegungsrichtung 66
Sehnenreizung 118
Sehnenscheide 65
Sehnenspindel 74
Seitenband 56, 109
Seitenstechen 125
Sekundärbündel 62
Sella turcica 22
Senkfuß 59
Senkspreizfuß 59
Sensibilitätsstörungen 137
Septum nasi 26
Sesambein 54
Sexualhormone 15
Sharpey-Fasern 14
Siebbein 26
Siebbeinplatte 26
Siebbeinzellen 26
Silverman-Syndrom 99
Singultus 83, 124
Sinus
–frontalis 26
–maxillaris 26
–sphenoidalis 22, 26
Sinustachykardie 144
Sitzbein 47
Skalenuslücke 82
Skapula 37
Skelettmuskulatur 68, 74
Sklerodermie 142
Skoliose 29, 50, 99, 102, 126, 130,
133
Somatomedin C 140
Somatotropin 15
Sonographie 113
Register 185
Speiche 42
Spina –iliaca anterior superior 47 –iliaca posterior superior 47 –ischiadica 47 –scapulae 38
Spine-Test 107
Spitzfuß 92, 98, 133
Splenomegalie 138
Spondylarthrose 129
Spondylgelenke 32
Spondylitis –ankylopoetica 145 –ankylosans 145
Spondylolisthesis 165 –Diagnostik 166 –Krankheitsentstehung 165 –Symptomatik 165 –Therapie 166
Spondylolyse 165
Spongiosa 10, 11
Spontanfraktur 155
Spreizfuß 59
Spreizhose 133
Sprungbein 58
Sprunggelenk 56 –oberes 56 –unteres 59
Spül-Saug-Drainage 172
Staphylococcus aureus 172
Steinmann-Zeichen 109
Stellknorpel 28
Steppergang 92, 98
Sternalpunktion 35
Sternoklavikulargelenk 36, 118
Sternokostalgelenk 4, 36
Sternum 35
STH 15
Still 115
Still-Syndrom 138
Stirnbein 21
Stirnhöhle 26
Stratum –fibrosum 14 –germinativum 14
Streptokokken 143, 145
Subluxation, Radiusköpfchen
43
Substantia corticalis 10
Substanz P 140
Sudeck-Syndrom 158
Supination 43
Supinationstrauma 57
Sutura –coronalis 21 –lambdoidea 21 –sagittalis 21
Suturen 20
Symphyse 47, 146
Symphysensprengung 98
Synarthrose 3
Synchondrose 3, 35
Syndesmose 3
Synostose 3
Synovia 3
Synovialflüssigkeit 3, 66
T
Tachykardie 125
Talus 58
Temperaturminderung 116
Tender Points 139
Tendinitis 118
Tendomyopathie 139
Tendovaginitis 118, 138
Tennisellenbogen 41, 124, 169
Tetanie 72, 151
Tetraplegie 164
Thenaratrophie 153
Thomas-Schiene 170
Thomsen-Zeichen 169
Thorax 35 –Inspektion 99
Thrombose 157
Tibia 53
Tiefschlafphase 140
Tietze-Syndrom 173
Tinnitus 124
Tonsillitis 143
Tonussteigerung 118
Torsionsskoliose 29
Tossy 37
Totalendoprothese 131, 162
Totenstarre 68
Tractus iliotibialis 92
Tränenbein 26
Trendelenburg-Hinken 98
Trendelenburg-Zeichen 86, 106
Trichterbrust 99
Trigeminusneuralgie 124
Triggerpunkt 122
Trochanter –major 52 –minor 52
Trochlea humeri 40, 42
Tropomyosin 62
Troponin 62
Tuba auditiva 28
Tuber ischiadicum 47, 146
Tuberculum –intercondylare 53, 54 –majus 40 –minus 40 –supraglenoidale 38
Tuberositas tibiae 54
Türkensattel 22 U
Übelkeit 124, 163
Überbein 173
Ulna 42
Unterarm 42
Unterarmmuskeln 94
Unterkiefer 25
Unterschenkel 53
Unterschenkelmuskulatur 92
Untersuchung, Chirotherapie 121
Urethritis 146
Ursprung 61 V
Valgusstellung 52
Valleix-Punkte 168
Varusstellung 53
Vaskulitis 137
Verdrehung 155
Verquellung 116
Verstauchung 155
Vertebra 31 –prominens 34
Vieleckbein –großes 44 –kleines 44
Vitamin C 13
Vitamin D 13, 15, 150, 151
Vitamin K 13
Volkmann-Kanäle 16
Vomer 26
Vorlaufphänomen 107 W
Wachstumsfuge 10
Wackelgelenk 4
Wadenbein 53
Walzengelenk 5
Warzenfortsatz 21
Watschelgang 89, 106
Weberfraktur 57
Weichteilrheumatismus
128
Wirbel 31
Wirbelbogen 31
Wirbelgelenke 32, 118
Wirbelgleiten 165
Wirbelkörper 31 –Deformierung 148 –keilförmige 134
Wirbelkörperfraktur 163 –Folgen 164 –Symptomatik 164
Wirbelloch 32
Wirbelsäule 29 –Blockaden 119 –Inspektion 99 –Klopfschmerz 103 –Schwingungen 29 –Stabilisierung 34 –Untersuchung 102
Würfelbein 58 X
X-Beine 52
Xiphoid 35 Z
Zahnschmelzdefekt 151
Zahnschmerzen 124
Zehen 59
Zeichen nach Lasègue 112
Zeichen nach Mennell 109,
147
Zerrung 155
Zink 13
Z-Linie 62
Zohlen-Zeichen 132
Zungenbein 28
Zungenbeinmuskeln –kraniale 79 –untere 80
186 Register
Zusammenfassung –Arthrose 131 –Bandscheibenvorfall 169 –Brustkorb 40 –Chondropathia patellae 132 –Distorsion 155 –Dupuytren-Kontraktur 155 –Epicondylitis humeri 170 –Fibromyalgie 141 –Fraktur 160 –Fußgewölbe 61 –Gelenke 7 –Gelenke der oberen Extremität 47 –Gelenke der unteren Extremität 61 –Hüftdysplasie 133 –Karpaltunnelsyndrom 154 –Knochen der oberen Extremität 47 –Knochen der unteren Extremität 61
–Knochen des Beckens 51 –Knochen des Schädels 28 –Knochenbildung 20 –Knochengewebe 20 –Knorpelgewebe 9 –Morbus Bechterew 148 –Morbus Perthes 171 –Morbus Scheuermann 134 –Muskelgewebe 76 –Muskeln 77 –Muskelphysiologie 76 –Oberarmfraktur 165 –Osteomalazie 153 –Osteomyelitis 173 –Osteoporose 150 –Polymyalgia rheumatica 142 –Polymyositis 143 –Rachitis 153
–rheumatisches Fieber 145 –rheumatoide Arthritis 139 –Rippenfraktur 165 –Rippenserienfraktur 165 –Schädelbasisbruch 165 –Schenkelhalsfraktur 165 –Schultergürtel 40 –Spondylolisthesis 166 –Untersuchung 114 –Wirbelkörperfraktur 165 –Wirbelsäule 35
Zwerchfell 83
Zwischenwirbellöcher 32
Zwischenwirbelscheiben 31
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Rudolf Schweitzer
Die Heilpraktiker-Akademie
Das gesamte medizinische Basiswissen und der gesamte Prüfungsstoff in überschaubaren Einheiten
p Nach Organsystemen und prüfungsrelevanten Themen geordnet
p Inhaltliche Ausrichtung an der aktuellen Prüfungssituation, der Fokus liegt deshalb auf der Vermittlung von rein
schulmedizinischem Wissen
p Motto des didaktischen Prinzips: Verstehen statt auswendig lernen! Aus der Funktion und Physiologie eines jeden Organs oder
Organsystems wird die Pathologie entwickelt, sodass sie Krankheitsbilder schneller verstehen, selbst herleiten und sich besser
merken können
p Moderne Anmutung: durchgehend 4-farbig, System aus farbigen Info-Kästen und Zusammenfassungen sowie einer Fülle von
Abbildungen
p 14 Bände zu folgenden Themen:
- Herz-Kreislauf-System
- Basiswissen
- Hämatologie, Immunologie und Mikrobiologie
- Verdauungssystem
- Dermatologie
- Infektionskrankheiten
- Endokrinologie mit Stoffwechsel
- Neurologie und Psychopathologie
- Urologie mit Andrologie
- Gynäkologie und Entwicklung des Kindes
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Fax (0 70 71) 93 53 24 Irrtümer vorbehalten. Stand Dezember 2010.
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Heilpraktikerausbildung
Wissen was dahinter steckt. Elsevier.
Ebenen und Richtungsbezeichnungen
anterior – posterior vorne – hinten (vor bzw. hinter
einem Bezugssubstrat)
ventral – dorsal vorne – hinten (bauchwärts –
rückenwärts)
superior – inferior oben – unten (über bzw. unter
einem Bezugssubstrat)
kranial – kaudal oberhalb (in Richtung Kopf) –
unterhalb (in Richtung Beine)
medial – lateral zur Mitte hin – zur Seite hin gelegen
median exakt in der Mittellinie gelegen
(die Mediansagittale schneidet den
Körper in zwei gleich große Hälften)
epi – sub auf, obendrauf – unter, unterhalb
dexter – sinister rechts – links
prae – retro vor – hinter einem Bezugssubstrat
internus – externus innen liegend – außen liegend
superficialis – profundus
oberflächlich gelegen – in der Tiefe
liegend
medialis – lateralis gegen die Mitte zu gelegen – nach
der Seite hin gelegen
medianus exakt in der Mittellinie gelegen
frontalis frontal = in der Stirnebene liegend
longitudinal längsverlaufend
sagittal in der Sagittalebene verlaufend
(senkrecht auf der Frontalebene)
transversal quer verlaufend
obliquus schräg verlaufend
Ventral und dorsal sowie kranial und kaudal stehen als Begriffe
jeweils für sich alleine. Zum Beispiel befindet sich die Brust kranial
des Bauchs, das Kinn kaudal der Nase, das Herz ventral der
Wirbelsäule. Dagegen werden die Bezeichnungen anterior, posterior,
superior und inferior in der Regel einem Namen hinzugefügt, stehen
also nicht für sich alleine. Aus dem Namen M. scalenus anterior geht
z.B. hervor, dass sich dieser Muskel vor (= ventral) dem M. scalenus
posterior befindet.
Sagittalebene
Frontalebene
Kranial
Ventral Dorsal
Medial
Lateral
Kaudal
Transversalebene,
Horizontalebene
Sagittalebene: Schnittführung parallel zum Ohr. Frontalebene: Schnittführung parallel zur Stirn. Transversalebene (Horizontalebene): Schnittführung
quer durch den Körper.
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