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coinad

4/7/26

 laparoskopischen Eingriff nötig ist (7 Abschn. 2.2).

Der HSK-Turm ist der Hysteroskopieturm, der zusätzlich

zum LSK-Turm bei allen hysteroskopischen Eingriffen benötigt wird. Er beinhaltet einen Gasinsufflator, der geeicht ist auf

das Volumen der Gebärmutter und kommt zum Einsatz bei

allen diagnostischen Hysteroskopien (Gebärmutterspiegelung).

Die Rollenpumpe wird benötigt, wenn eine operative, hysteroskopische Resektion erfolgen soll, z. B. die Resektion per

HSK von Polypen oder Myomen im Gebärmutterkörper.

Ein Morcellator ist ein Gerät zum Zerkleinern von Gewebematerial, um Präparate, z. B. den Corpus uteri bei Uterus

myomatosus, über eine Trokar bergen zu können, ohne den

Bauch der Patientin öffnen zu müssen.

Der Generator ist verbunden mit einem Hohlwellenmotor

und der Operateur kann das Messer des Morcellators über

einen Fußschalter auslösen.

j

jMaterialien und Medikamente


In der Gynäkologie werden unterschiedliche Materialien und

Medikamente benötigt um die Operationen durchführen zu

können. Einige werden hier vorgestellt.

Ein Lokalanästhetikum, z. B. Xylonest 0,5% mit Adrenalin 1:250.000 wird 1:1 mit Ringerlösung in der Beckenbodenchirurgie verwendet; das Aufspritzen der Vaginalhaut mit

diesem Gemisch ermöglicht eine bessere räumliche Darstel-


..Abb. 11.6


Kürette, Uterussonde


lung, die Präparation der vorderen und hinteren Plastik wird

so optimiert und das Adrenalin vermindert Blutungen.

Antibiotische Lösung, z. B. Gentamycin 80 mg, wird mit

Ringerlösung verdünnt. Alle Bio-Meshs (Netze) werden vor

der Implantation darin eingelegt, um eine postoperative Infektion zu verhindern und das Netz für die Implantation vorzubereiten und geschmeidig zu machen. Das Mesh besteht

aus getrockneter Schweinedarmserosa und ist deshalb sehr

hart.

Botulinumtoxin (Botox) ist ein bakterielles Neurotoxin,

das zur Behandlung von Erkrankungen der überaktiven Blase

mit und ohne Inkontinenz geeignet ist. Es werden 20×1 ml

Botulinumtoxin mit 20 ml NaCl gemischt und in einer kurzen

Vollnarkose zystoskopisch über die ganze Blase verteilt in den

Blasenmuskel gespritzt. Dadurch kommt es zu einer Verbesserung der Reizblasenbeschwerden und der Inkontinenz. Der

maximale Behandlungseffekt wird meist 1–2 Wochen nach

der Injektion erreicht und hält über 6–10 Monate an.

Der Begriff Bio-Mesh bezeichnet ein gefriergetrocknetes

Netz aus Schweinedarmserosa. Solch ein Netz kommt in der

Beckenbodenchirurgie zur Verstärkung der endopelvinen

Faszie zum Einsatz, wenn diese schon sehr ausgedünnt ist und

wenig Halt gibt. Das Netz wird mit feinen resorbierbaren

Nähten an der Faszie fixiert. Vor der Implantation wird es in

eine antibiotische Lösung eingelegt um es geschmeidig zu

machen und um eine postoperative Infektion zu verhindern.

Es ist gut verträglich und stellt in der Regel postoperativ keine

Probleme dar.

Ein synthetisches Netz kommt ebenfalls in der Beckenbodenchirurgie zum Einsatz. Es ist nicht resorbierbar und

führt manchmal zu postoperativen Unverträglichkeiten.

Das sog. TVT-Band ist ein nichtresorbierbares Prolenenetzband (Fa. Ethicon), das bei Stressharninkontinenz zum


307

11.1 · Gynäkologie und ­Beckenbodenchirurgie


Einsatz kommt. TVT steht für «Tension free Vaginal Tape».

Das Band wird von vaginal spannungsfrei implantiert; unterhalb der Urethramündung erfolgt eine kleine Inzision, mit

der Präparierschere werden jeweils beidseits zwei Kanäle seitlich an der Blase entlang vorpräpariert, um dann das TVTBand mittels der dazugehörenden Stahlspieße durch den retropubischen Raum zu stechen und suprapubisch auszuleiten.

Das Band verankert sich im Gewebe und liegt als Widerlager

nun unter der mittleren Harnröhre.

Ein sog. Bio-TVT dient, wie das Prolene-TVT-Band, der

Behebung einer Stressharninkontinenz und wird bei ganz

jungen Frauen verwendet. Vor der Implantation muss es in

eine antibiotische Lösung gelegt werden.

Ein TVT-O (Das O steht für den Durchgang durch das

Foramen obturatum) ist ein nichtresorbierbares Band, das

durch das Foramen obturatum gezogen und zur Oberschenkelinnenseite ausgeleitet wird. In dieses locker eingelegte

Netzband sprossen Bindegewebszellen ein und führen so zur

Verankerung.

Das Dyna-Mesh ist ein synthetisches nichtresorbierbares

Netz, das von vaginal unter der Portio fixiert und in den Douglas-Raum eingebracht wird. Über eine Laparoskopie wird

das Netz dann am Promontorium (ein Knochenvorsprung am

Kreuzbein) über einen Einwegapplikator mit leichter Spannung mit Titanspiralen fixiert und verhindert so einen erneuten Prolaps (Vorfall) der Gebärmutter.

Bulkamid-Hydrogel kommt bei einer Harninkontinenz

durch eine hypotone (relativ spannungslose) Urethra zum

Einsatz und wird in die Wand der Urethra mittels einer Urethrozystoskopie injiziert. Die Bulkamid-Injektion ist ein minimal-invasives Verfahren und deshalb besonders für Patientinnen geeignet, die infolge anderer operativer Eingriffe eine

Harninkontinenz erlitten oder bei denen andere Eingriffe

erfolglos waren.

11.1.2


Krankheitsbilder und ihre Therapie


Extrauterine Schwangerschaft

(Extrauteringravidität; EUG)

Jedes befruchtete Ei, das sich außerhalb der Uterushöhle einnistet, führt zu einer Extrauteringravidität. So entstehen die

Tubargravidität (Schwangerschaft im Eileiter), die ampulläre

Tubargravidität (in der Ampulle der Tube), evtl. mit Tubar­

abort (ein Abstoßen des befruchteten Eis in die Bauchhöhle)

oder selten die Ovarialintestinalgravidität (Bauchhöhlenschwangerschaft) und die intramurale Tubargravidität (in der

Wand der Tube).

Ursachen für eine EUG sind Störungen des Eitransports

durch Verwachsungen nach Adnexitiden (Eierstockentzündungen), durch anatomische Defekte (angeboren oder nach

Operationen) sowie Störungen im Eiaufnahmemechanismus.

Zur Diagnose wird ein Schwangerschaftstest (Bestimmung von β-HCG im Urin oder im Blut; ab einem Wert von

1000 IE β-HCG muss intrauterin eine Fruchthöhle sichtbar

sein), eine Sonographie und eine diagnostische Laparoskopie

durchgeführt.


Ziel der therapeutischen Laparoskopie ist der Erhalt der

Tubenfunktion, unabhängig davon, ob es sich um eine Tubargravidität mit oder ohne Ruptur handelt. Operative Möglichkeiten können sein:

44die partielle Salpingektomie/Segmentresektion (Entfernung eines Teiles des Eileiters),

44Salpingotomie (Eröffnung des Eileiters, Entfernung der

Frucht und Vernähung des Zugangs),

44instrumentelle Expression («milk-out»),

44Salpingektomie (Entfernung des Eileiters),

44selten Adnektomie (Entfernung des Eileiters und des

­Eierstocks).

Nach der therapeutischen Laparoskopie (LSK) kann eine

Ausschabung des Uterus (Kürettage) erfolgen.

OP-Ablauf: Salpingotomie

55 Steht auf dem OP-Programm eine Salpingotomie

­wegen einer EUG ist eine laparoskopische Eröffnung

des Eileiters geplant und wir bereiten alle Instru­

mente für eine LSK vor, dazu gehören die Veress-­

Nadel, Trokare, Fasszangen, Scheren und eine SaugSpül-Einrichtung.

55 Die Patientin liegt in Steinschnittlage mit abge­

senkten Beinen (7 Abschn. 4.5.2), da eine Kopf-tiefLage geplant ist, werden Schulterstützen ange­

bracht oder eine Vakuummatratze gewählt. Der

­Endoskopieturm steht vorbereitet im Saal am Fuß­

ende der Patientin.

55 Nach der Desinfektion des Abdomens und der

­Scheide wird ein Dauerkatheter gelegt, der am Ende

des Eingriffs wieder entfernt werden kann. Eine gefüllte Harnblase würde bei einer LSK stören. Nach der

sterilen Abdeckung werden der Gasschlauch, das

Licht- und Kamerakabel, das monopolare und bipo­

lare ­Kabel, der Spülschlauch und Saugschlauch mit

den Geräten des Endoskopieturms verbunden.

55 Nach dem standardisierten Team-Time-Out wird eine

kleine subumbilicale (unterhalb des Nabels) Inzision

gesetzt und die Veress-Nadel unter beidseitigem

­Anheben der Bauchdecken eingestochen. Die SemmWasserprobe bestätigt, dass die Nadel frei im Bauchraum liegt. Der Gasschlauch wird an der Nadel angebracht und das medizinische CO2 kann nun insuffliert

werden, um das Pneumoperitoneum zu erzeugen.

Dadurch entsteht eine bessere Übersicht und Ver­

letzungen von Begleitorganen können während der

Operation vermieden werden. Ist genügend CO2

­insuffliert, wird die Veress-Nadel entfernt und der

Hautschnitt auf Trokargröße erweitert.

55 Nachdem der Trokar vorsichtig eingeführt wurde,

wird der Mandrin (Obturator) gegen die Optik gewechselt, das Kaltlichtkabel angeschlossen und während der der CO2-Zufuhr kann die Inspektion der

Bauchhöhle durchgeführt werden.


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11


Kapitel 11 · Gynäkologie, geburtshilfliche Operationen und M

­ ammachirurgie


55 Die Patientin wird in Kopf-tief-Lage gebracht, um

den Unterbauch besser einsehen zu können.

55 Es erfolgen zwei Einstiche in Höhe der oberen

Schamhaargrenze (suprasymphysär). Vorher wird

durch den intraabdominalen Lichtstrahl der Optik

­sichergestellt, dass sich unterhalb der geplanten

­Einstiche keine Bauchdeckengefäße befinden.

55 Es werden zwei 5 mm Arbeitstrokare eingeführt,

die, je nach Befund im OP-Verlauf, durch größere

­ersetzt werden können. Durch die Trokare werden

die gewünschten Arbeitsinstrumente, Fasszange

und Schere, Hakenelektrode o. Ä. eingeführt.

55 Nach der Darstellung der Tube wird sie über der

­Vorwölbung, die das eingenistete Ei hervorruft, mit

der feinen Schere oder der Nadelelektrode über

1–2 cm längs gespalten, das Schwangerschaftsprodukt wird mit der Fasszange oder durch Absaugung

entfernt.

55 Nach einer ausgiebigen Spülung des Wundgebiets

können verbliebene Gewebereste entfernt werden.

Es folgen eine vorsichtige bipolare Blutstillung und

anschließend der Verschluss der Inzisionsstelle mit

einer feinen Naht.

55 Danach werden alle Instrumente entfernt und das

Gas durch das Trokarventil abgelassen. Die Stichinzisionen können mit Einzelknopfnähten verschlossen

werden, der Verband mit kleinen Wundpflastern

und das Entfernen des Dauerkatheters beenden den

Eingriff.


Vulvaerkrankungen

Bartholin-Abszess

Die Bartholin-Drüsen (Glandulae vestibulares majores) produzieren ein Sekret, das die Scheide feucht hält. Sie liegen im

Diaphragma urogenitale, dem vorderen Anteil des Beckenbodens. Ihre Ausführungsgänge münden in den kleinen Schamlippen. Verstopft der Ausführungsgang, so entsteht zunächst

eine schmerzlose Retentionszyste. Bei einer eitrigen Sekundärinfektion bildet sich der Bartholin-Abszess. Diese Erkrankung tritt meist einseitig auf und führt zu einer massiven

Schwellung des hinteren Drittels der kleinen Labie.

Symptome sind:

441. Tag: Missempfindungen,

442. Tag: beginnende Schwellung und Schmerzen,

443. Tag: erhebliche Schwellung und Schmerzen,

444. Tag: Reifung des Abszesses bis zum 6. Tag.

Diese Erkrankung zieht immer eine Operation nach sich und

ist für die Patientin extrem schmerzhaft.

j

jMarsupialisation


Diese Operation, die sog. Marsupialisation (lat. Marsupium,

Beutel) saniert den Bartholin-Abszess oder eine Zyste, indem die Zyste bzw. der Abszess eröffnet und entleert und ein

neuer Drüsenausführungsgang geschaffen wird.


OP-Ablauf: Marsupialisation

55 Wir benötigen dafür Grundinstrumente und Spekula.

55 Die Patientin liegt in Steinschnittlage mit hochgestellten Beinen, eine aufwändige Abdeckung ist nicht

erforderlich, Beinlinge und zwei kleine Abdecktücher

genügen, ein Abdecktuch liegt unter dem Gesäß und

ein Tuch wird suprasymphysär geklebt.

55 Das OP-Team trägt aus Gründen des Eigenschutzes

Kittel. Nach der Desinfektion von Vulva und Scheide

wird die Harnblase katheterisiert und die Abdeckung

vorgenommen.

55 Nach dem standardisierten Team-Time-Out wird

die Hautinzision im Bereich der Mündungsstelle des

­verstopften Drüsenausgangs an der Innenseite der

kleinen Labie gesetzt. Ein Abstrich für die bakteriologische Untersuchung wird entnommen. Der Abszess

wird digital (mit dem Finger) ausgeräumt und evtl.

mit einer Spritze und einer Knopfkanüle mit Ringerlösung gespült.

55 Es beginnt die Marsupialisation, indem die Zystenwand von ihrem Grund vorgezogen wird und an der

Schleimhaut der kleinen Labie mit resorbierbaren

Einzelknopfnähten fixiert wird. Evtl. kann eine Lasche

eingelegt werden, um den neuen Ausführungsgang

offen zu halten.

55 Postoperativ wird die Wundheilung durch Sitzbäder

unterstützt.


Vulvakarzinom

Bei einer Krebserkrankung des äußeren Genitale wird das

gesamte äußere Genitale (Klitoris, kleine und große Labien)

entfernt.

OP-Ablauf: Einfache Vulvektomie

55 Ist eine einfache Vulvektomie geplant, benötigen

wir neben dem Grund- auch vaginales Instrumenta­

rium.

55 Die Patientin liegt in Steinschnittlage mit hoch­

gestellten Beinen, die Blutstillung erfolgt mono­

polar, deshalb wird die neutrale Elektrode angebracht.

55 An die Desinfektion des Genitalbereichs und eine

Scheidenspülung mit Schleimhautdesinfektions­

mittel schließt sich die Einmalkatheterisierung und

die sterile Abdeckung an.

55 Nach dem standardisierten Team-Time-Out kann die

Schnittführung angezeichnet werden. Ein Nelaton­

katheter wird gelegt, damit intraoperativ die Urethramündung klar identifiziert werden kann.

55 Der ovaläre Hautschnitt verläuft vom Schamhügel bis

zum Damm, die seitliche Präparation wird mit der

Schere und der monopolaren Messerelektrode vorgenommen.


309

11.1 · Gynäkologie und ­Beckenbodenchirurgie


55 Die Urethramündung und die Vaginalöffnung werden zirkulär umschnitten und das Präparat kann entfernt werden.

55 Das Vulvapräparat wird auf einer Korkplatte mit

Stahlnadeln in seiner lagegerechten Anatomie fixiert

und erst dann in ein Histologiegefäß mit Formalin­

lösung gegeben, damit der Pathologe die korrekte

Anatomie erkennen kann.

55 Nach der sorgfältigen Blutstillung mit Elektrokoagulation und zarten Umstechungen werden die Wundränder senkrecht mit resorbierbarem Nahtmaterial

vernäht, genauso wie die Urethramündung und die

Vaginalöffnung. Ggf. wird vor der Hautnaht eine

Wunddrainage eingelegt.


OP-Ablauf: Radikale Vulvektomie mit Lymphonodektomie inguinal beidseitig

55 Ist eine radikale Vulvektomie mit Lymphonodektomie

inguinal beidseitig geplant, ist der Tumor weiter fortgeschritten. Nach der Desinfektion der Leisten und

der proximalen Anteile der Oberschenkel bei abgesenkten Beinen werden die Beine hochgefahren für

die Desinfektion des Genitalbereichs mit einer Scheidenspülung. Nach der Einmalkatheterisierung und

der sterilen Abdeckung klärt das Team-Time-Out die

Richtigkeit des Eingriffs.

55 Mit Hilfe eines sterilen Stifts wird die sog. LeopoldUmschneidungsfigur inguinal angezeichnet. Der

Hautschnitt über der einen Leiste verläuft von kranial

und seitlich bis über das Lig. inguinale nach unten.

55 Nach Spaltung der Faszie über den Inguinalgefäßen

kann das inguinale und oberflächliche femorale Fettgewebe mit den darin liegenden Lymphknoten entfernt werden. Nach der sorgfältigen Blutstillung, der

Einlage einer Wunddrainage und dem schichtweisen

Wundverschluss beginnt der gleiche Eingriff auf der

anderen Seite.

55 Nach dem Verband für beide Leistenschnitte werden

die Beine der Patientin hochgefahren, Kittel, Handschuhe und Instrumente, die unmittelbar mit den

entfernten Lymphknoten in Kontakt waren, werden

entfernt.

55 Es erfolgt nun die eigentliche Vulvektomie wie oben

beschrieben.


Lageveränderungen des Uterus

Die normale Lage des Uterus ist die sog. Anteversio, das

heißt, die Gebärmutter ist gegenüber der Scheide nach vorn

geneigt. Der Grad der Neigung ist abhängig von der Füllung

der Harnblase und des Rektums. Zudem besitzt die Gebärmutter einen Knick zwischen Körper und Hals, was als Anteflexio bezeichnet wird. Bei vergrößertem Uterus (z. B. im

Wochenbett bei längerer Rückenlage, in der Schwangerschaft)


kann eine Biegung nach hinten, die Retroflexio, auftreten.

Eine Rückwärtsneigung der gestreckten Gebärmutter wird

als Retroversio bezeichnet, in Kombination mit einer Abknickung nach hinten als Retroversioflexio.


Scheidenvorfall mit Uterusprolaps

Der Scheidenvorfall ist eine krankhafte Ausstülpung der Vagina nach außen. Das klinische Bild hängt vom Ausmaß des

Vorfalls ab. Eine Senkung der Vagina ohne Durchtritt durch

die Vaginalöffnung wird als Scheidensenkung (Descensus

vaginae, Vaginalsenkung) bezeichnet.

Wenn das untere Drittel der Scheide betroffen ist, kommt

es meist zu einer Mitbeteiligung der Harnröhre (Urethro­

zele), wenn die unteren zwei Drittel vorfallen, auch der Harnblase (Zystozele).

Senkt sich die hintere Scheidenwand, kann der Mastdarm

mitbetroffen sein (Rektozele).

Wenn der obere Anteil der Vagina betroffen ist, kann auch

der Douglas-Raum einbezogen werden (Douglas-Zele) oder,

wenn Darmschlingen einbezogen sind, sprechen wir von

­einer Enterozele.

Die vollständige Ausstülpung der Vagina kann mit der

gleichzeitigen Ausstülpung der Gebärmutter einhergehen

(Descensus uteri). Der Uterusprolaps ist die extreme Form

einer Gebärmuttersenkung. Durch das Versagen der haltenden Bänder drückt sich die Gebärmutter durch den Geburtskanal hindurch.

Die Behandlung besteht aus einer vaginalen Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter über die Scheide) kombiniert mit einer Scheidenraffung (Kolporrhaphie) und/oder

einer Fixierung des Gebärmutterhalses am Kreuzbein oder

der Fixierung der Scheide am Lig. sacrospinale/Lig. sacrotuberale.

j

jVaginale Hysterektomie


Steht eine vaginale Hysterektomie mit hinterer Plastik zur Behebung einer Rektozele auf dem OP-Programm bereiten wir

Grund- und vaginales Instrumentarium vor.

OP-Ablauf: Vaginale Hysterektomie

55 Die Patientin liegt in Steinschnittlage mit hochgestellten Beinen. Die Desinfektion und Spülung der

Scheide sowie die Desinfektion des Unterbauchs ist

nötig, falls eine Eröffnung des Bauchs notwendig

wird. Nach der Einmalkatheterisierung und der sterilen Abdeckung wird mit dem standardisierten TeamTime-Out die Richtigkeit des Eingriffs bestätigt.

55 Der vaginale Situs wird mit Spekula eingestellt und

die Portio mit Hakenzangen gefasst. Nach hinten

kann ein Breisky-Spekulum die Übersicht erhöhen.

Die Portio kann zunächst mit einem schmalen vorderen Spekulum eingestellt werden. Nach dem zirku­

lären Umschneiden der Portio mit dem Skalpell beginnt die vordere Kolpotomie (vorderer Scheidenschnitt). Dazu wird die Bindegewebsschicht zwischen


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11


Kapitel 11 · Gynäkologie, geburtshilfliche Operationen und M

­ ammachirurgie


der Blase und der vorderen Scheidenwand (Lig. cervicovesicale) mit Präpariertupfern und einer Schere

präpariert und durchtrennt. Das weitere Lösen ist

meist digital (mit dem Finger) möglich. Die Blasenpfeiler werden umstochen und durchtrennt.

55 Nach der Darstellung der vorderen Peritonealumschlagfalte und deren Eröffnung mit der Schere beginnen wir mit der hinteren Kolpotomie (hinterer

Scheidenschnitt). Dazu werden die Hakenzangen

nach oben gezogen und die Bindegewebsplatte zwischen dem Rektum und der hinteren Scheidenwand

(Septum rectovaginale), dicht an der hinteren Zervixwand durchtrennt. Es ist weniger Präparation als zum

vorderen Scheidenschnitt erforderlich, da das Douglas-Peritoneum wesentlich weiter nach unten reicht.

55 Nun wird der Douglas-Raum eröffnet. Zum Absetzen

der Parametrien werden Parametrienklemmen, eine

kräftige Schere und resorbierbare, geflochtene, kräftige Umstechungen für die einzelnen Ligamente und

Gewebszüge benötigt. Sie werden abwechselnd

rechts und links in nicht zu großen Schritten abgesetzt, beginnend mit dem dorsalen Anteil des Parametriums und den Ligg. sacrouterina. Die Ligg. sacrouterina werden abgesetzt und verbleiben in der seitlichen Scheidenwand integriert.

55 Nach dem Absetzen der Uterinagefäße und der

Ligg. cardinalia hängt der Uterus nur noch an den

Ligg. rotunda und den Adnexen.

55 Nun erfolgt das sog. Stürzen des Uterus. Eine Hakenzange an der Portio wird entfernt und an die Hinterwand des Uterus geklemmt. Der Uterus wird so weit

vorgezogen, bis der Fundus zu sehen ist. Bei einer

großen Gebärmutter ist evtl. ein Morcellement (Zerstückelung des Uterus mit dem Messer) oder eine

Hemisectio (Durchtrennung in der Mitte des Organs)

mit sagittaler Spaltung notwendig. Dabei dürfen die

Adnexgefäße nicht verletzt werden.

55 Die Adnexe werden dargestellt. Sollen sie erhalten

bleiben, werden sie am Uterusansatz umstochen und

abgesetzt. Getrennte Umstechungen des Lig. ovarii

proprium, der Tube und des Lig. teres uteri. Die Nähte werden lang gelassen und angeklemmt. Nun kann

nach der Entfernung des Uterus die Inspektion der

Adnexe durchgeführt werden, um eine Entscheidung

zum Verbleib der Eierstöcke zu begründen.

55 Nach dem Zählen und der Dokumentation der Verbandstoffe und der Instrumente beginnt der Verschluss des Peritoneums. Rechts und links wird eine

Ecknaht gelegt, die nacheinander das vordere Peritonealblatt, das Lig. teres uteri, den parametranen

Stumpf und das hintere Peritonealblatt fasst. Nach

dem Verschluss der restlichen Peritonealwunde liegen die Stümpfe nun extraperitoneal.

55 Der Verschluss der Scheidenwunde beginnt mit dem

Legen von je einer Ecknaht, ohne dass die extraperi-


tonealen Stümpfe mitgefasst werden, dann mit Einzelknopfnähten.

55 Um die Rektozele zu beheben wird ein vorderes Vaginalblatt (Spekulum) eingesetzt, beidseits wird am

Übergang Damm und Scheidenhaut das Gewebe mit

chirurgischen Klemmen (Kocher-, Allis- oder Halstedt-Klemme) gefasst.

55 In der Mittellinie, am höchsten Punkt der sich anschließenden hinteren Scheideninzisionsstelle, wird

eine Kocher-Klemme angesetzt zur Festlegung der

Inzisionsgrenzen.

55 Evtl. wird die Scheidenwand mit Xylonest 0,5% mit

Adrenalin und Ringerlösung, 1:1 verdünnt unterspritzt, um die Wandschichten zu trennen und Blutungen zu minimieren.

55 Seitliches Anspannen der chirurgischen Klemmen

und Hautinzision quer zwischen beiden Zangen.

55 Von der Mitte dieser Inzision aus erfolgt die mediane

Scheidenhautinzision bis zur Klemmenmarkierung

(T-Inzision).

55 Die Wundränder werden mit scharfen Klemmen angeklemmt.

55 Die Trennung der Scheidenwand vom Septum rectovaginale wird mit dem Skalpell oder der Schere

durchgeführt. Wichtig ist hier eine ausreichende Präparation nach oben und zur Seite. Nun ist die Rektozele deutlich zu erkennen.

55 Die Levatormuskulatur wird dargestellt. Der Aufbau

des Beckenbodens und damit das Versenken der Rektozele beginnt mit der Raffung und Adaptation des

Septum rectovaginale im oberen Bereich des Scheidenabschnitts durch Einzelknopfnähte zweischichtig.

Dabei wird streng darauf geachtet, dass keine

M.-levator-ani-Interposition (Vereinigung) im Sinne

einer Levatorplastik durchgeführt wird, denn eine

­Levatorplastik führt zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr!

55 Bei der Darstellung der perinealen Gruben werden

die auseinander gewichenen Ansätze des M. bulbospongiosus im Centrum tendineum perinei profundum vereinigt. Dadurch wird ein suffizienter Scheidenverschluss wiederhergestellt.

55 Alternativ zu den beiden letztgenannten Punkten

kann ein Netzinterponat spannungsfrei über der Rektozele platziert werden, das mit 

 Mehrbelastung der rechten

Kammer mit Rechtsherzhypertrophie (pathologische Vergrö­

ßerung der rechten Kammer mit Verstärkung des Herzmus­

kels) und ein Lungenödem entstehen. Im Laufe der Zeit kann

es zu einer Shuntumkehr kommen und das sauerstoffarme

Blut wird in die linke Kammer gepumpt. Somit wird der Kör­

per mit zu wenig Sauerstoff versorgt, die Haut verfärbt sich

bläulich (Zyanose), die körperliche Belasbarkeit nimmt ab.

Bei Kindern zeigen sich Leistungsschwäche und Gedeihstö­

rungen. Die Behandlung von VSD erfolgt im Kindesalter.

Es wird geschätzt, dass etwa ein Drittel aller Erwachsenen

mit einem Atriumseptumdefekt lebt, wobei die meisten De­


fekte gar keine Beschwerden verursachen und auch keiner

Behandlung bedürfen. Meistens handelt es sich hier um das

persistierende Foramen ovale (PFO). Dieser für einen Emb­

ryo lebenswichtige natürliche Shunt schließt sich normaler­

weise nach der Geburt. Kleine Defekte können sich im Kin­

desalter spontan verschließen oder zeigen erst im Erwachse­

nenalter, etwa nach dem 40. Lebensjahr ähnliche Symptome

wie bei VSD.

Meistens handelt es sich beim ASD um Zufallsbefunde.

Bei einem Schlaganfall wird immer nach einem ASD als einer

der möglichen Ursachen gesucht. Durch Turbulenzen, die

durch so einen Shunt entstehen, können sich Thromben bil­

den, die zu einem Hirninfarkt (Schlaganfall) führen können.

Auch die Entstehung einer Endokarditis kann begünstigt wer­

den. Ein ASD ist im Ultraschall sichtbar.

Kleine und günstig gelegene Defekte werden interventio­

nell in einem Herzkatheterlabor mit einem «Doppelschirm­

chen» aus Nitinol verschlossen. Dieser Eingriff ist auch bei

Neugeborenen möglich und ist heute Mittel der Wahl.

Ist eine Intervention nicht möglich, z. B. wenn mehrere, zu

große oder zu nah an den Herzklappen gelegene Defekte vor­

liegen, werden diese operativ verschlossen.

Die OP-Vorbereitung und der Ablauf ähneln der für eine

Mitralklappenoperation (s. o.). Der Zugang erfolgt über eine

mediane Sternotomie oder minimal-invasiv (anterolateral

rechts). Es werden zwei Einstufenkanülen sowie zwei Polyes­

terbänder mit Snear für die venöse Drainage aus den Hohlve­

nen benötigt. Der Defekt in der Scheidewand wird über den

rechten Vorhof erreicht und verschlossen. Dies erfolgt entwe­

der als Direktverschluss mit einer nicht resorbierbaren Poly­

propylennaht oder mit einem Patch (Flicken) aus Perikard

(Herzbeutel) bzw. einem Kunststoffpatch aus Goretex.

10.3.5


Rhythmusstörungen


Das menschliche Herz hat einen normalen Schlagrhythmus

von 60- bis 100-mal pro Minute. Der Antrieb für diesen

Rhythmus ist der Sinusknoten (ein natürlicher, primärer

Taktgeber), der bewirkt, dass sich der Herzmuskel zusam­

menzieht. Die elektrischen Impulse gehen vom Sinusknoten

im rechten Vorhof über die Herzwand in den Vorhofkammer­

knoten (Atrioventrikularknoten, AV-Knoten) zwischen dem

rechten und linken Vorhof an der Grenze zu den Kammern

und danach über weitere Leitungsbahnen in den Herzmuskel.

Der AV-Knoten ist der sekundäre körpereigene Schritt­

macher.

Der Herzrhythmus ist über den Pulsschlag messbar. Die­

ser erhöht sich bei Anstrengungen und verlangsamt sich in

Ruhe oder im Schlaf. Erhöhte Herzfrequenz, nennt man Ta­

chykardie, verlangsamte hingegen Bradykardie. Kommt es

zu Extraschlägen, sprechen wir von Extrasystolen, bei unre­

gelmäßigen Herzschlag von Arrhythmien.

Es gibt sehr viele Ursachen für Herzrhythmusstörungen:

Erkrankungen der Mitralklappe mit Überdehnung des Vor­

hofes, koronare Herzkrankheit (KHK), Herzinfarkt, Stoff­

wechselerkrankungen, Intoxikation, arterielle Hypertonie.


301

10.3 · Herzchirurgie


..Tab. 10.4


Buchstabencode der Schrittmacher


1 Stimulationsort


2 Registrierungsort


3 Betriebsart


4 Frequenzanpassung


0 = keiner


0 = keiner


0 = keine


0 = keine

R = adaptiv


A = Atrium


A = Atrium


T = getriggert (auslösen)


V = Ventrikel


V = Ventrikel


I = inhibiert (hemmen)


D = Dual (A+V)


D = Dual (A+V)


D = Dual (T+I)


S = Single (A oder V)


S = Single (A oder V)


Die Patienten berichten über Herzstolpern, Herzrasen,

Ohnmacht, Leistungsschwäche, Angina pectoris.

Die Diagnose von Herzrhythmusstörungen erfolgt durch

EKG. Hier sind die meisten Rhythmusstörungen sichtbar. Bei

Bedarf können ein Belastungs-EKG, ein Langzeit-EKG oder

eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden.

Nicht alle Herzrhythmusstörungen müssen behandelt

werden. Extrasystolen, die als Herzstolpern wahrgenommen

werden können, sollen zwar unbedingt untersucht werden,

bedürfen jedoch oft keiner weiteren Behandlung. Kammer­

flimmern kann hingegen lebensbedrohlich werden. Als Folge

von Vorhofflimmern können Schlaganfälle entstehen.

>>Kammerflimmern oder Kammerflattern sind lebensbe­


drohlich.


Die Behandlung kann medikamentös, interventionell (Kathe­

terablation), durch Behebung der Ursache (z. B. Schild­

drüsenfehlfunktion), bei Bradykardie mit einem Herzschritt­

macher und bei Kammerflimmern mit einem Defibrillator

erfolgen.


Herzschrittmacher

Je nach Wirkungsort unterscheiden wir Ein-, Zwei- und Drei­

kammerschrittmacher. Die genaue Bezeichnung besteht aus

einem Buchstabencode (. Tab. 10.4).

Ein Schrittmacher besteht aus zwei Teilen: den Sonden

und einem Aggregat, das eine Batterie sowie die gesamte be­

nötigte Elektronik enthält. Das Aggregat ist etwa streichholz­

schachtelgroß und wird unterhalb der Klavikula entweder

subkutan oder submuskulär unter dem M. pectoralis (Brust­

muskel) in eine sog. Schrittmachertasche eingesetzt.

Der DDD- (Zwei-Kammer-) und der VVI-Schrittmacher

(Einkammerschrittmacher) sind die am häufigsten eingesetz­

ten Schrittmacher. Moderne Schrittmacher arbeiten über

Sensoren und passen die Herzfrequenz an den Zustand des

Patienten an (R = adaptiv).

Der CRT-Schrittmacher (kardiale Resynchronisationsthe­

rapie) ist ein Dreikammerschrittmacher. Die dritte Sonde

wird durch die Koronarvenen in der linken Kammer platziert.

Diese Art ist bei asynchronen Kontraktionen der Kammer

indiziert.

j

jSchrittmacherimplantation


Für die Schrittmacherimplantation wird der Patient in

­Rückenlage auf einem röntgendurchlässigen Tisch gelagert.


Beide Arme sind angelagert, der Patient bekommt einen

Röntgenschutz.

Eine Schrittmacherimplantation wird oft in Lokalanäs­

thesie durchgeführt. Der Zugang erfolgt meistens durch die

linke Mohrenheim-Grube unterhalb des Schlüsselbeins. Die

V. subclavia wird punktiert und mittels Seldinger-Technik

wird unter Röntgenkontrolle die Sonde eingeführt. Diese ver­

hakt sich im Herzmuskel oder sie wird durch eine kleine

Schraube fixiert. Je nach Indikation wird noch eine weitere

Sonde eingeführt.

Die Lage der Sonden wird von einem Techniker gemessen

und kontrolliert. Liegen die Sonden gut, kann die Schrittma­

chertasche präpariert werden. Das Aggregat wird program­

miert, steril angegeben und an die Sonden angeschlossen. Die

Sonden und das Aggregat werden mit nicht resorbierbaren

Durchstichligaturen sicher fixiert.

Zählkontrolle und Wundverschluss beenden den Eingriff.


Defibrillator

Ein ICD (implantierbarer Kardioverter-Defibrillator, Defi) ist

ein Elektroschockgerät und ein Schrittmacher in einem und

besteht, je nach Indikation, aus einer oder zwei Elektroden

und einem Aggregat. Die Herzkammerelektrode überwacht

die Herztätigkeit. Kommt es zu lebensbedrohlichem Kam­

merflimmern, gibt der Defibrillator einen elektrischen Strom­

stoß ab und normalisiert die Herzfrequenz. Bei Rhythmusstö­

rungen kann das Gerät automatisch reagieren und kann diese

wie ein normaler Schrittmacher beheben.

ICDs werden in Kurznarkose implantiert, da vor Beendi­

gung des Eingriffs ein Kammerflimmern provoziert wird, um

die Wirksamkeit des Defibrillators zu testen. Der Operations­

ablauf gleicht der Implantation eines Schrittmachers (s. o.).

??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 10.3


55 Welche 3 Gefäße eignen sich als Bypassmaterial für

eine ACVB?

55 Kreuzen Sie an, welche Definition auf einen DDDSchrittmacher zutrifft:

–– O Ein DDD-Schrittmacher ist ein Einkammerschrittmacher.

–– O Ein DDD-Schrittmacher ist ein Dreikammerschrittmacher.

–– O Ein DDD-Schrittmacher ist kann defibrillieren.

–– O Ein DDD-Schrittmacher besteht aus zwei Sonden und einem Aggregat.


10


302


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


55 Welche Aortenklappenprothese bekommen folgende

Patienten?

–– eine 28-jährige Frau mit Kinderwunsch

–– ein 50-jähriger Mann

–– eine 89-jährige Patientin mit A

­ ortenklappenstenose

–– ein 70-jähriger Patient

55 Was bedeuten folgende Abkürzungen:

–– HLM

–– ACVB

–– LAD

–– IMA

–– TAVI

–– ICD


Literatur


10


Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie – DGTHG

(2016) Gesamtzahl der herzchirurgischen Eingriffe aufstabilem

Niveau [http://www.dgthg.de/de/pm_LstStat]

Hachenberg T et al. (2010) Anästhesie und Intensivtherapie in der

­Thoraxchirurgie. Thieme, Stuttgart

Kopp R, Weidenhagen R, Hornung H, Jauch KW, Lauterjung L (2003)

Akute Extremitätenischämie aus allgemeinchirurgischer Sicht.

Chirurg 74: 1090–1102

Liehn M, Lengersdorf B, Steinmüller L, Döhler R (Hrsg) (2016) OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf, 6. Aufl. Springer,

Berlin Heidelberg New York

Liehn M, Steinmüller L, Döhler JR (2011) OP-Handbuch, 5. Aufl. Springer,

Berlin Heidelberg New York

Luther B (2007) Kompaktwissen Gefäßchirurgie. Springer, Berlin Heidelberg New York

Radelaff B,(2013) Angiofibel. Springer, Berlin Heidelberg New York

Siewert JR, Stein HJ (2012) Chirurgie, mit integriertem Fallquiz, 9. Aufl.

Springer, Berlin Heidelberg New York

Spornitz (2007) Anatomie und Physiologie. Lehrbuch und Atlas für

Pflege- und Gesundheitsfachberufe. Springer, Berlin Heidelberg

New York

Spornitz U (2002) Anatomie und Physiologie. Lehrbuch und Atlas für

Pflege- und Gesundheitsfachberufe. Springer, Berlin Heidelberg

New York


303


Gynäkologie, geburtshilfliche

Operationen und

­Mammachirurgie

Ulrike Havemann


11.1


Gynäkologie und B

­ eckenbodenchirurgie


11.1.1

11.1.2


Gynäkologisches Basiswissen – 304

Krankheitsbilder und ihre Therapie – 307


11.2


Geburtshilfe


11.2.1


Geburtshilfliche Eingriffe


11.3


Mammachirurgie


11.3.1

11.3.2

11.3.3

11.3.4


Basiswissen Mammachirurgie

Gutartige Tumoren – 318

Bösartige Tumoren – 319

Operatives Vorgehen – 320


Literatur


– 315

– 315


– 317

– 317


– 321


© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch

https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_11


– 304


11


304


Kapitel 11 · Gynäkologie, geburtshilfliche Operationen und M

­ ammachirurgie


Lernziele


11


55 Die Auszubildenden verstehen die Abläufe der typischen

operativen Diagnostik- und Behandlungsverfahren in der

gynäkologischen und Mammachirurgie und sind in der

Lage, bei diesen Eingriffen vorausschauend und situationsgerecht zu instrumentieren.

55 Dazu verschaffen sie sich einen Überblick über die entsprechenden gynäkologischen Krankheitsbilder, deren

Ursachen, Klinik, Diagnostik- und Behandlungsverfahren

und deren typische Komplikationen.

55 Sie erarbeiten sich entsprechende Kenntnisse der anatomischen, physiologischen und pathophysiologischen

Gegebenheiten und der speziellen Mikrobiologie und

kennen die Medikamente, die im Rahmen dieser Verfahren häufig eingesetzt werden.

55 Die Auszubildenden können die notwendigen speziellen

operations- und eingriffsspezifischen Patientenlagerungen allein oder mit Hilfe von anderen (Operateur) herbeiführen bzw. die Qualität der Patientenlagerung kontrollieren und ggf. modifizieren.

55 Sie können das Grundinstrumentarium und die speziellen Instrumente, Geräte und Materialien, die bei Opera­

tionen in der gynäkologischen und Mammachirurgie zur

Anwendung kommen, auswählen, diese Instrumente

fach- und sachgerecht einsetzen und deren Wirkung

­erklären.


11.1


Gynäkologie und

­Beckenbodenchirurgie


Die Gynäkologie beschäftigt sich mit den Erkrankungen des

inneren und äußeren Genitale sowie den Erkrankungen der

Brustdrüse der Frau.

Die weiblichen Geschlechtsorgane sind unterteilt in inneres und äußeres Genitale. Zu den inneren Organen zählen die

Eierstöcke (Ovarien), die Eileiter (Tuben), die Gebärmutter

(Uterus) und die Scheide (Vagina).

Das äußere Genitale der Frau besteht aus kleinen Schamlippen (Labia minora pudendi), großen Schamlippen (Labia

majora pudendi), dem Kitzler (Klitoris) und dem Scheidenvorhof (Vestibulum vaginae). Das äußere Genitale wird auch

als Vulva bezeichnet.

11.1.1


Gynäkologisches Basiswissen


j

jLagerung


Operationen der Gynäkologie werden in der Regel in Steinschnittlage der Patientinnen vorgenommen. Entweder wird

ein Zugang über den Bauchraum (abdominal) mit einem

Schnitt oberhalb der Schamhaargrenze (Pfannenstiel-Schnitt)

oder ein Zugang über die Vagina (vaginal) gewählt. Ein häufiger Zugang ist der laparoskopische Weg.

Die Steinschnittlagerung mit abgesenkten Beinen wird

bei allen gynäkologischen Laparotomien und Laparoskopien

durchgeführt. Dazu liegt die Patientin in Rückenlage auf


­einem Steinschnitttisch mit einer Gelmatte, Vakuummatte

oder anderen polsternden Materialien, denn das Gesäß der

Patientin schließt mit der Tischkante ab. Die Unterschenkel

liegen gepolstert in den Halbschalen der Goepel-Stützen in

160°-Kniebeugung.

Bei Laparotomien werden die Oberschenkel in Verlängerung des Körpers gelagert, dadurch nähert sich das innere

Genitale mehr der OP-Wunde.

Bei Laparoskopien sollte der Winkel der Oberschenkel

zum Körper ca. 15–20° betragen, dadurch wird die Verletzungsgefahr der großen Gefäße beim Einstich gemindert.

Die Beine der Patientin sind 40–45° gespreizt, die Arme

ausgelagert.

Die Steinschnittlagerung mit hochgestellten Beinen

wird bei allen vaginalen Eingriffen durchgeführt. Die Patientin liegt in Rückenlage auf einem Steinschnitttisch, der

­Rücken liegt flach auf. Das Gesäß ragt etwas über das Tischende, dabei ist auf die Polsterung des Steißbeins zu achten.

Die Hüftbeugung liegt knapp über 90° durch hochgestellte

Halbschalen, die Unterschenkel liegen in 100° Kniebeugung.

Die Unterschenkel werden gepolstert, um Druckschäden des

N. peronaeus zu vermeiden. Ein weiteres Spreizen der Beine

darf nur unter Beachtung der anatomisch-physiologischen

Möglichkeiten der Patientin durchgeführt werden. Die Arme

werden ausgelagert.

j

jInstrumente


Für abdominale Eingriffe werden neben den Grundinstrumenten wie Schere, Pinzetten, Overholt-Klemmen und Langenbeck- sowie Roux-Haken häufig Rahmen und Rückhalteinstrumente benötigt, um die Übersicht zu erhöhen.

Organfasszangen wie die Duval-Klemme, Ovarien­

fasszangen und Allis-Klemme (7 Abb. 7.3) dienen dem

­Anklemmen der Eierstöcke und Eileiter. Ein Museux greift

mit seinen spitzen Zacken das derbe Gebärmuttergewebe

(. Abb. 11.1).

Um den Uterus aus seinem Stützgewebe zu entfernen, bedarf es Uterusscheren mit unterschiedlicher Krümmung. Mit

der Wertheim-Parametriumklemme und der Wertheim-Hysterektomieklemme (. Abb. 11.2) wird das Gewebe, das die

Gebärmutter in ihrer Umgebung hält, abgeklemmt, um dann

durchtrennt zu werden.

Mit dem Myomheber nach Doyen (. Abb. 11.3) kann der

Uterus für die Präparation fixiert werden.

Wird der Eingriff vaginal durchgeführt, benötigen wir

andere Instrumente.

Das Scheidenspekulum nach Breisky, das die Einstellung

des Situs vaginal in alle Richtungen erlaubt, wie auch das

Scheidenspekulum nach Kristeller, das vordere Blatt hält die

Vaginalwand nach oben, das hintere stellt das Scheiden­

gewölbe dar. Flüssigkeiten können über die Rinnenform ablaufen.

Ein selbsthaltendes Scheidenspekulum ist das nach Scherback (. Abb. 11.5).

Mit der Kürette nach Bumm wird die Uterusschleimhaut

ausgekratzt, die Portio-/Hakenzangen greifen den Gebärmuttermund (. Abb. 11.4). Mit den Hegarstiften in aufsteigender


305

11.1 · Gynäkologie und ­Beckenbodenchirurgie


..Abb. 11.1 Organfasszange nach Museux. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Aesculap AG)


..Abb. 11.2 Hysterektomieklemme. (Mit freundlicher Genehmigung

der Fa. Aesculap AG)


..Abb. 11.3 Myomheber nach Doyen. (Mit freundlicher Genehmigung

der Fa. Aesculap AG)


..Abb. 11.4 Portio-/Hakenzange nach Schröder. (Mit freundlicher

­Genehmigung der Fa. Aesculap AG)


Dicke wird der Gebärmuttermund gedehnt, die Uterussonde

misst die Länge des Uteruskörpers (. Abb. 11.6).

Instrumente für die Laparoskopie bestehen aus dem

Grundinstrumentarium für die Eröffnung und den Verschluss der Inzisionen, der Veress-Nadel zum Anlegen eines

Pneumoperitoneums sowie Trokaren in verschiedenen Längen und Durchmessern, über die die laparoskopischen Instrumente in das Abdomen eingebracht werden.


Die Scheren werden zum Präparieren von Gewebestrukturen benötigt, die Hakenschere zum Durchtrennen von stärkeren Strukturen. Mit atraumatischen gefensterten Gewebezangen können die Ovarien schonend gehalten werden. Traumatische Fasszangen werden zum Bergen von Resektaten

eingesetzt. Auch für den laparoskopischen Einsatz steht ein

Myombohrer zur Verfügung. Taststäbe dienen dem Sondieren, Austasten und Weghalten von Organen, Overholt-Klem-


11


306


Kapitel 11 · Gynäkologie, geburtshilfliche Operationen und M

­ ammachirurgie


..Abb. 11.5


11


Scheidenspekula


men und Nadelhalter mit unterschiedlicher Krümmung

­ähneln denen aus der offenen Chirurgie bekannten.

Mit dem Morcellationsmesser (s. u.) wird eine Gebärmutter im Bauchraum zerkleinert, damit sie problemlos geborgen

werden kann.

Verschiedene Geräte kommen auch in der in der Gynäkologie zum Einsatz, es ist zu bedenken, dass sie dem MPG

­unterliegen (7 Abschn. 2.1).

Das Hochfrequenz-Diathermiegerät wird bei allen Operationen für die Anwendung monopolaren und bipolaren

Stroms benötigt (7 Abschn. 2.8).

Der LSK- (Laparoskopie-)Turm ist ein Endoskopieturm,

der mit dem gesamten Equipment ausgerüstet ist, das für

­einen 

 Analgosedierung durchgeführt. Obwohl für diesen Ein­

griff die Herz-Lungen-Maschine nicht notwendig ist, sind

eine HLM-Bereitschaft und Anwesenheit eines Kardiotechni­

kers erforderlich. TAVI-Eingriffe werden in sog. Hybridsälen

(s. Übersicht und . Abb. 10.24) durchgeführt.

Hybridsaal

55 Ein Hybridsaal (Hybrid hier als Kombination unterschiedlicher Methoden) ermöglicht minimal-invasive,

oft interdisziplinäre Eingriffe am Herzen und den großen Gefäßen mit Hilfe einer leistungsstarken, hoch-


297

10.3 · Herzchirurgie


..Abb. 10.24 Ein moderner Hybridsaal

(Abb. von Prof. Dr. Thorsten Wahlers, Herz­

zentrum Uniklinik Köln, mit freundlicher

­ enehmigung)

G


qualitativen Röntgenanlage und einem Angiomaten

(Kontrastmittelinjektor).

55 Im Optimalfall verfügt der Saal über einen röntgenstrahlendurchlässigen «schwimmenden» OP-Tisch,

der in alle Richtungen bewegt werden kann. Mehrere

Monitore zeigen das aktuelle Röntgenbild, spiegeln

die Messwerte der Anästhesiemonitore, TEE-Bild

(TEE = transösophageale Echokardiographie) usw.

Es ist also eine Mischung von einem Herzkathetermessplatz und einem Operationssaal (. Abb. 10.24).

55 Ein Hybridsaal wird nicht nur von Herzchirurgen, sondern auch von Kardiologen oder Gefäßchirurgen benutzt. So können im OP Eingriffe durchgeführt werden, die früher entweder nicht oder nur sehr erschwert möglich waren (endovaskuläre Prothesen,

MitraClip oder TAVI).


Zuerst wurden die TAVI v. a. transapikal (durch die Herz­

spitze, linksanterolateraler Zugang) durchgeführt. Dieser Zu­

gangsweg hat in den letzten Jahren nach dem Prinzip «femo­

ral first» an Bedeutung verloren. Die meisten TAVI-Eingriffe

werden heute transfemoral durchgeführt. Nur bei sehr

schmalen, sehr sklerosierten und anatomisch ungünstig ge­

bogenen Leisten- und Beckengefäßen oder wenn die neue

Klappe in der Mitralposition platziert werden soll, führt man

noch eine transapikale TAVI durch.

Diesen Wandel hat die enorme Entwicklung der letzten

Jahre ermöglicht. Die TAVI-Klappen der neuen Generationen

benötigen mittlerweile nur noch eine 14-F-Schleuse (1 French

[F] oder Charrière [Ch] = 1/3 mm; 14 F = 14 Ch = 4,7 mm).

So wurde die Limitierung durch die Größe der Leisten- und

Beckengefäße fast aufgehoben.

Wir unterscheiden ballonexpandierbare TAVI-Klappen

mit einem Stahlgerüst und selbstexpandierende Klappen auf

einem Nitinolstent (Nitinol ist eine Nickel-Titan-Formge­


dächtnislegierung, also ein Metall mit sog. Memory-Effekt.

Nitinol lässt sich im kalten Zustand leicht verformen und er­

reicht bei Erwärmung die vorgegebene Form).

Der Zugang zu den Leistengefäßen bei einer transfemora­

len TAVI ist meistens perkutan mit Hilfe der Seldinger-Tech­

nik. Spezielle Gefäßverschlusssysteme wie ProGlide, Angio­

Seal (Fa. Abbot) oder ExoSeal (Fa. Cordis) machen eine Frei­

legung der A. femoralis nicht mehr notwendig. So gesehen

wird außer Schleusen, Diagnostikkathetern, weichen und

steifen Drähten, Spülbehältern für die Klappe, Einführsyste­

men (Delivery-Systemen), Crimper und einem Ballondilata­

tor des jeweiligen Herstellers nur Standardinstrumentarium

benötigt.

Instrumente und Kanülen für eine eventuelle Unterstüt­

zung durch die Herz-Lungen-Maschine sowie für eine Not­

fallsternotomie müssen griffbereit sein. Sollte der Einsatz ei­

ner HLM notwendig sein, erfolgt im Normallfall eine Kanü­

lierung durch die Leistengefäße.

Für die TAVI-Operation werden Röntgenkontrastmittel

und Heparinspüllösung vorbereitet.

>>Da eine TAVI-Klappe immer eine biologische Klappe


ist, müssen Spülbehälter mit NaCl-Lösung vorbereitet

werden.


Wird die A. femoralis freigelegt, werden Standardinstrumen­

te, ein Wundspreizer und eine 5-0-Polypropylennaht als Ta­

bakbeutelnaht zur Sicherung der Schleuse vorbereitet. Des

Weiteren werden Nähte für den Wundverschluss (Faszienund Hautnaht) und ggf. eine Redon-Drainage benötigt.

Der Patient ist am Oberkörper und der Leistenregion ra­

siert, beide Arme sind angelagert. Zusätzliche EKG-Elektro­

den ermöglichen Messungen während und nach der Implan­

tation der neuen Klappe.

Nach der Hautdesinfektion vom Hals bis zu den Knien

wird der Patient standardisiert abgedeckt. Der Zugang zu den

Leisten muss gewährleistet sein. Der Druckmessschlauch und

der Röntgenkontrastmittelschlauch werden an den Springer


10


298


10


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


abgegeben und angeschlossen. Alle Schleusen und Katheter

werden gespült.

Mittels Seldinger-Technik werden die Leisten punktiert.

Ein passagerer Einschwemmschrittmacher wird durch eine

6-F-Schleuse eingeführt und in der rechten Herzkammer

platziert. Die Lage des Schrittmachers wird durch die Erhö­

hung der Herzfrequenz am Schrittmachergerät geprüft.

Die Größe der zu implantierenden Klappe wird interdis­

ziplinär anhand von CT-Angiographiebildern bestimmt. Es

gibt Software, die solche Bilder dreidimensional umrechnet

und auf einem Monitor im Hybridsaal darstellen kann. Auch

eine Kopplung mit den Live-Röntgenaufnahmen ist möglich.

Zusätzlich wird mit Hilfe der transösophagealen Echokar­

diographie (TEE) die ausgemessene Größe bestätigt. Bei

­Unsicherheiten kann für die Messung auch ein Ballon der

jeweiligen Firma benutzt werden.

Ein Crimper (eine OP-Fachpflegekraft, OTA, ein Kardio­

techniker, ein Kardiochirurg oder Kardiologe) bereitet die

Schleusen und den Ballon für die Herzklappe vor. Dazu wer­

den diese entlüftet und die Schleuse mit einer NaCl-HeparinLösung gefüllt. Für den Ballon wird ein NaCl-KontrastmittelGemisch vorbereitet. Dadurch kann der aufgeblasene Ballon

auf dem Röntgenbild sichtbar gemacht werden.

Durch die A. femoralis wird punktiert und ein weicher

hydrophiler Draht durch die Aorta bis zur Aortenklappe ge­

führt. Ein Angiographiekatheter (meistens ein Pigtail-Kathe­

ter) wird darüber geschoben. Der weiche Draht wird entfernt

und erneut durch die Aorta, durch die Aortenklappe bis in die

linke Kammer geführt. Darüber wird ein Diagnostikkatheter

eingebracht, der weiche Draht wird durch einen harten Draht

ersetzt.

Die 6-F-Schleuse wird durch eine von der jeweiligen Fir­

ma zertifizierten und bereitgestellten Schleuse ausgetauscht.

Durch den Pigtail-Katheter, der vor der Aortenklappe liegt,

wird Kontrastmittel gegeben. So wird die genaue Position der

Aortenklappe und der Koronarostien dargestellt.

Wenn notwendig (bei sehr stark verkalkten Aortenklappen

oder bei einigen Herstellern standardmäßig) wird ein Valvu­

loplastieballon mit einer vom Crimper vorbereiteten Lösung

(Heparin-NaCl-Kontrastmittel-Gemisch) aufgeblasen und

verdrängt so die verkalkte Klappe (Ballonvalvuloplastie).

Ist die Klappengröße endgültig bestimmt, wird die benö­

tigte Klappe vom Crimper gemäß Herstellerangaben angenom­

men und gespült. Beim Crimp-Vorgang muss die Aorten­klap­

penprothese so zusammengedrückt werden, dass sie durch

die vorgegebene Schleuse passt. Hierzu wird die neue Klappe

auf dem Einführkatheter (Delivery-System) mit ­

einem

Crimp-Gerät angebracht. Bei einer ballonexpandierenden

Prothese enthält das Delivery-System einen Ballon, mit dem

die Klappe entfaltet und positioniert wird. Die korrekte Lage

der Klappe auf dem Katheter wird vom Crimper und Opera­

teur kontrolliert.

Klappen, die einen Nitinolstent haben, sind selbstexpan­

dierend und erreichen bei Körpertemperatur die vorgegebene

Größe und Form. Beim Crimp-Vorgang wird Eiswasser benö­

tigt, denn so lässt sich der Nitinolstent leichter auf die Schleu­

sengröße crimpen.


Die so vorbereitete Klappe wird über den steifen Draht

durch die Schleuse in die gewünschte Position geschoben. Die

neue Aortenklappe wird entweder freigesetzt oder mit dem

Ballon entfaltet und verankert sich so im Kalk der alten

­Klappe. Während der Implantation muss die Herzfrequenz

mit Hilfe des passageren Schrittmachers erhöht werden, bis

das Herz flimmert. Dadurch wird verhindert, dass sich die

neue Klappe aufgrund der Kontraktion der Kammer während

der Freisetzung verschiebt und falsch positioniert wird. So

könnten z. B. die Koronarostien verlegt werden oder die

­Klappe würde sich nicht verankern.

Nun wird die Lage der neuen Klappe auf korrekte Platzie­

rung und paravalvulären Leckagen (Blutfluss neben der

­neuen Aortenklappe) mit Hilfe von Kontrollangiographie

und TEE kontrolliert. Wenn notwendig, kann die Klappe mit

­einem Ballon nachdilatiert werden.

Sitzt die Klappe korrekt, können die Drähte, Katheter und

Schleusen entfernt werden. Die Verschlusssysteme dichten

die Eintrittsstelle der Schleusen ab und verhindern eine Blu­

tung.


Mitralklappenchirurgie

Die Mitralklappe liegt zwischen dem linken Vorhof und dem

linken Ventrikel. Sie verhindert den Rückfluss des Blutes in

den Vorhof während der Systole. Die Mitralklappe ist eine

Segelklappe und besteht aus zwei Segeln, deren Form na­

mensgebend für die Klappe war, da sie an die Mitra (eine Art

Kopfbedeckung christlicher Bischöfe) erinnert.

Die Mitralklappe ist nicht nur ein Ventil, wie die Taschen­

klappen, sondern ein Gebilde, welches durch Sehnenfäden

(Chordae) mit den Papillarmuskeln der Kammerwand ver­

bunden ist.

Wie auch bei den Aortenklappen kann die Mitralklappe

insuffizient (undicht) oder verengt sein. Auch kombinierte

Vitien sind möglich.

Die Mitralklappenstenose kann angeboren sein oder

durch Verkalkung, Vernarbung durch rheumatisches Fieber,

Verklebungen der Kommissuren entstehen. Als Folge der Ste­

nose kommt es zu einer Überdehnung des Atriums mit Herz­

rhythmusstörungen, Lungenstauung und Lungenödem. Im

linken Herzohr können Thromben entstehen, die zu Schlag­

anfällen führen können.

Die Mitralklappeninsuffizienz kann ebenfalls angeboren

sein. Weitere Ursachen sind: Endokarditis, Vergrößerung des

linken Ventrikels, Abriss der Chordae infolge einer Vorhof­

überdehnung oder eines Infarktes und damit das Umschlagen

des Klappensegels in den Vorhof.

Die Diagnose kann wie auch bei der Aortenklappe mittels

Auskultation, EKG, TEE (transösophageale Echokardiogra­

phie) und Herzkatheteruntersuchung festgestellt werden.

Bei der operativen Behandlung unterscheiden wir zwi­

schen einem Mitralklappenersatz mit einer biologischen

oder mechanischen Herzklappe und der Mitralklappenrekon­

struktion mit einem Anuloplastiering.

Es gibt zwei mögliche Zugangswege:

44mediane Sternotomie oder

44minimal-invasive rechtsanteriore Thorakotomie.


299

10.3 · Herzchirurgie


Es werden die gleichen Instrumente wie bei Aortenklappen­

operationen verwendet. Zusätzlich werden Testhaken,

Chordaelängenmessgeräte, Klappen- oder Ring-Sizer (Anu­

loplastie-Sizer) der jeweiligen Prothese benötigt. Ein speziel­

ler Thoraxsperrer (Cosgrove-Sperrer) ermöglicht eine besse­

re Sicht auf die Mitralklappe.

Bei einem minimal-invasiven Zugang werden noch lange

Instrumente, Vorhofhaltehaken, ein kleiner Sperrer für den

anterolateraten Zugang, eine spezielle Aortenklemme (Chit­

wood-Klemme), Trokare, ein Endoskopieturm (7 Abschn.

2.2) mit einer 30° 5mm-Optik und Videokamera sowie ein

Haltearm für die Optik benötigt.

j

jMitralklappenersatz


Wird eine mediane

Sternotomie durchgeführt, unterscheiden sich die Vorberei­

tung, Lagerung und der Operationablauf bis zu der Kanülie­

rung für die HLM nicht von der bei einer Aortenklappenope­

ration (s. o.).

Für die HLM benötigen wir die Aortenkanüle und zwei

Ein-Stufen-Kanülen für die V. cava superior und inferior,

zwei Polyesterbänder, mit denen die Hohlvenen umschlun­

gen und dicht verschlossen werden. Sind alle Kanülen an die

HLM angeschlossen, kann mit dem extrakorporalen Bypass

begonnen werden.

Die Kardioplegie erfolgt antegrad über eine Aortenwur­

zelkanüle.

Der Zugang zu der Mitralklappe erfolgt entweder direkt

durch den linken Vorhof oberhalb der rechten Lungenvenen

oder durch den linken Vorhof und das Vorhofseptum. So

können auch eventuelle Atriumseptumdefekte (wie z. B. das

persistierende Foramen ovale – PFO, 7 Abschn. 10.3.4) ver­

schlossen werden. Mit den Haltehaken des Cosgrove-Sperrers

kann die Mitralklappe dargestellt werden. Ein flexibler Saug­

katheter saugt das Blut, welches aus den Lungenvenen in den

linken Vorhof kommt, ab.

Die Mitralklappe wird mit Testhaken inspiziert. Wenn

möglich, wird anstatt eines Ersatzes eine Mitralklappenre­

konstruktion durchgeführt. Kann die Klappe nicht rekonst­

ruiert werden, müssen die erkrankten Anteile reseziert wer­

den. Mit dem entsprechenden Messgerät (Sizer) wird die

Größe der Prothese bestimmt. Etwa 12–15 polyfile, beschich­

tete, nichtresorbierbare, zweifarbige doppelt armierte und

filzunterstützte Fäden der Stärke 2-0 oder 0 werden abwech­

selnd gelegt (. Abb. 10.23).

Die Kontrolle und Vorbereitung der Klappenprothese er­

folgen analog wie bei dem Aortenklappenersatz.

Nachdem die Klappennähte geknotet wurden, kann der

Vorhof mit nicht resorbierbaren, monofilen Polyesterfäden

der Stärke 3-0 verschlossen werden. Es folgen nun eine ange­

messene Reperfusionszeit und die Anlage des passageren

Schrittmachers. In dieser Zeit kann die Funktion der Klappe

mittels TEE geprüft werden. Nach dem Abgang von der HLM,

Protamin-Gabe und der Entfernung der Kanülen wird die

Kontrolle auf Blutrockenheit durchgeführt.

Der Thoraxverschluss erfolgt wie bei ACVB oder Aorten­

klappenoperation.

Zugang über mediane Sternotomie


Beim rechtsanterolateralen Zu­

gang wird der Patient mit Hilfe eines Keilkissens unter der

rechten Thoraxhälfte in leichte Seitenlage gebracht. Auf der

linken Seite des OP-Tisches kann der Endoskopieturm posi­

tioniert werden.

Da der Einsatz von Schocklöffeln hier nicht möglich ist,

werden Schockelektroden präoperativ so an den Thorax ge­

klebt, dass sich das Herz in einer Linie zwischen den Elektro­

den befindet.

Der Patient wird vom Hals bis zur Mitte der Oberschenkel

desinfiziert. Die Abdeckung ermöglicht den sterilen Zugang

zu den Leistengefäßen, über die mit Hilfe der Seldinger-Tech­

nik die Kanülen für die HLM angeschlossen werden.

Die venöse Kanüle in der V. femoralis reicht bis zum rech­

ten Vorhof. Die Lage der Kanüle wird über TEE kontrolliert.

Auch eine zusätzliche venöse Kanüle über die V. jugularis ist

möglich. Die arterielle Kanüle in der A. femoralis communis

reicht bis zu den Beckengefäßen. Beide Kanülen werden mit

Tabakbeutelnähten (monofile Polypropylennähte Stärke 5-0)

und Snears sicher und dicht fixiert.

Nach dem anterolateralen Schnitt auf der rechten Seite

und Präparation der Muskulatur zwischen den Rippen wird

der Sperrer eingelegt. Das Perikard wird eröffnet und mit

Haltefäden an der Thoraxwand fixiert.

Es erfolgen Inzisionen für einen Trokar für die Optik und

die Chitwood-Klemme. Die Kardioplegie wird über eine Ka­

nüle in der Aortenwurzel gegeben. Wurde die systemische

Heparinisierung bestätigt, kann die HLM angefahren werden.

Nach dem Klemmen der Aorta ascendens und Kardioplegie­

gabe wird der Herzstillstand erreicht. Die Inzision des linken

Vorhofs wird ebenfalls, wie bei einer konventionellen Opera­

tion, oberhalb der rechten Lungenvenen durchgeführt. Vor­

hofhaltehaken erlauben eine gute Sicht auf die Mitralklappe.

Der weitere Verlauf der Operation unterscheidet sich, ab­

gesehen vom speziellen, langen Instrumentarium, nicht von

der Mitralklappenoperation mit medianer Sternotomie (s. o.).

Ein Knotenschieber ermöglicht den sicheren Sitz der

Knoten an der Mitralklappenprothese und an den Atrium­

verschlussnähten. Nach der angemessenen Reperfusionszeit,

dem Abgang von der HLM, Protamin-Gabe, Kontrolle auf

Bluttrockenheit, dem Legen der Drainagen und ­Zählkontrolle

erfolgt der schichtweise Wundverschluss.


Minimal-invasiver Zugang


j

jMitralklappenrekonstruktion


Kann die Mitralklappe rekonstruiert werden, wird diese Me­

thode einem Ersatz immer vorgezogen. Die Zugangswege

und der OP-Ablauf sind gleich wie beim Mitralklappenersatz.

Bei einer Stenose durch Verschmelzung der Kommissuren

kann diese mit einem spitzen Skalpell durchtrennt werden

(OP nach Biegelow).

Bei einem Abriss der Sehnenfäden können diese, nach­

dem die benötigte Länge gemessen wurde, mit Gore-Fäden

Stärke 4-0 oder 5-0 als sog. Neochordae ersetzt werden. Es

existieren auch bereits vorgefertigte Loop-Fäden in unter­

schiedlichen Längen, die die Reparatur der Chordae erleich­

tern. Meistens ist der mittlere Anteil des posterioren Segels

der Mitralklappe betroffen. Das Areal wird reseziert und der


10


300


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


entstandene Defekt mit monofilen Polypropylenfäden Stärke

5-0 wieder verschlossen.

Im Falle einer Ringdilatation kann die Mitralklappe mit

Hilfe von einem Anuloplastiering an die anatomischen Ver­

hältnisse wieder angepasst werden. Dazu wird die benötigte

Größe mit einem Sizer des geplanten Ringes ausgemessen.

10–12 zweifarbige, polyfile, beschichtete, nichtresorbierbare,

doppelt armiere Fäden der Stärke 2-0 oder 0 werden abwech­

selnd vorgelegt. Der Klappenring wird angestochen und die

Fäden anschließend geknotet. Danach erfolgt ein Dichtig­

keitstest mit NaCl-Lösung.

Ist die Mitralklappe dicht, wird der Vorhof wie bei Mitral­

klappenersatz verschlossen.


Trikuspidalklappenchirurgie


10


Die Trikuspidalklappe liegt zwischen dem rechten Vorhof

und der rechten Kammer. Sie besteht aus drei Segeln, die

durch Chordae mit Papillarmuskeln der rechten Kammer ver­

bunden sind. Auch hier kann sowohl eine Klappeninsuffi­

zienz als auch eine Stenose auftreten.

Die Trikuspidalklappe wird selten allein operiert. Meis­

tens wird in Kombination mit einem Mitralklappeneingriff

eine Rekonstruktion mit einem Anuloplastiering durchge­

führt. Die Operation verläuft dann wie bei einer Mitralklap­

penrekonstruktion (s. o.).

10.3.4


Fehlbildungen bei Erwachsenen


Durch bessere Diagnostik und auch Fortschritte bei den the­

rapeutischen Möglichkeiten bei Neugeborenen und Kleinkin­

dern werden die angeborenen Herzfehler bei Erwachsenen

nur noch selten chirurgisch behoben.

Eine bikuspide Aortenklappe verschleißt schneller und

muss ersetzt werden (7 Abschn. 10.3.3).

Septumdefekte – ASD (Atriumseptumdefekt), vor allem

aber VSD (Ventrikelseptumdefekt) sind die häufigsten ange­

borenen Herzfehlbildungen. Die Scheidewand zwischen den

Kammern (VSD) oder den Vorhöfen (ASD) weist ein oder

mehrere Löcher auf.

Dadurch, dass in der linken Herzkammer höhere Drücke

herrschen, wird das sauerstoffreiche Blut durch ein VSD in

die rechte Kammer gepumpt. Als Folge dieses Links-rechtsShunts (ein Shunt ist eine Kurzschlussverbindung zwischen

normalerweise getrennten Gefäßen) kann eine Erhöhung des

Druckes im Lungenkreislauf, 

 Gefäßmuskulatur und wird z. B. an der A. mammaria

­interna verwendet. So können Spasmen des arteriellen

Bypasses und somit ein Bypassverschluss vermieden

werden.


Gleichzeitig – häufig durch ein zweites Chirurgenteam – wird

die V. saphena magna bzw. parva, alternativ die A. radialis

präpariert. Auch hier werden die Seitenäste mit Titanclips

verschlossen.

Das Perikard wird eröffnet und die Hochnähte gelegt.

Dazu werden an allen Seiten des Herzbeutels geflochtene,

­resorbierbare Nähte angebracht und auf dem Hautniveau

­angeklemmt. Dadurch ist die Sicht auf das Herz und die ­Aorta

frei.

Nun erfolgt die Vorbereitung für die Kanülierung. Dazu

werden an der distalen Aorta ascendens und am rechten Her­

zohr Tabakbeutelnähte mit nicht resorbierbaren, monofilen

Polypropylennähten der Stärke 3-0 oder 4-0 gelegt. Die Ta­

bakbeutelnaht für die Plegiekanüle wird ebenfalls vorbereitet.


Die Gefäße werden mit einem spitzen Skalpell inzidiert,

die Kanülen platziert und die Tabakbeutelnähte mit einem

Silikonschlauch (Snear) festgezogen und fixiert, sodass die

Kanülierungsstelle gesichert ist und dicht bleibt. Nachdem die

Kanülen an die Schläuche der HLM angeschlossen werden,

kann der extrakorporale Kreislauf beginnen.

Die Aorta wird proximal der Aortenkanüle mit einer Ge­

fäßklemme verschlossen, die Kardioplegielösung verabreicht

und der Herzstillstand wird hervorgerufen.

Bei ACVB wird antegrad, je nach Operateur oder Haus­

standard, normo- oder hypotherme Kardioplegie verwendet.

Die Präparation der Koronargefäße an der geplanten Ana­

stomosenstelle wird mit dem runden Koronarmesser (. Abb.

10.16a) durchgeführt. Mit einem spitzen Koronarmesser

(. Abb. 10.16b) wird das Gefäß inzidiert und die Inzision mit

einer Potts-Smith-Schere erweitert. Mit einer Koronarsonde

kann das zu anastomosierende Gefäß sondiert werden.

Die peripheren (distalen) Anastomosen werden in Endzu-Seit-Technik mit nicht resorbierbaren, monofilen, doppelt

armierten Polypropylennähten der Stärke 7-0 oder 8-0 ge­

näht. Zuerst wird das venöse Bypassmaterial verwendet. Die

LIMA wird meistens an die LAD angeschlossen. Sind alle

Anastomosen an den Koronargefäßen fertig, kann die Aor­

tenklemme geöffnet werden. Die Reperfusionszeit beginnt

und das Herz kann wieder schlagen. Wurde eine hypotherme

Kadioplegielösung verwendet, kann das Blut in der HLM wie­

der erwärmt werden. Sollte Kammerflimmern auftreten, wird

mit den Schocklöffeln das Herz defibrilliert.

Die zentralen (proximalen) Anastomosen an der Aorta

können also am schlagenden Herzen durchgeführt werden.

Dazu wird die Aorta mit z. B. einer Satinsky-Klemme (7 Abb.

7.25) tangential ausgeklemmt. Die Aortenwand wird inzidiert

und mit einem Aortenpunch (. Abb. 10.13) können Öffnun­

gen für die Anastomosen gestanzt werden. Das Bypassmate­

rial wird auf die benötigte Länge gekürzt und mit nicht resor­

bierbaren, monofilen, doppelt armierten Polypropylenfäden

der Stärke 6-0 oder 7-0 angenäht. Der fertige Bypass wird z. B.

mit einer 0,4 mm dünnen Injektionskanüle entlüftet.

Es erfolgt die Kontrolle der Anastomosen auf Blutungen.

Ein passagerer Schrittmacher wird am Ventrikel und rechten

Vorhof fixiert. Dadurch, dass die zentralen Anastomosen am

schlagenden Herzen durchgeführt wurden, ist eine zusätzli­

che Reperfusion meistens nicht mehr notwendig.

Schlägt das Herz wieder normal und es sind keine akuten

Veränderungen am EKG sichtbar, kann mit der Dekanülie­

rung begonnen werden. Zuerst wird die venöse Kanüle ent­

fernt. Die vorgelegten Tabakbeutelnähte werden zugezogen

und verknotet. Es erfolgt Protamingabe, um die Blutgerin­

nung wieder zu normalisieren. Die Aortenkanüle wird ent­

fernt. Auch hier wird die Tabakbeutelnaht zugezogen und

verknotet.

Die Thoraxdrainagen werden eingelegt. Bei einer ACVB

werden meistens 2 Drainagen verwendet.

Nach der Kontrolle auf Bluttrockenheit und der Blutstil­

lung wird die Zählkontrolle durchgeführt. Das Perikard wird

mit einer resorbierbaren, geflochtenen Naht verschlossen.

Der Sternumverschluss erfolgt durch Zuggurtung (Cerclage)


10


294


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


..Abb. 10.20


Sternumdraht (Beispiel: Fa. Resorba)


mit 4–8 mit einer Trokarnadel armierten Sternumdrähten der

Stärke 5 oder 7 (. Abb. 10.20). Für die Cerclage werden ent­

sprechend stabile Nadelhalter (wire Twister) benötigt. Nach­

dem die Drähte vorgelegt wurden, erfolgt eine Kontrolle auf

Bluttrockenheit und die erneute Zählkontrolle. Erst dann

kann das Sternum zugezogen, die Drähte überkreuzt und in­

einander verdreht, mit einem Seitenschneider gekürzt und

verdrillt werden. Die freistehenden Enden werden umge­

bogen. Der schichtweise Wundverschluss und ein Verband

beenden den Eingriff.


10


10.3.3


Herzklappenersatz


Das menschliche Herz hat 4 Herzklappen: die Trikuspidal-,

Pulmonal-, Mitral- und die Aortenklappe. Die Herzklappen

verhindern einen Rückstrom des Blutes.

Die Pulmonalklappe und die Aortenklappe sind Taschen­

klappen und liegen zwischen einer Herzkammer und dem

entsprechenden Ausflussgefäß (Truncus pulmonalis bzw.

Aorta), die Mitralklappe und die Trikuspidalklappe hingegen

sind Segelklappen und liegen zwischen einem Vorhof und

einer Kammer.

Die am häufigsten operierte Herzklappe ist die Aorten­

klappe.

Von 32.346 Herzklappenoperationen im Jahr 2015 in

Deutschland wurden durchgeführt (Deutsche Gesellschaft

für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie 2016):

4411.183 konventionelle Aortenklappenoperationen,

449.831 katheterunterstützte Aortenklappenimplantationen

(TAVI),

441.372 kombinierte Aorten- und Mitralklappenopera­

tionen,

446.027 Mitralklappenoperationen (davon wurde die

­Klappe bei 2/3 der Fälle rekonstruiert).


Aortenklappenchirurgie

Die Aortenklappe sitzt zwischen der linken Herzkammer und

der aufsteigenden Aorta. Dort sorgt sie als eine Art Ventil

dafür, dass das Blut in der Erschlaffungsphase (Diastole) von

der Aorta nicht in die Kammer zurückfließt.

Wir unterscheiden zwei verschiedene Funktionsstörun­

gen der Aortenklappe:

44die Aortenklappeninsuffizienz (wenn die Klappe nicht

dicht schließen kann) und

44die Aortenklappenstenose (wenn sich die Klappe nicht

genug öffnet).


Ist eine insuffiziente Klappe auch gleichzeitig verengt, spricht

man von einem doppelten Vitium (lat. Vitium = Fehler,

­Synonym für Fehlfunktion).

Bei der Aortenklappeninsuffizienz fließt in der Diastole

das Blut in die linke Herzkammer zurück und kann zu einer

Ventrikeldilatation und im Endeffekt zu einer Herzschwäche

führen.

Die Ursachen für eine Aortenklappeninsuffizienz ist

meistens eine Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut,

der Herzhöhlen und der Herzklappen). Diese kann zu Ver­

narbungen und Deformation der Klappentaschen führen.

Eine Endokarditis kann durch bakterielle Infektionen (z. B.

im Hals, Zahnbereich, rheumatische Prozesse) oder angebo­

rene Herzfehler (z. B. eine bikuspide Aortenklappe, Septum­

defekte) entstehen. Auch der natürliche Verschleiß begünstigt

durch Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Rauchen kann

zu einer Insuffizienz führen.

Die oben genannten Ursachen können auch zu einer

­Aortenklappenstenose führen. Die häufigste Ursache ist

hier jedoch die altersbedingte Verkalkung der Aorten­

klappe. Bei der Verengung der Aortenklappe kommt es im

Laufe der Zeit zu einer Herzmuskelhypertrophie, die zu­

nächst symptomfrei verläuft. Typische Symptome einer fort­

geschrittenen Aortenklappenstenose sind Synkopen (plötz­

liche Bewusstlosigkeit), Atemnot und Angina pectoris

(Brustenge).

Die Verdachtsdiagnose kann durch die Untersuchung der

Herzgeräusche mittels Stethoskop gestellt werden (Auskulta­

tion). Um diese zu bestätigen, wird ein EKG und eine Echo­

kardiografie (Ultraschalluntersuchung) durch die Thorax­

wand oder durch die Speiseröhre – TEE (transösophageale

Echokardiographie) durchgeführt.

Zusätzlich kann eine Herzkatheteruntersuchung die

Funktion der Herzklappe unter der Gabe von Kontrastmittel

im Röntgenbild sichtbar machen.

Die Aortenklappe kann über unterschiedliche Wege er­

setzt werden:

44über einen konventionellen Zugang, eine Sternotomie,

44minimal-invasiv über eine partielle Sternotomie oder

anterolaterale Thorakotomie,

44TAVI: transfemoral (Zugang über die Leiste und die

­Beckengefäße) oder

44transapikal (links anterolateral) in der Höhe der Herz­

spitze (s. u.).

j

jAortenklappenprothesen


Die Aortenklappe kann mit einer biologischen oder einer

­mechanischen (alloplastischen) Prothese ersetzt werden.

Die mechanischen Klappenprothesen sind meist

2-Flügel-Klappen (. Abb. 10.21a). Die karbonhaltigen Flü­

gel sind extrem hart und können ein Leben lang halten.

Der Nachteil hier ist, dass der Patient lebenslang ein blut­

verdünnendes ­Medikament (meistens Marcumar) einneh­

men muss, damit sich keine Blutgerinnsel an der mecha­

nischen Klappe bilden können. Diese könnten die Funk­

tion der Klappe beeinträchtigen oder zu Schlaganfällen

­führen.


295

10.3 · Herzchirurgie


a


b


..Abb. 10.21a, b Aortenklappenprothesen: a mechanische Klappe

(Beispiel: Fa. Sorin Carbomedics, jetzt LivaNova), b biologische Aortenklappe aus Rinderperikard (Beispiel: Carpentier-Edwards Perimount,

Fa. Edwards Lifesciences)


Für mechanische Klappenprothesen gibt es spezielle Klap­

pentester, mit denen die Funktion und Lage der neuen Klappe

geprüft werden können.

Die biologische Aortenklappenprothese ist eine 3-Ta­

schen-Klappe (. Abb. 10.21b) aus Rinderperikard oder vom

Schwein. Es gibt Klappen mit einem Stent (mit Polyester um­

manteltes Metallgerüst zur Stabilitätserhaltung und einem

Nahtring) und ohne (sog. Freestyle-Klappe). Nahtlose Klap­

pen auf einem Stentgerüst (wie z. B. Perceval, Fa. Sorin/Liva­

Nova, oder Intuity Elite, Fa. Edwards) können mit einem Bal­

lon platziert werden. Bioklappen werden vor allem bei älteren

Menschen ab ca. 60–65 Jahren eingesetzt. Eine Ausnahme

bilden junge Frauen mit noch nicht abgeschlossener Famili­

enplanung, da die Marcumar-Gabe in der Schwangerschaft

kontraindiziert wäre. Die biologischen Klappen können de­

generieren und haben eine Lebensdauer von bis zu 10–15

Jahren, sie müssen dann ggf. ersetzt werden.

j

jAortenklappenersatz


Die Vorbereitung des Patienten und die Lagerung unterschei­

den sich nur wenig von den oben beschriebenen Maßnahmen

bei einer ACVB.

Der Patient ist vom Hals bis zum Sprunggelenk rasiert, oft

wird ein Bein zirkulär bis zum Knöchel (wie bei ACVB) des­

infiziert.

Außer den Grund- und Gefäßinstrumenten (Aorten­

klemme), einer Sternumsäge sowie Schocklöffeln werden

spezielle Klappeninstrumente benötigt: Rongeur, Testhaken,

Klappenmessgeräte (sog. Sizer) der jeweiligen Firma der

­neuen Klappe. Sollte eine biologische Klappe verwendet

­werden, sind mehrere Spülbehälter notwendig.

Für den Anschluss an die HLM werden Kanülen wie

die Aortenkanüle (. Abb. 10.10a), venöse Zweistufenkanüle

(. Abb. 10.10b), eine Linksventrikeldrainage (. Abb. 10.10g),

eine antegrade oder retrograde Plegiekanüle für die Kardio­

plegielösung und evtl. zwei Ostiumkatheter (. Abb. 10.10d–f)

benötigt.

Für die Tabakbeutelnähte brauchen wir das gleiche Mate­

rial wie bei der ACVB. Zusätzlich wird für die Tabakbeutel­

naht zur Sicherung des Linksventrikelkatheters (Vent) ein 3-0

oder 4-0 Faden vorbereitet. Für die Klappenprothese werden


..Abb. 10.22


Filzunterstütze Klappenähte (Beispiel: Fa. B. Braun)


12-15 geflochtene, beschichtete, doppelt armierte und filz­

unterstützte Polyesternähte der Stärke 0 oder 2-0 benötigt

(. Abb. 10.22). Der Aortotomieverschluss wird mit 2 filzar­

mierten monofilen Polypropylennähten der Stärke 4-0 durch­

geführt.

Das Sternum wird mit Stahldrähten verschlossen. Resor­

bierbare, polyfile Fäden Stärke 1 werden für die Perikard­

hochnähte und für die Fasziennaht benötigt. Die Haut wird

mit resorbierbaren, monofilen Fäden genäht.

Nach dem Team-Time-Out kann die mediane Sternoto­

mie durchgeführt werden, das Perikard wird eröffnet und

Hochnähte angebracht.

Das Heparin wird durch den Anästhesisten injiziert.

Die Kanülierung verläuft wie bei einer ACVB (7 Abschn.

10.3.2) Zusätzlich wird über die rechte obere Lungenvene in

den linken Ventrikel die Linksventrikeldrainage (. Abb.

10.10g) angebracht. Auch diese wird mit einer Tabakbeutel­

naht und einem Snear gesichert.

Die Kardioplegiegabe erfolgt, je nach Vitium (s. o.) entwe­

der ante- oder retrograd. Bei einer Aortenklappenstenose

kann antegrade Kardioplegie gegeben werden. Bei einer Aor­

tenklappeninsuffizienz wird retrograde Kardioplegie in den

Sinus coronarius verabreicht. Nach dem Eröffnen der Aorta

kann die Kardioplegielösung direkt über die Ostiumkatheter

(. Abb. 10.10f) in die Koronarostien infiltiert werden (7 Abschn. 10.3.1).

Um Luftembolien zu vermeiden, kann das OP-Gebiet auf

die Dauer der OP mit CO₂ geflutet werden. CO₂ ist schwerer

als Luft und verdrängt diese aus dem Thorax. Sollte nach dem

Verschluss der Aorta noch CO₂ in der Herzkammer oder der

Aorta verbleiben, lösen sich die Gasbläschen wesentlich

schneller als Luft auf und verursachen keine Embolien.

Die Aorta wird quer eröffnet, die Aortenwand mittels

nicht resorbierbarer, meist monofiler Haltefäden (z.B. 4-0,

ggf. filzunterstützt) aufgespannt. Die Präparation und Entfer­

nung der Aortenklappe erfolgt mit einer Schere und bei star­

ken Kalkablagerungen mit einem Rongeur (7 Abschn. 8.8.2,

7 Abb. 8.31).


10


296


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


..Abb. 10.23 Aortenklappenersatz mit einer mechanischen Klappenprothese (Abb. von Prof. Dr. Thorsten Wahlers, Herzzentrum Uniklinik

Köln, mit freundlicher Genehmigung)


10


Die Aortenklappe wird mit einer Messvorrichtung (Klap­

pensizer) der geplanten Prothese ausgemessen (. Abb. 10.18).

Die Prothese wird nach Sichtkontrolle (Größe, Haltbarkeit,

Temperaturindikatoren bei Bioklappen) vom Springer ange­

geben, die instrumentierende Kraft nimmt sie mit einem für

die Klappe bestimmten Haltegriff (Holder) an. Eine mecha­

nische Klappe bedarf keiner speziellen Vorbereitung, eine

biologische hingegen muss gemäß den Herstellerangaben in

physiologischer Kochsalzlösung gespült werden. Dadurch

wird die Fixationslösung (meistens Glutaraldehyd) ausgewa­

schen.

!!Cave


Glutaraldehyd ist giftig, daher müssen die Bioklappen

nach Herstellerangaben gespült werden. Auch der

Springer, der die Bioklappenprothese angibt, muss

Handschuhe tragen!


Alle drei Kommissuren der zu erneuernden Klappe werden

mit Fäden markiert. Danach werden die restlichen Nähte vor­

gelegt und angeklemmt. Für die Aortenklappe werden ca.

12–15 polyfile, beschichtete, nichtresorbierbare, doppelt ar­

mierte und filzunterstützte Fäden der Stärke 2-0 oder 0 benö­

tigt. Diese Nähte sind zweifarbig: weiß und grün und werden

abwechselnd gelegt. So können Verwechslungen vermieden

werden und die Wahrscheinlichkeit, dass zwei benachbarte

Fäden zusammengeknotet werden, ist wesentlich geringer.

Die Filze (Pledgets) verteilen die Zugkraft und dichten zu­

sätzlich den Ring (Anulus) der Klappe ab. Das Risiko von

paravalvulären Leckagen (Blutfluss neben der neuen Aorten­

klappe) wird dadurch geringer.

Nachdem alle Fäden vorgelegt wurden, wird der Ventrikel

gespült, damit eventuell vorhandene lose Kalksplitter aus der

Herzkammer entfernt werden können.

Die neue Klappe wird eingenäht und die vorgelegten Fä­

den geknotet.

Der Aortotomieverschluss wird mit zwei filzarmierten,

monofilen Polypropylennähten der Stärke 4-0 durchgeführt.


Nach der Entlüftung der Herzkammer und der Aorta kann

die Aortenklemme geöffnet werden. Die Reperfusion beginnt

und dauert etwa 1/3 der Ischämiezeit.

Die Linksventrikeldrainage und der Kardioplegiekatheter

werden entfernt. Es erfolgt die Blutungskontrolle der Aorto­

tomienaht. Über eine transösophageale Ultraschalluntersu­

chung (TEE) wird die Funktion der neuen Klappe kontrol­

liert.

Ein passagerer Schrittmacher wird implantiert. Dieser

kann, sollten keine Arrhythmien (7 Abschn. 10.3.4) auftreten,

nach etwa fünf Tagen entfernt werden.

Zur Dekanülierung werden die venöse und arterielle Ka­

nüle entfernt und die vorgelegten Tabakbeutelnähte geknotet.

Die Protamin-Gabe erfolgt durch den Anästhesisten.

Eine Thoraxdrainage wird eingelegt. Der Sternumver­

schluss erfolgt wie bei der ACVB.

j

jAortenklappenrekonstruktion


Es gibt mittlerweile einige Methoden, die Aortenklappe zu

rekonstruieren. Bei der OP nach David (Tirone Esperidiao

David, kanadischer Herzchirurg) wird eine Ausweitung der

Aortenbasis, die eine Klappeninsuffizienz zur Folge hat, be­

hoben. Dabei wird die Klappe entfernt und in eine Gefäß­

prothese, durch die die aufsteigende Aorta ersetzt wird, so

eingenäht, dass die Klappentaschen dicht schließen. Auch die

Koronarostien müssen bei der OP in die Gefäßprothese ein­

genäht werden.

Bei der OP nach Yacoub (Sir Magdi Habib Yacoub, ägyp­

tisch-britischer Chirurg) wird die erweiterte Aortenwand

entfernt und eine zurechtgeschnittene Prothese an die Aor­

tenklappe genäht. So können anatomische Verhältnisse wie­

derhergestellt werden.

j

jTAVI («transcatheter aortic valve implantation»),

­katheterunterstützte Aortenklappenimplantation)


Wie der Name «TAVI» schon sagt, wird hier die Aortenklappe

nicht ersetzt, sondern in die bestehende Klappe implantiert.

Dieses minimal-invasive Verfahren eignet sich für Patien­

ten, die an einer schweren Aortenklappenstenose leiden, und

für solche mit einem sehr hohen operativen Risiko, hohem

Alter und/oder vielen Begleiterkrankungen. Auch eine Im­

plantation in eine bereits vorhandene, degenerierte biologi­

sche Klappe ist möglich.

Eine TAVI wird normalerweise am schlagenden Herzen,

oft in 

 Es werden an­

geborene und erworbene sowie verletzungsbedingte Erkran­

kungen therapiert.

Die Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören in den Indus­

trieländern zu den häufigsten Erkrankungen.

Jährlich werden in 78 herzchirurgischen Fachabteilungen

in Deutschland rund 125.000 Herzoperationen durchgeführt,

davon etwa 52.000 Bypass-Operationen.

10.3.1


Kardiochirurgisches Basiswissen


Herz-Lungen-Maschine

Die Herz-Lungen-Maschine (HLM; . Abb. 10.8) ermöglicht

Operationen am stillstehenden Herzen. Sie übernimmt für

die Dauer der Herzoperation die Funktionen von Herz und

Lungen.

Dabei wird die Pumpfunktion von einer mechanischen

Rollenpumpe übernommen, ein Oxygenator versorgt das Blut

mit Sauerstoff und entfernt das Kohlendioxid (. Abb. 10.9).

Ein Hypothermiegerät reguliert den Wärmehaushalt und

dient der Kühlung bzw. der Wiedererwärmung des Bluts. Bei

einigen Herzoperationen ist eine Herabsenkung der Körper­

temperatur auf 34° oder sogar unter 30°C notwendig.

Um die Sicherheit des Patienten zu erhöhen, sind in die

Herz-Lungen-Maschine mehrere Sensoren mit Regel- und

Alarmvorrichtungen eingebaut wie Druck-, Luftblasendetek­

tor und Niveauregulierung. Während das Blut durch die

Herz-Lungen-Maschine gepumpt wird, durchströmt es auch

einen arteriellen Filter, der Luft zurückhält.

Die Bedienung der HLM obliegt einem Kardiotechniker.


10


288


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


Das Medikament der Wahl ist Heparin. Die Dosierung

erfolgt abhängig vom Körpergewicht des Patienten, wobei

die übliche Dosierung ca. 300 IE (internationale Einheiten)

Heparin pro 1 kg Körpergewicht beträgt. Zur Kontrolle wird

die ACT («activated clotting time») gemessen – das ist die Zeit,

in der das Blut gerinnt. Für den HLM­Anschluss ist ein ACT­

Wert >400/450 s notwendig. Dieser Wert wird alle 30 min

regelmäßig kontrolliert.

> Die systemische Heparinisierung muss vor dem An­


schluss an die HLM vom Chirurgen mit den Kardiotech­

niker und Anästhesisten klar kommuniziert werden.


Nach Beendigung der Operation und Abstellen der HLM,

nachdem das Herz die Pumpfunktion wieder übernommen

hat, muss die physiologische Blutgerinnung wieder hergestellt

werden. Dafür wird ein Heparin­Antagonist Protamin in

gleicher Dosis wie Heparin gegeben. Die Gerinnung wird

ebenfalls über die ACT kontrolliert und sollte im Normbe­

reich zwischen 100 und 150 s liegen.

j

HLM­Kanülen


10

. Abb. 10.8


Herz-Lungen-Maschine (HLM)


j

Systemische Heparinisierung


Bevor ein Patient an die Herz­Lungen­Maschine angeschlos­

sen werden kann, muss er ein Medikament erhalten, das die

Blutgerinnung verhindert. Sonst besteht die Gefahr, dass das

Blut in den Schläuchen oder im Filter der HLM gerinnt und

die Arbeit der HLM dadurch beeinträchtigt wird.

. Abb. 10.9 Extrakorporaler Kreislauf:

Das venöse Blut fließt aus den Hohlvenen in

ein Reservoir. Von hier wird es mit einer Rolleroder Zentrifugalpumpe durch den Oxygenator, den Wärmetauscher und einen Filter zurück in die Aorta befördert. Aus: Siewert JR,

Stein HJ (2012) Chirurgie, mit integriertem

Fallquiz, 9. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg

New York


Mit den unterschiedlichen Kanülen wird der Anschluss an

die HLM gewährleistet. Die Drainage des sauerstoffarmen

Bluts erfolgt je nach Operation mittels zwei einstufigen

Venenkanülen (. Abb. 10.10c) für die obere und untere

Hohlvene, oder einer Zweistufenkanüle (. Abb. 10.10b), die

über den rechten Vorhof bis in die untere Hohlvene gescho­

ben wird.

Die venösen Kanülen müssen luftdicht angeschlossen

werden, sodass keine Luft in die Schläuche der HLM gelangen

kann.

Die Aortenkanüle (. Abb. 10.10a) wird im distalen,

bogennahen Bereich der aufsteigenden Aorta (Aorta ascen­

dens) platziert und ebenfalls dicht angeschlossen.


10


289

10.3 · Herzchirurgie


..Abb. 10.10a–g HLM-Kanülen: a Aorten­

kanüle (Beispiel: Fa. Maquet), b Zweistufenkanüle (Beispiel: Fa. Maquet), c Einstufenkanüle

(Beispiel: Fa. Maquet), d Antegrade Kardio­

plegie­kanüle, Aortenwurzelkanüle (Beispiel:

Fa. Med­tronic), e Retrograde Kardioplegie­ka­

nüle (Beispiel: Fa. Medtronic), f Ostiumkatheter,

selektive Kardioplegie (Beispiel: Fa. Sorin

Group), g Linksventrikeldrainage, Vent (Beispiel: Fa. Medtronic)


a


b


c


d

f

e


g


Der Durchmesser der Kanülen ist abhängig von der

­Körpergröße des Patienten.

Zusätzlich werden, je nach Kardioplegieart, eine ante­

grade Aortenwurzelkanüle, retrograde oder zwei selektive

Kardioplegiekanülen benötigt (. Abb. 10.10d–f).

Für die Entlastung der linken Herzkammer bei einer ge­

klemmten Aorta wird eine Ventrikeldrainage (Vent-Katheter)

benötigt. Diese kann entweder über die Aortenwurzelkanüle

oder direkt über eine Drainage über die rechte obere Lungen­

vene und den linken Vorhof erfolgen (. Abb. 10.10g).

Bei einigen speziellen Eingriffen (z. B. minimal-invasive

Eingriffe an der Mitralklappe) wird die Herz-Lungen-Ma­

schine an den Leistengefäßen angeschlossen. Dabei wird die

venöse Kanüle durch die Vena femoralis bis zum rechten Vor­

hof vorgeschoben. Das oxygenierte Blut von der HLM kommt

über eine arterielle Kanüle in der A. femoralis communis und

A. iliaca externa. Auch ein Anschluss über die A. subclavia ist

möglich.

j

jKardioplegie


Während einer Herzoperation muss der Herzmuskel nicht

nur stillgelegt (griechisch Plegie = Lähmung), sondern auch

geschützt werden (Myokardprotektion), um die Ischämiezeit

(die Zeit, in der das Herz nicht durchblutet wird) unbeschadet

überstehen zu können. Dazu wird die Kardioplegielösung

verwendet. Diese wird über verschiedene Zugangswege mit­

tels einer Kardioplegiekanüle verabreicht:

Die Aorta wird punktiert, und die

Lösung wird durch eine antegrade Kardioplegiekanüle

(. Abb. 10.10d) in die aufsteigende Aorta unterhalb der vom

Kardiochirurgen gesetzten Aortenklemme verabreicht. So

kann die Kardioplegielösung durch die Koronarostien (Ein­

mündungen der Koronararterien) den Herzmuskel erreichen

und den Herzstillstand hervorrufen.


Antegrade Kardioplegie


Selektive Kardioplegie Wird die Aorta eröffnet (z. B. wäh­

rend einer Aortenklappenoperation), kann die Kardiople­

gielösung mittels Ostiumkatheter (. Abb. 10.10f) direkt in die

Koronarostien instilliert werden.


Sollte die Aortenklappe undicht

sein, würde die Kardioplegielösung nicht nur in die Koronar­

ostien, sondern v. a. in die linke Herzkammer fließen. Diese

Plegie wäre ineffektiv. In solchen Fällen ist entweder die

­selektive (s. o.) oder retrograde Kardioplegiegabe durch den

Sinus coronarius (Koronarvenensinus, ein Zusammenfluss

der Koronarvenen, der in den rechten Vorhof mündet) mög­

lich. Die Lösung fließt durch die Koronarvenen, dann durch

die Koronararterien bis zu den Ostien (retrograder Kardio­

plegiekatheter (. Abb. 10.10e).


Retrograde Kardioplegie


j

jKardioplegielösungen


Je nach Temperatur unterscheiden wir folgende Kardio­

plegielösungen:

44normotherme Kardioplegie (z. B. nach Calafiore),

44hypotherme Kardioplegie (z. B. nach Brettschneider oder

Buckberg).

Die hypotherme Kardioplegie ermöglicht durch die Ver­

ringerung des Sauerstoffbedarfs längere Ischämiezeiten. Die

Kardiogplegiegabe kann bei Bedarf wiederholt werden. Der

Operateur entscheidet, je nach Indikation, Hausstandard

oder Erfahrung, welche Art der Kardioplegie er bevorzugt.

j

jReperfusion


Wird die Aortenklemme geöffnet, fließt wieder Blut durch die

Herzkranzgefäße. Die Reperfusionszeit beginnt. Die Kardio­

plegielösung wird ausgeschwemmt und das Herz beginnt zu

schlagen. Wurde das Herz mittels hypothermer Kardioplegie

stillgelegt, muss das Blut wieder erwärmt werden.


290


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


..Abb. 10.12


10


Sternumsäge


..Abb. 10.11 Chirurgische Zugänge. Mediane Sternotomie (a), partielle superiore Sternotomie (b), partielle inferiore Sternotomie (c), links

anteriore Thorakotomie (d), rechts anteriore Thorakotomie (e), links anterolaterale Thorakotomie (f). Aus: Liehn M et al. (Hrsg) (2016) OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf, 6. Aufl. Springer, Berlin

Heidelberg New York


Die Reperfusionszeit, also die Zeit der Entwöhnung von

der Herz-Lungen-Maschine, dauert etwa 1/3 der Ischämiezeit

bis zur Wiederaufnahme der Pumpfunktion des Herzens im

Sinusrhythmus.


Zugangswege


..Abb. 10.13 Einweg-Aortenpunch (Beispiel: Fa. Teleflex; oben) und

Mehrweg-Aortenpunch (Beispiel: Fa. Fehling; unten)


Am häufigsten wird eine mediane Sternotomie durchgeführt

(. Abb. 10.11). Das Brustbein (Sternum) wird längs in der

Mitte mit einer Sternumsäge (. Abb. 10.12) durchgesägt.

Wird das Sternum nur teilweise, bis zum 3. oder 4. Zwischen­

rippenraum, durchtrennt, sprechen wir von einer partiellen

superioren bzw. inferioren Sternotomie.

Für minimal-invasive Eingriffe eignet sich eine links- bzw.

rechtsanteriore/anterolaterale Thorakotomie.


Instrumentarium

Neben den Grundinstrumenten gibt es in der Herzchirurgie

einige Spezialinstrumente. Mit der Sternumsäge wird das

Brustbein durchtrennt. Es handelt sich hier um eine spezielle,

druckluft- oder akkubetriebene Stichsäge mit einem «Schuh»,

der das darunterliegende Herz vor einer Verletzung schützt

(. Abb. 10.12).

Alternativ bzw. standardmäßig bei einer Resternotomie

(aufgrund der möglichen Verwachsungen kann die Sternum­

stichsäge nicht benutzt werden) wird eine oszilierende Säge

benutzt.

Mit dem Aortenpunch/Aortenstanze werden in der

­Aorta Löcher für die proximalen Bypassanastomosen ge­

stanzt (. Abb. 10.13).

Während einer Herzoperation müssen Gefäße vorüberge­

hend verschlossen werden. Dazu werden Gefäßklemmen


..Abb. 10.14 Verschiedene Bulldog-Klemmen


benötigt. Mit einer Bulldog-Klemme (. Abb. 10.14) wird z. B.

die A. mammaria interna abgeklemmt.

Für den Verschluss der Aorta ascendens ist ein kräftiges,

aber weich klemmendes Instrument nötig, das die Aorta

komplett quer verschließt, z. B. die Aortenklemme nach De­

Bakey-Morris oder Crafoord (. Abb. 10.15).

Mit einem runden Koronarmesser (. Abb. 10.16a) wer­

den die Koronarien präpariert. Dazu wird das Gewebe, das

über den Gefäßen liegt, abgeschoben. Mit einem spitzen Ko­

ronarmesser (. Abb. 10.16b) wird das Koronargefäß inzidiert.


291

10.3 · Herzchirurgie


..Abb. 10.15 Aortenklemme nach Crafoord (oben) und nach DeBakey-­

Morris (unten)


a

..Abb. 10.17


IMA-Sperrer


b


..Abb. 10.16a, b Koronarmesser: a rund, b spitz (Beispiel: Fa. Fumedica)


Dieser Einstich wird mit einer gewinkelten Schere nach PottsSmith erweitert. Für die Anastomosen werden Mikropinzet­

ten und Mikronadelhalter benutzt.

Der IMA-Sperrer (. Abb. 10.17) wird für die Präparation

der A. mammaria interna (IMA) benötigt. Seine spezielle

Form erlaubt es, das Sternum an der Seite anzuheben, an der

die A. mammaria präpariert werden soll. Es gibt also sowohl

LIMA- (für die linke A. mammaria interna) als auch RIMASperrer (für die rechte IMA).

Für Operationen an den Herzklappen werden ebenfalls

spezielle Instrumente benötigt. Mit einem Rongeur (7 Abschn. 8.8.2, . Abb. 8.31) werden Verkalkungen entfernt. Wird

eine Herzklappe ersetzt, kommen Messinstrumente (Sizer;

. Abb. 10.18) zum Einsatz. Diese sind herstellerspezifisch und

dürfen nur für die Klappenprothese benutzt werden, für die

sie tatsächlich bestimmt sind. Für biologische Klappenpro­

thesen benötigen wir zusätzlich 2–3 Spülbehälter, in denen

die neue Herzklappe nach Herstellerangaben gespült wird.

Für minimal-invasive Eingriffe werden Instrumente mit lan­

gem Schaft benötigt.

10.3.2


Koronare Herzkrankheit (KHK)


Die KHK ist eine chronische Erkrankung und gehört zu den

häufigsten Erkrankungen des Herzens.

Die Koronargefäße (griechisch korona = «Krone»,

«Kranz») umhüllen das Herz wie ein Kranz und versorgen

den Herzmuskel mit Blut. Solche Gefäße, die der Selbstversor­

gung des Organs dienen, werden «Vasa privata» genannt (la­

teinisch vas = «Gefäß» und privatus = «eigen», «persönlich»).


..Abb. 10.18 Sizer-Set für mechanische Klappenprothesen (Beispiel:

Fa. CryoLife, On-X)


Die Herzkranzgefäße entspringen kurz oberhalb der

­Aortenklappe. Bei der Bezeichnung einiger Koronararterien

haben sich, zusätzlich zu den lateinischen, auch die engli­

schen Namen durchgesetzt. Es gibt die rechte (RCA = «right

coro­nary artery») und eine linke Koronararterie (LCA = «left

coronary artery»). Bis zu der ersten Gabelung der linken

­Koronararterie spricht man vom Hauptstamm (Truncus

communis). Dieser ist etwa 10 mm lang und teilt sich in den

Ramus interventricularis anterior (RIVA oder LAD = «left

anterior descending») und den Ramus circumflexus (RCX).

Zu den Risikofaktoren, die die Entstehung von KHK be­

günstigen, gehören: Rauchen, Adipositas, arterielle Hyper­

tonie, Diabetes mellitus, mangelnde Bewegung, erhöhte LDLCholesterinwerte, genetische Prädisposition und Stress.


Koronarstenose

Die Verengung oder sogar der Verschluss eines oder mehrerer

Herzkranzgefäße verursachen eine Durchblutungsstörung

(Ischämie) und somit eine Unterversorgung des Herzmuskels

mit Sauerstoff und in der Folge eine Schädigung des Herz­

muskels. Es kommt zum Herzinfarkt.


10


292


10


Kapitel 10 · Gefäß-, Thorax- und Kardiochirurgie


..Abb. 10.19 Prinzip der koronaren Bypasschirurgie. Aus: Liehn M

et al. (Hrsg) (2016) OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium,

OP-Ablauf, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York


Je nachdem, wie stark und wie viele Gefäße betroffen sind,

können die Symptome unterschiedlich ausgeprägt sein. In

manchen Fällen bemerkt der Patient nichts, es kann aber auch

zu einer Angina pectoris (Brustenge) mit starken Schmerz­

attacken und einem Druckgefühl hinter dem Sternum kom­

men. Oft strahlen die Schmerzen in die Schulter und in die

Arme aus. Manchmal berichten die Patienten über Luftnot,

Angst und Übelkeit.

Die Diagnostik beginnt mit einem EKG und einem Blut­

test. Im Falle eines Infarktes sind EKG-Veränderungen sicht­

bar und die Werte der Herzenzyme (z. B. Creatinkinase –

­CK-MB, Troponin) erhöht. In einem Herzkatheterlabor lässt

sich mittels Kontrastmitteldarstellung der Herzkranzgefäße

(Koronarangiographie) das Ausmaß der Veränderungen

und die Lage der Stenosen sichtbar machen.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC =

­European Society of Cardiology) empfiehlt eine Katheter­

behandlung innerhalb der ersten 90 Minuten. Zeit spielt in

der Behandlung des Herzinfarktes eine wichtige Rolle!

Im Herzkatheterlabor wird direkt nach der Koronarangio­

graphie die interventionelle Therapie mit einem Dilatations­

ballon (PTCA = perkutane transluminale coronare Angio­

plastie) und einem oder mehreren Stents durchgeführt. Ist

dies nicht möglich, werden die Koronarien über eine Bypass­

operation wiederhergestellt.

j

jKoronararterienbypass


Ein Koronararterienbypass ist eine Überbrückung der Ver­

engung oder des Verschlusses einer Koronararterie, um die

Durchblutung des nachgeschalteten Gefäßabschnitts sicher­

zustellen.


Dieser Bypass wird als ACVB für «aorto-coronarer VenenBypass» bezeichnet, jedoch wird heute auch die im englischen

Sprachraum übliche Abkürzung CABG für «coronary artery

bypass graft» verwendet.

Meist wird die Operation unter der Verwendung einer

Herz-Lungen-Maschine bei Herzstillstand durchgeführt, je­

doch kann der Eingriff auch am schlagenden Herzen ohne

HLM durchgeführt werden: OPCAB für «off-pump coronary

artery bypass». Der Zugang erfolgt jeweils durch Eröffnung

des Brustkorbs über eine mediane Sternotomie.

Darüber hinaus existieren minimal-invasive Zugangs­

wege wie:

44MIDCAP («minimally invasive direct coronary artery

­bypass») – hier erfolgt der Zugang über eine linksante­

riore Thorakotomie, oder

44TECAB für total endoskopischen Koronararterien-Bypass

(«totally endoscopic coronary artery bypass»).

Als Bypassmaterial eignen sich Arterien und Venen:

44linke A. thoracica interna, (engl. «left internal mammary

artery», LIMA = linke A. mammaria),

44rechte A. thoracica interna (RIMA),

44A. radialis,

44A. gastroepiploica (selten),

44V. saphena magna,

44V. saphena parva.

Das Prinzip der koronaren Bypasschirurgie fasst . Abb. 10.19

zusammen.

Die Bypässe, für die arterielles Material benutzt wird,

funktionieren länger als venöse Bypässe. Ein weiterer Vorteil

ist die Tatsache, dass bei einem LIMA-Bypass nur eine Anas­

tomose notwendig ist. Die LIMA wird meistens an den Ramus

interventricularis anterior (RIVA/LAD) angeschlossen.

Vor allem bei jungen Patienten wird ausschließlich arteri­

elles Material für die Bypässe benutzt. Häufig nutzt man hier

die T-Graft-Technik. Hier wird z. B. die RIMA oder die A. ra­

dialis an die LIMA und ein Koronargefäß angeschlossen.

Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 51.941 Bypass-Ope­

rationen durchgeführt (Deutsche Gesellschaft für Thorax-,

Herz- und Gefäßchirurgie 2016).


Aortokoronarer Venenbypass (ACVB)/

«coronary artery bypass graft» (CABG)

Der Patient ist vom Hals bis zum den Sprunggelenken rasiert,

auch die Leistenregion ist frei, sodass notfalls ein Zugang zu

den Leistengefäßen möglich ist.

Auf einem geraden Tisch erfolgt die Rückenlagerung

nach Hausstandard. Beide Arme sind angelagert. Wird die

A. radialis entnommen, muss der betroffene Arm ausgelagert

werden.

Zusätzlich zum Grundinstrumentarium und der Sternum­

säge werden auch spezielle Koronarinstrumente (Koro­nar­

messer, Koronarsonden), Gefäßklemmen, Mikroinstru­

mente, Aortenpunch und ein IMA-Sperrer benötigt (7 Abschn. 10.3.1).

Die Kanülen für den HLM-Anschluss werden nach Ab­

sprache mit dem Operateur, abhängig der Körpergröße des


293

10.3 · Herzchirurgie


Patienten und der ausgewählten Kardioplegie, durch die Kar­

diotechnik vorbereitet.

Für eine ACVB werden eine Aortenkanüle, eine venöse

Zweistufenkanüle und eine antegrade Kardioplegiekanüle

(Aortenwurzelkanüle) benötigt. Für die Sicherung der Kanü­

len mit Tabakbeutelnähten werden nicht resorbierbare,

­monofile Polypropylennähte der Stärke 3-0 oder 4-0 sowie

Snears (Tourniquet, Silikonschläuche) zum Fixieren der Ta­

bakbeutelnähte vorbereitet.

Alle Materialien, Instrumente, Nadeln und Textilien wer­

den gezählt und dokumentiert. Der Patient wird vom Kinn

bis zu den Knöcheln desinfiziert. Je nach benötigtem Bypass­

material werden beide Beine und ein Arm zirkulär abge­

waschen.

Nach der Hautdesinfektion mit gefärbtem Hautdesinfek­

tionsmittel und der Einhaltung der Einwirkzeit wird die ste­

rile Abdeckung angebracht. Danach werden alle benötigten

Schläuche und Kabel abgegeben und mit den entsprechenden

medizintechnischen Geräten verbunden. Das Anschlusskabel

der Schocklöffel wird zur Anästhesie abgegeben und am De­

fibrillator angeschlossen. Die HLM-Schläuche werden vom

Instrumentierenden angenommen und für den Anschluss an

die Kanülen bereitgelegt.

Nach dem standardisierten Team-Time-Out wird eine

mediane Sternotomie durchgeführt. Die Blutstillung an der

Kortikalis des Sternums kann mit hochfrequentem Strom,

aber auch mit Knochenwachs durchgeführt werden.

Der IMA-Sperrer (. Abb. 10.17) wird eingesetzt, die linke

A. thoracica interna (LIMA) und ggf. die RIMA werden prä­

pariert.

Die IMA bleibt in situ (vor Ort). Sie wird nur distal abge­

setzt und nach proximal, Richtung A. subclavia, freipräpa­

riert, wobei die Abgänge mit Titanclips verschlossen werden.

Kurz bevor die IMA abgesetzt wird, erfolgt die Heparingabe

durch den Anästhesisten. Nach der Präparation wird die IMA

mit einer Bulldog-Klemme verschlossen und in eine Kom­

presse mit Paveron gelegt.

>>Paveron hat eine erschlaffende Wirkung auf die glatte