Trainingsmaßnahmen kombiniert werden. Zu den Bausteinen von Verhaltensprävention zählen u. a.:
44Kommunikationstraining,
44Konfliktmanagement,
44Ärgerbewältigungstraining (soziales Fertigkeitstraining,
Desensibilisierungsverfahren und kognitive Neu- bzw.
Umbewertung),
44Zeitmanagement,
44Schulungen zu gesunder Lebensweise (Bewegung,
Ernährung, Genuss- und Suchtmittel),
44Entspannungstraining (Yoga, progressive Muskel
entspannung nach Jakobsen, Mediation).
24.2.2
Verhältnisprävention
Diese Maßnahmen zielen auf eine verbesserte Arbeitsorganisation hin. Diese bedingen Veränderungen in der Aufbauund Ablauforganisation an. Ein Großteil des Ärgers wird
durch die vorhandenen Strukturen in den Kliniken und Operationsabteilungen mitverursacht. Maßnahmen der Verhältnisprävention im OP beinhalten:
44Reorganisation der OP-Abteilung und Einrichtung eines
OP-Managements,
44verantwortlicher hauptamtlicher OP-Manager,
44standardisierte OP-Planung,
44Neukonzeptionierung der Dienst- und Bereitschaftsdienstzeiten,
44regelmäßige Supervisionsangebote,
44Einrichtung von Gesundheits- und Qualitätszirkeln,
44professionelle Personalentwicklung und Qualifizierungskonzepte.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Kap. 24
55 Welche Bedeutung hat die nonverbale Kommunika
tion in einer Operationsabteilung?
55 Welche Fragetechniken verwenden Sie in Beratungsgesprächen mit Patienten und Angehörigen?
55 Wieso führt die jeweilige konstruierte Wirklichkeit
von zwei oder mehreren Gesprächspartnern häufig
zu Konflikten?
55 Welche Ebene im Vier-Schnäbel/Ohren-Modell
von Schulz von Thun führt durch Betonung der Gesprächspartner häufig zu Missverständnissen?
55 Welche Bedeutung hat das Johary-Fenster für die
Ausbildung?
24
524
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
Literatur
24
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525
Berufliches Selbstverständnis
Heike Richter, Ralf Neiheiser, Olaf Schenk, Judith Schädler, Gert Liehn, Chris Wolf
25.1
Berufsbild OTA
– 526
25.1.1
25.1.2
25.1.3
Geschichte des OTA-Berufes in Deutschland – 526
Rechtsstellung der OTA – 527
Vergleichbare Ausbildungen im Ausland – 528
25.2
Der Mensch im sozialen Beruf
25.2.1
25.2.2
25.2.3
Rollenselbstbild – 528
Burnout-Syndrom – 529
Medikamentenmissbrauch
25.3
Ethik
25.3.1
25.3.2
Normative Vorgaben durch den Gesetzgeber (die Gesellschaft)
Ethik in der Praxis – 534
25.4
Gesetzeskunde
25.4.1
Tod eines Patienten
– 536
25.5
Sterben und Tod
– 538
25.5.1
25.5.2
25.5.3
25.5.4
Sterbephasen – 538
Versorgung Sterbender auf der Intensivstation
Tod und Todeszeichen – 538
Klinisches Ethikkomitee – 539
25.6
Sterbende begleiten
25.6.1
25.6.2
25.6.3
25.6.4
25.6.5
25.6.6
25.6.7
25.6.8
25.6.9
Sterben – 539
Gesellschaftliche und kulturelle Einstellung zum Thema – 540
Angst vor dem Tod und vor dem Sterben – 540
Erleben des Sterbenden – 540
Gesprächsführung mit Sterbenden und deren Angehörigen – 541
Professionelle Begleitung im klinischen Umfeld – 542
Trauerarbeit – 542
Hilfe zur Selbsthilfe – 542
Berufsethische Fragen – 542
– 528
– 530
– 530
Literatur
– 533
– 536
– 538
– 539
– 543
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_25
25
Kapitel 25 · Berufliches Selbstverständnis
526
25
Lernziele
55 Die Auszubildenden können den OTA-Beruf in seiner
Eigenständigkeit verstehen.
55 Auf der Grundlage dieses Verständnisses entwickeln sie
das Interesse und die Fähigkeit, entsprechend zu handeln und den Beruf aktiv weiterzuentwickeln.
55 Sie sind in der Lage, mit der Teilnahme an geeigneten
Maßnahmen der beruflichen Fort- und Weiterbildung auf
veränderte berufliche Anforderungen zu reagieren.
55 Sie unterscheiden die Aufgaben und Wirkungsmöglichkeiten von Berufsverbänden, Berufsorganisationen und
Gewerkschaften und können die Bedeutung dieser
Organisationen für die Entwicklung ihres Berufes einschätzen.
25.1
Berufsbild OTA1
Heike Richter, Ralf Neiheiser
Operationstechnische Assistenten (OTA) sind in der Regel in
den Krankenhäusern, in Kliniken und chirurgischen Gemeinschaftspraxen tätig. Dort können sie aufgrund ihrer
Vielfältigkeit in den unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt
werden. Vorwiegend sind dies natürlich operative Zentren,
aber auch Abteilungen wie die Endoskopie, die ZSVA, Notfallambulanzen und Rettungsstellen sowie Zentren für ambulantes Operieren sind möglich. In der Regel sind OTA nach
der Ausbildung in den Operationszentren der Krankenhäuser
anzutreffen.
OTA sind in erster Linie Teil des OP-Teams und betreuen
die Patienten während ihres gesamten OP-Aufenthalts. Sie
stellen präoperativ alle benötigten medizinischen Geräte bereit, kontrollieren das Instrumentarium und Medizinprodukte auf Vollständigkeit und Fehlerfreiheit und instrumentieren
dem verantwortlichen Operateur und dessen Assistenten
während der gesamten Operation.
Ein weiteres zentrales Aufgabengebiet im Operationsbereich ist die Arbeit des sog. unsterilen Saaldienstes, besser
bekannt unter der Bezeichnung «Springertätigkeit». Hier sind
die OTAs für den reibungslosen Ablauf rund um die stattfindende Operation zuständig, indem sie durch rasche Auffassungsgabe das OP-Team vorausschauend bestmöglich unterstützen. Sie beobachten das OP-Geschehen und stellen rechtzeitig die zusätzlich benötigten Materialien und Geräte zur
Verfügung, wie z. B. Kompressen, Tupfer, Nahtmaterial, Verbandmaterial, Sauger, Sonden etc. So sorgen die Springer für
eine zielführende Arbeitsatmosphäre, die v. a. geprägt ist
durch Übersicht, Konzentration und Schnelligkeit. Ebenso
sind die Springer mit verantwortlich dafür, dass die Hygienevorschriften aller Beteiligten eingehalten werden.
>>Die Springertätigkeit ist eine sehr verantwortungsvolle
Tätigkeit, die eine hohe Fach- und Sozialkenntnis voraussetzt.
1
Vgl. Berufsbild Deutscher OTA-Schulträgerverband e.V., www.dosv.de
Die Karrieremöglichkeiten von OTA nach der Ausbildung
sind vielfältig. Es können u. a. folgende Weiterbildungsangebote wahrgenommen werden:
44Qualifizierung zum Praxisanleiter,
44Weiterbildung zum Chirurgischen Assistent,
44Weiterbildung zur Leitung einer OP-Abteilung im
mittleren Management,
44OP-Manager.
Hochschulstudium zum:
44Bachelor of Science in Physician Assistant,
44Bachelor of Arts in Business Administration,
44Pädagogische Hochschulabschlüsse (z. B. Medizin
pädagogik) zur Leitung von OTA-Schulen.
25.1.1
Geschichte des OTA-Berufes
in Deutschland
Das Berufsbild der Operationstechnischen Assistenz begann
Ende der 1980-er Jahre in Nordrhein Westfalen (NRW). Obwohl es das Berufsbild seit nunmehr über 25 Jahren in
Deutschland gibt, spricht man im Gesundheitswesen ausgehend von der Krankenpflege, die es seit dem 19. Jahrhundert
gibt, von einer relativ jungen Ausbildung.
Vertreter von unterschiedlichen Pflegeverbänden waren
es auch, die Anfang der 1990-er Jahre den a OTA-Beruf überwiegend kritisch gesehen haben. Aufgrund von Fachkräftemangel im OP (durch die Fachweiterbildung für den Ope
rationsdienst konnte der Ersatzbedarf an Fachkräften bei
Weitem nicht abgedeckt werden) gab es in NRW einen Versorgungsengpass; Operationen konnten nicht planmäßig
durchgeführt werden.
Das ATEGRIS-Krankenhaus Mülheim an der Ruhr (damals Evangelisches Krankenhaus) war das erste Krankenhaus
in Deutschland, das den klassischen Weg der OP-Fachweiterbildung umging, indem es OTA direkt durch Erstausbildung
zunächst in zwei Jahren mit anschließendem Anerkennungsjahr für den Operationsdienst qualifizierten. Dass dies nicht
nur Zustimmung im Bereich der Krankenpflege fand, ist naheliegend. Da die Mülheimer sich an den Konzepten der Niederlande und der Schweiz orientierten (man entschied sich
für das Schweizer Modell), ist es verständlich und nachvollziehbar, dass sie sich für das Schweizer 2-plus-1-Modell
(2 Jahre Ausbildung und 1 Jahr Anerkennungsjahr) entschieden. Hartnäckig hielt sich von Kritikern der OTA-Ausbildung
der Standpunkt, es handle sich um eine «Schmalspurausbildung» und als «Beruf ohne Perspektive» und «die fachliche
Immobilität durch die Konzentration auf den OP führe zum
Sackgassenberuf». Die OTA haben sich jedoch davon nicht
beirren lassen, hatten sie sich doch für einen zukunftssicheren
Job entschieden.
1992 begannen weitere zwei Krankenhäuser in NRW mit
der Ausbildung zum OTA. Es waren die damaligen städtischen Kliniken Köln (heute Kliniken der Stadt Köln GmbH)
und das Evangelische Krankenhaus Bethesda in Mönchengladbach, die gemeinsam mit den Mülheimern einheitliche
527
25.1 · Berufsbild OTA
Richtlinien zur Ausbildung von OTA erarbeiteten. Schnell
war man sich einig, dass man das Krankenpflegegesetz als
Orientierung der strukturellen und organisatorischen Ausgestaltung wählen sollte und somit die Ausbildungsdauer auf
drei Jahre erhöhen musste.
1992 wurde aus diesem Kreis auch der OTA-Schulträgerverband gegründet, damals schon ein Zusammenschluss von
Trägern von Ausbildungsstätten mit Sitz in Mülheim an der
Ruhr. Hauptziel war und ist es auch heute noch, die Ausbildung und das Berufsbild der OTA zu fördern und weiterzuentwickeln.
1994 gründeten die Lehrkräfte der bestehenden OTASchulen eine Arbeitsgruppe mit dem Namen GEKA-OTA
(Gemeinschaft zur Erarbeitung von Richtlinien für die Ausbildung von Operationstechnischen Assistenten), dessen
Vorsitz die Mitautorin dieses Beitrags innehatte. Ziel war es,
den OTA-Beruf zunächst in NRW zu etablieren, einheitliche
Ausbildungskonzepte zu erarbeiten, Prüfungsfragen zu erstellen und Öffentlichkeitsarbeitzu betreiben.
Schritt für Schritt kamen weitere Interessierte hinzu, die
sich über dieses neue Berufsbild informieren wollten. Folgerichtig wurden weitere OTA-Schulen gegründet (1995 das
Bildungszentrum Wesel, später das Städtische Klinikum
Solingen, Alfred-Krupp-Krankenhaus Essen, St. AntoniusKrankenhaus Eschweiler etc.) und schließlich auch OTASchulen in anderen Bundesländern (Niedersachsen, BadenWürttemberg und Bayern).
1996 wurde seitens der Deutschen Krankenhausgesellschaft (Dachorganisation der Krankenhäuser in Deutschland,
damals noch mit Sitz in Düsseldorf) die erste OTA-Arbeitsgruppe gegründet. Ziel war es, eine bundesweite, einheitliche
Richtlinie für die Ausbildung der Operationstechnischen Assistenten zu erarbeiten, solange keine bundesweite oder landesrechtliche Regelung vorlag. In diesem Zuge wurde die
GEKA-OTA aufgelöst und in den OTA-Schulträgerverband
integriert.
Am 26.06.1996 wurde die erste «Ausbildungsrichtlinie
für die Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin/
zum Operationstechnischen Assistenten» durch die DKG
verabschiedet.
Am 31.03.2004 fand die erste Überarbeitung und Aktualisierung u. a. auch aufgrund der Änderung des Krankenpflegegesetzes von 2003 statt. Auch wurde dem wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt Rechnung getragen, um
weiterhin eine aktuelle und moderne Ausbildung gewährliesten zu können.
Am 19.09.2007 fand erneut eine Überarbeitung der Ausbildungsrichtlinie statt. Im Mittelpunkt stand dabei die Gestaltung des Ausbildungsverhältnisses. Ausschlaggebend
hierfür war ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin/Brandenburg vom Januar 2007, wonach die Probezeit maximal
4 Monate dauern darf (LarbG-Az: 18 Sa 1600/06).
Am 20.09.2011 wurde die Richtlinie erneut verändert
und aktualisiert. Es fand eine Ergänzung um das Berufsbild
der Anästhesietechnischen Assistenz statt. Seitdem besteht
die Möglichkeit, beide Ausbildungen integrativ und kombiniert (OTA/ATA) anzubieten, da es sehr viele Gemeinsamkei-
ten gibt, die auch gemeinsam unterrichtet werden können
(sog. «Common Trunk»). Zusätzlich fand eine Überführung
der Unterrichtsfächer in die modernen Lernbereiche und
Lerneinheiten statt.
Am 17.09.2013 kam es bis dato zur letzten Änderung und
Aktualisierung der Richtlinie. Ein Schwerpunkt der Ergänzung war, Bewerberinnen und Bewerber aus anderen euro
päischen Ländern, sog. Drittstaaten, eine Anerkennung als
OTA bzw. ATA dezidierter zu ermöglichen.
Heute (2018) haben sich OTA-Schulen in allen Bundesländern etabliert. So gibt es derzeit 120 OTA-Schulen mit ca.
2.200 Ausbildungsplätzenmit ca. 600 angeschlossenen Krankenhäusern, die über die DKG anerkannt sind.
Der OTA-Schulträgerverband wurde 2011 ein eingetragener Verein mit neuem Namen «Deutscher OTA-Schulträgerverband e.V.» (DOSV) mit Sitz in Essen. Die Mitautorin ist
seit 1994 Mitglied im Schulträgerverband und seit 1995 Mitglied in dessen Vorstand. Der DOSV ist ein innovativer Verband, der im engen Austausch mit staatlichen und politischen
Stellen steht. Er pflegt Kontakt zu anderen Institutionen des
Gesundheitswesens – die Mitglieder des Vorstands sind in
zahlreichen, Arbeitskreisen und Gremien der Gesundheitspolitik vertreten.
Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat im
Jahr 2012 aus dem Fachbeirat «Weiterentwicklung der Heilberufe» heraus ein Expertengremium zur Vorbereitung einer
gesetzlichen Grundlage für den Beruf der Operationstechnischen Assistentin/des Operationstechnischen Assistenten
(OTA) sowie für den Beruf der Anästhesietechnischen Assistentin/des Anästhesietechnischen Assistenten (ATA) einberufen. Die Federführung in diesem Expertengremium, das im
Jahr 2012 insgesamt sechsmal getagt hat, obliegt der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Die Vorschläge des
Expertengremiums werden dann die Basis für den vom BMG
zu erarbeitenden Referentenentwurf für ein OTA- und ATAGesetz bilden. Das BMG strebt die Vorlage eines OTA- und
ATA-Gesetzes in dieser nächsten Legislaturperiode (2017–
2021) prioritär an.
25.1.2
Rechtsstellung der OTA
Die Frage, ob es sich bezüglich der OTA-Ausbildung um einen Heilberuf handelt und somit bei einer bundeseinheitlichen Regelung zu einer Ausbildungsfinanzierung über das
Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) geregelt werden
könnte (dies würde für die Krankenhäuser eine große Entlastung bedeuten), wurde schon 2003 im Rechtsgutachten im
Auftrag des Deutschen OTA-Schulträgerverband e.V. eindeutig beantwortet. Dort heißt es (Böhme 2003):
»» Die OTA-Tätigkeit ist als Berufsbild überwiegend mit den
Aufgabenbereichen der OP-Pflege, der Endoskopie-Pflege, dem Tätigkeitsbereich von Pflegekräften in Ambulanzen und in der Sterilisation identisch. Demzufolge handelt es sich eindeutig um einen anderen Heilberuf, der
erhebliche Anforderungen theoretischer und vor allem
auch praktischer Art voraussetzt.
25
Kapitel 25 · Berufliches Selbstverständnis
528
25
Das Berufsbild der OTA ist in jedem Fall zukunftsfähig
und benötigt dringend die staatliche Anerkennung. Gestützt
wurde diese Auffassung im Übrigen auch durch das Votum
der 79. Gesundheitsministerkonferenz vom 20./21.06.2006 in
Dessau, in der einstimmig beschlossen wurde (http://www.
gmkonline.de/_beschluesse/Protokoll_79-GMK.pdf):
»» Die Gesundheitsministerkonferenz sieht Handlungsbe-
darf für eine Ausbildungsregelung der Operationstechnischen Assistenz als Gesundheitsberuf auf der Grundlage
des Art. 74 Nr. 19 GG und bittet die Bundesgesundheitsministerin, die notwendigen Schritte für eine bundesrechtliche Regelung des Berufsbildes einzuleiten und zeitnah einen Referentenentwurf zu erarbeiten. Die Finanzierung nach dem KHG ist sicherzustellen.
Ergänzend ist an dieser Stelle hinzuweisen, dass es mittler
weile in drei Bundesländern (Schleswig-Holstein, Thüringen,
Sachsen-Anhalt) landesrechtliche Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen gibt, die durch die vorgenannte bundeseinheitliche Ausbildungsregelung hinfällig würden.
25.1.3
Vergleichbare Ausbildungen
im Ausland 2
Schaut man über die nationalen Grenzen Deutschlands hinweg, so erkennt man seit geraumer Zeit den Trend, dass ärztliche Tätigkeiten auf den nichtärztlichen Bereich übertragen
werden. Insbesondere in den USA etablierte sich schon in den
1960-erJahre dort das Berufsbild des «Physician Assistant».
Dieser arbeitet eigenständig, wird nicht ärztlich «überwacht»
und übernimmt u. a. Aufgaben im operativen Bereich und im
Bereich der Notfallaufnahme.
Mittlerweile hat sich in USA ein neues Berufsbild etabliert
- das Studium zur «Midlevel Provider». Hier absolvieren die
Studenten kein vollständiges Medizinstudium, arbeiten aber
weitgehend selbstständig. Unter dem Begriff «Midlevel Provider» werden in den USA auch die Berufe Nurse Practitioner
(NP), Physician Assistant (PA) und Surgical Assistant (SA)
und der Certified Registered Nurse Anesthesist (CRNA) gefasst. Alle Studiengänge sind Bachelorstudiengänge und
dauern mindestens 22 Monate.
In England hat sich das Berufsbild des «Surgical Care
Practioner» (SCP) etabliert, dessen Tätigkeiten arztunterstützend sind, aber auch hierarchisch dem ärztlichen Dienst zugeordnet sind. Es handelt sich nicht um eine universitäre Ausbildung, wird aber an den Hochschulen vermittelt.
Zusätzlich werden in England sog. «Operating Department Practitioners» (ODP) ausgebildet, die der Pflege zugehörig sind. Sie arbeiten im Bereich der Anästhesie als «Anesthetic Assistant», im Bereich des OPs als «Scrub Nurse» und
im Aufwachraum oder in der Holding area als «Recovery
Nurse».
2
Vgl. DKI (2009) Weiterentwicklung der nicht ärztlichen Heilberufe
am Beispiel der technischen Assistenzberufe im Gesundheitswesen. Seite 146ff. Düsseldorf
In der Schweiz werden seit 1980 Technische Opera
tionsassistenten (TOA) ausgebildet. Heute nennen sie sich
dipl. Fachfrau-/mann Operationstechnik HF (www.sbvtoa.
ch) und werden über die kantonale Gesetzgebung anerkannt.
Die Ausbildung findet an höheren Fachschulen statt.
In den Niederlanden hat sich seit 1970 das Berufsbild und
die Ausbildung des «Operatieassistent» (OA) etabliert. Krankenpflegepersonal im Operationsdienst ist in den Niederlanden so gut wie nicht zu finden. Mit ca. 98% stellen OA dort
die Fachkräftequote und organisieren sich im Berufsverband.
Interessant ist auch, dass diese Ausbildung einen viel höheren praktischen Anteil aufweist, als z. B. die Ausbildungen in
Deutschland und in der Schweiz. Die Amstel Academy beginnt
mit einer theoretischen Einführung von vier Monaten und
dann beginnt die praktische Ausbildung (Amstel Academy,
Amsterdam) mit einem Training vor Ort im Krankenhaus.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 25.1
55 Erläutern Sie die Entwicklung des Berufsbildes OTA
in Deutschland.
55 Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum das
Berufsbild OTA in Deutschland so lange zur bundeseinheitlichen, staatlichen Anerkennung braucht?
55 Nennen Sie Karrieremöglichkeiten nach Abschluss
der Ausbildung zur OTA.
25.2
Der Mensch im sozialen Beruf
Heike Richter
Lernziele
55 Die Auszubildenden erwerben die Kenntnisse und
Fähigkeiten, die eigene Gesundheit zu erhalten und zu
fördern.
55 Sie beurteilen/reflektieren ihre persönliche berufliche
Situation als OTAs und sind in der Lage, psychische und
physische Belastungen zu bewältigen.
25.2.1
Rollenselbstbild
Jedes Individuum ist Träger von unterschiedlichen Rollen
und Aufgaben. Das Wort «Rolle» könnte in diesem Zusammenhang aber auch geradewegs falsch verstanden werden,
könnte es sich doch um eine nicht realistische Aufgabe halten,
wenn wir den Begriff «Rolle» direkt mit «Schauspiel» in Verbindung setzen. Laut Duden werden unter dem Begriff
«Rolle» unterschiedliche Definitionen aufgeführt. Zwei von
ihnen betrachten wir näher:
44«von einem Schauspieler zu verkörpernde Gestalt» und
44 «Stellung, (erwartetes) Verhalten innerhalb der Gesellschaft».
Geschickter wäre es, wenn wir in diesem Zusammenhang von
unterschiedlichen «Ämtern» sprechen würden, die uns im
Laufe des Lebens zugewiesen werden. Denn aus Ämtern
könnte man bei Nichterfüllung evtl. leichter heraustreten als
aus den uns zugewiesenen Rollen.
529
25.2 · Der Mensch im sozialen Beruf
Ausbildungsstätte
Umfang der übernommenen Rolle ist, desto eher zeigt sich
auch der Konflikt (7 Abschn. 26.1).
Auch die OTA steht in diesem Spannungsfeld unterschiedlicher Rollen und Aufgaben (. Abb. 25.1).
Das soziale Umfeld zwingt uns, unsere Rollen einzuhalten. Bei Verletzung der Erwartungen reagiert die Gesellschaft
mit Sanktionen. Das «aus-der-Rolle-fallen» kann mitunter
auch zum sozialen Ausschluss führen.
Kollegen
OTA
Freundeskreis
Familie
25.2.2
..Abb. 25.1
Spannungsfeld unterschiedlicher Rollen und Aufgaben
Doch die allgemein gültige Literatur spricht von unterschiedlichen Rollenbildern und Rollenveränderungen als ein
Bindeglied zwischen Individuen und Gruppen (Siegrist
2005). Aus der Tatsache heraus, dass Rollen sich überlagern
können, sind Störungen entsprechend vorprogrammiert. Unterschiedliche Rollen können sein:
44Geschlechterrollen,
44Familie (Mutter und gleichzeitig auch Tochter und
Ehefrau),
44Sport (Teammitglied und Teamführer),
44Beruf (Vorgesetzte und Freundin) etc.
Wenn unterschiedliche und widersprüchliche Erwartungen
aufeinander treffen, kommt es zu Konflikten. Je größer der
..Abb. 25.2 Symptome des Burnout-Syndroms nach dem Maslach- und Copenhagen
Burnout-Inventory (MBI und CBI)
Burnout-Syndrom
Die Burnout-Raten in Deutschland steigen in allen Berufsgruppen rasant an. Grund dafür ist der immer höher werdende Arbeitsdruck, verbunden mit der Angst, den Job zu ver
lieren. Mittlerweile ist bekannt, dass insbesondere in den
Gesundheitsfachberufen eine große Gefährdung besteht, an
einem Burnout (s. a. 7 Abschn. 24.2) zu erkranken. Hier wird
der Umgang mit psychischen und physischen Belastungen
vorausgesetzt. Die immer höher werdende Arbeitsverdichtung führt zum Zusammenbruch.
Der Versuch einer Definition lässt erkennen, dass hier
mehrere Einflussfaktoren zusammenfließen. Der Mensch
fühlt sich physisch, psychisch und emotional erschöpft und
sein produktives Leistungsvermögen ist enorm gesunken.
Die Symptome sind Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression, Schlafstörungen in der Nacht und entsprechender
Müdigkeit am Tage, Desinteresse oder sogar Nervenzusammenbruch (. Abb. 25.2). Es handelt sich um eine Erschöpfung, die bei jeder Tätigkeit auftauchen kann.
Dimension
Symptom
Beispiel
– Emotionale
Erschöpfung
– Reizbarkeit
– Persönlicher
Burnout
– Antriebsschwäche
– »Ich fühle mich
auf der Arbeit
völlig
ausgebrannt! Es
macht mir keinen
Spaß mehr!«
Symptom
Beispiel
Dimension
– Anspannung
– Depersonalisierung
– Gleichgültigkeit
– Patientenbezogener
Burnout
– Zynismus
Dimension
– Distanz
Symptom
– Erleben von
Misserfolg
– Sinnentleerung
– Aufgabenbezogener
Burnout
– Hyperaktivität
– Unwirksamkeit
– »Es fällt mir schwer,
mich auf jeden
neuen Patienten
einzustellen!«
Beispiel
– »Ich habe immer
weniger das Gefühl,
dass ich durch meine
Arbeit jemanden
helfe!«
25
Kapitel 25 · Berufliches Selbstverständnis
530
25
Die Therapie zur Burnout-Bekämpfung ist sehr unterschiedlich und sehr individuell. Meist besteht sie jedoch aus
einer Form der Psychotherapie. Der erste Schritt des Patienten ist es, dass er seine Erkrankung akzeptiert und die Hilfe
von außen annehmen will.
j
jTherapie Burnout
Da lange Zeit für die Patienten mit der Burnout-Diagnose nur
die Arbeit im Vordergrund stand, müssen nun neue Modelle
gefunden und entwickelt werden, die dem Patienten langfristig wieder Freude am Leben bereiten. Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, kann auch wieder über eine Arbeitsaufnahme nachgedacht werden.
Von einer Medikamenteneinnahme wird prinzipiell abgeraten. Sollten die Symptome (z. B. Schlafstörungen und Depressionen) allerdings so ausgeprägt sein, kann eine kurzfristige medikamentöse Therapie helfen, allerdings ist die Gefahr
der Abhängigkeit sehr groß.
25.2.3
Medikamentenmissbrauch
Medikamentenmissbrauch ist in Deutschland weit verbreitet.
So geht man schätzungsweise davon aus, dass ca. 1,4–1,9 Mio.
der Erwachsenenbevölkerung medikamentenabhängig sind3.
Das Personal in deutschen Krankenhäusern arbeitet unter
extremer und zunehmender Arbeitsverdichtung. Insbesondere das OP-Personal bekommt dies zu spüren. Immer kürzere Wechselzeiten, Erhöhung der Fallzahlen, chronischer
Personalmangel, Überstunden, unregelmäßige Pausenregelung sind nur einige Auslöser, die zu Konzentrations- und
Schlafstörungen führen können.
Um diesen Herausforderungen zu entgegnen, greifen einige Mitarbeiter zu Medikamenten, um weiterhin leistungsfähig und konzentriert zu sein. Medikamente, die zur Abhängigkeit führen können, sind: Schlafmittel, Aufputschmittel,
Schmerzmittel, Nasentropfen. Die Betroffenen fühlen sich
nach Einnahme der Medikamente besser und reden sich ein,
die Kontrolle zu behalten und jederzeit in Lage zu sein, die
Medikamente wieder absetzen zu können. Fakt ist aber, dass
sie die Dosis erhöhen müssen, um die gleiche Wirkung zu
erzielen.
Der Medikamentenmissbrauch bleibt in der Regel lange
Zeit unentdeckt. Doch im fortgeschrittenen Suchtstadium
sind die Abhängigkeitssymptome so groß, dass die Betroffenen auch nach außen hin Reaktionen zeigen, die sie teilweise
nicht unter Kontrolle haben: Gleichgewichtsstörungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen, Sprachstörungen etc.
Abschließend hilft den Betroffenen nur ein kontrollierter,
unter ärztlicher Aufsicht durchgeführter Entzug mit anschließender psychotherapeutischer Behandlung.
3
Vgl.: http://www.ahg.de/AHG/Indikationen/Abhaengigkeitserkrankungen/Medikamentenabhaengigkeit/index.html: Letzter Zugriff:
23.07.2017, 14:00h
??Frage zur Wiederholung zu 7 Abschn. 25.2
55 Welche Symptome zeigt ein Mensch, der an Burn-out
leidet?
25.3
Ethik
Olaf Schenk
Lernziele
55 Die Auszubildenden können nach ethischen Grund
sätzen handeln. Sie erkennen und achten religiöse und
kulturelle Werte. Anhand von konkreten Falldarstellungen der Ethikberatung im Krankenhaus setzen sie sich
mit dem Prozess der Entscheidungsfindung vor dem
Hintergrund ethischer Leitlinien auseinander.
55 Sie lernen, eigene Standpunkte zu entwickeln und zu
begründen.
55 Sie setzen sich mit den gesellschaftlichen, institutionellen und individuellen Dimensionen des Themas Sterben
und Tod auseinander. Sie sind in der Lage, in ihren Arbeitsbereichen Sterbende adäquat zu begleiten und Tote
adäquat zu versorgen.
55 Sie sind sich ihrer eigenen Einstellung zum Thema Sterben und Tod bewusst, und sie akzeptieren Individualität
im Erleben von Sterben und Tod.
In diesem Kapitel erhalten die Lernenden einen ersten Einblick in die Ethik als (praktische) Wissenschaft, die aus der
Philosophie hervorgegangen ist. Die klassische Philosophie
der Antike beschäftigte sich seit Aristoteles (384–322 v. Chr.)
– zunächst abstrakt – mit der Frage, wie der Mensch ein gutes
und sinnvolles Leben führen kann und versucht daraus Handlungsweisen für den Alltag zu gewinnen.
Die Begriffe Ethik «das sittliche (Verständnis)» und Moral
«die Wertvorstellungen und guten Sitten einer Gesellschaft
oder einer Person» werden häufig synonym genutzt, sind aber
von unterschiedlicher Bedeutung.
Die Ethik ist die Reflexionstheorie der Moral und der Moralität, also des Handelns in Situationen. Doch nicht nur das
Wissen «Das» sondern auch das Wissen «Wie» determiniert
(bestimmt) die bewusst entschiedene Handlung. So kommt es
zu einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Fragen,
was «richtig» und was «falsch» ist, was «gut» und was
«schlecht» ist, welche Werte und Normen das Handeln bestimmen und führt zur Beurteilung der persönlichen Autonomie und Verantwortung. Die Ethik nimmt die Moral und
die Moralität in den Blick und reflektiert aus kritischer Distanz einer Wissenschaft.
Die Moral umfasst alle in einer Gesellschaft entstandenen
und zum Teil über Generationen weitergegebene Ordnungen
und regelt durch Normen das Zusammenleben menschlicher
Gemeinschaften (. Abb. 25.3).
Unter Moralität versteht man die persönlichen Wertevorstellungen, Einstellung und Haltungen eines Individuums zu
dem was gut und sinnvoll erscheint. Die Moralität einer Person entwickelt sich im Laufe ihrer Sozialisation und ist das
531
25.3 · Ethik
..Abb. 25.3
Moral und Mortalität
Ethik
Moral
Moralität
Anerkannte Regeln des Miteinanders
in der jeweiligen Gruppe
(Gesetze, Sitte, Werte, Bräuche)
Eigene Wertvorstellungen vom guten
Leben und rechten Handeln
(Werte, Prinzipien, Einstellungen,
Haltungen)
Ergebnis von Bildungsprozessen. Lawrenz Kohlberg (1927–
1987) hat dies in seiner Stufentheorie der Moralentwicklung
beschrieben (. Tab. 25.1).
Dieser zufolge durchläuft der Mensch in seiner Moralentwicklung verschiedene charakteristische Stufen, wodurch
u. a. auch ein Zusammenhang zwischen Lebensalter und
Grad der Moralentwicklung zu beobachten ist. Das Verhalten
eines Menschen hängt somit auch von der jeweiligen Entwicklung ab und ist durch die persönlichen Einstellungen
(Festlegung zu konkreten Sachen und konkreten Personen)
und Haltungen (Festlegung zu abstrakten Lebensfragen wie
Gesundheit, Arbeit, Lust, Pflicht usw.) begründet und ggf.
beobachtbar. Diese Überzeugungen bilden den Charakter
und die Persönlichkeit. Das Verhalten eines Menschen steht
häufig in engem Zusammenhang mit seiner Haltung.
..Tab. 25.1
Gesellschaftliche oder persönliche Werte können als allgemeine Handlungsprinzipien, die der Handlungsorientierung und Handlungsausführung zu Grunde liegen, bezeichnet werden. Dies können ethische, religiöse, humanistische
und soziale Leitbilder einer Gesellschaft sein und bringen
Vorstellungen über die «richtige» bzw. wünschenswerte Form
des Zusammenlebens zum Ausdruck.
Beispiele für gesellschaftliche und individuelle Werte sind:
44Menschenrechte, Gerechtigkeitsprinzipien, Fleiß,
Gehorsam,
44Sicherheit und Ordnung, Pflichterfüllung, Selbstverwirklichung,
44Anerkennung des Anderen, Demokratie, Solidarität,
Partizipation,
44Schutz der Umwelt etc.
Stufenmodell der Moralentwicklung nach Lawrenz Kohlberg
Niveaus
Stufe
Ausprägung
Postkonventionell
6
Gewissens- und Prinzipienorientierung (Einhaltung ethischer Prinzipien)
Stufe der universalen ethischen Prinzipien; der Gesellschaft vorgeordnete Perspektive bzw.
Perspektive eines moralischen Standpunkts, von dem sich gesellschaftliche Ordnungen herleiten
5
Sozialkontraktorientierung (System als Gesellschaftsvertrag, gesellschaftliche Nützlichkeit)
Stufe des Sozialvertrags, des sozialen Nutzens und der individuellen Rechte («Gerechtigkeit
bedeutet, dass Menschen ihre fundamentalen Rechte wahrnehmen können»)
4
«Law and Order» (Pflichterfüllung, Orientierung an Staat, Religion, übergeordnete Systeme,
Erhalt w
ichtiger Sozialbeziehungen)
Urteil nach für alle in gleicher Weise gültigen gesellschaftlichen Rechten und Pflichten. Gesetze
werden wichtig, weil sie garantieren, dass jeder vor dem Gesetz gleich ist
3
Good-boy, Nice-girl (Erwartungsorientierung, zwischenmenschliche Harmonie, stereotype
Vorstellungen von richtig und falsch)
Urteil nach dem Prinzip der Goldenen Regel: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch
keinem andern zu!» Rücksicht auf die Gruppe und die Gruppenmehrheit
2
Hedonistisch-egoistische Orientierung (eigene Bedürfnisse befriedigen in Abstimmung mit
Gut und Böse)
Urteil nach dem Schema «Jedem das Seine», «Wie du mir, so ich dir». Es ist eine Austauschansicht,
in der Verdienste eine Rolle für Gerechtigkeit spielen
1
Strafe- und gehorsamsorientiert
Urteil nach Gesichtspunkten von Lohn und Strafe und unter dem Aspekt physischer
Konsequenzen
Konventionell
Präkonventionell
25
532
25
Kapitel 25 · Berufliches Selbstverständnis
Durch Internalisierung der Werte (Sozialisation) entsteht
eine Wertorientierung als Bestandteil der individuellen Überzeugungen. Gäbe es keine verbindlichen Werte, würde die
Gesellschaft auseinander brechen. Gäbe es keine individuelle
Werteorientierung einer Person, könnten sie nicht handeln.
Die in einer Gesellschaft vorherrschenden Werteorientierungen bilden die Grundpfeiler der Kultur, aus der Ordnungen
und Normen entstehen.
Als Normen können bezeichnet werden:
44Konventionen, als nicht formal festgeschriebene Regeln,
die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines
Konsenses eingehalten werden.
44Brauchtum bzw. Bräuche, als geschichtlich gewachsen,
die den Gesetzen der Entwicklung unterliegen und sich
mit der Zeit ändern.
44Kontextuelle und allgemeine Handlungsnormen in Bezug auf Wechselseitigkeit z. B. «Was du nicht willst, dass
man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!»
44Gesetze, als äußerer Zwang zur Befolgung und öffentlich
anerkanntem Anspruch.
Für das Berufsbild «OTA» oder «ATA» findet sich in der
Literatur kein eigener Ethikkodex der die Regeln als Normen
für das berufliche Handeln verbindlich formuliert oder Begründungen, die das Handeln leiten, prinzipiell darstellt. Daher werden an dieser Stelle zwei Ethikkodizes vorgestellt, an
denen sich aufgrund der beruflichen Nähe auch die Berufsbilder «OTA» und «ATA» orientieren können.
j
jUrteilsbildung in der amerikanischen Medizinethik
von Beauchamp/Childress
44Die Autoren beschreiben vier Grundnormen, die das
ärztliche Handeln auf mittlerem Konkretionsniveau verbindlich regeln und begründen.
55«nonmaleficence» (Prinzip der Schadensvermeidung):
–– Das Prinzip des Nicht-Schadens ist sicher das
überzeugendste Prinzip, das zudem auf eine lange
Tradition in der Medizin zurückblicken kann, die
sich in der Maxime «primum nil nocere» äußert. Es
ist im Konfliktfall mit anderen Prinzipien zumeist
am höchsten einzustufen, allein schon aufgrund der
Asymmetrie von Nutzen und Schaden.
55«beneficence» (Fürsorgepflicht):
–– Das Prinzip des Wohltuns oder der Wohltätigkeit,
das historisch wohl als das konstituierende Prinzip
der Medizin gelten kann. Der Arzt soll es nicht nur
unterlassen, Schäden zuzufügen, sondern darüber
hinaus das Befinden des Patienten verbessern, indem er Krankheiten vermeidet, sie lindert oder –
wenn möglich – heilt.
55«autonomy» (Selbstbestimmung des Patienten):
–– Das Prinzip der Autonomie, genauer gesagt, das
Prinzip des Respekts vor der Autonomie des Pa
tienten. Der Arzt soll den Willen des Patienten
respektieren und ihn nicht bevormunden, auch
wenn er die Entscheidungen des Patienten nicht
nachvollziehen kann. Eine vermehrte Aufmerksam-
keit auf dieses Prinzip hat in den letzten Jahrzehnten die Patienteninteressen deutlich gestärkt; so ist
der Wechsel von der Haltung des wohlwollenden
Paternalismus hin zum Arzt, der v. a. die Selbstbestimmung des Patienten zu respektieren hat, auch
als eine grundlegend neue Anwendung des Prinzips
der Autonomie zu verstehen.
55«justice» (soziale Gerechtigkeit):
–– Das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, das in
vielen Fällen ohne weitere Kriterien nur ungenau
näher zu bestimmen ist; zumindest lässt sich aber
festhalten, dass damit für den Bereich der Mikro
allokation (Verteilung von Ressourcen – wie
z. B. Transplantationsorgane – in kleinem Rahmen)
die unterschiedslose Bereitschaft zur Hilfe gemeint ist, die sich in einer gerechten Verteilung
der Aufmerksamkeit gegenüber
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