Beziehungsebene, d. h. Vorerfahrungen, Konflikte). Häufig ist es empfehlenswert sich zuerst
um die verborgenen Botschaften zu kümmern, da ansonsten
die Übermittlung der Sachinformationen gestört ist.
j
j«Interpunktion von Ereignisfolgen»
Kommunikation setzt auf Kommunikation, sie ist immer
Ursache und Wirkung. Grundlage ist die Festlegung eines
Anlasses für ein Ereignis, d. h. die Interpretation der Wirklichkeit. Der Mensch lebt in einer (seiner) konstruierten
Wirklichkeit. Diese subjektive Wirklichkeit wird (fälschlicherweise) als objektiv angesehen. Bestimmte Ereignisse führen zu bestimmten Handlungen, die wir als richtig ansehen
(in unserer Wahrnehmung). Die subjektive Festlegung (Interpunktion) führt beim Gegenüber oft zu einer gleichen Vorgehensweise, sodass sich im Rahmen der Kommunikation eine
zirkuläre Kausalität ergibt (Verhaltenskette). Somit ist jedes
Verhalten der einen Person zugleich Ursache und Grundlage
für das Verhalten der anderen Person.
Exemplarisch für den Arbeitsplatz OP könnte das so aussehen: der Operateur stört sich an der Schweigsamkeit des
Personals in seinem Saal, er betritt den Saal, grüßt niemanden
und nörgelt ständig während der Operation – das Personal
zieht sich zurück und sagt keinen Ton, weil es vom ständigen
Nörgeln des Operateurs genervt ist – der Operateur nörgelt
weiter – das Personal sagt weiter keinen Ton usw. Beide Parteien reagieren auf den anderen: der Operateur nörgelt, weil
die Mitarbeiter im Saal nicht mit ihm sprechen und wenig
aktiv die Arbeit erledigen. Die OTA ist von der ewigen Nörgelei des Operateurs genervt und hat keine Lust mit ihm zu
sprechen und arbeitet nur nach Vorschrift.
j
j«Kommunikation ist digital und analog»
Digitale (verbale) Kommunikation bedient sich der Sprache
(vorhandener Syntax) und beschreibt Dinge eindeutig, dem
Gesprächspartner ist eine Definition möglich. Digitale Kommunikation übermittelt somit die Inhaltsebene. Analoge
Kommunikation übermittelt alle nichtsprachlichen Elemente
von Kommunikation und ist somit der Beziehungsebene zuzuordnen. Neben den nonverbalen Verhaltensmustern zählen
auch die paralinguistischen Phänomene (z. B. Tonfall, Lautstärke) zur analogen Kommunikation. Analoge Kommunikationsformen unterliegen der (individuellen) Fehlinterpreta
tion und können Auslöser für Konfliktsituationen sein.
j
j«Symmetrisch und komplementäre Interaktionen»
Neben den Inhalten einer Nachricht und den Beziehungen der
Kommunikationspartner prägen auch rollenspezifische Elemente die Kommunikation. Bei symmetrischer Kommunika-
517
24.1 · Kommunikation und Anleitung
..Abb. 24.1 Modell der Kommunikation nach
Schulz von Thun. Aus: Röhner J, Schütz A (2012)
Psychologie der Kommunikation. Springer, Berlin
Heidelberg New York
Selbstoffenbarung
(was ich von mir selbst
zeige)
Sender
Sachinhalt
(worüber ich
informiere)
Beziehung
Nachricht
(in welchem
Verhältnis wir
zueinander
stehen)
Empfänger
Appell
(was du tun sollst)
tion agieren beide Partner auf gleicher Ebene miteinander. Die
Kommunikation ist geprägt durch Gleichheit. Komplementäre
Kommunikation entsteht, wenn die Partner auf unterschiedlichen Ebenen miteinander kommunizieren und die Rollen
akzeptieren (z. B. Mutter-Tochter; Leitung-Mitarbeiter). Die
Kommunikation ist spiegelbildlich und die Interaktionen ergänzen sich gegenseitig (superiore vs. inferiore Stellung). Bei
symmetrischer Kommunikation zeichnet sich das Kommunikationsverhalten durch das Streben nach Gleichheit aus. Beide
Partner versuchen Unterschiedlichkeiten auszugleichen. Hierbei können schnell Eitelkeiten verletzt werden, die dann zu
Störungen auf der Beziehungsebene führen.
Schulz von Thun und die vier Schnäbel
und Ohren
Der Hamburger Kommunikationspsychologe Friedemann
Schulz von Thun (geb. 1944) entwickelte in den 1980er Jahren
zunächst das Modell der «Vier Seiten einer Nachricht». Jede
zwischenmenschliche Nachricht enthält demnach nicht nur
eine einfache Information, sondern immer vier Botschaften
auf der Sach-, Appell-, Beziehungs- und Selbstoffenbarungsebene (. Tab. 24.1).
..Tab. 24.1 Vier Seiten einer Nachricht
Ebene
Analysefragen
Sachebene
Worüber wird informiert?
Was ist die Sachinformation?
Selbstoffenbarungs
ebene
Was gibt mein Gegenüber von sich preis?
Wie stellt er sich dar? (gewollt!)
Was enthüllt er von sich? (ungewollt!)
Beziehungsebene
Was hält mein Gegenüber von mir?
Wie stehen wir zueinander?
Wie sieht mich mein Gegenüber?
Appellebene
Wozu veranlasst mich die Nachricht?
Was unternehme ich oder auch nicht?
Welche Handlung meine ich tun zu
müssen?
Das praxisnahe Modell menschlicher Kommunikation
eignet sich zur Analyse von Mitteilungen (Metakommunikation) und zum Auffinden von Kommunikationsstörungen.
Aufbauend auf dem Sender-Empfänger-Modell unterscheidet
Schulz von Thun zwischen dem 4-Schnäbel- und 4-OhrenModell (. Abb. 24.1). Dies bedeutet, dass zum einen der Sender seine Nachricht mit einem ganz bestimmten Schnabel
sendet und der Empfänger wohlmöglich mit einem ganz bestimmten Ohr die Nachricht empfängt. Der Sender kann
beim Senden seiner Nachricht noch nicht wissen, wie der
Empfänger reagiert. Wahr ist demnach nicht, dass etwas gesendet wird, sondern wie es vom Empfänger wahrgenommen
bzw. interpretiert (codiert) wird. Eine auf diese Weise reine
Sachinformation kann durch das Hören auf dem Beziehungsohr zu Unstimmigkeiten führen. Soziale Konflikte nehmen
oftmals ihren Ursprung in der Fehlinterpretation einer Nachricht.
Exemplarisch sei das an folgendem Beispiel dargestellt:
Die neue OTA-Schülerin sitzt im Aufenthaltsraum zur
Frühstückspause, als die leitende OP-Pflegekraft eintritt und
beim Anblick der leeren Kaffeekanne Sabine anschaut und
genervt sagt: «Ist kein Kaffee da?». Die OTA-Schülerin steht
daraufhin auf und bereitet die Kaffeemaschine vor, um frischen Kaffee zu kochen.
Mögliche Analyse: Die leitende OP-Pflegekraft hat Durst
und Lust auf Kaffee (Selbstoffenbarung). Die sachliche Feststellung, dass kein Kaffee mehr da ist, wird mit einer versteckten Botschaft (Manipulation) an die neue OTA-Schülerin
(Appell) verbunden. Es wird nicht ausgesprochen, dass diese
Kaffee kochen soll, jedoch fühlt sie sich durch das Auftreten
auf dem Appellohr angesprochen. In ihrer Interpretation ist
sie verunsichert und spürt eine bedrückende Erwartungshaltung. Da sie nur eine unerfahrene Schülerin ist, neu noch
dazu, vermutet sie, dass es zu ihren Aufgaben gehört, Kaffee
für den Chef zu kochen.
Persönliche Blindheit und Feedback
zum Öffnen des Johary-Fensters
Wir Menschen agieren miteinander und versuchen grundsätzlich mit unseren Mitmenschen auszukommen. Jeder ein-
24
24
zelne von uns hat das Grundbedürfnis, dass er respektiert und
von seinen Mitbürgern geachtet wird. Positive Wertschätzung, Achtsamkeit und Akzeptanz sind nicht nur wichtige
Bestandteile einer professionellen Gesprächsführung, sondern bestimmen auch im Alltag den Feedbackprozess.
Der Mensch als soziales Wesen ist darauf aus, nicht einsam durch das Leben zu ziehen. Wir Menschen sind darauf
angewiesen, durch unsere Umwelt Rückmeldungen zu er
halten, um einschätzen zu können, wie unser Verhalten,
unsere Gedanken und Äußerungen verstanden werden. Wie
kommen wir an? Wie wirken wir auf andere? Nicht immer
stimmen Selbstbild und Fremdbild überein. Wir brauchen
Rückmeldungen um Bestätigung oder Kritik zu erfahren.
Feedback ermöglicht den Betroffenen ihr Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Grundsätzlich
erfolgt Feedback automatisch in allen sozialen Situationen.
Jedes Verhalten, unbewusst oder bewusst, meines Gegenübers ruft bei mir eine wahrnehmbare Reaktion hervor:
Gähnen, Wegschauen, Blättern in einem Heft, Handy oder
Smartphone bedienen, zustimmend nicken, aufmerksam
schauen.
Professionelles Feedback ist kein Zufallsprodukt, sondern
ein geplanter und strukturierter Prozess, der sowohl dem
Feedbackgeber wie auch dem -empfänger gewisse Regeln vorgibt, damit das Feedback funktioniert.
44Regeln für Feedbackgeber:
55Sprechen Sie die Person, der sie ein Feedback geben
wollen direkt an.
55Das Feedback sollte unmittelbar erfolgen.
55Geben Sie nur ein Feedback, wenn der andere dazu
bereit ist und es auch hören kann.
55Sprechen Sie in Ich-Botschaften.
55Benennen Sie die Situation so konkret (genaue Situation) und ausführlich (das Wesentliche) wie möglich,
vermeiden sie Übertreibungen (immer, nie, alle,
usw.).
55Teilen Sie ihre Wahrnehmungen, Vermutungen und
Gefühle deutlich und getrennt voneinander mit, vermeiden Sie Interpretationen.
55Ein Feedback ist keine Analyse des anderen, sondern
eine Rückmeldung zu einem konkreten Fall.
55Feedback ist keine Verurteilung! Feedback geben, um
zu helfen!
55Feedback sollte auch positive Gefühle und Wahrnehmungen enthalten, nicht alles war schlecht, fangen Sie
mit den positiven Dingen an.
55Schlagen Sie Verhaltensalternativen vor.
44Regeln für Feedbackempfänger:
55Hören Sie zunächst in Ruhe zu, unterbrechen Sie
ihren Gesprächspartner nicht.
55Nehmen Sie das Feedback nur an, wenn Sie sich dazu
in der Lage fühlen.
55Vermeiden Sie Zeitnot.
55Überprüfen Sie für sich das Feedback, welche Kon
sequenzen ziehen Sie?
55Wenn Sie antworten (Feedback!), dann beachten Sie
die Regeln für den Sender!
Mir bekannt
Mir unbekannt
Anderen
bekannt
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
A
Öffentliche Person
B
Mein blinder Fleck
Anderen
unbekannt
518
C
Mein Geheimnis
D
Das Unbekannte
..Abb. 24.2
Das Johary-Fenster (Mod. nach Luft u. Ingham)
j
jWirkung von Ich-Botschaften
Ich-Botschaften rufen Verständnis hervor und bauen Widerstände ab. Sie signalisieren Akzeptanz auf der Beziehungs
ebene, erklären die eigene gefühlsmäßige Reaktion und fördern die Bereitschaft zur Lösung.
Johary-Fenster (Selbstbild vs. Fremdbild)
Besonders in Gruppen, die immer wieder aufeinander treffen
(z. B. OP-Teams, Familien, Kegelverein) ist es wichtig, gruppendynamische Prozesse zu kennen und für das optimale
Zusammenwirken der Gruppe zu nutzen. Die Funktions
fähigkeit einer Arbeitsgruppe (oder mehrerer Arbeitsgruppen untereinander wie z. B. OP- und Anästhesiepflegepersonal) ist von vielen Faktoren abhängig. Einer dieser Faktoren
besteht darin zu wissen, wie einzelne Gruppenmitglieder sich
verhalten, welche Interessen, Vorlieben und Ängste sie haben.
Notwendig hierfür ist regelmäßiges Feedback zur Überprüfung von Selbst- und Fremdbild.
Die amerikanischen Psychologen Joseph Luft und Harry
Ingham von der University of California entwickelten 1955
ein einfaches Modell (vierfach geteiltes Fenster, . Abb. 24.2)
zur Darstellung bewusster und unbewusster Persönlichkeitsund Verhaltensmerkmale zwischen einem selbst und den anderen. Indem Sie die ersten Buchstaben ihrer Vornamen zusammenfügten, gaben sie ihrem Modell den Namen Jo-HaryFenster.
Johary-Fenster
55 A – Öffentliche Person: In diesem Fenster sind die
Verhaltens- und Persönlichkeitseigenschaften sowohl
mir als auch den anderen bekannt. Wir können alle
Merkmale frei und offen zeigen.
55 B – Mein Geheimnis: Dieser Bereich ist nur mir bekannt und bewusst. Für andere ist dieser Teil meiner
Persönlichkeit verborgen. Dieser Bereich dient dem
Selbstschutz.
55 C – Mein blinder Fleck: Dies ist der blinde Bereich
der Selbstwahrnehmung. Hier sind mir im Gegensatz
zu den anderen Teile meiner Persönlichkeit und meines Verhaltens nicht bewusst (nicht sicht- und erkennbar). Andere nehmen dies durch Beobachtung
519
24.1 · Kommunikation und Anleitung
wahr. Um meinen blinden Fleck zu erhellen, ist regelmäßiges Feedback notwendig.
55 D – Das Unbekannte: In diesem Bereich sind weder
mir noch den anderen Persönlichkeits- und Verhaltens
eigenschaften bewusst bekannt. In diesem Fenster
geht es um unbewusste Verhaltensweisen, welche
nur durch psychotherapeutische Therapie ins Bewusste gerückt werden können.
Wertschätzung und Akzeptanz Dem Klienten ist bedingungslos wertschätzend gegenüber zu treten. Alle Gefühle,
Gedanken und Verhalten des Klienten sind frei von Beurteilungen und Bewertungen anzunehmen, jedoch nicht zu billigen. Die Zugewandtheit ist geprägt durch Wärme, Interesse
und Toleranz.
Der Klient wird als Person akzeptiert, nicht nur durch
Worte, sondern durch eine innere Grundhaltung.
Kongruenz ist nach Rogers die bedeutsamste
Einstellung des Therapeuten gegenüber dem Klienten. Kongruenz steht für Echtheit. Der Therapeut muss versuchen er
selbst zu sein, keine künstliche Fassade aufbauen.
Echtheit bedeutet, dass der Therapeut sich seinen Gefühlen und Gedanken bewusst ist, diese auch zeigen bzw. kommunizieren kann.
Kongruenz
Ziel der Anwendung des Johary-Fensters ist es, den blinden
Fleck (Teil C) und Mein Geheimnis (Teil B) so zu verkleinern,
dass der öffentliche Bereich (Teil A) wächst und somit der
Bereich des täglichen Umgangs für alle Beteiligten überschaubarer wird. Verhalten (insbesondere nonverbal) und Persönlichkeit können somit besser eingeschätzt werden, Selbst- und
Fremdbild können so zu einer größtmöglichen Übereinstimmung gelangen.
Die Änderungen des eigenen Verhaltens erfordern jedoch
einen langen Zeitraum, da es sich häufig um bereits fest verinnerlichte Abläufe handelt. Zudem muss jeder die Bereitschaft mitbringen, dass Selbstverständnis zu erweitern und
die eigene Persönlichkeit zu reflektieren.
Personen(klienten)zentrierte Gesprächs
führung
Der amerikanische Psychologe Carl Rogers (1902–1987), ein
Mitbegründer der Humanistischen Psychologie (7 Abschn.
3.3.1), entwickelte in den 1940-er Jahren in der Arbeit mit
traumatisierten Kindern und Jugendlichen in New York das
Konzept der nichtdirektiven Beratung (Therapie). Rogers
hatte erkannt, dass der Mensch selber dazu in der Lage ist,
sich zu helfen. Er benötigt hierfür professionelle Hilfe eines
Beraters, der es schafft, durch sein ganzheitliches Verhalten
neben einer ruhigen Atmosphäre das Gefühl von Nähe,
Akzeptanz und Wärme zu vermitteln.
Die Person soll dazu befähigt werden, selbstverantwortlich zu erkennen, welche Probleme, Defizite oder Störungen
im Wahrnehmen, Denken und Handeln die eigene Person
blockieren. Die Person (Klient) soll hierbei als gleichberechtigter Partner anerkannt und behandelt werden. Es ist das Ziel
des Gespräches (vieler Gespräche), dass es dem Klienten gelingt, aus dem Gespräch Hilfe für sich selbst zu finden (Selbstverwirklichung und Selbstaktualisierung: Klienten sind Experten ihrer selbst!).
In Deutschland wurde der Ansatz von Carl Rogers durch
den Hamburger Psychologen Reinhard Tausch als Gesprächs
psychotherapie eingeführt. Rogers beschreibt drei Grund
haltungen als ausschlaggebend für den Erfolg seines personenorientierten Beratungsansatzes an. Die Grundhaltungen
von Rogers sind für jede konstruktive zwischenmenschliche
Beziehung von zentraler Bedeutung. Sie bedingen sich gegenseitig und sind nur wirksam, wenn folgende Punkte berücksichtigt werden:
Empathie als Grundhaltung bedeutet einfühlendes Verstehen des Gegenübers. Es geht um das Verstehen der
verbalen und insbesondere nonverbalen Signale sowie der
Werte, Einstellungen und Vorstellungen des Klienten und
diese Empfindungen dem Klienten möglichst exakt mitzuteilen (Feedback).
Empathie
>>Grundlage für diese Gesprächshaltung nach Rogers ist
das richtige Zuhören.
Die Mitteilung sollte als Frage und nicht als Feststellung formuliert sein, damit der Klient weiter angeregt wird, über das
Gesagte nachzudenken. Das Gehörte kann paraphrasiert werden, d. h. der Therapeut wiederholt den Inhalt mit eigenen
Worten, um zu klären, ob er sein Gegenüber richtig verstanden hat. Der Klient gewinnt auf diese Weise Zutrauen und
erfährt, dass er verstanden wird. Verbalisierungen (möglichst
präzise) von erkennbaren Gefühlen geben dem Klienten die
Möglichkeit seine eigenen Gefühle zu erkennen und aufgrund der fremden Ebene die Chance, darüber nachzudenken. Das Verbalisieren von emotionalen Erlebnissen (VEE) ist
eine der bedeutsamsten Techniken eines Beratungsgesprächs
(. Tab. 24.2).
24.1.3
Strukturierte Gespräche als Teil
der Ausbildung
Die Ausbildung zum Operationstechnischen Assistenten erfolgt, so lange keine bundes- bzw. landeseinheitliche Gesetzgebung vorliegt, nach den jeweils gültigen Richtlinien der
Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Bei der Einsatzplanung ist darauf zu achten, dass die vorgegebenen Einsatzstunden eingehalten werden. Um einen optimalen Anleitungs- und Lernprozess bei den Auszubildenden zu erzielen
ist es zwingend erforderlich, Einsätze nicht zu unterbrechen
oder zu stückeln. Der Anleitungsprozess ist durch strukturierte Gespräche zu dokumentieren, die gemeinsam durch
die Lehrkräfte der Ausbildungsstätte, dem Praxisanleitern,
ggf. der OP-Leitung und den Auszubildenden durchgeführt
werden.
24
520
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
..Tab. 24.2 Verbalisierungshilfen
Gefühl
Formulierungen
Ärger
– da bist du unzufrieden
– da geht dir der Hut hoch
– da könntest du explodieren
Angst
– bei dem Gedanken ist dir unwohl
– das schnürt dir die Kehle zu
– da siehst du keinen Ausweg
Hilflosigkeit
– da fühlst du dich ohnmächtig
– da verschlägt es dir die Sprache
– das Wasser steht dir bis zum Hals
Störung
– es nervt dich sehr
– du fühlst dich unwohl
– es brodelt in dir
Abhängigkeit
– das hängt an dir wie Ketten
– du fühlst dich ausgeliefert
– das nimmt dich in Beschlag
Einengung
– du fühlst dich bedrängt
– du hast keinen Platz mehr für dich
– du kannst nicht mehr frei atmen
Traurigkeit
– du bist sehr niedergeschlagen
– da kommen dir die Tränen
–d
ir ist alles egal, die Welt kann ruhig untergehen
Einsamkeit
– da fühlst du dich ausgegrenzt
– du bist auf dich allein gestellt
– du bist allein zurück geblieben
Enttäuschung
– du bist niedergeschlagen
– alles bricht in dir zusammen
– du bist entmutigt
Freude
– da schreist du deine Freude heraus
– da möchtest du alle umarmen
– da strahlst du wie die Sonne
Die Formulare bieten die Möglichkeit die Leistungen des
Auszubildenden entsprechend der gängigen Kompetenzen
(fachliche, personale, sozial-kommunikative und methodische) festzuhalten. Da die Auszubildenden für jeden Einsatz
neue Formulare erhalten, ist es möglich, die Leistungsentwicklung über den Ausbildungszeitraum kontinuierlich zu
verfolgen und entsprechend der dokumentierten Stärken und
Schwächen des Auszubildenden, die weitere praktische Anleitung danach auszurichten. Die Gesprächsformulare dienen
zudem als Nachweis für die Erfüllung der formalen Ausbildungsbedingungen, um die Zulassung zur Abschlussprüfung
zu erlangen. Alle Formulare sind in einem Schülerleitfaden zu
sammeln und bei jedem neuen Praxiseinsatz dem neuen Praxisanleiter vorzulegen. Folgende Gesprächsformen können
unterschieden werden:
44Vorgespräche,
44Zwischengespräche,
44Nachgespräche.
24
Allen Gesprächen ist gemeinsam, dass sie frühzeitig zu planen sind, ausreichend Zeit zur Verfügung steht, eine ruhige
Atmosphäre gegeben ist, alle notwendigen Personen anwesend sind und die entsprechenden Formulare vorbereitet
wurden. Innerhalb der Gespräche sind die Hinweise zur professionellen Gesprächsführung anzuwenden und Störungen
frühzeitig zu klären. Im Hinblick auf die Ausbildung von beruflichen Handlungskompetenzen ist es eine wichtige Aufgabe des Auszubildenden, die Vorbereitungen für die Durchführung der Gespräche selber zu übernehmen.
Vorgespräche
Wie der Name es bereits ausdrückt, sollen Vorgespräche vor
dem Einsatz geführt werden. Dieses Gespräch zwischen Auszubildendem und Praxisanleiter der Fachabteilung dient v. a.
zur gegenseitigen Information und erstem Kennenlernen.
>>Der Erstkontakt stellt die Weichen für die spätere Ar-
beitsbeziehung und erhält hierdurch einen besonders
hohen Stellenwert.
Der Praxisanleiter erfährt etwas über den individuellen Leistungsstand, den Stand der theoretischen Ausbildung, die bisherigen praktischen Einsätze und die bereits vorhandenen
beruflichen Kompetenzen des neuen Auszubildenden. Welcher Lerntyp liegt vor? Welche Stärken und Schwächen sind
bei den bisherigen Einsätzen dokumentiert worden? Welche
Erfahrungen hat der Auszubildende mit bestimmten operativen Verfahren? Welche technischen Geräte sind bereits bekannt und können bedient werden (MPG!)? Welche Fragen
hat der Auszubildende an die Fachabteilung? Welche Lern
ziele werden selber vorformuliert? Welche Wünsche werden
genannt?
Der Auszubildende erfährt etwas über das operative Leistungsangebot der Fachabteilung, über Räumlichkeiten und
Besonderheiten der Abteilung (OP-Saal). Der Praxisanleiter
kann dem Auszubildenden (wenn vorhanden) anhand kompetenzorientierter Lernaufgaben ein Anleitungskonzept vorstellen. Ebenfalls können Kriterien für die Beurteilung definiert werden und gemeinsam mit dem Auszubildenden Mindestlernziele formuliert werden.
Zwischengespräche
Diese Gespräche müssen mindestens einmal, spätestens jedoch zur Hälfte des Einsatzes stattfinden. Ein Termin sollte
bereits im Rahmen des Vorgesprächs vereinbart werden. Bei
Problemen ist es jederzeit kurzfristig durchzuführen. Zwischengespräche dienen einer ersten Standortbestimmung
und müssen gemeinsam mit den verantwortlichen Lehrkräften der Ausbildungsstätten stattfinden (Praxisbegleitung).
Um einen optimalen Lernstandvergleich zu ermöglichen,
sollen Zwischenbeurteilung und Nach-/Endbeurteilung in
einem Formular dokumentiert werden. Es ist zudem erforderlich, dass sowohl Praxisanleiter als auch Auszubildender
sich auf das Zwischengespräch vorbereiten, um effektiv und
effizient Ergebnisse zu erzielen.
Das Zwischengespräch bietet die Möglichkeit anhand der
im Vorgespräch formulierten Lernziele und Wünsche eine
Zwischenbilanz zu ziehen (7 Abschn. 24.1.2). Welche Ziele
wurden erreicht, welche nicht? Wann und wo gab es Schwie-
521
24.2 · Stress und Ärger, Vorbeugung ( Entspannung)
rigkeiten? Welche Entwicklung hat der Auszubildende genommen? Welche Kompetenzen sind zu welchem Grad bereits entwickelt bzw. vorhanden?
Wichtig ist, dass sowohl der Auszubildende als auch der
Praxisanleiter ihre Sicht der Dinge aussprechen. Die Lehrkraft
kann hierbei gut als Moderator fungieren. Für die restliche
Einsatzzeit sind ggf. neue (umfangreichere) Lernziele zu formulieren oder aber bei Problemen die Lernziele hinsichtlich
ihrer Kompetenzorientierung abzusenken. Im Zwischengespräch ist ein Termin für das Nachgespräch zu vereinbaren.
Nachgespräche
Nachgespräche bzw. Abschlussgespräche sollten in den letzten Tagen, ggf. kurz nach Beendigung des Einsatzes durch
geführt werden. Das Nachgespräch ist von allen Beteiligten
entsprechend vorzubereiten. Der Beurteilungsbogen muss
ebenso wie die Reflexion des Auszubildenden vorliegen. Im
Nachgespräch werden die im Vor- und Zwischengespräch
dokumentierten Lernziele, Probleme und Fortschritte bilanziert. Was wurde erreicht, in welchem Umfang und in welcher
Qualität? Was war an dem Lernangebot der Fachabteilung
interessant? Was hat beim Erlernen von neuen Fertigkeiten
geholfen? Wo lagen Schwierigkeiten, was hat geholfen?
Für den Praxisanleiter geht es darum, anhand der im Beurteilungsbogen vorgegebenen operationalisierten beruflichen Handlungskompetenzen (fachliche, methodische, personale, sozial-kommunikative) dem Auszubildenden ein realistisches Feedback über seinen Leistungsstand zu geben, um
ihm so die Möglichkeit für die Optimierung seiner Kompetenzen in den nächsten Einsatzorten aufzuzeigen.
Alle Gespräche sind in einheitlichen Formularen zu dokumentieren. Hierdurch wird die Beurteilung der Auszubildenden erleichtert, die Ausbildung strukturiert und transparent.
Insbesondere für Ausbildungsstätten, die mit mehreren Kliniken kooperieren, ist ein einheitlicher Umgang mit dokumentierten Gesprächen für die Vergleichbarkeit der Ausbildung bedeutsam (Qualitätssicherung).
24.2
Stress und Ärger, Vorbeugung
(Entspannung)
In der heutigen Arbeitswelt nehmen die physischen und psychischen Belastungen für die Arbeitnehmer stetig zu. Dies gilt
insbesondere für die Berufe im Gesundheitswesen. Bedingt
durch eine Vielzahl von strukturellen (gesetzlichen) Veränderungen in den letzten 20 Jahren steigen die Belastungen im
Pflegeberuf und hier besonders in den Kliniken stetig an. Typisch für den Pflegedienst im Krankenhaus ist ein beständiger
Zeitdruck, verursacht durch eine stetige Fallzahlsteigerung
bei gleichzeitiger Verweildauerreduzierung und Personalabbau. In immer kürzerer Zeit müssen mit immer weniger Personal immer mehr (meist multimorbide und alte) Patienten
versorgt werden (Arbeitsverdichtung). Eine Folge dieser zunehmenden Belastung ist, das seit einigen Jahren beobachtbare rasante Ansteigen psychischer Erkrankungen (z. B. Depressionen oder Anpassungsstörungen in Verbindung mit Burn-
out und Erschöpfungssyndromen), die oftmals im Zusammenhang mit Stress gesehen werden.
Stress ist eine phylogenetische individuelle Antwort des
Menschen auf Anforderungen (Stressoren) aus seiner Umwelt
zu reagieren (adaptive Reaktion). Das ursprüngliche Stressmodell wurde vom Österreicher Hans Selye in den 1930-er
Jahren als Allgemeines Adaptionssyndrom (AAS) beschrieben. Hierbei kommt es durch Anforderungen (Reize) zu einer
unspezifischen stereotypen Reaktion des Körpers. Dauert die
Belastung zu lange an, kommt es zu einer Erschöpfungsphase,
gekennzeichnet durch Überlastung des Organismus. Dem
transaktionalen Stressmodell von Lazarus folgend (7 Abschn.
3.1), hängt die Stressreaktion eines Menschen nach einer
mehrstufigen Stressbewertung (kognitive Bewertung) von
seinen individuellen Bewältigungsmöglichkeiten und Bewältigungsfähigkeiten ab. Anforderungen (Stressoren) können
eine positive Herausforderung darstellen, die den Menschen
in Anspannung versetzen, um die Aufgaben bewältigen zu
können. Angemessener Stress ist notwendig, um leistungsfähig und produktiv sein zu können. Ein solcher Stress wird als
Eustress bezeichnet (griechisch «eu» = gut, wohl).
Wenn die psychischen Belastungen und Anforderungen
(Stressoren) jedoch die möglichen Ressourcen einer Person
dauerhaft übersteigen (chronisch werden), dann entsteht negativer Stress. Ein solcher Stress wird als Disstress bezeichnet
(griechisch «dis» = schlecht) und gilt als eine der größten Gesundheitsgefahren unserer Zeit. Bereits heute ist davon auszugehen, dass 50–60% der Ausfalltage in der Arbeitswelt mit
Stress zusammenhängen und Krankheitskosten von mehr als
20 Mrd. Euro pro Jahr verursachen.
Arbeitsbedingter Stress wird verstanden als «… emotionale und psychophysiologische Reaktion auf ungünstige
und schädliche Aspekte der Arbeit, des Arbeitsumfelds und
der Arbeitsorganisation. Stress ist ein Zustand, der durch
hohe Aktivierungs- und Belastungsniveaus gekennzeichnet
ist und oft mit dem Gefühl verbunden ist, man könne
die Situation nicht bewältigen.» (Europäische Kommission,
Generaldirektion V, 1997). Faktoren und Situationen, welche
Stress auslösen können werden als Stressoren bezeichnet
(. Tab. 24.3).
Die Folgen von chronischem negativem Stress sind ebenso vielseitig wie individuell. Stress kann kurz-, mittel- oder
langfristige Wirkungen hervorrufen. Chronischer Stress als
Folge von hohen Belastungen kann als unfallförderlich angesehen werden. . Tab. 24.4 zeigt eine Übersicht über mögliche
Folgen von chronischem Stresserleben.
Neben den somatischen Auswirkungen wirken sich besonders die emotionalen Folgen auf die Arbeitsleistungen
und Arbeitsbeziehungen der Betroffenen aus.
>>Die Emotion Ärger gilt als Stressemotion.
Stress ist im Wesentlichen durch das Erleben von unangenehmen, negativen Emotionen gekennzeichnet. Die Beziehung
von Ärger und Stress erfolgt durch die Reaktion mit Ärger in
stresshaften Situationen. Innerhalb der typischen Stressreaktion lässt sich Ärger, neben Gereiztheit, Frustration, Unsicherheit oder Ängstlichkeit, dem emotionalen Befinden zu-
24
522
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
..Tab. 24.3
Psychisch-mentale Stressoren
Soziale Stressoren
Physische Stressoren
– Quantitative Überforderung durch die
Leistungsmenge bzw. das Arbeitstempo
– Qualitative Überforderung durch Informationsflut, Unübersichtlichkeit oder
Kompliziertheit
– Unterforderung, weil der Arbeitsinhalt
nicht der Qualifikation entspricht
– Überforderung weil der Arbeitsinhalt
nicht der Qualifikation entspricht
– Widersprüchliche Arbeitsanweisungen
– Ständige Unterbrechungen der Arbeit
– Unerwartete Störungen
– Unvollständige Aufgaben
– Unvollständige Informationen
– Mangelnde Rückmeldung
– Unklare Zielvorgaben
– Leistungs– und Zeitdruck
– Angst vor Misserfolg und Kontrolle
– Hohe Verantwortung für Personen oder
Werte
– Ungenügende Einarbeitung
– Unklare Zuständigkeiten
– F ehlende Anerkennung durch Kollegen
und Vorgesetzte
– Fehlende Unterstützung und Hilfeleistung
– Schlechtes Betriebsklima
–K
onflikte mit Vorgesetzten, Mitarbeitern
eigener und anderer Berufsgruppen
(Mobbing)
– Konkurrenzdruck
– Isoliertes Arbeiten
– Geringe Entwicklungsmöglichkeiten
– Diskriminierung oder Benachteiligung
–K
ollision der Arbeitsbedingungen mit
Familienerfordernissen
–P
rivate Probleme aufgrund familiärer
Konflikte
– Angst vor Arbeitsplatzverlust
–M
angelnde Information und Beteiligung
am Betriebsgeschehen
– Lärm
– Kälte oder Hitze
– Unangenehme Gerüche
– Nässe und Feuchtigkeit
– Nacht– und Schichtarbeit, Bereitschaftsdienste
– Falsche Beleuchtung,
– Fehlendes Tageslicht
– Strahlenexposition
– Kontakt zu toxischen, mutagenen und
allergenen Stoffen
– Infektionsgefahren
– Motorische Erschwerungen (verengte
Flure, Hindernisse, fehlende Ablage
flächen)
– Schweres Heben, Tragen und Lagern von
Patienten, Medizingeräten, Instrumentensieben
– Langes Stehen und Verweilen in einseitigen Körperhaltungen
..Tab. 24.4
24
Mögliche Stressoren in der Operationsabteilung
Mögliche Folgen chronischen Stresserlebens
Körperlich
Seelisch
Geistig
– Verspannungen und Rückenschmerzen
– Kopfschmerzen und Migräne
– Gastritis, Ulkusleiden
– Gehörsturz, Ohrgeräusche
– Herz– und Kreislauferkrankungen
– Durchfall, Verstopfungen, Blähungen
– Allergien, Hautausschlag
– Depressive Stimmungen
– Stimmungsschwankungen
– Reizbarkeit
– Launenhaftigkeit
– Erschöpfung
– Schlafstörungen
– Aggressivität
– Appetitlosigkeit
– Unaufmerksamkeit
– Vergesslichkeit
– Blackout
– Denkblockaden
– Konzentrationsfehler
– Ungenauigkeit
– Irrationale Ängste
– Suchtverhalten
ordnen. Ärger ist konstitutiver Bestandteil von Faktoren wie
Stress, Betriebsklima oder Konflikten am Arbeitsplatz. Ärger
steht oftmals im engen Zusammenhang mit Aggression, wobei festzuhalten ist, dass Aggression ein Verhalten darstellt
und Ärger eine (emotionale) Reaktion ist.
Viele der Stressoren (. Tab. 24.3) lösen bei den meisten
Menschen Ärger aus. Wenn wir immer wieder behindert und
benachteiligt werden in unserer Arbeit, keine Unterstützung
erfahren, unberechtigt kritisiert werden oder gar Mobbing
ausgesetzt sind, empfinden wir Ärger oder verwandte Be
griffe wie Wut, Zorn oder Feindseligkeit. Auslöser von
Ärger sind Frustrationen, Beleidigungen, Behinderungen
oder Angriffe, wenn sie von der Person als Ärgernis empfunden werden.
Neben der kognitiven Bewertung der Situation ist auch
das personenspezifische Ärgerniveau (Vulnerabilität bzw.
Disposition) entscheidend für das Entstehen von Ärger. Wie
auch chronischer Stress wirkt sich ständiger Ärger unterschiedlich auf den Menschen aus (. Tab. 24.4).
Die Ursachen für Ärger im OP lassen sich den Kategorien
«inadäquates Führungsverhalten», «mangelnde Zusammenarbeit» und «Organisationsmängel» zuordnen.
Inadäquates Führungsverhalten betrifft in erster Linie die
Führungskräfte der mittleren Leitungsebene (OP-Leitung).
Ärger entsteht häufig, wenn die Leitung Kollegen bevorteilt
z. B. bei der Dienst- und Urlaubsplanung und auch sonst bestehende Regeln (Arbeitsbeginn, Pausenzeiten, u. a.) unterschiedlich anwendet. Fehlende Mitarbeit im OP-Saal, v erfehlte
Personalplanung, mangelnde Einbindung bei Fragen der OPGestaltung oder Anleitung sowie befehlsartiger Umgangston
und unzureichende Informationsweitergabe gelten als typische Ärgerursachen.
Mangelnde Zusammenarbeit kann mit fehlender Teamarbeit gleichgesetzt werden. Konflikte mit Kollegen der eigenen
Berufsgruppe wegen nachlässiger Arbeitsweise, Faulheit und
gestörter Kommunikation (Streuen von Gerüchten) gelten als
soziale Stressoren und rufen leicht Ärger hervor. Häufiger Ärger bei OP-Personal entsteht durch pathogene Verhaltenswei-
523
24.2 · Stress und Ärger, Vorbeugung ( Entspannung)
sen von Medizinern: Persönliche Beleidigungen, fehlende
Akzeptanz und fehlende Wertschätzung der Arbeitsleistung
von Nichtmedizinern gelten in vielen Studien als Hauptfaktoren für ein belastete Beziehung zwischen Ärzten und Pflegekräften.
Organisationsmängel betreffen ablauf- und aufbauorganisatorische Missstände in der Operationsabteilung. Seit Jahren
typisch für OP-Abteilungen sind unzuverlässige OP-Pläne.
Unrealistische OP-Programme, fehlende Informationen und
häufige Programmumstellungen im Tagesablauf sind ein
ständiges Ärgernis für OP-Personal. Oft wird der Bereitschaftsdienst zum Abarbeiten abgesetzter Patienten vom Tage
missbraucht. Ständiger Zeitdruck und Personalmangel belasten das Personal und beschränkt die Praxisanleitung von Auszubildenden erheblich.
Die Reduzierung von beruflichem Stress und Ärgerauslösern bzw. der konstruktive Umgang mit Ärger sind dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) zuzuordnen. Betriebliche Gesundheitsförderung kann gezielt Arbeitsbelastungen verringern und gesundheitsfördernde Verhaltensweisen der Beschäftigten stärken. Gesunde, motivierte
und gut ausgebildete Mitarbeiter sind sowohl in sozialer wie
in ökonomischer Hinsicht eine entscheidende Voraussetzung
für den Erfolg eines Betriebs. Durch eine Kombination aus
folgenden Maßnahmen können die Ziele der betrieblichen
Gesundheitsförderung erreicht werden:
44Verbindung von verhaltens- und verhältnisbezogenen
Maßnahmen.
44Eine ausreichend langfristig angelegte Intervention.
44Integration der Intervention in einem Prozess der Organisationsentwicklung.
44Verbesserung der Arbeitsorganisation und der -bedingungen.
44Berücksichtigung von Belastungen und Ressourcen.
44Förderung einer aktiven Mitarbeiterbeteiligung an der
betrieblichen Gesundheitsförderung.
44Stärkung persönlicher Kompetenzen des einzelnen Mitarbeiters durch Orientierung an einer selbstbestimmten
Entwicklung von Gesundheit.
24.2.1
Verhaltensprävention
Neben der Schaffung von gesundheitsförderlichen Lebensbedingungen (Verhältnisprävention), sind besonders die persönlichen Kompetenzen des Einzelnen im Umgang mit Stress
und Ärger besser auszubilden und einzubinden. Viele Menschen verfügen über individuelle Favoriten, um Stress abzubauen. Zu den beliebtesten Maßnahmen zählen Gartenarbeit,
spazieren gehen, Hobbys durchführen, faulenzen und Freunde treffen. Solche Maßnahmen sorgen aber nur für eine kurzfristige Entspannung und sind bei chronischem Stress wenig
nutzvoll, da das psychophysische Erregungsniveau eine Erholung nicht zulässt.
Verhaltensprävention zielt darauf, die persönlichen (internalen, inneren) Ressourcen des Mitarbeiters zu stärken,
um stabile Erholungsphasen zu erreichen und das Erregungs-
niveau zu senken. Um stabile Verhaltenseffekte bei den Mitarbeitern zu erreichen, müssen Aufklärung und Beratung mit
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