Verwaltungsfachangestellten
auch gelegentlich medizinische Fachangestellte (MFA) und
Versicherungsfachangestellte aus dem Krankenhausversiche
rungsbereich beschäftigt.
Unterschiedliche gesetzliche Formen von ambulanter
(DMP, KV-Notfallbehandlung, BG-Notfallbehandlung, Be
handlung im Rahmen einer ambulanten Ermächtigung u. a.)
und stationärer Behandlung (prä-, teil-, post-, stationäre Be
handlung nach DRG, Behandlung im Rahmen einer inte
grierten Versorgungsvereinbarung u. a.) sind zentrale, zu
bearbeitende Aspekte der Mitarbeiter.
Administrative Fehler zum Zeitpunkt der Aufnahme
eines Patienten können an dieser Stelle bereits zu unnötigen
und kostenintensiven Folgefehlern führen.
Da es sich hierbei auch um direkten Kontakt zum medizi
nisch-pflegerischen Fachbereich handelt, liegt es nahe, auch
in der Administration Fachkräfte einzustellen, die keine Be
rührungsängste zu diesem Fachbereich haben. Oft handelt es
sich dabei um ehemalige Mitarbeiter aus dem pflegerischen
Bereich.
20.1.4
Aufgaben der Notaufnahme
Aufgrund der Vielzahl an Schnittstellen zur interdisziplinären
Zusammenarbeit müssen für das Notaufnahmemanagement
viele Faktoren beachtet werden.
Vordergründig steht eine optimale Kommunikations
struktur mit möglichst geringem Verlust an Informationen,
Zeit und eine geringe personelle Ressourcenbindung.
Aus diesem Grund gibt es eine Patientenklassifikation.
Nicht nur in Bezug auf die Behandlungsdringlichkeit, son
dern auch im Hinblick auf die Entscheidung eines ambulan
ten, normalstationären oder intensivmedizinischen Behand
lungspfads, bezüglich notwendiger interdisziplinärer Ein
gangsassessments, wie am Beispiel eines Behandlungspfads
(. Abb. 20.1) dargestellt.
Darüber hinaus ist es wichtig, die verschiedenen Berufs
gruppen in einer zentralen Notaufnahme zu vereinen. In ent
sprechenden Weiterbildungen kann das vorhandene speziali
sierte Basiswissen ergänzt und vertieft werden. Gerade bei
den Patienten, die mit ungeklärten Erkrankungen eintreffen,
kann dies von großem Vorteil sein. So kann auch ein inner
klinischer «Patiententourismus» vermieden werden.
Durch den kontinuierlichen fachlichen Austausch mit
Kollegen aus anderen Fachabteilungen wird auf diesem Weg
ein breites Ausbildungsspektrum von in der zentralen Not
aufnahme tätigen Mitarbeitern gefördert und gerade im Fall
unklarer Krankheitsbilder der Blick der Mitarbeiter geschärft
447
20.1 · Zentrale Notaufnahme
und für andere Fachbereiche sensibilisiert. Die Fachkompe
tenz wird erweitert und durch den Einsatz von Leitlinien und
Behandlungspfaden, angelehnt an die evidenzbasierte Medi
zin, unterstützt.
Die eigenständige Leitung durch kompetente Fachkräfte
ist, wie bereits erwähnt, in allen beteiligten Berufsgruppen
(ärztlicher Dienst, pflegerisches Personal, Administration)
erstrebenswert.
j
jWas genau ist ein Klinischer Behandlungsplan (KBP)?
Präklinische Phase
Ein klinischer Behandlungspfad oder -plan wird berufsgrup
penübergreifend erarbeitet, um die bestmögliche Versorgung
des Patienten während des gesamten Krankenhausaufenthal
tes zu gewährleisten.
Ein KBP steuert den gesamten Behandlungsprozess
und ist ein Dokumentationsinstrument. Der Plan kann mit
den Fragewörtern Wer? – Was? – Wann? – Wie? strukturiert
werden.
Solche und ähnliche Formulierungen findet man in vielen
Kliniken, sie können individuell an die jeweilige Klinik ange
passt sein.
Zum Inhalt gehören: Literaturhinweise, Leitlinien, haus
eigene Konzepte, Prozessbeschreibung in Form von Abläufen
oder Diagrammen, Pfaddokumentationen, Evaluationen von
Prozess- und Ergebnisqualität und andere hilfreiche Informa
tionen.
Ziel ist es am Ende, die Qualität und die ökonomische
Effizienz der Patientenversorgung zu steigern, aber auch die
Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit zu stärken.
In dieser Phase der Vorbereitung wird der Grundstein für
eine erfolgreiche Untersuchung und Notfallbehandlung ge
legt. Sie beinhaltet:
44die Kommunikation mit Hausärzten, Notärzten,
RTW-Besatzung usw.
44die Patientenankündigung im Hause: Ärzte, Administra
tion, Archiv sowie
44das Bettenmanagement mit der Intensivstation, den
Normalstationen, dem Kurzliegerbereich.
Kernaufgaben
Die Kernaufgaben einer Notaufnahme sind je nach Ausrich
tung und Schwerpunkt der Kliniken unterschiedlich. Das
Hauptaugenmerk liegt darauf, vital bedrohten Patienten zu
helfen – somit ist die Kernkompetenz einer zentralen Notauf
nahme die Notfallbehandlung. Daher sollte zwischen Basis
aufgaben und hausindividuellen Details unterschieden wer
den. Diese Aufgaben sind unabhängig von der Größe der
Versorgungseinrichtung.
Neben der Notfallbehandlung stellen der Ausbau von Lei
tungsstrukturen im Bereich ärztlicher Dienst, Pflege und Ad
ministration, nichtnotfallmäßige Behandlungen (Ambulan
zen, Sprechstunden etc.) sowie Variablen wie die Anbindung
von Praxisnetzwerken, Aufnahmestationen, IntermediateCare-Einrichtungen sowie das ambulanten Operieren zusätz
liche Kompetenzen einer zentralen Notaufnahme dar.
In diesem prozesshaften Geschehen ist es wichtig, die täg
lich stattfindenden Kernprozesse zu analysieren, zu planen,
zu strukturieren – letztendlich mit dem Ziel, sämtliche Pro
zesse zu optimieren.
20.1.5
Stufenkonzept
der Notfallbehandlung
Jede Phase sieht spezifische Aufgaben vor, die die Grundlage
einer optimalen Behandlungsqualität darstellen. Der Erfolg
ist an weitere Grundvoraussetzungen geknüpft wie die zent
rale Erreichbarkeit der Notfalleinrichtung, die multifunktio
nale Zusammenarbeit der Mitarbeiter, eine hohe Fachkompe
tenz sowie das interdisziplinäre Arbeiten im Team.
Die weiteren Phasen werden nach Möglichkeit erst umge
setzt, wenn diese Phase in vollem Umfang abgeschlossen ist.
Klinische Phase der Untersuchung
und Behandlung
In dieser Phase geht es nicht nur um das reine Durchführen
von funktionellen Maßnahmen wie das Schreiben eines
12-Kanal-EKG, Erheben von Laborparametern, Durchfüh
rung einer Sonographie, Echokardiographie, Röntgenaufnah
men, CT-Untersuchungen, einer Endoskopie u. a.
Es geht vielmehr um eine unverzügliche, leitlinienkon
forme Notfallbehandlung.
Deshalb sind in dieser Phase Leitlinien, klinische Be
handlungspfade sowie Verfahrensanweisungen dargelegt.
Dies sind wichtige Instrumente zur Erzielung einer optimier
ten Prozesssteuerung und konzentrieren sich auf:
44Einstufung der Behandlungsdringlichkeit,
44Erstbehandlung, Diagnostik und Monitoring der N
otfälle,
44therapeutisches Konzept nach Notfallbehandlungs
pfaden,
44Beurteilung und Hinzuziehung der erforderlichen
Fachdisziplinen,
44administrative Aufnahme und Kostensicherung.
Darüber hinaus ist die Hinzuziehung der erforderlichen
Fachdisziplinen für eine adäquate Versorgung/Aufklärung
und korrekte Zuordnung des Patienten unabdingbar.
Klinische Phase der Aufnahme,
Weiterverlegung, Entlassung
Diese Phase schließt unmittelbar an die der Diagnostik und
Initialtherapie an und soll den weiteren Behandlungsverlauf
sicherstellen. Dazu gehören:
44adäquate Versorgung und Aufklärung des Patienten
und seiner Angehörigen,
44korrekte Zuordnung und Weiterleitung zu der ver
antwortlichen Fachabteilung bzw. Entlassung,
44korrekte medizinische und abrechnungsrelevante
Dokumentation,
44Qualitätsmanagement, Beschwerdemanagement,
Kennzahlerhebung.
20
448
Kapitel 20 · Ambulanz bzw. Notfallaufnahme
Die Organisation eines Sekundärtransports (Intensivtrans
port) zur evtl. Weiterverlegung in eine Fachklinik und auch
die korrekte medizinische Dokumentation für die Übergabe
Arzt-Arzt im stationären Bereich, oder das Feedback an die
weiterbehandelnden Ärzte sind nur kleine Ausschnitte, die
hier zu klären sind.
20.1.6
20
Aufnahme und Ersteinschätzung/
Triagierung
Wie sieht nun der Ablauf in der Praxis aus?
Unabhängig auf welchem Weg die Patienten die Notauf
nahme erreichen, kann auf Grund der unplanbaren Patien
tenströme in kurzer Zeit ein hoher Andrang die bestehenden
personellen und räumlichen Ressourcen an ihre Grenzen
bringen. Aufgrund dessen muss für jeden Patienten eine Erst
einschätzung stattfinden. Diese implementiert Beschwerden,
Symptome und verschiedenste Vitalparameter, anhand derer
eine Dringlichkeit des ärztlichen Erstkontakts festgelegt
wird. Solche Triageverfahren (frz. trier = «sortieren») sind
regelhaft aus der prähospitalen Patientenversorgung bekannt
(7 Abschn. 5.4) und finden in nahezu allen größeren Notauf
nahmen Anwendung. Sie werden durch eine erfahrene und
geschulte Pflegekraft durchgeführt und können sowohl ob
jektive als auch subjektive Kriterien der Ersteinschätzung be
inhalten.
Allgemein werden die zu behandelnden Patienten in fünf
Kategorien eingeteilt (. Tab. 20.1).
Zur Standardisierung der Klassifizierung gibt es zumeist
EDV unterstützte Triage-Systeme. Hierunter sind das Man
chester-Triage-System (MTS) oder der Emergency Severity
Index (ESI) bekannt, beide finden besonders in Europa häu
fige Anwendung.
Beim MTS wird besonders Bezug auf die Beschwerden
und Symptome sowie die Vorgeschichte und Vitalparameter
genommen um eine Kategorisierung zu ermöglichen. Wohin
gegen beim ESI die Triagierung aufgrund des anzunehmen
den Ressourcenbedarfs jedes einzelnen Patienten stattfindet.
Das bedeutet, ob bei den verschiedenen Patienten ggf. Blut
entnahme, EKG, Röntgen oder CT Untersuchungen notwen
dig sind.
Je nach baulichen Gegebenheiten wird die Triage in einem
separierten Raum oder an einer zentralen Anlaufstelle in der
Notaufnahme durchgeführt.
Eine Ausnahmeregelung findet im Zuge der präklinischen
Voranmeldung von Notfallpatienten statt. Hier werden je
nach Anmeldestichwort verschiedene Fachbereiche über
diverse Alarmierungswege hinzugezogen. Diese wohnen dem
Krankenhaus inne, sind jedoch in aller Regelmäßigkeit nicht
in der Notaufnahme vertreten. Dies können z. B. Anästhesie,
Neurologie oder Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sein. In
den meisten Notaufnahmen ist für diese besonderen Fälle ein
«rotes Schockraumtelefon» etabliert. Es wird immer durch
eine Pflegekraft besetzt, welche die Informationen der Voran
meldung aufnimmt und nach lokalem Protokoll an die ent
sprechenden Fachabteilungen weitergibt.
..Tab. 20.1 Triage der Patienten in der Notaufnahme
Farbe
Bezeichnung
Maximale Wartezeit
Rot
Sofort
0 Minuten
Orange
Sehr dringend
10 Minuten
Gelb
Dringend
30 Minuten
Grün
Normal
90 Minuten
Blau
Nicht dringend
120 Minuten
Diese Patienten, die zumeist notärztlich begleitet in die
Notaufnahme eingeliefert werden, erhalten sofortigen ärztli
chen Kontakt und somit auch Untersuchung und Diagnostik.
Um eine adäquate und zeitnahe Versorgung der Notfall
patienten zu ermöglichen, ist ein kontinuierlicher Informa
tionsfluss der einzelnen Fachbereiche und Kontaktpunkte
notwendig. Die Notaufnahme bildet mit dem Rettungsdienst
und Krankentransport eine eng verzahnte Schnittstelle. Das
prähospitale Personal ist im Zuge dessen in der Pflicht, Infor
mationen zu Einlieferungsgründen, bereits durchgeführter
Diagnostik, Anamnese und Untersuchung an das klinische
Fachpersonal weiterzugeben. Dies findet in schriftlicher, als
auch mündlicher Form statt. Eine solche Übergabe wird je
nach klinischen Strukturen an das ärztliche oder Pflegeperso
nal durchgeführt.
Unter den einzelnen Fachbereichen und Stationen darf
dieser Informationsstrom nicht abreißen. Um dies zu gewähr
leisten haben sich in Kliniken computerisierte Krankenhaus
informationssysteme (KIS) etabliert. Diese sind die Adminis
trative aller Patientenstammdaten. Des Weiteren können
z. B. Anamnese, Befunde und Therapieplanungen eingesehen
und diagnostische Verfahren angemeldet werden. Die Not
aufnahme, als häufige Eintrittspforte in die klinische Versor
gung, stellt somit das erste Glied dieser Informations- und
Verwaltungskette dar. Es ist eine obligate Aufgabe der Not
aufnahmemitarbeiter, Patienten in eines dieser digitalen
Administrationsprogramme einzupflegen, um alle weiteren
Arbeitsschritte zu ermöglichen. In der gängigen Praxis sind
Administration und Triage direkt aufeinanderfolgende
Arbeitsschritte, die durch das pflegerische Personal durchge
führt werden.
Nach nötiger Anamnese, Diagnostik und ggf. Stabilisie
rung des Patienten steht in aller Regelmäßigkeit eine durch
den Arzt formulierte Diagnose, anhand derer eine stationäre
Aufnahme erfolgen kann. Nun ist es je nach krankenhaus
internen Strukturen Aufgabe des Arztes, der Pflegekräfte oder
der Administration ein «Bett» für den Patienten zu organi
sieren.
Natürlich ist es auch möglich, dass Patienten in einer Not
aufnahme ausschließlich eine ambulante Versorgung erfah
ren. Oftmals werden diese Patienten zur Nachsorge an den
Hausarzt oder andere niedergelassene Fachabteilungen über
wiesen.
449
20.2 · Allgemeine Arzneimittellehre
Unter Umständen kann auch im Zuge der Untersuchung
des Patienten eine Erkrankung festgestellt werden, welche
durch die im Krankenhaus ansässigen Fachrichtungen nicht
versorgt werden kann. Eine Verlegung ist in vielen Fällen
unumgänglich und wird je nach Stabilität des Patienten mit
Hilfe des Krankentransports, Rettungs- und Notarztdienstes
durchgeführt. Sollten Schwerpunkthäuser in weiter Ferne
liegen, ist ein Hubschraubertransfer bei dringlichem Inter
ventionsbedarf möglich.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 20.1
55 Wie findet in einer Zentralen Notaufnahme (ZNA) die
Ersteinschätzung eines Patienten statt?
55 Was ist ein klinischer Behandlungspfad und was
steuert er?
20.2
Allgemeine Arzneimittellehre
Roskana Ressmann, Margret Liehn, Gert Liehn
Insbesondere in der Notaufnahme muss die OTA viel über
Medikamente und deren Verabreichung wissen. Dafür muss
einiges an Grundwissen vorhanden sein, um die Darrei
chungsform und die Wirkungsweise zu kennen.
Bevor jedoch ein Einblick in die Arzneimittellehre ge
macht werden kann, sollten zunächst Begriffe erläutert wer
den mit dem Ziel, eine Ordnung in die schier endlos erschei
nende Zahl von Wirkstoffen, Medikamenten, Präparaten usw.
zu bringen.
Den Anfang macht die Frage: Was ist ein Arzneimittel?
20.2.1
Begriffsbestimmung
Arzneimittel
Definition: Arzneimittel
Das Arzneimittelgesetz definiert Arzneimittel in § 2 wie
folgt:
«Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus
Stoffen,
55 1. die zur Anwendung im oder am menschlichen
oder tierischen Körper bestimmt sind und als Mittel
mit Eigenschaften zur Heilung oder Linderung oder
zur Verhütung menschlicher oder tierischer Krank
heiten oder krankhafter Beschwerden bestimmt sind
oder
55 2. die im oder am menschlichen oder tierischen Kör
per angewendet oder einem Menschen oder einem
Tier verabreicht werden können, um entweder
–– a. die physiologischen Funktionen durch die phar
makologische, immunologische oder metaboli
sche Wirkung wiederherzustellen, zu korrigieren
oder zu beeinflussen oder
–– b. eine medizinische Diagnose zu erstellen.»
Demnach gelten als Arzneimittel nicht nur Medikamente,
sondern auch beispielsweise mit Alkohol getränkte Tupfer
oder Kontrastmittel, weil das Stoffe sind, die entweder zur
Verhütung von Infektionen (Alkoholtupfer) oder im Fall von
Kontrastmitteln zur Erstellung einer Diagnose verwendet
werden.
Keine Arzneimittel sind:
44Lebensmittel, Futter und kosmetische Mittel,
44Tabakerzeugnisse,
44Medizinprodukte und Zubehör für Medizinprodukte,
44Organe.
Als Synonyme zum Terminus Arzneimittel werden weitere
Begriffe wie Medikament und Pharmakon, evtl. auch Pillen
oder Medizin verwendet.
Arzneimittel bzw. Medikamente bestehen aus einem oder
mehreren Wirkstoffen und aus sog. Hilfsstoffen, die entweder
als Träger des Wirkstoffs dienen, seine Bekömmlichkeit und/
oder seine Freisetzung beeinflussen oder als Füllmittel be
nutzt werden. Als Füllmittel werden Hilfsstoffe insbesondere
dann benutzt, wenn die Wirkstoffmenge des Präparates in
solch geringer Konzentration vorliegt, dass diese ohne das
Füllmittel nicht verabreicht werden könnten (z. B. Schilddrü
senhormone). Die Kombination eines Wirkstoffs mit seinen
Hilfsstoffen wird auch als Arzneimittelpräparat bezeichnet.
Medikamente die nur einen Wirkstoff enthalten werden Mo
nopräparate genannt. Im Gegensatz zu den Monopräparaten
nennt man Medikamente mit mehreren Wirkstoffen Kombi
präparate.
Wirkstoff
Definition: Wirkstoff
Die Substanz, die auf den menschlichen oder tierischen
Organismus eine Wirkung zur Heilung, Linderung, Vor
beugung oder Erkennung von Erkrankungen erzielt ist
der Wirkstoff eines Arzneimittels.
Beim Anschauen der Außenverpackung eines Medikaments
fällt direkt auf, dass darauf der Name des Medikamentes und
des Wirkstoffs aufgedruckt sind.
Wirkstoffnamen werden von der Weltgesundheitsorgani
sation (WHO) als sog. Internationale Freinamen (INN, «in
ternational nonproprietary names») vergeben und weltweit
einheitlich angewandt (. Tab. 20.2).
Manche Endungen der Wirkstoffnamen können von
Land zu Land etwas variieren, weil sie der jeweiligen Landes
..Tab. 20.2
Beispiele für Medikamentenbezeichnungen
Markenname
Wirkstoffname (INN)
Aspirin®
Acetylsalicylsäure (kurz ASS)
Voltaren®
Diclophenac
20
450
Kapitel 20 · Ambulanz bzw. Notfallaufnahme
sprache angepasst werden. Im Gegensatz zu Markennamen
(Fantasiename des Herstellers), die als registrierte Warenzei
chen mit einem ® gekennzeichnet exklusiv einem bestimmten
Hersteller gehören (® für engl.: «registered trademark»), sind
INN allgemein zugänglich und nicht geschützt.
>>Die international einheitliche Bezeichnung für Wirk
stoffe ermöglicht weltweit eine eindeutige Identifizie
rung der Wirkstoffe und trägt somit zu Arzneimittel
sicherheit bei.
Die Entwicklung eines Medikamentes ist zeit- und kostenin
tensiv. Bis ein neues Medikament auf dem Markt zugelassen
wird, muss es umfangsreiche Wirksamkeits- und Verträglich
keitsprüfungen durchlaufen. Der forschenden Firma, welche
das Medikament entwickelt hat, wird deshalb ein Zeitrahmen
(Patentlaufzeit) gegeben, in dem sie ein Monopol zum Ver
trieb des Medikamentes bekommt. Nach Ablauf des Patent
schutzes dürfen andere Firmen das Präparat «kopieren», in
dem sie diesen Wirkstoff entweder mit denselben oder ande
ren Hilfsstoffen kombinieren. Diese «Kopie» des Präparates
wird als Generikum (Plural: Generika) bezeichnet. Das Ge
nerikum wird gewöhnlich nach dem Wirkstoff benannt
(INN) und durch den Firmennamen dieser Firma, die das
Generikum hergestellt hat ergänzt, z. B.: ASS ratiopharm.
Placebo, Nocebo
Definition: Placebo/Nocebo
55 Ein Placebo ist ein sog. Scheinmedikament. Ein
Placebo sieht aus wie ein echtes Medikament, ent
hält jedoch keinen Wirkstoff. Die Wirkung kommt
durch die Selbstheilungskräfte eines Patienten zu
stande. In den meisten Fällen finden Placebos in
sog. Doppelblindstudien, bei denen die Wirksamkeit
neuer Medikamente getestet wird, ihre Aufgabe.
55 Ein gegenteiliger Begriff zu Placebo ist der sog.
Nocebo-Effekt (nocere: lat. Schaden). Der Nocebo-
Effekt bezeichnet eine scheinbare unerwünschte
Wirkung vom Arzneimittel. Der Patient erwartet also
nicht das Positive (wie beim Placebo-Effekt), sondern
er befürchtet negative Auswirkungen durch ein
Arzneimittel.
20.2.2
Darreichungsformen
von Arzneimitteln
Die Wirksamkeit eines Medikaments hängt zu großen Teilen
davon ab, in welcher Form und auf welche Art der Wirkstoff
des Medikamentes dem Körper zugeführt wird. Aus diesem
Grund werden Arzneimittel in unterschiedlichen Formen zu
bereitet (Darreichungsformen) und auf unterschiedlichen
Wegen appliziert (Applikationsarten).
Die Darreichungsform, also die konkrete Zubereitung ei
nes Medikamentes, bestimmt u. a. die zeitliche Aufnahme des
Arzneimittels in den Körper, die Metabolisierung (Verarbei
tung durch den Körper), die Exkretion (Ausscheidungsweg)
sowie die Haltbarkeit des Medikamentes. Gründe für die
Wahl einer bestimmten Darreichungsform sind:
44der Ort der Erkrankung,
44die notwendige Geschwindigkeit des Wirkungseintritts,
44die gewünschte Dauer der Wirkung,
44der Zustand des Patienten,
44die Compliance des Patienten (Kinder, Demenzkranke
usw.),
44die chemische Stabilität des Arzneimittels (z. B. Insulin
kann nur parenteral zugeführt werden; im MagenDarm-Trakt wird Insulin zersetzt und somit unwirksam
gemacht),
44die physikalischen Eigenschaften des Arzneimittels
(z. B. die Löslichkeit bei der Verarbeitung zu Tropfen),
44die Verringerung der unerwünschten Nebenwirkungen.
. Tab. 20.3 zeigt die möglichen Darreichungsformen von Arz
neimitteln.
Ein Medikament kann auf unterschiedlichen Wegen an
den Wirkungsort im Körper gelangen. Prinzipiell werden sys
temische und topische (lokale) Applikationsarten unterschie
den. Die systemischen Applikationen wirken auf das gesam
te Organsystem, die topischen hingegen nur an der Stelle des
Körpers, an der das Präparat angewendet wird (z. B. Wunde,
Gelenkspalt). Des Weiteren kann ein Arzneimittel über die
Haut (Salben, Wirkstoffpflaster), über die verschiedenen
Schleimhäute (Tropfen, Spray, Säfte, Tabletten, Zäpfchen)
und parenteral (Injektionen, Infusionen) verabreicht werden.
..Tab. 20.3
20
Manchmal kann ein Nocebo-Effekt bei Patienten durch das
bedachtsame Lesen und Verinnerlichen des Beipackzettels
eines Medikamentes ausgelöst werden. Den Patienten hilft
häufig ein aufklärendes Gespräch. Die Pharmahersteller sind
verpflichtet alle möglichen unerwünschten Wirkungen auf
zuzählen. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen ist im Bei
packzettel (falls bekannt) prozentual angegeben und muss
nicht auf jeden Patienten zutreffen.
Darreichungsformen von Arzneimitteln
Darreichungsform
Beispiele
Flüssige
Arzneimittelformen
Sirup, Saft, Tropfen, Injektionslösung,
Infusionslösung, Tinkturen, Klysmen
Halbfeste
Arzneimittelformen
Salben, Pasten, Cremes, Gele, Zäpfchen
(= Suppositorium)
Feste
Arzneimittelformen
Pulver, Granulat, Tabletten, Kapseln,
Dragees (mit Überzug, z. B. zum Schutz
vor Angriff durch die Magensäure),
Brausetabletten
Gasförmige
Arzneimittelformen
Treibgas-Dosieraerosole, Pulverinhala
torien
451
20.2 · Allgemeine Arzneimittellehre
Parenterale Applikation
Unter parenteraler Applikation wird die Verabreichung
eines Arzneimittels unter Umgehung des Magen-DarmTrakts verstanden (griechisch. para: neben, enteral: den
Darm betreffend).
In . Tab. 20.4 und . Tab. 20.5 werden Begriffe der unter
schiedlichen Applikationsarten erklärt.
Erläuterungen zu den gebräuchlichen
Darreichungsformen und Applikationsarten
von Medikamenten
..Tab. 20.4 Verschiedene Applikationsarten
Applikationsart
Erläuterung der Applikationsart
epikutan
Auf die Haut anwenden
bukkal
In der Wangentasche zergehen lassen
sublingual
Unter der Zunge zergehen lassen
lingual
Auf der Zunge zergehen lassen
(per) oral
«durch den Mund» über Magen-DarmSchleimhaut
nasal
Auf der Nasenschleimhaut anwenden
konjunktival
Auf der Bindehaut des Auges
anwenden
otal
Im und am Ohr anwenden
pulmonal
Auf der Bronchialschleimhaut
anwenden
vaginal
In die Scheide einführen, über die
Vaginalschleimhaut
rektal
In den After einführen, über das
Rektum
Tabletten enthalten die benötigte Dosis eines Wirkstoffs und
sie werden oral verabreicht, in der Regel mit einem Schluck
Wasser. Je nachdem, ob die Tablette noch beschichtet ist, spre
chen wir von einer Filmtablette, hat sie noch einen glatten,
manchmal farbigen Überzug ist es ein Dragee. Beschichtete
Tabletten wirken oft langsamer, weil der Magensaft die äuße
re Hülle nicht so schnell durchdringt, um den Wirkstoff frei
zusetzen. Manchmal ist das notwendig, weil der Magensaft
den Wirkstoff zersetzen würde.
Manche Wirkstoffe lassen sich nicht zu Tabletten pressen,
sondern müssen in ihrer Konsistenz z. B. als Pulver verab
reicht werden, dann sind sie in Kapseln verpackt, deren Hül
le sich im Magen-Darm-Trakt auflöst.
Wird ein Medikament rektal über die Darmschleimhaut
verabreicht, bezeichnen wir es als Zäpfchen oder als Suppo
sitorium, im Klinikalltag oft nur als «Supp.» bezeichnet. Vor
rangig werden solche Darreichungsformen bei Kindern und
verwirrten Menschen angewendet oder wenn der Patient
unter Schluckbeschwerden leidet.
Flüssige Medikamente können z. B. als Tropfen oder als
Saft gegeben werden, die Dosierung ist genau zu beachten. Sie
können oral, nasal oder konjunktival verabreicht werden
Salben wirken über die Haut oder auf der Haut, sie werden
bei dermatologischen Problemen verabreicht, können aber
auch Beschwerden in tiefer liegenden Organen mindern, z. B.
bei infektionsbedingten Gelenk- oder Muskelerkrankungen.
Pflaster sind meist als Wundverbände bekannt, können
aber auch als Medium für Medikamente dienen, die dann
sukzessive in das Gewebe abgegeben werden. Pflaster, die
Arzneimittel enthalten, werden als TTS (transdermale thera
peutische Systeme) bezeichnet.
Injektionen wirken in der Regel schneller, weil sie direkt
über das Gefäßsystem oder nach Aufnahme über das Fettge
webe an den Wirkungsort transportiert werden. Über eine
Injektion sind verschiedene Wirkstoffe gleichzeitig zu geben.
Dadurch, dass der Magen-Darm-Trakt umgangen wird, kann
es nicht zu einer Abnahme der Wirkstoffkonzentration durch
die Magensäure, Darmenzyme etc. kommen.
Das Medikament wird in Ampullen zur Verfügung ge
stellt. Hier unterscheiden wir Einzelampullen mit der Dosis
für eine Medikamentengabe von den sog. Stechampullen, aus
denen mehrere Dosen mittels eines Spike entnommen wer
den können.
..Tab. 20.5
Beispiele für parenterale Applikationsarten
Applikationsart
Erläuterung der Applikationsart
intravenös (i.v.)
In die Vene verabreichen
intramuskulär (i.m.)
In den Muskel verabreichen
subkutan (s.c.)
Unter die Haut verabreichen
intrakutan (i.c.)
In die Haut verabreichen
z. B. Quaddel
intraarteriell (i.a.)
In die Arterie verabreichen
intraartikulär
In das Gelenk verabreichen
intralumbal
In den Liquorraum verabreichen
epidural
In den Spalt über der harten Rücken
markhaut
intrakardial
In das Herz verabreichen
Manche Medikamente liegen in trockener Form in einer
Ampulle vor, das flüssige Medium zur Auflösung und Injek
tion ist in der Menge definiert und liegt meistens gekenn
zeichnet vor.
Das Medikament (maximal 20 ml) wird unter sterilen
Bedingungen mit einer Spritze und einer Kanüle aus der Am
pulle aufgezogen und für die Injektion vorbereitet. Für die
Injektion wird eine andere Kanüle verwendet.
Subkutane wie auch intramuskuläre Injektionen werden
von den pflegerischen Mitarbeitern nach entsprechender
Ausbildung durchgeführt, intravenöse und intraarterielle
Injektionen sind ärztliche Tätigkeiten.
20
452
Kapitel 20 · Ambulanz bzw. Notfallaufnahme
>>Werden Injektionen vorbereitet, aber nicht sofort
verabreicht, muss die Spritze mit einem Medikamen
tenaufkleber versehen werden, damit es keinesfalls
zu Verwechslungen kommt. Die leere Medikamenten
ampulle darf aus Unfallverhüttungsvorschriften nicht
auf die Spritze aufgeklebt werden. Liegt eine Spritze
ohne diese Kennzeichnung bereit, darf sie nicht
benutzt werden!
Subkutane Injektion (s.c.)
Hier wird eine wässrige Lösung, oft Heparin oder Insulin, in
das Unterhautgewebe gespritzt. Gewählt wird hier ein Bereich
des Körpers, der genügend Gewebe aufweist, das ist in erster
Linie der Bereich um den Bauchnabels herum (periumbili
kal), wobei hier 2cm um den Nabel herum frei bleiben sollten
oder der seitliche Oberschenkel. Keinesfalls darf jedoch in ein
gelähmter Körperteil gespritzt werden oder in ein narbiges
Areal.
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