Blutgasanalyse).
Ein intravasaler (in den Blutgefäßen vorhandener) Volu
menmangel kann sehr effektiv mit kolloiden Infusionslösun
gen behandelt werden. Kolloide Lösungen (z. B. Hydroxy
ethylstärke) enthalten größere Moleküle, sodass das Volumen
im Gefäßsystem erhalten bleibt. Kolloide werden aber mit
Nebenwirkungen in Verbindungen gebracht. Oft werden
Volumenverluste daher, wenn möglich, nur mit Elektrolyt
lösungen («Kristalloiden») ersetzt. Bei starken Blutungen ist
ein Volumenersatz mit Kolloiden oder Kristalloiden jedoch
nur begrenzt möglich. Deshalb müssen bei starken Blutungen
Blutprodukte eingesetzt werden (Transfusion; 7 Abschn. 20.4).
j
jStörungen des Elektrolythaushalts
Der Elektrolythaushalt (Gleichgewicht der Salze im Blutplas
ma) kann in vielfältiger Weise gestört sein. Am häufigsten
sind Veränderungen des Natrium- oder Kaliumgehalts. Eine
Hypernatriämie (erhöhter Natriumgehalt) ist oft ein Hinweis
auf einen Wassermangel (Exsikkose), eine Hyponatriämie
kann z. B. durch Medikamente erzeugt werden. Ein Aus
gleich darf nur langsam erfolgen, insbesondere wenn der Zu
stand schon länger besteht, es können sonst Hirnschäden
entstehen.
Hypo- und Hyperkaliämien können durch Vorerkran
kungen oder Medikamente entstehen. In beiden Fällen kön
nen bedrohliche Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden,
ein Ausgleich z. B. durch Infusion von Kaliumlösung wird
häufig unter Monitorüberwachung (Intensivstation, OP, In
termediate-Care, AWR) durchgeführt werden.
23.1.4
Aufwachraum (AWR)
Die Überwachung im AWR besteht aus dem Standardmoni
toring und ggf. der arteriellen Blutdruckmessung. Manchmal
wird ein Patient auch beatmet in den Aufwachraum verlegt.
Der Grund hierfür ist eine verlängerte Aufwachzeit oder eine
Hypothermie des Patienten. Weitere Maßnahmen, wie z. B.
Blutentnahme für Laborwerte werden bei der Übergabe im
AWR besprochen. Die Übergabe erfolgt am besten anhand
einer Checkliste, die Folgendes abfragt:
44Name und Alter des Patienten,
44Vorerkrankungen, bekannte Allergien etc.,
44durchgeführte Operation.
44Welche venösen/arteriellen Zugänge bestehen?
44Liegt ein Periduralkatheter?
44Welche und wie viele chirurgische Drainagen wurden
platziert?
44Anästhesieverlauf, ggf. Zwischenfälle,
44Therapie im AWR, z. B. Laborwerte kontrollieren.
Zusätzlich werden bei Bedarf Schmerzen, Übelkeit etc. be
handelt. Nach Ablauf der während der Übergabe oder durch
einen Standard festgelegten Zeit im AWR wird der Patient bei
stabilem Verlauf auf die Station verlegt. Die Verlegung erfolgt
nach einer Visite durch den Anästhesisten.
23.1.5
Pharmakologie
Medikamente wirken an Oberflächenstrukturen der Zellen,
den «Rezeptoren». Rezeptoren übermitteln körpereigene
Signale durch Hormone oder Neurotransmitter. Medika
mente wirken über die Rezeptoren auf die Zelle ein, dabei
kann eine Zelle viele unterschiedliche Rezeptoren haben, die
jeweils eigene Reaktionen auslösen; dafür muss eine ausrei
503
23.1 · Anästhesiologie
chende Konzentration des Medikaments am Rezeptor vor
handen sein. Inhalationsanästhetika wirken wahrscheinlich
nicht direkt auf Rezeptoren, sondern lagern sich in die
Zellmembran ein und verändern so die Funktion der Rezep
toren.
Narkosemedikamente werden dem Patienten über die
Lunge oder über einen venösen Zugang zugeführt. Der Trans
port ins Gewebe erfolgt meistens über das Blut, der Wirkstoff
diffundiert aus den Kapillaren und erreicht so die Zelle. Die
Wirkung hält an, so lange ausreichend viele Rezeptoren be
setzt sind. Die Dauer der Wirkung hängt von der Konzentra
tion am Rezeptor und der Bindungsstärke ab. Wie andere
Medikamente werden Narkosemittel in der Regel direkt oder
nach Veränderung im Stoffwechsel über die Niere oder Galle
ausgeschieden. Inhalationsanästhetika werden zum größten
Teil unverändert über die Lunge abgegeben.
23.1.6
Typische Medikamentengruppen
Tranquilizer
Tranquilizer werden für die Prämedikation (Medikamenten
gabe vor dem Transport in den OP; 7 Abschn. 23.1.1) verwen
det, dabei werden überwiegend Benzodiazepine eingesetzt.
Benzodiazepine wirken anxiolytisch (angstlösend), zentral
muskelrelaxierend, schlaffördernd und erzeugen oft eine Am
nesie (Erinnerungsverlust für die Zeit der Wirkung) und sind
insofern eine ideale Medikamentenklasse für die Vorberei
tung. Ein verantwortliches Handeln ist unter Benzodiazepi
nen nicht mehr möglich, prämedizierte Patienten sollten des
wegen auf der Station und während des Transports unter
pflegerischer Überwachung sein. Die Prämedikation wird
30–60 Minuten vor dem Transport in den OP gegeben, eine
aktuelle Verständigung mit dem OP ist dafür notwendig.
Anästhetika (injizierbar und Inhalations
anästhetika)
Die Narkose wird fast immer intravenös eingeleitet. Ausnah
men sind nicht kooperationsfähige Patienten oder Patienten
mit extremer Spritzenphobie. Die Wirkung des Anästheti
kums tritt nach 30–60 Sekunden ein. Der Wirkungseintritt ist
von der Dosis und der Injektionsgeschwindigkeit abhängig.
Da auch die unerwünschten Wirkungen (z. B. Kreislaufde
pression) stark von der Injektionsgeschwindigkeit abhängig
sind, muss diese angepasst werden und bei Patienten mit
Kreislauferkrankungen stark vermindert werden. Nach der
Einleitung wird weiter über eine Dauerinfusion per Spritzen
pumpe dosiert (. Tab. 23.3) oder auf ein Inhalationsanästhe
tikum übergegangen (. Tab. 23.4).
..Tab. 23.3 Hypnotika: Dosierungsempfehlungen für die
totale intravenöse Anästhesie
Substanz
Initialer Bolus
Aufrechterhaltung
Propofol
1–2 mg/kgKG
4–12 mg/kgKG/h
Beispiel: Standard zur Vorbereitung einer
Intubationsnarkose
Ziel
55 Offenhalten der Atemwege
55 Kontinuierliche Beatmung
Grundsatz
55 Vor Beginn der Maßnahmen: Sicherheitscheck:
–– Richtiger Patient?
–– Name und Geburtsdatum passt zur Patientenakte
–– Patient trägt Armband mit korrektem Namen und
Geburtsdatum
–– Allergien bekannt?
–– Patient nüchtern?
–– Zähne fest – Prothese, wenn vorhanden, entfernt?
–– Bei unpaaren Organen oder Extremitäten Markie
rung der zu operierenden Seite vorhanden?
55 Funktions- und Dichtigkeitstests des Narkosegerätes
und der Absaugung in der Einleitung und im Saal
nach Herstellerempfehlung
55 Permanente Vitalzeichenkontrolle (EKG, RR, Pulsoxy
metrie) und Ausgangswerte zeitnah dokumentieren
55 Verbale deutliche Kommunikation
55 Patientenarme bequem lagern und fixieren
Vorbereitung
55 500 ml Vollelektrolytlösung vorbereiten, Infusions
system luftblasenfrei füllen
55 Venenverweilkanüle legen unter aseptischen Bedin
gungen und Fixierung mit Kanülenpflaster + zusätz
liche Fixierung mit Pflaster
55 Mindestens einen Dreiwegehahn an Zugang an
schießen
55 Infusion anschließen
55 Vorbereitung 2 Spritzen Noradrenalin 1:100/ 10µg/ml
vorbereiten (zur Therapie bei Absinken des Blut
drucks)
55 Atropin 0,5-mg-Ampulle und 2 ml Spritze bereitlegen
(zur Therapie bei Bradykardie, also langsamem Puls)
55 Sufenta mite 50 µg-Ampulle in 10-ml Spritzen aufzie
hen (Opioid zur Narkose)
55 Propofol 1% 200 mg aufziehen in 20-ml-Spritze (zur
Narkoseeinleitung)
55 Rocuronium 50-mg-Amp. in 5-ml-Spritze aufziehen
(nichtdepolarisierendes Muskelrelaxans)
55 bei geplanter TIVA («totaler intravenöser Anästhe
sie»): 50 ml Propofol 1% (500 mg/50 ml) in Perfusor
spritze aufziehen und Perfusorleitung an Dreiwege
hahn anschließen (Dreiwegehahn noch nicht öffnen).
55 Gesichtsmaske: 4-er Maske bei Frauen oder 5er Maske
bei Männern
55 Bakterienfilter
55 Guedel-Tubus: 3-er für Frauen oder 4-er für Männer
in Bereitschaft
55 Beißschutz: 6×4 cm große Mullbinde
23
504
Kapitel 23 · Anästhesie
55 Endotrachealtubus: ID 7,0 bei Frauen oder ID 8,0 bei
Männern
55 10-ml-Blockerspritze bereitlegen
55 Laryngoskop mit Spatelgröße 3 oder 4
55 Magensonde 18 CH (OP abhängig)
Durchführung mit dem Anästhesisten zusammen
55 Präoxygenierung
55 Opioidgabe
55 Propofolgabe
55 Zwischenbeatmung über Gesichtsmaske, bei Bedarf
mit Guedel-Tubus
55 Relaxierung
55 2 Minuten Handbeatmung über Gesichtsmaske
55 Anreichung des Laryngoskops mit eingerastetem
Spatel
55 Tubusanreichung und Platzieren des Tubus unter
Sicht
55 Blocken des Tubus
55 evtl. Magensonde legen
55 Mullbinde zwischen Zunge und Oberkiefer platzieren
..Tab. 23.4
Nachbereitung
55 Material sachgerecht entsorgen
55 Dokumentation zeitnah im Narkoseprotokoll
Analgetika (Schmerzmittel, fast immer
Opioide)
Opioide sind als stark wirksame Schmerzmittel ein zentraler
Bestandteil fast jeder Narkose (. Tab. 23.5). Die Kreislaufwir
kungen sind (außer in speziellen Situationen) gering, die Wir
kung auf den Atemantrieb sehr stark, bis hin zur vollständi
gen Unterdrückung des Atemantriebs. Weitere Wirkungen
sind Bradykardie und Myosis (Engstellung der Pupillen).
Für die Anästhesie wichtig, ist das mögliche Auslösen einer
Thoraxrigidität (Starre des Brustkorbs), eine Beatmung des
Patienten kann dadurch erschwert sein.
Charakteristika einiger Inhalationsanästhetika
Substanz
MAC
[% in 100%igem O2]
Metabolisierungsrate
[%]
Besonderes
Isofluran
1,1
0,2
Reizt die Atemwege, unangenehmer Geruch. Schlecht zur Masken
einleitung geeignet
Sevofluran
1,5
5
Keine Reizung der Atemwege, gut zur Maskeneinleitung auch für
Erwachsene geeignet. Kann mit Atemkalk reagieren, das Reaktions
produkt (Compound A) ist möglicherweise nephrotoxisch. Um eine
Anreicherung im Kreissystem zu verhindern, sollte im Low-flowBetrieb bei langen Narkosen stündlich für 3 min auf High flow ge
stellt werden
Desfluran
6,0
0,02%
Zur Maskeneinleitung ungeeignet. Sehr schnelle Pharmakokinetik,
auch nach sehr langen Narkosen schnelles Erwachen. Durch die hohe
erforderliche Konzentration kostenintensiv, wenn nicht konsequent
Low flow oder Minimal flow eingestellt wird
..Tab. 23.5
23
55 Tubusfixierung mit schmalem Band
55 Cuffdruckkontrolle (der Druck in der aufblasbaren
Manschette des Tubus wird gemessen und auf einen
Normwert eingestellt)
Charakteristika einiger Opiate/Opioide
Substanz
Dosierung
Wirkungseintritt [min]
Wirkungsdauer
Morphin
Einzeldosen 1–3 mg
ca. 7
3–4 h
Fentanyl
Einzeldosen 0,1–0,2 mg
Dauerinfusion 2–10 µg/kgKG/h
ca. 5
ca. 45 min, Verlängerung bei mehrfacher
Gabe
Alfentanil
Einzeldosen 1 mg
Dauerinfusion 3–5 µg/kgKG/h
ca. 1
ca. 30 min, Verlängerung bei mehrfacher
Gabe
Sufentanil
Einzeldosen 10–20 µg
Dauerinfusion 3–5 µg/kgKG/h
ca. 3
ca. 2 h
Remifentanil
nur als Dauerinfusion sinnvoll einsetzbar:
0,1–0,5 µg/kgKG/min
ca. 1,5
3–4 min nach Abstellen der Infusion
keine Wirkung mehr, unabhängig von
der Dauer der Gabe
505
23.1 · Anästhesiologie
markhaltiges
Axon
a
Endigungen
b
synaptischer Spalt
aktive Zone
aktive Zone
Vesikel
Partikel
präsynaptische
Membran
synaptischer Spalt
Postsynaptische
Membran
Partikel
Postsynaptische Falte
Gruben
c
..Abb. 23.8a–c Motorische Endplatte, der Ort der Erregungsüber
tragung vom Nerven auf den Muskel. a Das markhaltige Axon endet auf
einer Muskelfaser. b Bereich des Nervenendes und die darunter liegende
Muskelfasermembran; beide sind durch den synaptischen Spalt von
einander getrennt. c präsynaptische Nervenmembran mit den inneren
und äußeren Membranschichten, darunter der synaptische Spalt; jenseits
des Synaptischen Spalts die synaptische Membran des Muskels mit Par
tikeln (Azetylcholinrezeptoren und Cholinesterasemoleküle). Aus: Larsen
R (2004) Anästhesie und Intensivmedizin, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidel
berg New York
Opiate sind bei Bedarf antagonisierbar (Aufhebung der
Wirkung durch andere Medikamente).
Stelle blockiert. Depolarisierende Relaxanzien «betätigen» die
Muskelzelle einmalig, bevor die Blockierung wirkt, beim Wir
kungseintritt sieht man daher kleine Bewegungen der Mus
kelfasern («Faszikulationen»), bei nichtdepolarisierenden
passiert dies nicht.
Das einzige relevante depolarisierende Muskelrelaxans ist
Succinylcholin mit einem extrem schnellen Wirkungseintritt.
Gegen Succinylcholin gibt es jedoch verschiedene Kontra
indikationen.
Nichtdepolarierende Relaxanzien sind antagonisierbar.
Muskelrelaxanzien
Muskelrelaxanzien werden zur Unterdrückung der Eigenbe
wegung des Patienten eingesetzt. Zur geplanten Intubation
wird meistens relaxiert, im Verlauf der Operation ist häufig
weitere Relaxation notwendig, um chirurgisch gute Arbeits
bedingungen sicherzustellen.
Es kommen zwei Gruppen von Relaxanzien zum Einsatz:
depolarisierende und nichtdepolarisierende (. Tab. 23.6).
Beide Substanzen wirken am Übergang vom Nerven zur
Muskelzelle (. Abb. 23.8), die Reizweiterleitung wird an der
23
Kapitel 23 · Anästhesie
506
..Tab. 23.6
Eigenschaften bestimmter Muskelrelaxanzien
Substanz
Klasse
Dosis (Intubation)
[mg/kgKG]
Anschlagzeit
[min]
Wirkdauer
[min]
Besonderes
Atracurium
nichtdepolarisierend
0,5–0,6
2–3
ca. 30
Abbau unabhängig von Organfunktionen
oder spezifischen Enzymen. Histaminaus
schüttung bei schneller Injektion
Cisatracurium
nichtdepolarisierend
0,1
3–5
ca. 45
Abbau unabhängig von Organfunktionen
oder spezifischen Enzymen. Geringere
Histaminausschüttung als bei Atracurium
Rocuronium
nichtdepolarisierend
0,6
1–2
ca. 45
Metabolisierung in der Leber
Mivacurium
nichtdepolarisierend
0,25
3–4
ca. 20
kurze Wirkdauer, aber längere Anschlag
zeit
Pancuronium
nichtdepolarisierend
0,1
2-3
ca. 60
lange Wirkdauer, schlechte Steuerbarkeit
Succinylcholin
depolarisierend
1,5
<1
ca. 5
schnellste Anschlagzeit, kürzeste Wirkung.
Kontraindiziert bei Hirndruck oder per
forierenden Augenverletzungen. Kann
Kaliumausschüttung auslösen. Trigger
substanz für maligne Hyperthermie. Nach
Meinung einiger Autoren bei Kindern
kontraindiziert
23.2
Notfälle und Komplikationen
Die wichtigste Regel, wenn Komplikationen oder Notfälle
auftreten- Ruhe bewahren! In jeder Situation muss ein ge
ordnetes, rationales Verhalten möglich sein.
Eine ebenso wichtige Regel ist Hilfe holen! Wenn eine
Situation nicht sehr schnell beherrscht werden kann, muss ein
oder müssen mehrere erfahrene Mitarbeiter hinzugezogen
werden, das entschärft das Problem meistens sehr schnell.
>>Ruhe bewahren. Hilfe holen.
j
jNotfallequipment
23
In jedem OP muss die Möglichkeit einer kardiopulmonalen
Reanimation (Herz-Lungen-Wiederbelebung) gegeben sein.
An jedem Narkosearbeitsplatz sind Medikamente zur Be
handlung von Herzrhythmusstörungen, bei hohem oder
niedrigem Blutdruck, zur Behandlung von Allergien, von
Bronchospasmus (asthmaartige Verengung der Bronchien)
etc. vorhanden.
Im OP jederzeit griffbereit zur Verfügung sind
44ein Defibrillator (Elektroschockgerät zur Behandlung
von Herzkammerflimmern),
44ein Videolaryngoskop und Bronchoskop (Geräte zur
Beherrschung eines schwierigen Atemwegs),
44ein Koniotomieset (zur Schaffung eines Atemwegs
durch Punktion in Höhe des Kehlkopfs),
44ein Herzschrittmacher mit äußeren Elektroden (zum
Aufkleben auf die Haut) und
44die Medikamente
55Dantamacrin (Dantrolen) zur Behandlung der malig
nen Hyperthermie (7 Abschn. 23.2.1) und
55Lipodundin 20% zur Behandlung einer Lokalanäs
thesie-Intoxikation.
23.2.1
Typische Notfälle in der Anästhesie
j
jMaligne Hyperthermie
Die maligne Hyperthermie ist eine (in den meisten Fällen)
durch Medikamente ausgelöste Stoffwechselveränderung
mit extrem erhöhtem Energieumsatz der Skelettmuskulatur.
Die MH ist gefährlich und endet unbehandelt oft tödlich. Die
Disposition zur malignen Hyperthermie ist erblich und tritt
familiär gehäuft auf. Auslöser sind meist Succinylcholin oder
Inhalationsanästhetika.
Typische Zeichen sind:
44mangelnde Relaxierung durch Succinylcholin bzw.
Masseterspasmus,
44tachykarde Rhythmusstörungen,
44warme, rote Haut,
44starker Anstieg der endexspiratorischen CO2-Konzen
tration,
44schneller Farbumschlag des Absorberkalks,
44zyanotische, marmorierte Haut,
44muskuläre Steife,
44als Spätzeichen: Temperaturerhöhung und in der Blut
gasanalyse eine Azidose und CO2-Erhöhung.
Die durchzuführenden Maßnahmen sind:
44Die Zufuhr von Triggersubstanzen sofort beenden, ggf.
die Narkose als TIVA weiterführen.
44Das Atemminutenvolumen auf das 4-fache erhöhen, mit
100% Sauerstoff bei hohem Frischgasfluss beatmen.
Atemkalk und Narkoseschläuche wechseln, um keine
Reste volativer Anästhetika im System zu haben.
44Laborwerte bestimmen: Blutgasanalyse, Elektrolyte usw.
44Dantamacrin (Dantrolen) i.v., 2,5 mg/kgKG, wiederholt
alle 5 min, bis CO2-Produktion und Herzfrequenz ab
fallen.
507
23.3 · Schmerz(therapie)
44Korrektur der vorliegenden metabolischen Azidose.
44Korrektur der Elektrolyte (Hyperkaliämie durch
Freisetzen von Kalium aus den Muskelzellen), sofern
indiziert.
44Verlegung auf eine Intensivstation zur weiteren Über
wachung und Therapie.
j
jSchwierige Intubation
Eine schwierige oder unmögliche Intubation kann jederzeit
auftreten! Mit einer schwierigen Atemwegsituation muss also
jederzeit gerechnet werden und diese muss dann beherrscht
werden.
Die vorzuhaltende Ausrüstung beinhaltet:
44Tuben verschiedener Größen,
44Gesichtsmasken verschiedener Größen,
44Larynxmaske oder Larynxtubus,
44Guedel- und Wendel-Tuben verschiedener Größen,
44Laryngoskopspatel verschiedener Größen und
Formen,
44Videolaryngoskop mit verschieden Spatelgrößen,
44Bronchoskop,
44Koniotomieset,
44evtl. «Mainzer Maske», durch die hindurch fiberoptisch
intubiert werden kann,
44evtl. Intubationslarynxmaske und
44evtl. spezielle Laryngoskope (z. B. nach McCoy oder
Bullard).
j
jTracheotomie
Zur Sicherstellung des Atemweges muss ggf. ein Luftröhren
schnitt (Tracheotomie) durchgeführt werden. Die Indikation
ist häufig die Notwendigkeit einer Langzeitbeatmung auf der
Intensivstation. Dabei wird fast immer die Dilatationstra
cheotomie eingesetzt: nach der Punktion der Luftröhre mit
einer Hohlnadel wird mit einem Dilatator (konisches Instru
ment zum Aufdehnen) die Stelle erweitert und eine Beat
mungskanüle eingesetzt. Weitere Indikationen können z. B.
im Rachenbereich vorgesehene größere Operationen sein.
Das Dilatationstracheostoma verschließt sich nach dem Ent
fernen der Kanüle nach kurzer Zeit von selbst.
Wenn der Atemweg endgültig beim Tracheostoma ver
bleiben soll, z. B. nach operativer Entfernung des Kehlkopfs,
wird ein mukokutanes Tracheostoma angelegt, die tracheale
Schleimhaut wird mit der äußeren Haut vernäht. Dieses Tra
cheostoma verschließt sich nicht von selbst nach dem Ziehen
der Kanüle (7 Kap. 14).
23.3
Schmerz(therapie)
Schmerz ist eine überlebenswichtige Sinnesmodalität. Der
Schmerz informiert uns über gewebeschädigende Reize aus
der Umwelt oder aus dem Körper selber. Der Schmerz als
Signal einer Erkrankung führt den Patienten häufig zum
Arzt.
>>Da ein strukturiertes Handeln dabei lebensrettend sein
kann, muss ein Handlungsschema von den Anästhesie
mitarbeitern quasi «im Schlaf» beherrscht werden und
jederzeit abrufbar sein.
j
jAllergische Reaktionen
Verschiedene Medikamente können allergische Reaktionen
auslösen, am häufigsten gilt das für die Relaxanzien und die
im Operationsbetrieb ebenfalls oft eingesetzten Antibiotika.
Eine allergische Reaktion kann sich in Hauterscheinungen
(Rötung), in starkem Blutdruckabfall und Beatmungsproble
men äußern. Die Zufuhr der dafür verdächtigten Substanz
muss sofort beendet werden. Kreislaufprobleme werden mit
Volumenzufuhr und nach Wirkung dosiertem Adrenalin be
handelt, Glukokortikoide (z. B. Kortison) wirken antialler
gisch. Antihistaminika dämpfen die allergische Reaktion re
lativ schnell.
j
jLaryngospasmus
Der Laryngospasmus kann durch Reize im Kehlkopfbereich
bei flacher Narkose ausgelöst werden. Es handelt sich um
einen akuten krampfartigen Verschluss der Stimmritze, die
Atmung ist unmöglich oder stark behindert. Es besteht die
Gefahr einer Hypoxämie (O2-Mangel im Blut). Maßnah
men sind die assistierte Beatmung mit Sauerstoff über eine
Gesichtsmaske, ggf. muss die Narkose wieder vertieft wer
den. Wenn das auch keinen Erfolg hat, muss relaxiert wer
den und ggf. erneut eine Atemwegssicherung durchgeführt
werden.
23.3.1
Schmerzqualität und
Schmerzmessung
Der Schmerz lässt sich in verschiedene Qualitäten einteilen.
44Somatischer Schmerz
55Oberflächenschmerz (Ursprung in der Haut) z. B.
Stich, Schnitt, Quetschung, wiederum zu unterteilen
in ersten, scharfen Schmerz und zweiten, dumpfen
Schmerz.
55Tiefenschmerz (Ursprung in Muskeln, Bindegewebe,
Knochen, Gelenken) z. B. Kopfschmerz: Dumpfer
Schmerzcharakter, schlecht lokalisierbar.
44Viszeraler Schmerz
55Dieser ist z. B. Resultat einer Nieren- oder Gallenkolik
und ähnelt mit dumpfem Charakter dem Tiefen
schmerz, häufig begleitet von vegetativen Reaktionen
wie Blutdruckabfall, Übelkeit oder Schweißausbruch.
Der Oberflächenschmerz führt zu Wegzieh-, Flucht- und Ab
wehrreaktionen, der Tiefenschmerz hingegen zur Schonung
des betroffenen Bereichs. Schmerz wird durch eigene Rezep
toren, die Nozizeptoren, aus dem Gewebe vermittelt. Die
subjektiv empfundene Schmerzintensität hängt nicht nur von
der Intensität des Schmerzreizes, sondern, außer individuel
len Unterschieden in der Schmerzwahrnehmung, in starkem
Maße von der Situation des Patienten durch z. B. Ablenkung,
Stress, Zuwendung zum Schmerz, Wachheitsgrad, etc. ab.
Dies macht eine Messung des Schmerzes problematisch.
23
Kapitel 23 · Anästhesie
508
..Abb. 23.9 WHO-Stufenschema zur
Schmerztherapie. Aus: Benrath J, Hatzen
bühler M, Fresenius M, Heck M (2015)
Repetitorium Schmerztherapie. Zur Vor
bereitung auf die Prüfung «Spezielle
Schmerztherapie». Springer, Berlin Heidel
berg New York
Stufe III
Stufe II
Starke Opioidanalgetika
Stufe I
Schwache Opioidanalgetika
Nicht-Opioidanalgetika
z.B. Tramadol, Tilidin/Naxolon
z.B. Morphin, Oxycodon,
Fentanyl, Hydromorphon,
Buprenorphin
z.B. Metamizol, Ibuprofen
Paracetamol, Diclofenac
+ Stufe I
+ Stufe I
Interventionelle Schmerztherapie, Opioidrotation
Behandlung von Nebenwirkungen (Übelkeit und Erbrechen)
Koanalgetika, Chemotherapie, Radiotherapie, ggf. Operation
psychologische Unterstützung, Zuwendung, physikalische Therapie
Zur Therapiesteuerung und Qualitätssicherung werden
dennoch Schmerzskalen eingesetzt. Das subjektive Schmerz
empfinden wird dabei vom Patienten eingeschätzt und doku
mentiert. Gebräuchlich sind:
44die visuelle Analogskala (VAS): auf einer Linie wird der
Schmerzgrad von «kein Schmerz» bis «unerträglicher
Schmerz» gekennzeichnet,
44die numerische Analogskala (NAS): der Schmerz wird
auf eine Skala von 1 bis 10 eingestuft und
44die verbale Ratingskala: der Schmerz wird mit «kein
Schmerz», «schwach», «stark», «sehr stark» oder «extrem
stark» beschrieben.
23.3.2
Schmerztherapie
Schmerzen sind grundsätzlich behandlungsbedürftig. Das
Spektrum der Möglichkeiten reicht dabei von einfachen
Lagerungsmaßnahmen oder Mobilisierung über medikamen
töse Therapie bis zu aufwändigen chirurgischen oder radio
logischen Interventionen. Medikamente sind dabei die am
häufigsten eingesetzte Therapie.
Weiterhin muss unterschieden werden zwischen der The
rapie chronischer Schmerzen und der Therapie akuter (z. B.
postoperativer) Schmerzen. Die Versorgung von Patienten
mit chronischen Schmerzen hat sich praktisch zu einem eige
nen Fachgebiet mit umfangreicher Literatur und Weiterbil
dungsmöglichkeiten entwickelt; die Behandlung komplizier
ter Fälle sollte dem Spezialisten vorbehalten sein.
>>Die Behandlung akuter Schmerzen muss zeitnah und
23
wirksam erfolgen – um dem Patienten Leiden und
Stress so weit wie möglich zu ersparen, aber auch, um
weitere Risiken zu vermindern wie Pneumonien durch
flache Schonatmung, Thrombose- und Embolierisiko
durch Immobilisierung etc.
Die (sehr) große Palette von Medikamenten lässt sich zu
nächst grob in Opiate/Opioide (am Morphinrezeptor wir
kend) und Nicht-Opioid-Analgetika einteilen.
j
jNicht-Opioid-Analgetika
44Nichtsteroidale Antirheumatika (non-steroidal-anti
inflammatory drugs, NSAID) z. B. ASS, Indometacin,
Diclofenac: haben eine gute Wirkung bei entzündlich
bedingten und Knochenschmerzen.
44Antipyretische Analgetika z. B. Metamizol, Paraceta
mol: gute Wirkung bei viszeralen Schmerzen.
55Unerwünschte Wirkungen: Allergische Reaktionen,
Asthma bronchiale, Störungen der Blutgerinnung,
Magen-Darm-Ulzera, Gastritis, Schwindel, Tinnitus
usw.
55Bei Nicht-Opioid-Analgetika gibt es grundsätzlich
einen «Ceiling-Effekt», d. h. es gibt eine maximale
Wirkung, eine weitere Dosissteigerung verstärkt nur
noch die unerwünschten Wirkungen.
j
jOpioide
44Schwach wirksame Opioide: Tramadol, Dihydrokodon
und andere: ähnliche, z. T. stärkere Wirkung wie NichtOpioid-Analgetika, in Kombination mit diesen gute Er
gänzung. Auch hier gibt es den «Ceiling-Effekt».
44Stark wirksame Opioide: Buprenorphin, Morphin,
Fentanyl und andere: starke Schmerzwirkung mit ent
sprechend ausgeprägten unerwünschten Wirkungen.
Unerwünschte Wirkungen: Atemdepression, Somnolenz
(Müdigkeit), Übelkeit/Erbrechen, Obstipation, Mundtro
ckenheit, Asthma, Harnverhalt usw.
Ein allgemein gültiges Konzept zur Behandlung der Schmer
zen ist das WHO-Stufenschema (WHO = World Health Orga
nization – Weltgesundheitsorganisation; . Abb. 23.9).
>>Stark wirksame Opioide sind Betäubungsmittel und
können nur mit den vorgesehenen Rezeptformularen
von der Apotheke abgefordert werden.
Die Dosierung, insbesondere bei Opioiden, muss im Verlauf
dem Bedarf des Patienten angepasst werden. Bei z. B. nachlas
sendem postoperativem Schmerz ist sonst eine relative Über
dosierung mit entsprechender Gefährdung des Patienten, vor
allem durch Atemdepression, möglich!
509
Literatur
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Kap. 23
55 Welche Verfahren werden am häufigsten zur Allge
meinanästhesie eingesetzt?
55 Erläutern Sie bitte den Unterschied zwischen Peri
dural- und Spinalanästhesie.
55 Was ist unter dem Begriff «Ileuseinleitung» zu ver
stehen?
55 Was gehört zum Standardmonitoring?
55 Welche Möglichkeiten der Schmerztherapie kennen
Sie?
Literatur
Benrath J, Hatzenbühler M, Fresenius M, Heck M (2015) Repetitorium
Schmerztherapie. Zur Vorbereitung auf die Prüfung «Spezielle
Schmerztherapie». Springer, Berlin Heidelberg New York, S 135
Kramme R (2007) Medizintechnik, 3. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg
New York
Liehn M et al. (2006) OP und Anästhesie. Springer, Berlin Heidelberg New
York
Schmidt RF, Thews G, Lang F (2010) Physiologie des Menschen, 31. Aufl.
Springer, Berlin Heidelberg New York
23
511
Ausbildungs- und
Berufssituation von OTAs
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 24
Kommunizieren, beraten und anleiten – 513
Jochen Berentzen
Kapitel 25
Berufliches Selbstverständnis – 525
Heike Richter, Ralf Neiheiser, Olaf Schenk, Judith Schädler,
Gert Liehn, Chris Wolf
Kapitel 26
In Gruppen und Teams zusammenarbeiten – 545
Katrin Fromm
Kapitel 27
Lernen planen, durchführen und evaluieren – 555
Heike Richter, Ralf Neiheiser, Perikles Jennrich
IV
513
Kommunizieren, beraten
und anleiten
Jochen Berentzen
24.1
Kommunikation und Anleitung
24.1.1
24.1.2
24.1.3
Allgemeine Gesprächsregeln – 514
Theorien und Modelle – 516
Strukturierte Gespräche als Teil der Ausbildung
24.2
Stress und Ärger, Vorbeugung (Entspannung)
24.2.1
24.2.2
Verhaltensprävention – 523
Verhältnisprävention – 523
Literatur
– 514
– 524
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_24
– 519
– 521
24
514
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
Lernziele
55 Die Auszubildenden erwerben grundlegendes Wissen,
Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Kommunikation. Sie
können dieses Wissen und diese Fertigkeiten in Gesprächen mit Patienten, Vorgesetzten und Kollegen anwenden. Dabei beachten sie die notwendige, situationsgerechte Nähe und Distanz.
55 Sie erkennen aktuelle gruppendynamische Prozesse und
sind in der Lage, diese in angemessener Form anzusprechen und sich konstruktiv bei der Klärung einzubringen.
55 Zudem sind sie in der Lage mit (berufsbedingtem) Stress,
Ärger und Wut so umzugehen, dass ihre psychische und
physische Gesundheit nicht gefährdet ist.
55 Die Auszubildenden erwerben die Fähigkeit, relevante
Daten und Informationen präzise und zeitgerecht zu
übermitteln und zu dokumentieren.
55 Sie entwickeln die Fähigkeit, akut oder chronisch kranke
Menschen und/oder deren Angehörige, im Rahmen ihrer
Fachkompetenz zu beraten. Sie erkennen, wenn sich
Beratungsbedarf zeigt, und nutzen die Situation dem
Patienten/den Angehörigen ein entsprechendes Beratungsangebot zu unterbreiten.
55 Die Auszubildenden können das Sender-Empfänger-
Modell erklären.
55 Sie können die Anteile ganzheitlicher Kommunikation
unterscheiden und in Gesprächssituationen anwenden.
55 Die Auszubildenden kennen unterschiedliche Frage
typen und deren Funktion bzw. Wirkung im Gespräch.
55 Die Auszubildenden können wesentliche Aussagen der
Axiome von Watzlawick mit eigenen Worten erläutern.
55 Die Auszubildenden kennen die 4 Ebenen der Modelle
und können diese in Gesprächssituationen anwenden.
55 Die Auszubildenden können Regel für Feedbackgeber
aufzählen.
55 Die Auszubildenden kennen die Bedeutung der vier
Anteile des Johary-Fensters.
55 Die Auszubildenden können das Stressmodell von
Lazarus mit eigenen Worten erläutern.
55 Die Auszubildenden kennen typische Stressoren in einer
Operationsabteilung.
55 Die Auszubildenden kennen typische Folgen chronischen Stresserlebens.
55 Die Auszubildenden können die Emotion Ärger in Beziehung zum Phänomen Stress bringen.
55 Die Auszubildenden können die Begriffe Verhaltens- und
Verhältnisprävention unterscheiden und jeweils Beispielmaßnahmen nennen.
55 Die Auszubildenden kennen die drei Grundhaltungen
von C. Rogers und können diese mit eigenen Worten erläutern.
55 Die Auszubildenden kennen den Unterschied zwischen
paraphrasieren und verbalisieren und können beides exemplarisch in Gesprächssituationen anwenden.
24.1
Kommunikation (von lat. «communicare» = eine Mitteilung
machen, mitteilen, teilen, vereinigen») kann als Verständigungsprozess beschrieben werden, der ständig stattfindet und
den Austausch von Informationen zwischen Menschen, Organisationen oder auch Staaten sicherstellt. Technisch beschrieben gibt es einen Sender, der Informationen mit Hilfe
von Signalen an einen Empfänger übermittelt, der diese Informationen entschlüsselt (decodiert) und verarbeitet, um
selber Informationen (zurück)zu senden (Feedback). Der jeweilige Übertragungsvorgang kann durch Störquellen behindert sein. Solch eine technische (mathematische) Sichtweise
der Daten(signal)übertragung wurde durch die Amerikaner
C.E. Shannon und W.E. Weaver in den späten 1940er Jahren
insbesondere mit der Fragestellung der Möglichkeiten der
Codierung von Informationen (Telefon) beschrieben. Ihr
Sender-Empfänger-Modell dient heute noch vielen Wissenschaftlern, Theoretikern und Praktikern als Grundlage für die
Analyse und Beschreibung menschlicher Kommunikation.
Menschliche Kommunikation ist mehr als ein rein technischer Vorgang. Kommunikation ist ein konstitutiver Baustein
menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens. Sie gestaltet
Beziehungen. Nicht immer gelingt die menschliche Kommunikation jedoch einwandfrei. Viele strukturelle und prozessuale Gegebenheiten und individuelle Verhaltensweisen, Wahrnehmungen und Interpretationen können für Störungen im
Kommunikationsprozess zwischen Sender und Empfänger
sorgen. Die Codierung der übermittelten Nachrichten funktioniert dann nur suboptimal. Die Folge können Konflikte
oder fehlerhafte Informationsweitergaben sein (z. B. falscher
Patientenname beim Einschleusen; fehlende Informationen
über eine Hepatitisinfektion).
>>Für eine erfolgreiche zwischenmenschliche Kommuni-
kation ist der Sender verantwortlich! Wahr ist nicht,
was der Sender sagt, sondern was der Empfänger versteht! Demnach gilt:
55 gesagt ist noch nicht gehört,
55 gehört ist noch verstanden und
55 verstanden ist noch nicht einverstanden!
Interaktionen mit Kollegen, Vorgesetzen, Mitgliedern anderer Berufsgruppen und Patienten prägen den beruflichen Alltag von Beschäftigten im Gesundheitswesen. Wissen um die
möglichen Störungen und die Kenntnisse lösungsorientierter
Ansätze menschlicher und systemischer Kommunikation
sind wichtige Bausteine sozial-kommunikativer Kompetenz.
Professionelle interdisziplinäre Kommunikation im Krankenhaus kann durch Reduzierung der Komplexität die Sicherheit der Patienten und die Qualität des Betriebsklimas er
höhen.
24.1.1
24
Kommunikation und Anleitung
Allgemeine Gesprächsregeln
Täglich sind wir im beruflichen und privaten Leben unterschiedlichen Gesprächssituationen ausgesetzt. Einige ent
515
24.1 · Kommunikation und Anleitung
stehen spontan (z. B. im Bus mit dem Sitznachbarn, beim
Bäcker) andere sind geplant bzw. zuverlässig wiederkehrend
(z. B. Teambesprechungen, Frühstücksgespräche, Gespräche
mit dem Operateur am OP-Tisch, Übergabegespräche in der
Patientenschleuse). Folgende Gesprächsarten können unterschieden werden:
44Informationsgespräche,
44Konferenzgespräche,
44Verhandlungsgespräche,
44Telefongespräche,
44Kontaktgespräche,
44Bewerbungsgespräche,
44Interviews,
44Beratungsgespräche,
44Konfliktgespräche,
44Zeugnisgespräch.
Auch wenn alle Gespräche unterschiedliche Zielsetzungen
verfolgen und sich im Hinblick auf Zeitpunkt, Ort, Atmosphäre und Dauer unterscheiden, ist ihnen gemeinsam, dass
die beteiligten Personen nicht nur sprachlich miteinander
kommunizieren (verbale Kommunikation), sondern ganzheitlich durch ihre Person (7 Abschn. 24.1.2, 7 Watzlawik). Die
Bewegungen des ganzen Körpers (Haltung), der Arme, Hände, Beine und Füße sowie die Bewegungen von Augen, Mund
und Nase nonverbale Kommunikation) senden Signale an
den oder die Gesprächspartner. Des Weiteren ist die Variation
der Stimme (paraverbale Kommunikation) wesentlich für
die Übermittlung einer Nachricht.
Zu den möglichen non- und paraverbalen Anteilen von
Kommunikation gehören u. a.:
44Gestik: unkoordinierte Arm- und Beinbewegungen,
Körperbewegungen (Drehen auf einem Stuhl, Vor- und
Zurückwippen, Körperspannung und Zusammensinken
im Wechsel), Verstecken der Hände in den Hosentaschen
oder hinter dem Rücken, Berühren des Gesichts (Lippen,
Nase, Hals, Ohrläppchen), Verschränken der Arme vor
der Brust, mit Finger auf Gegenständen trommeln, eine
Faust machen, Finger kneten, Beine übereinanderschlagen, breitbeinig sitzen, mit den Füßen wippen;
44Mimik: Stirnrunzeln, lächeln oder lachen, Zähne zeigen,
Augen offen/geschlossen oder zusammengekniffen,
weinen, schluchzen, Augenbrauen zusammenziehen
oder hochheben, Mundwinkel herunterhängen lassen,
häufiger Wimperschlag;
44Stimme: Lautstärke verändern, Rhythmus wechseln,
Betonung einzelner Wörter oder Satzteile, Stimmlage
verändern, Sprachmelodie wechseln, Tempo variieren,
stottern, Wörter verschlucken;
44Vegetative Zeichen: Rötung, hektische Flecken, zittern,
schwitzen, erblassen, weinen, schluchzen.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil von menschlicher Kommunikation ist das Verwenden von Fragen.
Fragen im Gespräch
j
jFragetechnik
Um handeln zu können benötigen wir Informationen. Fragen
sind die Grundlage für die Beschaffung von Informationen
(z. B. vom Patienten in der Notaufnahme zum Unfallhergang,
vom Operateur zum OP-System, vom Anästhesisten zur Zeitplanung, etc.). Fragen können ein Gespräch steuern und sind
häufig Türöffner für den Einstieg in ein Gespräch. Durch die
Verwendung von (offenen) Fragen kann Zeit gewonnen werden, die dazu genutzt werden kann, eigene Gedanken neu zu
überdenken, zu sortieren und evtl. umzuformulieren. Es gibt
verschiedene Frageformen. Je nach Zielsetzung und Anlass
sind unterschiedliche Varianten möglich und nötig.
a. Geschlossene Fragen Dieser Fragetyp eignet sich besonders für kurze und präzise Informationen. Die Frage lässt dem
Empfänger wenig Spielraum, fordert Eindeutigkeit. Geschlossene Fragen eignen sich zum Steuern eines Gespräches, zum
Herbeiführen von Entscheidungen, Beenden von Teilaspekten, Bremsen von Vielrednern oder als Prüfungsfrage. Geschlossene Fragen sollten gezielt eingesetzt werden und mit
anderen Frageformen kombiniert werden, um einen Gesprächsfluss aufrecht zu halten. Geschlossene Fragen beginnen oft mit einem Verb. Beispiele für geschlossene Fragen:
44Gehen Sie zum Essen?
44Können Sie die Information bestätigen?
44Haben Sie die Informationen verstanden?
Dieser Fragetyp ermöglicht dem Empfänger eine ausführliche Stellungnahme. Offene Fragen eignen
sich als Einstieg in ein Thema und verleiten den Gesprächspartner zum Nachdenken. Durch offene Fragen kann das
Gleichgewicht der Sprechanteile wieder hergestellt werden.
Offenen Fragen sollten zum Gesprächsanfang gestellt werden
und nur dann, wenn wirkliches Interesse an dem Thema bzw.
der Antwort besteht. Offene Fragen ermöglichen eine Einschätzung des Gegenübers und helfen seine Sicht der Dinge
besser zu verstehen. Typisch für offene Fragen ist die Verwendung von W-Fragen:
44Was halten Sie von Organtransplantation?
44Welche Erfahrungen haben Sie mit … gemacht?
44Wie beurteilen Sie die Qualität der Hygiene in ihrem
OP?
b. Offene Fragen
Dieser Fragetyp ist in der Regel eine
Reaktion auf eine Aussage des Gesprächspartners. Häufig
sind Aussagen nicht eindeutig genug oder beinhalten pauschale Formulierungen (z. B. Übertreibungen wie super, erste
Sahne, erstklassig; Abschwächungen wie ein bisschen, ein wenig, etwas; Verallgemeinerungen wie nie, immer, alle; Möglichkeitsformen wie hätte, würde, könnte). Präzisionsfragen
helfen einen Sachverhalt zu präzisieren, Informationen einzuholen und sorgen so für Transparenz:
44Was genau war der Grund für Ihre Verspätung?
44Was genau ist geschehen?
44Was bedeutet «fast immer» in Ihrer Abteilung?
c. Präzisionsfragen
24
516
Kapitel 24 · Kommunizieren, beraten und anleiten
j
jFunktion von Fragen
44Informationen beschaffen,
44Gesprächssteuerung,
44Problemlösung,
44Dialog herstellen,
44Fehler verhindern,
44Nachdenken anregen,
44Sprechaufforderung,
44Beziehung klären.
24.1.2
Theorien und Modelle
Verschiedene praxisnahe Theorien und Modelle stehen als
hilfreiche Instrumente für das Verständnis, die Analyse und
das Training von Kommunikationssituationen zur Verfügung. Eine Auswahl an Modellen soll nachfolgend jeweils
kurz vorgestellt werden.
Paul Watzlawick und die Axiome
der Kommunikation
Der österreichische Psychologe und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921–2007) hat gemeinsam mit
seinem Forscherteam im Rahmen der Arbeit mit schizophrenen Familien gewisse Eigenschaften von menschlicher Kommunikationen festgestellt, die Grundlage für viele weitere
theoretische Überlegungen waren. Seine fünf Axiome (eher
Regeln) bieten eine erste Möglichkeit, Kommunikations
sequenzen analysierend zu betrachten und Störungen zu
identifizieren.
j
j«Man kann nicht nicht kommunizieren»
Auch ohne zu sprechen «kommunizieren» Menschen durch
ihr Verhalten. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Verhalten (nonverbal) und somit Körpersprache (Haltung, Gestik,
Mimik) sind konstitutiver Bestandteil von Kommunikation
und sagen oft mehr aus als die Worte selber. Es kommt nicht
nur darauf an was wir sagen, sondern auch wie wir etwas
sagen (paraverbal: Tonfall, Lautstärke, Schnelligkeit, Betonung, Wortwahl). Jegliche nonverbale und paraverbale Ausdrucksform wird vom Gesprächspartner wahrgenommen
und entsprechend interpretiert, was wiederum zu neuen Verständnisschwierigkeiten führen kann, da die Wahrnehmung
fehlerhaft sein kann (z. B. Vorurteil, Halo-Effekt, «self fulfilling prophecy»).
Das Schweigen einer Person könnte z. B. bedeuten: «lass
mich in Ruhe», «ich bin müde», «ich bin enttäuscht», «ich bin
beleidigt», «ich bin sprachlos», «es interessiert mich nicht», «ich
verstehe dich nicht» usw. Mimik und Gestik sollten aber immer
ganzheitlich und situativ betrachtet und interpretiert werden.
Einzelne herausgehobene Gesten oder Reaktionen können
nicht der Komplexität einer Interaktionssequenz entsprechen.
24
j
j«Kommunikation hat eine Inhalts- und
Beziehungsebene»
Nur knapp 20% einer Nachricht behandeln die inhaltliche
Seite und sind reine Sachinformation. Die restlichen 80% fin-
den auf der Beziehungsebene statt und sind die eigentlich
wertvollere Information. Es ist viel interessanter zu sehen und
zu interpretieren wie jemand sich in einer Situation (unbewusst) verhält und welche Signale er dadurch sendet. In
Anlehnung an die Psychoanalyse von Freud wird für dieses
Axiom oft das «Eisbergmodell-Modell» verwendet: nur ein
geringer Teil eines Eisberges ist über Wasser sichtbar (Sachinformation), der größte Teil schlummert unter Wasser im Verborgenen (Unbewussten;
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