(Transplantationsgesetz) die Hirntodfeststel
lung nach den Richtlinien der BÄK (Bundesärztekammer) als
verpflichtende Voraussetzung einer Organentnahme gefor
dert ist.
Die zweite Voraussetzung ist die Zustimmung zu einer
Organspende. Über die seit dem Jahr 2012 im Transplanta
tionsgesetz festgelegte Entscheidungslösung wird jeder Bun
desbürger nach Vollendung seines 16. Lebensjahres im Ab
stand von zwei Jahren von seiner gesetzlichen oder privaten
Krankenkasse zur Organ- und Gewebespende informiert und
erhält mit diesen Unterlagen einen Organspendeausweis, um
seine Entscheidung zu dokumentieren. Mit diesem Ausweis
kann jeder Bürger in eine Organentnahme einwilligen, ihr
widersprechen oder die Entscheidung einer namentlich be
nannten Person seines Vertrauens übertragen. Eine Ver
pflichtung zu einer Entscheidung besteht nicht.
Gibt es keinen schriftlich dokumentierten Willen des Ver
storbenen über einen Organspendeausweis oder ein anderes
Dokument, wie z. B. eine Patientenverfügung, werden die An
gehörigen des Verstorbenen befragt, ob ihnen eine Willenser
klärung bekannt ist. Die Angehörigen werden nach dem ge
äußerten Willen oder, falls dieser nicht bekannt ist, nach dem
mutmaßlichen Willen des Verstorbenen befragt. Sie dürfen
nur dann eine Entscheidung für ihren Angehörigen treffen,
wenn sie in den letzten zwei Jahren zu ihm Kontakt hatten.
Inhalt und Ergebnis dieses Gesprächs werden aufgezeichnet
und dieses Dokument wird der Krankenakte hinzugefügt. Bei
einer Ablehnung der Organspende werden die intensivmedi
zinischen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der HerzKreislauf-Funktion beendet. Dies ist ebenfalls so, wenn keine
Erklärung des Verstorbenen zu einer Organspende vorliegt
und es keine entscheidungsberechtigten Angehörigen gibt. Es
findet dann keine Organspende statt.
Eine weitere rechtliche Voraussetzung bei ungeklärter
oder nicht natürlicher Todesursache, ist die staatsanwaltliche
Freigabe des Leichnams. In diesen Fällen muss nach Kontakt
zur zuständigen Ermittlungsbehörde durch die jeweilige
Staatsanwaltschaft eine Freigabe zur Organentnahme erteilt
werden. Gibt die zuständige Staatsanwaltschaft den Leichnam
nicht für eine Organspende frei, darf keine Organentnahme
durchgeführt werden. Die intensivmedizinischen Maßnah
men zur Aufrechterhaltung der Herz-Kreislauf-Funktion
werden in diesem Fall ebenso beendet.
Organspendebezogener Kontakt zur DSO
Der behandelnde Arzt kann jederzeit bei sich anbahnenden
klinischen Zeichen des Hirntods Kontakt zur Koordinie
rungsstelle aufnehmen. Neben der Klärung der rechtlichen
Voraussetzungen findet ein Abwägen medizinischer Fragen
statt. Dies umfasst die Eignung einzelner Organe oder Organ
systeme sowie die Besprechung von Risikofaktoren und Schä
digungen in Hinsicht auf die Übertragbarkeit der Organe für
Patienten auf der Warteliste.
Organprotektive Maßnahmen
Die anschließenden konsequenten organprotektiven Inten
sivmaßnahmen beim Organspender sind der erste Schritt zur
erfolgreichen Behandlung der Empfänger. Funktionelle Schä
den und Verluste der zur Transplantation vorgesehenen Or
gane müssen vermieden und eine optimale Organfunktion
zum Zeitpunkt der Entnahme sichergestellt werden. Das Be
handlungsregime muss den pathophysiologischen Verände
rungen nach Ausfall zentraler Regulationsmechanismen
Rechnung tragen, um negative Auswirkungen auf die Funk
tion der Organe zu vermeiden.
Empfängerschutz
Die gesundheitlichen Risiken der Organempfänger sollen so
gering wie möglich gehalten werden. Neben der Anamnese
des Organspenders stellt eine Reihe von notwendigen Unter
suchungen den Empfängerschutz sicher. Dies sind:
44Laboruntersuchungen,
44Infektionsdiagnostik,
44Funktionsuntersuchungen der Organe.
Während des gesamten Organspendeprozesses können ana
mnestisch erhobene Diagnosen und/oder aktuelle Untersu
chungs- und Laborergebnisse zu einem Ausschluss bestimm
ter Organe oder zu einem kompletten Abbruch der Organ
spende führen.
Beispiele für den Ausschluss einzelner Organe sind:
44Diabetes mellitus: Ausschluss des Pankreas,
44terminale Niereninsuffizienz: Ausschluss der Nieren.
Beispiele für den kompletten Abbruch der Organspende sind
aktuelle Kontraindikationen wie:
44nicht kurativ behandelte Malignome (anamnestisch oder
akut),
44HIV,
44nicht behandelbare Infektionen (Tollwutinfektion,
Creutzfeldt-Jakob),
44therapierefraktäre Sepsis.
435
19.4 · Die Operation zur Entnahme von Organen
Alle aufgeführten Maßnahmen dienen dem Schutz des Or
ganempfängers vor übertragbaren Erkrankungen durch den
Organspender.
19.4
Die Operation zur Entnahme
von Organen
Die Voraussetzung für die Planung und Durchführung einer
Entnahmeoperation in einem Krankenhaus ist die Meldung
des Organspenders an die Vermittlungsstelle Eurotransplant
und die erfolgreiche Vermittlung der gemeldeten Organe an
die Empfänger auf der Warteliste. Vor der Meldung an Euro
transplant (ET) muss die Erfassung aller rechtlich und medi
zinisch relevanten Daten, die für eine Organspende und Or
ganvermittlung notwendig sind, erfolgen. Diese Datenerfas
sung wird durch einen Mitarbeiter der Koordinierungsstelle
(Koordinator) der Deutschen Stiftung Organtransplantation
(DSO) auf der Intensivstation des Krankenhauses durchge
führt. Die Daten umfassen:
44Protokolle der abgeschlossenen Diagnostik zur Feststel
lung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls nach der
Richtlinie der Bundesärztekammer,
44Todesbescheinigung,
44Dokumentation des Einverständnisses zur Organ
spende,
44bei nicht natürlicher oder ungeklärter Todesursache:
Freigabe des Leichnams durch die zuständige Staatsan
waltschaft,
44Anamneseerhebung des Organspenders,
44Dokumentation des aktuellen Krankheitsgeschehens seit
Aufnahme ins Krankenhaus: Diagnosen, Medikation,
Monitoringparameter,
44Funktionsdiagnostik zur Beschreibung der Organ
funktionen,
44Blutgruppe des Organspenders,
44kumulierte Laborwerte,
44virologische Untersuchung (über DSO).
Ist diese Erfassung abgeschlossen, wird durch den anwesen
den Koordinator der DSO und die verantwortlichen Mitar
beiter des Krankenhauses (Anästhesie, OP) in gemeinsamer
Abstimmung ein Zeitpunkt für den Beginn der Entnahme
operation festgelegt. Der notwendige Zeitumfang der Organ
vermittlung durch ET bestimmt hauptsächlich den Zeitpunkt
des OP-Beginns. Bei einer rein abdominellen Organentnah
me sind dies drei Stunden, bei Vermittlung von thorakalen
und abdominellen Organen sind dies etwa sechs Stunden bis
zum Hautschnitt. Der geplante OP-Beginn wird zusammen
mit den o. g. Daten an Eurotransplant übermittelt. Bei der
Planung des Zeitpunkts werden OP-Kapazität der Klinik,
Umfang der geplanten Entnahme, medizinische Faktoren
und die Wünsche der Angehörigen des Organspenders eben
falls berücksichtigt.
Erst nach dieser Meldung an Eurotransplant beginnt die
Suche nach möglichen Organempfängern und die Informa
tionsweitergabe an die Transplantationszentren durch ET.
Falls es eine Veränderung des ursprünglichen Zeitplans gibt,
wird dies durch den Koordinator der DSO mit den Mitarbei
tern der Klinik besprochen und abgestimmt. Änderungen
können sich sowohl durch klinikinterne Faktoren ergeben
(z .B. fehlende OP-Kapazität, Kreislaufinstabilität des Spen
ders), als auch durch externe Faktoren (z. B. Verlängerung der
Organvermittlung, logistische Probleme) entstehen.
Wichtig für alle Beteiligten ist dabei, die Kommunika
tionswege festzulegen und die Ansprechpartner auf dem ak
tuellen Stand zu halten. Bei einer Entnahmeoperation werden
nur Organe entnommen, für die ein Einverständnis zur Ent
nahme vorliegt und für die es einen durch ET vermittelten
Empfänger gibt. Liegt kein Einverständnis vor oder ist kein
geeigneter Empfänger ermittelbar, verbleibt das Organ im
Körper des Verstorbenen.
19.4.1
OP-Vorbereitung
OP-Personal
Alle relevanten Informationen zur Entnahmeoperation wer
den zwischen dem anwesenden Koordinator und den Mitglie
dern des OP-Teams vorbesprochen. Aus der OP-Abteilung
sind ein Mitarbeiter des OP-Teams zum Instrumentieren der
Operation und ein Springer erforderlich. Die Besprechung
mit dem Koordinator der DSO vor der Einschleusung des
Organspenders umfasst:
44Informationen zur Feststellung des Todes und der
Einwilligung zur Organspende,
44Informationen zu Wünschen und Festlegungen der
Angehörigen,
44ggf. staatsanwaltliche und rechtsmedizinische Auflagen,
44Überblick zur Organvermittlung,
44zeitlicher Ablauf der Entnahmeoperation,
44Informationen zu den erwarteten Entnahmeteams:
55was bringen die Teams an Material mit?
44Informationen zu benötigtem Material und OP-Sieben
aus der Klinik,
44Vorgehen am Ende der Entnahme-OP,
44postoperative Versorgung des Verstorbenen.
Die Operation sollte möglichst in einem ausreichend großen,
gut erreichbaren Operationssaal stattfinden, der mit einem
entsprechenden Vorbereitungs- oder Einleitungsraum ausge
stattet ist. Da es möglich ist, dass bei einer Multiorganentnah
me bis zu vier externe chirurgische Teams mit Entnahmema
terial in den OP kommen, ist entsprechend viel Platz im OP
und in den Vorräumen des OP-Saals von großem Vorteil für
den Ablauf der Operation.
OP-Siebe und Material
Das Entnahmeteam bringt meist folgende Instrumente mit
(. Abb. 19.4, . Abb. 19.5):
44Sperrer abdominal,
44Sperrer thorakal,
44Sternummeißel und Hammer sowie
44evtl. Gefäßsieb, Gefäßklemmenset.
19
436
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
..Abb. 19.6 Vorbereiteter OP-Saal zur Entnahmeoperation. (Mit
freundlicher Genehmigung des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum)
..Abb. 19.4 Abdomineller Sperrer. (Mit freundlicher Genehmigung
des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum)
Das Krankenhaus stellt folgende Instrumente zur Verfü
gung:
44Grundsieb, Laparotomiesieb, (evtl. Gefäßsieb),
44zwei Sauger (ein Siebsauger) mit 15–20 L Kapazität,
44Instrumententische nach dem Standard der Entnahme
klinik,
441–2 sterile Tische für die Nachpräparation und Ver
packung der Organe,
442–4 große Schüsseln (nicht gewärmt).
Den vorbereiteten OP-Saal zur Entnahmeoperation zeigt
. Abb. 19.6.
a
19
Benötigte Mitarbeiter bei einer Explantation im OP sind:
44Intern:
55Anästhesie: Anästhesist und Anästhesieassistenz,
55OP-Team (OTA/OP-Pflege): Instrumentant und
Springer;
44Extern:
55Team für die abdominelle Entnahme (2–3 Ärzte +
Perfusionist),
55Team für die Herzentnahme (1–2 Ärzte +
Perfusionist),
55Team für die Lungenentnahme (1–2 Ärzte +
Perfusionist),
55ggf. Team für die Entnahme des Dünndarms
(1–2 Ärzte + Perfusionist),
55Koordinator der DSO.
Das Entnahmeteam
b
..Abb. 19.5a, b Entnahmesieb. (Mit freundlicher Genehmigung des
Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum)
Das mitgebrachte Material eines Teams umfasst die notwen
digen Medikamente, Konservierungslösungen, sterile Verpa
ckungen/Einmalmaterialien und Transportboxen für das je
weilige Organ. Der Operateur ist am Situs für die Beurteilung
des Organs, für die vorbereitende Präparation und Entnahme
des Organes/der Organe zuständig. Der Perfusionist eines
Teams ist im unsterilen Bereich für die Vorbereitung der spe
437
19.4 · Die Operation zur Entnahme von Organen
zifischen Konservierungslösung, der dazugehörigen Spülsys
teme und die Durchführung der Perfusion (Durchspülen des
Organs mit 4°C kalter Konservierungslösung) des Organs/der
Organe verantwortlich. Die notwendigen Materialien werden
durch den Perfusionisten an den instrumentierenden Mitar
beiter des OP-Teams abgegeben. Nach Entnahme des Organs
und steriler Verpackung durch den Operateur, nimmt der
Perfusionist das jeweilige Organ entgegen und verpackt das
Organ in einer Transportbox.
Das abdominelle Entnahmeteam besteht in Deutschland
aus Ärzten eines regionalen Transplantationszentrums aus
der Nähe des Krankenhauses, in dem die Entnahme stattfin
det. Diese Ärzte führen, unabhängig von der vorherigen Ver
mittlung der abdominellen Organe, die Explantation im Auf
trag der DSO aus.
Die Teams für die thorakale Organentnahme kommen
aus den Zentren, in denen sich die jeweiligen Empfänger
befinden. Durch internationale Zusammenarbeit im Euro
transplant-Bereich ist es möglich, dass die Entnahme
teams für Herz, Lunge oder Dünndarm aus dem Ausland
kommen.
Vor der Organentnahme
55 Verantwortlich für den gesamten Prozess und
den Ablauf der Entnahme ist der Koordinator der
DSO. Verantwortlicher Operateur ist der Leiter
des abdominellen Entnahmeteams.
55 Ein Team-Time-Out anhand der «Sicherheits-Checkliste Organentnahme» der DSO findet vor dem
OP-Beginn statt. Dies umfasst:
–– Bestätigung der Spenderidentität,
–– Protokolle der Todesfestellung und Todes
bescheinigung,
–– Einverständnis zur Organentnahme,
–– Blutgruppe des Organspenders,
–– virologische Befunde,
–– Funktionsdiagnostik und
–– Laborwerte.
55 Erst nach dieser gemeinsamen Überprüfung und der
Unterschrift des Anästhesisten, der chirurgischen
Teamleiter und des Koordinators auf der SicherheitsCheckliste beginnt die Entnahmeoperation.
Das Anästhesieteam
Die Aufgaben des Anästhesieteams bestehen in Übernahme
des Organspenders von der Intensivstation und den Trans
port in den OP. Hier ist die Kreislaufstabilisierung und Be
atmung bis zur Perfusion der Organe erforderlich.
Zur Abschirmung von spinalen Reflexen und vegetativen
Reaktionen im Rahmen der Entnahmeoperation ist die Gabe
von Opioiden und Relaxanzien indiziert.
Dies stellt keine Narkose dar, da das Gehirn als Zielorgan
der Narkose in seiner Funktion nicht mehr existiert. Bei einer
Herzentnahme muss durch die Anästhesie evtl. der ZVK
zurückgezogen werden. Bei einer Lungenentnahme ist das
Weiterführen der Beatmung und die Zusammenarbeit mit
dem Lungenteam bis zum Absetzen der Trachea und der Ent
nahme der Lunge erforderlich.
19.4.2
Ablauf der Entnahmeoperation
Der Ablauf einer (Multi)organentnahme beginnt mit der
Hautdesinfektion und sterilen Abdeckung. Die Operation er
folgt in Rückenlage mit Auslagerung beider Arme. Besonder
heiten, die sich durch Voroperationen (z. B. Drainagen, Sto
mata), Verletzungen oder Vorerkrankungen ergeben, werden
vor Beginn der Hautdesinfektion und Abdeckung mit dem
Leiter des abdominellen Entnahmeteams besprochen. Je nach
Umfang der geplanten Entnahme wird abdominell (Sym
physe bis Mamillen) oder abdominell und thorakal (Sym
physe bis Jugulum) desinfiziert und abgedeckt. Die sterile
Abdeckung richtet sich nach den Standards der Entnahme
klinik in Abstimmung mit dem Leiter des abdominellen
Teams. Durch das abdominelle Team erfolgen dann der Haut
schnitt und die vorbereitende Präparation.
Bei einer rein abdominellen Organentnahme wird oft nur
eine mediane Laparotomie durchgeführt. Bei einer geplanten
Entnahme von thorakalen und abdominellen Organen erfolgt
eine mediane Laparotomie und Sternotomie.
Die vorbereitende Präparation umfasst die Inspektion
des gesamten Situs mit der Identifikation und Beurteilung
von:
44Tumorzeichen, Entzündungszeichen, Verletzungen,
Hämatomen, Ödemen,
44anatomischen Besonderheiten,
44makroskopische Organqualität,
44Identifikation und Präparation der relevanten Organund Gefäßstrukturen,
44ggf. Entnahme von Biopsien (histopathologische Unter
suchung durch DSO),
44Übermittlung makroskopischer Befunde an Empfänger
zentren.
Die thorakalen Entnahmeteams treffen, nachfolgend zu dem
abdominellen Team, etwa 45–60 Minuten später im OP ein.
Nach der vorbereitenden abdominellen Präparation erfolgt
die thorakale Präparation durch die jeweiligen Teams. Durch
das Lungenteam wird meist noch eine Bronchoskopie durch
geführt, bevor der Operateur das Organ im OP-Situs beurteilt
und zur Entnahme vorbereitet.
j
jVorbereitende Präparation Herz
44Eröffnung des Perikards,
44Beurteilung der Organqualität (Kontraktionsverhalten,
Größe, Beschaffenheit der Koronarien),
44Präparation und Anschlingen der V. cava superior,
44Präparation der Aorta ascendens,
44Kanülierung der Aorta ascendens und Vorbereitung
des Perfusionssystems für das Herz inkl. der Abgabe der
notwendigen sterilen Materialien an den Instrumentie
renden.
19
438
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
j
jVorbereitende Präparation Lunge
44Eröffnung der Pleura beidseits,
44Suche nach Minderventilationsarealen,
44evtl. Recruitment-Manöver (Inspiration zur Verbesse
rung der Oxygenierung),
44ggf. weitere intraoperative Blutgasanalysen aus Pulmo
nalvenen,
44Beurteilung der Organqualität (Emphysem, Lungen
gewicht, Kontusion, Infektion),
44Präparation des Truncus pulmonalis, bzw. der Aa. pul
monales,
44Freilegung und Anschlingen der Trachea mindestens
4 cm oberhalb der Carina tracheae,
44Kanülierung des Truncus pulmonalis und Vorbereitung
des Perfusionssystems für die Lunge inkl. der Abgabe der
notwendigen sterilen Materialien an den Instrumentie
renden.
..Abb. 19.7 Vorbereitete Schüsseln mit Eis und Spüllösung im Back
table-Bereich. (Mit freundlicher Genehmigung der DSO)
j
jVorbereitende Präparation abdominal
44Freilegung und Anschlingen der infrarenalen Aorta, der
Aortenbifurkation und der Aa. femorales,
44Freilegung und Anschlingen der Aorta descendens ober
halb des Truncus coeliacus,
44Freilegung des Leberhilus und Anschlingen der Pfort
ader,
44Freilegung und Anschlingen der renalen Gefäße und der
Ureter beidseits,
44Freilegung infrarenale V. cava,
44Kanülierung der infrarenalen Aorta abdominalis oberhalb
der Aortenbifurkation (selten Kanülierung einer Femoral
arterie) und Vorbereitung des Perfusionssystems für die
abdominelle Perfusion inkl. der Abgabe der n
otwendigen
sterilen Materialien an den Instrumentierenden.
19
Vor der Perfusion der Organe werden auf den zusätzlich vor
bereiteten sterilen Tischen (sog. Backtable-Bereich; . Abb.
19.7) die sterilen Schüsseln mit der mitgebrachten gekühlten
NaCl 0,9%- oder Ringer-Lösung befüllt. In diese Lösung wird
zusätzlich steriles Eis eingebracht, welches vorher durch die
Mitarbeiter des Teams in Form von gefrorenen, steril ver
packten NaCl-0,9%-Beuteln angegeben wird. Die Vorberei
tung der Lösung und das Zerkleinern des gefrorenen Eises
erfolgt durch ein Mitglied des Entnahmeteams (. Abb. 19.8).
Die vorbereitete eiskalte Lösung dient zuerst zur direkten
Kühlung der Organe im OP-Situs während der Perfusion der
Organe. Im weiteren Verlauf werden die Organe nach der
Entnahme in diese mit Eiswasser gefüllten Schüsseln gelegt,
bis sie verpackt werden können.
Perfusion der Organe
Die Perfusion ist das Durchspülen der Organe mit einer spe
zifischen, gekühlten Konservierungslösung. Die verwendeten
Lösungen unterscheiden sich in ihrer Anwendung für das
jeweilige Organ. Bei Entnahme von Herz, Lunge und abdomi
nellen Organen werden im unsterilen Bereich die entspre
chenden Perfusionslösungen vorbereitet und durch Anrei
chen des jeweiligen Perfusionssystems aus dem sterilen Be
..Abb. 19.8 Sterile Schüssel, Perfusionssystem und Beutelset zur
Organverpackung. (Mit freundlicher Genehmigung der DSO)
reich verbunden. Danach werden die Systeme entlüftet und
mit den eingebrachten Perfusionskanülen verbunden. Dies
geschieht in Zusammenarbeit von Perfusionist und Opera
teur des jeweiligen Teams.
j
jAblauf der Perfusion
44Heparingabe: 300 IE/kg KG intravenös ca. 3 min
vor Beginn der Perfusion durch die Anästhesie nach
Abstimmung mit den anwesenden Teams;
44Ligatur der rechten und linken A. iliaca communis;
44Crossclamp:
55Abklemmen der Aorta ascendens vor dem Abgang
des Truncus brachiocephalicus,
55Abklemmen der Aorta infradiaphragmal oberhalb
des Truncus coeliacus.
44Paralleler Start der abdominellen, aortalen und thora
kalen Perfusion für Herz und Lunge.
44Entlastung des venösen Kreislaufs:
55thorakal über Inzision des rechten Vorhofs und des
linken Herzohrs,
55abdominell über Inzision der V. cava inferior infrarenal.
44Verschluss der V. cava inferior unterhalb der Entlas
tungsinzision.
439
19.4 · Die Operation zur Entnahme von Organen
..Abb. 19.9 Backtable-Präparation einer Niere. (Mit freundlicher Genehmigung der DSO)
In diesem Moment ist eine hohe Saugerkapazität unbedingt
erforderlich. Die Menge an Perfusionslösungen beträgt bei
einer Multiorganentnahme gesamt ~15–20 L. Dazu kommt
das vorher vorbereitete Eiswasser zur topischen Kühlung der
Organe im OP-Situs und das ausgespülte Blut aus den Orga
nen. Die gesamte Menge kann ~20–25 L in 10–15 min be
tragen.
Entnahme der einzelnen Organe
Die nachfolgende Entnahme der Organe richtet sich nach der
Ischämietoleranz der einzelnen Organe. Bei einer Multior
ganentnahme werden zuerst thorakal das Herz und dann die
Lunge entnommen. Das abdominelle Team wartet in diesem
Zeitraum bis thorakale Entnahme abgeschlossen ist. Die tho
rakalen Teams verlassen nach Entnahme und Verpackung des
Organs den OP sofort, damit die Ischämiezeiten der thoraka
len Organe möglichst kurz bleiben.
j
jVerpackung der Organe
Die Verpackung der Organe erfolgt in drei sterilen Plastik
beuteln. Diese Verpackungssets werden intraoperativ vor der
Entnahme steril für jedes Organ angereicht. In den ersten
Beutel kommt das jeweilige Organ mit der entsprechenden
Perfusionslösung. Dieser Beutel wird mit Bändern aus diesem
Set verschlossen und in den zweiten Beutel gelegt. Der zwei
te Beutel wird mit gekühlter NaCl 0,9% oder Ringer-Lösung
befüllt und wiederum verschlossen in den dritten Beutel ge
legt. Nach Verschluss des dritten Beutels gibt der Operateur
das verpackte Organ aus dem sterilen Bereich an ein Mitglied
seines Teams ab, der das Organ in einer mit Flockeneis gefüll
ten Box für den Transport vorbereitet.
Wenn die thorakalen Teams Herz und Lunge entnommen
haben, wird durch das abdominelle Team die Entnahme der
Bauchorgane fortgesetzt. Die Entnahme erfolgt in der Rei
henfolge: Leber – Pankreas – Nieren.
Die sehr seltene Entnahme des Dünndarms zur Trans
plantation erfolgt entweder parallel zur thorakalen Entnahme
oder sogar noch vor der Entnahme von Herz und Lunge in
Absprache mit den beteiligten Entnahmeteams.
Nachdem die Organe entnommen sind, wird durch ein
Mitglied des abdominellen Teams die sogenannte Backtable-
..Abb. 19.10 Verpackung eines Organs. (Mit freundlicher Genehmigung der DSO)
Präparation und Verpackung der Organe durchgeführt
(. Abb. 19.9 und . Abb. 19.10). Dies umfasst eine Nachprä
paration relevanter Organ - und Gefäßstrukturen, evtl. noch
malige Spülung des Organs mit Perfusionslösung, Beurtei
lung der Organ- und Perfusionsqualität, Beschreibung der
Gefäßversorgung und anatomischen Besonderheiten des ein
zelnen Organs. Diese gesammelten Informationen werden
durch den Koordinator der DSO im sog. «Organreport»
dokumentiert, der obligat für jedes Organ mit dem Organ
zusammen verschickt wird.
Die verpackten Organe werden zur Identifikation von
außen am dritten Beutel mit der (anonymen) ET-Nummer
des Organspenders und der anatomischen Zuordnung (z. B.
rechte Niere) markiert. Während der Phase der Nachpräpara
tion und Verpackung durch den Operateur werden durch den
zweiten Operateur des abdominellen Teams iliakal Arterien
und Venen entnommen. Diese Gefäße werden ggf. aufgeteilt
und mit Pankreas und Leber mitgegeben. Diese mitgegebe
nen Gefäße dienen bei der Implantation der Organe zur evtl.
notwendigen Verlängerung bei der Anastomosierung der
efäßversorgung.
G
Alternativ zu der vorher beschriebenen hypothermen Or
gankonservierung gibt es erste klinische Studien zur normo
thermen, maschinellen Organkonservierung. Dies umfasst
insbesondere die Vorbereitung des Perfusionsgerätes und die
Verbindung des jeweiligen Organs mit dem Konservierungs
system im Operationssaal.
Nach der Entnahme der Gefäße wird der Operationszu
gang durch das abdominelle Team versorgt. Ein mehrschich
19
440
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
tiger Wundverschluss wird durchgeführt. Falls der Thorax
eröffnet wurde, wird der knöcherne Teil zuerst mit kräftigem
Nahtmaterial oder Drahtcerclagen adaptiert. Nachfolgend
wird die Operationswunde peritoneal, subkutan und kutan
unter Anwendung der üblichen Nahttechniken verschlossen.
Am Verstorbenen werden dann alle Zugänge, Drainagen
und Katheter entfernt und mit einem adäquaten Wundver
band versorgt. Der Körper wird gesäubert und von Rückstän
den der Hautdesinfektion befreit. Evtl. verbliebene Klebstoff
reste von Wundauflagen oder Katheter- und Tubusfixierun
gen werden entfernt. Die Operationswunde wird mit einem
Wundverband nach Standard der Klinik abgedeckt.
Nachdem die komplette Versorgung des Verstorbenen
abgeschlossen ist, bestätigen der verantwortliche Entnahme
chirurg, das beteiligte OP-Personal und der DSO-Koordi
nator den fachgerechten Wundverschluss, die Säuberung
und Versorgung des Verstorbenen sowie die Entfernung von
Kathetern und Zugängen mit ihrer Unterschrift auf der
Sicherheits-Checkliste der DSO.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Kap. 19
>>Eine Ausnahme stellt die Beschlagnahmung des Ver-
Deutsche Stiftung Organtransplantation (2016) Leitfaden für die
Organspende, 4. überarbeitete . Aufl. Frankfurt/Main
Hamilton D (2012) A History of Organ Transplantation. University of
Pittsburgh, ISBN 978-0-8229-4413-3
Opelz G (2011) CTS Collaborative Transplant Study, www.ctstransplant.
org
Reis F (2004) Die Organentnahme – notwendige Voraussetzung für eine
erfolgreiche Transplantation Intensiv 12: 229–235
Wirges U, Smit H, Meyer S, Wilhelm W (2013) Hirntoddiagnostik und
Organspende. In: Wilhelm W (Hrsg.) Praxis der Intensivmedizin,
2. Aufl. Springer, Heidelberg Berlin
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer (2015) Richtlinie
gemäß § 16 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 TPG für die Regeln zur Feststellung des
Todes nach § 3 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 TPG und die Verfahrensregeln zur
Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach
§ 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG, Vierte Fortschreibung. Deutsches Ärzteblatt
30. März 2015 DOI: 10.3238/arztebl.2015.rl_hirnfunktionsausfall_01
Wunderlich H (2011) German Procurement Guidelines. Transplant International 24: 733–757 (http://onlinelibrary.wiley.com/
doi/10.1111/j.1432-2277.2011.01266.x/pdf )
storbenen durch die Staatsanwaltschaft/Rechtsmedizin dar. Hier kann es vorkommen, dass alle Zugänge,
Drainagen und Katheter zum OP-Ende belassen werden müssen.
19
Eine adäquate Versorgung des Verstorbenen erfolgt dann
ohne die Entfernung der genannten Fremdmaterialien. Da
nach wird der Verstorbene in vorher besprochener Art entwe
der in geeignete Räumlichkeiten (Intensivstation, Verabschie
dungsraum) gebracht, in denen die Angehörigen sich von
dem Verstorbenen verabschieden können, oder der Verstor
bene wird in die Prosektur/Pathologie der Klinik gebracht.
Der Koordinator der DSO unterstützt das Klinikpersonal bei
der postoperativen Versorgung und dem Transport.
Die erfassten OP-Daten werden dann zum Ende der OP
durch den Koordinator der DSO an Eurotransplant übermit
telt. Parallel dazu werden die Organe, durch die DSO organi
siert, in die entsprechenden Transplantationszentren der
Empfänger transportiert.
Nach einer Organentnahme in einer Klinik besteht die
Möglichkeit einer Nachbesprechung des gesamten Ablaufs
mit dem DSO-Koordinator. In jedem Fall wird das beteiligte
Personal des Krankenhauses mit einem Brief des Koordina
tors über die Ergebnisse der Transplantation informiert. Die
Angehörigen des Organspenders erhalten ebenfalls einen
Brief, der eine Danksagung und Würdigung ihrer Entschei
dung umfasst und sie in anonymisierter Form über den Ver
lauf der Transplantationen informiert.
55 Welche zwei Voraussetzungen sind in Deutschland
für die Durchführung einer Organspende zwingend
erforderlich?
55 Welche internationale Organisation ist in Deutschland für die Vermittlung von Spenderorganen an die
Organempfänger zuständig?
55 Nennen Sie die an einer Vorbereitung und Durchführung einer Organtransplantation beteiligten Abteilungen und Bereiche in einem Krankenhaus.
55 Welche besonderen Maßnahmen zur Konservierung
der Organe werden während der Entnahmeoperation
durchgeführt?
55 Bitte nennen Sie mindestens fünf Allokationskrite
rien, nach denen Organe während der Zuteilung an
die Empfänger vermittelt werden.
Literatur
Gesetzestext
Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen
(Transplantationsgesetz, TPG) «Transplantationsgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 04.09.2007 (BGBl. I S. 2206), das
durch Artikel 5d des Gesetzes vom 15.07.2013 (BGBl. I S. 2423)
geändert worden ist»
441
Spezielle Aufgaben der
OTAs außerhalb des OPs
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 20
Ambulanz bzw. Notfallaufnahme – 443
Maret Auerbach, Robert Buder, Jochen Kircheis,
Roskana Ressmann, Martina Stegers, Margret Liehn,
Gert Liehn
Kapitel 21
Endoskopie – 469
Silvia Maeting, Christine Besser
Kapitel 22
Zentrale Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) oder
Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte (AEMP) – 479
Klaus Dieter Harmel
Kapitel 23
Anästhesie – 495
Tobias Horlacher, Gert Liehn
III
443
Ambulanz bzw. Notfallaufnahme
Maret Auerbach, Robert Buder, Jochen Kircheis, Roskana Ressmann, Martina Stegers,
Margret Liehn, Gert Liehn
20.1
Zentrale Notaufnahme
20.1.1
20.1.2
20.1.3
20.1.4
20.1.5
20.1.6
Der erste Eindruck zählt – 444
Räumliche Voraussetzungen – 445
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