Mikroinstrumentarium (Mikroschere, Mikropinzette, Mikronadelhalter) gearbeitet. Eine Myrtenblattsonde und Hegar-Stifte
werden bereitgelegt. Die Blutstillung erfolgt nur bipolar! In
der Regel wird ein suprapubischer Katheter eingelegt und mit
einer Naht fixiert. Die Glans wird mit einem kräftigen Haltefaden versehen. Zur Stabilisierung der neu gebildeten Harnröhre wird immer ein Silikonkatheter (Boyle-Katheter) retrograd eingelegt und 1 cm über der Glans abgeschnitten.
j
jOP bei koronarer oder glandulärer Hypospadie
Bei der operativen Behebung der koronaren und glandulären
Form wird die Harnröhrenenge mit Hegar-Stiften gedehnt.
Dann erfolgt die zirkuläre Umschneidung des Meatus.
Für die glanduläre Form wird eine neue Urethra gebildet:
Operation nach Duckett (MAGPI = «meatal advancement
and glanuloplasty») oder nach Snodgrass. Dafür werden zwei
parallele Schnittführungen an der Mittellinie nach proximal
gesetzt und die Urethra nach proximal ausgelöst. Bei einem
geraden, gestreckten Penisschaft liegen keine derben Chordastränge vor, ein gebogener Penis muss operativ gestreckt werden (Chorda = Strang). Die Urethra wird soweit mobilisiert,
bis sie an die Harnröhrenmündung heranreicht. Über einen
transurethralen Silikon-Schienungskatheter wird die Naht
der Glans zweischichtig geführt. Zum Schluss erfolgt die Entfernung der hypertrophen, an der Unterseite gespaltenen Vorhaut. Der zirkuläre Wundverband wird mit einem SilikonGaze-Mull-Verband gestützt.
j
jOP bei penoskrotaler Hypospadie
Bei der penoskrotalen Form liegt immer eine ausgeprägte
Schaftkrümmung und Teilung des Skrotums vor. Nach der
Umschneidung der Urethralrinne wird der Penisschaft komplett zirkulär bis zur Schaftbasis ausgelöst. Dorsal wird das
innere Präputialblatt 2 mm proximal des Sulcus coronarius
durchtrennt. Zeigt es sich, dass eine Aufrichtung durch eine
Chordaresektion nicht ohne Durchtrennung der Urethralfurche möglich ist, wird diese in der Schaftmitte durchtrennt.
Erst danach gelingt durch eine weitere Chordaresektion eine
weitgehende Schaftaufrichtung. Zur Komplettierung wird
dorsal eine Faszienraffung durchgeführt (Modifikation nach
Nesbit). Eine artifizielle (künstliche) Erektion zeigt das Aufrichtungsergebnis.
Aus der dorsalen Präputialschürze wird ein rechteckiger,
gestielter Lappen freipräpariert, der über den zuvor urethral
eingeführten Silikon-Schienungskatheter tubularisiert wird
(es wird eine Art Tunnel um den Katheter genäht, fortlaufend
mit sehr dünnen Nähten), der Lappen wird umgeschlagen
und eingenäht.
Die Glans wird Y-förmig inzidiert, dabei wird die Ure
thralfurche mittig vertieft und der tubularisierte Lappen im
Glansbereich eingenäht. Da für die Deckung in zweiter
Schicht jetzt kein dorsaler Subkutanlappen zur Verfügung
steht, wird von proximal das linke Skrotum subkutan präpariert und die Tunika vaginalis des linken Hodens freipräpariert, bis dieser Lappen als zweite Schicht zur Deckung fixiert
werden kann. Die überschüssige Vorhaut wird zur seitlichen
Hautdeckung genutzt. Zum Verband wird ein Salben-GazeMull-Verband angelegt.
18.2.13
Wilms-Tumor
Dieser angeborene, bösartige Tumor der Niere ist ein Tumor,
der drei Gewebearten betrifft, deshalb wird er Mischtumor
genannt. Die fünf Stadien dieses Tumors reichen von der Beschränkung auf eine Niere bis zum Stadium 5, wenn beide
Nieren betroffen sind und Fernmetastasen bestehen. Die betroffenen Kinder fallen meistens im Alter zwischen drei und
fünf Jahren durch einen vorgewölbten Bauch auf, der Tumor
ist bereits tastbar. Schmerzen, Übelkeit mit Erbrechen und
Fieber können manchmal begleitend sein. Häufig zeigen die
Kinder aber keine Symptome, sodass zum Zeitpunkt der
Diagnose der Tumor weit fortgeschritten ist. Begleitende Erkrankungen sind manchmal Fehlbildungen der Harnröhre
oder des Auges, die Ursache ist unbekannt.
Die Verdachtsdiagnose wird über eine Sonographie und
ein MRT gesichert. Eine Knochenszintigraphie gibt Aufschluss über Metastasen im Skelettsystem. Der Wilms-Tumor
muss operativ entfernt werden, ansonsten ist die Prognose für
diese Kinder sehr schlecht. Um den Tumor zu verkleinern,
wird im Vorfeld der Operation eine Chemotherapie durchgeführt. Bei dem operativen Eingriff wird die Niere entfernt,
ggf., je nach Stadium, wird benachbartes Gewebe sowie
Lymphknoten in die Resektion einbezogen. Sind Fernmeta
stasen vorhanden, wird postoperativ eine Chemotherapie
durchgeführt.
18.2.14
Hydrozephalus
Der Hydrozephalus, im Volksmund auch «Wasserkopf» genannt, bezeichnet eine Erweiterung der Liquorräume (Ven
trikel, 7 Abschn. 15.1), sodass Hirngewebe verdrängt wird.
Diese Erkrankung kann angeboren oder erworben sein.
Wir unterscheiden den inneren (Hydrozephalus internus)
vom äußeren (Hydrozephalus externus) Hydrozephalus.
44Hydrozephalus internus: Die Abflusswege des Liquors
(Gehirnwasser) sind aufgrund angeborener Verschlüsse
durch Tumoren und Zysten nicht durchgängig und der
18
426
Kapitel 18 · Kinderchirurgie
Liquor, der ständig produziert wird, staut sich in den
Ventrikeln.
44Hydrozephalus externus: Überstandene Hirnhautentzündungen (durch Viren oder Bakterien) oder Blutungen
im Gehirn können zu einer Erweiterung des Raumes
unterhalb der Arachnoidea (Spinngewebshaut) führen.
Stehen Bildung und Resorption des Liquors nicht in einem
ausgewogenen Verhältnis zueinander, kann es zu einem
Hydrozephalus kommen, weil entweder zu viel Liquor ge
bildet oder zu wenig resorbiert wird.
Bei Kindern wird der noch weiche, verformbare Schädel
ballonartig erweitert, die Stirn wölbt sich nach vorn. Entsteht
der Hydrozephalus, wenn die Schädelnähte schon verknöchert sind, steigt der Druck im Gehirn so massiv an, dass
Hirngewebe verdrängt wird. Die dann auftretenden Symp
tome sind Kopfschmerzen, Erbrechen, Nackensteifigkeit und
Krampfanfälle.
Ist im Vergleich zum Körper der Kopf zu groß, beginnt
die Diagnostik primär mit dem regelmäßigen Messen des
Umfangs des Kopfs. Eine Ultraschalluntersuchung kann bei
Säuglingen über die offene Fontanelle erfolgen, später wird
eine CT oder MRT Aufschluss geben.
Ein Hydrozephalus muss korrigiert werden, um das Schädelwachstum zu normalisieren und um eine Schädigung des
Gehirngewebes durch den Druckanstieg zu vermeiden. Das
gelingt über eine operative Ableitung des Liquors über ein
Silikon-Schlauchsystem, entweder über eine Vene in den
rechten Herzvorhof oder in den intraperitonealen Raum.
Letzteres hat sich als Verfahren etabliert.
j
jVentrikulo-peritoneale Shuntanlage
18
Die Anlage eines ventrikulo-peritonealen Shuntsystems ist
ein Eingriff, der mit hohen Infektionsrisiken belastet ist.
Deshalb sind die Kinder ständig einer Antibiotikaprophylaxe
ausgesetzt. Da Folgeoperationen zu erwarten sind, wird
der Eingriff latexfrei durchgeführt.
Um den Liquor aus einem Seitenventrikel in den Bauchraum ableiten zu können, benötigen wir ein Ableitungssystem, das einen Schlauch in den Ventrikel beinhaltet, wie auch
einen längeren Schlauch, der in den Bauchraum führt. Damit
es nicht zum Überlaufen des Systems kommt, enthält dieses
ein Ventil, das verhindert, dass gar kein Liquor mehr im Ventrikel verbleibt oder das abgeleitete Hirnwasser aus dem
Bauchraum zurückfließt.
>>Diese Operation muss unter absolut aseptischen
Bedingungen erfolgen, deshalb an erster Stelle des
Tagesprogramms.
Das Kind wird nach der Narkose auf dem Rücken gelagert,
der Kopf durch eine Gelrolle im Nacken leicht überstreckt
und nach links gedreht.
Wir bereiten neben dem Grundinstrumentarium die In
strumente vor, die wir für eine Schädeleröffnung benötigen
(7 Kap. 15). Dabei ist zu bedenken, dass ein Trepan für einen
Säuglingsschädel nicht benötigt wird, ein Handbohrer mit
einem Rosenbohreransatz genügt. Wir benötigen eine Dura-
..Abb. 18.9 Ventrikelpunktionsnadel nach Cushing
schere und eine Ventrikelpunktionsnadel nach Cushing
(. Abb. 18.9). Mit einem Tunnellierungsinstrument kann der
Bauchschlauch unter der Haut zum Bauch gezogen werden.
Der Shunt wird erst steril bereitgestellt, wenn der Kopf und
der Bauch eröffnet sind.
>>Dabei ist zu beachten, dass das System keinesfalls mit
den Handschuhen angefasst werden darf, sondern ausschließlich mit Instrumenten, es nie auf der Haut abgelegt werden darf und nur feuchte Textilien zum Tupfen
benutzt werden dürfen.
Die Blutstillung erfolgt bipolar.
Nach der Hautdesinfektion und der sterilen Abdeckung
des Kopfs und des Bauchraums erfolgt das standardisierte
Team-Time-Out. Danach wird mit zwei Teams gleichzeitig
der Schädel über dem Seitenventrikel eröffnet und der Bauchraum unterhalb des Sternums. Hinter dem Ohr wird ebenfalls
eine Inzision durchgeführt. Nun wird das Shuntsystem angefordert und angereicht.
Am Schädel wird die Kalotte aufgebohrt, evtl. entstehende
Blutungen werden mit Knochenwachs gestillt (7 Kap. 15). Die
Dura wird in Form eines Kreuzes inzidiert. Mit der CushingNadel wird der Ventrikel punktiert und Liquor fließt ab. Der
Ventrikelkatheter wird statt der Nadel eingeführt. Nun wird
der Liquordruck gemessen und ein Milliliter zur bakteriologischen Untersuchung gewonnen. Das Ventil wird an den
Ventrikelkatheter angeschlossen. Der Bauchschlauch wird
subkutan hinter dem Ohr über den Hals in die Peritoneal
höhle geleitet. Nun kann das Ventil mit dem Bauchschlauch
konnektiert werden, in einer Subkutantasche der Schädelhaut
platziert und der Peritonealraum verschlossen werden. Alle
Konnektionsstellen werden zusätzlich mir einer geflochtenen,
nichtresorbierbaren Ligatur gesichert.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Kap. 18
55 Was ist der Unterschied zwischen einer indirekten
und direkten Leistenhernie?
55 Welche Gewebearten können bei einer Leistenhernie
inkarzerieren?
55 Warum muss eine Fehllokalisation des Hodens operativ behoben werden?
55 Welches Instrumentarium kann man für das Absetzen
der Mesoappendix bereitstellen?
55 Was ist unter einem inneren und was unter einem
äußeren Hydrozephalus zu verstehen?
427
Literatur
Literatur
Aschemann D (2009) OP-Lagerungen für Fachpersonal. Springer, Berlin
Heidelberg New York
Boemers T (2013) Bauchwanddefekte. In: von Schweinitz D, Ure B (Hrsg)
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Sauer H, Kurz R (1981) Checkliste Kinderchirurgie. Thieme, Stuttgart
18
429
Organspende
und Transplantation
Torsten Biel, Ulrike Wirges, Heiner Smit
19.1
Vom Heilversuch zur erfolgreichen
Behandlungsmethode – 430
19.1.1
Aktuelle Ergebnisse der Organtransplantation
19.2
Organvermittlung
19.2.1
Allokationskriterien (Zuteilungskriterien)
19.3
Organspende
19.3.1
19.3.2
Beginn einer krankenhausübergreifenden Therapiekette
Der Ablauf einer Organspende – 433
19.4
Die Operation zur Entnahme von Organen
19.4.1
19.4.2
OP-Vorbereitung – 435
Ablauf der Entnahmeoperation
Literatur
– 430
– 431
– 432
– 432
– 437
– 440
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_19
– 435
– 432
19
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
430
»» Die Zukunft gehört denen, die die Möglichkeiten erkennen,
bevor sie offensichtlich werden. Oscar Wilde, 1854–1900
Lernziele
55 Die Auszubildenden können die Begriffe «Organspende»
und «Transplantationsmedizin» definieren. Sie kennen
die Möglichkeiten, die die Transplantationschirurgie bietet und verstehen die Aufgabe der DSO.
55 Sie kennen das Ziel des Transplantationsgesetzes.
55 Die Auszubildenden verstehen, nach welchen Kriterien
ein Organempfänger ausgesucht wird.
55 Sie wissen, unter welchen rechtlichen und medizinischen
Voraussetzungen ein Patient als Spender in Frage
kommt.
55 Die Auszubildenden kennen die Vorbereitung, den
Ablauf und die Durchführung einer Operation zur Entnahme von Organen.
19.1
Vom Heilversuch zur erfolgreichen
Behandlungsmethode
Von der Parole «La transplantation des organes est à l’ordre du
jour» («Die Transplantation von Organen steht auf der Tages
ordnung») des Pariser Chirurgen Théodore Tuffier im Jahre
1907 bis zur erfolgreichen gleichzeitigen Transplantation
mehrerer Organe, einer großflächigen Gesichtspartie oder
von komplexen Bewegungsapparaten wie Arme und Hände,
sind etwa 100 Jahre vergangen. Schrittmacher dieses enor
men medizinischen Fortschritts waren mutige Chirurgen,
Internisten, Immunologen, Pharmazeuten, Techniker und –
nicht zu vergessen – mutige Patienten, die oft ihre Erkran
kung und deren Behandlung in den Dienst des medizinischen
Fortschritts gestellt haben. Und es war der uneingeschränkte
Wunsch der Gesellschaft, dass die Medizin diesen medizini
schen Fortschritt in ihr Behandlungsspektrum integriert.
Notwendige Vorarbeiten für erfolgreiche Transplantatio
nen waren:
441900: Blutgruppenbestimmung (Karl Landsteiner,
Wien);
441902: Technik der Gefäßnaht (Alexis Carel, Lyon);
441902: Erste experimentelle Arbeiten zur Implantations
technik der Niere (Emerich Ullmann, Wien);
441906: Erster Behandlungsversuche am Menschen
durch die Transplantation einer Niere (Schwein, Ziege;
Mathieu Jaboulay, Lyon);
441942: Erste Beschreibung der «Abstoßung» körperfrem
den Gewebes (Sir Peter Medawar, Birmingham).
Die Übertragung menschlicher Organe zur Behandlung
chronischer oder akuter Organversagen beginnt 1950 in
den USA und in Frankreich sowie 1963 in Deutschland
(. Abb. 19.1).
19.1.1
Aktuelle Ergebnisse
der Organtransplantation
Die ersten Transplantationen in den 1950er und 1960er Jah
ren endeten, nach kurzer Initialfunktion, überwiegend töd
Meilensteine der klinischen Organtransplantation
International Deutschland
Niere (USA, F)
Pankreas (USA)
Niere (B)
Herz-Lunge (USA)
Lunge (B)
Herz (M)
Dünndarm (KI)
19
1950
1963
1966
1967
1968
1969
1979
1983
Leber (BN) Pankreas (M)
Leber/Lunge (USA)
..Abb. 19.1
Herz (ZA)
Dünndarm (CAN)
Meilensteine der klinischen Organtransplantation (Mit freundlicher Genehmigung von H. Smit, DSO)
1985
19
431
19.2 · Organvermittlung
..Abb. 19.2 Ergebnisse der Organtransplantation (Aus: Collaborative
Transplant Study CTS, Heidelberg, mit
freundlicher Genehmigung der DSO)
All Transplants 1985-2011
100
90
80
Graft survival (%)
70
60
50
40
30
Kidney
Heart
Liver
Pancreas
n=360,201
n= 48,155
n= 73,828
n= 10,198
Heart-Lung
Lung
n= 2,341
n= 13,602
20
10
0
0
2
4
6
Post-transplant time (years)
lich, weil die akut einsetzende Immunreaktion gegen das
«fremde» Organ zum kompletten Funktionsverlust führte.
Allein die Transplantation der Niere unter eineiigen Zwillin
gen konnte einen lang dauernden Erfolg erzielen. In dieser
Konstellation bleibt eine «Abstoßung» wegen der Gewebei
dentität aus (1954: Lebendspende einer Niere, Boston USA,
Überleben des Empfängers 9 Jahre).
Die aktuellen guten Ergebnisse der Organtransplantation
(. Abb. 19.2) sind das Ergebnis einer breiten Palette immun
suppressiver Medikamente. Dazu kommen verfeinerte chi
rurgische Techniken, jahrelanger internationaler wissen
schaftlicher Austausch und ein hoher klinischer Wissens
stand bei der Interpretation des stationären und ambulanten
Verlaufs.
19.2
Organvermittlung
Das Transplantationsgesetz (TPG) von 2012 legt in § 12 Abs. 3
«Organvermittlung, Vermittlungsstelle» fest:
»» Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle (Eurotransplant (ET), Leiden, Niederlande)
nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach
Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln.
In § 16 «Richtlinien zum Stand der Erkenntnisse der medizi
nischen Wissenschaft, Verordnungsermächtigung» steht in
Abs. 1:
8
10
»» Die Bundesärztekammer (BÄK) stellt den Stand der Er-
kenntnisse der medizinischen Wissenschaft in Richtlinien
fest für 5. «die Regeln zur Organvermittlung…»
Neu im TPG ist der Genehmigungsvorbehalt der Richtlinien
durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG).
In der Richtlinie der Bundesärztekammer zur Wartelis
tenführung und zur Organvermittlung ist im Abschnitt «All
gemeine Grundsätze für die Vermittlung postmortal gespen
deter Organe» formuliert:
441. Grundlagen, medizinische Definitionen und Leitge
danken
55a. Vermittlungspflichtige Organe …werden zur
Transplantation in einem deutschen Transplantations
zentrum gemäß dem …TPG-Richtlinien festgestell
ten Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissen
schaft …vermittelt. Dabei sind die Wartelisten der
Transplantationszentren für das jeweilige Organ als
bundeseinheitliche Warteliste zu behandeln. Die
Richtlinien sind für die Vermittlungsstelle (ET), die
Vermittlungsentscheidungen für die Transplanta
tionszentren verbindlich.
55b. Die vermittlungspflichtigen Organe dürfen nur
–– gemäß den §§ 3 und 4 TPG [Zustimmung durch
den Verstorbenen oder seiner Angehörigen] ent
nommen,
–– nach Vermittlung durch die Vermittlungsstelle (ET)
und
–– in dafür zugelassenen Transplantationszentren
transplantiert werden.
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
432
55c. Die Vermittlung muss insbesondere nach Erfolgs
aussicht und Dringlichkeit erfolgen (§ 12 Abs. 3 Satz 1
TPG) und dem Grundsatz der Chancengleichheit ent
sprechen. Der Chancengleichheit dient insbesondere,
dass die Wartelisten der Transplantationszentren für
das jeweilige Organ bei der Vermittlung als bundes
einheitliche Warteliste zu behandeln sind (§ 12 Abs. 3
Satz 2 TPG).
55d. Kriterien des Erfolgs einer Transplantation sind die
längerfristig ausreichende Transplantatfunktion und
ein damit gesichertes Überleben des Empfängers mit
verbesserter Lebensqualität. Die Erfolgsaussichten
unterscheiden sich nach Organen, aber auch nach de
finierten Patientengruppen.
55e. Der Grad der Dringlichkeit richtet sich nach dem
gesundheitlichen Schaden, der durch die Transplanta
tion verhindert werden soll.
–– Patienten, die ohne Transplantation unmittelbar
vom Tod bedroht sind, werden bei der Organver
mittlung vorrangig berücksichtigt.
–– Bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden
wird berücksichtigt, dass ihre Entwicklung ohne
Transplantation in besonderer Weise beeinträchtigt
oder anhaltend gestört wird.
55f. Chancengleichheit der Organzuteilung bedeutet
zum einen, dass die Aussicht auf ein vermitteltes Or
gan insbesondere nicht von Wohnort, sozialem Status
oder dem Transplantationszentrum abhängen darf.
Zum anderen sollen schicksalhafte Nachteile mög
lichst ausgeglichen werden. Dem dienen unter ande
rem die Berücksichtigung der Wartezeit und die rela
tive Bevorzugung von Patienten mit einer seltenen
Blutgruppe oder bestimmten medizinischen Merk
malen wie seltene Gewebeeigenschaften und Unver
träglichkeiten.
55g. Die Transplantationszentren sind verpflichtet, der
Vermittlungsstelle die für die Vermittlungsentschei
dung und deren Auswertung benötigten Daten zu
übermitteln.
19.2.1
19
Allokationskriterien
(Zuteilungskriterien)
Grundsätzlich sind folgende Kriterien für die Vermittlung
von Organen akzeptiert:
44Blutgruppe,
44Gewebetypisierung,
44Immunisierung,
44Sonderregelungen (Alter <16, ≥65),
44Konservierungszeit/Entfernung,
44Wartezeit,
44Dringlichkeit (Erkrankung),
44Organkombinationen,
44Größe/Gewicht,
44Länderbilanz.
Die Gewichtung dieser Kriterien ist bei den zu vermittelnden
Organen aus medizinischen Gründen unterschiedlich. Wäh
rend die Gewichtung immunologischer Parameter (Gewebe
typisierung, Immunisierungsgrad) bei der Niere stark bewer
tet werden, steht bei den Organen wie Herz, Leber und Lunge
der Erkrankungsgrad deutlich im Vordergrund, weil ein tech
nisches Bridgingsystem, wie die Dialyse beim Nierenversa
gen, nicht zur Verfügung steht. Dieser Erkrankungsgrad wird
für die genannten Organe differenziert beschrieben.
Kinder (<16 Jahre) sollen möglichst schnell transplantiert
werden und dafür entsprechende Bonuspunkte bei Gewebe
übereinstimmung und Wartezeit bekommen. Ältere Empfän
ger von Nieren (≥65 Jahre) werden überwiegend mit den Or
ganen von Spendern der gleichen Altersgruppe versorgt.
Die Wartezeit ist ein Kriterium der ersten Stunde, zumal
sich der Gesundheitszustand während der Wartezeit zuneh
mend verschlechtert. Die Beachtung der Größen- und Ge
wichtsannäherung zwischen Spender und Empfänger ist bei
der Übertragung einsichtig, weil Organe Erwachsener häufig
nicht in einem Kinderkörper untergebracht werden können
und im Gegenzug kindliche Organe in der Regel nicht in der
Lage sind, den Bedürfnissen des Erwachsenenkörpers gerecht
zu werden.
Die Beachtung der Konservierungszeit soll zu einer mög
lichst schnellen Transplantation führen und damit der Absi
cherung der Primärfunktion dienen. Organkombinationen
sind in der Lage, medizinisch verknüpfte Organversagen zu
behandeln.
Einzelheiten zur Vermittlung der einzelnen Organe findet
man bei der Bundesärztekammer im Internet unter: www.
bundesaerztekammer.de (Suchbegriff: Richtlinien für die
Wartelistenführung und die Organvermittlung).
Eine Sonderstellung nimmt die «Länderbilanz» ein. Eine
faire internationale Zusammenarbeit bedingt, dass es idealer
Weise zu einem Ausgleich von Geben und Nehmen in den
ET-Mitgliedsländern kommt.
19.3
Organspende
19.3.1
Beginn einer krankenhausüber
greifenden Therapiekette
Transplantationen dürfen in Deutschland nur in Transplanta
tionszentren durchgeführt werden. Organspenden und somit
Organentnahmen können hingegen in jedem dafür zugelas
senen Krankenhaus (Entnahmekrankenhaus) stattfinden.
Aktuell erfüllen deutschlandweit etwa 1250 Krankenhäuser
die Voraussetzungen hierfür.
Die gesetzlichen Voraussetzungen eines Entnahmekran
kenhauses sind im Transplantationsgesetz festgelegt. Das
Transplantationsgesetz gibt es seit 1997, es wurde im Jahr
2012 überarbeitet. Die wesentlichen Änderungen des Geset
zes betreffen Entnahmekrankenhäuser (§ 9a), Transplanta
tionsbeauftragte (§ 9b) sowie Veränderungen für die nationa
le Koordinierungsstelle Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) im Koordinierungsstellenvertrag.
433
19.3 · Organspende
Es ist vom Gesetzgeber festgelegt, dass es eine Aufgaben
trennung und -begrenzung zwischen Entnahmekrankenhäu
sern, der Koordinierungsstelle, den Transplantationszentren
und der Vermittlungsstelle von Organen (Eurotransplant)
gibt.
Damit eine Organspende zustande kommt, muss der Tod
des Patienten festgestellt sein und es muss eine Einwilligung
zur Organspende vorliegen. Die Abklärung und Sicherstel
lung dieser beiden elementaren Punkte (Tod und Zustim
mung) obliegt nach den gesetzlichen Festlegungen dem
Transplantationsbeauftragten (TxB; die Autoren sind sich
einig, dass «Organspendebeauftragter» das Aufgabengebiet
deutlicher beschreiben würde) und weiteren behandelnden
Ärzten eines jeden Krankenhauses (7 Abschn. 25.5).
Die Krankenhäuser werden zur Erfüllung ihrer Aufgaben
in enger und partnerschaftlicher Zusammenarbeit von der
Koordinierungsstelle DSO unterstützt.
Die DSO ist die bundesweite Koordinierungsstelle für Or
ganspende mit Sitz in Frankfurt am Main. Untergliedert ist sie
in sieben Regionen. In jeder Region befindet sich eine
24 Stunden erreichbare Organisationszentrale. Geleitet wird
die Region von einem geschäftsführenden Arzt. Zum Perso
nal gehören darüber hinaus administrative Mitarbeiter, Koor
dinatoren, studentische Dienste (Telefon, Perfusion) sowie im
Auftrag der DSO tätige Entnahmeteams und ein unabhängi
ger neurologischer Konsiliardienst.
Jedes Krankenhaus wird von einem Koordinator der
DSO betreut, dessen Aufgabe keineswegs nur der eigent
liche Organspendeprozess im Krankenhaus ist. Aufgrund
seiner Ausbildung unterstützt er sowohl das Pflegepersonal
als auch den Transplantationsbeauftragten bei der Ange
hörigenbetreuung und – beratung sowie die Mitarbeiter
eines Krankenhauses bei der Identifikation eines möglichen
Spenders. Der Koordinator trifft nach Abklärung von Be
funden und konsiliarischer Beratung mit dem Transplanta
tionsbeauftragten die Entscheidung, ob es zu einer Organ
entnahme kommt oder nicht. Zusätzlich hilft er, die gesetz
lich geforderte Berichtspflicht eines Krankenhauses zu bear
beiten.
19.3.2
Der Ablauf einer Organspende
Der schematische Ablauf einer Organspende ist in . Abb. 19.3
dargestellt.
Aufgaben des Krankenhauses
Jeder Mitarbeiter eines Krankenhauses hat das Ziel, seine Pa
tienten optimal zu versorgen. Allerdings ist je nach bestehen
der Schwere der Grunderkrankung oder Verletzung dieses
Ziel oft genug nicht erreichbar. Wenn erkennbar keine Thera
pieoptionen für den einzelnen Patienten mehr bestehen, so
kann es aber durchaus noch durch eine Organspende Lebens
chancen für andere Patienten geben, die nicht im eigenen
Haus behandelt werden, sondern auf der Warteliste eines
Transplantationszentrums gelistet sind. Ob diese Möglichkeit
im konkreten Fall gegeben ist, wird im besten Sinne durch
eine «orientierende Beratung» zwischen dem Transplanta
tionsbeauftragten oder Arzt der Intensivstation und der DSO
geklärt.
Organspende-Ablauf
DURCHFÜHRUNG
VORAUSSETZUNGEN
Diagnose
Hirntod
Aufrechterhaltung
der Homöostase
Vorbereitung
Organentnahme
Organtransport
TRANSPLANTATION
Klinische Zeichen
des Hirntodes
Angehörige
(Einwilligung)
Vorbereitung
der Vermittlung
Orientierendes Konsil
BERATUNG
UNTERSTÜTZUNG
..Abb. 19.3
DURCHFÜHRUNG
Schematischer Ablauf der Organspende (Mit freundlicher Genehmigung der DSO)
Organentnahme
19
434
Kapitel 19 · Organspende und Transplantation
Rechtliche Voraussetzungen zu einer
Organspende
19
In Deutschland gibt es zwei unabdingbare Voraussetzungen,
die es erlauben eine postmortale Organspende durchzu
führen.
Die erste Voraussetzung ist der festgestellte Tod des be
troffenen Menschen durch die Diagnose des irreversiblen
Hirnfunktionsausfalls (IHA) auf der Intensivstation. Der ir
reversible Funktionsausfall des Gehirns ist definiert als Zu
stand der unumkehrbar erloschenen Gesamtfunktion des
Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Dabei wird
durch kontrollierte Beatmung die Herz-Kreislauf-Funktion
noch künstlich aufrechterhalten.
Die Untersuchung des Patienten wird durch zwei Ärzte
unabhängig voneinander nach den Richtlinien zur Fest
stellung des Hirntods der Bundesärztekammer (BÄK) durch
geführt (7 Abschn. 25.5). Ist nach dieser Untersuchung der
Tod des Patienten festgestellt, wird dies als sicheres inneres
Todeszeichen in der amtlichen Todesbescheinigung doku
mentiert.
Eine Spende von Organen nach irreversiblem Herz-Kreis
lauf-Stillstand ist in Deutschland nicht möglich, da in § 3
Abs. 2.2 TPG
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