Elektronenbestrahlung zur Anwendung. Gammastrah
len haben eine hohe Durchdringbarkeit, deshalb werden ioni
sierende Strahlen bei der industriellen Sterilisation von medi
zinischen Einwegartikeln eingesetzt.
Sterilfiltration
Bei der Sterilfiltration werden die Mikroorganismen aus dem
Sterilisiergut durch Filtration abgeschieden. Hierbei verwen
det man unterschiedliche Filter mit unterschiedlichen Filter
stufen, um Partikel (Bakterien) herauszufiltern bzw. zurück
zuhalten. Die Sterilfiltration wird für die Herstellung von
wässrigen sterilen Lösungen angewendet.
..Abb. 22.9 Mitarbeiter bei der Freigabe von Sterilgut. (Mit freundlicher
Genehmigung Marienhospital Osnabrück)
>>Die sorgfältige und gründliche Reinigung eines
Medizinproduktes ist eine der wichtigsten Grund
voraussetzungen für eine sichere Sterilisation.
22.5.2
Freigabe des Sterilguts
Die Freigabe des Sterilguts ist einer der wichtigsten Teilpro
zesse der Aufbereitung von Medizinprodukten, da in diesem
Teilschritt die Entscheidung gefällt werden muss, ob das
Sterilgut am Patienten angewendet werden kann oder nicht.
Diese Freigabe darf nur von Personen durchgeführt werden,
die durch Qualifizierung und Weiterbildung die Berechti
gung dazu erlangt haben. Hierunter fallen z. B. Qualifizierungs
kurse der Deutschen Gesellschaft für Sterilgutversorgung
(. Abb. 22.9).
Nach Abschluss der Sterilisationscharge werden anhand
der sog. Chargendokumentation alle Prozesse (Temperatur,
Druck und Zeit) der Sterilisation begutachtet und bewertet.
Wenn der Sterilisationsprozess ordnungsgemäß durchge
führt worden ist, Verpackungen unbeschädigt sind, Behand
lungsindikatoren verfärbt sind sowie die Medizinprodukte
abgekühlt sind, können die medizinischen Güter zum Ge
brauch freigegeben werden.
Prozessdaten sowie Chargendokumente werden lückenlos
dokumentiert und archiviert.
22
Kapitel 22 · Zentrale Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) oder A
ufbereitungseinheit für M
edizinprodukte (AEMP)
494
..Tab. 22.2
Standard zur Freigabe von Sterilgut. (Mit freundlicher Genehmigung der Niels-Stensen-Kliniken, Marienhospital Osnabrück)
Indikation
Vorgehen
Bemerkung
Nach jeder Charge Kontrolle der
Verpackung
Die Verpackung ist auf Beschädigungen sowie
Feuchte und Nässe zu kontrollieren
Bei beschädigter Verpackung, Restfeuchte/
Nässe ist das Sterilgut erneut zu verpacken und
zu sterilisieren inkl. Wechsel der Container
innenverpackung sowie der Einmalfilter
Kontrolle des Chargenprotokolls
Kontrolle der Verlaufskurve
Bei Fehlermeldungen ist die Charge zu wiederholen!
Kontrolle der einzelnen Prozessparameter
Bei fehlender Barcode-Nr. ist das Sterilgut über
den manuellen Chargenabgleich in der EDV
freizugeben
Kontrolle der Barcode-Etiketten
Laufende Barcode Etikett-Nr. mit Chargen
protokoll vergleichen
Freigabe durch Unterschrift
Freigabe ist durch Unterschrift auf dem
Chargenauszugs-Protokoll zu unterzeichnen
Bei Fehlermeldungen während des Sterilisationsprozesses
sind die Vorgänge zu wiederholen (. Tab. 22.2).
22.5.3
Lagerung
Die Normenreihe DIN 58953 «Sterilgutversorgung» legt An
forderungen über Verpackungen für in der Endverpackung
zu sterilisierende Medizinprodukte fest, indem sie Anforde
rungen an die Logistik und Anwendung sowie Handhabung
und auch Empfehlung zur Lagerdauer von sterilen Medizin
produkten beschreibt.
Die Empfehlung der Kommission für Krankenhaus- und
Infektionsprävention beschreibt, dass sich Transport und
Lagerung nicht negativ auf die Eigenschaften des aufbereite
ten Medizinprodukts auswirken dürfen. Deshalb ist bei der
Lagerung von Medizinprodukten folgendes zu beachten:
44Bei der Lagerung von sterilen Gütern sind Angaben der
Hersteller des Medizinprodukts und des Herstellers des
Verpackungsmaterials unbedingt einzuhalten.
44Sterilgüter sind sauber, staubgeschützt, trocken und frei
von Ungeziefer bei Raumtemperatur zu lagern.
44Die Lagerdauer ist abhängig von der Qualität des Ver
packungsmaterials, der Dichtigkeit der Siegelnähte und
den Lagerbedingungen.
44Sterilgut ist getrennt von unsterilen Produkten zu lagern.
44Bewegungen im Lagerraum sind auf ein Minimum zu
beschränken.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Kap. 22
22
55 Was regelt das MPG in der ZSVA?
55 Nennen Sie drei Beispiele für die rechtlichen Rahmen
bedingungen im Zusammenhang mit einer ZSVA.
55 Welche möglichen Einstufungen von Medizinprodukten kennen Sie?
55 Welche Sterilisationsverfahren gibt es?
Literatur
Arbeitskreis Instrumentenaufbereitung (2012) Instrumente werter
haltend aufbereiten. 10. Aufl. www.a-k-i.org
Robert Koch-Institu – RKI (2012) Anforderungen an die Hygiene bei der
Aufbereitung von Medizinprodukten. Bundesgesundheitsbl 55:
1244–1310
Weinig F, Hahnen K (2003) Handbuch Sterilisation. 4. Aufl. 3M Innovation,
Schweiz
495
Anästhesie
Tobias Horlacher, Gert Liehn
23.1
Anästhesiologie
23.1.1
23.1.2
23.1.3
23.1.4
23.1.5
23.1.6
Prämedikationsvisite – 497
Allgemeinanästhesie – 497
Volumenersatz – 502
Aufwachraum (AWR) – 502
Pharmakologie – 502
Typische Medikamentengruppen
– 503
23.2
Notfälle und Komplikationen
– 506
23.2.1
Typische Notfälle in der Anästhesie
– 506
23.3
Schmerz(therapie)
23.3.1
23.3.2
Schmerzqualität und S chmerzmessung
Schmerztherapie – 508
Literatur
– 496
– 507
– 507
– 509
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_23
23
496
Kapitel 23 · Anästhesie
Lernziele
55 Die Auszubildenden haben einen Einblick in das Fach
gebiet der Anästhesie und erkennen die Bedeutung recht
licher Besonderheiten in der Anästhesie.
55 Sie kennen wichtige Grundbegriffe der Anästhesie. Sie
haben einen Überblick über die wichtigsten Arzneimittel
in der Anästhesie. Sie kennen die Maßnahmen der Nar
kosevorbereitung und verstehen die Bedeutung der Prä
medikation. Sie kennen verschiedene Narkoseformen,
deren Vor- und Nachteile sowie mögliche Komplikatio
nen und die geläufigen Beatmungsformen.
55 Zudem kennen die die Maßnahmen zur Vorbereitung der
Narkose und können dabei mitwirken.
55 Sie haben einen Einblick in den Aufbau und die Wir
kungsweise spezieller Instrumente und Geräte, welche in
der Anästhesie zur Anwendung kommen, und können
diese Instrumente und Geräte sach- und fachgerecht an
wenden bzw. zur Anwendung vorbereiten.
55 Die Auszubildenden können den Patienten während der
prä-, intra- und postoperativen Phase fachkundig beglei
ten und betreuen, bei der Überwachung von narkotisier
ten Patienten mitwirken und verstehen die Bedeutung
des Monitorings.
55 Sie verstehen die Notwendigkeit und kennen die
Möglichkeiten des perioperativen Volumenersatzes.
55 Außerdem erwerben sie Wissen zu Schmerzarten,
Schmerztypen, Schmerztherapie und Schmerzassessment
verfahren und können Patienten entsprechend betreuen
und begleiten.
23.1
23
Anästhesiologie
… ist die Lehre von der Anästhesie. Das Wort Anästhesie
stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt «nichts
fühlen/spüren». Die Anästhesie wird eingesetzt, um medi
zinische Maßnahmen wie z. B. Operationen möglich zu ma
chen, die sonst sehr schmerzhaft oder zu unangenehm für
den Patienten wären. Dabei müssen die Arbeitsbedingungen
für den Chirurgen optimal sein. Für den Patienten müssen die
Sicherheit und auch der Komfort, keine Schmerzen verspüren
zu müssen, gewährleistet sein.
Die Anästhesie als medizinisches Fachgebiet ist im Kran
kenhaus eine eigene Abteilung bzw. Klinik. In dieser arbeiten
Fachärzte, Ärzte zur Weiterbildung, Fachpflegepersonal und
Pflegepersonal ohne Fachweiterbildung sowie Anästhesie
technische Assistenten (ATAs). Die Intensivtherapie ist häufig
der Anästhesie angegliedert, kann aber auch selbstständig
oder einem anderen Fachbereich zugeordnet sein.
Die Entwicklung der modernen Anästhesie begann 1846.
Durch den Dentisten Thomas Morton wurde öffentlich die
erste Äthernarkose in Boston durchgeführt. Schon inner
halb von wenigen Monaten war das Verfahren weit bekannt
und wurde auch in Europa eingesetzt. Die Regional- und
Lokalanästhesie wurde in den 1920-er Jahren nach der Ent
deckung der lokalanästhetischen Eigenschaften von Kokain
möglich.
Verfahren der Anästhesie
Allgemeinanästhesie
55 TIVA (totale intravenöse Anästhesie): Alle dem Pa
tienten verabreichten Narkosemittel werden über die
Vene verabreicht. Initial als Bolus (= zügige Injektion
einer größeren Menge), dann kontinuierlich über
z. B. eine Spritzenpumpe.
55 Balancierte Anästhesie: Die Narkosemittel werden
dem Patienten sowohl intravenös als auch über
Narkosegase zugeführt.
Lokalanästhesie
55 Oberflächenanästhesie: Lokalanästhetika werden
auf Haut oder Schleimhaut aufgebracht (Spray,
Creme, Gel). Nach wenigen Minuten ist die Hautober
fläche gegen kleinere Maßnahmen wie z. B. das
Legen von Venenverweilkanülen unempfindlich.
55 Infiltrationsanästhesie: Das Lokalanästhetikum wird
im OP-Gebiet injiziert. Es können kleinere Eingriffe
durchgeführt werden.
Regionalanästhesie
55 Periphere Leitungsblockaden
–– Armplexusanästhesie: Das den Arm versorgende
Nervenbündel wird nach Lokalisation durch elek
trische Stimulation oder Ultraschall mit Lokalanäs
thetikum umspült – so können auch umfangrei
chere Operationen am Arm durchgeführt werden.
–– Weitere periphere Nervenblockaden: Es können
weitere Nerven an den Extremitäten für Operatio
nen in den versorgten Gebieten aufgesucht und
anästhesiert werden.
55 Rückenmarknahe Leitungsblockaden
–– Periduralanästhesie:
–– Mit der sog. Loss-of-resistance-Methode wird
der Periduralraum (der anatomische Raum
außerhalb der Dura mater, der harten Rücken
markhaut) aufgesucht und das Lokalanästheti
kum ggf. in Kombination mit Opioiden injiziert.
–– Die Peridualanästhesie eignet sich als eigen
ständiges Anästhesieverfahren.
–– Je nach Punktionshöhe können Operationen
an den Beinen oder abdominell durchgeführt
werden.
–– Darüber hinaus kommt sie zusammen mit einer
Allgemeinanästhesie als Kombinationsanästhe
sie zum Einsatz. Hierbei wird sie zur Schmerz
bekämpfung (Analgesie) während und nach der
Operation eingesetzt.
–– Spinalanästhesie:
–– Die Dura mater wird punktiert und das Lokal
anästhetikum in den Liquorraum (intrathekal)
injiziert.
–– Es sind abdominelle und Eingriffe an den
Beinen möglich.
497
23.1 · Anästhesiologie
23.1.1
Prämedikationsvisite
Bevor eine Anästhesie durchgeführt werden kann, muss der
Patient – wie für jede medizinische Maßnahme – über den
Ablauf, alternative Behandlungsmöglichkeiten, Risiken etc.
aufgeklärt werden. Der Patient hat somit die Möglichkeit, der
Maßnahme verantwortlich und qualifiziert zustimmen oder
sie ablehnen zu können.
Der Anästhesist muss sich durch eine ausführliche Anam
nese über Vorerkrankungen, Allergien, Vormedikation, vor
angegangene Narkosen, Operationen und körperliche Belast
barkeit des Patienten einen Überblick über den Gesundheits
zustand des Patienten verschaffen. Dies erfolgt während der
Prämedikationsvisite. Diese sollte, wenn immer möglich,
mindestens einen Tag vor der geplanten Narkose erfolgen.
Das Einverständnis des Patienten wird schriftlich fixiert
und zur Patientenakte genommen. Anästhesierelevante Be
funde werden auf dem Narkoseprotokoll festgehalten. Somit
stehen diese Informationen bei Anästhesieeinleitung zur Ver
fügung.
Während der Prämedikationsvisite wird auch die Präme
dikation festgelegt. Das sind Medikamente, die direkt vor der
Operation dem Patienten zur Beruhigung verabreicht wer
den. Sie haben einen anxiolytischen (angstlösenden) Effekt
und schirmen den Patienten vor Stress ab. Meist werden Me
dikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine eingesetzt.
Diese werden dem Patienten 30–90 Minuten vor Beginn der
Narkose noch auf der Station verabreicht. Darüber hinaus
entscheidet der Anästhesist, welche Medikamente aufgrund
der Vorerkrankungen vor der Operation weitergenommen
oder abgesetzt werden müssen.
Anschließend wird unter Berücksichtigung der Vorer
krankungen und der erhobenen Befunde eine individuelle
Risikoeinschätzung des Patienten durchgeführt. Eine gängige
Klassifizierung ist die nach ASA (American Society of Anes
thesiologists; . Tab. 23.1).
j
jNarkoseprotokoll
Das Narkoseprotokoll besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil
werden die Vorbefunde, Vormedikation, Vorerkrankungen,
Allergien und Risikoeinschätzungen festgehalten. Im zweiten
Teil werden sämtliche Medikamente, Maßnahmen, Befunde,
Vitalwerte und Besonderheiten während der Anästhesie
dokumentiert. Im dritten Teil des Narkoseprotokolls werden
alle Vitalwerte des Patienten während der Zeit im Aufwach
raum (AWR) eingetragen.
23.1.2
Allgemeinanästhesie
Der Patient ist durch Medikamente bewusstlos. Regionale
Verfahren und die Narkose können kombiniert werden. Das
jeweils geeignete Verfahren ist in erster Linie durch den ge
planten Eingriff bestimmt. Dennoch spielen auch die Vorer
krankungen und der Wunsch des Patienten eine Rolle. Das
Verfahren wird bei der Prämedikationsvisite vom Anästhesis
ten gemeinsam mit dem Patienten festgelegt.
..Tab. 23.1
ASA-Klassifikation
ASA-Narkose
risikogruppe
Gesundheits-/Krankheitszustand
1
Normal, außer OP-Indikation gesund
2
Leichte Allgemeinerkrankung ohne Leistungs
einschränkung
3
Schwere Allgemeinerkrankung mit Leistungs
einschränkung
4
Schwere Allgemeinerkrankung, die mit oder
ohne OP das Leben des Patienten bedroht
5
Sehr schwere Allgemeinerkrankungen;
Tod innerhalb von 24 h mit oder ohne OP
zu erwarten
6
Hirntoter Patient
Ziel der Narkose ist die Ausschaltung des Bewusstseins,
sodass eine Wahrnehmung von Schmerz- und anderen Rei
zen nicht möglich ist. Für den Chirurgen müssen möglichst
ideale Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Muskuläre
Aktivitäten des Patienten müssen oft unterbunden werden,
um z. B. ein bewegungsfreies Operationsfeld zu haben oder
einen möglichst geringen Druck im Bauchraum zu bekom
men. Auch wenn Schmerzen nicht wahrgenommen werden,
können somatische Reaktionen wie Blutdruckanstieg oder
Tachykardie den Patienten belasten oder die Operation be
hindern. Dies sollte durch eine adäquate Anpassung der Nar
kose verhindert werden.
Dies wird zumeist mit drei unterschiedlichen Medika
mentengruppen erreicht:
44Das Bewusstsein wird mit einem stark wirksamen
Schlafmittel (Anästhetika/Hypnotika) ausgeschaltet.
Es werden dafür injizierbare oder Inhalationsanästhetika
eingesetzt. Inhalationsanästhetika müssen dem Patienten
über ein Narkosegerät zugeführt werden. Der Patient
befindet sich dann in einem künstlich erzeugten Koma
und ist nicht erweckbar.
44Muskelbewegungen werden mit einer Blockade der
Muskulatur ausgeschaltet. Die Medikamente (Muskel
relaxanzien) verhindern die Übertragung des Signals
vom Nerven auf die Muskelzelle.
44Reaktionen auf Schmerzreize werden mit Analgetika
(Schmerzmitteln) gedämpft bzw. verhindert. Es werden
fast immer Analgetika aus der Gruppe der Opiate/Opio
ide eingesetzt.
44Weitere somatische Reaktionen (Blutdruckveränderun
gen, Pulsänderungen etc.) werden symptomatisch mit
verschiedenen Medikamenten behandelt (Atropin, Kate
cholamine, Betablocker etc.).
Narkosetiefe
Die Beurteilung der Narkosetiefe und damit die Dosierung
der Medikamente ist eine zentrale Aufgabe während der Nar
23
498
Kapitel 23 · Anästhesie
kose. Narkosegasspiegel werden von modernen Monitoren
angezeigt. Darüber hinaus kommen EEG (Elektroenzephalo
gramm/Hirnstrommessung) und Relaxometrie (Messung der
Erschlaffung der Muskulatur) zum Einsatz. Indirekte vege
tative Zeichen für eine flache Narkose sind Tachykardie,
Blutdruckanstieg, Schwitzen, Tränenfluss. Diese Zeichen
können aber durch Vorerkrankungen oder Medikamente
verändert sein und evtl. ganz ausbleiben. So bleibt die Beur
teilung der Narkosetiefe immer eine Zusammenschau der
klinischen (also äußeren) Zeichen, der Messwerte der Moni
tore, der gegebenen Medikamente und der Phase der Ope
ration.
Monitoring
Während einer Narkose oder Anästhesie sind die körpereige
nen Regulationssysteme verändert oder ausgeschaltet. Diese
Funktionen müssen also überwacht werden und bei Bedarf
vom Anästhesisten «übernommen» werden. Um dies zu er
möglichen, werden von Monitoren Messwerte erfasst. Bei
starken Abweichungen werden Alarme ausgelöst.
Bei jedem Patienten wird ein Standardmonitoring, beste
hend aus EKG, Pulsoxymetrie und Blutdruck, durchgeführt.
Die Temperatur wird nur bei längeren Narkosen und bei
Patienten, die intraoperativ gewärmt werden, kontrolliert.
Bei beatmeten Patienten wird obligat das endexspiratorische
CO2 gemessen.
Bei Bedarf kann das Monitoring stufenweise erweitert
werden (arterielle Blutdruckmessung, zentraler Venendruck
etc.). Die Indikation für ein erweitertes Monitoring kann sich
durch die Vorerkrankungen des Patienten oder durch die Art
und die Größe des operativen Eingriffes ergeben.
j
jElektrokardiogramm (EKG)
Für den EKG-Monitor wird die elektrische Aktivität des
Herzmuskels über auf den Thorax aufgeklebte Elektroden
aufgenommen und auf einem Bildschirm sichtbar gemacht.
Das Signal wird vom Monitor noch weiter ausgewertet und
die Herzfrequenz, evtl. Arrhythmien, ein vorhandener Herz
schrittmacher und eine veränderte ST-Strecke angezeigt. Das
EKG-Signal ist bei Einsatz der Hochfrequenz-Chirurgie häu
fig gestört und phasenweise nicht verwertbar.
..Abb. 23.1
Sensor des Pulsoxymeters am Zeigefinger
j
jBlutdruck
Der Blutdruck wird in den meisten Fällen oszillometrisch und
automatisch in festgelegten Abständen über eine Manschette
gemessen (z. B. 5-minütlich). Störungen können durch Bewe
gungen an der Manschette entstehen. Bei Herzrhythmus
störungen ist die Messzeit verlängert. Wenn starke Schwan
kungen des Blutdrucks erwartet werden oder besonders
schnelle Korrekturen notwendig sind, sollte eine arterielle
Kanüle zur direkten blutigen Druckmessung gelegt werden.
j
jEndexspiratorisches CO2
Der Monitor entnimmt aus dem Atemgasgemisch eine konti
nuierliche Probe. Der Spitzenwert während des Atemzyklus
entspricht etwa dem arteriellen CO2-Druck. Nach diesem
Wert wird die Einstellung des Atemvolumens pro Minute vor
genommen. Plötzliche Veränderungen können auf Kreislauf
probleme hindeuten. Lungenerkrankungen können die Aus
sagefähigkeit der Messung verändern.
j
jRelaxation
Der Status der Relaxation kann durch elektrische Stimulation
des N. ulnaris am Unterarm gemessen und überwacht wer
j
jPulsoxymetrie
23
Der Sensor des Pulsoxymeters (. Abb. 23.1) wird meist auf
einen Finger des Patienten gesteckt (es gibt aber auch OhrSensoren). Das Gewebe wird mit Licht im sichtbaren roten
und im Infrarot-Bereich durchstrahlt. Aus der relativen Ab
sorption im Gewebe und der Veränderung mit der Pulsation
errechnet der Monitor die Sauerstoffsättigung im arteriellen
Blut, Werte von 95% oder mehr sind normal, bei einer Unter
schreitung muss nach der Ursache gesucht und diese beseitigt
werden. Die Kurve des Pulsoxymeters wird auf dem Monitor
angezeigt und muss einwandfrei sein, sonst ist der Messwert
nicht gültig. Störungen entstehen hauptsächlich durch Bewe
gungen oder durch Blutdruckmessung an der gleichen Extre
mität. Bei Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit ist
manchmal keine Pulsoxymetrie möglich.
..Abb. 23.2
Gesichtsmaske
499
23.1 · Anästhesiologie
..Abb. 23.3 Larynxmaske.
Aus: Larsen R (2004) Anästhesie und
Intensivmedizin, 6. Aufl. Springer,
Berlin Heidelberg New York
Epiglottis
Trachea
den. Durch im Verlauf des Nerven aufgeklebte Elektroden
wird der Nerv stimuliert und die dadurch ausgelöste Bewe
gung des Daumens mit einem Beschleunigungssensor gemes
sen. Durch mehrfache Reizung (TOF – «train of four») und
dem Verlauf der Reizantwort kann der Grad der Relaxierung
bestimmt werden.
Beatmung
Bei den meisten Narkosen wird der Atemantrieb des Patien
ten durch Opioide und Hypnotika stark gedämpft oder mit
Muskelrelaxanzien ganz unterbunden. Der Patient muss dann
künstlich beatmet werden. Das kann durch eine Gesichts
maske (heutzutage sehr selten; . Abb. 23.2), durch eine
Larynxmaske (. Abb. 23.3) oder durch einen endotrachealen
Tubus erfolgen (. Abb. 23.4). Die Beatmung wird während
..Abb. 23.4 Geblockte Tuben. Aus: Larsen R (2004) Anästhesie und
Intensivmedizin, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg
der Narkose durch ein in das Narkosegerät integriertes Beat
mungsgerät übernommen. Die Einstellung der Beatmung
erfolgt zunächst schematisch nach Körpergewicht (Normal
gewicht) und wird dann dem exspiratorischen CO2 entspre
chend angepasst. Das Beatmungs-/Narkosegerät misst Drü
cke und Volumina, die Werte sind mit Alarmgrenzen und
Sicherheitsschaltungen (um zu hohe Drücke sicher zu ver
meiden) abgesichert.
Narkosegerät
Das Narkosegerät dient bei Verwendung von Inhalations
anästhetika zur Zufuhr und Dosierung des Narkosemittels.
Weiterhin stellt es das Atemgasgemisch für den Patienten zur
Verfügung. Der Patient kann über das Narkosegerät spontan
atmen, bei Bedarf kann aber auch entweder von Hand oder
maschinell beatmet werden. Die meisten Narkosegeräte sind
als halbgeschlossenes System ausgeführt, d. h. der größere
Teil des ausgeatmeten Gasgemisches wird dem Einatem
schenkel wieder zugeführt. Damit das möglich ist, wird das
vom Patienten abgegebene CO2 chemisch in einem Absorber
gebunden und verbrauchter Sauerstoff durch einen Frisch
gaszufluss ersetzt (. Abb. 23.5).
Das Narkosegerät wird mit einem eigenen Monitorsystem
überwacht. Es werden die Atemwegsdrücke, der O2-, CO2und Narkosemittelgehalt im Atemgas, das Atemzug- und Mi
nutenvolumen gemessen. Alle Messwerte sind mit einstellba
ren Alarmgrenzen versehen.
Um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten, wird das
Narkosegerät vor der täglichen Inbetriebnahme nach einer
meist vom Hersteller vorgegebenen Checkliste (. Tab. 23.2)
geprüft.
23
500
Kapitel 23 · Anästhesie
Medikamentendosierung
Reservoir
Isoflurane
O2/N2O
Gesteuertes Ventil
CO2Absorber
Inspirationsventil offen
Lunge
..Abb. 23.5
Beatmungsgerät
Exspirationsventil
geschlossen
Schematischer Aufbau eines Narkosegeräts. Aus: Kramme R (2007) Medizintechnik, 3. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York
..Tab. 23.2
Praktische Durchführung einer Narkose
Beispiel einer Checkliste
j
jEinleitung
Handzeichen
Sichtprüfunga
Zusätzlicher Handbeatmungsbeutel vorhanden
Anschluss an O2, Druckluft und evtl. Lachgas
korrekt
Monitor betriebsbereit
APL-Ventil funktionsbereit
CO2-Absorber gefüllt und Absorber nicht
verbraucht
Narkosemittelverdampfer gefüllt
Rotameter/Messröhren funktionstüchtig
Beatmungsschläuche korrekt angeschlossen
23
Fortleitungsventil
Dichtigkeit geprüft
a vollständiger Aufbau, Sauberkeit, keine äußeren Schäden
Die einzelnen Punkte der Liste werden abgehakt, die mit Datum
versehene Liste wird vom Prüfenden unterzeichnet.
Nachdem mindestens das Standardmonitoring etabliert und
eine Venenverweilkanüle gelegt ist, kann die Narkose einge
leitet werden. Dies kann in einem gesonderten Narkoseeinlei
tungsraum oder im OP erfolgen. Patienten werden fast immer
intravenös eingeleitet. Bei kleineren Kindern kann es nötig
sein, über eine Gesichtsmaske mit einem Inhalationsanästhe
tikum einzuleiten.
Eine Standardfolge der Injektion ist
441. Opioid (Analgetikum),
442. Anästhetikum/Hypnotikum,
443. ggf. Relaxans.
Die Einleitung erfolgt immer durch 2 Personen (Anästhesist
und Pflegekraft). Die Verständigung muss gesichert und klar
sein, angeforderte Medikamente und Dosierungen werden
daher vor der Injektion wiederholt.
Nach der Einleitung wird der Atemweg durch eine La
rynxmaske (Kehlkopfmaske) oder einen Endotrachealtubus
gesichert. Die Larynxmaske ist direkt platzierbar. Zum Ein
setzen des Endotrachealtubus ist ein Laryngoskop (. Abb.
501
23.1 · Anästhesiologie
..Abb. 23.6 Laryngoskop mit verschiedenen Spateln. Aus: Larsen R
(2004) Anästhesie und Intensivmedizin, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg
..Abb. 23.7 Laryngoskopie. Aus: Larsen R (2004) Anästhesie und
Intensivmedizin, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg
23.6) notwendig, um den Tubus unter direkter Sicht in der
Trachea (Luftröhre) platzieren zu können (. Abb. 23.7).
maske oder den Tubus entfernen zu können. Eine Antago
nisierung (Wirkungsaufhebung durch Medikamente) von
Opioiden oder Relaxanzien kann notwendig sein.
Mund und Rachen werden abgesaugt, um eine Aspiration
(Sekrete gelangen in die Trachea und Lunge) bei noch fehlen
den Schutzreflexen zu verhindern. Um die Spontanatmung zu
verbessern, wird bronchial abgesaugt, wenn Patienten sehr
viel Schleim produzieren.
Wenn Bewusstsein, Atmung und Kreislauf des Patienten
stabil sind, kann der Patient in den Aufwachraum (AWR) ge
fahren und dort zur postnarkotischen Überwachung überge
ben werden.
j
jAufrechterhaltung
Die Aufrechterhaltung der Narkose kann mit Inhalations
anästhetika erfolgen, diese werden dem Patienten über einen
kalibrierten Verdampfer durch das Narkosegerät zugeführt.
In- und exspiratorische Spiegel werden durch den Patienten
monitor überwacht. Opioide und Relaxanzien werden nach
Bedarf in Einzeldosen injiziert (balancierte Anästhesie).
Alternativ können nach der Einleitung weiter intravenöse
Anästhetika und Opioide zugeführt werden (Total Intra
Venöse Anästhesie – TIVA). Die Medikamente werden dann
fast immer kontinuierlich mit Spritzenpumpen verabreicht.
Eine sehr exakte Steuerung einer TIVA ist mit programmge
steuerten, für den Patienten individuell einstellbaren Pumpen
möglich (Target Controlled Infusion – TCI).
Nur noch historische Bedeutung hat die Neuroleptanal
gesie. Dabei werden in der klassischen Form ein Opioid (Fen
tanyl), ein Neuroleptikum (DHB) schematisch entsprechend
der Pharmakokinetik («Wirkdauer») und zusätzlich Lachgas
verabreicht. Das Fentanyl dämpft die chirurgischen Reize und
das Neuroleptikum entkoppelt Wahrnehmung und Verarbei
tung der Außenreize. Die Neuroleptanalgesie ist bei kurzen
und ambulanten Eingriffen nicht sinnvoll und es gibt diverse
Kontraindikationen durch Vorerkrankungen des Patienten.
j
jAusleitung
Vor Ende der Operation wird die Zufuhr der Anästhetika der
Pharmakokinetik entsprechend gestoppt, um möglichst zügig
nach dem Operationsende und Erreichen einer suffizienten
Spontanatmung und entsprechender Schutzreflexe die Larynx
Kindernarkose
Für Kindernarkosen gelten die gleichen Prinzipien. Kinder
reagieren jedoch sehr viel schneller und empfindlicher auf
Volumenverluste und andere Störungen, insbesondere treten
Temperaturverluste schneller und ausgeprägter auf.
Ileuseinleitung
Eine besondere Form der Narkoseeinleitung ist die «Ileusein
leitung». Bei Patienten, die nicht nüchtern sind, d. h. noch
einen gefüllten Magen haben, besteht ein stark erhöhtes As
pirationsrisiko (Übertritt von Mageninhalt in die Lunge). Die
Narkose wird bei diesen Patienten grundsätzlich als Intuba
tionsnarkose ausgeführt.
Da der Tubus einen guten Aspirationsschutz bietet, soll
die Zeit zwischen Narkosebeginn und Legen des Tubus so
kurz wie möglich gehalten werden. Dies wird erreicht durch
eine schnelle Folge der Medikamentengabe. Eine Dosierung
nach Wirkung ist nicht möglich. Wenn keine Kontraindika
tionen bestehen, wird meist, wegen der schnellen Anschlag
23
Kapitel 23 · Anästhesie
502
zeit, Succinylcholin als Muskelrelaxans gegeben. Der Magen
wird vor der Narkose über eine Magensonde möglichst ent
leert. Wenn die Sekretförderung nicht stoppt, wird über die
Magensonde dauerhaft gesaugt.
Der Patient wird vor der Einleitung in 30°-OberkörperHochlagerung gebracht, um eine passive Regurgitation (ein
Zurückfließen des Mageninhalts in den Mund) zu verhin
dern. Eine andere Lagerungsmöglichkeit besteht in einer star
ken Kopf-tief-Lagerung, um die Mundöffnung unter den
Luftröhreneingang zu bringen. Eine Intubation in dieser
Position ist allerdings erschwert.
>>Während der Einleitung muss die eingeschaltete
Absaugung mit einem großlumigen Absaugkatheter
versehen und griffbereit sein.
In Ausnahmefällen kann durch Druck auf den Ringknorpel
des Larynx der Verschluss des Ösophagus durchgeführt
erden.
w
23.1.3
23
Volumenersatz
Während fast aller Narkosen wird über den venösen Zugang
Flüssigkeit infundiert. Die Infusion dient als Trägerlösung für
Medikamente, zum Offenhalten des venösen Zugangs, ist
aber auch Ersatz für Flüssigkeitsverluste. Meist besteht sie aus
einer Elektrolytlösung (Lösung verschiedener Salze), die un
gefähr dem Elektrolytgehalt des Blutplasmas entspricht. Da
viele Patienten mit einem Volumendefizit (durch das Nüch
ternheitsgebot) zur Operation kommen, ist eine Dauerinfu
sion sinnvoll. Als Faustregel werden ca. 2 ml pro kg Körper
gewicht und Stunde zugeführt. Wenn durch die Operation
weitere Verluste (z. B. Verdunstung bei offenem Bauchraum)
auftreten, müssen diese ebenfalls ersetzt werden. Kinder re
agieren wesentlich empfindlicher auf Flüssigkeitsverluste und
brauchen relativ zum Körpergewicht mehr Volumenersatz.
Während der Operation muss die Flüssigkeitszufuhr oft
deutlich erhöht werden, um Verluste auszugleichen. Verluste
können durch Umverteilung (z. B. Gefäßerweiterung durch
Narkosemittel), durch Verdunstung über Schleimhäute bei
offener Bauchhöhle und durch Blutungen eintreten. Volu
menverluste werden nach Möglichkeit gemessen (z. B. Inhalt
des OP-Saugers), müssen aber oft geschätzt werden und müs
sen dann «nach Wirkung» ersetzt werden, d. h. man strebt die
Normalisierung veränderter Kreislaufwerte (Pulsfrequenz,
Blutdruck) an – bei großen Volumenverlusten oder Patienten
mit Kreislauferkrankungen müssen oft weitere Monitor- oder
Laborwerte herangezogen werden (arterielle Druckmessung,
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