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coinad

4/12/26

 extravesikale (hinter dem Schambein und ohne

die Blase zu eröffnen) Prostatektomie nach Millin (s. Übersicht und . Abb. 12.3) sowie die suprapubische transvesikale

(über dem Schambein und mit Eröffnung der Blase) nach

Freyer, um vorliegende Blasensteine gleichzeitig zu entfernen, als Therapien der Wahl (s. u.). Bei beiden OP-Verfahren

werden die Adenome manuell herausgeschält sowie die prostatische Harnröhre im Hyperplasiebereich entfernt, die

Schleimhaut bildet sich dort neu. Das geeignete Operationsverfahren richtet sich also nach der Größe der Prostataade­

nome und dem Allgemeinzustand der Patienten.

OP-Ablauf: Prostatektomie nach Millin

55 Für die Operation wird der Patient in Rückenlage

­gelagert, evtl. in der Lendenwirbelsäule etwas überstreckt. Die Neutralelektrode wird am rasierten

­Oberschenkel platziert. Die Operation beginnt standardisiert gemäß Team-Time-Out-Checkliste.

55 Wir bereiten für diesen Eingriff Grundinstrumente,

längeres Instrumentarium, einen Balfour-Sperrer

(. Abb. 12.3), ein längeres Diathermiemesser oder

Stichel, eine Blasenspritze, evtl. eine suprapubische

Harnableitung, einen Nèlaton-Blasenkatheter, der

­intraoperativ benötigt wird, einen Dauerspül-/Kompressionskatheter, der postoperativ eingeführt wird,

einen Ablaufbeutel, evtl. ein Überleitungssystem zur

postoperativen Spülung, Blockungsmittel, RobinsonDrainage, Nahtmaterial verschiedener Größen und

Stärken und bei Bedarf eine Clipzange vor. Die Ab­

deckung erfolgt gemäß Abteilungsstandard (4-Tuch),

das Genital muss jederzeit erreichbar sein. Das wird

ermöglicht durch einen «Lendenschurz», ein Zusatztuch, unter dem das Genital mit dem steril eingebrachten Nélaton-Katheter liegt.

55 Die Haut einschließlich des Genitalbereichs wird

­desinfiziert und steril abgedeckt. Der Nélaton-Katheter wird unter sterilen Kautelen gelegt und danach

werden die Handschuhe gewechselt. Es erfolgt ein

Pfannenstiel-Schnitt oder auch ein medianer extraperitonealer Unterbauchschnitt (7 Abschn. 7.1).

55 Nach dem Hautschnitt wird der extraperitoneale

Raum zwischen Harnblase und Bauchwand sowie das

Spatium retropubicum (cavum retzii) eröffnet. Der

Balfour-Sperrer, der auch die Blase mit zurückhält,

wird eingesetzt. Die Vorderseite der Prostatakapsel

wird dargestellt, dabei werden die in ihr verlaufenden Gefäße in zwei querverlaufenden Reihen 1–2 cm

unterhalb des Blasenauslasses mit Fäden der Stärke 1

umstochen. Mit dem langen Diathermiemesser oder

Stichel wird die Prostatakapsel zwischen den vorgelegten Nahtreihen eröffnet.


..Abb. 12.3 Balfour-Sperrer (Bauchdeckenhalter nach Balfour). (Mit

freundlicher Genehmigung der Fa. Aesculap AG)


55 Das Drüsengewebe (Adenome) wird nun teils stumpf,

teils scharf mit der Overholt-Klemme, der stark ge­

bogenen Schere oder dem Finger aus der Kapsel gelöst. Die Schleimhaut am Blasenausgang/Prostatakapsel wird abgesetzt, die Harnröhre oberhalb des

Schließmuskels durchtrennt und das Drüsengewebe

entfernt.

55 Während der Enukleation (Ausschälung) kommt es

meist zu einer starken Blutung, die aber häufig nachlässt, wenn das Adenom entfernt ist. Das Präparat

wird auf Vollständigkeit untersucht, danach wird es

gewogen und zur histologischen Untersuchung vorbereitet.

55 Es wird eine Retrigonisationsnaht durchgeführt, das

bedeutet, die Trigonumspitze wird in die Prostata­

loge hineingezogen und dort mit monofilen feinen

Fäden vernäht, dadurch kommt es zu einer ersten

Blutstillung. Weitere Blutungen werden mittels Umstechung der Gefäße am Blasenhals, Koagulation,

Raffen der Prostatakapsel und der Prostataloge gestillt.

55 Der Dauerspül-Kompressions-Katheter wird eingelegt und die Prostatakapsel zunächst mit Ecknähten

dann fortlaufend mit resorbierbaren Fäden der Stärke 0 vernäht.

55 Es erfolgt eine Überprüfung der Anastomosendichtigkeit mittels einer Blasenspritze und physiologischer Kochsalzlösung über den liegenden DauerspülKompressions-Katheter. Eine Robinson-Drainage wird


12


Kapitel 12 · Urologie


328


eingelegt und bei Bedarf noch eine suprapubische

Harnableitung.

55 Alle Instrumente und Textilien werden auf ihre Vollzähligkeit kontrolliert und der Zählstand dokumentiert. Die Wunde wird schichtweise verschlossen

und mit einem Pflaster versorgt. Der Dauerspül-Kompressions-Katheter kann mit bis zu 60 ml Glycerol­

lösung zur besseren Blutstillung in der Loge geblockt

werden. Es wird nun ein Spülsystem an die Spül­

lösung und der Katheter an das Ablaufsystem angeschlossen.


Eine Komplikation der Prostatektomie nach Millin ist das

Durchstoßen der Prostatakapsel mit einer Verletzung des

Rektums.

Leidet der Patient unter einer gutartigen Prostata­

hyperplasie, bei gleichzeitigem Vorliegen von Blasensteinen,

wird mit der Methode nach Freyer die Blase eröffnet, und die

Adenome sowie die Blasensteine über die eröffnete Blase

­entfernt. Für diese Operation bereiten wir das gleiche In­

strumentarium vor, der Patient wird genauso gelagert und

auch der operative Zugang ist identisch zu der Methode

nach Millin.


12


12.1.2


Prostatakarzinom


Das Prostatakarzinom ist die häufigste bösartige Erkrankung

des Mannes. Die Erkrankung ist vor dem 40. Lebensjahr selten, im Gegensatz zur BPH entwickelt sich das Prostatakarzinom meist in der peripheren Zone der Drüse. Dadurch ist es

durch eine rektale Untersuchung früh zu ertasten. Da der

Tumor somit harnröhrenfern liegt, treten Symptome (z. B.

Probleme beim Wasserlassen = Miktionsbeschwerden) erst

spät auf. Erst bei fortgeschrittenen Tumoren mit Metastasenbildung (Tochtergeschwulste) im Becken und/oder Lendenwirbelbereich, Tumorwachstum in die Blase und/oder der

Ostien sowie in die retroperitonealen (hinter dem Bauchfell

liegenden) Lymphknoten kann es zur Hämaturie (Blut im

Urin), Impotenz, Harnstauung und zu unspezifischen Symptomen wie Rückenschmerzen kommen.

Männer sollten deshalb die Vorsorgeuntersuchung ab

dem 40. Lebensjahr wahrnehmen, sie beinhaltet eine DRU

(digitale rektale Untersuchung, mit dem Finger) und eine Bestimmung des PSA-Werts (prostataspezifisches Antigen).

Eine Erhöhung dieses Werts (ab 2,5–4 ng/ml) begründet eine

weitere Abklärung. Es sollte eine transrektal-sonographische

Stanzbiopsie erfolgen, die genaueren Aufschluss über die

Ausbreitung des Karzinoms gibt. Das lokal begrenzte Prostatakarzinom wird kurativ (heilend) operativ mit der radikalen

Prostatektomie (s. Übersicht und . Abb. 12.4), das metastasierende Karzinom palliativ (lindernd) mit einer Antiandrogentherapie und/oder der Orchiektomie nach Riba behandelt. Außerdem gibt es noch verschiedene medikamentöse

und radiologische Therapieformen.


Die nervschonende (zur Erhaltung der Erektionsfähigkeit) radikale Prostatektomie ist für das organbegrenzte Karzinom der therapeutische Standard, weil diese Behandlung

den Tumor radikal entfernt aber die Kontinenz und die Potenz weitestgehend erhält. Dabei werden die Prostata mit den

Samenblasen und die Lymphknoten im kleinen Becken entfernt. Der Blasenhals wird mit dem Harnröhrenstumpf neu

verbunden und die Nn. erigentes (Nerven, die für die Erek­

tion zuständig sind) erhalten.

Vor der Operation werden die Gerinnungswerte bestimmt, der PSA-Wert ermittelt, der histologische Befund der

Stanzbiopsie abgewartet, die Blutgruppe des Patienten bestimmt und Konserven bereitgestellt. Evtl. wird noch ein CT

des Abdomens bzw. Beckens und/oder eine Knochenszintigraphie durchgeführt, um Fernmetastasen auszuschließen.

OP-Ablauf: Radikale Prostatektomie

55 Wir benötigen für diesen Eingriff Grundinstrumente,

eine bipolare Schere, langes Instrumentarium, lange

Lidhaken, ein Rahmenhaltesystem, ein langes Diathermiemesser/Stichel, evtl. eine Clipzange, einen

Nélaton-Katheter zur intraoperativen Harnableitung

und zur späteren Manipulation am Apex prostatae

(Spitze der Prostata), eine Blasenspritze, Gleitmittel,

20-ml-Spritze, einen Dauerspül-Kompressions-Katheter zur postoperativen Harnableitung, Glycerollösung

zum Blocken des Katheters, evtl. Ureterschienen

zur Identifizierung, Kennzeichnung und Schienung

der Ostien, evtl. ein Darmrohr zur Schienung des Rektums, Nahtmaterial – resorbierbar und nichtresorbierbar, monofil und geflochten – in verschiedenen

Stärken und Nadelgrößen und evtl. ein Hämostyptikum (blutstillendes Medikament).

55 Der Patient wird auf dem Rücken gelagert, evtl. e­ twas

überstreckt in der Lendenwirbelsäule und die Neu­

tralelektrode am rasierten Oberschenkel platziert.

Nach der sterilen Abdeckung wird der Nélaton Blasenkatheter in der Blase platziert und ein «Lendenschurz» angelegt, da der Penis intraoperativ jederzeit

erreichbar sein muss. Danach erfolgt noch einmal

ein Handschuhwechsel.

55 Die Operation beginnt standardisiert gemäß TeamTime-Out-Checkliste. Der Hautschnitt wird im Unterbauch gelegt, von der Symphyse bis ca. 2 cm unterhalb des Nabels, danach wird die Rektusmuskulatur

in der Mittellinie durchtrennt, das Peritoneum

(Bauchfell) und die Muskelfaszie abpräpariert und

der Rahmensperrer eingesetzt. Das Spatium retro­

pubicum wird eröffnet und die obturatorischen und

iliakalen Lymphknoten aufgesucht, freipräpariert,

­ligiert und/oder geclipt und entfernt. Die Lymphknoten werden korrekt beschriftet und nach Seitenloka­

lisation getrennt zur Schnellschnittuntersuchung

(7 Abschn. 4.9.1) gegeben. Die Prostatavorderseite

wird freipräpariert, wobei anhaftendes Fett abgezo-


329

12.1 · Prostata


gen werden kann. Die endopelvine Faszie, die auch

die Prostatavorderwand umgibt, wird gespalten und

das Ligament zwischen der Symphyse und der Prostata durchtrennt (Lig. puboprostaticum). Das GefäßNerven-Bündel (NVB) wird seitlich dargestellt und

ggf. geschont. Es sollte möglichst geclipt werden, um

thermische Nervenschädigungen zu vermeiden.

55 Unter den Bändern verläuft in der Medianlinie der

Plexus prostaticus, ein Venengeflecht, das auf der

Prostata über die Blase ins Becken zieht. Der Plexus

wird mit einem Overholt unterfahren und danach mit

kräftigem resorbierbarem Nahtmaterial der Stärke 1

umstochen, bevor er durchtrennt wird.

55 Der Apex prostatae wird beidseits nahe dem Diaphragma urogenitale (Spitze der Seitenlappen der

Prostata) präpariert. Die Urethra mit dem liegenden

Katheter ist nun tastbar und wird dargestellt. Unmittelbar hinter dem Apex prostatae wird die Urethra

eingeschnitten. Die beiden seitlichen Anastomosennähte werden von innen nach außen, unter Fassen

des Harnröhrenendothels, vorgelegt.

55 Der transurethrale Katheter wird durchtrennt, dessen

proximales Ende wird in die Wunde eingezogen und

das distale Ende mit einer kräftigen Klemme (nach Kocher oder Mikulicz) am Rahmenhaltesystem befestigt.

55 Ab diesem Zeitpunkt der Operation fließt Urin mit

in die Wunde! Diese Information benötigen die Mitarbeiter der Anästhesie, damit eine Zwischenbilanz des

bisherigen Blutverlusts vorgenommen werden kann.

55 Vom Harnröhrenstumpf wird eine Probe genommen

und ebenfalls zur Schnellschnittuntersuchung

­gegeben, falls dort noch Tumorzellen nachgewiesen

werden, muss vor der Anastomose noch einmal

nachgeschnitten werden damit sie tumorfrei ist.

55 Nun werden die dorsalen Anastomosennähte vorgelegt. Der Apex prostatae wird durch Zug am durchgeschnittenen Katheter hochgezogen und durchtrennt.

Die Prostatahinterwand wird freipräpariert und die

Denonvillier-Faszie, die die Prostata von hinten umgibt und sie zum Rektum abgrenzt, durchtrennt. Die

Samenblasen werden ausgelöst, dann werden die

Gefäßpfeiler der Prostata beidseits unter Schonung

des NVB unterbunden. Der Blasenhals, der direkt unterhalb des Trigonums durchtrennt wird, wird präpariert, die Samenblasen, ihre Arterien und die Ductus

deferentes (Samenleiter) werden freipräpariert, unterbunden und durchtrennt.

55 Jetzt kann das Gesamtpräparat entfernt werden,

nachdem es vom Operateur auf Vollständigkeit

unter­sucht wurde wird es gewogen und mit Tinte

markiert (zum besseren Nachweis von Tumorzellen),

bevor es zur histologischen Untersuchung gegeben

wird. Bei Bedarf wird der Blasenhals bis auf Klein­

fingergröße mit resorbierbarem monofilem Nahtmaterial eingeengt. Die Blasenschleimhaut wird mit


feinen resorbierbaren Fäden ausgestülpt, um eine

stabile Anastomose zu erreichen.

55 Der Dauerspül-Kompressions-Katheter wird eingelegt, mit einer stumpfen Pinzette durch den Blasenhals in die Blase eingezogen und mit 5–10 ml Glycerollösung vorgeblockt.

55 Die vorgelegten Anastomosennähte werden angezogen und stellen so die Verbindung zwischen Urethra

und Blase her. Es muss eine spannungsfreie Anastomose entstehen. Es erfolgt die Blutstillung, evtl. die

Einlage eines Hämostyptikums und einer RobinsonDrainage (. Abb. 12.4).

55 Zur orientierenden Überprüfung der Anastomosendichtigkeit kann die Blase über den liegenden Katheter mit einer Blasenspritze aufgefüllt werden. Eine

weitere adaptierende Naht ist möglich. Der Katheter

wird endgültig in der Prostataloge mit bis zu 40 ml

Glycerollösung geblockt.

55 Nach der Zählkontrolle aller Instrumente sowie Textilien und der Dokumentation des Zählstandes wird

die Wunde schichtweise verschlossen. Ein Wundpflaster, der Anschluss aller Ablaufsysteme und das

Entfernen der Patientenabdeckung beenden die

Operation.


Als Komplikation kann es hier zu größeren Blutungen, aber

auch zu einer Verletzung des Rektums kommen. Blutungen

müssen gestillt und das Rektum übernäht werden. Diese Naht

muss unbedingt auf Dichtigkeit überprüft werden, damit es

postoperativ nicht zu einer Peritonitis durch austretenden

Darminhalt kommt.

Eine alternative Möglichkeit, die radikale Prostatektomie durchzuführen, ist der laparoskopische Weg (7 Abschn.

12.9) mit oder ohne Nutzung eines OP-Roboters, z. B. des

DaVinci-Systems.


a


Prostatakarzinom


b


radikale Prostatektomie


..Abb. 12.4a, b Radikale Prostatektomie. a Entfernen der pelvinen

Lymphknoten, der Prostata mit den Samenblasen und Absetzen der

Ductus deferentes. b Anastomosierung des Blasenhalses mit dem Harnröhrenstumpf. Aus: Liehn M, Steinmüller L, Döhler R (2015) OP-Handbuch, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York


12


330


12.2


Kapitel 12 · Urologie


Harnblase


Brigitte Lengersdorf


Die Harnblase (Vesica urinaria) sammelt den Urin zwischen

den willkürlichen Harnentleerungen. Sie liegt subperitoneal

(unterhalb des Bauchfells) im kleinen Becken hinter der Symphyse (Schambein). Nur gefüllt ragt sie über die Oberkante

der Symphyse hinaus und schiebt dann das Bauchfell nach

oben.

Die Blase besteht aus einer Muskelschicht (Tunica muscularis), die mit Schleimhaut (Urothel) ausgekleidet ist. Das Blasendach hat einen Scheitel (Vertex), von dessen Mitte eine

mediane Bauchfellfalte, die das Lig. umbilicale enthält, zum

Nabel zieht. Dies ist ein Überrest aus der Embryonalzeit.


Blasendach, rechte und linke Seitenwand, die Blasenhinterwand und der Blasenboden bilden die Blase. Am Blasenboden liegt das Trigonum vesicae mit den beiden Ostien

(Mündung der Harnleiter in die Blase). Das Trigonum vesicae

ist ein in Form eines Dreiecks am Blasenboden liegendes Feld,

das im Gegensatz zur übrigen Schleimhaut keine Falten hat

und sich nicht verschieben lässt. An dessen Eckpunkten münden die beiden Harnleiter sowie nach kaudal (in Richtung der

Sakralregion) die Harnröhre (Ostium urethrae internum).

Der Blasenhals bezeichnet den Übergang von der Blase in die

Harnröhre.

12.2.1


Nichtinvasiver Blasentumor


Erkrankungen der Blase gehören in das Fach der Urologie,

dabei sind Blasensteinentfernungen oder Abtragungen gutartiger Adenome in der Blase relativ häufig.

j

jTUR-Blase


Soll eine TUR-Blase stattfinden (. Abb. 12.5), bedeutet dies

das Abtragen von Tumorgewebe mittels eines Resektoskops

und einer stromführenden Schlinge.

OP-Ablauf: TUR-Blase


12


a


b


..Abb. 12.5a, b TUR von Tumoren am Blasendach. a Resektion bei

voller Blase nicht möglich. b Bei wenig gefüllter Blase resezieren und

nicht nur mit dem Finger, sondern mit der flachen Hand das Dach von

außen eindrücken. Aus: Hofmann R (2009) Endoskopische Urologie.

­Atlas und Lehrbuch. Springer, Berlin Heidelberg New York


55 Der Patient wird in Steinschnittlage nach Standard

und unter Berücksichtigung seiner Intimsphäre

(­Patienten werden häufig in Spinalanästhesie operiert!), und möglicher individueller Einschränkungen,

gelagert. Eine Neutralelektrode wird am rasierten

Oberschenkel des Patienten angelegt.

55 Wir benötigen für diese Operation eine Abdeckung

nach Hausstandard, Desinfektionslösung, Gleitmittel,

ein Zu- und Ableitungssystem, ein Kaltlichtkabel,

­Optiken (12°, 70°), ein doppelläufiges Dauerspülresektoskop (inkl. Stromkabel, unterschiedliche Resektionsschlingen, Kugelelektroden zum Koagulieren),

einen sterilen Kamerabezug, eine Blasenspritze zum

Ausspülen der Präparate (mit Konnektor für das

­Resektoskop), ein Sieb zum Auffangen der Präparate,

eine große Metallschüssel für warme physiologische

Kochsalzlösung, einen Spül-Kompressions-Katheter

20 CH (3-Wege-Dauerkatheter), ein Spülsystem, ein

Ablaufsystem mit Pumpball, um postoperativ manuell Koagel (Blutgerinnsel) zu entfernen, eine 20-mlSpritze und Glycerollösung zum Blocken des Katheters, diverse 10-l-Kanister mit vorgewärmter Spüllösung, einen MIC-Endoskopieturm mit Monitor, Lichtquelle, HF-Gerät, Endoskopkamera und evtl. Drucker

für die intraoperative Fotodokumentation.

55 Theoretisch ist auch eine Direktsichtresektion ohne

Videoübertragung möglich.

55 Die Operation beginnt standardisiert gemäß TeamTime-Out-Checkliste. Nach der Hautdesinfektion

oberhalb des Bauchnabels bis zur halben Oberschen-


331

12.2 · Harnblase


kelhöhe einschließlich der Anusregion wird ein Ablaufsieb am OP-Tisch mit einem Ablaufschlauch in

den Boden angebracht. Das OP-Gebiet wird steril

­abgedeckt, Kaltlichtkabel, Zu- und Ablaufsystem angeschlossen, die Endoskopkamera mit einem sterilen

Klarsichtbezug bezogen und an die Optik angeschlossen. Das Spülsystem wird entlüftet, danach

wird ein Gleitmittel in die Urethra instilliert und das

Resektoskop mit der Optik (12°) unter Sicht bis in

die Blase eingeführt, dabei wird die Harnröhre und

der Blasenauslass inspiziert. In der Blase wird auf die

«Übersichtsoptik» (70°) gewechselt und die Blase

­sowie die Ostien inspiziert (entleert sich klarer Urin?),

da auch Tumoren der oberen Harnwege vorhanden

sein könnten.

55 Die Tumoren werden mit den Resektionsschlingen

abgetragen und Biopsien (Probeentnahmen) aus den

unteren Muskelschichten entnommen. Die Resektate

werden sofort mit der Blasenspritze ausgespült und

unter genauer Lokalisationsangabe für die histolo­

gische Untersuchung in Histologiegefäße gegeben

und beschriftet.

55 Bei der Resektion sind die Ostien möglichst zu schonen, um eine Striktur (narbige Einengung) mit Harnstauung oder einem Reflux (Rückfluss) in die Nieren

zu vermeiden. Die endgültige Blutstillung erfolgt mit

der Hochfrequenzkugelelektrode oder der Schlinge.

Das Resektoskop wird entfernt und erneut Gleitmittel

in die Urethra instilliert, ein Kompressionskatheter

20 CH (3-Wege-Spülkatheter) wird in die Blase ein­

gebracht, mit 20 ml Glycerollösung geblockt, mit

­einem Spülsystem an die Spülung sowie mit dem

­Ablaufbeutel konnektiert.

55 Der Ablauf sollte hier wasserklar sein, da mit der

­Blockung im Gegensatz zu der TUR-Prostata kaum

eine effiziente Blutstillung erreicht werden kann.

55 Die OP-Textilien sowie die Instrumente werden gezählt, kontrolliert und dokumentiert.


Das Harnblasenkarzinom ist der zweithäufigste Tumor in

der Urologie und hat seinen Ursprung in 90% der Fälle im

Urothel. Selbst kleinste Tumoren können eine Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin) hervorrufen, daher ist Blut im

Urin, das nicht eindeutig von einer Entzündung herrührt,

immer karzinomverdächtig und somit abklärungsbedürftig.

Erhärtet wird die Diagnose durch eine Zystoskopie (Blasenspiegelung) und/oder eine Sonographie.

Als Diagnostik werden zusätzlich zur positiven Biopsie

durch die TUR-Blase (7 Abschn. 12.2.1) eine Überprüfung der

Laborparameter durchgeführt (Gerinnung), eine CT des

Thorax und des Abdomens zum Ausschluss von Fernmeta­

stasen sowie eine Knochenszintigraphie zum Ausschluss von

ossären Metastasen (Knochenmetastasen) angefertigt. Präoperativ erhält der Patient eine Stomaberatung und es erfolgt

eine Markierung der geplanten Harnableitungsstelle.

j

jZystektomie


Die Therapie des Blasenkarzinoms erfolgt stadiengerecht.

Je nach Tumorausbreitung gehören dazu beim männlichen

Patienten die Entfernung der Blase, der Prostata, der distalen

Ureteren, der Samenblasen, bei Tumorbefall evtl. der Harnröhre sowie eine Ausräumung der Lymphknoten und bei der

Frau die Entfernung der Blase, der Gebärmutter (Uterus)

samt vorderem Vaginaldach, evtl. der Eierstöcke (Tuben), der

distalen Ureteren, evtl. der Urethra sowie der regionären

Lymphknoten.

Nach der Zystektomie (Entfernung der Blase) muss eine

neue Harnableitung geschaffen werden. Die Auswahl der

neuen Harnableitung richtet sich nach der Ausbreitung des

Tumors, der Lebenserwartung des Patienten und dessen

Wunsch.

Prinzipiell unterscheiden wir eine neue Harnableitung in:

44Orthotope Harnableitung (an Stelle der Harnblase),

44heterotope Harnableitung (an einer anderen Stelle),

44kontinente (trockene) Harnableitung,

44inkontinente Harnableitung («nasse» Ableitung, der

Harn wird in einem Ablaufbeutel aufgefangen).

OP-Ablauf: Zystektomie


12.2.2


Blasenkarzinom


Patienten mit kleinen nichtinvasiven (nicht in den Muskel einwachsend) Harnblasentumoren sind nach einer TUR-Blase

ausreichend therapiert und werden regelmäßig mittels Zystoskopie kontrolliert.

Stellt sich nach der TUR-Blase heraus, dass das Blasen­­

karzinom muskelinfiltrierend wächst, muss dem Patienten

die Blase in einer weiteren Operation in offener Technik entfernt werden. Auch fehlende Harnblasenkapazität (Fassungsvermögen) mit Pollakisurie (sehr häufigem Wasser lassen)

und andere Ursachen, die eine erhebliche Funktions­

störung der Blase hervorrufen, z. B. Schrumpfblase nach

­Bestrahlung, führen zur Entscheidung, die Blase operativ zu

entfernen.


55 Soll einem Patienten die Blase entfernt werden,

­bereiten wir für die geplante Operation Grundinstrumentarium und lange Instrumente, Laparotomie­

instrumentarium mit Organfasszangen (Allis, Museux,

Duval) und weiche Darmklemmen vor. Wir benötigen

einen Rahmensperrer, Klammernahtinstrumente

für die neue Harnableitung (lineare Cutter), Zenti­

metermaß, Zügel und eine gewinkelte Schere nach

Potts de Martell.

55 Ureterschienen (Mono-J), evtl. ein Urostoma-Set,

je nach geplanter Harnableitung und Nahtmaterial

nach Abteilungsstandard werden vorbereitet.

55 Der Tischaufbau und der Gebrauch der vielfältigen

Einmalmaterialen sind sehr zeitaufwändig und lernintensiv, sie müssen immer wieder durchgeführt


12


332


12


Kapitel 12 · Urologie


­werden, damit sie zur Routine und somit schnell

durchgeführt werden können. Am Anfang hilft es,

wenn sich der Mentor zum Instrumentierenden dazustellt und unterstützt. Außerdem zählt diese Opera­

tion mit zu den zeitlich am längsten dauernden

­Operationen der Urologie und erfordert ein hohes

Maß an Konzentration über mehrere Stunden.

55 Der Patient wird in Rückenlage oder evtl. auch in

­modifizierter Steinschnittlage mit abgesenkten

­Beinen gelagert (7 Abschn. 4.5.2). Die Operation

­beginnt standardisiert gemäß Team-Time-OutCheckliste.

55 Der operative Zugang ist ein Unterbauchschnitt mit

Linksumschneidung des Nabels. Zunächst wird ein

Nélaton-Blasenkatheter gelegt, nach einem Handschuhwechsel wird der «Lendenschurz» angelegt,

bzw. eine Eintuchabdeckung mit integrierten Bein­

lingen bei der Steinschnittlage appliziert. Nach dem

Hautschnitt wird die Rektusscheide in Längsrichtung

gespalten, der gerade Bauchmuskel auseinandergedrängt, die hintere Rektusscheide wird durchtrennt,

ohne das Peritoneum zu eröffnen. Nach distal (körper­

mittenfern) wird das Spatium Retzii (Bindegewebsraum vor der Blase) eröffnet und der Rahmensperrer

eingesetzt. Im Bereich der Aa. iliacae und der Fossa

obturatoria werden mittels Overholt- und Scherenpräparation, bipolarer Schere und/oder Clipzange auf

beiden Seiten die Lymphknoten entfernt. Ggf. wird

die Lymphadenektomie nach retroperitoneal aus­

gedehnt.

55 Die Ureteren werden aufgesucht und angeschlungen, dann möglichst weit nach distal in Richtung

­Blase freipräpariert. Nach dem Legen von Haltefäden

werden die Harnleiter blasennah durchtrennt und

die Absetzungsränder nach Seitenlokalisation getrennt zur Schnellschnittuntersuchung geschickt.

Bei positivem Befund müssen die Ränder nachgeschnitten werden. Mono-J-Katheter werden in beide

Ureteren eingelegt, wobei eine Schiene schräg ab­

geschnitten wird zur späteren Unterscheidung

­z wischen rechtem und linkem Harnleiter.

55 Evtl. werden die Schienen mit steriler NaCl oder

­Ringerlösung angespült, um sicher zu gehen, dass

sie korrekt im Nierenbecken positioniert sind. Die

Schienen werden seitlich für die weitere Operation

in einen sterilen Auffangbehälter ausgeleitet.

55 Die Blase wird mobilisiert, mit einer Organfasszange

angehoben und die hinteren Blasenpfeiler mit der

A. vesicalis superior abgesetzt. Nun werden die seit­

lichen Blasenpfeiler bis in Höhe der Samenblasen

­ligiert, weiteres schrittweises Durchtrennen und

­Ligieren der tiefen Blasenpfeiler mit der A. vesicalis

inferior.

55 Weiter wie bei der radikalen Prostatektomie

(7 Abschn. 12.1.2).


55 Der Harnröhrenabsetzungsrand wird ebenfalls zur

Schnellschnittuntersuchung gegeben, damit die

Wahl der neuen Harnableitung getroffen werden

kann. Bei Tumornachweis kommt eine orthotope

Harnableitung nicht in Frage, dann muss die Harnröhre ebenfalls entfernt werden. Die puboprosta­

tischen Bänder werden ligiert und durchtrennt, die

Prostata vom Rektum gelöst und das Gesamtpräparat

entfernt. Nun erfolgen die Blutstillung und die Herstellung der neuen Harnableitung (s. u.). Es werden

ein oder zwei Robinson-Drainagen eingelegt und

evtl. ein Hämostyptikum.

55 Der Wundverschluss erfolgt schichtweise. Ein Pflaster

verschließt die Wunde und die Drainagebeutel werden angeschlossen.


Bei weiblichen Patienten wird präoperativ eine mit einem

Schleimhautdesinfektionsmittel getränkte Scheidentampo­

nade eingelegt, danach entspricht das operative Vorgehen bis

einschließlich der Präparation der Harnleiter dem von männlichen Patienten. Hier werden die oberen Blasenpfeiler mit

der A. vesikalis superior abgesetzt; danach die seit­lichen

­Blasenpfeiler und der Douglas-Raum dargestellt und der Uterus durch schrittweises Durchtrennen der Ligg. sacrouterina

und Ligg. pubovesicalis mobilisiert. Die dorsale Scheidenwand wird durchtrennt, hierbei dient die gut pal­pable Scheidentamponade als Orientierung, um das Rektum nicht zu

verletzen. Die Scheide wird lateroventral beidseits einge­

schnitten und ein ca. 2 cm weites Segment der vorderen Scheidenwand entfernt. Die endopelvine Faszie wird inzidiert, die

Urethra ca. 0,5 cm distal des Blasenhalses mobilisiert und das

Gesamtpräparat abgesetzt. Der Harnröhrenabsetzungsrand

wird auch hier zur Schnellschnittuntersuchung geschickt, damit die neue Harnableitung geplant werden kann.

Das weitere Vorgehen ist analog zum männlichen Pa­

tienten.

Als Komplikation kann es zu starken Blutungen kommen.

Die Prinzipien der einzelnen Harnableitungen werden im

Folgenden kurz dargestellt.

k

kUreterokutaneostomie (Harnleiter-Haut-Fistel)


Der eine oder beide Harnleiter werden direkt in die Haut implantiert (eingepflanzt; . Abb. 12.6). Dieses Verfahren gilt als

Palliativeingriff. Es ist technisch einfach und kann mit wenig

Zeitaufwand ausgeführt werden. Ein wesentlicher Nachteil ist

die erhöhte Stenoserate (Schrumpfung durch Narbenbildung)

im Haut-Schleimhaut-Bereich.

k

kIleumkonduit


Ileum- oder auch Kolonkonduits gelten seit mehr als 50 Jahren sowohl beim Urothelkarzinom als auch bei anderen

­Malignomen im kleinen Becken als Standardtherapie der

neuen Harnableitung. Beim Ileumkonduit werden die Harnleiter mit einer kurzen ca. 15–20 cm langen Ileumschlinge

(Dünndarmabschnitt) verbunden und am rechten Unter-


333

12.2 · Harnblase


bauch aus der Haut ausgeleitet. Der verbleibende Dünndarm

wird reanastomosiert (wieder neu verbunden), entweder

mit einem Klammernahtinstrument oder per Handnaht mit

feinen geflochtenen resorbierbaren (sich auflösenden) Fäden

der Stärke 3-0 oder 4-0.

k

kKolonkonduit


Die Versorgung mit einem Kolonkonduit (. Abb. 12.7) ist

alternativ zum Ileumkonduit durchzuführen, wenn der

Dünndarm durch Bestrahlungen im kleinen Becken oder

durch andere Erkrankungen geschädigt ist. Auch wenn der

Harnleiter zu kurz ist wird dem Kolonkonduit der Vorzug

gegeben, hier wird dann entweder das Colon transversum

oder das Colon sigmoideum gewählt. Die Gefäßversorgung

erfolgt beim Colon transversum über die A. colica media,

beim Colon sigmoideum über die A. mesenterica inferior.

k

kMainz-Pouch I und II


..Abb. 12.6 Ureterokutaneostomie. Aus: Liehn M, Lengersdorf B,

Steinmüller L, Döhler JR (2015) OP-Handbuch, 6. Aufl. Springer, Berlin

Heidelberg New York


Hierbei handelt es sich um eine kontinente (trockene) Harn­

ableitung. Die Harnleiter werden entweder in einen aus­

geschalteten Darmanteil (Ileum und Zäkum) oder in einen

Sigmaanteil implantiert. Die Patienten müssen sich dann entweder katheterisieren (Mainz-Pouch I über den Nabel), oder

der Urin wird über den Anus ausgeschieden. Nachteile dieser


..Abb. 12.7a–d Kolonkonduit. a Isolierung eines Sigmasegments. b, c Wiederherstellung der Darmkontinuität, retroperitoneales laterokolisches Durchziehen beider Harnleiter. Antirefluxive Implantation

der Harnleiter. d Retroperitonisiertes

­Kolonkonduit. Aus: Liehn M, Lengersdorf B,

Steinmüller L, Döhler JR (2015) OP-Handbuch, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg

New York


a


d


b


c


12


334


Kapitel 12 · Urologie


Operationsmethoden können häufig wiederkehrende fieberhafte Harnwegsinfektionen, durch die Besiedelung des Dickdarms mit Keimen sein.

k

kNeoblase


Die orthotope kontinente Blasenersatzplastik bei Patienten

beiderlei Geschlechts ist dann möglich, wenn der Tumor die

Harnröhre und den M. sphincter externus (Schließmuskel)

nicht infiltriert hat. Die Neoblase wird in aller Regel als

­Ileumneoblase angelegt. Entgegen der Richtung des Mesen­

teriums wird der Darm längs aufgeschnitten zu einer W- oder

S-förmigen Platte vernäht und dann als neue Blase zusammengenäht. Dadurch entsteht ein «Niederdruckreservoir», d. h.

allein die Füllung mit Urin bewirkt den Harndrang, der über

den funktionierenden Sphinkter zur Harnentleerung führt.

12.3


Hoden


Brigitte Lengersdorf


12


Die Hoden (Testis) produzieren Spermien und das männliche

Hormon Testosteron. Sie liegen außerhalb der Bauchhöhle im

Hodensack (Skrotum), da die Innentemperatur des Körpers für

die Produktion funktionstüchtiger Samenzellen zu hoch wäre.

Der Nebenhoden (Epididymis) liegt dem Hoden auf und

ist teilweise mit der Hodenhinterwand verwachsen. Gefäße

und die Hodenausführungsgänge münden in den Nebenhoden und gelangen über den Nebenhodengang in den Samenleiter (. Abb. 12.8).

Der Samenleiter (Ductus deferens) hat als Aufgabe den

aktiven Transport der Samenzellen. Er verläuft hinter dem

­Nebenhoden aufwärts in den Samenstrang und zieht weiter


..Abb. 12.8 Hoden mit Nebenhoden. Die Ductuli efferentes leiten

die Spermien aus dem Hoden in den Nebenhoden. Aus: Liehn M,

­Lengersdorf B, Steinmüller L, Döhler JR (2015) OP-Handbuch, 6. Aufl.

Springer, Berlin Heidelberg New York


in den Leistenkanal. Der Samenstrang wird gebildet aus

Nerven, der A. testicularis, dem Plexus pampiniformis

­

(Venen­geflecht), Lymphgefäßen und dem Ductus deferens.

Die Umhüllung des Samenstrangs bilden der M. cremaster

und Bindegewebe.

Der Hodensack (Skrotum) umgibt die Hoden und die

­unteren Anteile des Samenstrangs. Die beiden Hoden sind

durch eine feine bindegewebige Zwischenwand voneinander

getrennt.

12.3.1


Varikozele


Bei der Varikozele handelt es sich um eine Krampfaderbil­

dung im Bereich des aus den Hodenvenen gebildeten Plexus

­pampiniformis, einem Venengeflecht im Samenstrang. Hier

kommt es durch den Rückstau des Blutes zu einer Überwärmung des Hodens, was zu einer Verminderung der Samen­

qualität führen kann. Außerdem kann es schmerzhaft sein

und zu einer Hodenhypotrophie (Hodenschrumpfung) führen. Es gibt unterschiedliche Therapieverfahren; die retro­

grade Sklerosierung (Verödung von oben), die angiographisch

durchgeführt wird, die skrotale antegrade Sklerosierung (Verödung über das Skrotum von unten) nach Tauber, die hohe

retroperitoneale Ligatur (Abbinden der Vene hinter dem

Bauchfell) nach Bernardi, die inguinale Ligatur (über die Leiste) nach Ivanissevich, die laparoskopische Venen­resektion

und die mikrochirurgische Venenresektion. Hier werden die

üblichen Verfahren nach Bernardi und Tauber beschrieben.

OP-Ablauf: Hohe Ligatur nach Bernardi

55 Für die Unterbindung der V. testicularis benötigen wir

Grundinstrumentarium, bei Bedarf längeres Instrumentarium und Nahtmaterial in verschiedenen Stärken. Der Patient wird für diesen Eingriff in Rückenlage

gelagert, evtl. in Anti-Trendelenburg-Lage gebracht

(7 Abschn. 4.5.2). Die zu operierende Seite wird durch

Unterlegen eines Polsters angehoben.

55 Die Haut wird desinfiziert und das OP-Gebiet steril

abgedeckt. Nach dem Team-Time-Out wird der Hautschnitt über einen pararektal-oder suprainguinalen

Wechselschnitt durchgeführt. Die vordere Rektusscheide wird längs durchtrennt und der M. rectus

­abdominis zur Mitte hin (nach medial) verdrängt.

­Dabei wird das Peritoneum (Bauchfell) nicht eröffnet,

sondern mit einem Haken nach medial gezogen. Die

Vv. spermaticae, die am Peritonealsack haften (meist

drei) werden freigelegt. Die Venen werden möglichst

hoch mit einem Klemmchen angeklemmt, durchtrennt und doppelt ligiert (unterbunden).

55 Nach der Blutstillung werden die OP-Textilien und

­Instrumente gezählt und der Zählstand dokumentiert. Eventuell muss eine Drainage eingelegt

­werden, die Wunde wird schichtweise verschlossen

und die Haut mit einem Wundpflaster versorgt.


335

12.3 · Hoden


OP-Ablauf: Antegrade Sklerosierung nach Tauber

55 Bei diesem Therapieverfahren wird in die freige­

legten Venen ein Verödungsmittel (Sklerosierungsmittel): Äthoxysklerol, eingespritzt. Dies führt zu

­einer Entzündungsreaktion des Gefäßendothels und

damit zum Verschluss der Vene. Dieser Eingriff wird

üblicherweise in Lokalanästhesie durchgeführt.

55 Wir benötigen Grundinstrumentarium, feine Knopfkanülen, Kontrastmittel, diverse Spritzen, Gummi­

zügel, Äthoxysklerol, physiologische Kochsalzlösung

und ein Lokalanästhetikum.

55 Der Patient wird auf dem Rücken auf einem Durchleuchtungstisch gelagert. Ein Bildwandler wird

unter Beachtung des Strahlenschutzes bereitgestellt

(7 Abschn. 2.9) und das Team-Time-Out durchgeführt.

55 Nach der Hautdesinfektion und dem sterilen Ab­

decken des OP-Gebiets erhält der Patient eine Lokalanästhesie. Über das Skrotum wird eine ca. 3 cm

­lange Inzision auf dem Samenstrang ausgeführt. Der

Samenstrang wird freigelegt und mit einem Gummizügel angeschlungen.

55 Die Tunica vaginalis wird eröffnet und das Venen­

geflecht freigelegt. Der Patient muss nun pressen,

damit sich die Venen füllen. Der Operateur sucht eine

geeignete Vene aus, die er mit einem feinen Klemmchen unterfährt und nach distal (unten) ligiert, nach

proximal (oben) wird eine Ligatur vorgelegt aber

nicht zugezogen. Zwischen den Fäden wird das Gefäß inzidiert (eingeschnitten) und eine Knopfkanüle

unter Einspritzung physiologischer Kochsalzlösung

eingeführt.

55 Nun wird unter Durchleuchtung Kontrastmittel

­eingespritzt, um den Verlauf der Testicularvene darzustellen. Bei typischem Verlauf lässt der Operateur

den Patienten pressen und das Äthoxysklerol wird

in Air-bloc-Technik injiziert (Luft-VerödungsmittelLuft).

55 Die Knopfkanüle wird entfernt und die Vene nun

nach proximal ebenfalls verschlossen. Durch ValsalvaManöver (Pressen) des Patienten kann der korrekte

Sitz der Ligatur einfach kontrolliert werden.

55 Nach der Blutstillung wird die Wunde schichtweise

verschlossen und mit einem Wundpflaster versorgt.

Zum Abschluss bekommt der Patient ein Suspen­

sorium angelegt um das Skrotum bis zur Abheilung

zu schützen.


12.3.2


Akute Hodentorsion


Hierbei handelt es sich um eine Verdrehung des Samenstrangs

einschließlich des Hodens um die eigene Achse, dadurch werden die Venen und später auch die Arterie abgedrückt. Das

Blut aus dem Hoden kann nicht mehr abfließen, die Durch-


blutung ist nicht mehr gewährleistet und der Hoden kann

absterben. Eine Hodentorsion muss innerhalb der ersten

6 Stunden nach Auftreten der Symptome operiert werden,

wenn eine manuelle Zurückdrehung nicht möglich ist, und

gilt als Notfallindikation.

Die Patienten spüren einen plötzlich auftretenden starken

Schmerz im befallenen Hoden, der bis in die Leiste ausstrahlt.

Der Hoden steht hoch im Skrotum und ist geschwollen und

möglicherweise bläulich verfärbt. Im Gegensatz zu einer Entzündung, bei der der Schmerz nachlässt wenn der Hoden

­angehoben wird bleibt bei der Torsion der Schmerz bestehen.

Sie kann bei männlichen Patienten jeden Alters auftreten,

am häufigsten jedoch bei Jugendlichen zwischen 12 und

18 Jahren, häufig in den Morgenstunden durch einen Ruck

beim Aufstehen oder bei sportlicher Betätigung.

>>Besteht bei einem Patienten der dringende Verdacht


auf eine Hodentorsion, muss die Hodenfreilegung

über einen inguinalen oder hochskrotalen Hautschnitt

zügig durchgeführt werden.


OP-Ablauf: Orchidopexie

55 Wir bereiten für diesen Eingriff Grundinstrumenta­

rium, eine Vier-Tuch-Abdeckung, Gummizügel und

Nahtmaterial in verschieden Größen und Stärken je

nach intraoperativem Befund vor. Zusätzlich benö­

tigen wir angewärmte physiologische Kochsalzlösung. Die Blutstillung erfolgt in der Regel mit der

­bipolaren Koagulation.

55 Der Patient wird für diesen Eingriff in Rückenlage

­gelagert. Nach der Hautdesinfektion und der sterilen

Abdeckung des OP-Gebiets wird das Team-Time-Out

durchgeführt und dokumentiert.

55 Der Zugang erfolgt über einen Inguinalschnitt, die

Subkutis (Unterhaut) wird bis auf die Aponeurose

durchtrennt und die Faszie in ihrem Faserverlauf

­inzidiert. Der Samenstrang wird identifiziert und mit

Hilfe eines Zügels angeschlungen.

55 Der Hoden wird aus dem Skrotum mobilisiert und

das Gubernaculum testis (Leitband des Hodens)

­mittels Schere zwischen Ligaturen und Koagulation

durchtrennt. Liegt eine Torsion vor, wird der Samenstrang retorquiert (zurückgedreht) und der meist

dunkelrot bis violett verfärbte Hoden in der angewärmten Kochsalzlösung für mehrere Minuten (bis

zu 15 Minuten) aufbewahrt und abgewartet. Nimmt

der Hoden nach dieser Zeit wieder eine normale

­hellrote Farbe an, erfolgt die Orchidopexie, dabei

wird der betroffene Hoden zwischen der Tunica

­albuginea und der Tunica dartos über Haltefäden

am unteren Pol des Hodens vor dem Skrotum fixiert,

um eine ­erneute Torsion zu verhindern.

55 Bestätigt sich aber die Hodennekrose (das Hoden­

gewebe ist definitiv abgestorben), muss der Hoden

entfernt werden (Orchidektomie; 7 Abschn. 12.3.3).


12


Kapitel 12 · Urologie


336


55 Nach sorgfältiger Blutstillung werden alle OP-Tex­

tilien und Instrumente gezählt und der Zählstand

­dokumentiert. Die Wunde wird schichtweise verschlossen und die Haut mit einem Wundpflaster

­versorgt.

55 Der Patient erhält ein Suspensorium als Schutz

für das Skrotum. Wenn dem Patienten ein Hoden

­entnommen werden musste, sollte zeitnah eine

­Orchidopexie der Gegenseite erfolgen, um eine Tor­

sion am verbleibenden Hoden zu verhindern.


12.3.3


12


Hodentumoren


Hodentumoren gehen zu über 90% von den Keimzellen aus

und werden in Seminome und Nichtseminome eingeteilt.

Beim größten Teil der restlichen 10%, die sich aus Binde-und

Stützgewebe bilden, handelt es sich um Tumoren der LeydigZellen, die für die Androgenproduktion zuständig sind.

Betroffen sind meist Männer im Alter zwischen 20 und

40 Jahren. Als Risikogruppe gelten Patienten mit kleinen bzw.

primär nicht in den Hodensack herabgestiegenen Hoden

­sowie Patienten mit positiver 

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