der
Papille (Sehnerv) und am peripheren Übergang der Netzhaut
am Ziliarkörper.
Wenn es zu einer – relativ seltenen – Netzhautablösung
(Ablatio retinae) kommt, bei der sich die Netzhaut von ihrer
Versorgungsschicht (RPE) abhebt, erfordert dies eine
schnellstmögliche ärztliche Behandlung. Defekte, die länger
anhalten, können ansonsten zum Funktionsverlust, also einer
Erblindung führen. Ursachen können z. B. Glaskörper
schrumpfung mit Einreißen der Netzhaut, starker Zug (sog.
Traktionsamotio, durch Einwirkung von außen; Faustschlag,
Squashball), Diabetes mellitus oder auch Tumoren sein. Symp
tome sind das Sehen von Blitzen (Photopsien), schwarzen
«Mücken» («mouches volantes»), Rußregen sowie vorhangar
tige Gesichtsfeldeinschränkung in Form von grauem Nebel.
Die Therapie kann in einer Laserbehandlung bestehen,
die die Netzhautablösung verhindert, aber bereits abgeho
bene Netzhaut nicht wieder anheften kann (7 Abschn. 2.4).
16
Kapitel 16 · Augenheilkunde (Ophtalmologie)
388
16.2
16
Besonderheiten
Die benötigten Instrumente für Operationen am Auge sind
überwiegend Mikroinstrumente, die in der Sterilisationsab
teilung in speziellen Containern mit Silikoneinlagen aufberei
tet werden, damit die feinen Spitzen der Instrumente nicht
beschädigt werden (7 Kap. 22). Augenoperationen werden
häufig mit dem Operationsmikroskop oder auch der Lupen
brille durchgeführt, das Operieren unter dem Mikroskop er
fordert einen hohen Aufmerksamkeitsgrad und Routine der
instrumentierenden Mitarbeiter, damit der Operateur wäh
rend des Eingriffs möglichst nicht vom Operationsfeld auf
blicken muss (7 Abschn. 2.6).
Operationen am Auge erfordern häufig eine Weit- oder
Engstellung der Pupillen, dies wird erreicht über die Gabe
spezieller Augentropfen, die präoperativ eingebracht werden.
Patienten, die so vorbereitet in den Operationstrakt gebracht
werden, müssen sorgfältig begleitet werden. Die eingebrach
ten Medikamente beeinträchtigen das Sehen, bewirken eine
erhöhte Blendempfindlichkeit oder «Schleier sehen», aber
auch die dann fehlende Sehhilfe schränkt die Patienten ein.
Deshalb muss jede Maßnahme genauestens erklärt werden.
Augenoperationen können häufig in Tropf- oder Lokal
anästhesie, aber auch in Vollnarkose durchgeführt werden.
Vor der Leitungsanästhesie (LA) wird die Oberfläche des
Auges durch ein Oberflächenanästhetikum (z. B. NovesineTropfen) betäubt, das Lokalanästhetikum wird dann in das
Ganglion ciliare als Retrobulbäranästhesie gespritzt, dafür
werden sehr feine, lange Kanülen (23 G) benutzt. Die Vortei
le der Vollnarkose liegen darin, dass der intraokulare Druck
optimal kontrolliert werden kann (Senkungseffekt durch die
Narkose), der Patient liegt ruhig, die Atemwege sind gesichert
und es erfolgt eine adäquate Oxygenisierung (O2-Versor
gung). Der Anästhesist muss dafür sorgen, dass der Patient
ggf. optimal relaxiert ist, damit es intraoperativ nicht zu Hus
tenattacken kommt, die den intraokularen Druck erhöhen
können und so ein Austreten von Glaskörper oder heftige
Aderhautblutungen hervorrufen können.
>>Als Besonderheit kann es bei Operationen am Auge
durch Druck auf den Bulbus und/oder Zug an den Augen
muskeln (z. B. bei Eingriffen an der Netzhaut, Schielope
rationen, Enukleation), aber auch bei der Retrobulbär
anästhesie durch den okulokardialen Reflex (OCR) zu
ausgeprägten Bradykardien (Verlangsamung des Herz
schlages) und Herzrhythmusstörungen kommen (vagale
Reflexreaktion). Die Manipulation am Auge muss dann
sofort unterbrochen werden, evtl. muss Atropin über die
Vene verabreicht werden um die Symptome zu mindern.
Im Folgenden finden einige häufig verwendeten Medika
mente Erwähnung:
44Neosynephrine: Augentropfen zur Weitstellung der Pu
pillen, sie können einen Blutdruckanstieg hervorrufen.
44Suprarenin: Ist häufig als Zusatz in Spüllösungen zu fin
den und kann ebenso zu Blutdruckanstieg und erweiter
ten Pupillen führen. Übelkeit und Erbrechen können die
Folge sein.
44Atropin: Kann zu Tachykardien (Erhöhung der Pulsfre
quenz) und Erregungszuständen v. a. bei Kindern führen.
44Azetylcholin: Wird intraoperativ zur Engstellung der
Pupillen eingesetzt und kann zu Bradykardien (Verlang
samung der Herzfrequenz), Blutdruckabfall und selten
zu einem Bronchospasmus führen.
Die Augenheilkunde hat enge Beziehungen zur Hals-NasenOhrenheilkunde, zur Dermatologie, Pädiatrie und zur Neuro
logie. Da das Auge häufig bei Allgemeinerkrankungen betei
ligt ist und intraoperativ die Möglichkeit besteht, am lebenden
Gewebe mikroskopische Untersuchungen vorzunehmen, wer
den ophtalmologische Befunde häufig zur Diagnosefindung in
der Inneren Medizin und der Neurologie herangezogen.
j
jSpezielle Instrumente in der Augenchirurgie
(. Abb. 16.3, . Abb. 16.4, . Abb. 16.5, . Abb. 16.6, . Abb. 16.7,
. Abb. 16.8, . Abb. 16.9).
..Abb. 16.3 Schielhaken nach Malbran. (© Fa. Geuder AG, mit
freundlicher Genehmigung)
..Abb. 16.4 Chalazionlöffel nach Hebra. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Geuder AG)
j
jMedikamente
Auch intraoperativ applizierte Medikamente oder Spüllösungen
können, wegen ihrer schnellen Resorption über die Schleim
häute, zu systemischen Problemen führen. Die Information
über die eingebrachten Medikamente an die Mitarbeiter der
Anästhesie ist deshalb unerlässlich, zusätzlich sollten bestehende
Allergien auf bestimmte Medikamente zwingend bekannt sein.
..Abb. 16.5 Lidsperrer nach Mellinger. (Mit freundlicher Genehmigung
der Fa. Geuder AG)
389
16.3 · Erkrankungen des Auges
..Abb. 16.6 Zirkel nach Castroviejo. (Mit freundlicher Genehmigung
der Fa. Geuder AG)
Oberarm des Patienten angelegt. Die zu operierende Ge
sichtshälfte wird mit einem geeigneten Desinfektionsmittel
desinfiziert. Die Patientenabdeckung erfolgt nach Haus
standard, ggf. mit einer Inzisionsfolie über dem Auge. Wir
bereiten die benötigten Instrumente (s. u.) und Materialien
vor. Nach dem standardisierten Team-Time-Out wird die
Chalazion-Klemme angelegt, das Hagelkorn mit dem Stich
skalpell eröffnet und mit dem Chalazionlöffel ausgeräumt.
Die Chalazionwand wird mit Schere und Pinzette entfernt,
die Blutstillung wird vorgenommen und ein steriler Augen
verband angelegt. Das entfernte Gewebe wird zur histologi
schen Untersuchung gegeben um ein Meibom-Karzinom
auszuschließen.
16.3.2
..Abb. 16.7 Federschere nach Vannas. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Geuder AG)
..Abb. 16.8
der AG)
Phakolanze. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Geu-
..Abb. 16.9 Tränenwegsonde nach Wilder. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Geuder AG)
16.3
Erkrankungen des Auges
16.3.1
Chalazion
Eine häufige Operation am Augenlid ist die Entfernung eines
Chalazion (Hagelkorn). Es handelt sich um eine chronische
Entzündung der sog. Meibom-Drüsen mit einer Verstopfung
des Ausführungsgangs unterhalb der Lidkante. Der Patient
bemerkt eine traubenkern- bis haselnussgroße Auftreibung,
die nicht schmerzhaft und nicht verschieblich ist. Da es sich
aber auch immer um einen bösartigen Tumor handeln kann,
wird ein Hagelkorn entfernt.
j
jChalazion-Entfernung
Der Patient wird in Rückenlage auf einer Kopfschale gelagert,
bei monopolarer Koagulation wird eine Neutralelektrode am
Tränenwegverschluss
Die Entwicklung der Durchgängigkeit des Tränen-NasenGangs (Ductus nasolacrimalis) ist erst gegen Ende der Emb
ryonalentwicklung abgeschlossen. Wenn der Gang durch eine
feine Membran (Hasner-Membran) verschlossen ist, kommt
es zu einem Rückstau der Tränenflüssigkeit mit eitrigem Aus
fluss aus dem Tränenpünktchen. Zunächst wird versucht, den
Tränennasengang zu spülen (TWS = Tränenwegspülung),
falls dieser Eingriff nicht erfolgreich verläuft, wird eine
Dakryozystorhinostomie nach Toti (Tränenwegsrekonstruk
tion) durchgeführt. Dieser Eingriff kann von außen oder
endonasal erfolgen.
Wird bei Kindern versucht, die Tränenwege nur zu son
dieren, kann dies in einer kurzen Maskennarkose erfolgen.
Sollen die Tränenwege gespült werden, empfiehlt sich eine
Intubationsnarkose, damit die eingebrachte Spüllösung nicht
aspiriert wird. Bei Erwachsenen ist der Eingriff auch in Lokal
anästhesie möglich. Oberes und unteres Tränenpünktchen
werden mit einer konischen Tränenwegsonde (nach Wilder;
s. . Abb. 16.9) erweitert, eine Tränenwegkanüle kann einge
führt werden, über diese wird physiologische Kochsalzlösung
zur Spülung eingebracht. Die Spüllösung läuft über Nase und
Rachen ab.
j
jDakryozystorhinostomie nach Toti
Bei persistierendem Verschluss der Tränenwege, erfolgt die
DCR (Dakryozystorhinostomie). Wenn die Entscheidung für
die offene Operation nach Toti gefallen ist, bereiten wir feines
Grundinstrumentarium, feine Saugrohre, einen Bohrer mit
Kugelfräsen oder einem Trepan vor, die Blutstillung erfolgt
mit der bipolaren Koagulation, der Operateur trägt eine
Lupenbrille.
Der Patient wird in Rückenlage auf einer Kopfschale gela
gert. Nach der Hautdesinfektion und Abdeckung des OPGebiets wird nach dem standardisierten Team-Time-Out an
der seitlichen Nase der Hautschnitt mit dem Skalpell durch
geführt. Blutungen werden gestillt und die Haut mit der Prä
parierschere unterminiert. Danach wird das Periost abge
schoben, die Knochenstruktur wird mittels Kronenbohrer
trepaniert und der Zugang mit feinen Luer-Zangen erweitert.
Die Nasenschleimhaut wird geschlitzt und bei Bedarf koagu
16
390
Kapitel 16 · Augenheilkunde (Ophtalmologie)
liert. Der Tränensack wird inzidiert (eingeschnitten) und die
Tränensackwand mit der Nasenschleimhaut und feinem
Nahtmaterial vernäht. Der schichtweise Wundverschluss und
ein Kompressionsverband beenden den Eingriff.
16.3.3
Hornhauterkrankungen
Scharfes Sehen ist nur mit einer intakten Hornhaut (Kornea)
möglich, sie hat als Hauptfunktion die Lichtbrechung zur
Bildfokussierung inne. Bei wiederkehrenden Entzündungen
der Hornhaut (Keratitis) oder Fremdkörpereinsprengungen
kann eine Abrasio (Abschabung) der Hornhaut durchgeführt
werden.
j
jAbrasio
Dieser Eingriff kann in Oberflächenanästhesie durchgeführt
werden, evtl. wird ein OP-Mikroskop benötigt. Ein Lidsperrer
wird eingesetzt, danach wird das Hornhautepithel mit dem
Hockeymesser abgeschabt. Bei Bedarf wird eine therapeuti
sche Kontaktlinse zur Schmerzstillung eingesetzt. Ein steriler
Augenverband wird angelegt.
j
jKeratoplastik
Eine Keratoplastik (Hornhauttransplantation) wird bei Trü
bungen der Hornhaut oder Verformung der Hornhaut wie
z.B. Keratokonus durchgeführt. Wir unterscheiden folgende
Formen:
k
kPerforierende Keratoplastik
16
Unter dem Operationsmikroskop wird die ausgemessene
Spenderhornhaut mit dem Trepan oder einer Stanze ent
nommen. Der Lidsperrer wird eingesetzt und bei Bedarf
der M. rectus superior oder inferior angeschlungen. Die
Vorderkammer wird am Limbus mit der Parazentesenadel
punktiert und mit einer viskoelastischen Substanz (z. B.
Healon) aufgefüllt. Die ausgemessene Empfängerhornhaut
wird mit dem Trepan und der Keratoplastikschere ent
nommen. Nach der Iridektomie wird die Spenderhornhaut
aufgelegt, mit Einzelknopfnähten fixiert und dann fort
laufend oder mit Einzelknopfnähten mit der Hornhaut ver
näht.
Die viskoelastische Substanz wird entfernt und durch BSS
(Balanced Salt Solution) ersetzt. Abschließend werden ein
Antibiotikum, Kortison und ein Mydriatikum (pupillener
weiterndes Arzneimittel) meist als Salbe aufgegeben, bevor
ein steriler Augenverband die Operation beendet.
k
kLamelläre Keratoplastik
Man versteht darunter die isolierte Transplantation einzelner
Hornhautschichten. Man unterscheidet hier:
44DALK (vordere lamelläre Hornhauttranplantation),
44DMEK (hintere lamelläre Hornhauttransplantation, das
Transplantat ist hier noch dünner als bei der DSAEK
und verursacht in der Folge geringere Visuseinschrän
kungen),
44DSAEK (hintere lamelläre Hornhauttransplantation).
Die Spenderhornhaut stammt von Menschen, die sich als
Organspender zur Verfügung gestellt haben. Nach der Ent
nahme wird die Hornhaut mikrobiologisch untersucht, in
spezielle Nährlösung eingelegt und in Hornhautbanken gela
gert. In den letzten Jahren wird zunehmend versucht, Horn
haut künstlich aus Kollagen herzustellen. Erste Transplanta
tionen wurden bereits erfolgreich durchgeführt, bisher aber
lediglich im Rahmen klinischer Studien.
Wir benötigen mikrochirurgisches Augeninstrumenta
rium, sehr feines Nahtmaterial (8-0 bis 10-0), eine Patienten
abdeckung nach Hausstandard, ein Bohrsystem mit Trepan
und Stanzen sowie ein OP-Mikroskop mit einer Sterilab
deckung.
16.3.4
Katarakt
j
jKataraktoperation
Die Operation des Grauen Stars ist mit ca. 650.000 der am
häufigsten durchgeführte chirurgische Eingriff in Deutsch
land. Die Ursachen für eine Katarakt sind vielfältig und rei
chen von altersbedingt (cataracta senilis) über Verletzungen
(cataracta traumatica), Entzündungen (cataracta complicata),
Stoffwechselstörungen z. B. bei Diabetes mellitus (cataracta
diabetica) bis hin zu Schädigungen durch UV-Licht. Die Aus
breitung der Linsentrübung wird mit der
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