Merke: häufig günstige Langzeitprognose trotz Adipositas (sog. kardiometab. benigne Adipositas).
Ätiologie
• Prim. Adipositas (A. simplex, 95 %): Ernährungs- u. Lebensweise, mangelnde körperl. Aktivität, psychische u. genetische Faktoren → gestörte
Energiebilanz. Cave: Bei Adipösen wird Leptinresistenz vermutet (Hormon Leptin senkt über Hypothalamus-Rezeptoren den Appetit). KG u.
Fettmasse zu 45–85 % polygenetisch fixiert. Selten monogene Adipositas bei Grad III mit Leptinmangel (Ther.: Leptin s. c.)
• Sek. Adipositas (5 %), z. B.: Cushing-Sy. ( 17.7 ), Hypothyreose ( 17.6.3 ), path. Glukosetoleranz ( 17.1.1 ), gonadale Unterfunktion,
Hypothalamusfunktionsstörungen, insgesamt selten. Medikamentöse NW, z. B. SSRI
Adipositas begünstigende Ernährungstrends:
• Take-away-, Convenience-Produkte: Kalorienzufuhr ↑, Nährstoffdichte ↓
• Außer-Haus-Verzehr ↑
• Übermäßige Portionsgrößen
• Ständige Verfügbarkeit von Fastfood
• Energiereiche Getränke
Klinik Körperl. Beschwerden meist erst durch Folgeerscheinungen!
• Folgen mechanischer Überbelastung: Gon-, Koxarthrose ( 6.6.3 ), LWS-Sy. ( 6.2.5 ), Senk-, Spreizfüße, Beinvarikose ( 11.4.2 ), körperl.
Leistungsfähigkeit ↓, Atemnot bis zur Ateminsuff. mit Polyglobulie (Pickwick-Sy., s. auch 12.7.3 ), Hyperhidrosis, Pruritus
• Adipositasbedingte psychische Probleme (soziale Isolation), Potenz-, Libidostörungen ( 13.8 ), reaktive Depression, soziale Diskriminierung
• Ventilationsstörungen, z. B. Schlafapnoe ( 12.7.3 )
• Nässende Ekzeme zwischen Fettwülsten, Striae; Hyperhidrosis
• Mögliche KO durch Stoffwechselveränderungen u. erhöhtes vaskuläres Risiko: Typ-2-Diab. ( 17.1.1 ), Hypertriglyzeridämie ( 17.2 ), Fettleber,
Cholesteringallensteine ( 8.9.1 ), Hyperurikämie ( 17.3 ), Hypertonie, metab. Sy., KHK
• Ca-Risiko ↑ (z. B. kolorektales Ca, Pankreas-, Nieren-, Endometrium-, Mamma-, Ovarial-, Prostata-Ca)
• Androgenbildung bei F ↑ → z. B. Hirsutismus, PCO-Sy., 14.3.7
Diagnostik
• Regelmäßige Gewichtskontrolle: durch Pat. zu Hause, bei Arztbesuch. BMI ( Abb. 17.8 )?
• Ganzkörperstatus mit bes. Berücksichtigung des Herz-Kreislauf-Systems. Cave: Evtl. breitere Blutdruckmanschette, sonst RR-Werte zu hoch.
Taillen-zu-Hüft-Umfangsdifferenz (Waist-to-Hip Ratio)? Ödeme?
• Labor: BB, BZ, Chol, TG, GGT, GOT, GPT, TSH basal, Harnsäure, Krea, Urinteststreifen
• Ruhe-EKG, ggf. Belastungs-EKG, Oberbauch-Sono
Naturheilkundliche Therapieempfehlung Homöopathie:
• Cefamadar ® Tbl. (Madar D4). Dos.: Erw. 1–3 × 1 Tbl./d, < 6. Lj. nicht mehr als die Hälfte, 6.–12. Lj. nicht mehr als ⅔ der Erw.-Dosis
• Fucus vesiculosus D6 DHU
® Tbl.; Dos.: 3 ×/d 1 Tbl. vor dem Essen im Mund zergehen lassen
Prognose Ab BMI > 30 Mortalität ↑. Ab BMI > 40 evtl. Lebenserwartung um 20 J. ↓.
Mangelernährung in Deutschland
Trotz Wohlstandsgesellschaft zunehmend Problem der Malnutrition in industriellen Ländern: Lt. aktueller Studien der Deutschen Gesellschaft für
Ernährungsmedizin (DGEM) ¼ aller Pat. bei stat. Aufnahme mangelernährt, unter den Senioren u. v. a. Demenzerkrankten in geriatrischen Abteilungen >
50 %, bei onkolog. Pat. ca. 40 %. Malnutrition hat neg. Einfluss auf Krankheitsverlauf, Prognose, Lebensqualität: Therapie-NW ↑, Compliance ↓,
Therapieunterbrechungen ↑, interkurrente Inf. ↑ etc.
Evidenzbasierte ernährungsmed. Assessment-Instrumente: Subjective Global Assessment ( SGA) : Einschätzung des Ernährungszustands (standardisierter
Fragebogen) u. Nutritional Risk Screening (NRS): Screening auf Mangelernährung (v. a. im Krankenhaus, standardisiertes Fragebogenscreening, 29.4 ,
29.12 ).
17.5.2. Normalisierung von Gewicht und Nahrungszusammensetzung
Indikationen zur Gewichtsreduktion
• BMI (↑)–↑ (> 25 kg/m 2
) bei gleichzeitigen KO/übergewichtsbedingten Sympt.
• Ab BMI > 30
Allgemeine Richtlinien zur Gewichtsreduktion
• Möglichst frühzeitig. Realistisches Diätziel setzen! Statt 10–20 kg weniger, 5–10 % Gewichtsverlust realistischer
• „Politik der kleinen Schritte“: Ernährungsumstellung statt striktem Essverbot (kein „Hungern“)
• Wiederholte KG-Reduktionen mit nachfolgender Gewichtszunahme („Jo-Jo“-Effekt) vermeiden. Pat. mit wechselndem KG haben höhere koronare
Morbidität als Personen mit konstantem Gew. „Blitz- u. Hungerdiäten“ verschärfen Gewichtsprobleme
• Ernährungsumstellung nicht zeitlich begrenzt, sondern lebenslang planen (verhaltensther. Lernprozess)
• Diät mit Sport verbinden
• Beratung durch Diätassistenten, professionellen Ernährungsberater, ernährungsmed. weitergebildeten HA (Anlaufstellen: KK, amb. Einzel- o.
Gruppenberatung Praxis)
• Beste Erfolge durch Komb. Diät, Verhaltensther. (Selbsthilfegruppen, Gruppenbehandlung als IGeL-Leistung), körperl. Training
• Therapieresistente Pat.: Wichtigster Ansatz ist körperl. Bewegung. Studien zeigten: je höher körperl. Aktivität unabhängig vom KG, desto geringer
Erkr.-Risiko (Evidenzgrad A). „Rezept für Bewegung“ verordnen (Landesärztekammer)
• Regelmäßige Motivation durch HA (pos. Verstärkung der Gewichtsreduktion)
Regeln zur Gewichtsreduktion
• Allgemein:
– Weniger essen; zucker-, fettreiche Lebensmittel ↓
– Ballaststoffreiche Lebensmittel (Gemüse, Obst, Salat) ↑
– 3 kalorisch ausreichende Mahlzeiten tägl. Auf kleine Zwischenmahlzeiten verzichten → dafür trinken (Wasser, Tee)
– Cave: einfache Ernährungsregeln (keine Kalorien-, Punktetabellen), realistische Erwartungen des Pat. an sich selbst
• Nahrungszusammensetzung:
– Möglichst mit pflanzlichen Fetten (z. B. Raps-, Olivenöl) Bedarf an ungesättigten Fettsäuren decken
– Fettarme Zubereitung Fleisch-, Fischgerichte: Dünsten, Grillen, Garen in Klarsichtfolie. Teflongeschirr/Römertopf verwenden. Cave:
Anbraten vermeiden
– Magere Wurst- u. Käsesorten. Cave: Alles sichtbare Fett entfernen
– Mineralwasser, Tee, energiefreie „Light-Getränke“ (mind. 2,5 l/d). Zucker durch Agavendicksaft o. Stevia ersetzen. Fruchtzucker:
höherer glykämischer Index als Haushaltszucker! Diabetikersüß-/-backwaren: u. U. nicht energiereduziert
– Vollkornprodukte, frische natürliche Lebensmittel ↑, keine Fertigprodukte u. Industrienahrung
Schlechter Schlaf ist ebenfalls RF für metab. Sy.: bereits kurzfristige Schlafrestriktion → Insulinsensitivität ↓, Hunger ↑, spontanes Bewegungsverhalten
↓
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