Lamotrigin, Topiramat, Levetiracetam (Add-on)
(nach den Leitlinien der DGN 2008)
Aut-idem-Regelung
Da die relative Bioverfügbarkeit von Antiepileptika verschiedener Generikahersteller in einem klin. relevanten Ausmaß schwanken kann, wird die Autidem-Regelung diesbezüglich kritisch gesehen. In der Arzneimittel-Richtlinie (Stand: 21.4.2016) sind Arzneimittel aufgeführt, für die in Apotheken kein
Ersatz durch ein wirkstoffgleiches Arzneimittel erfolgt. Neben dem bisher einzigen Antiepileptikum Phenytoin finden sich nun auch Carbamazepin ret.,
Primidon u. Valproinsäure auf der Liste. Aktuelle Liste: www.g-ba.de/downloads/39-261-2564/2016-04-21_AM-RL-VII_SAL-2-Tranche_BAnz.pdf . Wenn im Zweifel: Aut-idem-Feld zur Gewährleistung der Patientensicherheit ankreuzen!
• Therapie im Anfall:
– Schutz vor Verletzungen (weiche Unterlagen, Entfernung von gefährlichen Gegenständen)
– Kein Gummikeil (Verletzungsgefahr von Pat. u. Helfer)
– Medikamentöse Ther.: bei einem innerhalb von wenigen Min. selbstlimitierenden Anfall nicht unbedingt notwendig, oft ist es sinnvoll,
wenn möglich, einen venösen Zugang zu legen, ein Notfallmedikament bereitzuhalten, um es bei Auftreten eines 2. Anfalls applizieren
zu können
Medikation im Anfall
• Lorazepam (z. B. Lorazepam neuraxpharm ® ) 2,5 mg s. l., 2 mg i. v. oder:
• Diazepam 5–20 mg langsam i. v. o. als Rektiole oder:
• Clonazepam (z. B. Rivotril ® ) 1 mg i. v.
– Postiktal: wenn komatös, stabile Seitenlagerung, Freilegung von Atemwegen, z. B. nach Erbrechen, bei Desorientiertheit nicht allein
lassen, Verletzungsmöglichkeiten
– Bei bekannter Epilepsie u. schnellem Aufklaren keine Einweisung notwendig, ggf. Termin bei behandelndem Neurologen zur
Therapieoptimierung veranlassen
• Zuweisung in ein Epilepsiezentrum: Abklärung möglicher epilepsiechir./interventioneller Optionen bei Pharmakoresistenz (Def. durch die
Internationale Liga gegen Epilepsie: keine Anfallsfreiheit nach adäquaten Therapieversuchen mit 2 vom Pat. vertragenen, geeigneten u. ausreichend
dosierten Antiepileptika in Mono- o. Komb.-Ther.)
21.8.3. Status epilepticus
Definition
• Anfallsserie: mehrere Anfälle hintereinander mit vollständiger Wiedererlangung des Bewusstseins.
• Status epilepticus: generalisiert tonisch-klonischer Anfall/Anfallsserie ohne vollständige Wiedererlangung des Bewusstseins mit einer Dauer formal
> 5 Min., fokaler Status/Absence-Status > 30 Min.
Ursachen/Auslöser
• Unregelmäßige Antikonvulsiva-Einnahme
• Abruptes Absetzen von Benzodiazepinen bei Älteren
• Oft auch als Erstmanifestation einer sympt. Epilepsie bei zerebralen Ischämien, SVT, Blutungen ( 21.3.1 ), metab. Erkr., Alkoholentzug ( 22.10.1 ),
Hirntumoren ( 21.6 ), Enzephalitis ( 21.5 ), Trauma
Therapie
Vorgehen bei Status epilepticus
Der generalisierte tonisch-klonische Status ist ein akut lebensbedrohliches Krankheitsbild u. erfordert sofortige Notfallversorgung: Klinikeinweisung mit
Notarzt, möglichst in ein Klinikum mit neurolog. Intensivstation.
Bis zum Eintreffen des Notarztes:
• Vor Verletzungen schützen, Atemwege freihalten, RR u. Herzaktion überwachen, wenn möglich Pulsoxymetrie
• BZ-Stix (bei Hypoglykämie Glukose-Lsg. 40 % 60 ml i. v.)
• Wenn möglich i. v. Zugang, ggf. Serumasservation zur Spiegelbestimmung
• 4–6 l O 2 über Maske, ggf. Intubation
Akute medikamentöse Therapie des Status epilepticus
• 1. Wahl: Lorazepam (z. B. Lorazepam neuraxpharm ® ) 2–4 mg i. v., ggf. Wdh., max. 8–10 mg
• Alternativ: Clonazepam 1–2 mg i. v. max. 4 mg
• Bei fehlender Wirksamkeit: Phenytoinkonzentrat i. v. über sicheren separaten venösen Zugang u. Monitorkontrolle wg. Gefahr Gewebsnekrosen/AVBlock, 250 mg über ca. 5 Min., weiter bis 20 mg/kg über 20–30 Min. o. Valproinsäure 2 g als Bolus i. v.
Ohne i. v. Zugang:
• Midazolam 10 mg i. m. äquipotent zu 4 mg Lorazepam i. v., Midazolam bukkal (Buccolam ® 10 mg nur bis 18. Lj. zugelassen, bei Erw. Off-Label)
• Diazepam 10–20 mg Rektiole
Prognose Mortalität ca. 10 %, Gefahr von hypoxischen Hirnschädigungen.
21.9. Radikulopathien
21.9.1. Zervikaler und lumbaler Bandscheibenvorfall
Definition
• Protrusion: Vorfall, bei dem der Anulus fibrosus intakt bleibt
• Prolaps: Gallertmaterial tritt aus, entweder gestielt mit Verbindung zum Gallertkern o. sequestriert (freies Gallertmaterial im Spinalkanal); u. U.
Anerkennung als BK Nr. 2108 ( 30.1.5 )
Inzidenz 150/100.000 Einwohner, Altersgipfel 40.–50. Lj.; M > F. 60 % der > 60-Jährigen haben lumbalen BSV in der Bildgebung: schlechte Korrelation
mit klin. Beschwerden.
Anamnese
• Auslöser: meist ohne Auslöser, Anheben schwerer Lasten, selten Trauma
• Beginn, Dauer (akut, subakut)
• Voroperationen
• Körperhaltungen, die die Schmerzen verbessern/verschlechtern
• Zunahme beim Husten, Pressen u. Niesen, Nach-hinten-Beugen?
• Besserung im Liegen, Vornüberbeugen?
• Sensibilitätsstörungen ( Abb. 21.9 ), Lähmungen, Blasen- o. Mastdarmstörungen
Abb. 21.9 Reithosenanästhesie bei Kauda-Syndrom
[L157]
Klinik
• Lumbal: Lumbalgien mit paravertebralen Myogelosen, Schonhaltung, z. B. leicht vornübergebeugt u. zur gesunden Seite geneigt,
Bewegungseinschränkung
• Zervikal: Zervikalgien mit paravertebralen Myogelosen, Ausstrahlung in die Arme/Schultern, Bewegungseinschränkung u. Zunahme bei
Kopfwendung zur schmerzhaften Seite
• Radikuläres Sy. mit sensiblen (lumbale/zervikale Schmerzen mit Ausstrahlung in den Arm/das Bein, Hypästhesien, Parästhesien u.
Kribbelparästhesien) u./o. motorischen Ausfällen im entsprechenden Dermatom/Myotom ( Abb. 21.10 , Tab. 21.30 u. Tab. 21.31 ).
Abb. 21.10 Höhenlokalisation bei lumbalem Bandscheibenvorfall
[L190]
Tab. 21.30 Klinik der zervikalen Bandscheibenvorfälle
Wurzel
(Segment)
Schmerzlokalisation Sensibilitätsstörungen Parese Funktionsausfall Reflex
C5
(C4/5)
Schulter im Bereich
des Deltamuskels
Hautareal über M.
deltoideus M. deltoideus
Abduktion im Schultergelenk 30–
90°
evtl. BSR
abgeschwächt
C6
(C5/6)
Schulter, OberarmUnterarm radial,
Finger I
Radiale
Unterarmseite, Finger
I, II
M. biceps brachii, M.
brachioradialis
Flexion im Ellenbogengelenk
BSR abgeschwächt
o. ausgefallen, RPR
abgeschwächt
C7
(C6/7)
Gesamter Arm mit
Ausstrahlung in die
Finger II–IV
Finger II–IV volar u.
dorsal, bes. Finger III
M. pectoralis major, M.
triceps brachii, M.
opponens pollicis
Adduktion im Schultergelenk,
Extension im Ellenbogengelenk,
Daumenopposition
TSR abgeschwächt o.
erloschen
C8
(C7/Th1)
Arm, Unterarm
ulnar, Finger IV, V
Finger IV, V
M. flexor carpi ulnaris,
M. abductor digiti V,
Mm. interossei
Volarflexion mit ulnarer Abduktion
im Handgelenk,
Kleinfingerabduktion,
Fingerspreizung
TSR abgeschwächt
Tab. 21.31 Klinik u. Höhenlokalisation bei Bandscheibenvorfall (BSV)
Lateraler BSV (am
häufigsten) Kompression
der „tieferen“ Wurzel
Intraforaminal (extrem
lateral) o. lateral nach oben
gelappt (seltener)
Medial/mediolateral
Lumbal
BSV L4/5: L5
BSV L5/S1: S1
Kompression der „oberen“
Wurzel
BSV L4/5: L4BSV
L5/S1: L5
Kompression zweier/mehrerer Wurzeln
LWK 4/5: L5/S1-Sy. (da S1 medial entlang zieht), Kauda-Sy. ( Abb. 21.9
)
Zervikal
HWK 5/6: C6
HWK 6/7: C7
Myelonkompression (spastische Paraparese, Blasenstörung,
Hinterstrangläsion) akut o. langsam progredient, dann auch schmerzlos u.
evtl. Atrophie der kleinen Handmuskulatur
Ein lumbales radikuläres Sy. kann durch einen BSV des Bandscheibenfachs über o. unter dem betroffenen Segment verursacht werden.
• Muskelatrophien sprechen für längeren Prozess
Symptome und Syndrome, die bei akutem Auftreten einen neurochirurgischen/interdisziplinären Notfall darstellen → Klinik
• Hinweise für eine zervikale Myelonkompression. Myelopathie: „lange Bahnen“ mit spinaler Ataxie, Paraspastik, Blasenstörungen
• Kauda-Sy. ( Abb. 21.9 ): oft bei medialem Bandscheibenprolaps L4/5, bds. Lumbalgie/Lumboischialgie mit Fußsenkerparesen, ASR-Verlust bds.,
Reithosenanästhesie, Sphinkterschwäche (Blase u. Mastdarm)
• Zunehmende Paresen, ggf. zusammen mit abnehmenden Schmerzen
• Trauma bei älteren Menschen mit Osteoporosegefahr
• Gewichtsverlust, Fieber, Schmerzverstärkung bei Nacht, fehlende Nervendehnungszeichen als Hinweis auf Tumor/Entzündung
Diagnostik
Körperl. Untersuchung:
• Inspektion: Haut (Zostereffloreszenzen, Erythema migrans), WS (Fehlhaltung, Skoliose, aufgehobene physiolog. Lordosen, Schiefstand, Narben von
Voroperationen)
• Palpation: Einseitiger paravertebraler Hartspann, Druck-/Klopfschmerz vertebral o. paravertebral, entlang S1?
• Klin. neurolog. Unters.:
– Reflexstatus, Kraft der Kennmuskeln ( Abb. 21.10 , Tab. 21.31 ), sensibler Status
– Nervendehnungszeichen ( Tab. 21.32 ): pos. Lasègue (L4–S1) o. umgekehrter Lasègue (L2–L4). Zunahme beim Husten, Pressen
Tab. 21.32 Meningeale Reizzeichen
Bezeichnung Auslösung Antwort Bedeutung
Lasègue
Passives Beugen des gestreckten Beins im
Hüftgelenk (Anheben des Beins des auf
dem Rücken liegenden Pat.)
Radikuläre Schmerzen ins
Bein ausstrahlend
(Beugewinkel
dokumentieren)
Kompression der Wurzeln L4/5 o. L5/S1
(6.1.5), auch meningeale Reizung (dabei
bds. pos.)
Umgekehrter
Lasègue
Passives Heben des Beins des auf dem
Bauch liegenden Pat. (Überstrecken des
Hüftgelenks)
Zunahme der radikulären
Schmerzen
Kompression der Wurzeln L3/4, Meralgia
paraesthetica ( 21.10.1 )
Gekreuzter
Lasègue Wie Lasègue
Schmerzen auf der
Gegenseite der Dehnung
Ausgeprägte, auch kontralaterale
Wurzelkompression weist auf massiven
Befund hin
Bragard
Wie Lasègue, dann passive
Dorsalextension des Fußes u. der
Großzehe
Verstärkung der radikulären
Sympt.
Kriterium zur Abgrenzung radikulärer von
pseudoradikulären Sympt.
Kernig
In Rückenlage Hüfte u. Knie 90° beugen,
dann Knie strecken
Radikulärer o. meningealer
Schmerz
Kompression L5/S1 o. meningeale Reizung
(dabei bds. pos.)
Brudzinski
Passive Beugung des Kopfes bei lang
ausgestreckter Rückenlagerung
Beugung in den Hüft- u.
Kniegelenken Meningeale Reizung, auch spinal
Lhermitte
Passive (ruckartige) Kopfbeugung nach
vorn
Kribbelnde Dysästhesien in
Rücken u. Beinen/Armen
Chron. Entzündung o. raumfordernde
Prozesse im Bereich des Halsmarks, MS (
21.4 ), HWS-Trauma ( 5.3.3 , 6.1.3)
– Durch Kopfbewegung provozierbare radikuläre Beschwerden
– Muskelatrophien
– Affektion der „langen Bahnen“ bei medianen BSV der HWS: Pyramidenbahnzeichen (Reflexdifferenz: Beine lebhafter als Arme,
Babinski), Hinterstrangsy. (symmetrische [Pall-]Hypästhesie der unteren Extremitäten, Stand- u. Gangataxie)
– Sphinktertonus, rektale Unters., Sphinkterreflex
• Orthopädischer Status: Seitbeweglichkeit der WS, „Schober“, ISG ( 6.1 ), Hüfte ( 6.5 )
Zusatzuntersuchungen:
• Labor: Entzündungszeichen, Hyperkalzämie, Vit. B 12
, Diab.
• Ggf. Restharnsonografie bei V. a. Blasenstörung
• HWS/LWS-Nativröntgen in 3 Ebenen: Traumafolgen, degenerative Veränderungen (Höhenminderung, Frakturen/Destruktionen, Fehlbildungen, Wirbelgleiten)
• Ggf. Veranlassung CT (Vorteil: bessere Darstellung der knöchernen Komponenten, Tab. 21.31 ) bzw. MRT (Darstellung über mehrere Höhen
möglich, bessere Beurteilbarkeit bei voroperierten Pat., bei V. a. entzündliche Prozesse ggf. mit KM)
• Ggf. FA-ÜW: EMG/NLG (Verifizierung der Höhenlokalisation, Ausmaß, Prognose), Myelografie, Postmyelo-CT (in unklaren Fällen, zur OPVorbereitung, Funktionsaufnahmen möglich)
Therapie
Konservativ:
• Entlastung durch Dekompression u. Ruhigstellung:
– Lumbal: Bettruhe so kurz wie möglich (< 4 d), sinnvoll mit entlastender Lagerung (Stufenbett), nach McKenzie auch Bauchlagerung,
wenn Stufenbett nicht hilfreich
– Zervikal: ggf. über kurzen Zeitraum Schanzkrawatte anpassen, insb. nachts tragen lassen, um unwillkürliche Bewegungen zu verhindern
• Physikalische Ther./PT: Traktionsübungen nicht mehr empfohlen, lokale Wärmeanwendungen o. Kryotherapie möglich. Wichtig nach der
Akutphase: aktive Übungsbehandlung, Kräftigung der Rücken- u. insb. Bauchmuskulatur, Haltungsschulung. Reha-Sport-Verordnung (50
Einheiten)
• Entspannungstechniken, ggf. Verhaltenstherapie i. R. einer multimodalen Schmerztherapie, insb. bei chronifizierten Schmerzen > 6 Mon.
• Medikation:
– Analgetika: Paracetamol (1.000–2.000 mg/d), Tramadol (z. B. Tramadolor ® , 50 mg [20 Tr.]–400 mg/d)
– Antiphlogistika: Diclofenac (z. B. Diclofenac Stada ® 2 × 75 mg/d), Ibuprofen 3 × 400 mg/d für 1 bis max. 3 Wo. mit Magenschutz, z.
B. Pantoprazol (Pantozol ® 20–40 mg 1 ×/d)
– Ggf. trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin ret. 25–75 mg/d abends (beachte NW)
• Prophylaxe: Neue Hebetechniken entwickeln (in den Knien gebeugt mit geradem Rücken), Arbeitsplatz rückengerecht/ergonomisch ausrichten
(Tischhöhe, Stuhlhöhe, Abb. 6.2 )
Eine manuelle manipulative Therapie ist nur bei akuten Rückenschmerzen ohne radikuläre Sympt. u. nach Ausschluss einer Raumforderung u.
Entzündung indiziert. Cave: Dissekate der Aa. vertebrales.
Vorsicht bei Infiltrationen, insb. zervikal: Gefahr der subarachnoidalen Infiltration u. Lähmung der Atemmuskulatur; Gefahr von Abszessen!
Operativ I. d. R. haben Bandscheibenvorfälle eine gute Prognose nach kons. u. operativer Ther. (jeweils 80–90 % deutlich gebessert o. beschwerdefrei nach
4–6 Wo. bei richtiger Indikationsstellung), man schätzt, dass 10–20 % der Pat. mit Bandscheibenvorfall eine OP benötigen.
Absolute Indikation/Notfall :
• Medialer zervikaler BSV mit Zeichen der Myelonkompression
• Medialer lumbaler BSV u. Massenvorfälle mit Kauda-Sy. o. polyradikulären motorischen Ausfällen
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