• Sucht: übermäßiges Verlangen des Süchtigen nach suchtverursachendem Stoff (WHO); Tendenz zur Dosiserhöhung, verbunden mit
psychischer/körperl. Abhängigkeit
• Abhängigkeit von einer Droge (Alkohol , Medikamente , Rauschmittel): psychisches Verlangen nach Wiederholung des Drogengenusses,
Kontrollverlust, Toleranzentwicklung → Dosissteigerung → Entzugserscheinungen bei Fehlen der Droge
• Polytoxikomanie : Komb. unterschiedlicher Suchtmittel
Ursachen
• Pat.: häufig Persönlichkeitsstörungen, Selbstwertgefühl ↓. Cave: Es gibt keine charakt. „Abhängigkeitspersönlichkeit“. Oft „orale“ Problematik in
psychodynamischer Hinsicht (Versorgungswünsche), aber auch Erbfaktor 50 %. Komorbidität: evtl. Borderline-PS, Angst-/Depressionserkr.,
Psychosen. Breites Spektrum vom „schädlichen Gebrauch“ bis zu schwersten Erkr.
• Umwelt: häufig „broken home“, teilweise permissive Einstellung der Gesellschaft (z. B. zum Alkohol, Cannabis), während bestimmte Arten des
Drogenmissbrauchs (z. B. Kokain) eher Identifikationswunsch mit Subkultur ausdrücken.
Zeichen der Abhängigkeit
Drei der nachfolgenden Symptome müssen zutreffen:
• Substanzkonsum übertrifft geplantes Maß bzgl. Menge/Dauer
• Erfolglose Versuche/bleibender Wunsch bzgl. Regulation/Reduktion des Substanzgebrauchs
• Hoher Zeitaufwand für Beschaffung/Einnahme
• Oft Intoxikations-/Entzugssymptome
• Wichtige berufl./Freizeitaktivitäten verlieren Bedeutung
• Trotz Realisation verstärkter sozialer, psychischer, körperl. Probleme Fortsetzung der Substanzzufuhr
• Deutliche Toleranzentwicklung
• Spez. Entzugssympt., Einnahme der Substanz zur Milderung von Entzugssympt. (nicht bei Cannabis o. Halluzinogenen)
Suchtfolgen
• Psychisch: Beschönigung, geringe Krankheitseinsicht, Leugnen trotz handfester Indizien. Bei Suchtmittelverknappung Dysphorie,
Stimmungslabilität
• Sozial: häufig beruflicher Abstieg, wirtschaftliche Probleme, Suizidalität (um 10 %), Unfälle (18 % der tödlichen Autounfälle unter Alkoholeinfluss),
Straftaten (25 % unter Alkoholeinfluss)
• Körperl.: organische Erkr. (z. B. durch Alkoholmissbrauch), schwere vegetativ-nervöse Störungen, Lebenserwartung von Abhängigen statistisch um
ca. 10 J. ↓
Suchttherapie
• Kontakt/Motivationsphase durch HA:
– Motivation zur Behandlung früh fördern. Erstgespräch ohne Zeitdruck
– Neigung des Pat. zur Verleugnung nicht mitmachen! „Wegsehen“ verschlechtert Prognose. Dem Leugnen des Pat. engagiert u. gelassen
entgegentreten, evtl. eindeutige Laborwerte (z. B. GGT, Blutalkoholspiegel, CDT) vorlegen
– Konkrete Hilfe anbieten: weitere Gespräche, Empfehlung von Beratungsstellen, FA-ÜW → Fachambulanz, Klinikeinweisung
• Entzugsphase: Klinikeinweisung zum körperl. Entzug (Dauer: Tage bis Wo.). Besser: „qualifizierter Entzug “ mit Einbeziehung nicht entwertender
psychother. Konzepte (Dauer: 3–6 Wo.)
• Entwöhnungsphase: Klinikeinweisung zum Erlernen des Abstinenzverhaltens, evtl. mit Psychother. (Dauer: ca. 3–4 Mon)
• Nachsorgephase: HA, Fachambulanzen, Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz, Kreuzbund u. a.)
22.10.2. Alkoholmissbrauch
Ca. 2 Mio. Abhängige in D, 75 % M; körperl. u. psychische Abhängigkeit; jährlicher Pro-Kopf-Konsum: > 10 l reiner Alkohol (≈ z. B. 1 l Bier/d o. 40 g
Alkohol/d), dabei trinken 10 % der Bevölkerung 50 % dieser Menge. Bei 80 % auch Nikotinabusus. Riskanter Konsum (Risiko für gesundheitliche
Folgeschäden deutlich ↑) ab Alkoholmenge > 30 g/d für M u. > 20 g/d bei F. Einteilung nach Jellinek Tab. 22.1 .
Tab. 22.1 Alkoholkrankheiten, Einteilung nach Jellinek
Typ Charakteristik
Alphatrinker Alkoholkonsum ohne Kontrollverlust zur Bewältigung psychischer u./o. körperl. Probleme (Konflikttrinker), ca. 5 %
Betatrinker Alkoholkonsum aus Anpassung u. Gewohnheit, evtl. körperl. Folgen (Gelegenheitstrinker), ca. 5 %
Gammatrinker Alkoholkonsum mit Kontrollverlust, Abhängigkeit mit körperl. u. sozialen Folgen (süchtiger Trinker), ca. 65 %
Deltatrinker Alkoholkrankheit mit Abhängigkeit u. Abstinenzunfähigkeit (Gewohnheitstrinker, Spiegeltrinker), ca. 20 %
Epsilontrinker
Exzessiver Alkoholkonsum mit Kontrollverlust, evtl. wochen-/monatelanger Alkoholkonsum, episodischer Trinker, „Quartalssäufer“, ca.
5 %
Gamma-, Delta-, Epsilontrinker erfüllen Kriterien bzgl. Vollbild der Alkoholkrankheit: Abhängigkeit, seelische, körperl., soziale Schäden
Leberverträgliche Alkoholmenge in Relation zur Konstitution u. „persönlichem Suchtpotenzial“. Faustregeln wie z. B. 1,0 l Bier bzw. 0,5 l Wein tägl.
als „Suchtschwelle“ problematisch.
Diagnostik Oft kein Problem trotz häufiger Verleugnungstendenzen der Pat.
• Anamnese: Angaben Angehöriger, soziale Probleme (Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Familie, häufig Unfälle), Trinkmenge erfragen.
Konfrontationen vermeiden, nicht moralisieren
• Screeninginstrumente (Kasten): hilfreich, höhere „Treffsicherheit“ als biochem. Marker
• Körperl. Unters.: Gesamteindruck, Hautrötung, Fötor, Hinweise auf Hepatopathie (Fettleber, Zirrhose), chron. Gastritis, Ulkuskrankheit,
Pankreatitis, Ösophagusvarizen, Kardiomyopathie, PNP?
• Labor: GGT ↑, GOT ↑, GPT ↑, MCV ↑, CDT ↑ (CD Tect ® -Enzym-Immunassay; keine GKV-Leistung, HWZ 14 d, ab 50–80 g Alkohol tägl. path,
spezifischer als GGT). Fortgeschrittenes Stadium: Bili ↑, Thrombos ↓, Quick ↓, Folsäure ↓, Vit. B 12 ↓. Cave: Werte korrelieren nicht immer mit
Schwere der Erkr., bes. im Frühstadium
Verlauf nach Jellinek
• Präalkoholische Phase: Spannungsreduktion durch Alkohol, häufiges Trinken. Leichte Toleranzerhöhung ohne Abhängigkeit
• Prodromalphase: regelmäßiges Erleichterungstrinken, Räusche mit Erinnerungslücken, heimliches Trinken, dauerndes Denken an Alkohol.
Toleranzsteigerung, kein Kontrollverlust
• Kritische Phase: vergeblicher Abstinenzversuch; Toleranzabnahme, Kontrollverlust, soziale Folgen (z. B. Verlust Freunde, Arbeitsplatz),
Interessenverlust, häufige Stimmungsschwankungen, Selbstvorwürfe, Sexualtrieb ↓. Zunächst psychische, später auch physische Abhängigkeit
• Chron. Phase: tagelange Räusche, ethischer Abbau, Trinken auch mit Personen niedrigeren Sozialstatus, morgendliches Trinken, billige
Ersatzstoffe, psychische Störungen (Denkbeeinträchtigung, Ängste, depressive Verstimmungen), Alkoholfolgekrankheiten, Toleranzverlust
Psychiatrische und neurologische Folgeerkrankungen
• Prädelir: Tremor, Schwitzen, RR-/Pulserhöhung, ängstliche Unruhe
• Delir : zusätzlich Orientierungsstörung (Datum? Situation?), optische Halluzinationen , Suggestibilität; Letalität ca. 5 %, stets stat. Einweisung (
1.3.8 )
• Grand-Mal-Anfälle: bei Alkoholentzug in ca. 20 %, meist erste 2 d (Gefahr bei amb. o. „Selbst“-Entzug)
• Wernicke-Enzephalopathie : schwere Gangunsicherheit, Desorientiertheit, Sehstörung (Nystagmus, Augenmuskellähmung, Doppelbilder). PNP.
Ther.: sofortige Vit.-B 1
-Gabe, z. B. initial 50 mg Thiamin i. v. u. 50 mg i. m., weiter mit 50 mg/d i. m., stat. Einweisung bei Verdacht
• Korsakow-Sy. : Merkfähigkeit ⇊, Desorientierung (bes. zeitlich), Konfabulationen
• Alkoholische Demenz/Alkoholhalluzinose: akustische Halluzinose, Verfolgungsthematik
• Alkoholischer Eifersuchtswahn: nur bei M, groteske Eifersuchtsideen
• Path. Rausch: bereits bei geringer Alkoholmenge „persönlichkeitsfremdes“ Verhalten
Möglichst frühzeitig Pat. erfassen, z. B. bei Check-up 35 bei Verdacht GGT, CDT bestimmen, Screening-Test durchführen.
Therapie Als HA Problem erkennen und klar ansprechen. Gespräch mit HA bis zu 10 Min. als Kurzintervention (s. Kasten) kann Pat. zur Reduktion des
Alkoholkonsums veranlassen. Pat. kann schädigendes Trinkverhalten selbst bewerten u. mit HA gemeinsam Perspektive erarbeiten. Verweis auf
Selbsthilfegruppen (z. B. Anonyme Alkoholiker), Suchtberatungsstellen ( 3 4 . 2 ), bei Eigenmotivation Klinikeinweisung zur Entgiftungs- u.
Entzugsbehandlung. Längere stat. Ther. oft vom Arbeitgeber gut akzeptiert (sonst hohe AU-Ausfälle/Leistungsminderung/Unfallgefahr), evtl.
Betriebsarzt/Betriebsrat informieren ( cave: nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Pat.!).
Acamprosat ( Campral ® ): Aufrechterhaltung der Abstinenz nach adäquater Entzugsbehandlung i. R. weiterer Sozio-/Psychother.; nicht sedierend, relativ gut
verträglich, vermindert Suchtdruck („Craving“). Dos.: KG < 60 kg 2–1–1 Tbl.; > 60 kg 2–2–2 Tbl. Behandlungsdauer 6–12 Mon.; relativ teuer. KI:
Niereninsuff., schwere Leberinsuff., Alter > 65 J., Schwangerschaft, Stillzeit. Weitere Substanzen: Naltrexon (Generika), Nalmefen (Selincro ® ) wirken über
Opioidrezeptoren, sollen Trinkmenge reduzieren können (Anwendung nach Rücksprache mit FA).
Prognose Günstiger, wenn Pat. noch in Familie u. Beruf integriert ist. Erfolgsquote korreliert mit Qualität der Rehabilitation durch Klinik, HA,
Selbsthilfegruppe!
Probleme im Umgang mit Alkoholkranken
Pa t . sieht im Arzt nicht nur Helfer, sondern auch Verfolger. Trotzdem Problem konsequent ansprechen, auf Therapiemöglichkeiten hinweisen.
Regelmäßige Kurzinterventionen durchführen. Haltung engagierter Gelassenheit anstreben: Problem angehen, Verleugnung nicht mitmachen, Rückfälle
annehmen. Oft gelingt Abstinenz erst nach Jahren u. zahlreichen Rückfällen. Bei völlig unmotivierten Pat. akzeptierende/stützende Begleitung anbieten,
sympt. Ther. der Organsymptomatik.
22.10.3. Medikamentenabhängigkeit
1,4–1,9 Mio. Abhängige in D, in 80 % d. F. Abhängigkeit von Benzodiazepinen. F/M = 2 : 1, Tendenz ↑ ( 22.17 ).
Analgetika-Abusus
Häufig bei chron. (bes. psychosomatischen) Schmerzsy. (Zephalgie, Rückenschmerz), Abusus frei verkäuflicher Analgetika (bes. gefährlich:
Mischpräparate mit Koffein). Teufelskreis: Schmerz → Analgetika → Schmerz → Dosissteigerung → medikamenteninduziertes Schmerzsy.
Diagnostik Bei chron. Schmerzen nach Kauf eigener Tabletten fragen (Konsum/Mon.).
Klinik Chron. Schmerz, bei jahrelangem Abusus evtl. schwere Leber- u. Nierenschäden.
Therapie Analgetika absetzen, evtl. KH-Einweisung. Pat. aufklären: Aufrechterhalten chron. Schmerzen durch Analgetika (medikamenteninduziertes
Schmerzsyndrom ) i. d. R. nicht bekannt.
Benzodiazepin-Abusus
Einteilung 3 Patientengruppen (Übergänge fließend).
• Gruppe 1: relativ gut integrierte Pat., seit J. Verordnung Benzodiazepine (v. a. als „Schlaftablette“)
• Gruppe 2: Pat. mit Angst, Depression (u. ärztlicherseits Verstoß gegen Regel der Kurzzeitverordnung); nehmen aus Angst vor Verschlechterung
Benzodiazepine ein
• Gruppe 3: Suchtpat. mit Fokussierung des gesamten Tagesablaufs auf das/die Suchtmittel; oft illegale Beschaffung
Diagnostik Bei Gruppe 1 u. 2 einfach (holen Rp. vom Arzt), schwieriger bei Gruppe 3.
Klinik Oft keine typ. körperl. Sympt. Bei Entzug: Unruhe, Schlafstörung, Ängste. Bei alten Pat.: Muskelschwäche, Koordinationsstörung (Sturzgefahr!).
Therapie
• Gruppe 1: Individuell prüfen, ob langsames Ausschleichen Medikation möglich. Ersatz durch Antidepressiva (z. B. Doxepin 10–25 mg abends,
SSRI) erwägen. Phytother. (z. B. Baldrianpräparat). Stützende Gespräche, Hinweis auf Entspannungsverfahren (z. B. autogenes Training). In
bestimmten Fällen (Pat. alt, unflexibel, kann keine Therapiealternativen annehmen) Weiterverordnung vertretbar, ggf. Privat-Rp.
• Gruppe 2: Dringend zum Entzug raten (langsames Ausschleichen amb.; Klinikeinweisung, falls nicht erfolgreich), da sonst iatrogene Sucht, die zu
psychischem Problem hinzukommt. Ggf. mitbehandelnde Ärzte kontaktieren (Konzept: Psychopharmaka mit Suchtpotenzial nach Vereinbarung nur
von Kollegen verordnen lassen. Problem: „Chipkarten-Tourismus“).
• Gruppe 3: Mitbehandlung durch Fachambulanzen, FA Psychiatrie, Fachkliniken anstreben.
Im Notfalldienst häufig Suchtpat., die bestimmte Medikamente fordern bzw. dramatisch ihre Notlage schildern: „Ich gehe am Montag in die Klinik,
muss nur noch übers Wochenende kommen.“ Hier kann Rp. verweigert werden, stattdessen längeres Gespräch/FA-ÜW/Klinikeinweisung vorschlagen. Will Pat. nur „Stoff“ u. keine Hilfe, wird er Letzteres häufig ablehnen.
Prophylaxe
• Eigene Verordnungspraxis kritisch betrachten, nicht in Automatismus („Unwohlsein/Angst/Depression → Medikament“) verfallen. Keine lang
andauernde Benzodiazepin-Verordnung bei Angst u. Depression!
• Alternative Therapieformen (z. B. bei Schlafstörungen) anbieten: Phytother., Homöopathika, Akupunktur, physikalische Ther., regelmäßig stützende
Gespräche
22.11. Drogenabhängigkeit
22.11.1. Allgemeines
22.17
Altersgipfel: 14–30. Lj., ca. 40 % der Jgl. haben Drogenerfahrung (v. a. Cannabis, wird als „Einstiegsdroge“ oft unterschätzt). Bei schwerer
Abhängigkeit oft Polytoxikomanie .
Opiattyp Heroin, med. Opiate (z. B. Pethidin, Buprenorphin u. a.), Codein (wird zu 20 % in Morphin verstoffwechselt), zunehmend Tilidin. Hohes
Suchtpotenzial, hoher Suchtdruck bei starker psych. u. körperl. Abhängigkeit, ca. 150.000 Abhängige in D. Überdos.: Stecknadelpupillen, Bewusstlosigkeit,
Atemdepression (häufig Todesursache nach Rückfall mit vorheriger Toleranzrückbildung). Organische K O : Hepatopathie, Thrombosen, Inf. (sexuell
übertragbare Krankheiten, HIV-Inf., Abszesse, Hep. B u. C). Oft rascher sozialer Abstieg, Prostitution, Kriminalität. Entzug: Mydriasis, Schwitzen, Diarrhö,
Unruhe, Angst, Puls ↑, RR ↑. Prognose schlecht, 90 % Rückfallquote in 5 J., deshalb pragmatische Symptomkontrolle durch Methadonsubstitution häufigste
Therapieform.
Kokaintyp Derivat: Crack. Starke psychische, weniger körperl. Abhängigkeit. Drogenwirkung: Halluzinationen , Antriebssteigerung, subjektiv Leistungs-
/Kreativitätssteigerung, Appetit ↓, Schlafstörungen, Krampfanfälle, Fieber. Entzug: Erschöpfung, Schlaflosigkeit, psychomotorische Unruhe.
Cannabistyp Haschisch bzw. Marihuana. Häufigster Drogentyp (2 Mio. regelmäßige/gelegentliche Konsumenten in D). Gefahr bes. als „Einstiegsdroge“. Wirkung: Heiterkeit, Euphorie; keine körperl. Abhängigkeits- u. Entzugserscheinungen, bei längerem Missbrauch Störung des Sozialverhaltens.
Psychoseinduktion möglich. KO: „Horrortrip“.
Halluzinogentyp LSD, PCP („Angel Dust“), Mescalin. Wirkung: intensiver, länger andauernd als bei Cannabis; keine körperl. Abhängigkeits-
/Entzugserscheinungen, eher Befindlichkeitsstörungen. KO: Depersonalisationserlebnisse, Angst, Depression, Wahn, Halluzinationen.
Stimulanzien, Psychotonika Ecstasy : Beliebte Designerdroge (v. a. 15–24 J.); Weckamine: „Speed“, Liquid Ecstasy (GHB ), Fenetyllin, NMethylamphetamin („Crystal Meth “); „Fitmacherdrogen“ (ca. 1 Mio. Konsumenten). Wirkung: Leistungssteigerung, Entspannung, Heiterkeit,
Kontaktenthemmung, Energiegefühl, schwere Panikattacken, Appetit ↓, Schlafbedürfnis ↓, Puls ↑, RR ↑ Mydriasis, Hyperthermie, Gerinnungsstörung,
Nierenversagen, plötzlicher Herztod, Krampfanfälle, Hirninfarkte/-blutungen, Psychosen mit Wahn u. Halluzinationen. Erhebliche psychische Abhängigkeit,
keine körperl. Abhängigkeit, rasche Gewöhnung u. Dosissteigerung. Entzug: häufig Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Depression, Unruhe, Schmerzen.
• Ther. Drogenabhängiger: unbedingt mit Fachkräften/Fachkliniken zusammenarbeiten, da oft schwere u. komplexe Problematik. Hohe Komorbidität
der Suchterkr. untereinander (Polytoxikomanie ) u. mit anderen psych. Störungen (Angst, Depression, ADHS, PTBS, Psychosen,
Persönlichkeitsstörungen u. a.) → integrierte Mitbehandlung wichtig. Langfristige Ther. mit psycho- u. soziother. Elementen, ggf. auch
Psychopharmaka (z. B. atyp. Antipsychotika bei Psychoseanteilen)
• Keine entsprechende Verordnung bei V. a. Drogenabusus im Notfalldienst: besser Klinikeinweisung anbieten
• Abhängigkeitsverdacht bei Neu-/Urlaubsvertretungspat. (geben oft sehr glaubwürdig u. kompetent z. B. eine Schmerzther. an, bei der „gerade die
Medikamente ausgegangen sind“) → Forderung einer großzügigen (schriftlichen!) Schweigepflichtsentbindung ggü. allen bisherigen Ärzten,
Kliniken, Apotheken u. der KK unter Hinweis auf Gesetzeslage/Sorgfaltspflicht vom Pat.; ein Suchtpat. wird kaum einwilligen. Wichtig: Dem Pat.
in dieser Konfliktsituation trotzdem taktvoll, fair, empathisch, als Helfer gegenübertreten, nicht als „Strafverfolger“.
• Methadonprogramme bei Morphinabhängigkeit ( 1.8.5 )
• Gefährlicher Trend zu Designerdrogen, frühzeitig daran denken! Neuartige synthetische Drogen werden bei üblichen Screeningtests nicht detektiert
• Prognose ernst: nur Abstinenzraten von 30 % bei schwerer Sucht erreichbar
22.11.2. Nikotinsucht
22.17
Häufigste Sucht weltweit; ca. 20 Mio. Raucher in D (M > F, Tendenz zum „Ausgleich“), bei anderen Suchtformen (Alkohol, Drogen, Medikamente) oft
zusätzlich.
Psychodynamik Orale Bedürfnisbefriedigung, z. B. bei Stress, Unterdrückung von Unlustgefühlen, Spannungszuständen u. a. Wirkung Subjektiv emotionale Stabilisierung, subjektiv Leistungs-, Konzentrationssteigerung, langsame Gewöhnung.
Klinik Chron. Husten, Braunfärbung Finger. Entzug: Gereiztheit, depressive Stimmungslage, kompensatorische „Essattacken“.
Komplikationen Chron. Bronchitis, Lungen-Ca, andere Neoplasien, Arteriosklerose (z. B. pAVK, 11.3.2 ), 50 % sterben an Nikotinfolgen.
Therapie Gezielt Konsum abfragen, zum Verzicht raten, konkrete Hilfen vorschlagen: Entspannungsverfahren, Hypnosether., verhaltensther.
Raucherentwöhnungsprogramme; nur bei ausreichender Motivation sinnvoll: nikotinhaltige Pflaster/Kaugummis zum Ausschleichen, z. B. Nicotinell ® 17,5/–
35/–52,5 mg 24-h-Pflaster o. Bupropion (Zyban ® ) 2 × 150 mg ret. tägl., über 7–9 Wo. (initial 1 × 150 mg bis Tag 7). NW: Abhängigkeit, selten Krämpfe.
Cave: keine Verordnung auf GKV-Rezept. KI: Krämpfe, Essstörungen, bipolare Störung, Grav., Stillen, MAO-Hemmer-Ther. Seit 2007 auch Vareniclin
(Champix ® ): Acetylcholin-Agonist zur Unterstützung der Entwöhnung, Beginn bereits 1–2 Wo. vor Rauchstopp. NW: Unruhe, Übelkeit (deshalb zum Essen
nehmen).
Angebot spezieller Entwöhnungsprogramme (z. B. in Klinikambulanzen) in Praxisumgebung empfehlen.
22.11.3. Spielsucht
22.17
Definition Deutlich steigende Zahl spielsüchtiger Pat., v. a. Automatenspieler („Spielhöllen“). Exzessiv zwanghaftes Spielen, oft junge M aus sozial
schwachen Schichten.
Psychodynamik Oft unsichere, stimmungslabile Persönlichkeit mit verminderter Frustrationstoleranz u. regressivem Verhalten.
Klinik Fixierung auf Glücksspiel, kann an keinem Spielsalon vorbeigehen, zunehmende Verschuldung, psychosoziale Existenzgefährdung, allg. Passivität
mit depressiven Stimmungsschwankungen, latente Suizidalität .
Diagnostik Eigen-, Fremdanamnese. Häufige Komorbidität: Depressions-, Angst- u. a. Suchterkr., PTBS, ADHS, Borderline-PS. Bei diesen Erkr. gezielt
nach path. Spielverhalten fragen.
Therapie Kontaktaufnahme mit Suchtberatungsstelle, stat. Psychother. (Verhaltensther., Gestaltther. u. a.) möglichst in Fachabteilung für Spielsuchterkr.,
langfristig verbessert Selbsthilfegruppe Prognose, ggf. Schuldnerberatung; soziales Umfeld in Therapiekonzept einbeziehen. Therapie oft schwierig.
22.11.4. Medien- und Onlinesucht
Definition Zwanghafter Drang, sich täglich möglichst oft u. exzessiv mit PC/Internet zu beschäftigen, dabei sowohl physiolog. (Dopaminrezeptoren, PETBefunde) als auch sympt. Analogien zu Substanzabhängigkeiten (Craving, Toleranzentwicklung, Entzug).
Hauptrisikogruppe: Jgl. ≥ 15. Lj. M/F = 9 : 1, oft Online-Rollenspieler, 12-Mon.-Prävalenz 1 % der Bevölkerung.
Psychodynamik Oft sozial gehemmte Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz u./o. ängstliche, kontaktscheue Menschen mit erheblicher sozialer
Rückzugstendenz. ≥ 80 % Komorbidität mit anderen psych. Erkr., am häufigsten Depression u. (bes. soziophobischen) Ängsten, auch ADHS.
Klinik Kontrollverlust bzgl. Zeit am Computer. Exzessive Beschäftigung mit virtuellen Kontakten, virtueller Realität. Vernachlässigung von Schule,
Sozialkontakten, Hobbys. Körperl. Störungen (Unruhe, Nervosität, depressive Stimmung, Gereiztheit, Aggressivität).
Diagnostik Eigen-, Fremdanamnese.
Therapie Ähnlich wie bei anderen Suchterkr.: Psychother., in schweren Fällen stat. für 2–3 Mon. in Fachklinik, soziale Beratung (Überwindung von.
Arbeitslosigkeit, Schuldensituation), medienpädagogische Präventionsarbeit.
22.12. ADHS im Erwachsenenalter
10–30 % kindlicher ADHS-Erkr. persistieren im Erw.-Alter, Prävalenz 3 % der Bevölkerung, M/F= 2 : 1.
Klinik Wie bei Kindern; zentrale Sympt.: Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität. Bei Erw. zusätzlich Desorganisation, emotionale Dysregulation.
Dadurch häufig Probleme in Partnerschaft/Beruf, hohes Unfallrisiko, soziale Regelverletzung, Kriminalität.
Therapie Diagnose bedingt nicht zwangsläufig Behandlungsnotwendigkeit (abhängig vom Ausmaß psychosozialer Störungen u. Beeinträchtigungen).
Methylphenidat ( Medikinet adult ® ) in 50–70 % wirksam. NW: Schlafstörung, Appetit ↓. KI: art. Verschlusserkr. (KHK, AVK etc.), Psychose, schwere
Hypertonie, Suchterkr. (potenzielles Suchtmittel), Phäochromozytom. BtM-Verordnung, restriktive KV-Vorschriften → federführende Verordnung durch
FA/Fachambulanz, bei HA keine Weiterverordnung ohne gesicherte FA-Diagnostik u. Therapieüberwachung. Alternativ Atomoxetin (Strattera ® ). Verordnung
nur Teil eines umfassenden Ther.-Programms, zusätzlich immer psychother. Begleitung, da weniger Kernsymptome als deren psychosoziale Folgen Pat.
beeinträchtigen.
22.13. Psychoonkologie
Definition Interdisziplinärer Therapieansatz: Erkennung/Behandlung bzw. Therapievermittlung bei individuellen psychischen Belastungsfaktoren i. R.
onkolog. Erkr., stützend/ressourcenorientiert. Psychosoziale Auslöser von Krebserkr. („Krebspersönlichkeit“) gemäß aktueller Kenntnis nicht nachweisbar
(Entlastung des Pat.!).
Gleichzeitiges Bestehen einer schweren körperl. und einer relevanten psych. Erkr.: Cave Fokussierung nur auf somatische Ther.; sorgfältige Beachtung
psych. (Begleit-)Sympt., sonst fast regelhaft Scheitern somatischer Therapieansätze.
22.14. Krisenintervention und Notfälle
22.14.1. Suizidalität
In D jährlich 10.000 Suizide (Rang 5 der Todesursachen). 50–70 % der Pat. konsultieren vor Suiziden ihren HA. Vollendeter Suizid: M > F;
Suizidversuch: 10 × häufiger, F > M.
Psychodynamik Autoaggression, zusätzlich möglich: Fremdaggression („von der Umwelt in den Tod getrieben“), Hilfeschrei, Fluchtwünsche. Äußerlich
kann Reaktion auf scheinbar ausweglose Lebenssituation (narzisstische Krise) oder Kurzschlussreaktion vorliegen. Teils Suizid unbewusst als erstrebenswerter
regressiver Zustand der Geborgenheit u. Ruhe („Rückkehr in den Mutterschoß“, „Einssein mit dem All“). Dabei unbewusste Wiederherstellung der eigenen
Größe, Beherrschung einer unverarbeiteten Krisensituation. Daher kurz vor dem geplanten Suizid oft äußerlich ausgeglichene Stimmungslage („Ruhe vor dem
Sturm“).
Risikogruppen
• In 90 % d. F. liegt eine psych. Erkr. vor: bes. (schwere) Depression, Psychose, Sucht, Borderline-PS, Anorexie; nur bei ca. 10 % „Bilanzsuizide“
• Suizide nehmen mit Alter zu, bes. im hohen Alter (Suizidversuche dagegen ab)
• 60–70 % Suizidankündigung
• In 30–40 % d. F. vorangehender Suizidversuch, Wiederholungsrisiko in 12 Mon nach Suizidversuch 20–30 %!
• Suizide in Familie u. Umgebung erhöhen Risiko (genetische Komponente, Vorbildfunktion)
• Allg. gefährdet: Ältere (bes. M), Alleinlebende ohne feste Bindungen u. tragende emotionale/soziale Basis, Flüchtlinge, Pat. mit „unlösbaren“
wirtschaftl. Problemen oder schweren körperl. Erkr., Medizinberufe
Therapie Offenes, dir. Ansprechen der Suizidalität (keine Angst, dass man diese dem Pat. „einreden“ könnte), wertfreie Akzeptanz des Pat., Empathie
wichtig. Bezugspersonen einbinden (suizidale Pat. nicht allein lassen), psychiatrische Mitbehandlung bei unklarer Situation (Pat. persönlich kurzfristig bei
FA/Klinik anmelden u. Nachfrage, ob Pat. ankam), kurzfristige Befundkontrollen (am gleichen/nächsten Tag), bei amb. Betreuung jederzeitige Erreichbarkeit
sicherstellen. Uneinsichtiger Pat.: Klinik-, ggf. Zwangseinweisung ( 1.5.10 ). Krisenintervention bei Suizidalität: Benzodiazepine (z. B. Lorazepam 0,5–2,5
mg)/ sedierende Antipsychotika (Kleinpackungen!).
Einem Suizid gehen oft dir./indir. Ankündigungen voraus: Diese ernst nehmen! Bei Risikopat. Suizidalität immer direkt ansprechen. Entscheidendes
Therapieprinzip: Sicherung durch menschlichen Kontakt.
Falls Risikopat. Suizidalität eher wenig glaubwürdig verneint, nachfragen: „Warum nicht?“ (Prüfung, ob Antwort inhaltlich u. emotional plausibel).
22.14.2. Panikattacke, Herzangstanfall, Hyperventilation
Definition Übergänge fließend; typischerweise heftige psychische Erregung mit Angstzuständen; eher jüngere, meist organisch gesunde Menschen.
Therapie
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