• Ruhige, besonnene körperl. u. psych. Befunderhebung
• Bei ausbleibender Besserung: Sedativum (z. B. Lorazepam 1 mg 1–2 × oral, z. B. Tavor Expidet ® 1 mg; Diazepam 5–10 mg langsam i. v. oder i. m.)
• Oft deutet Pat. selbst spontan Konfliktbereiche (Urlaubsreise, Heirat, Prüfung u. a.) an; wenn nicht, mögliche Exploration auf späteren Termin
verschieben
• Kontrolltermin am nächsten Tag, bei starker Sympt. KH-Einweisung
• Bei Hyperventilation: Rückatmung (Plastiktüte) gut wirksam, Erfolg nach ca. 10 Min.
22.14.3. Akuter psychotischer Erregungszustand
Ätiologie Schizophrenie o. hirnorganische Prozesse (Demenz, Durchgangssy.).
Klinik Hochgradige Erregtheit, formale u./o. inhaltl. Denkstörungen oder Halluzinationen.
Therapie
• Ruhe bewahren: kann Erregung, Ängste reduzieren. Hauptproblem ist oft psychotische Angst des Pat.
• Medikamentöse Ther.: z. B. 1–2 Amp. Haldol ® à 5 mg i. v. oder i. m. Cave: Bei alten Menschen max. ½ Amp. à 5 mg oder 5–6 Tr., Wdh. nach 30
Min. möglich, bei jüngeren/mittelalten Pat. alternativ oder zusätzlich Diazepam 5–10 mg langsam i. v. oder i. m. oder oral Tavor Expidet ® 1 mg 1–
2 × 1.
• Schwer kontrollierbare Situation: Sanitäter/Notarzt u./o. Polizei rufen (Selbstschutz!), oft ohnehin stat. Nachbeobachtung sinnvoll
Alkohol- u. Drogenintox. ( 3.5.2 ).
22.15. Psychotherapie
22.15.1. Psychotherapeutische Behandlung
Definition Geplanter Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen u. Leidenszuständen mit psycholog. Mitteln in Richtung auf definiertes, nach
Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel mit lehrbaren Techniken auf Basis einer Theorie bzgl. normalen u. path. Verhaltens (nach Strotzka). Psychother.
demnach methodische Arbeit mit Pat. an seinen Problemen. Wirksamkeit psychother. Maßnahmen empirisch gut belegt, deshalb in D GKV-Leistung. Unterschiedliche Therapieverfahren:
• Übende Verfahren: z. B. autogenes Training, progressive Muskelrelaxation nach Jacobson
• Große Psychother.: z. B. Verhaltensther., tiefenpsycholog. fundierte Psychother./Psychoanalyse
– Psychodynamische Psychother. (tiefenpsycholog. fundierte Psychother./Psychoanalyse): geht auf S. Freud zurück; beschäftigt sich mit
unbewussten Ursachen von Sympt., Widerständen, Abwehrformen. Therapeut eher abwartend-deutend. Gute Wirksamkeit, wenn Pat.
umfassenderes Verstehen seiner Sympt. u. Lebenssituation anstrebt
– Verhaltenstherapie: ursprünglich auf Symptombesserung („Verhalten“) zielend, heute auch innere Vorgänge stärker bearbeitend
(„kognitive VT“). Eher symptom-, ziel-, handlungsorientiert, gute Wirksamkeit bei Zwangserkr., Phobien
Oft wird Psychotherapeut Elemente u. Erkenntnisse beider Therapierichtungen nutzen („allg. Psychother.“). Wichtiger als theoretische Therapieausrichtung ist meist Persönlichkeit des Therapeuten u. menschlich-emotionale Beziehung zwischen Pat. u.
Psychotherapeut. Grundsätzlich sollte HA pos. Grundhaltung zur Psychother. haben u. vermitteln: Bei geeigneten Pat. mit entsprechender Motivation ist
Psychother. bei vielen psychischen Erkr. Methode der 1. Wahl!
Aufgaben des HA bei Pat., die vor erstem Einstieg in Psychotherapie stehen:
• Optimismus u. Zutrauen in Methode vermitteln (ohne unrealistische Idealisierung/Versprechungen)
• Pat. auf ggf. frustrierende Einstiegsgegebenheiten vorbereiten (vielfaches Abhören von Anrufbeantwortern, Wartezeiten, Irritationen)
• Spürbar massive Abwehr des Pat.: nicht drängen (ein aus Abwehr völlig missratenes Erstgespräch kann dem Pat. evtl. späteren Einstieg verbauen)
• Auf Möglichkeit von Erstgesprächen bei verschiedenen Therapeuten hinweisen (tragfähige menschlich-emotionale Beziehung zwischen Therapeut
u. Pat. ist prognostisch u. therapeutisch wichtig!)
Voraussetzung Motivation des Pat., an sich zu arbeiten u. etwas ändern zu wollen (fehlt oft bei psychosomatischen, z. B. Schmerzpat.). Pat. sollte
Mindestmaß an Selbstreflexion/Fähigkeit zum Verstehen von Deutungen mitbringen. Schwierig ist Psychother. bei Pat. mit geringer formaler/emotionaler
Intelligenz oder solchen, die für alles Unglück die Umgebung verantwortlich machen. Verzicht auf Scheinlösung der Probleme im Symptom fällt Pat. oft
schwer („Widerstand“). Viele Menschen ahnen diese Konflikte u. lehnen deshalb Psychother. von vornherein ab. Cave: Nie zur Psychother. drängen;
Entschluss muss vom Pat. selbst getragen werden.
Manche Psychosepat. drängen auf Psychother., diese hier aber problematisch, ggf. nach Rücksprache mit FA in modifizierter Form (stützend,
ressourcenorientiert) möglich.
Floride Suchterkr. schließt nach Psychother.-Richtlinien längere amb. Psychother. aus (erst nach erfolgreichem stat. Entzug indiziert).
Prognose Von vielen Faktoren abhängig.
• Günstig: kurze Krankheitsdauer (Wo., Mon.), hoher Leidensdruck, Einsicht in Psychogenese des Problems, psychische u. soziale Flexibilität,
Introspektionsfähigkeit, Ressourcen, hohe Eigenmotivation, konstruktiv-stützende zwischenmenschliche Beziehungen
• Ungünstig: langer chron. Verlauf, geringer Leidensdruck, hoher Krankheitsgewinn, masochistische Verhaltensweisen, rigide symptomstabilisierende
Beziehungsverhältnisse (z. B. in Familie)
Patienten während einer Psychotherapie
Im Behandlungsverlauf evtl. erhebliche psychische Belastungen des Pat., vorübergehende Verschlimmerung ursprünglicher Beschwerden oder „neue“
Sympt. („Symptomverschiebung“, „Agieren“, d. h. Verschiebung von Therapieproblemen auf Bereiche außerhalb der Ther.). Konflikte mit Therapeut nicht
selten, evtl. wichtiges „Material“ für weitere erfolgreiche Behandlung; als HA nicht jede vom Pat. angebotene Kritik übernehmen (Neigung, mit dem
Psychotherapeuten zu konkurrieren, widerstehen), sondern vorschlagen, Konfliktpunkte in nächster Therapiestunde anzusprechen; Therapieabbruch meist
schlechtere Lösung. Andererseits: 10–30 % der Psychotherapien sind nicht erfolgreich bzw. führen evtl. sogar zu Verschlechterungen (Ursachen:
suboptimale Therapeut-Pat.-Beziehung, Überforderung Pat. durch Ther., suboptimale Therapiemethode u. v. m.). In begründeten Fällen kann u. soll HA
(immer nur m i t Pat.-Einverständnis) klärenden Kontakt zum Psychotherapeuten aufnehmen u. sich selbst ein Bild zur Situation machen, ggf.
Therapiepause, Therapeutenwechsel erwägen, wenn auch nach Mon. keine Besserung spürbar.
Stationäre Psychotherapie
In den letzten Jahren Neuentstehung zahlreicher stat. Psychosomatik-/Psychotherapieeinrichtungen. Behandlungskonzepte, Ausstattung, Niveau sehr
unterschiedlich (Rücksprache mit niedergelassenen Psychiatern/Psychotherapeuten → fundierte objektive Informationen bzgl. Vor-/Nachteilen jeweiliger
Einrichtungen erwerben).
22.15.2. Psychotherapeutische Weiter- und Fortbildung für den Allgemeinarzt
Bei sehr vielen psychosomatischen/schwer psychisch erkrankten Pat. „schultert“ HA Psychotherapie i. R. der „psychosomatischen Grundversorgung “ allein;
Gründe: Pat. oft für Fachtherapie nicht motivierbar, HA ist letzte/einzige Vertrauensperson. Arbeit mit psychisch erkrankten Pat. bedeutet große psychische
Belastung für HA. Erleichternd: Balintgruppe o. a. psychother. orientierte Weiterbildungen.
Balintgruppe 22.17 . Vom ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint mit Allgemeinärzten in England entwickelte Gruppenarbeit: Nach Fallvorstellung
eines Problempat. erarbeitet die Gruppe Fantasien, Gefühle, Ideen zum Fall; Fallproblematik spiegelt sich in Beiträgen u. Gruppendynamik.
• Ziel: Hilfe im Umgang mit „Problempat.“, bei Beziehungsprob. im Arzt-Pat.-Verhältnis. Erkennen von „blinden Flecken“ der eig. Wahrnehmung,
Verstehenlernen von „unerklärlichen“ Konflikten mit Pat. im Spiegel der Gruppe
• Bemerkung: geringer Zeitaufwand, z. B. eine Doppelstunde alle 8 oder 14 d; kontinuierliche Mitarbeit in einer Gruppe für 1–2 J. anstreben.
Gruppenarbeit wird als entlastend u. interessant erlebt
Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ Für interessierte HÄ sinnvolle u. spannende, wenn auch nicht sehr lukrative Ergänzung des Behandlungsspektrums.
Berechtigt zur Abrechnung psychother. Leistungen (50-Min.-Termine). Ausbildung umfasst mind. 550 h (Theorie u. Praxis: 2–4 h/Wo. über mind. 3 J.; Kosten
≥ 8.000 €). Psychother. muss im Gegensatz zu anderen med. Methoden „selbst erfahren“/gelernt werden, Teil der Ausbildung demnach „Ther. für den
Therapeuten“. Informationen bzgl. anerkannter Weiterbildungsinstitute/Ausbilder für einzelne Verfahren: Landesärztekammern (Adressen 34.3.1 ).
Wg. Zeitproblematik möglichst frühzeitig vor Niederlassung mit Weiterbildung beginnen (z. B. mit Ausbildungsteil Balintgruppe u. Selbsterfahrung).
22.16. Coping
Definition „Bewältigung von Krankheit“ ( Belastungen durch Krankheit auffangen, mildern, meistern → emotionales/praktisches Umgehen des Pat. mit
Problem seiner Erkr.).
Copingstrategien Informationssuche, Verleugnung, depressive Resignation, Religiosität, kämpferische Aktivität, Aufrechterhaltung Alltagskompetenz,
Suche „alternativer HV“ u. v. m.
Wichtige Fragestellungen für weitere vertrauensvolle HA-Begleitung des Pat. :
• Welche Copingstrategie hat Pat. (individuell, krankheitsbezogen unterschiedlich; „Informationssuche“, „Verleugnung“, „kämpferische Aktivität“)?
• Wie ist Copingstrategie zu bewerten? Verleugnung, Verdrängung, Resignation evtl. adäquate Reaktionen bei bestimmten Pat., in bestimmten
Situationen. Keine voreilige Verurteilung naiver/aus wissenschaftlich-positivistischer Arztsicht unsinniger Strategien → cave Schwächung/Störung
für den Pat. stützender Copingvorgänge.
• Schwere der Erkr., Charakter, psychosoziale Situation des Pat. stark determinierende Faktoren für individuelle Copingstrategie, daher ärztlicherseits
eher Zurückhaltung bzgl. Einflussnahme. Bei Selbstschädigung klar Standpunkt beziehen: z. B. bei Ther. von Malignom, wenn Pat. alleinige
naturheilkundliche Ther. fordert, schulmed. jedoch Heilung zu erwarten ist. Meist lassen sich tragfähige Kompromisse erzielen.
Bei HA-Betreuung chron. kranker Pat. ist Coping häufig größere Herausforderung als eigentliche Ther. der Grunderkr.
22.17. Ärztlicher Burnout
(Haus-)Ärztl. Tätigkeit → vielfältige Belastungen: „erste Front“ bei psychosozialen Krisen/somatischen Notfällen, „letzter Anker“ bei schwer
gestörten/kranken Pat.; lange Arbeitszeiten, Zeitdruck, Notdienste, hohes Anforderungsmaß an Verantwortung für Pat. in Diagn. u. Ther., gesundheitspolitische
Strukturveränderungen.
Andererseits Gestaltungsmöglichkeit in einem Fach mit größter Diagnosenvielfalt, Dankbarkeit/Zufriedenheit vieler Pat.
Strategien zur Erhaltung der Freude am Beruf des HA:
• Regelmäßige körperl. Aktivität (Sportart, regelmäßige Spaziergänge), Freizeitgestaltung (Hobby(s)!)
• Ruhe-, Urlaubszeiten einhalten, ggf. Arbeitszeit begrenzen (Verweis auf Notdienst, Teilzeit, Kooperationen u. Ä.)
• Feste Zeit für Partner/Familie einplanen
• Kontakte zu Freunden pflegen
• Grenzen setzen bzgl. ausufernder Pat.-Wünsche
• Regelmäßig Lebensziele (neu) definieren
• Bei Sympt. bzgl. Sucht, Ängsten, Depressionen Hilfe suchen
22.18. Internetadressen
• Zwangsstörungen : www.zwaenge.de
• Balintgruppe : www.balintgesellschaft.de
• Sucht : www.bundesaerztekammer.de , www.gluecksspielsucht.de
• ADHS : www.adhs.de
171,45,187,235,236,246,229,20,186,28,85,157:UDF3O+h4aateqrSM+br4lytw+hnGZ4P71gBWWjxcxkx3EMlRE8oWsUa64KzrVsid4/5bdpKSoT79FK6vh/tbe0qhHERoI8UiTpal2OxuATSut6vAXhkZ2gSpyBdRT56+jnoCSsPSfaO
5,228,4,183,103,114,82,164,243,158,192,51:rm6h9AFHUTnvy9mvrwYeIhjLGPjz7uqCmRY73PC25cJdO00HOqDZTnqU2lhKrVK+4IN19OAUCiLWEEoFj9Ao3aaq9q46/Upl4ZU93NtHUVhJvdWgb93XdSZ/Gi9B1MJ3Cflvln+m
2 5
Mund-, Zahn- und Kiefererkrankungen
Ingrid Grunert
25.1 Checkliste Anatomie
25.2 Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich
25.2.1 Schmerzen am Zahnfleisch
25.2.2 Zahnschmerzen bei akuter oder chronischer Pulpitis
25.2.3 Schmerzen nach operativen Eingriffen im Zahnbereich
25.3 Schwellungen im Mundbereich
25.3.1 Intraorale Schwellungen
25.3.2 Extraorale Schwellungen
25.4 Orale Blutungen
25.4.1 Zahnfleischentzündungen
25.4.2 Blutungen nach operativen Eingriffen
25.5 Veränderungen der Mundschleimhaut
25.5.1 Weiße Schleimhautveränderungen
25.5.2 Pigmentierte Mundschleimhautveränderungen
25.5.3 Bläschenförmige Mundschleimhautveränderungen
25.5.4 Ulzeröse und aphthöse Mundschleimhautveränderungen
25.5.5 Bisphosphonatinduzierte Knochennekrose
25.6 Leitsymptom Zahnverfärbungen und Zahnanomalien
25.7 Orale Funktionsstörungen
25.7.1 Kiefergelenkbeschwerden
25.7.2 Xerostomie
25.7.3 Dysästhesien im Mund- u. Gesichtsbereich
25.8 Mundhygiene und Prophylaxe
25.8.1 Plaquebildung und Kariesentstehung
25.8.2 Erosionen (Säureschäden)
25.8.3 Mundhygiene und Reinigung von Zahnersatz
25.8.4 Fissurenversiegelung
25.8.5 Fluoridierung
25.9 Amalgamproblematik
25.10 Ästhetik u. Geroprothetik
25.10.1 Bleichen von Zähnen (Bleaching)
25.10.2 Vollkeramikrestaurationen
25.10.3 Implantate zum Ersatz fehlender Zähne sowie zur Verankerung von herausnehmbarem Zahnersatz
25.10.4 Geroprothetik
25.1. Checkliste Anatomie
Grundbegriffe
• Mesial: zur Kiefermitte gerichtet. Distal: von Kiefermitte abgewandt
• Vestibulär: zum Mundvorhof gerichtet. Oral: zur Mundhöhle gerichtet
• Palatinal: zum Gaumen gerichtet. Lingual: zur Zunge gerichtet
• Bukkal: zur Wange gerichtet. Labial: zur Lippe gerichtet
• Inzisal: zur Schneidekante gerichtet (Frontzahn) bzw. okklusal: zur Kaufläche gerichtet (Seitenzahn)/apikal: zur Wurzelspitze gerichtet
• Approximal: zum Kontaktpunkt des Nachbarzahns gerichtet
• Zervikal: zum Zahnhals gerichtet
Zahn und Zahnhalteapparat Aufbau eines mehrwurzeligen Zahns u. des Zahnhalteapparats Abb. 25.1 , Zahnschema Abb. 25.2 .
Abb. 25.1 Aufbau eines mehrwurzeligen Zahns und des Zahnhalteapparats
[A300]
Abb. 25.2 Zahnschema zur Bezeichnung der Zähne
[L190]
• Schmelz: härteste Substanz des Körpers (Apatitkristalle). Schmelz ist nicht regenerierbar, kann aber noch nach abgeschlossener Schmelzbildung
• Schmelz: härteste Substanz des Körpers (Apatitkristalle). Schmelz ist nicht regenerierbar, kann aber noch nach abgeschlossener Schmelzbildung
durch exogene Fluoridzufuhr ( 25.8.4 ) weiter ausgehärtet werden.
• Dentin: knochenähnliche Struktur mit Odontoblastenfortsätzen in radial angeordneten Dentinkanälchen, wird lebenslang von vitalen Zähnen
produziert.
• Zahnmark (Pulpa): gallertiges, blutgefäß- u. nervenreiches Bindegewebe. Klin. Unterteilung in Kronen- u. Wurzelpulpa. Wurzelpulpa liegt in
einem o. mehreren Wurzelkanälen u. ist durch Foramen apicale an der Wurzelspitze mit umgebendem Gewebe verbunden. Aufgabe: Ernährung u.
Bildung des Dentins; Sensibilität.
• Wurzelzement: Ca. 65 Gew.-% anorganische Verbindungen, ähnlich dem Faserknochen. Teil des Zahnhalteapparats u. des Zahns.
• Wurzelhaut (Desmodont): zwischen Alveoleninnenwand u. Wurzelzement. Wesentlicher funktioneller Bestandteil sind elastische Sharpey-Fasern:
verlaufen entsprechend ihrer Beanspruchungsrichtung schräg durch Desmodontalspalt nach apikal u. wandeln Kaukraft (im Molarenbereich bis zu
800 N) in Zugbelastung um. Röntgenolog. strahlentransparent, erscheint als Parodontalspalt.
• Gingiva: Teil der Mundschleimhaut u. des Zahnhalteapparats. Gesunde Gingiva ist blassrosa, unverschieblich, von fester Konsistenz, liegt durch
straffe Faserzüge dem Zahnhals eng an u. ist mit Ausnahme des Zahnfleischsaums (marginale freie Gingiva) fest mit Alveolarknochen verwachsen
(befestigte Gingiva). Gingivaler Sulkus ist physiolog., ca. 0,5 mm tiefe Zahnfleischfurche zwischen marginaler Gingiva u. Zahnhals. Aus ihm
sickert zellhaltiges Exsudat (sulcus fluid), dessen Menge unter path. Bedingungen deutlich ansteigt. Zwischen Approximalflächen der Zähne liegen
Interdentalpapillen der Gingiva.
• Zahnhalteapparat: funktionelle Einheit aus Wurzelzement, Wurzelhaut, Alveolarknochen u. zugehörigem Zahnfleisch (Gingiva propria).
25.2. Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich
25.2.1. Schmerzen am Zahnfleisch
Akut nekrotisierende ulzeröse Gingivitis (ANUG)
Definition Schlagartig einsetzende generalisierte Entzündung der Gingiva. Gehäuft zwischen dem 15. u. 30. Lj., v. a. bei starken Rauchern u. unzureichender
Mundhygiene. Orales Sympt. bei Avitaminosen ( 17.4 ) u. hämatolog. Erkr. (Thrombozytopathie, Leukämie, Panmyelopathie, Agranulozytose, s. auch 19.1.5 ).
Klinik Sehr schmerzhaftes, stark gerötetes u. geschwollenes Zahnfleisch mit Neigung zu Spontanblutungen. Nekrosen u. Ulzerationen an
Zahnfleischpapillen. Fauliger Mundgeruch. Schmerzhafte Schwellung submandibulärer Lk, erhöhte Körpertemperatur u. reduzierter AZ.
Differenzialdiagnose Gingivostomatitis herpetica ( 25.5.3 ). Chron. Gingivitis u. Parodontitis ( 25.4.1 ) verursachen keine Schmerzen! Cave: Schwerste
Parodontitiden beim Vollbild AIDS ( 9.9 ).
Therapie Systemische Erkr. ausschließen, zum Zahnarzt schicken; wenn nicht möglich: systemisch Metronidazol-Tbl. (z. B. Metronidazol-CT
® 400) 1–1,5
g/d für 8–14 d o. Tetrazyklin-Derivate (z. B. Tetracyclin Wolff ® ) 0,1–0,2 g/d für 8–14 d. Zur lokalen Keimreduktion mehrmals tägl. Spülungen mit
Chlorhexidin (z. B. Chlorhexamed ® ) o. Pinselungen mit 3-proz. H 2 O 2
(rezeptfrei); in der Praxis überaus bewährte Rezeptur: 20.4.3 . Analgetisch u.
antiphlogistisch wirkende Salben, z. B. Dontisolon ® D. Nach Abklingen akuter Symptome systematische parodontolog. Ther. u. Mundhygieneinstruktionen
durch Zahnarzt.
Erschwerter Zahndurchbruch bei Erwachsenen (Dentitio difficilis)
Definition Akute perikoronare Entzündung mit Bildung von Zahnfleischtaschen (Schlupfwinkelinf.!) bei nicht vollständig durchgebrochenen Zähnen. Untere Weisheitszähne am häufigsten betroffen (Platzmangel!). Vorkommen v. a. im 20.–40. Lj.
Klinik Äußerst schmerzhafte Schwellung u. starke Rötung der Schleimhautkapuze über betroffenem Zahn. Seröser o. eitriger Sekretfluss aus der Tasche.
Kieferklemme u. Schluckbeschwerden. Lymphadenitis, Körpertemperatur ↑ bis 38,5 °C. Evtl. BSG ↑, Leukozytose.
Komplikationen Abszedierungen in benachbarte Weichteillogen, Osteomyelitis des Alveolarknochens.
Therapie Bei vollständig ausgeprägtem Krankheitsbild (schlechter AZ, „dicke Backe“): sofort zum Zahnarzt o. in Fachklinik schicken. Bei geringer
Schwellung u. fehlenden allg. Krankheitssympt.: vorsichtige Taschenspülungen mit Mundantiseptika (Gentianaviolett-Lsg. 1 %, H 2 O 2
-Lsg. 3 %,
Chlorhexamed ® ). Begleitend lokale Kälteapplikationen (feuchtkalte Umschläge) u. Verordnung Analgetikum. Zur Keimreduktion Optimierung der
Mundhygiene fordern ( 25.8.2 ). Nach Abklingen akuter Sympt. (ca. 5–8 d) Zahnfleischexzision (wenn retrokoronal ausreichend Platz für Zahndurchbruch),
Extraktion bzw. operative Entfernung des betroffenen Zahns durch Zahnarzt.
Naturheilkundliche Therapieempfehlung (Phytotherapie) Kamille (z. B. Kamillosan ® Konzentrat), Salbei (z. B. Salviathymol ® Lsg.) bzw. Komb.:
InfectoGingi ® Mundgel, 23.3 .
Erschwerter Zahndurchbruch bei Kleinkindern
Klinik Kuppenförmige anämische Vorwölbung auf Alveolarkamm. Schmerzen, Unruhe, Appetitlosigkeit. Häufig ↑ Temperatur bis 39,5 °C. Windeldermatitis (
16.8.2 ) sehr häufiges Begleitsymptom.
Selten: Zahndurchbruchszyste (Eruptionszyste), bevorzugt beim Durchbruch der oberen Milchzähne. Bläuliche, prall-elastische Vorwölbung auf
Alveolarkamm. Altersangaben für den Durchbruch von Milch- bzw. permanentem Gebiss ( 16.2.4 ).
Therapie Bei starker Unruhe u. bei Fieber andere Ursachen abklären. Antipyretika (z. B. Paracetamol ratiopharm ® -Supp., 10–15 mg Paracetamol/kg KG als
ED, bis 60 mg/kg KG als max. Tagesdosis [24 h]. ggf. Wdh. alle 6–8 h., d. h. 3–4 ED/d) u. ggf. lokal wirkende Anästhetika (z. B. Recessan ® Salbe), mehrmals
tägl., v. a. nach dem Essen u. abends, auf die Zahnleiste streichen. Bei Durchbruchszysten FA-ÜW zur Eröffnung der Zyste.
Gut wirksam: Osanit-Zahnkügelchen ® ; Beißringe, die vorher im Kühlschrank gekühlt werden; auch Fingerdruck kann vorübergehend Schmerz lindern.
Antipyretische u. beruhigende Zäpfchen auf homöopathischer Basis (z. B. Viburcol ® , Sgl. max. 1 Supp./d; KK < 6 J. 1–2 Supp./d).
25.2.2. Zahnschmerzen bei akuter oder chronischer Pulpitis
Übersicht Zahnschmerzen Tab. 25.1 . Cave: Psychogener Zahnschmerz sehr selten (evtl. durch Zähneknirschen mit hohem u./o. permanentem Kaudruck
ausgelöst). Meist organische Ursache (Karies?)!
Tab. 25.1 Zahnschmerzen: klinisches Bild u. Vorgehen
Klinik Diagnostik Ursachen, KO Therapie
Zahn schmerzempfindlich gegen
Kälte (Zugluft, Eis) u. bei
Zuckergenuss. Ggf. kurz andauernde,
ausstrahlende Spontanschmerzen
Pos. Reaktion auf
Vitalitätsprobe:
Schaumstoff- o.
Wattepellet mit
Kältespray o. CO 2
-
Schnee besprühen, an
bukkale Zahnfläche
drücken
Kariesbefall von Schmelz u.
pulpennahem Dentin ohne
Ausdehnung auf Pulpa
DD: überempfindliche
Zahnhälse (s. u.)
Durch Zahnarzt
Heftige, ziehende o. pulsierende,
anhaltende Zahnschmerzen.
Betroffener Zahn oft nicht genau
lokalisierbar durch ausstrahlende
Schmerzen bis ins Ohr
(Unterkieferzähne) u. in Schläfen
(Oberkieferzähne)
Zahn stark
perkussionsempfindlich,
reagiert sehr heftig nach
ca. 30 Sek. auf Wärme
mit ziehenden
Schmerzen
Partielle o. generalisierte
Entzündung des Zahnmarks
(Pulpitis) durch Karies,
Zahnfrakturen o. -luxationen
(Anamnese: Trauma?).
Cave: Frühkontakte einzelner
Zähne (z. B. durch zu hohe
Füllungen o. Kronen)
können Pulpitiden auslösen!
Durch Zahnarzt. Wenn nicht sofort möglich (z. B.
nachts), Gabe eines Analgetikums (z. B. ben-u-ron ®
, 2–4 Tbl./d), evtl. eines Kombinationspräparats mit
Codein (z. B. Dolomo ® TN, 2–4 Tbl./d)
Starke pulsierende Schmerzen, v. a.
auf Druck (Zubeißen, Kauen) u.
nachts (Bettwärme)
Zahn reagiert neg. auf
Vitalitätsprobe
Akute apikale Parodontitis.
Ätiol.: Nach Absterben des
Pulpagewebes u. Zersetzung
durch anaerobe Bakterien
mit Gasbildung (Gangrän)
greift die Entzündung vom
Wurzelkanal auf periapikalen
Knochen über.
KO: Abszedierung in
Weichteile ( 25.3.2 ),
Bildung einer radikulären
Zyste
Durch Zahnarzt. Extraoral feuchtkalte Umschläge.
Wärme vermeiden (fördert Drucksteigerung durch
Gasausbreitung). Sofortiges Nachlassen des
Schmerzes u. fötider Geruch bei Druckentlastung, z.
B. bei Entfernung eines provisorischen Verschlusses
o. Trepanation durch Zahnarzt
Deutliche Schmerzreaktion auf Kälte
(v. a. Zugluft)
Vitalitätsprobe pos., am
Zahnhals sehr starke
Reaktion
Überempfindlicher Zahnhals, z.
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