– Partnerschaft/Ehe (Dauerkonflikte?)
– Beruf/Geld (Schulden?)
– Familie: Eltern (Pflege?), Kinder (Erziehungs-, Ausbildungsprobleme?)
Oft lösen Pat. starke Gefühle beim Arzt aus (Gegenübertragung ), z. B. Verwirrung, Ärger, Langeweile, Wut, Hilflosigkeit → akzeptieren u.
reflektieren.
Bei jeder psychischen/psychiatrischen Erkr. somatische Ursachen ausschließen (einschl. endokrinolog., neurolog. Unters.): entlastet Arzt u. Pat.
Besonderheiten bei Pat. aus traditionellen muslimischen Gesellschaften
• Unterordnung der Frau, Vater in wichtigen Angelegenheiten Letztentscheider (Einbeziehung u. Anerkennung besser als Konfrontation).
• Tabuisierung Sexualität, andere Bewertung von Jungfräulichkeit u. „Ehrbegriffen“.
• Es gilt als Makel, nicht verheiratet zu sein u. als Frau keine Kinder zu haben. Ehepartner müssen von Familie akzeptiert sein o. werden sogar von ihr
ausgesucht.
• Konflikte eher interpersonal/externalisiert als intrapsychisch; werden stärker psychosomatisch-expressiv-indir. als sachlich-kontrolliertpsychologisierend ausgedrückt. Beziehungsebene (auch zum Arzt) wichtiger als beim „westlichen“ Pat.
• Bei gegen das Kollektiv (Familie, Verwandtschaft, Tradition) gerichteten Entscheidungen droht evtl. völliger Ausschluss aus diesen Bezügen. Cave:
deutliche Symptomverschlechterung! Forderung nach Individuationsprozessen kann Überforderung des Pat. bedeuten.
Leicht lesbare Einführung und auch für Allgemeinärzte empfehlenswert: Rezapour H, Zapp M. Muslime in der Psychotherapie. Ein kultursensibler Ratgeber.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011.
22.3. Somatoforme Störungen
Synonyme Funktionelle Sy., psychovegetative Störungen , vegetatives Erschöpfungssy., vegetative Dystonie.
Definition Breites Spektrum an psychogenen Sympt., von allg. Befindlichkeitsstörungen bis hin zum polysympt., körperl. zentrierten Beschwerdebild;
geringe Beschwerdekorrelation zu organischen Befunden.
Schmerz oft Leitsymptom. Hohe Gesundheitskosten, Neigung zum „Doctor-Hopping“, häufig Hilfesuche bei unseriösen Heilversprechern.
Cave: Pat. fühlen sich trotz z. T. hohen Leidensdrucks oft nicht ausreichend ernst genommen.
Ätiologie Z. B. unphysiolog. körperl./seelische Belastungen (Stress, bes. in Kindheit), Verlusterlebnisse, neurotische Angstverarbeitung, bestimmte
Erziehungsbilder. Häufiges Störungsmuster: histrionische Persönlichkeit (früher: „Hysterie“ ), Alexithymie („emotionale Inkompetenz“ bei sozialer
Unangepasstheit).
Klinik Ermüdungs-, Erschöpfungs-, Unruhezustände , Leistungsfähigkeit ↓, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Schwindelanfälle, Ängste, depressive
Verstimmungen, Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Kopf-/Rückenschmerzen, Globusgefühl, Herzstolpern, Oberbauchschmerzen, Diarrhö, Obstipation,
Appetit-, Essstörungen, Schwitzen, Urogenitalstörungen, Parästhesien u. a., allg. häufige Arztkontakte („dicke Akte“), Unters., OPs („Narbenbauch“). Beginn
12.–20. Lj., 40 % d. F. Komorbidität mit Ängsten u./o. Depression, Prävalenz > 20 % in HA-Praxis.
Diagnostik
• Exploratives Gespräch über aktuelle Gefühlslage, Gestimmtheit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen u. a.
• Körpersprache, zeitliche u. innere Zusammenhänge zu äußeren Belastungssituationen berücksichtigen
• Sinnvoll begrenzte organische Ausschlussdiagnostik (Angst nehmen! Pat. nicht durch Aufzählung aller DD verunsichern)
Bei unklaren funktionellen Beschwerden frühzeitig an depressive Störung denken → kostspielige, schmerzhafte u. unsinnige diagn. u. ther. „Irrwege“
vermeiden; erschwerter ther. Zugang zu diesen Pat. durch fast zwangsweise auftretende aggressive Gegenübertragungsgefühle u. ausbleibenden
Therapieerfolg. Bei Ärzten dann oft Gefühle eigener Hilflosigkeit u. Ohnmacht.
Therapie
• Ärztl. Beratung: Änderung der Lebensweise?
• Psychother.: Klärung aktuelle Belastungs- u. Konfliktsituation bei motivierten Pat., bei ausgeprägter „Psychosomatik“ eher begrenzte Wirksamkeit
in Bezug auf körperl. Sympt.
• Entspannungsther.: Muskelrelaxation nach Jacobson, autogenes Training, Sport u. a.
• Medikation: erst nach Ausschöpfung o. g. Therapieverfahren, z. B. Johanniskrautextrakt (z. B. Laif 900 ® 1 × 1/d), Opipramol 50 mg 1–3 ×/d,
Antidepressiva (z. B. Amitriptylin 25–50 mg/d, Citalopram 20 mg/d u. a.), evtl. in Akutsituationen nur sehr kurzzeitig (Suchtgefahr!) Anxiolytika
wie Lorazepam 0,5–1,5 mg/d (Tavor ® )
Verdachtsdiagnose funktionelles Sy. bedeutet „beobachtendes Abwarten“ unter weitgehendem Ausschluss „vermeidbar gefährlicher
Krankheitsverläufe“. Eigene Grundeinstellung prüfen: Nicht jedes Sympt. ist therapiebedürftig. Unwohlsein, Schwäche, Schmerz als Conditio humana
begreifen.
Regelmäßige Termine in größeren Abständen (z. B. 4–5 Wo.) mit kurzer Beratung u. punktueller körperl. Kontrollunters. können Pat. Sicherheit u.
Stabilität geben u. ständige unkontrollierte Symptomproduktion eingrenzen. Dabei kurz auf aktuelle psychosoziale Situation eingehen. Von inadäquatem
Schonverhalten abraten, zur Aktivität u. sozialen Kontaktpflege motivieren.
Leitlinien zum Umgang mit Patienten bei Somatisierungsstörungen
• Glaubhaftigkeit der Beschwerden bestätigen, erklären, dass wahrscheinlichste Symptomursache keine schwere Erkr. ist, sondern Wahrnehmungsstörung von Körperprozessen z.B. unter Stress.
• Auf unnötige Diagn. u. Ther. Verzichten, Bagatelldiagnosen vermeiden → cave: Verstärkung der Befürchtungen des Pat. („Begleitung“ steht im
Vordergrund).
• Pat. Kenntnisse gesunder Lebensführung (u.a. Entspannungstechniken, körperl. Bewegung, aktive Pflege sozialer Kontakte) vermitteln.
• Pat. deutlich machen, dass neg. Befund nicht bedeutet, dass Beschwerden „nur eingebildet seien“.
• Chron. psychosoziale Belastungen als Ursache der Beschwerden mit Pat. besprechen u. bearbeiten. Aktiv nachfragen: Problemfelder
Partnerbeziehung, Familienprobleme, Arbeitsplatz, Geld, Sonstiges. Ggf. bei ausreichender Motivation Psychother. empfehlen (nach Rief 2007).
Pat. mit chronifizierter somatoformer Störung haben gleiche Wahrscheinlichkeit, körperl. Erkr. zu entwickeln wie jede altersentsprechende Person.
Daher bei Beschwerdeänderung erneute Diagn. veranlassen. Erst manifestation einer Somatisierungsstörung nach dem 40. Lj. selten.
22.4. Schlafstörungen
Synonym Chron. Insomnie.
Definition 20 % der Erw. leiden an chron. Ein- u./o. Durchschlafstörungen u. Früherwachen bzw. Komb. dieser Insomnieformen. Einschlafstörung :
Einschlafzeit > 30 Min. Durchschlafstörung : vorzeitiges Aufwachen nach Schlafzeit < 6 h öfter als 3 ×/Wo.
Dyssomnien ( Schlafstörungen durch äußere Faktoren): Restless Legs, Zeitzonenwechsel, Alkohol, Narkolepsie, Schlafapnoe-Sy., Lärmbelästigung etc.
Parasomnien ( zusätzlich existierende Erkr.): Schlafepilepsie, Albträume, Pavor nocturnus, Schlafwandeln, Enuresis, Bruxismus.
Ätiologie
• Prim. Schlafstörungen: akute/chron. psychosoziale Belastungssituationen, häufig Chronifizierung, auch wenn Ursache behoben
• Sek. Schlafstörungen: psychiatrische Erkr. (Depression, Sucht, Demenz, Angsterkr., Schizophrenie), organische Erkr. (chron. Schmerzen,
Hyperthyreose, Herz- u. Lungenerkr., Niereninsuff., nächtliche Apnoen, Restless-Legs-Sy., zerebrale Durchblutungsstörungen). Zeitlich begrenzte
externe Ursachen: Schichtarbeit, „Jetlag“, Lärm, Kälte, Wärme u. a.
• Verändertes Schlafmuster im Alter: Übergang von ca. 24-h- in deutlich verkürzten Rhythmus; oberflächlicher Schlaf mit häufigeren
Aufwachphasen; abs. Schlafzeit ↓
Klinik Leistungs-/Konzentrationsschwäche, Tagesschläfrigkeit, Stimmungsschwankungen, Frieren, Kopfschmerzen.
Diagnostik Ausführliche Anamnese, Ausschlussdiagn. organischer/psychiatrischer Erkr.; bei therapieresistenten Schlafstörungen, Einschlafneigung am
Tage, V. a. organische Ursache → Schlaflabordiagnostik.
Hinweise für Schlafapnoe: nächtliche Atempausen, unregelmäßiges Schnarchen, Tagesmüdigkeit, Adipositas bei M > 40. Lj. ( 12.7.3 ).
Checkliste zur Anamnese bei Schlafstörungen
• Hinweise für behandlungsbedürftige psych./organische Grunderkr.?
• Aktuelle seelische Konflikte, Belastungssituationen (gezielt danach fragen!)?
• Leidensdruck? Wie stark ist Lebensqualität durch Schlafstörung eingeschränkt?
Therapie
• Schlafprotokoll (ungünstige Schlafgewohnheiten aufdecken)
• Behandlung organische/psychiatrische Grunderkr.
• Entspannungsverfahren, z. B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, autogenes Training
• Motivierte Pat.: kognitive Verhaltenstherapie (KVT; Regeln bzgl. Schlafhygiene, Techniken zur Reduktion nächtlicher Grübeleien)
• Medikation:
– Phytother.: Baldrian, Hopfen u. Melisse (s. u.). Phytotherapeutika ausreichend hoch dos.!
– Sedierende Antidepressiva in geringer Dosierung: sinnvoll v. a. bei depressiver Begleit-/Grundsympt.; abends Doxepin 10–50 mg o.
Amitriptylin 10–50 mg., Trimipramin 10–50 mg
– Bei hohem Leidensdruck kurzfristig mit schlafanstoßendem Mittel: Zopiclon 3,75–7,5 mg, Zolpidem 5–10 mg Promethazin 25–50 mg
Leitsätze bei chron. Schlafstörungen
• Kein Alkohol, Nikotin, Koffein
• Keine anstrengenden körperl. Aktivitäten, z. B. Sport, kurz vor Zubettgehen; leichter Sport 3–4 h vor dem Zubettgehen fördert Einschlafen
• Nachts nicht auf die Uhr schauen, Wecker aus Gesichtsfeld verbannen
• Keine Reizüberflutung in Abendstunden (kein Computer/Fernseher/Smartphone in den letzten 2 h vor dem Zubettgehen)
• Auf Tagesschlaf verzichten, nicht zu früh ins Bett gehen
• Große individuelle Unterschiede bzgl. Schlafdauer, Schlafbedürfnis beachten!
• Regelmäßigen zeitlichen Schlafrhythmus (auch am Wochenende) beibehalten
• Wenn man nicht gut geschlafen hat: Gelassenheit bewahren
• Entspannungsübungen erlernen, Einschlafritual einführen (z. B. Fantasiereisen)
• Pat. aufklären: keine gravierende gesundheitliche Beeinträchtigung (z. B. Herzerkr.) durch Schlafstörung zu befürchten.
Naturheilkundliche Therapieempfehlung Prinzipien s. auch 33.2.8 .
Phytotherapie:
• Baldrian (Valeriana of icinalis), z. B. Euvegal ® 320/160 mg Ftbl./Euvegal ® Balance 500 Ftbl./Euvegal ® Entspannungs- u. Einschlaftropfen
• Komb. Baldrian/Hopfen: Luvased ® mono überzog. Tbl.
• Komb. Baldrian/Johanniskraut: Sedariston ® Konzentrat Kps.
22.5. Psychosomatische Krankheitsbilder
22.5.1. Einleitung
Definition Organische/organisch erlebte Reaktionen auf Konflikte, emotionale/vegetative Spannungen.
Ätiologie Multifaktoriell (genetisch, biografisch, aktuelle Umstände). Mögliche Konfliktfelder: Mangelnde Konfliktverarbeitung → somatische Reaktion
(oft Zusammenhang mit Reifungsstörung vor genitaler Phase [vor dem 4.–6. Lj.]: Störung früher Mutter-Kind-Beziehung hemmt Entwicklung konstanter
Selbstsicherheit/-gewissheit. Später behindern Eltern Autonomiestreben des Kindes u. fördern dessen emotionale Abhängigkeit). Auch „Lernen am Modell“ bei
psychisch/psychosomatisch erkrankten Eltern.
Konflikte bei psychosomatischen Krankheiten:
• Abhängigkeit-Autonomie-Konflikt: keine autonome Lebensweise, starke Abhängigkeitswünsche, Überkompensation durch
Pseudounabhängigkeit/Hyperaktivität
• Nähe-Distanz-Konflikt
• Aggressive Gehemmtheit
• Objektverlust: z. B. Verlust Eltern, Partner, Arbeitsplatz, oft Primärfamilie „Broken Home“
• Selbstwertkonflikte
Leitsätze für den Umgang mit psychosomatisch erkrankten Patienten
• Abwendbar ungünstige Krankheitsverläufe ausschließen (z. B. bei therapiebedürftigen Organerkr.).
• Anfangs Verzicht auf exzessive Diagn., besser abwartendes Offenlassen der Diagn.
• Langfristig umfassende psychosomatische Diagn. anstreben.
• Aggressive (rezid., invasive) Ther./Diagn. kritisch überprüfen: Psychosomatische Pat. sind „zu allem bereit“.
• Pat. nach seinen Vorstellungen zur Krankheitsgenese befragen (hypochondrische Befürchtungen? Oft frühe Todesfälle in Umgebung).
• Prim./sek. Krankheitsgewinn des Pat. berücksichtigen (AU, Rente, Suchtmittel, Zuwendung, familiäre Entlastung).
• Aktuelle Umstände bei Krankheitsentstehung erfragen („Auslösesituation“): evtl. Schlüssel zum Verständnis der Krankheitsursache.
• Oft zeitliche Parallelität Symptombeginn zu belastenden Lebenskrisen. Zusammenhang mit Sympt. für Pat. oft erstaunlich „unbewusst“.
• Szenische Information, Gegenübertragung (wie empfinden wir den Pat., welche Gefühle löst er in uns aus?; z. B. Ärger, Langeweile, Verwirrung, Wut) nicht als Störfaktoren, sondern als wichtige diagn. Hilfsmittel erleben. Ähnlich wie zum Arzt gestaltet Pat. seine sonstigen Beziehungen: Was
drückt er damit aus? Welche Folgen hat das für ihn u. seine Umgebung?
Hilfe bzgl. eines professionellen Umgangs mit psychosomatisch erkrankten Pat.: Balint-, Selbsterfahrungsgruppen ( 22.14.2 ).
22.5.2. Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts
Funktionelle Schluckstörungen
Syn. Globus hystericus; häufig in HA-Praxis (10 % der Bevölkerung), „Globusgefühl“.
Klinik „Kloß im Hals, wie zusammengedrückt“, Kratzen, Enge, Entzündungsgefühl, evtl. Karzinophobie.
Diagnostik FA-ÜW → HNO z. A. organischer Befund, evtl. ÖGD.
Psychodynamik Hypochondrische, oft larviert depressive o. histrionische Konflikte (Konversionssympt.). Weitere Sympt. als Zeichen für
„psychosomatische Disposition“: Vertigo, Reizkolon u. a.
Therapie Pat. über Harmlosigkeit u. psychosomatischen Zusammenhang aufklären („Stress trocknet Schleimhaut aus“) : viel trinken; Salbeitee o. -bonbons;
Alkohol-/Nikotinkarenz; Inhalationen; keine scharfen Gewürze. Pat. selten zu weitergehender Psychother. motiviert, oft Beruhigung/sympt. Ther. ausreichend,
häufig lang dauernder Verlauf.
Funktionelle Dyspepsie
Definition Unspez. Oberbauchsympt. mit Symptomkombinationen von mind. 3 Mon. Dauer ohne strukturelle Läsion, Inf., biochem. Abnormalität.
Psychosomatik ist ein Faktor der multikausalen Genese dieser Erkr. Klinik 8.4.1 .
Diagnostik Nach Konflikten/Belastungssituationen fragen, auch wenn Pat. nichts spontan andeutet (Familie, Partner, Beruf, Finanzen).
Gesprächsbereitschaft signalisieren.
Therapie Psychosomatischen Zusammenhang erklären, dabei Motivation für Konfliktbearbeitung vermitteln. Bei chron. Verlauf Motivation für Psychother.
klären, ansonsten stützende u. sympt. Ther.
Reizkolon
Synonyme Colon irritabile, Irritated Bowel Syndrome (IBS).
Definition Häufigste funktionelle Darmstörung in HA-Praxis; bunter Beschwerdekomplex ohne path. Organbefund.
Klinik u. Diagn. 8.5.5 .
Psychodynamik Oft hypochondrische Ängste u. abgewehrtes Bedürfnis nach Nähe u. Anerkennung → viele Arztkonsultationen, vielfältige organisch
erlebte Beschwerdesympt. Häufig zahlreiche Diätversuche, Opfer teurer „Spezialunters.“ u. zweifelhafter „Spezialisten“, dadurch oft unsinnige Diagnostik
u./o. Selbstzuschreibung zahlreicher Lebensmittelallergien/-unverträglichkeiten.
Therapie ( 8.5.5 ). Pat. über Grundzüge der Erkr. aufklären. Cave: Gefahr, hypochondrische Beobachtung der Verdauungsprozesse iatrogen zu fixieren. Bei
motivierten Pat. Psychother. empfehlen ( 22.14.1 ).
Naturheilkundliche Therapieempfehlung
• Phytotherapie: Pfefferminze (Mentha piperita) u. a. Wirkstoffe, z. B. Iberogast ® Tct., 8.1.7 )
• Homöopathie: Jsostoma ® S. Tbl. ( 8.4.1 )
Morbus Crohn/Colitis ulcerosa
Psychodynamik Seelische Faktoren können bei Krankheitsentstehung beteiligt sein u. adäquate Krankheitsverarbeitung hemmen. Umgekehrt sind psychische
Störungen (Angst, Depression etc.) oft Epiphänomene u. Folge schwerer langwieriger körperl. Einschränkungen. Bei motivierten Pat. psychother.
Mitbehandlung möglich, bes. bei ungünstiger Krankheitsverarbeitung, Familienkonflikten, Arbeitsplatzproblemen (Besserungen sind belegt); sonst stützende
Ther. durch den Allgemeinarzt
Klinik, Diagn. u. Ther. 8.5.2 .
22.5.3. Herz- und Kreislauferkrankungen
Essenzielle Hypertonie
Klinik u. Diagn. 11.6.2 .
Psychodynamik
• „Chron. Erwartungsangst“ der Pat. vor eigenen emporkeimenden feindseligen Gefühlen
• Angst vor Kontrollverlust u. Liebesentzug durch Umgebung → vegetativ bedingte Gefäßspannung ↑
• Ursprünglich bes. aggressive Kinder, als Erw. teilweise überbetont fügsam, leistungswillig, pflichtbewusst, überaktiv, konkurrierend, dabei latente
Oppositionstendenzen, Pseudounabhängigkeit, Depressionsneigung. Gehemmte Aggressivität auch in Arzt-Pat.-Beziehung (nehmen z. B.
antihypertensive Medikamente nicht regelmäßig)
Therapie
• Mehrdimensionale Ther. anstreben: je nach Befund Medikamente ( 11.6.2 ), diätetische Maßnahmen, evtl. Verhaltensther.
• Motivation zur psychother. Konfliktbearbeitung bei Hypertonikern oft nicht vorhanden. Am ehesten Akzeptanz von Angeboten zu
Entspannungsverfahren u. psychoedukativer Beratung zum Stressabbau. Geduldige Führung trotz Adhärenzproblemen, aktiv nach Konflikten
fragen (Spannungssituation zumindest im Ansatz bewusst machen!)
• Oft Hypertonie u. Adipositas (metab. Sy., 17.5.1 ): Auf gesündere Lebensweise hinwirken (Sport, Freizeitgestaltung, Ernährung)
KHK/Psychokardiologie
Angst, Depression, organ. Herzerkr. (insb. KHK) beeinflussen sich gegenseitig: Depressive Infarktpat. haben um 2-fach erhöhte Mortalität. Typ-DPersönlichkeit (distressed personality) mit Neigung zu Ärger-/Schuldgefühlen bei gleichzeitiger sozialer Gehemmtheit ist unabhängiger Risikofaktor für
KHK.
Ther.: stützende Gespräche nach Infarkt, psychoedukative Führung, Entspannungsverfahren, ggf. Antidepressiva (SSRI).
Herzangstsyndrom
Syn. Herzphobie, Herzneurose; häufige DD zu organischen Herzschmerzen.
Klinik Nicht belastungsabhängige Thoraxschmerzen, oft nächtliche Beklemmungen mit begleitendem Herzrasen, Schweißausbruch, Benommenheit,
gelegentlich auch Atemnot, Hyperventilation (22.13.2), Übelkeit; oft Panikanfälle (Angst vor Herzinfarkt/Herztod), auch als chron. hypochondrische
Befürchtung einer Herzkrankheit.
Psychodynamik Unbewusste ambivalente Trennungskonflikte. Auslöser: oft Situationen realen/fantasierten Verlassenwerdens (Partnerverlust, Herztod in
Umgebung, berufliche Veränderung). Im weiteren Verlauf zunehmende Selbstbeobachtung, Aggravierung kardialer Sympt.
Diagnostik Ausschlussdiagnose (alle Unters. unauffällig), typ.: häufige Klinikaufenthalte, ständige Wdh. der Unters.
Differenzialdiagnose Organische Herzerkr. (KHK, Angina pectoris, Herzinfarkt), lokales / pseudoradikuläres BWS-Sy.
Herzphobiker: eher jünger, ängstlicher, stärker emotional beteiligt (organisch Herzkranke dissimulieren eher!), lassen sich schneller durch Anwesenheit
des Arztes beruhigen als Pat. mit organischer Herzerkr.
Therapie Häufige Organunters. (z. B. ständige EKG-Kontrollen) vermeiden; Pat. frühzeitig klar u. konsequent über Psychogenese informieren; Psychother.
bei motivierten Pat. Ther. der Wahl.
• Im Anfall: z. B. Lorazepam 1–2 mg oral o. 5–10 mg Diazepam langsam i. v. (bei DD Infarkt nie i. m.). Cave: Benzodiazepine nur kurzzeitig, da
Suchtgefahr
• Anfallsprophylaxe: niedrig dosierte Antidepressiva (z. B. Amitriptylin 25–50 mg/d, einschleichend), bei Paniksympt. ggf. Paroxetin 20–40 mg/d
• Evtl. Betablocker zur vegetativen Stabilisierung u. Verhinderung von Herzrasen unter Hinweis für Pat., dass er trotz dieser „pragmatischen“
Medikation nicht an einer Herzkrankheit leidet
Naturheilkundliche Therapieempfehlung
Phytotherapie:
• Baldrian (Valeriana of icinalis), z. B. Euvegal ® 320/160 mg Ftbl., Euvegal ® Balance 500
• Johanniskraut (Hypericum perforatum), z. B. Laif ® 900, Neuroplant ® Tbl.
• Lavendelöl (Lasea ® ), 1 × 1 Kps.
Gefahr iatrogener Fixierung durch überbewertete Minibefunde (Mitralklappenprolaps, gelegentliche Extrasystolie).
22.5.4. Adipositas/Fettsucht
Klinik u. Diagn. 17.5.1 .
Psychodynamik
• Auslöser oft Verlusterlebnisse (z. B. Trennung vom Elternhaus) o. lang andauernde Belastungssituationen, elterliches Essverhalten hat oft
„Modellcharakter“
• Essen dient zur Abwehr von Unlustempfinden, Ängsten, Kränkungen, Depressionen (hier wechselseitige Komorbidität)
• Orale Verwöhnung (Süßigkeiten!) als Trostmittel etabliert
• Inzwischen durch Internet/Smartphone/PC-Rollenspiele bewegungsarme Lebensweise schon in frühester Kindheit. Beratung gefährdeter Familien
(bzgl. Sport, „analoge“ Pausen bzgl. Nutzung neuer Medien)
• Häufig kontaktfreudige, extrovertierte Menschen, die Erkr. wenig ernst nehmen: Thema wird verleugnet, teils Komorbidität Depression
• Oft Unterschichtproblem
Therapie Eher langsame Gewichtsreduktion über dauerhafte Ernährungsumstellung u. körperl. Aktivität anstreben (konsequent in Lebensführung
integrieren, z. B. Anknüpfen an früher ausgeübte Sportart). Idealerweise Unterstützung durch (ärztl. kontrollierte) Verhaltensmodifizierung (Motivation zur
Verhaltensänderung ↑, Problemverständnis ↑, Beibehaltung der Verhaltensänderungen im Alltag).
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