Risikofaktoren u. Ursachen: Alter, art. Hypertonie, Nikotin, Alkoholabusus u. a. Intox. (Amphetamine, Kokain), Mikroangiopathie, Vaskulitis,
Gefäßmalformationen (wie a.-v. Malformationen, art. Aneurysmen, Durafisteln, Kavernome, venöse Stauungsblutung bei Sinusvenenthrombose),
Tumorblutungen (z. B. in ein Glioblastom, Metastasen), Eklampsie, Gerinnungsstörungen, Leberzirrhose, Marcumar ® (Risiko: 1–4 %/J., abhängig von
INR), ASS, i. v. u. intraart. Lysetherapie.
Klin.:
• Apoplektiformer Beginn, oft mit sek. Verschlechterung in den ersten Stunden
• Fokalneurolog. Sympt.: Paresen, Aphasie, Hemianopsie, Kleinhirnsympt.
• Hirndruckzeichen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen, Koma
• Epileptische Anfälle
• Sehr selten TIAs
Allg. Ther. u. Rehabilitation ähnlich der bei zerebraler Ischämie, je nach Ursache spez. pharmakolog. o. operative Therapieoptionen.
21.3.3. Hausärztliche Nachsorge
Ziel der hausärztl. Nachsorge bei Schlaganfallpat. ist, ihnen ein Maximum an Lebensqualität u. Unabhängigkeit zu ermöglichen u. möglichst den
Verbleib im gewohnten Umfeld zu gewährleisten. Aufklärung der Angehörigen vor der Klinikentlassung u. in ersten Tagen zu Hause schafft realistische
Entscheidungsgrundlage.
Schlaganfallfolgen: Diagnostik/Therapie/Aufklärung
• Paresen: Einschränkung der Mobilität, Selbstständigkeit, evtl. mit Schmerzen. Ther.: Ther. der Spastik, spez. Lagerung, Heil- u. Hilfsmittel s. u.,
Anleitung in Lagerungstechniken nach Bobath ( Abb. 21.7 ) sowie Transferübungen (Aufsetzen an Bettkante Abb. 21.8 , Transfer Bett-Rollstuhl
usw.) mit Physiotherapeuten. Zentrale Schmerzsy.: gehäuft nach Thalamusinfarkten. Klin.: brennende, stechende Spontanschmerzen, z.T.
einschießend, Allodynie, Hyperalgesie, Par-/Dysästhesien. Ther.: wie periphere neuropathische Schmerzsyndr. mit Antikonvulsiva (Gabapentin,
Pregabalin), Antidepressiva (Amitriptylin, Duloxetin), lang wirksame Opioide
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Abb. 21.8 Hilfestellung beim Transfer vom Bett zum Stuhl (li). Anziehtraining (re)
[L157]
• Sturzgefahr, Gleichgewichtsstörungen: Aufklärung, Stolperfallen identifizieren, Heil- u. Hilfsmittel. Ggf. Ausschluss von DD (zusätzlich PNP?,
Schwindelsy.?) durch Neurologen
• Schluckstörungen : Diagn.: Dysphagie-Screening z. B. nach Daniels 1997: 2/6 möglichen Sympt.: Dysphonie, Dysarthrie, beeinträchtigtes
willkürliches Husten, Würgereflex abgeschwächt, 70-ml-Wassertest: Husten/Änderung der Stimmqualität. Ther.: Initiierung Logopädie,
Ernährungsberatung/Dysphagiekost, Überprüfung Zahnprothesen. Gute Mundhygiene (reduziert deutlich Pneumoniehäufigkeit), ggf. Scopoderm
Pflaster TTS bei Sialorrhö
• Stuhl- u. Harninkontinenz/Obstipation, : Anleitung in Dekubitusprophylaxe, Inkontinenzpflege, Toilettentraining, evtl. in Zusammenarbeit mit
Sozialstation. Ernährungstipps: ballaststoffreiche Ernährung u. reichliche Flüssigkeitszufuhr als Obstipationsprophylaxe
• Neuropsycholog. Beeinträchtigungen :
– Hemineglect : halbseitige Vernachlässigung, Wahrnehmungsstörung der kontralateralen Raumseite. Diagn.: simultane Testung der
Oberflächensensibilität, Auslöschphänomen. Ther. Gestaltung des Krankenzimmers mit möglichst vielfältiger Stimulation der
betroffenen Seite
– Hemianopsie , Visus- u. Augenbewegungsstörungen: ggf. über fehlende Fahreignung aufklären auch nach dem Ablauf von obligaten 3
Mon. nach Schlaganfall
– Aphasie : Diagn.: u. a. Beurteilung von Spontansprache, Benennen, Sprachverständnis, Schriftsprache, hausärztl. Differenzierung
flüssige/nichtflüssige Form ausreichend, ggf. nur Wortfindungsstörungen. Aachener Aphasie-Test. Ther.: Logopädie. Prog.: 20–50 %
vollständige Rückbildung binnen 1 J.
– Apraxie : Diagn.: z. B. Imitieren, Werkzeug- u. Objektgebrauch
– Kognitiv-mnestische Defizite: Störung von Gedächtnis u. Lernen, Aufmerksamkeit, Konzentration, Belastbarkeit, räumliches Denken,
planerisches u. problemlösendes Handeln (exekutive Funktionen), Zahlen- u. Mengenverständnis
– Emotional-affektive Veränderungen: depressive Sy. (insb. nach rechtshemisphärischen Schlaganfällen), Angst, Anpassungsprobleme,
Krankheitseinsicht, Persönlichkeits-/Verhaltensänderungen
→ Ggf. spez. neuropsycholog. Rehabilitation/Ther. veranlassen. Psychosoziale Unterstützung, Selbsthilfegruppen
Rehabilitationsplanung
Frührehabilitation
Mitentscheidend für Prognose u. „Outcome“, falls noch nicht von Akutklinik eingeleitet, möglichst bald initiieren. Tageskliniken als Alternative zu stat.
Aufenthalt; Vorteil: frühzeitige Reintegration in soziales Umfeld.
PT, Logopädie u. Ergother. sind im Hinblick auf Alltagsfunktionalität u. langfristiges Outcome extrem wichtig! Nicht mit Verordnung sparen!
Med. Begründung zur Verordnung außerhalb des Regelfalls bei Z. n. Schlaganfall: z. B. Sicherstellung der Alltagsfunktionalität, Vermeidung von
Bettlägerigkeit u. Pflege.
Verordnung von Heilmitteln
• PT (ZN2), KG o. KG-ZNS auf neurophysiolog. Grundlage z. B. nach Bobath o. Vojta; möglichst 3 ×/Wo., u. U. mit Hausbesuch (dauerhaft:
längstens 1 J.). Weitere Verordnungsmöglichkeiten: KG zur Dekubitus-(SO4) u./o. Pneumonieprophylaxe (AT2)., Lymphdrainage (LY1/2)
• Logopädie:
– Aphasie (SP5) : Sprachtherapie. 30- max. 60 Min. je nach Ausdauer. Erst-VO: 10 ×, max. 60 Einheiten im Regelfall, Voraussetzung:
geeignete standardisierte Tests (z. B. Aachener Aphasie-Test: aufwendig!) zu Beginn u. im Verlauf, nach 30 Einheiten: audiolog.,
neurolog./neurophysiolog. Diagnostik
Dysarthrie (SP6): Stimm-, Sprech- u. Sprachtherapie. 30- max. 60 Min. je nach Ausdauer. Erst-VO: 10 ×, max. 60 Einheiten im Regelfall.
Voraussetzung: geeignete standardisierte Tests (z. B. Frenchay-D-Test) zu Beginn u. im Verlauf, nach 30 Einheiten: audiolog.,
endoskopische, neuropsycholog., elektrophysiolog. Diagnostik
– Dysphagie (SC1): Stimm-, Sprech- u. Sprachtherapie, 30-max. 60 Min. je nach Ausdauer. Erst-VO: 10 ×, max. 60 Einheiten im
Regelfall. Nach 10 Einheiten: Endoskopie, Videostroboskopie, Bariumbreischluck, Sonografie, neurolog. Unters.
• Ergotherapie (EN2)): Erst-VO: 10 ×, max. 40 ×, ggf. auch als Hausbesuch:
– Sensomotorisch perzeptive Behandlung (z. B. Verbesserung von Wahrnehmung/Körperhaltung/Koordination/Gesichtsfeld,
Selbstständigkeit in den ADLs)
– Motorisch-funktionelle Behandlung (Verbesserung von Beweglichkeit u. Geschicklichkeit, Ausdauer, Selbstständigkeit in den ADLs)
– Hirnleistungstraining/neuropsycholog. orientierte Behandlung für Verbesserung von Belastung, Ausdauer in
Konzentration/Aufmerksamkeit, Problemlöseverhalten auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, Verhalten)
– Ergother. Hausbesuche: gelegentlich durch Rehaklinik kurz vor Entlassung des Pat. eingeleitet; sonst über Reha-Helfer der zuständigen
KK einleiten. Ziel: Begutachtung der Wohnung im Hinblick auf Stolperfallen, rollstuhlgerechte sanitäre Einrichtungen usw.
• Belastungserprobung u. Arbeitsther.: berufliche Wiedereingliederung, meist in Spezialeinrichtungen (Absprache mit Bundesagentur für Arbeit o.
Rentenversicherungsträger); med. Rehabilitation ( 31.2.6 )
• Reha-Sport: Förderung durch Rentenversicherung o. KK
Verordnung von Hilfsmitteln
• Inkontinenzhilfsmittel: Immer verordnungsfähig sind Katheter, Urin- u. Stuhlauffangbeutel, Kondomurinale, Fixationshilfsmittel; bedingt
verordnungsfähig sind Unterlagen, Vorlagen, Windeln u. Windelhosen. Voraussetzungen für die Verordnungsfähigkeit sind:
– Bestehender bzw. drohender Dekubitus o. Dermatitis
– Zerebrale Störungen, z. B. Demenz, die verhindern, dass Pat. sich bemerkbar machen kann
– Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist ohne diese Hilfsmittel nicht möglich
• Sonstige Hilfsmittel: z. B. Rollstühle (Faltfahrer), Toilettensitzerhöhungen, Duschhocker, Badehilfen, Schulterorthese bei Schulterschmerz aufgrund
Hemiparese, Sprunggelenkorthese, z. B. bei Hängenbleiben mit dem Fuß, Inversionsfehlstellung, Kommunikationshilfen usw., ggf. unter
Einschaltung von KK o. Ergotherapeuten. Funktionsdiagn. begründet die Verordnung hinreichend. Hilfsmittelverzeichnis: https://hilfsmittel.gkvspitzenverband.de
Bei Verordnung teurer u. nicht eindeutig zuzuordnender Hilfsmittel vorab Kostenübernahme mit der KK klären; schlüssige Begründung entscheidend.
Auf Vorlage beim MDK bestehen u. ggf. Gutachter beim MDK anrufen!
Auch i. R. der beruflichen Rehabilitation können Hilfsmittel verordnet werden: Rücksprache mit zuständigem Betriebsarzt bzw. „Anregung von Leistungen
zur Teilhabe am Arbeitsleben“ bei zuständigem Rentenversicherungsträger. Ist dieser nicht zuständig, Pat. mit gleichem Attest u . Ablehnung der
Rentenversicherung zum Arbeitsamt schicken! Schulung am Hilfsmittel als KG o. Ergother. rezeptierbar, z. B. „Schulung Rollstuhlbenutzung“.
Verordnungsformulare sind teilweise „Kassenrezepte“, teilweise bes. festgelegt u. regional unterschiedlich.
Sonstige Verordnungsmöglichkeiten
• Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung (durch Pat./Familie)
• Häusliche Krankenpflege ( 31.2.9 ) – Behandlungspflege
• Behindertensport: wird von Rehabilitationsträgern gefördert, wenn er unter ärztl. Betreuung durchgeführt wird u. ärztl. verordnet ist (Formulare bei
der KV erhältlich)
• Psychother.: stützende Psychother. bei reaktiver Depression ( 22.7.6 ), ggf. unter Einbeziehung moderner Antidepressiva, Krisenintervention bei
akuter Suizidalität ( 22.14.1 ) auch durch HA sinnvoll
Ein Schlaganfall bedeutet einen tiefen Einschnitt in das Leben eines Pat. u. verlangt vom HA, den Pat. intensiv in allen Reha-Phasen zu begleiten.
21.3.4. Prävention
Unterscheidung:
• Primärprävention: Vermeidung von Schlaganfällen bei Pat. ohne bisherige zerebrale ischämische Ereignisse
• Sekundärprävention: Vermeidung von Schlaganfallrezidiven ( Tab. 21.20 )
Tab. 21.20 Prävention nach den Leitlinien der DGN
Risikofaktoren (RF)
Diagn.: Erfassung der kardiovaskulären RF (RR, BZ, Gesamt-Chol, LDL, HDL, EKG), ggf. Doppler- u.
Duplex-Sono der hirnversorgenden Arterien, Echokardiografie, CCT
Ther. der RF: konsequente dauerhafte Einstellung eines art. Hypertonus (120/70–140/90 mmHg), eines
Diab. mell., Information über Raucherentwöhnung u. pharmakolog. Hilfen (Nikotinpflaster,
Nikotinkaugummi);
Risikofaktoren
Hyperlipidämie: nach Apoplex Statin-Ther. [Zielwert: LDL < 100 mg/dl (< 2,6 mmol/l)], bei Z. n.
zerebraler Blutung Statin-Ther. nur gemäß strenger Nutzen-Risiko-Abwägung; zur Sekundärprophylaxe
nach Schlaganfall kein routinemäßiger Einsatz von Nikotinsäurederivaten, Fibraten o. Ezetimib;
Ermunterung zu regelmäßiger körperl. Aktivität, Überdenken Risiko einer Hormonersatzther.
Antikoagulation
Vorhofflimmern:
Primärprävention: Ind. nach den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2012
anhand des CHA 2 DS 2 VASc-Score (s. Kasten) zur Primärprophylaxe stellen: 1 Punkt → individuelle
Entscheidung, sorgfältige Nutzen-/Risiko-Abschätzung, ab
2 Punkten: Antikoagulation (Ziel INR 2–3) bei fehlenden KI: GIT-Blutungen, subkortikale
arteriosklerotische Enzephalopathie, schlecht eingestellte art. Hypertonie, eingeschränkte Compliance,
schwere Demenz, Sturzgefährdung, Blutungsneigung, Leberinsuff. (erhöhtes Blutungsrisiko ab HASBLED-Score ≥ 3)
Sekundärprävention: gem. S3-Leitlinie der Dt. Gesellsch. für Neurologie (DGN): orale Antikoagulation
generell bei Pat. mit Vorhofflimmern bei Z. n. TIA o. Apoplex (auch > 75 J.); Sturzgefahr,
Mikroangiopathie, Demenz stellen keine absoluten KI dar (Voraussetzung: regelmäßige Überwachung
gewährleistet). Cave: Keine Verwendung von Thrombozytenaggregationshemmern in der
Sekundärprävention bei Z. n. akutem ischämischem Insult mit Vorhofflimmern, sofern nicht aus
kardiolog. Gründen indiziert!
Weitere Indikationen:
• Andere Ursachen einer kardialen Emboliequelle: mechanische Herzklappe (INR 2,5–3,5),
persistierendes Foramen ovale (PFO) in Komb. mit Vorhofthrombus o. intraseptalem Aneurysma,
bei isoliertem PFO nach Rezidiv unter ASS 100
• Vorübergehend auch bei Dissektionen, Basilaristhrombose, Thrombusnachweis kardial o. aortal,
biolog. Herzklappe
• Einige Formen der Thrombophilie bei jungen Pat. u. sonst fehlenden Ursachen
Alternativ bei KI für Antikoagulation mit Vit.-K-Antagonisten: NOAKs ( 33.3.2 )
Thrombozytenaggregationshemmer
Primärprävention mit ASS 100: Fragliche Ind.: für M nicht wirksam, F > 45 J., ≥ 1 RF geringe
Risikoreduktion nur für zerebrale Ischämien
KO: erhöhte Rate von GIT-, zerebralen u. a. Blutungen; sorgfältige Risiko-Nutzen-Bewertung
Sekundärprävention mit ASS 100: als frühe Sekundärprophylaxe nach Ausschluss einer Blutung u.
fortgeführt bei fehlender Ind. für eine Antikoagulation. KO: erhöhte Rate von GIT-, zerebralen u. a.
Blutungen
Alternativ bei KI für ASS o. z. B. gleichzeitig bestehender KHK, pAVK: Clopidogrel
(z. B. Plavix ® 75 mg
1 ×/d)
Beschluss des G-BA 2013: Verordnung s ausschluss der Komb. von Dipyridamol u. ASS (Aggrenox ® ), da
kein Zusatznutzen
Karotis-Thrombendarteriektomie
Ind. zur OP primärpräventiv: in ausgesuchten Fällen, bei mind. > 60-proz. Stenose der A. carotis int.
möglichst in spezialisierten Zentren mit niedriger OP-KO-Rate (< 3 %)
Ind. zur OP (o. Stenting) sekundärpräventiv: hämodynamisch relevante, d. h. > 70-proz. sympt. Stenose
der A. carotis int. ASS 100 mg vor, während u. nach OP; ASS 100 + Clopidogrel 75 mg in Komb. (bei
Stenting). OP möglichst früh nach Infarkt. Stenose 50–69 %: OP nur bei KO-Rate des Operateurs < 6
%
Nicht hämodynamisch relevante Karotisstenosen: Stenose < 50 %: dopplersonografische Kontrolle alle
3–6 Mon., Aufklärung über Ablauf einer TIA, regelmäßige kardiolog. Unters. (Herzinfarktrisiko ↑);
Sekundärprävention der Arteriosklerose, wenn indiziert: Nikotinkarenz, ASS 100 mg, ggf. Statin, BZOptimierung
CHA 2 DS 2
-VASc-Score (Weiterentwicklung des CHADS 2
-Score)
Zur Risikoabschätzung eines Schlaganfalls bei Vorhofflimmern (≥ 2 = Antikoagulation; damit besteht für mehr Pat. eine klare Ind. zur Antikoagulation als
in den Leitlinien von 2006)
C (congestive heart failure) Chron. Herzinsuff./linksventrikuläre Dysfunktion 1 P.
H (hypertension) Art. Hypertonie 1 P.
A 2 (age) Alter ≥ 75 J. 2 P.
D (diabetes) Diab. mell. 1 P.
S 2 (stroke) Schlaganfall/TIA/Thrombembolie 2 P.
V (vascular disease) Vaskuläre Vorerkr. (KHK, pAVK) 1 P.
A (age) Alter 65–74 J. 1 P.
Sc (sex category) Weibliches Geschlecht 1 P.
HAS-BLED-Score (ESC Leitlinien 2012)
Zur Risikoabschätzung von Blutungskomplikationen unter Antikoagulation (≥ 3 genaue Risiko-/Nutzenbewertung, meist bes. engmaschiges Monitoring
sinnvoll, evtl. in Zukunft Ind. für neue Antikoagulanzien)
H Hypertonie (RR systolisch > 160 mmHg) 1 P.
A Schwere Leber-/Niereninsuff. (je 1 Punkt) 1–2 P.
S Früherer Schlaganfall 1 P.
B Frühere Blutung 1 P.
L Labile INR (< 60 % der INR-Werte im Zielbereich) 1 P.
E Alter > 65 J. 1 P.
D Drugs (Medikamente wie NSAR) u. Alkohol (je 1 Punkt) 1–2 P.
Eine Indikationsstellung u. die Risiko-Nutzen-Bewertung sind allein durch Addition der Punkte nicht sinnvoll. Schlaganfallrisiko soll deutlich größer als
Blutungsrisiko sein. KI wie Sturzneigung verlieren an Bedeutung.
21.4. Multiple Sklerose
Definition
Chron. entzündliche ZNS-Erkr. mit großer klin. Heterogenität. Pathogenese: nach heutiger Auffassung: Autoimmunerkr., bei der sich T-Zellen gegen
Myelinscheiden richten. Im MRT/histopath. typ. disseminierte (multiple) Entzündungsherde (Plaques) → Vernarbung (Sklerose). Bei progredienten Verläufen:
oft vorrangig neurodegenerative Prozesse. Ätiol. evtl. genetische u. Umweltfaktoren . Erstmanifestation: 20.–40. Lj., F > M, etwa 2 : 1 bei schubförmiger
Verlaufsform.
Klinik und Verlauf
Leitsympt.: schubförmiger Verlauf mit multilokulären Sympt. (spastische Paresen, Sensibilitätsstörungen, Visusstörungen, Doppelbilder, zerebelläre Sympt.,
Blasen-Mastdarm-Störungen, psychische Sympt.). 3 wichtige Verlaufstypen:
1. Schubförmig-remittierend : häufigste Verlaufsform. Def. Schub: fokalneurolog. Sympt., das > 24 h ohne begleitende Inf. besteht, meist
Entwicklung über einige Stunden bis Tage, spontane, komplette/inkomplette Rückbildung über Tage bis Wo.
2. Sek. chron. progredient : aus schubförmigem Verlauf hervorgehend (50 % nach 10 J.), langsame Verschlechterung ohne Schübe/mit aufgelagerten
Schüben
3. Prim. chron. progredient : keine Schübe in der Anamnese, langsame Verschlechterung, seltenere Verlaufsform, keine etablierten Therapien
Sonderformen:
• Neuromyelitis optica (NMO): Aquaporin-4-Ak pos. immunvermittelte, chron. entzündliche ZNS-Erkr. mit Optikusneuritis u. Myelitis. Oft
schlechte Rückbildungstendenz der Schübe. Gesondertes ther. Vorgehen
• Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM ): monophasischer Verlauf, eher bei Kindern, nach Inf./Impfungen
Diagnostik
Anamnese:
• Direkt nach Schüben fragen, d. h. nach > 24 h andauernde fokalneurolog. Sympt.
• Blasen- u. Mastdarmfunktion
• Depression, kognitive Defizite, Fatigue (psychisches u. physisches Erschöpfungssy.)
• Motorische Funktion (Gehfähigkeit, Gehstrecke) u. a. Defizite
Weitere Diagnostik: FA-ÜW, oft stat./tagesklin. Einweisung bei Erstdiagnose (cMRT, spinales MRT, LP, VEP, SEP, MEP). Diagnosekriterien verlangen
eine „räumliche Dissemination“ (d. h. entweder klin. Betroffensein verschiedener Funktionssysteme, z. B. Sehen u. Motorik, o. kernspintomografisch
bestimmtes Ausmaß an Läsionen) u. eine „zeitliche Dissemination“ (d. h. 2. Schub, neue Herde im Verlaufs-MRT), KM pos. Läsion, die unabhängig von
Sympt. bei Erstmanifestation besteht; damit definitive Diagnose im Einzelfall bereits bei Erstmanifestation möglich.
Differenzialdiagnose
Insb. Borreliose ( 9.3.4 ), Lues ( 9.8.2 ), Sarkoidose ( 12.6.2 ), Vaskulitiden ( 18.6 ), im Einzelfall: Neoplasien, zerebrale Ischämie, neurodegenerative Erkr.
Therapie
Man unterscheidet Therapien im Schub, immunmod. Basistherapien zur Schubprophylaxe, Eskalations- u. sympt. Therapien ( Tab. 21.21 ). Hausärztl. Beratung
bei MS Tab. 21.22 .
Tab. 21.21 Symptomatische Therapie bei multipler Sklerose
Symptom Therapie Besonderheiten
Spastik
• PT, Wärme, Kälte
• Baclofen (z. B. Baclofen ratiopharm ® ), 15–100 mg/d in 2–3 ED
• Tizanidin (z. B. Sirdalud ® ), 12–36 mg/d in 3–4 ED
• Nabiximol (Sativex ® ) Mundspray: Komb. aus THC + Cannabiol, Zulassung
5/2011: erstes kühlpflichtiges BtM, höhere Therapiekosten. Ansprechrate 40 %
• Gabapentin 1.200–2.700 mg/d (Off-Label) bei ton. Spastik mit Schmerzen
• Kaliumkanalblocker Fampridin (Fampyra ® ): Ind.: MS-Pat. mit
Gehbehinderung. Dos.: 2 × 10 mg; volle Wirkung binnen 14 d, bei fehlender
Verbesserung des Gehens wieder absetzen. KI: Niereninsuff., zerebrale
Krampfanfälle in der Anamnese; NW: HWI, Schlaflosigkeit, Schwindel,
Angstzustände
• Invasiv: Botulinumtoxin, intrathekales Baclofen
Individuell Dosis austitrieren. Problem:
Spastik ausreichend behandeln, ohne die
Paresen zu sehr zu verschlechtern
Ataxie u. Tremor
• Physikalisch: Kühlung eines Arms über 15 Min. → für 30 Min. Besserung des Tremors
• Medikamentöse Therapieversuche i. d. R. durch den FA (z. B. Topiramat)
• Hilfsmittelversorgung (z. B. schwerpunktveränderte Trinkgefäße), Ergother., PT
Blasenstörungen
Dranginkontinenz mit hyperreflektorischer Blase → Anticholinergika:
• Oxybutynin (z. B. Oxybutynin-ratiopharm ® ), 10–30 mg/d
• Tolterodin (z. B. Detrusitol ® ), 4 mg/d
• Trospiumchlorid (z. B. Spasmex ® ), 15 mg/d
• Propiverin (z. B. Mictonorm ® ), bis max. 45 mg/d
Cave: regelmäßige Restharnkontrollen
Restharn (> 100 ml): Detrusorhyporeflexie, Blasenatonie →
Selbstkatheterisierung Sphinkter-Detrusor-Dyssynergie → αSympatholytika:
• Tamsulosin (z. B. Tamsulosin Hexal ® 0,4 mg retard Hartkps.), bis 0,4
mg/d
• Alfuzosin (z. B. Alfuzosin beta ® ), bis 10 mg/d
• Doxazosin (z. B. Doxazosin ct ® 2 mg/4 mg, Doxazosin ratiopharm ® 4 mg
Retardtbl.), 4–8 mg/d
• Phenoxybenzamin (z. B. Dibenzyran ® ), bis 30 (–60) mg/d
Oft ändert sich die Form der Blasenstörung
im Verlauf. Vor Therapiebeginn u. immer
im Verlauf fachärztl. Vorstellung beim
Urologen, Neurologen mit
Restharnkontrollen
KO: rezid. HWI u. Urosepsis, ggf.
Infektionsprophylaxe mit L-Methionin
(Methionin Stada ® , Methionin Sandoz ®
), Vit. C
Defäkationsstörung
Obstipation: Flüssigkeitszufuhr steigern, Steigerung der körperl. Aktivität,
ballaststoffreiche Diät, Laxanzien: Macrogol (Movicol ® )
Inkontinenz: selten, oft im Wechsel mit Obstipation. Geplantes regelmäßiges
Abführen, im Notfall Loperamid (Lopedium ® , Loperamid Sandoz ® 2 × 2
mg/d)
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