Katastrophensituationen
124
44Bei bedrohlichen Blutungen (bei ansprechbaren und
nicht ansprechbaren Patienten) sofort Druck auf die Blu
tungsquelle ausüben, durch Druckverband oder Aufdrü
cken einer Kompresse auf die Wunde.
44Bei Schockzuständen durch starke Blutungen vorsichtig
die Beine etwas anheben, wenn die betroffene Person an
sprechbar ist und die Verletzungsmuster nicht dagegen
sprechen.
Weitere Maßnahmen der Ersten Hilfe
5
Die weiteren Maßnahmen, die nicht unmittelbar eine beste
hende Lebensgefahr der betroffenen Person abwenden sollen,
erfolgen erst, wenn die wichtigsten Handlungen zur Abwen
dung der Lebensgefahr getroffen wurden oder bereits laufen.
Blutungen
Blutende Wunden bei gleichzeitig vorliegender Bewusstlosigkeit bei einer verletzten Person, die selbst ausreichend atmet, müssen nicht primär verbunden, sondern
zunächst muss die stabile Seitenlage durchgeführt werden. Dann wird umgehend der Notruf 112 gewählt und
schließlich der Verletzte fortlaufend auf weiter vorhandene Eigenatmung kontrolliert. Erst dann wird ein weiterer
Helfer Verbände an den Wunden anlegen.
Starke arterielle Blutungen sind als lebensgefährlich
anzusehen. Hier muss schon während der Durchführung
der stabilen Seitenlage bestenfalls durch einen weiteren Helfer durch Verbandmaterial oder (im Notfall) sau
bere Kleidungsstücke Druck auf die Blutung ausgeübt
werden.
5.1.3
Rettungsdienst
Der durch den Notruf alarmierte Rettungsdienst stabilisiert
die betroffene Person noch am Notfallort und befördert sie in
ein geeignetes Notfallkrankenhaus.
Die Einsatzfahrzeuge (Rettungsmittel) des Rettungsdiens
tes sind genormt.
Innerhalb eines Krankenhauses wird das klinikinterne
Notfallteam gerufen (7 Kap. 20).
Vitalzeichenkontrolle
Bei der Kontrolle der Lebenszeichen (Vitalzeichen) einer Per
son werden folgende Punkte sofort überprüft:
44Überprüfung des Bewusstseins:
55Reagiert die betroffene Person auf Ansprache und
gleichzeitiges Anfassen durch den Helfer?
44Überprüfung der Atmung:
55Wenn die Person auf Ansprache nicht reagiert,
Kopf/Hals in den Nacken überstrecken und hören,
ob Atemgeräusche vorhanden sind,
55fühlen, ob Atemzüge feststellbar sind, und
55sehen und fühlen, ob sich der Brustkorb hebt und
senkt,
55feststellen, ob die normale Atmung vorhanden ist.
44Puls:
55Für medizinisches Fachpersonal gilt, wenn keine
Atmung vorhanden ist, an der Halsschlagader
(A. carotis) nicht länger als 5 Sekunden den Puls
fühlen (. Abb. 5.2).
55Für nicht geübte Helfer gilt, nur die Atmung zu über
prüfen.
Bei Personen, die auf Ansprache reagieren, kann zur Ermitt
lung der Kreislauffunktion durch medizinisches Personal der
Puls und Blutdruck gemessen werden.
Normalwerte Herzfrequenz und Blutdruck
Normalwerte beim Erwachsenen:
55 Puls: 60–80 Schläge pro Minute und
55 Blutdruck ca. 120/80 mmHg, wobei
–– bei einer dauerhaften Erhöhung über
140/90 mmHg von Bluthochdruck (Hypertonie)
und
–– bei einem dauerhaften Absinken unter
100/60 mmHg von niedrigem Blutdruck (Hypo
tonie) gesprochen wird.
Schockzustände
Der Schock ist definiert als Missverhältnis zwischen der Mög
lichkeit des Körpers mittels des arteriellen Blutes Sauerstoff
für die Zellen des Körpers zur Verfügung zu stellen und dem
tatsächlichen O2-Bedarf des Körpers. Der Körper des Men
schen hat im Schockzustand nicht mehr die Möglichkeit, ge
nügend O2-reiches Blut zu befördern, um die eigenen Körper
zellen, insbesondere die Zellen der lebenswichtigen Organe,
zu versorgen.
Dabei unterscheiden wir unterschiedliche Schockarten:
44Volumenmangelschock: Der Schock entsteht durch
Volumenmangel in Folge von Blutungen ins Innere
des Körpers oder nach außen, oder den starken Ver
lust anderer Körperflüssigkeiten (z. B. Verbrennungen).
Hierbei handelt es sich um die relevanteste Schock
form für das Personal im OP-Bereich eines Kranken
hauses.
44Kardiogener Schock: Durch eine starke Verminde
rung der Pumpleistung des Herzens kommt es zu
einer massiven Reduzierung des Herzzeitvolumens.
Ursache können verschiedene akute Erkrankungen
des Herzens sein (z. B. Herzinfarkt, Herzrhythmus
störungen, H
erzmuskelentzündungen), sie können
in ihren starken Ausprägungsformen zum kardiogenen
Schock führen.
44Vasodilatatorischer Schock: Regulationsstörungen der
Blutgefäße führen zur starken Abnahme des peripheren
Widerstands. Dies kann infolge von starken allergischen
Reaktionen (anaphylaktischer Schock), Entzündungs
reaktionen (septischer Schock) oder auch aufgrund eines
Schädel-Hirn- oder Wirbelsäulen-Traumas (neurogener/
spinaler Schock) der Fall sein.
125
5.2 · Reanimation beim Erwachsenen bzw. bei Kindern ab 8 Jahren
Der umgangssprachlich als Schock bezeichnete starke
Schreck, z. B. durch direktes Wahrnehmen eines Unfallge
schehens als Zeuge ohne eigene Verletzungen, ist medizinisch
gesehen meist kein Schock, sondern eine akute Belastungs
reaktion.
Mit Hilfe des Schockindex soll ein Schockzustand be
stimmt werden. Dabei wird der Quotient aus oberem, systo
lischem Blutdruck und dem Puls gebildet. Bei einem gesun
den Menschen wird von einem Schockindex von 0,4–0,7
ausgegangen.
Schockindex
55 Beispiel 1: Bei einem gesunden Patienten wird eine
Herzfrequenz von 70 gemessen und ein Blutdruck
von 140/80 mmHg. Somit ergibt sich ein Schockquotient von 70:140 = 0,5. Von einem Schockzustand
geht man bei einem Schockquotienten >1 aus.
55 Beispiel 2: Aus einer Herzfrequenz von 140 und einem Blutdruck von 80/50 ergibt sich ein Schockquotient von 80:140 = 1,75.
Normalwert
Bei einem gesunden Menschen: Schockindex 0,4–0,7.
..Abb. 5.3 Kompressionspunkt für die Herzkompression. Aus: Larsen
R (2016) Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege, 9. Aufl.
Springer, Berlin Heidelberg New York
pulmonale Reanimation («cardio-pulmonary resuscitation»;
CPR) bezeichnet.
>>Die wichtigsten Basismaßnahmen der Reanimation
Bei der Diagnose des Schockzustands ist der Schockindex
allerdings nur eines von vielen Beurteilungskriterien. Weitere
Schockzeichen sind:
44auffallend blasse Haut des Patienten,
44kaltschweißige Stirn,
44schnelle Atmung,
44psychisch auffälliges Verhalten wie Apathie bis hin zu
Bewusstseinsstörungen sind ebenso möglich wie auf
fällige Hyperaktivität.
Neben diesen allgemeinen Erkennungsmerkmalen und dem
Schockindex gibt es insbesondere im Rettungsdienst und in
der klinischen Medizin eine Fülle weiterer relevanter Para
meter.
So kann bei der Angabe von thorakalen Schmerzen ein
12-Kanal-EKG und der Nachweis bestimmter Marker im Blut
für die Diagnosestellung hilfreich sein, um schnellstmöglich
die richtige Therapie einleiten zu können.
Bei einem septischen Schock sind neben der Blutuntersu
chung die bildgebenden Verfahren wie CT, MRT oder Sono
graphie wichtig. Sie helfen bei der Sepsisherdsuche.
Beim Volumenmangelschock durch Blutung steht das
schnelle Auffinden der vermuteten Blutungsquellen im Vor
dergrund, hierbei sind insbesondere der Unfallmechanismus
bzw. die für mögliche Blutungsquellen verantwortlichen Er
krankungen zu berücksichtigen.
5.2
Reanimation beim Erwachsenen
bzw. bei Kindern ab 8 Jahren
Reanimation oder auch Wiederbelebung ist die Anwendung
von Herz-Lungen-Wiederbelebung (HWL), auch als kardio
sind:
55 Herzdruckmassage (Thoraxkompression) und
55 Beatmung!
Im Gesamtablauf ist wie folgt vorzugehen:
Bei Auffinden einer Person muss sehr schnell überprüft
werden, ob die Lebenszeichen Bewusstsein/Atmung und
evtl. Puls vorhanden sind. Dazu wird die Person kräftig an
den Schultern angefasst und gleichzeitig laut angesprochen.
Reagiert sie auf Ansprache, muss umgehend situationsgerecht
geholfen werden, also z. B. Oberkörperhochlagerung, Frisch
luftzufuhr bzw. O2-Gabe und weitere psychische Beruhigung
bei ansprechbaren Patienten mit Atemnot.
Bei nicht ansprechbaren Personen sofortige Atemkontrolle. Ist eine normale Atmung vorhanden, laut um Hilfe
rufen, dann stabile Seitenlage durchführen. Spätestens nach
der Durchführung der stabilen Seitenlage den Notruf 112
oder den krankenhausinternen Notruf tätigen. In der Seiten
lage immer sehr dicht bei der Person bleiben und fortlaufend
die Atmung weiter überprüfen.
Wenn nach Durchführung der Atemkontrolle keine rich
tige Atmung vorhanden ist, den sofortigen Notruf 112 oder
krankenhausinternen Notruf absetzen, am besten durch ei
nen zweiten Helfer.
Die Person auf eine harte Unterlage legen, sofort den
Oberkörper freimachen und die Mitte des Brustbeines als
Druckpunkt aufsuchen, dort beide Handballen übereinan
derlegen und die eigenen Arme durchdrücken. Die Finger
spitzen dabei nach oben richten, damit der Druck möglichst
zentral auf dem Druckpunkt aufgebracht wird (. Abb. 5.3).
Dann sofort 30-mal Herzdruckmassage durchführen.
Dabei muss das Brustbein mindestens 5–6 cm Richtung Wir
belsäule gedrückt werden. Die Frequenz beträgt mindestens
100 Herzdruckmassagen (bis 120 Herzdruckmassagen)
5
126
Kapitel 5 · Maßnahmen in Krisen- und Katastrophensituationen
5
..Abb. 5.4 Mund-zu-Mund-Beatmung. Aus: Larsen R (2016) Anäs
thesie und Intensivmedizin für die Fachpflege, 9. Aufl. Springer, Berlin
Heidelberg New York
..Abb. 5.5 Mund-zu-Nase-Beatmung. Aus: Larsen R (2016) Anäs
thesie und Intensivmedizin für die Fachpflege, 9. Aufl. Springer, Berlin
Heidelberg New York
pro Minute. Die angegebenen Mindestwerte sind unbedingt
atemluft des Helfers in die Nase des Verletzten eingeblasen,
sodass sich der Brustkorb durch die Beatmung hebt (. Abb.
5.4, . Abb. 5.5).
Bei der Beatmung mit dem Beatmungsbeutel wird der
Kopf ebenfalls überstreckt gehalten, die passende Maske mit
der Hand stark auf das Gesicht gedrückt und durch Drücken
des Beatmungsbeutels dafür gesorgt, dass sich der Brustkorb
der zu reanimierenden Person ausreichend hebt und senkt.
Die Beatmung mit dem Beatmungsbeutel erfolgt ebenfalls
2-mal, dann wird 30-mal die Herdruckmassage ausgeführt
(. Abb. 5.6 und . Abb. 5.3).
einzuhalten!
>>Unterbrechungen der Herzdruckmassage sind nach
Möglichkeit völlig zu unterlassen oder auf ein absolut
notweniges Minimum zu begrenzen.
Wer sich als Helfer, wenn keine Hilfsmittel zur Beatmung wie
Beatmungsbeutel für die innerklinische Reanimation vorhan
den sind, die Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beat
mung nicht zutraut, muss diese nicht durchführen. Gleiches
gilt, wenn diese dem Helfer z. B. aufgrund von Blutungen im
Mundbereich der zu reanimierenden Person nicht zuzumu
ten ist.
>>Wenn eine Beatmung nicht zumutbar ist oder wenn
eine Beatmung nicht durchgeführt werden kann,
unbedingt ohne Unterbrechung die Herzdruckmassage
durchführen. Die Frequenz der Herzdruckmassage
beträgt auch dann 100–120 Herzdruckmassagen pro
Minute, es finden aber keinerlei Unterbrechungen
für die Beatmungen statt.
Ist die Beatmung zumutbar und durchführbar, nach 30 Herzdruckmassagen sofort 2-mal beatmen. Wenn keine Hilfs
mittel vorhanden sind, Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Na
se-Beatmung. Sonst mit dem Beatmungsbeutel und an den
Beutel angeschlossenem Sauerstoff beatmen.
Bei der Durchführung der Mund-zu-Mund- oder Mundzu-Nase-Beatmung wird der Kopf stets überstreckt gehalten.
Der Mund des Helfers umschließt Mund oder Nase der zu
beatmenden Person vollständig und fest mit den Lippen.
Gleichzeitig wird, im Falle der Mund-zu-Mund-Beatmung
die Nase und im Fall der Mund-zu-Nase-Beatmung der Mund
der zu beatmenden Person zugehalten. Dann wird die Aus
5.2.1
Unterschiedliches Vorgehen
durch Laienhelfer und geübte Helfer
(medizinisches Fachpersonal)
Ein OTA kann im Zuge seiner Ausbildung der Gruppe der
Laienhelfer ebenso angehören wie am Ende seiner Ausbil
dung zu der Gruppe der geübten Helfer.
Die Einordnung in die Gruppe erfolgt nach dem tatsäch
lichen Kenntnisstand des Helfers. In Zweifelsfällen gilt immer:
>>Wenn der Helfer sich nicht sicher ist, zu welcher Gruppe
er gehört, ist der Ablauf für «Laienhelfer» zu wählen,
damit keine Verzögerung im Ablauf der Reanimationsmaßnahmen eintritt.
Für «Laienhelfer» ohne Fertigkeiten in der sicheren Pulskon
trolle an der A. carotis gilt:
Es werden Bewusstsein und Atmung überprüft. Ist beides
nicht vorhanden, wird der Notruf abgesetzt, und die Reani
mation mit Herzdruckmassage und möglichst 2 Beatmungen
nach 30 Thoraxkompressionen wird durchgeführt. Ist eine
127
5.2 · Reanimation beim Erwachsenen bzw. bei Kindern ab 8 Jahren
a
b
..Abb. 5.6a, b Beatmung mit Beutel und Maske. a Daumen und
Zeigefinger halten die Maske, die übrigen Finger ziehen den Unterkiefer
nach oben. b Der Kopf ist in Schnüffelposition gelagert, um den durch
die zurückfallende Zunge verlegten Atemweg frei zu machen. Aus:
Larsen R (2016) Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege, 9. Aufl.
Springer, Berlin Heidelberg New York
Beatmung nicht möglich, wird durchgehend die Herzdruck
massage durchgeführt.
Für geübte Helfer gilt, dass neben dem Bewusstsein und
der Atmung auch der Puls an der A. carotis kontrolliert wird.
Ist eine normale Atmung nicht vorhanden, ein Puls jedoch
gut tastbar, wird nur eine Beatmung durchgeführt, vorzugs
weise mit einem Beatmungsbeutel und angeschlossenem
Sauerstoff. Währenddessen wird der Carotispuls engmaschig
kontrolliert.
Ist auch der Puls nicht eindeutig tastbar, wird neben der
Beatmung die Herzdruckmassage durchgeführt. Ein Atem
stillstand bei tastbarem Puls ist selten. In den meisten Reani
mationsfällen fällt zunächst die Herzfunktion, danach die
Atmung aus.
j
jALS
5.2.2
BLS (Basic Life Support) und ALS
(Advanced Life Support)
j
jBLS
BLS beschreibt die Durchführung der Basismaßnahmen
e iner Reanimation.
44Notfallsituation erkennen und Eigenschutzmaßnahmen
ergreifen.
44Bei dem Verletzten Bewusstsein und Atmung überprüfen
(ggf. Carotispuls tasten).
44Bewusstlosigkeit und normale Atmung: Notruf absetzen,
stabile Seitenlage, ständige Überwachung.
44Bewusstlosigkeit und fehlende Atmung: Notruf, sofortige
Herzdruckmassage und möglichst Beatmung.
k
kBLS innerhalb eines Krankenhauses
44Beatmung mit Beatmungsbeutel und Sauerstoff.
44Einlegen eines Guedel-Tubus.
44ständige Absaugbereitschaft.
Unter ALS sind die erweiterten Maßnahmen einer Reanima
tion zusammengefasst, die regelhaft vom Rettungsdienst oder
den innerklinischen Reanimationsteams durchgeführt werden.
Diese sind zusätzlich zu den BLS-Maßnahmen:
44Platzieren eines Larynxtubus oder endotracheale Intuba
tion zur Sicherung der Atemwege und zur kontrollierten
Beatmung.
44Erweitertes Monitoring und Defibrillation mit einem
konventionellen Defibrillator (im Gegensatz zur Reani
mation mit einem AED [automatisierter externer De
fibrillator], s. u.)
44Legen mehrerer intravenöser Zugänge. Ist ein intra
venöser Zugang nicht möglich, wird ein intraossärer
Zugang eingebohrt. Dieser wird regelhaft in der proxi
malen Tibia positioniert und mit einem Bohrer gelegt.
Nun erfolgt die medikamentöse Therapie.
5.2.3
Reanimation mit automatisiertem
externem Defibrillator (AED)
Wenn vorhanden, sollte zusätzlich zu den sofort einzuleiten
den Reanimationsmaßnahmen (nach dem Feststellen des
Atemstillstands und der sofortigen Herzdruckmassage und
der Beatmung im Verhältnis 30:2) ein AED zum Einsatz kom
men.
Bei dem AED handelt es sich um einen automatisierten
externen Defibrillator. Dieses Gerät ist eigenständig in der
Lage, ein Kammerflimmern oder eine pulslose ventrikuläre
Tachykardie zu erkennen und nur dann einen Elektroschock,
also eine Defibrillation, freizugeben. Die AED werden von
unterschiedlichen Herstellern angeboten, das Prinzip der
Geräte ist aber immer sehr ähnlich. Wenn im Bereich der
eigenen Wirkungsstätte ein AED vorhanden ist, sollte die
Bedienung dieses Geräts vertraut sein.
5
Kapitel 5 · Maßnahmen in Krisen- und Katastrophensituationen
128
5
Die AED sind meist in Kästen untergebracht, wobei
durch Öffnen des Kastens häufig ein Alarm ausgelöst wird
(beispielsweise bei der zuständigen Notrufzentrale eines
Krankenhauses). Der Notruf 112 wird dadurch aber nicht er
setzt und muss trotzdem so früh wie möglich telefonisch er
folgen.
Der AED wird zum Patienten gebracht und dort geöffnet.
Die beiden darin enthaltenen Elektroden werden auf den ent
kleideten Brustkorb der zu reanimierenden Person aufge
klebt. Dabei hilft eine ständige Sprechansage des Geräts.
Der Anwender muss die vom Gerät akustisch gegebenen
Anweisungen strikt befolgen! Hierzu zählt, dass nach dem
Aufkleben der Elektroden der Patient nicht berührt wird, weil
zunächst der Herzrhythmus ausgewertet werden muss. Eine
Berührung des Patienten beeinträchtigt die Auswertung!
Sodann erfolgt entweder die Ansage «Schock empfohlen,
Patienten nicht berühren! Blinkende rote Taste drücken!»
oder die Ansage «Kein Schock empfohlen!». Die Ansagen der
verschiedenen AED-Hersteller unterscheiden sich hierbei
zwar etwas, sind aber vergleichbar.
Wenn der Schock, also das Auslösen einer Defibrillation
durch Drücken der roten Taste durch das Gerät angekündigt
wurde, muss der anwesende Helfer alle Anwesenden laut und
deutlich davor warnen, den Patienten zu berühren!
>>Immer vor Betätigung der Auslösetaste zur Defibrilla
tion muss sichergestellt werden, dass tatsächlich niemand
den Patienten berührt.
Ebenfalls darf niemand durch möglicherweise leitendes Ma
terial, insbesondere Metalle oder durch Flüssigkeiten, mit
dem Patienten verbunden sein. Im Falle einer Berührung des
Patienten besteht während der Schockabgabe immer Lebens
gefahr durch den Stromschlag!
Nach der erfolgten Defibrillation muss wieder sofort 30mal Herzdruckmassage durchgeführt und nach Möglichkeit
2-mal beatmet werden. Nachdem der Wechsel zwischen
30 Herzkompressionen und 3 Beatmungen ca. 5-mal erfolgt
ist – nach ca. 2 Minuten – wird durch das AED-Gerät eigen
ständig die nächste Analyse durchgeführt. Hierauf erfolgt
dann erneut die Empfehlung «Kein Schock empfohlen» oder
«Schock empfohlen».
5.2.4
Hypothermie unter Reanimation
Grundsätzlich sollte jeder zu reanimierende Patient so schnell
wie möglich gekühlt werden. Die lebenserhaltenden Maß
nahmen dürfen jedoch durch Kühlungsmaßnahmen keinesfalls verzögert werden. Unter 32°C Körperkerntemperatur
sollte der Patient nicht gekühlt werden.
Die Kühlung bewirkt, dass der O2-Bedarf des Gehirns ver
mindert und somit die Gefahr von Hirnschäden reduziert
wird. Während im Bereich der Intensivmedizin der Patient
mit Hilfe maschineller Verfahren gekühlt wird, bestehen in
der Erstversorgung nur begrenzte Möglichkeiten zur soforti
gen Kühlung. So werden z. T. kalte Infusionen verabreicht
oder Cool-Pads auf die A. carotis gelegt. In jedem Fall wird
..Abb. 5.7 Kardiopulmonale Reanimation mittels automatisiertem externem Defibrillator (AED)
ein Patient unter Reanimation nicht gewärmt, die Decke wird
entfernt bzw. wird der Patient zur Beförderung nur mit einem
Laken bedeckt. Geräte zur maschinellen Kühlung in der Erst
versorgung sind zurzeit in Erprobung.
Bei gleichzeitig vorliegender starker Blutung, Polytrauma,
Schädel-Hirn-Trauma oder auch bei intraoperativer Reani
mation darf die Kühlung nur in Abstimmung mit dem zustän
digen Anästhesisten erfolgen, weil die Kühlung Einflüsse auf
die Blutgerinnung haben und zu Wundheilungsstörungen
führen kann. Die meisten Reanimationssituationen sind je
doch kardiogen bedingt, ohne dass gleichzeitig ein relevantes
Trauma vorliegt oder eine OP stattfindet.
5.2.5
Beenden der Reanimation
Das weiterversorgende Rettungsteam entscheidet über das
weitere Vorgehen. Der zuständige Notarzt entscheidet, ob
die Reanimationsmaßnahmen weitergeführt oder beendet
werden.
5.3
Lagerung und Transport
Zum zügigen Transport einer Person aus einem Gefährdungsbereich kann der Rautek-Rettungsgriff angewendet
werden (. Abb. 5.8). Von hinten kommend wird unter den
Achseln der zu rettenden Person durchgegriffen, ein Unter
arm der Person wird mit allen Fingern inklusive der Daumen
von oben umgriffen. Dann kann die verletzte Person in Rich
tung des Rückens des Helfers weggezogen werden. Hierbei
können ggf. weitere Helfer die Beine bzw. den Gesäßbereich
der Person sichern. Der Helfer, der den Rettungsgriff durch
führt und so dem Kopf des Patienten am nächsten ist, gibt die
Kommandos. (Beispiel: «Achtung, bei 3 heben wir zusammen
an! 1-2-3-Anheben!»)
129
5.3 · Lagerung und Transport
a
b
..Abb. 5.9
Flache harte Lagerung zur Reanimation (hier: Bettbrett)
j
jLagerung von noch ansprechbaren Personen mit
Fremdkörpern in den Atemwegen
Die Person wird aufrecht sitzend gelagert, festgehalten, und
es wird 5-mal kräftig, mit der flachen Hand, zwischen die
Schulterblätter geschlagen.
Wenn sich der Fremdkörper so nicht entfernen lässt, wird
nur in Ausnahmefällen das Heimlich-Manöver durchgeführt.
Dieses Manöver kann zu erheblichen Verletzungen im Ober
bauch führen! Der Helfer stellt sich von hinten an die betrof
fene Person und drückt die ineinander verschränkten Hände
direkt in den Oberbauch der betroffenen Person nach «hinten
oben» (. Abb. 5.11).
d
j
jLagerung bei Atemnot und/oder Schmerzen im
Bereich des Brustkorbes durch Erkrankungen oder
Verletzungen, wenn die betroffene Person ansprechbar ist und atmet
..Abb. 5.8a–d Rautek-Rettungsgriff. Aus: Gorgaß B et al. (2007) Das
Rettungsdienst-Lehrbuch, 8. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York
Oberkörper ca. 45–60 Grad hoch lagern, ständig beim Patien
ten bleiben. Für Frischluftzufuhr bzw. für O2-Zufuhr sorgen.
c
Sodann wird der Patient zügig aus dem Gefahrenbereich
entfernt. Derselbe Rettungsgriff kann auch angewendet wer
den, um eine Person zur Reanimation von einer zu weichen
Unterlage (Beispiel: Bett) auf eine harte zu transportieren.
(Bei krankenhausinternen Notfällen kann in aller Regel ein
Reanimationsbrett untergelegt werden, somit entfällt der
Transport aus dem Bett hier meistens.)
j
jLagerung bei kardiopulmonaler-Reanimation
Flachlagerung, mit freiem Oberkörper, auf harter Unterlage
(. Abb. 5.9).
j
jLagerung bei Bewusstlosigkeit und vorhandener
Spontanatmung
Stabile Seitenlage durchführen, und ständig weiter die A
tmung
überprüfen (. Abb. 5.10).
j
jLagerung bei ansprechbaren Personen mit Verdacht
auf Schädel-Hirn-Trauma
Die betroffene Person soll mit dem Oberkörper 30 Grad hoch
gelagert werden und lückenlos überwacht werden. Die Gefahr
des plötzlichen Bewusstseinsverlusts ist besonders hoch.
j
jLagerung bei akuten Verletzungen/Erkrankungen des
Bauchraums
Diese wird in direkter Abstimmung mit der betroffenen Per
son durchgeführt. Der Oberkörper wird bis ca. 30 Grad hoch
gelagert, gleichzeitig werden die Knie zur Entspannung der
Bauchdecke meist leicht erhöht gelagert (Knierolle).
j
jLagerung bei Schock
Hier ist die Schockursache für die Lagerung entscheidend.
Beim kardiogenen Schock, der vielfach von Atemnot
und thorakalen Schmerzen begleitet wird, ist bei ansprechba
5
130
Kapitel 5 · Maßnahmen in Krisen- und Katastrophensituationen
5
..Abb. 5.10
Stabile Seitenlage. Aus: Schaps KP et al. (2008) Das Zweite kompakt. Springer, Berlin Heidelberg New York
a
..Abb. 5.11a, b
b
Heimlich-Manöver. Aus: Schaps KP et al. (2008) Das Zweite kompakt. Springer, Berlin Heidelberg New York
131
5.4 · Katastrophenschutzmaßnahmen
ren Patienten die atemerleichternde Lagerung, also Oberkörperhochlagerung, ca. 45–60 Grad geboten.
Die eigentlich als Schocklage bezeichnete Lagerung be
steht in einer Hochlagerung der Beine. Dadurch soll Blut aus
dem Bereich der Beine in den Zentralkreislauf, insbesondere
zur besseren Durchblutung der lebenswichtigen Organe, zu
rückgeleitet werden.
Die Schocklage kann grundsätzlich bei allen Schockfor
men, außer dem kardialen Schock, angewendet werden. Vor
aussetzung ist immer, dass der Patient ansprechbar ist. Eine
Person im Schock, die bewusstlos ist und selbst atmet, muss
immer in stabiler Seitenlage gelagert werden. Bei Atemstill
stand erfolgt selbstverständlich auch im Schock die sofortige
Reanimation.
!!Cave
Bei folgenden Verletzungsmustern wird die Schock
lagerung nicht durchgeführt:
55 Schädel-Hirn-Trauma,
55 Wirbelsäulen-, Thorax-, Abdominal-, Becken- oder
Beintraumata.
Hieraus ergibt sich, dass die Schocklage im traumatologi
schen Bereich praktisch nur bei Verletzungen der Arme an
gewendet werden darf.
Alle Schockpatienten werden psychisch betreut, es wird
für Wärme z. B. durch Abdecken gesorgt.
Die Schocklage kann auch bei akuten Belastungsreak
tionen, also starken psychischen Belastungen, angewendet
werden. Hier kann durch Schocklage und durchgängige psy
chische Betreuung eine Besserung erzielt werden, möglicher
weise kann so auch auf eine Beförderung in die Notaufnahme
einer Klinik verzichtet werden.
5.4
Katastrophenschutzmaßnahmen
Der Katastrophenschutz umfasst ein großes Bündel an staat
lichen Vorsorgemaßnahmen für den Katastrophenfall und
beinhaltet Maßnahmen zum Schutz des Lebens oder der Ge
sundheit, der Bevölkerung sowie der Umwelt vor der Auswir
kung von Katastrophen. Zuständig sind die einzelnen Bun
desländer, alleinige Zuständigkeit des Bundes gibt es nur im
Verteidigungsfall (Zivilschutz). Die Katastrophenschutzmaß
nahmen werden in einer bereits eingetretenen Katastrophe
angewendet oder zum Schutz vor möglichen Katastrophen
ergriffen.
Für den Katastrophenschutz sind in Deutschland gemäß
Art. 70 Grundgesetz (GG) die einzelnen Bundesländer zu
ständig.
Für den Zivilschutz, also den Schutz der Zivilbevölkerung
im Verteidigungsfall ist gemäß Art. 73 GG der Bund zustän
dig. Im militärischen Spannungsfall bzw. Verteidigungsfall,
ist somit das Bundesministerium für das Innere (BMI) für die
gesamte Zivilverteidigung zuständig.
Auf der Bundesinnenministerkonferenz haben sich Län
derinnenminister und -senatoren mit dem BMI auf ein inte
griertes System der Gefahrenabwehr geeinigt, also auf einen
gemeinsamen Bevölkerungsschutz. Dabei werden durch
Bundesmittel große Teile des Katastrophenschutzes der Län
der finanziert. Im Katastrophenfall kommen diese Einheiten
dann unter Zuständigkeit der jeweiligen Bundesländer zum
Einsatz. Im Verteidigungsfall werden dieselben Einheiten
durch das BMI als Zivilverteidigung eingesetzt.
Die öffentlichen – also direkt staatlichen – Einheiten des
Katastrophenschutzes sind:
44die staatlichen in der Regel kommunalen Feuer
wehren,
44die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW),
44das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), mit überwiegend koordinierender
Funktion und zentralen Schulungseinrichtungen,
44die staatlichen, in der Regel kommunalen Ordnungs
behörden,
44die Bundeswehr, im Zuge der zivilmilitärischen Zusam
menarbeit (ZMZ), hier ist eine Zusammenarbeit im Ka
tastrophenfall laut GG ausdrücklich vorgesehen.
Neben diesen Behörden sind in allen Bundesländern auf
grund feststehender öffentlich-rechtlicher Verträge folgende
gemeinnützige Hilfsorganisationen dauerhaft mit der Wahr
nehmung von
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