sowie Wachstum und Reifung von Gehirn und
Skelett.
Die vier Nebenschilddrüsen (Epithelkörperchen) bilden
als endokrine Drüsen das Parathormon, das den Kalziumspiegel im Blut reguliert.
Viele Erkrankungen der Schilddrüse sind möglich, alle
haben starke Auswirkungen auf den Patienten.
7.13.1
Hypothyreose
Bei der Hypothyreose handelt es sich um eine Unterfunktion
der Schilddrüse, es wird zu wenig T3 und T4 produziert. Der
Patient ist antriebslos, es kann zu einer Gewichtszunahme
kommen, Bradykardie, Verstopfung, Müdigkeit, Muskelschwäche, Kälteintoleranz, Haarausfall sowie depressive Verstimmungen können zu den Symptomen gehören.
203
7.13 · Schilddrüse
7.13.2
Hyperthyreose
Die Hyperthyreose ist eine Überfunktion der Schilddrüse, bei
dieser Erkrankung werden in der Schilddrüse zu viele Hormone produziert. Der Patient leidet unter Symptomen wie
Nervosität, Gewichtsverlust, Zittern, Herzrasen, innerer Unruhe, Konzentrationsschwäche und Schlaflosigkeit.
7.13.3
Schilddrüsenknoten
Finden sich in der Schilddrüse Knoten, können diese unterschiedliche Symptome hervorrufen. Wir unterscheiden drei
Arten von Knoten an der Schilddrüse.
44Kalte Knoten: Diese Knoten produzieren nicht oder nur
stark vermindert Schilddrüsenhormone.
44Warme Knoten: Sie werden auch normofunktionell genannt, da die Funktion ihres Gewebes in etwa dem des
übrigen Schilddrüsengewebes entspricht.
44Heiße Knoten: diese Knoten weisen eine erhöhte Stoffwechselaktivität auf, ihr Gewebe produziert vermehrt
Schilddrüsenhormone.
Die Aussagen «heiß» oder «kalt» haben nichts mit der Temperatur zu tun, sondern sind in einer Untersuchungsmethode,
der sog. Szintigraphie, begründet, bei der der Patient schwach
radioaktives Material injiziert bekommt, das sich in dem
Schilddrüsengewebe anreichert. Je mehr Hormone das Ge
webe bildet, desto mehr reichert sich das Medikament an.
Im Ausdruck der Szintigraphie werden stark angereicherte
Gewebeareale rot (warm bzw. heiß) und weniger stark angereicherte blau (kalt) dargestellt.
7.13.4
Struma
Mit dem Wort Struma meinen wir eine Vergrößerung der
Schilddrüse, die mehrere Gründe haben kann. Jodmangel,
der Morbus Basedow (s. u.), eine Thyreoiditis (Entzündung
der Schilddrüse), Knotenbildung wie auch ein Karzinom können zu einer tast- und sichtbaren Vergrößerung der Schilddrüse führen. Die Struma weist – je nach Ursache – die zur
der jeweiligen Krankheit gehörenden Symptome auf.
7.13.5
Autoimmunerkrankungen
Der Morbus Basedow ist eine organspezifische Autoimmun
erkrankung. Bei einer Autoimmunerkrankung bildet der
Körper Antikörper gegen körpereigenes Gewebe, in diesem
Fall gegen das Schilddrüsengewebe. In der Regel führt das
zu einer Vergrößerung und Überfunktion. Die Symptome
ähneln denen einer Hyperthyreose, ein sehr spezifisches
Symptom ist die endokrine Orbitopathie (Hervorstehen der
Augäpfel). Das Krankheitsbild des M. Basedow kann plötzlich auftreten, aber auch einen schleichenden Verlauf nehmen. Unbehandelt kann der M. Basedow zu einer lebensbedrohlichen hormonellen Entgleisung führen.
Auch die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, sie geht aber mit einer Unterfunktion der Schilddrüse einher und weist daher auch Symptome der Unterfunktion auf. In einigen Fällen kann zu Beginn der Erkrankung
eine leichte Überfunktion auftreten, die aber immer in eine
Unterfunktion übergeht.
7.13.6
Schilddrüsentumoren
Natürlich können auch in der Schilddrüse bösartige Tumoren
entstehen. Das Schilddrüsenkarzinom ist ein selteneres Karzinom, jedoch das häufigste an endokrinen Organen. Das
Schilddrüsenkarzinom wird in drei Formen unterteilt:
44Das differenzierte Karzinom: die histologische Unter
suchung zeigt, dass die entarteten Zellen den normalen
noch ähneln.
44Das undifferenzierte Karzinom: es tritt meist im
höheren Lebensalter auf, es wächst sehr invasiv und
bildet schnell Metastasen (Lunge, Knochen, Gehirn,
Leber).
44Das medulläre Karzinom geht von den Zellen aus,
die Kalzitonin bilden, auch als C-Zell-Karzinom bezeichnet.
Im Rahmen der Therapie wird in allen Fällen eine Thyreoidektomie (totale Entfernung der Schilddrüse) durchgeführt.
Ob und in welcher Form im Anschluss an die Operation eine
Radiojod- und Hormontherapie erfolgt, hängt ebenso wie die
Prognose von der Art des Karzinoms ab.
Zur Diagnostik der Schilddrüsenerkrankungen und Festlegung, ob eine Operation angezeigt ist, werden vor allem
Blutuntersuchungen durchgeführt. Die Laborwerte des TSH,
fT3, fT4, rT3 und Tumormarker geben Aufschluss über die
hormonelle Situation des Organs. Die Tastuntersuchung geht
der sehr aussagefähigen Sonographie und der Szintigraphie
der Schilddrüse voraus. Teils wird die Diagnostik durch eine
Computertomographie, eine Kernspintomographie, ein
Röntgenbild des Thorax mit einer Tracheazielaufnahme ergänzt.
Eine Indikation für eine Operation wird gestellt, wenn die
Vergrößerung der Schilddrüse, gleichgültig ob mit oder ohne
Funktionsstörung, nicht über Medikamente verändert werden kann. Jeder Verdacht auf eine Krebserkrankung ist eine
Operationsindikation. Manchmal ist auch der Wunsch des
Patienten zu berücksichtigen und eine Resektion des Organs
aus ästhetischen Gründen angezeigt.
Ist die Indikation gestellt, wird der Patient zur Operation
in die Klinik einbestellt, da dieser Eingriff eine geplante Operation darstellt. Nach der Vorbereitung auf der Station wird
der Patient in den Operationstrakt gebracht.
Steht eine Schilddrüsenoperation auf dem OP-Programm, haben die Mitarbeiter des Operationsteams im Saal
zunächst überprüft, ob die bereitstehenden Geräte, wie der
Sauger, das Diathermiegerät und die OP-Lampen funktionsfähig und einsatzbereit sind. Zusätzlich wird für diese Operation ein Gerät für das Neuromonitoring benötigt.
7
204
7
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
..Abb. 7.30 Tubus für das Neuromonitoring
j
jNeuromonitoring
Bei einer Schilddrüsenoperation ist eine versehentliche Schädigung der Nerven (N. recurrens, N. vagus) unbedingt zu
vermeiden. Aus diesem Grund wird intraoperativ ein Neuromonitoring durchgeführt. Das bezeichnet die Überwachung
und Darstellung der elektrochemischen Signalübertragung
der Nerven.
Während der Operation wird der Verlauf des N. vagus
und des N. recurrens aufgesucht. Mit einer feinen Sonde lassen sich die Nerven elektrisch reizen (stimulieren). Die Weiterleitung des Reizes zum Kehlkopfmuskel führt zu dessen
Anspannen (Kontraktion) und zum Öffnen der Stimmbänder
(7 Abschn. 14.4). Das wiederum messen Elektroden, die am
Tubus angebracht sind und auf der Höhe der Stimmbänder
platziert werden (. Abb. 7.30). Das bereitgestellte Neuro
monitoringgerät wandelt das Messergebnis in ein hörbares
Tonsignal und in eine graphische Kurve um. Das Messergebnis ist in der Patientenakte zu dokumentieren.
j
jKonventionelle Schilddrüsenresektion
OP-Ablauf: Konventionelle Schilddrüsenresektion
55 Für eine konventionelle Schilddrüsenresektion be
reiten wir Grundinstrumentarium vor, wir benötigen
reichlich Peán-Klemmen, Mosquito-Klemmen und
feine stumpfe gebogene Klemmchen. Wir benötigen
die Sonde zur Nervenstimulation für das Neuromonitoring. Die Verbrauchsgüter wie Nahtmaterialien,
Drainagen, Saugerset, Kompressen, Handschuhe
usw. werden gemäß Standard bereitgestellt. Als Abdeckung wird eine Vier-Tuch-Abdeckung oder eine
Abdeckung mit einem U-Tuch benötigt.
55 Der Patient liegt auf einem geraden Tisch und
wird vom Anästhesisten mit dem speziellen Tubus
mit Elektroden für das Neuromonitoring intubiert
(. Abb. 7.30).
55 Im Operationssaal wird der intubierte Patient in Rückenlage mit leicht nach hinten überstrecktem (rekliniertem) Kopf oder in Beach-Chair-Lagerung (7 Ab-
schn. 4.5.2) gelagert. Sollte während der Operation
mit monopolarem Strom gearbeitet werden, wird
eine Neutralelektrode am Rücken oder Oberarm angebracht. Nach der Hautdesinfektion und der sterilen
Abdeckung erfolgt das standardisierte Team-TimeOut. Alle benötigten Geräte, wie der Sauger, die bipolare Pinzette und Schere sowie die Sonde für das Neuromonitoring werden angeschlossen.
55 Der Hautschnitt erfolgt über den sog. Kocher-Kragenschnitt, der im Idealfall vor der Operation angezeichnet wurde. Subkutis und Muskelfaszie (Platysma) werden durchtrennt, kleinere Gefäßäste, die den
Weg kreuzen, mit einem Elektrokauter verschorft,
größere Gefäße mit einer Ligatur unterbunden.
55 Die gerade Halsmuskulatur wird von der Schilddrüsenkapsel abpräpariert und zur Seite gehalten, und
so die Schilddrüsenkapsel freigelegt. Mit Hilfe von
anatomischen Klemmen oder Haltenähten wird die
Schilddrüse vorsichtig hervorluxiert, der obere Pol
wird freigelegt und seine Polgefäße ligiert, danach
erfolgt das Gleiche am unteren Pol. Die Schilddrüse
wird nun langsam weiter ausgelöst und bei Bedarf
die A. thyreoidea inferior dargestellt und ligiert.
55 Vor der Resektion wird der N. recurrens über das
Neuromonitoring stimuliert, dargestellt und die Ableitung aufgezeichnet (s. o.).
55 Nach der Resektion wird der N. recurrens über den
gleichseitigen N. vagus stimuliert. Selten, nur bei
Rezidiveingriffen oder großen infiltrativ wachsenden
Tumoren, wird der N. vagus bereits vor der Präpara
tion freigelegt. Die vagale Stimulation vor Beginn der
Präparation kann die Intaktheit des Vagusnervs bestätigen.
55 Nachdem die erste elektrische Ableitung der Nerven
erfolgt ist, werden noch die Epithelkörperchen (Nebenschilddrüsen) dargestellt, nun kann mit der Resektion der Schilddrüse begonnen werden.
55 Dafür wird der Isthmus von der Trachea gelöst und
durchtrennt. Auf der Resektionsebene werden Schritt
für Schritt Péan-Klemmen gesetzt und die Schilddrüse über die Klemmen mit dem Skalpell oder der Präparierschere entfernt. Während der Resektion auftretende Blutungen werden mit Ligaturen versorgt oder
koaguliert.
55 Ist der Befund mit dem Teil der Schilddrüse entfernt,
wird das abschließende Neuromonitoring durchgeführt. Sind die beiden Nerven mit einem guten Signal
darstellbar, kann die andere Seite der Drüse in gleicher Art reseziert werden. Nun erfolgt eine endgültige Blutungskontrolle beider Seiten, und es werden
ggf. zwei Redondrainagen 8 Ch oder 10 Ch eingelegt.
55 Der schichtweise Wundverschluss endet entweder
mit einer intrakutanen Hautnaht oder einer Hautklammerung. Die Operationswunde wird mit einem
sterilen Wundpflaster versorgt.
205
7.14 · Nebenniere
Dieser Operationsablauf kann leicht variieren, es können statt
herkömmlicher Ligaturen LigaSure und Ultracision zum Einsatz kommen, es besteht die Möglichkeit, diese Operation mit
dem OP-Mikroskop durchzuführen, manche Operateure bevorzugen das Tragen einer Lupenbrille.
j
jAlternative Operationsmöglichkeiten
Kleinere Strumen können über endoskopische Operationstechniken entfernt werden.
44MIVAT: minimal-invasive videoassistierte Thyreoidektomie,
44ABBA: axillo-bilateral-breast-approach,
44OMIT: offen minimal-invasive Thyreoidektomie.
Bei der OMIT ist das Operationsverfahren nahezu identisch,
die Operation erfolgt jedoch über einen möglichst kleinen
Schnitt. Die MIVAT wird über einen oder mehrere kleine
Schnitte mit Hilfe einer Videooptik und speziellen Instrumenten durchgeführt. Um Narben am Hals zu vermeiden,
wird bei der ABBA ein Schnitt in der rechten oder linken
Axilla gelegt und dann unter videoskopischer Sicht mit speziellen Instrumenten operiert.
Jeder Patient, der wegen einer Schilddrüsenerkrankung
operiert wurde, wird postoperativ auf eine Funktionsstörung
der Stimmbandnerven (N. recurrens) untersucht. Heiserkeit
oder kräftige Hustenstöße ohne grippale Infekte können auf
eine Störung hinweisen. Auch die Funktionsprüfung der Epithelkörperchen ist obligat und wird über die Bestimmung des
Kalziumgehalts im Serum geklärt.
In Abhängigkeit vom verbliebenen Rest des Schilddrüsengewebes müssen die Patienten lebenslang Schilddrüsenhormone einnehmen, manchmal genügt die Einnahme von Jodtabletten.
Bei der totalen Entfernung nach einer Krebserkrankung
kann eine Strahlentherapie notwendig sein.
7.13.7
Hyperparathyreoidismus
Wird in den Nebenschilddrüsen zu viel Parathormon gebildet
und ins Blut abgegeben, kann das vielfältige Ursachen haben,
aber zumeist liegt dem ein Adenom der Nebenschilddrüse
zu Grunde. Wir sprechen dann von einem primären Hyperparathyreoidismus. Die Bildung von zu viel Parathormon
führt dazu, dass Knochensubstanz abgebaut wird, weil Kal
zium freigesetzt wird. Die Patienten erleiden Knochenbrüche
ohne starke Traumata. Um dieses Krankheitsbild zu ver
bessern, werden die Epithelkörperchen chirurgisch entfernt,
die adenomatös verändert sind. Sollten das alle vier sein,
muss der Patient danach lebenslang mit Kalzium substituiert
werden.
7.13.8
Hypoparathyreoidismus
Eine Unterfunktion entsteht, wenn versehentlich die Epithelkörperchen bei einer Schilddrüsenresektion mit entfernt wer-
den, weil sie im Operationspräparat enthalten sind, oder eine
Entfernung chirurgisch indiziert war. Auch diese Patienten
müssen dann lebenslang substituiert werden.
Alternativ kann eine Nebenschilddrüse aus dem Opera
tionspräparat entfernt und in eine Gewebetasche des Oberarms oder Unterschenkels eingepflanzt (replantiert) werden,
das Epithelkörperchen wird dort einwachsen und seine Hormonproduktion wieder aufnehmen.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 7.13
55 Wodurch unterscheidet sich eine Hyperthyreose von
einer Hypothyreose?
55 Wozu wird bei einer Schildrüsenentfernung ein Neuromonitoring eingesetzt?
55 Welche Möglichkeiten der Patientenlagerung für eine
geplante Schilddrüsenoperation kennen Sie?
7.14
Nebenniere
Jens Köpcke, Margret Liehn
Am oberen Pol der Nieren liegt retroperitoneal jeweils eine
Nebenniere, sie ist relativ klein (2,5×1,5 cm), ist von einer
Kapsel umgeben, innen liegt das Nebennierenmark und
außen die Nebennierenrinde. Dieses hormonproduzierende
Organ hat nichts mit dem urinproduzierenden Organ Niere
zu tun und wird deshalb meist nicht von den Urologen, sondern den Allgemeinchirurgen operiert.
Die Nebennierenrinde produziert, gesteuert von der
ypophyse,
H
44Kortisol, es wirkt auf den Stoffwechsel,
44Androgene, Sexualhormone, die im Körper zu Testosteron umgewandelt werden sowie
44Aldosteron, welches wichtig für den Wasser- und Salzhaushalt ist.
Das Nebennierenmark gehört zum sympathischen Nervensystem und produziert Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin, auch als «Stresshormone» bekannt, weil sie den Blutdruck und die Herzfrequenz anheben.
Krankheiten der Hypophyse oder der Nebenniere führen
zu Über- oder Unterfunktionen der Hormonproduktion und
müssen therapiert werden. Wird eine Nebenniere entfernt,
übernimmt die verbleibende die Gesamtproduktion, müssen
beide Nebennieren entfernt werden, muss der Patient lebenslang Medikamente bekommen.
7.14.1
Überfunktion
der Nebennierenrinde
Wird zuviel Kortisol gebildet, steigt der Blutzuckerspiegel und
der Patient nimmt an Gewicht zu. Der sog. Morbus Cushing
ist gekennzeichnet durch eine Stammfettsucht, die Patienten
haben einen Bluthochdruck, sie sind antriebsarm und neigen
zu Depressionen.
7
206
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
Wird zu viel Aldosteron gebildet kommt es zum ConnSyndrom, gekennzeichnet durch einen Bluthochdruck auf-
grund der Erhöhung der Natriumkonzentration im Blut. Der
Patient leidet unter Kopfschmerzen und einem allgemeinen
Schwächegefühl. In der Regel liegt hier ein gutartiger Tumor
vor.
Werden zu viel männliche Geschlechtshormone produziert, bekommen Frauen ein sehr männliches Aussehen, und
bei Männern führt es zu einer Schrumpfung der Hoden, Unfruchtbarkeit und Wachsen der Brustdrüsen. Hier liegt meist
ein bösartiger Tumor vor.
7.14.2
7
Überfunktion und Tumoren
des Nebennierenmarks
Ein Tumor im Nebennierenmark ist häufig das Phäochromozytom, das übermäßig viel Katecholamine bildet. Durch die
Vermehrung der Stresshormone leidet der Patient an Bluthochdruck und Schwindelattacken. Herzrhythmusstörungen
mit Kopfschmerzen und extremer Nervosität können auftreten. Dieser Tumor ist meistens gutartig, muss jedoch wegen
der hormonellen Beschwerden entfernt werden.
Karzinome der Nebennieren treten sehr selten auf, sind
aber nur manchmal hormonproduzierend. Deshalb ist der
Befund oft zufällig, weil die Beschwerden der Patienten sehr
unspezifisch sind. Weiterhin gibt es Adenome und Zysten, die
alle chirurgisch therapiert werden sollten.
j
jGrundlagen eines Nebenniereneingriffs
Bei einem Patienten mit den beschriebenen Symptomen können Hormonbestimmungen im Blut und Urin Aussagen über
die Funktion der Nebenniere geben. Bildgebende Verfahren
wie Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen geben Hinweise darauf, ob ein benigner (gutartiger) oder maligner (bösartiger) Befund vorliegt.
Ist der Tumor hormonproduzierend, muss eine operative
Nebennierenentfernung (Adrenalektomie) angestrebt werden, ebenso bei einem bösartigen Befund. Da die Blutversorgung der Nebenniere sehr kompliziert ist, kann im Vorfeld
einer Operation eine radiologische Darstellung der Gefäße
weiterführend sein.
Die Nebennieren liegen zentral im Körper, sodass verschiedene Zugangswege (7 Abschn. 7.1) möglich sind. Es
kann vom Bauch aus unterhalb des Rippenbogens eingegangen werden oder es kann ein offener Zugang über den abdominothorakalen Bereich zwischen der 9. und 10. Rippe gewählt werden. Besonders bei großen Tumoren erleichtert
dieser Zugang die Entfernung. Wird vom Rücken aus operiert, muss die 12. Rippe reseziert werden und es können beide Nebennieren von einem Zugang aus erreicht werden. Bei
einem Flankenschnitt hat der Operateur eine gute Übersicht,
erreicht aber nur eine Nebenniere.
Bei Tumoren, die nicht größer als 6 cm und wahrscheinlich
gutartig sind, kann ein minimal-invasiver Zugang gewählt werden. Hierbei ist ein transperitonealer oder ein retroperionealer
Zugangsweg möglich. Eine Besonderheit des retroperitoneo
skopischen Vorgehens ist die Schaffung einer künstlichen
Höhle mit einem Ballontrokar vor Insuffluation von CO2.
j
jLaparoskopische, transperitoneale Adrenalektomie
OP-Ablauf: Laparoskopische, transperitoneale
Adrenalektomie
55 Bei einer solchen geplanten Operation bereiten wir
neben dem Endoskopieturm (7 Abschn. 2.2) eine
instrumentelle MIC-Grundausstattung mit einer 0°und einer 30°-Optik vor, wir benötigen Clips aus Titan
oder aus resorbierbarem Material mit dem entsprechenden Applikator, ein Bergebeutel zum Entfernen
des Organs verhindert eine Streuung oder Infektion
des benachbarten Gewebes. Viele Chirurgen bevorzugen hier eine Ultraschallpräparation, dann muss
das entsprechende Gerät bereitgestellt werden.
55 Der Patient wird nach der Narkoseeinleitung im Saal
in eine Seitenlage verbracht, bei geplanter Anwendung von monopolarem Strom wird eine neutrale
Elektrode auf den gleichseitigen Oberschenkel geklebt. Die Flankenregion wird desinfiziert und der
Patient steril abgedeckt. Der Endoskopieturm wird
positioniert, Insufflationsschlauch, Kaltlichtkabel,
Saug- und Spülschlauch sowie die Kamera an die
unsterile Saalassistenz abgegeben und am Turm
konnektiert. Nach dem standardisierten Team-TimeOut beginnt die Operation mit der Anlage des Pneumoperitoneums über die Veress-Nadel.
55 3–4 Trokare mit 5 mm und 10 mm Durchmesser werden am Rippenbogen eingestochen und Optik und
Arbeitsinstrumente eingebracht. Nach der Inspektion
des Situs wird die betroffene Nebenniere dargestellt.
–– Rechts: Mobilisation der Kolonflexur und des
rechten Leberlappens. Die Sicht auf die V. cava ist
dann möglich. Clipping der zu- und abführenden
Gefäße der Nebenniere und Absetzen mit einer
Schere oder mittels Ultraschalldissektion.
–– Links: Mobilisation der Kolonflexur, der Milz und
der Bauchspeicheldüse bis die Nebenniere dargestellt werden kann.
55 Nach der Inspektion des Retroperitonealraums erfolgt die Darstellung der Nebennieren- und Nierengefäße (auf der rechten Seite auch die Darstellung
der unteren Hohlvene). Die Nebennierenarterien und
-venen werden je nach Größe koaguliert oder mit
Titanclips verschlossen und durchtrennt. Nun kann
die Nebenniere mit bipolarem Strom und einer
Schere freipräpariert und aus dem Retroperitonealraum gelöst werden.
55 Anschließend folgt die Entfernung des Präparats mit
einem Bergebeutel durch eine Trokarinzision.
55 Nach der Blutstillung kann das Abdomen gespült
werden, selten ist die Einlage einer Drainage indiziert. Der Wundverschluss und das Anlegen eines
sterilen Verbandes beenden die Operation.
207
Literatur
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 7.14
55 Beschreiben Sie den Aufbau und die Funktion der
Nebenniere.
Literatur
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Wunderle G (2010) Klinikleitfaden OP-Pflege. 5. Aufl. Urban & Fischer,
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7
209
Orthopädie und Traumatologie
Olga Aßmann, Jens Köpcke, Silke Meister
8.1
Grundlagen
– 211
8.1.1
8.1.2
Instrumentarium – 211
Osteosynthesemöglichkeiten
8.2
Schulter
8.2.1
8.2.2
8.2.3
8.2.4
8.2.5
Klavikulafraktur (Schlüsselbeinbruch) – 218
Skapulafraktur (Schulterblattbruch) – 219
Akromioklavikulargelenk (Schultereckgelenk) – 220
Riss der Rotatorenmanschette – 221
Humeruskopf/-halsfraktur (Oberarmkopf ) – 221
8.3
Obere Extremität
8.3.1
8.3.2
8.3.3
8.3.4
8.3.5
Humeruskopf- und Humerusschaftfrakturen
Epikondylenfraktur – 224
Olekranonfraktur – 224
Ulnaschaft- /Radiusschaftfraktur – 225
Distale Radiusfrakturen – 225
8.4
Becken und Hüftgelenk
8.4.1
8.4.2
8.4.3
8.4.4
8.4.5
8.4.6
8.4.7
8.4.8
Beckenfraktur – 226
Azetabulumfraktur – 227
Hüftgelenkdysplasie – 227
Hüftgelenkluxationen – 229
Koxarthrose – 229
Schenkelhalsfrakturen (SHF) – 231
Pertrochantäre Femurfraktur – 232
Femurschaftfrakturen – 233
8.5
Kniegelenk
8.5.1
8.5.2
8.5.3
8.5.4
8.5.5
8.5.6
8.5.7
8.5.8
Fehlstellungen – 234
Meniskusschäden – 234
Osteochondrosis dissecans (OD)
Knorpelschaden – 235
Gonarthrose – 235
Patellaluxation – 236
Bandschäden – 237
Baker-Zyste – 238
– 211
– 218
– 223
– 226
– 234
– 235
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018
M. Liehn et al. (Hrsg.), OTA-Lehrbuch
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56183-6_8
– 223
8
8.6
Tibia und Fibula
8.6.1
8.6.2
8.6.3
8.6.4
Frakturen mit Weichteilschäden
Kompartmentsyndrom – 239
Unterschenkelfrakturen – 240
Pilonfraktur – 241
8.7
Verletzungen des oberen S
prunggelenks (OSG)
8.7.1
8.7.2
8.7.3
8.7.4
8.7.5
Kapsel-Band-Verletzungen – 241
Fibulafrakturen – 242
Bimalleoläre Sprunggelenkfraktur – 242
Arthrose des oberen Sprunggelenks – 243
Achillessehnenruptur – 243
8.8
Wirbelsäule und degenerative E
rkrankungen
8.8.1
8.8.2
8.8.3
8.8.4
8.8.5
8.8.6
Anatomische Grundlagen – 244
Erkrankungen – 245
Deformitäten/Fehlbildungen – 248
Wirbelkörperdeformitäten – 251
Entzündliche Erkrankungen – 254
Verletzungen der Wirbelsäule – 254
Literatur
– 259
– 238
– 238
– 241
– 244
211
8.1 · Grundlagen
Instrumentarium
Lernziele
8.1.1
55 Die Auszubildenden verstehen die Abläufe der typischen
operativen Diagnostik und Behandlungsverfahren in
der Orthopädie und Traumatologie und sind in der Lage,
bei diesen Eingriffen vorausschauend und situationsgerecht zu instrumentieren.
55 Dazu verschaffen sie sich einen Überblick über die entsprechenden Krankheitsbilder in der Orthopädie und
Traumatologie, deren Ursachen, Klinik, Diagnostik und
Behandlungsverfahren und deren typische Komplika
tionen.
55 Sie erarbeiten sich entsprechende Kenntnisse der anatomischen, physiologischen und pathophysiologischen
Gegebenheiten und der speziellen Mikrobiologie.
55 Sie kennen die Medikamente, die im Rahmen dieser Verfahren häufig eingesetzt werden.
Das Instrumentarium zur operativen Behandlung von orthopädischen und unfallchirurgischen Erkrankungen besteht
aus den bekannten Grundinstrumenten, jedoch kommen
spezielle Knocheninstrumente dazu. Das Knocheninstrumentarium ist umfangreich, dazu gehören u. a.:
44Knochenhebel (z. B. nach Hohmann),
44Hohl- und Flachmeißel (z. B. nach Lexer) sowie Osteo
tome (z. B. nach Lambotte),
44Hammer aus Metall und aus Kunststoff,
44scharfe Löffel in unterschiedlicher Größe,
44Hohlmeißelzangen (z. B. nach Luer),
44stumpfe und scharfe Raspatorien (z. B. nach Langenbeck),
44diverse Zangen.
Bei Ihrem Einsatz in der traumatologischen/orthopädischen
Operationsabteilung lernen Sie die Versorgung von Verletzungen und Wunden des Bewegungsapparates kennen. In
unseren Kliniken sind die Abteilungen häufig traumatologisch wie auch orthopädisch tätig.
8.1
Grundlagen
Olga Aßmann, Jens Köpcke
In einem traumatologischen Operationssaal werden hauptsächlich Frakturen versorgt, aber auch verletzungsbedingte
Weichteilschäden.
Mit dem Wort «Fraktur» wird der Bruch eines Knochens
bezeichnet. Dabei können zwei oder mehrere Bruchstücke
(Fragmente) entstehen. Manchmal verbleiben die Fragmente
in der korrekten anatomischen Position, sie können sich auch
gegeneinander verschieben. Wenn das der Fall ist, müssen sie
in ihre anatomische Position zurückgebracht werden, bevor
der Bruch geschient werden kann. Das nennen wir eine
Reposition.
Bleibt bei der Fraktur der Weichteilmantel (Haut und
Muskulatur) intakt, sprechen wir von einer geschlossenen
Fraktur. In diesem Fall muss die operative Versorgung unter
aseptischen Bedingungen erfolgen. Ist der Weichteilmantel
jedoch zerstört und es spießen sich möglicherweise Knochenfragmente durch die Weichteile, sprechen wir von einer offenen Fraktur. Dann gilt dieser Bruch als infektionsgefährdet;
das muss bei der Operation bedacht werden.
Die Entstehung einer Fraktur hat unterschiedliche Ursachen. Ein gesunder Knochen bricht durch Krafteinwirkung
von außen, ein kranker Knochen kann spontan brechen (Ermüdungsfraktur z. B. bei Osteoporose).
Die Orthopädie hingegen korrigiert erworbene oder angeborene Fehlstellungen bzw. Erkrankungen des Bewegungsapparates.
Darüber hinaus werden Antriebsmaschinen (7 Abschn. 2.3)
mit verschiedenen Bohr- und Sägeaufsätzen benötigt. Dazu
kommen spezielle Instrumente der vielfältigen Implantatsysteme.
Eingriffe am Knochen werden in der Regel unter Bildwandlerkontrolle durchgeführt. Jeder Mitarbeiter im Saal
kennt die Röntgenverordnung und ist in die Bedienung des
Bildwandlers eingewiesen (7 Abschn. 2.9).
Um Knochen nach einer Fraktur zu versorgen, bedarf es
einiger Hilfsmittel. Das kann teilweise mit konservativen Mitteln wie z. B. Verbänden, Schienungen, Gipsen, Extensionen
und Orthesen geschehen. All diese Mittel sollen Körperteile
stützen, entlasten oder fixieren.
Bei vielen Knochenbrüchen ist die Versorgung mit konservativen Mitteln nicht ausreichend, die Behandlung erfolgt
dann operativ. Dazu werden mit einer sog. Osteosynthese
die Bruchstücke des Knochens mit verschiedenen Implantaten wieder zusammengesetzt. Die Auswahl der Implantate ist
abhängig von der Art und Lokalisation der Fraktur.
>>Idealziel jeder Behandlung ist die vollständige Wieder-
herstellung der Funktion des Knochens.
Wir können Implantate nach ihrem Werkstoff unterscheiden.
Zum einen gibt es resorbierbare Materialien (z. B. Nahtanker), zum anderen Implantate (z. B. Marknägel) aus metallischen Werkstoffen. Diese unterteilen wir nach der Art des
verwendeten Metalls. Implantate für eine Osteosynthese bestehen häufig aus rostfreiem Stahl oder Titan.
!!Cave
Stahl oder Titan sollten bei einer Osteosynthese niemals zusammen benutzt werden, und Instrumente und
Implantate verschiedener Firmen dürfen keinesfalls
vermischt werden!
8.1.2
Osteosynthesemöglichkeiten
Einige Osteosynthesemöglichkeiten werden hier beispielhaft erwähnt.
8
212
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
Cerclage
Eine Cerclage ist eine OP-Methode, bei der Knochenfragmente durch eine Drahtumschlingung miteinander verbunden werden. Vielfach erfolgt der Einsatz dieser Methode in
Kombination mit anderen Osteosynthesemöglichkeiten.
Zuggurtung
8
Eine Zuggurtung ist ein Osteosyntheseverfahren, bei dem mit
verschiedenen Drähten Zugkräfte, die auf die Fraktur einwirken, in Druckkräfte umgewandelt werden. Zwei starre Kirschner-Drähte halten die Reposition der Knochenfragmente,
dienen als innere Gleitschienen und als Rotationssicherung.
Ein Cerclagedraht wird bogen- oder achtförmig um diese
Drähte gelegt und die beiden Enden des biegsamen Drahtes
werden mit einer Flachzange oder Drahtspannzange unter
Zug verzwirbelt (. Abb. 8.1).
Eine Zuggurtungsosteosynthese wird z. B. am Olekranon
(Knochenvorsprung am proximalen Ende der Ulna; . Abb.
8.2) verwendet und häufig auch beim gesprengten Akromioklavikulargelenk (Schultereckgelenk).
..Abb. 8.1 Materialien für eine Zuggurtung. K-Drähte, Flachzange,
Drahtspannzange
Platten
Platten können mehrere Funktionen erfüllen: Sie schienen
den Knochen, nachdem er wieder in die anatomische Position
gebracht wurde und verbinden die einzelnen Bruchstücke
miteinander. Häufig sind die Platten vom Hersteller schon für
den zu versorgenden Knochen vorgeformt (. Abb. 8.3).
Wird die Fraktur in Längsrichtung des Knochens durch
die Spannung der Platte komprimiert, sprechen wir von einer
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