Kompressionsplatte (. Abb. 8.4).
Werden reponierte Fragmente gehalten und deren Biegeund Rotationskräfte neutralisiert, sprechen wir von einer
Neutralisationsplatte. Meistens ist die Fraktur dann durch
Schrauben stabilisiert, die Platte sorgt dann «nur» noch dafür,
dass die Zugkräfte des Muskels die Fraktur nicht wieder destabilisieren
Eine Abstützplatte verhindert das Abrutschen gelenk
naher Frakturteile oder bietet einer Spongiosaanlage Halt
(. Abb. 8.5). Wir unterscheiden zwischen T- und L-förmigen
Abstützplatten.
Es gibt Platten in vielen verschiedenen Varianten:
Spann-Gleitloch-Platten («dynamic compression plate»,
DCP): Sie besitzen ovale und einseitig schräge Plattenlöcher,
die eine axiale (in Richtung der Körperachse) Kompression
ermöglichen. Die schräge Unterseite des Schraubenkopfs gleitet beim Einbringen auf dem schrägen Rand des Plattenlochs
nach unten und drückt damit die Platte zur Seite (Kugelgleitprinzip). Zum korrekten Anbringen der DC-Platte sind spezielle
Bohrbüchsen bzw. eine Universalbohrbüchse notwendig.
Die neutrale oder zentrische Büchse platziert die Schraube mit bestmöglichem Halt im Plattenloch (wird am häu
figsten verwendet). Die exzentrische Bohrbüchse wird nur
mit Spannschrauben verwendet. Sie ermöglicht die Platzierung der Schrauben 1 mm von der Endposition (. Abb. 8.6).
>>Zuerst muss die Spannschraube frakturnah eingesetzt
werden, da sonst die Fragmente auseinanderweichen!
a
1
b
2
..Abb. 8.2a, b Zuggurtung mit Drahtumschlingung. Beispiel Olekranonfraktur. a Vorgehen: Nach exakter Reposition werden zwei Bohrdrähte
in ein kleines dorsales Bohrloch durch die Kortikalis eingesetzt (2).
Die etwas hervorstehenden Drahtenden (1) bilden die Haltepunkte für
die unter Spannung eingesetzte Drahtcerclage. b Bei Unterarmbeugung Druckeinwirkung auf den gelenknahen Teil der Frakturfläche.
Aus: Siewert JR, Brauer RB (2010) Basiswissen Chirurgie. Springer, Berlin
Heidelberg New York
Bei Querbrüchen wird die Platte in neutraler Stellung zunächst mit einer Schraube fixiert. Die zweite Schraube wird
durch die entsprechende Bohrbüchse exzentrisch im Gegenfragment angebracht. Alle weiteren Schrauben werden zen
trisch eingebracht. Soll mehr Kompression erreicht werden,
213
8.1 · Grundlagen
e
d
a
c
b
f
g
..Abb. 8.3a–g AxSOS-Verriegelungsplattensystem. a Proximale Hume
rusplatte. b Proximale laterale Tibiaplatte. c Distale laterale Femurplatte.
d Distale mediale Tibiaplatte. e Distale anterolaterale Tibiaplatte. f VariAx-
Verriegelungsplattensystem: Fersenbein-Mesh-Platte. g VariAx 2 Clavi
cula-Verriegelungsplattensystem: laterale Hakenplatte (Klavikula). (Mit
freundlicher Genehmigung der Fa. Stryker GmbH & Co. KG)
dann müssen beide Schrauben exzentrisch eingebracht und
wechselseitig angezogen werden. Zusätzlich kann im selben
Fragment eine zweite Spannschraube angebracht werden,
wenn dann die erste Schraube gelöst und die zweite angezogen wird und dann wieder die erste Schraube angezogen wird,
wird eine stärkere Kompression erreicht. Im Gegenfragment
kann genauso verfahren werden.
Bei Schrägbrüchen hat eine DCP häufig die Funktion
einer Neutralisationsplatte. Die Kompression auf den Bruchspalt wird durch eine interfragmentäre Zugschraube (s. u.)
erreicht.
Wird eine starke Kompression benötigt, kann das über
einen Plattenspanner erreicht werden.
Die LC-DC-Platte («limited contact-DCP») ist eine Weiterentwicklung der DCP. Durch eine minimierte Plattenauflagefläche wird eine bessere Durchblutung des Knochens gewährleistet. Die Plattenlöcher sind oval und ermöglichen eine
Kompression auf beiden Seiten. Sie wird wie die DC-Platte
angewendet.
Eine spezielle LC-DCP-Bohrbüchse oder eine Universalbohrbüchse wird benötigt, die Universalbohrbüchse ermög-
licht die Bohrung in Neutral-, Schräg- oder Kompressionsstellung und den Einsatz der Bohrer und Gewindeschneider.
Mit einer LC-Platte («locking compression plate») kann
eine winkelstabile Osteosynthese durchgeführt werden. Hierbei wird die Platte nicht über die Schrauben an den Knochen
gepresst, sondern die LCP wird über ihre speziellen Plattenlöcher mit Gewinde und sog. Kopfverriegelungsschrauben
(s. u.) zu einer festen Einheit verschraubt (. Abb. 8.4b).
Darüber hinaus ermöglichen die speziellen Plattenlöcher als
sog. Kombilöcher auch eine axiale Kompression mittels
exzentrisch eingebrachter Standardschrauben oder das Einbringen einer Zugschraube.
Drittelrohrplatten werden so genannt, da sie ein Drittel
des Umfangs eines Rohrs darstellen. Sie sind kostengünstig
und werden häufig am Außenknöchel verwendet.
Rekonstruktionsplatten sind dreidimensional mit
Schränkeisen biegbar. Diese Platten wurden entwickelt, um
besonderen anatomischen Gegebenheiten gerecht zu werden.
Sie werden häufig bei Beckenfrakturen verwendet.
Darüber hinaus bieten viele Implantathersteller Platten
mit Spezialformen an, die anatomisch vorgeformt sind und
8
214
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
a
8
a
b
c
..Abb. 8.4a–c Prinzip der Kompressionsplatte am Beispiel der «low contact dynamic compression plate» (LC-DCP). a Nach dem Einsetzen einer
Kompressionsschraube lässt sich nur noch eine weitere Schraube mit Kompressionsfunktion in dasselbe Fragment einsetzen. b Ein Verschieben der
Platte presst die erste Kompressionsschraube gegen die Seite des Schraubenlochs und verhindert weitere Bewegungen. c Beim Anziehen der zweiten Schraube muss die erste Schraube gelöst werden, um ein Gleiten der
Platte auf dem Knochen zu ermöglichen, wonach das erneute Anziehen
der Schraube durchführbar ist. Aus: Grifka J, Kuster M (2011) Orthopädie
und Unfallchirurgie. Springer, Berlin Heidelberg New York
nur an den entsprechenden Knochen der linken oder rechten
Körperseite passen (. Abb. 8.3). Die Bauart der Platten ermöglicht häufig einen minimalen Knochenkontakt (wie bei
der LC-DCP). Die Plattenlöcher sind in der Regel als Kombilöcher gefertigt, wodurch eine dynamische Kompression
(s. DCP) oder eine winkelstabile Verblockung (s. LCP) durchgeführt werden kann.
Des Weiteren gibt es weitere Platten mit Spezialformen
wie z. B. die Winkel- oder Osteotomieplatten. Sie werden zur
Korrektur von Fehlstellungen wie z. B. unphysiologischen
Beinachsen oder Hüftfehlstellungen angewendet.
Schrauben
Schrauben für eine Osteosynthese lassen sich nach verschiedenen Kriterien unterscheiden:
44Implantatwerkstoff (z. B. Stahl oder Titan),
44Schraubenart (z. B. Kortikalis-, Spongiosa-, Kopfverriegelungsschraube) (. Abb. 8.7),
44Gewindedurchmesser (z. B. ∅ 3,5 mm, ∅ 5 mm,
∅ 6,5 mm),
b
..Abb. 8.5a, b Abstützplatte. Beispiel: mediale Tibiakopffraktur mit
Impressionen. a Vorgehen: Rekonstruktion der tibialen Gelenkfläche
durch Unterfütterung mit Spongiosa – durch Anbiegen wird die Platte
der Knochenwölbung angepasst – Aufschrauben der Platte, in der Metaphyse mit Spongiosaschrauben, bei gleichzeitiger interfragmentärer
ompression. b Winkelstabile Verankerung von Schraubenköpfen im
K
Plattensystem. Aus Siewert JR, Brauer RB (2010) Basiswissen Chirurgie.
Springer, Berlin Heidelberg New York
44Gewindelänge (z. B. Vollgewinde, langes oder kurzes
Teilgewinde),
44Schraubenspitze (z. B. selbstschneidend),
44Schraubenkopfantriebe (z. B. Sechskant, Innensechsrund, Kreuzschlitz),
44Funktion (z. B. Zug- oder Stellschraube).
Weit verbreitet ist die Schraubeneinteilung durch die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO). Ausgehend vom
Gewindedurchmesser der Schraube sprechen wir vom:
44Minifragment-Implantat-System (∅ 2,0 mm, ∅ 2,4 mm,
∅ 2,7 mm),
44Kleinfagment-Implantat-System (∅ 3,5 mm, ∅ 4,0 mm),
44Standard- oder Großfragment-Implantat-System
(∅ 4,5 mm, ∅ 5,0mm, ∅ 6,5 mm).
215
8.1 · Grundlagen
..Abb. 8.6a, b Bohrbüchsen. (Mit freund
licher Genehmigung der Fa. Stryker GmbH &
Co. KG)
a
b
chenschaft), angewendet und hat ein durchgehendes, flaches
Gewinde. Sie ist mit einem selbstschneidenden Gewinde vorhanden, aber auch mit einem Gewinde, das einen Gewindeschnitt vor dem Eindrehen der Schraube erfordert. Sie besitzt
einen breiten Kerndurchmesser und hat dadurch eine erhöhte
Stabilität im festen Knochen.
Einbringen einer Kortikalisschraube
a
b
c
d
..Abb. 8.7a–d Verschiedene Schrauben: a selbstschneidende
Kopfverriegelungsschraube 4,0 mm, b Kortikalisschraube 3,5 mm,
c Spongiosaschraube, Vollgewinde 4,0 mm, d Spongiosaschraube,
Teilgewinde 4,0 mm. (Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Stryker
GmbH & Co. KG)
Viele Hersteller orientieren sich an dieser Schrauben
einteilung. Es gibt jedoch auch Implantat-Systeme, deren
Schrauben andere Gewinde- bzw. Kerndurchmesser auf
weisen.
Der Durchmesser des Bohrers richtet sich nach dem
Kerndurchmesser einer Schraube, daher kann bei den unterschiedlichen Implantatherstellern auch die Größe des Bohrers zum Setzen des Schraubenlochs variieren.
>>Es ist wichtig, die Durchmesser des Bohrers und
der Schraube der verwendeten Implantatsysteme zu
kennen!
Im Kleinfragment-Implantat-System werden Schrauben unterteilt in Kortikalis-, Spongiosa- und Kopfverriegelungsschrauben (. Abb. 8.7). Sie werden benötigt, um die bereits
genannten Platten zu fixieren, sie dienen aber auch als Zugund Stellschrauben.
Die Kortikalisschraube (3,5 mm Gewindedurchmesser)
wird vorwiegend im kortikalen Knochen (die Kortikalis ist
die harte Außenschicht des Knochens), der Diaphyse (Kno-
55 Bohrer (∅ 2,5 mm) mit der passenden Bohrbüchse
55 Schraubenlänge (Länge der Schraube vom Kopf bis
zur Spitze) mit dem Schraubenmessgerät bestimmen
55 Mit dem Gewindeschneider (∅ 3,5 mm) und der
Schutzbüchse ein Gewinde hineinschneiden (außer
die Kortikalisschraube ist selbstschneidend)
55 Schraube aussuchen und die Länge kontrollieren
55 Schraube mit dem passenden Schraubendreher eindrehen (s. . Abb. 8.8)
Die Kortikalisschraube kann als Zugschraube eingebracht
werden, um eine Kompression auf den Bruchspalt zu bringen,
indem sie den Bruchspalt durchquert und erst im gegenüberliegenden Fragment fasst. Dadurch wird die sog. interfragmentäre Kompression erzeugt (. Abb. 8.9).
Dazu wird mit einem Bohrer (∅ 3,5 mm) und der passenden Bohrbüchse im 1. Fragment das sog. Gleitloch gebohrt,
die Steckbohrbüchse (∅ 2,5 mm) in das entstandene Gleitloch gesteckt und in das 2. Fragment mit einem 2,5-mm-Bohrer gebohrt. Nun wird mit dem Schraubenmessgerät die Länge der Schraube bestimmt, bei Bedarf mit dem Gewindeschneider (∅ 3,5 mm) und der Bohrbüchse ein Gewinde ins
2. Fragment geschnitten. Nun kann die gewählte Schraube
mit dem passenden Schraubendreher eingedreht werden.
Die Spongiosaschrauben (4,0 mm Gewindedurchmesser) werden vorwiegend im spongiösen Knochen eingesetzt.
Die weiche Spongiosa befindet sich im Knocheninneren und
sieht aus wie ein Schwamm. Wir finden sie hauptsächlich in
der Epi- und Metaphyse (Epiphyse bezeichnet das Gelenkende eines Knochens, die Metaphyse den Abschnitt zwischen
Epi- und Diaphyse) des Knochens. Die Spongiosaschraube
besitzt einen dünnen Kern und ein tiefes Gewinde. Es gibt sie
mit unterschiedlichen Gewindelängen.
8
216
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
..Abb. 8.8a–e Instrumente zum Einbringen
iner Kortikalisschraube: a skalierter Spiralbohrer,
e
b verschiedene Bohrbüchsen, c Tiefenmesser,
d Schraubendreher, e Gewindeschneider.
(Mit freundlicher Genehmigung der Fa. Stryker
GmbH & Co. KG)
a
b
8
c
d
e
..Abb. 8.9a, b Zugschraubenprinzip für interfragmentäre Kompression; a mit Schaftschraube
(Spongiosaschraube) im epiphysären Bereich,
b mit Kortikalisschraube im diaphysären Bereich:
Gleitloch und Gewindeloch. Aus: Siewert JR,
Brauer RB (2010) Basiswissen Chirurgie. Springer,
Berlin Heidelberg New York
a
b
217
8.1 · Grundlagen
Es gibt sie als sog. kanülierte (durchbohrte) Schrauben,
diese können über einen vorgelegten Kirschner-Draht gezielt
eingebracht werden und ermöglichen so ein perkutanes
(durch die Haut) Vorgehen. Dafür liegt spezielles Instrumentarium vor.
Einbringen einer Spongiosaschraube
55 Bohrer (∅ 2,5 mm) mit Bohrbüchse
55 Bestimmen der Länge mit dem Messgerät
55 Wird die Spongiosaschraube als Zugschraube ver
wendet, muss evtl. ein Gewinde (∅ 4,0 mm) in die
Eingangskortikalis geschnitten werden
55 Eindrehen der Schraube mit dem Schrauben
dreher
Die Kopfverriegelungsschrauben oder auch winkelstabile
Schrauben werden hauptsächlich bei winkelstabilen Platten
angewendet. Sie besitzen ein Gewinde im Schraubenkopf und
verankern sich mit diesem in den vorgegebenen Gewindegängen der Platte.
Eine weitere Möglichkeit der winkelstabilen Verblockung
kann durch unterschiedliche Materialhärten der Kopfverriegelungsschrauben und der Platte erreicht werden, sodass sich
beim Eindrehen der Schraube der Gewindekopf fest im Plattenloch verklemmt.
Einbringen einer Kopfverriegelungsschraube
55 Bohrer (∅ 2,8 mm) mit der speziell für das winkel
stabile Bohren vorhandenen Bohrbüchse, die direkt
auf die Platte aufgedreht wird
55 Bestimmen der Länge mit dem Messgerät, dazu
muss die Borbüchse entfernt werden
55 Eindrehen der Schraube mit dem Schrauben
dreher
Marknägel gibt es in verschiedenen Formen:
44Beim aufgebohrten Marknagel wird der Markraum
mit entsprechenden Fräsen aufgebohrt und der Nagel
mit Hilfe eines Geräts eingeschlagen, mit dem er nach
der Ausheilung der Fraktur auch wieder entfernt
werden kann. Der Nagel ist hohl, ggf. hat er einen
Längsschlitz. Diese Form gewährleistet eine viel grö
ßere Steifigkeit als ein einfaches Rohr. Es gibt Mark
nägel in verschiedenen Längen und Stärken. Ihr oberer
Anteil unterscheidet sich je nach dem zu versorgenden Knochen.
44Die unaufgebohrten Marknägel werden in die nicht
vorbereitete Markhöhle eingeschlagen, dadurch entfällt
das Bohrungstrauma.
Marknägel können antegrad, d. h. vom proximalen zum
distalen Ende des Knochens eingebracht werden. Bei einigen Nagelimplantaten ist es auch möglich, diese in umge
kehrter Richtung, d. h.. retrograd, in die Markhöhle einzubringen.
Einige Systeme bieten zusätzliche Kompressionsmöglichkeiten der Fraktur. Die Marknägel werden mit selbstschneidenden Schrauben proximal und/oder distal der Fraktur verriegelt.
Die Verriegelung kann statisch erfolgen oder dynamisch:
44Die statische Verriegelung sichert die Wiederherstellung der natürlichen Knochenlänge z. B. bei Trümmerbrüchen, Knochendefekten, Etagenfrakturen. Diese Art
der Verriegelung wird bei jedem unaufgebohrten
Marknagel angewendet.
44Zur dynamischen Verriegelung werden die Schrauben
im ovalen Langloch des Marknagels platziert, dadurch
ist eine Kompression von einfachen Quer- oder Schrägfrakturen im Bereich der Dia- oder Metaphyse durch
axiale Belastung des gebrochenen Knochens möglich.
Externer Fixateur
Intramedulläre Implantate
Intramedulläre Implantate werden in den Markraum einge-
bracht, um den Knochenbruch zu schienen. Sie werden bei
Brüchen des Femurs (Oberschenkel), der Tibia (Wadenbein)
und des Humerus (Oberarm) angewendet. Die halbelastischen Feder- bzw. Gleitnägel werden zur Schienung bei
Schaftfrakturen von dünneren Röhrenknochen (z. B. Ulna,
Elle des Unterarms) bevorzugt.
Durch die Marknagelung ergeben sich viele Vorteile.
Der Bruch muss nicht freigelegt werden, deshalb bleiben
die einzelnen Fragmente in ihrem Weichteilverbund (geschlossene Marknagelung). So ergibt sich ein geringeres
Operationstrauma der Weichteile, geringerer Blutverlust
und eine kürzere OP-Dauer. Die rasche Belastungs- oder
Übungsstabilität ermöglicht eine kurze postoperative Liegedauer.
In komplizierten Fällen sind offene Repositionen und zusätzliche Fragmentsicherung mit Cerclagen möglich (offene
Marknagelung).
Eine weitere Möglichkeit der Osteosynthese ist ein externer
Fixateur, mit dem eine äußere Stabilisierung von Knochen-
brüchen erreicht wird. Frakturfern werden über kleine Hautschnitte sog. Pins oder Schanz-Schrauben bzw. SteinmannNägel in den Knochen gebohrt. Diese Implantate befestigt
man außerhalb des Körpers mit Klemmbacken und Träger
elementen (. Abb. 8.10). Eine weitere Variante ist die Anlage
eines externen Fixteurs mit transkutan (durch die Haut) in
den Knochen eingebrachten Drähten, spezielle Ringsystemen
und Längsträgern.
>>Sind diese Osteosynthesesysteme mit den dazuge
hörenden Knocheninstrumenten und den vorhandenen Bohrsystemen bekannt, kann die Frakturver
sorgung beginnen. Jeder Mitarbeiter einer trauma
tologisch-orthopädischen Operationseinheit kennt die
verwendeten Materialien seiner Abteilung und ist im
Umgang mit den zusätzlich benötigten Bohrsystemen
geschult.
8
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
218
(Schulterblatt). Frakturen des Schlüsselbeins entstehen durch
Sturz auf den ausgestreckten Arm oder durch direkte Gewalteinwirkung, wie einen Schlag oder Zug am Autogurt.
Evtl. entstehen durch spitze Knochenfragmente begleitende Nervenschäden des Arms, Gefäß- oder Pleuraverletzungen (Lungenfell). Liegt eine Gefäß- oder Nervenverletzung
vor, ist die Durchblutung, die Motorik, bzw. die Sensibilität
des Arms gestört.
Die Weichteile im Frakturbereich schwellen an, durch
muskulären Zug des M. sternocleidomastoideus steht das mediale Fragment höher (Stufenbildung) als das Gegenfragment.
Die Diagnose wird durch eine Röntgenaufnahme gesichert.
Wir kennen folgende Einteilungen der Klavikulafrak
turen:
44sternumnah: medial (selten),
44im mittleren Drittel des Schlüsselbeins,
44akromionnah: lateral.
8
OP-Ablauf: Osteosynthese einer Klavikulafraktur
a
b
..Abb. 8.10a, b Unilaterale Fixateur-externe-Montagen. a Bei proximaler Tibiafraktur, b Dreirohrfixation bei Tibiaschafttrümmerfraktur.
Aus Siewert JR, Stein HJ (2012) Chirurgie mit integriertem Fallquiz, 9. Aufl.
Springer, Berlin Heidelberg New York
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 8.1
55 Erklären Sie die Begriffe:
–– Fraktur,
–– Reposition,
–– Osteosynthese.
55 Beschreiben Sie eine Cerclage und eine Zuggurtung.
55 Wodurch unterscheidet sich eine DCP von einer LCP?
55 Welche Schrauben zur Osteosynthese kennen Sie
und worin unterscheiden sie sich?
55 Beschreiben Sie das Einbringen einer Zugschraube.
8.2
Schulter
Olga Aßmann
8.2.1
Klavikulafraktur (Schlüsselbeinbruch)
Das Schlüsselbein ist ein S-förmiger, im Verlauf tastbarer
Knochen, der in der Körpermitte (medial) über das Sternoklavikulargelenk (Brustbein-Schlüsselbein-Gelenk) mit dem
Sternum verbunden ist, sowie seitlich (lateral) über das Akromioklavikulargelenk (Schultereckgelenk) mit der Skapula
55 Für die geplante Osteosynthese einer Klavikulafraktur benötigen wir neben dem Grundinstrumentarium
allgemeines Knocheninstrumentarium, eine Bohr
maschine und das Kleinfragmentinstrumentarium
mit den Implantaten.
55 Der Patient wird halbsitzend (Beach-chair-Lagerung,
7 Abschn. 4.5.2) positioniert, die betroffene Schulter
wird leicht angehoben, der Kopf leicht rekliniert
(nach hinten gestreckt) und zur Seite gedreht.
55 Das Röntgengerät wird bereitgestellt. Es ist darauf
zu achten, dass Monitor und C-Bogen auf der gegenüberliegenden Seite stehen. Es muss sichergestellt
sein, die Klavikula in 2 Ebenen in beide Richtungen
röntgen zu können.
55 Das Operationsgebiet inkl. Oberarm bis zum Ellen
bogen wird desinfiziert und der Patient so abgedeckt,
dass der betroffenen Arm während des Eingriffs bewegt werden kann. Nach dem standardisierten TeamTime-Out beginnt die Operation mit einem leicht
gebogenen Schnitt parallel zu der Hautspaltlinie oder
rechtwinkelig zur Klavikula (Säbelhiebschnitt) in
Höhe der Fraktur. Nach der subkutanen Aufspaltung
des Unterhautgewebes (Dissektion) mit einer Prä
parierschere und einer chirurgischen Pinzette werden
die Äste der sensorischen Nerven dargestellt. Die
Hauptfasern müssen geschont werden und sind deshalb während der Operation mit Gefäßschlingen
angezügelt.
55 Das Platysma (Hautmuskel des Halses) wird vorsichtig mit einem Skalpell gespalten, um das Periost
(Knochenhaut) der Klavikula darzustellen. Hier sollte
das Periost nicht von den Knochenfragmenten abgelöst werden, damit der Knochen auch postoperativ
gut durchblutet wird und heilen kann.
55 Mit der Reposition der Fragmente werden die nor
male Länge, die Achsenwinklung und die Rotation
219
8.2 · Schulter
wieder hergestellt. Gibt es Trümmerfragmente,
werden diese ebenfalls reponiert und vorübergehend mit Kirschner-Drähten fixiert, ohne dass dabei
das eigentliche Fixationsimplantat gestört wird.
55 Es wird eine 3,5-LCP- («locking compression plate»)
Klavikulaplatte in einer für die Fraktur geeigneten
Länge ausgewählt, evtl. muss die Platte an die Anatomie des Patienten angepasst werden. Durch Schränkeisen, Biegezangen und/oder Biegepresse kann die
Platte geformt werden.
55 Die Klavikulaplatte wird platziert und evtl. mit Kirschner-Drähten am Ende der Platte vorübergehend
fixiert.
55 Evtl. wird zum Erhalt der Reposition eine Zugschraube
durch die Platte eingebracht. Bei manchen Frakturen
ist eine Zugschraube auch grundsätzlich erforderlich.
55 Über eine Bohrbüchse wird eine 3,5-mm-Kortikalisschraube zur temporären Fixierung eingebracht.
Die Röntgenkontrolle zeigt, ob die Ausrichtung
stimmt, das Bild wird für die Patientenakte ausgedruckt. Bei korrekter Lage der Platte wird diese mit
einer Kombination aus Kortikalis- und Kopfverrie
gelungsschrauben an die Klavikula herangezogen
und somit fixiert.
55 Die Wunde wird mit physiologischer NaCl-Lösung
gespült, um ggf. feine Knochensplitter und Koagel
zu entfernen, da diese sonst die Heilung beeinträchtigen.
55 Bei Bedarf kann eine Redon-Drainage gelegt werden, um Wundsekret, Blut und Lymphe abzuleiten.
Danach kann nach der Zählkontrolle und deren
Dokumentation der schichtweise Verschluss mit zartem resorbierbarem Nahtmaterial vorgenommen
werden.
>>Während einer Osteosyntheseoperation muss der
Instrumentant folgendes bedenken:
55 Einmal gebogene Platten dürfen nicht wieder zurückgebogen werden, da sie dadurch geschwächt
werden.
55 Schrauben, die im Knochen eingedreht waren
und doch nicht verwendet wurden, dürfen nicht
resterilisiert werden, dieses gilt auch für KirschnerDrähte, die ein Gewinde besitzen.
55 Bohrbüchsen müssen nach jeder Benutzung durchgespült werden, dadurch werden Blutkoagelreste
entfernt und ein präziseres Bohren gewährleistet.
8.2.2
Skapulafraktur (Schulterblattbruch)
Das Schulterblatt ist ein dreieckiger, platter Knochen, an dessen dorsaler (hinteren) Seite die Spina scapulae tastbar hervorspringt, diese endet lateral (seitlich) am Akromion (Schulterhöhe). An der lateralen, oberen Ecke des Schulterblatts
befindet sich eine muldenförmige Vertiefung, die sog. Gelenkpfanne (Cavitas glenoidalis). Die Schultergelenkpfanne
wird auch Glenoid genannt. An der ventralen (bauchwärts)
Seite befindet sich ebenfalls ein Fortsatz, der Processus coracoideus (Rabenschnabelfortsatz), an dem die Sehne des
M. biceps brachii anhaftet.
Skapulafrakturen treten in der Regel aufgrund erheblicher
Gewalteinwirkung auf, oft durch einen Verkehrsunfall (Polytrauma), Sturz aus großer Höhe oder durch Sportverletzungen. Der Patient klagt über eine schmerzhaft eingeschränkte
Schulterbeweglichkeit mit lokalem Druckschmerz. Durch
eine Röntgenuntersuchung ist in der Regel eine ausreichende
Abklärung möglich.
Je nach Lokalisation und Instabilität der Fraktur muss
diese operativ versorgt werden.
Für die Osteosynthese einer Skapulafraktur (zur Versorgung von Korpus-, Skapulahals- und Glenoidfrakturen) benötigen wir Grundinstrumente, allgemeine Knocheninstrumente, Kleinfragmentinstrumente und -implantate sowie
eine Bohrmaschine.
Das Röntgengerät wird bereitgestellt, dabei ist darauf zu
achten, dass der Monitor und der C-Bogen auf der gegenüberliegenden Seite stehen. Es muss in 2 Ebenen geröntgt werden.
Auf den Röntgenschutz des Patienten und der Mitarbeiter ist
zu achten.
Der Patient liegt auf einem geraden Tisch in stabiler Seitenlage auf einer Vakuummatratze, der betroffene Arm muss
frei beweglich bleiben. Nachdem der Patient in Narkose in die
korrekte Lagerung gebracht wurde, wird das Operations
gebiet bis zur Mitte des Oberarms desinfiziert und der Patient
wird steril so abgedeckt, dass der Arm intraoperativ frei beweglich ist. Nach dem standardisierten Team-Time-Out beginnt die Operation.
Bei Korpusfrakturen wird der Zugang nach Judet gewählt. Der Hautschnitt verläuft von der untersten Ecke der
Skapula bogenförmig entlang des medialen Rands bis hin
zum Akromion. Nachdem die Faszie gespalten und der
M. deltoideus von der Spina scapulae abgelöst wurde, kann
die Fraktur reponiert werden. Die Stabilisierung erfolgt mit
Rekonstruktions- oder Drittelrohrplatten (s. o.).
Bei einer Skapulahals- und Glenoidfraktur wird der Zugang nach Rockwood gewählt. Der Hautschnitt verläuft von
der obersten Ecke des Akromion gerade nach unten bis hin
zur hinteren Achselhälfte. Nach dem Spalten der Faszie werden die Fasern des M. deltoideus gesplittet. Dadurch ist der
Zugang zur Gelenkkapsel frei, die dann entlang des Pfannenrands inzidiert wird. Die Fraktur wird reponiert und mit einer
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