Pneumoperitoneum über die Veress-Nadel erfolgen. Dazu wird die Bauchhaut angehoben, oft werden dafür zwei spitze BackhausKlemmen benutzt, mit einem Stichskalpell eine Hautinzision
durchgeführt und mit der Veress-Kanüle blind der Intraperitonealraum punktiert. Um sicher zu sein, dass die Kanüle frei
im Bauchraum liegt, wird ein Sicherheitstest (Durchspülen
der Kanüle, Aspiration, o. Ä) durchgeführt, bevor das Kohlendioxid (CO2) insuffliert wird.
Nach der Anlage des Pneumoperitoneums wird der erste
Trokar für die Optik ebenfalls blind in die Bauchhöhle eingebracht. Als Alternative stehen Optiktrokare zur Verfügung,
die durch einen durchsichtigen Obturator (Mandrin) das Einbringen in die Bauchhöhle unter Sicht ermöglichen.
Vielfach hat sich die offene Anlage des Pneumoperitoneums (die sog. Hasson-Technik) über die sog. Minilaparotomie durchgesetzt. Dafür wird eine kleine Hautinzision gesetzt,
die Faszie gespalten und das Peritoneum unter Sicht eröffnet.
Sind Anhaftungen der Bauchorgane vorhanden, können diese
erkannt und gelöst werden, bevor der Trokar mit einem Mandrin eingebracht und die Insufflation begonnen wird.
Ein Single-Port bezeichnet das Einbringen eines einzigen
Trokars um den Nabelbereich herum, dieser Trokar hat 3 Zugänge (Tri-Port) über die das Gas insuffliert, der Optiktrokar
und 1–2 Arbeitstrokare eingebracht werden.
Der Vollständigkeit halber sei hier noch die NOTES (natural orifice transluminal endoscopic surgery)-Technik erwähnt, die den Zugang zum Erfolgsorgan über eine natürliche
Körperöffnung nutzt. So kann z. B. über die Vagina mit einer
Zusatzinzision eine Gallenblase entfernt werden.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 7.1
55 Beschreiben Sie bitte die «mediane Laparotomie».
55 Welche Zugangswege in der minimal-invasiven
Chirurgie (MIC) sind Ihnen bekannt?
7.2
Hernien
Denise Oppermann
Eine Hernie ist ein angeborener oder erworbener Austritt der
inneren Organe außerhalb der anatomischen Grenzen unter
die Haut oder in andere anatomische Höhlen. Eine Hernie
besteht aus Bruchsack, Bruchpforte und Bruchinhalt. Bruch
inhalt sind Eingeweideanteile wie z. B. Netz, Darm oder
andere Organe. Es werden äußere und innere Hernien unterschieden.
44Eine äußere Hernie liegt unter der Haut. Beispiele: Leistenhernie, Schenkelhernie, Nabelhernie, Narbenhernie
oder epigastrische Hernie.
44Innere Hernien sind Verlagerungen oder Vorwölbungen
von Organen in angeborene oder erworbene Lücken
der Bauchhöhle. Beispiele: Zwerchfellhernien, Ileozäkalhernien
Es gibt verschiedene Entwicklungsformen von Hernien.
44Eine angeborene Hernie entsteht durch eine anatomisch präformierte Lücke z. B. offener Prozessus vaginalis peritonei (7 Kap. 18) oder muskelschwache Bezirke
wie bei der Zwerchfellhernie (7 Abschn. 7.4.1).
44Die erworbene Hernie entsteht durch den Verlust der
Gewebefestigkeit. Eine schwere körperliche Arbeit kann
als Ursache erschwerend hinzukommen. Postoperative
Hernien entstehen im Bereich der postoperativen
Narben (Verlust der Gewebefestigkeit) oder durch
operationsbedingte Veränderungen der anatomischen
Verhältnisse im Bauchraum (z. B. entsteht eine innere
Hernie durch einen nicht geschlossenen Schlitz im
Mesenterium).
Bei Gleithernien sind die Organe oder Organanteile teilweiser Bestandteil der Bruchsackwand. Folglich sind ausschließlich Organe betroffen, die nur von einer Seite mit viszeralem
Peritoneum überzogen sind (z. B. Zäkum, Colon ascendens,
Colon descendens).
Eine symptomatische Hernie wird durch eine intraabdominale Drucksteigerung verursacht, die aus einer anderen
Erkrankung entsteht. Beispiele sind Tumorwachstum, chronische Obstipation oder Aszites.
Eine Hernie, die keine akuten Beschwerden macht, aber
Bruchinhalt nicht oder nicht vollständig durch die Bruchpforte zurückgehen lässt, bezeichnen wir als nicht reponible
Hernie. Dieser Zustand entsteht durch die Bildung von Verwachsungen zwischen den einzelnen Bruchinhaltteilen sowie
zwischen Bruchinhalt und Bruchsack.
Von einer inkarzerierten Hernie sprechen wir, wenn die
Irreponibilität akut entsteht und daraus akut auftretende Beschwerden hervorgehen. Durch die akute Einklemmung
kommt es zu Durchblutungsstörungen, die zu einer vitalen
Bedrohung werden, wenn der Bruchinhalt aus Darmschlingen oder Darmwandabschnitten besteht. Bei Darmbeteiligung kommt es durch die Einklemmung zum Darmverschluss.
Eine länger andauernde Inkarzeration führt zur Nekrose der
151
7.2 · Hernien
Darmwand mit der Folge einer Peritonitis (Bauchfellent
zündung). Die Brucheinklemmung geht mit starken lokalen
Schmerzen einher. Außerdem ist eine Schwellung sichtbar. Es
kann zu Übelkeit und Erbrechen kommen.
Bei jeder frischen Inkarzeration sollte der Versuch der Reposition unternommen werden, der jedoch nur in den ersten
Stunden der Einklemmung erfolgen darf.
Nur eine komplette Reposition führt zur raschen Beschwerdefreiheit. Die Reposition en bloc bei unsachgemäßer
Reponierung kann eine gefährliche Komplikation darstellen.
>>Eine Hernie heilt nie von selbst und muss deshalb
operiert werden, um die Gefahr einer Einklemmung zu
vermeiden; ohne Inkarzeration kann sie als Wahleingriff (elektiver Eingriff) operiert werden.
Die inkarzerierte Hernie stellt eine Notfallindikation für eine
Operation dar!
7.2.1
Leistenhernie (hernia inguinalis)
Der Leistenkanal gilt als natürliche Schwachstelle der Bauchwand, bei Männern häufiger als bei Frauen. Der Leistenkanal
hat eine Länge von 4–5 cm und verläuft von lateral nach medial und von kranial nach kaudal (wie eine Hosentasche). In
ihm verläuft beim Mann der Samenstrang (Funiculus spermaticus), bei der Frau das sehr viel dünnere Lig. teres uteri.
Der Samenstrang wird von einer Muskelschicht (M. cremaster) umhüllt. Er enthält den Samenleiter (Ductus deferens)
sowie die Gefäßversorgung des Hodens, der A. spermatica
und die ableitenden Venen im Plexus pampiniformis.
Der innere und äußere Leistenring sind die Begrenzungen des Leistenkanals. Der innere Leistenring befindet sich
1,5 cm oberhalb der Mitte des Leistenbands, er stellt als innerer Eingang einen Schwachpunkt der Bauchdecke dar. Durch
den intrabdominellen Druck kann es hier zu einer Bruchentwicklung kommen. Medial des inneren Leistenrings verlaufen in Körperlängsrichtung die epigastrischen Gefäße. Der
äußere Leistenring befindet sich oberhalb des Tuberculum
pubicum. Er wird durch eine Sehnenlücke des M. obliquus
externus abdominis gebildet.
Die Begrenzungen des Leistenkanals sind
44an der Vorderwand die Externusaponeurose (flächiger
Sehnenansatz des M. obliquus externus abdominis),
44an der Hinterwand die Fascia transversalis,
44kranial der M. obliquus internus abdominis und der
M. transversus abdominis,.
44kaudal das Leistenband, es zieht vom vorderen oberen
Darmbeinstachel zur Symphyse.
Die Leistenbrüche werden, je nach Bruchpforte, in direkte
und indirekte Hernien eingeteilt (. Abb. 7.2).
44Direkte Leistenhernie: Eine direkte Hernie wird auch
als senkrechter, innerer oder medialer Bruch bezeichnet.
Die Durchtrittstelle liegt medial der epigastrischen Ge
fäße. Der Bruchsack tritt durch die Fascia transversalis
durch.
..Abb. 7.2 Bruchpforten in der Leistenregion. Aus: Offber FA (2013)
Hernien. In: Stolte M, Rüschoff J, Klöppel J (Hrsg) Pathologie – Verdauungstrakt und Peritoneum. Springer, Berlin Heidelberg New York
44Indirekte Leistenhernie: Die indirekte Hernie heißt
auch schräger, äußerer oder lateraler Bruch. Die Durchtrittstelle ist der innere Leistenring und liegt lateral der
epigastrischen Gefäße. Der Bruchsack verläuft durch den
Leistenkanal zum äußeren Leistenring und kann bis ins
Skrotum als sog. Skrotalhernie vordringen.
j
jHernioplastiken
Hinsichtlich der Wahl der verschiedenen Operationsverfahren besteht kein allgemeingültiger Konsens. Welche Methode
im Einzelfall zum Einsatz kommt hängt von verschiedenen
Faktoren wie Nebenerkrankungen, persönlicher Präferenz
des Operateurs, Alter des Patienten oder der Größe des
Bruchs ab.
Grundsätzlich werden offene (konventionelle) Opera
tionsverfahren von minimal-invasiven Verfahren unter
schieden.
Die Operation einer Leistenhernie des Mannes lässt sich
in zwei Abschnitte unterteilen:
44Freilegung und Mobilisierung des Samenstrangs. Aufsuchen des Bruchsacks und dessen operative Versorgung
(Herniotomie).
44Verschluss der Bruchpforte mit dem Prinzip der Verstärkung der Hinterwand des Leistenkanals. Hierbei gibt es
verschiedene Möglichkeiten (Hernioplastik).
Die konventionell-offenen Verfahren sind nach den Chirurgen benannt, die ihr Verfahren entwickelt und beschrieben
haben.
Bei der nur noch selten durchgeführten Hernioplastik
nach Bassini wird die Fascia transversalis vollständig gespalten, eine durchgreifende Naht heftet den M. obliquus internus, die Fascia transversalis und den M. transversus abdominus an die Innenfläche des Leistenbands. Zur Sicherung wird
die erste Naht in das Schambeinperiost gelegt.
7
152
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
Bei der ebenfalls nur noch selten angewendeten Hernioplastik nach McVay werden der M. obliquus internus und die
7
Transversusfaszie an das Cooper-Band (Lig. pubicum supe
rius) geheftet.
Bei jüngeren Patienten und kleinen Brüchen wird bei der
Hernioplastik nach Shouldice die Fascia transversalis gespalten und mit einer fortlaufenden Naht gedoppelt. Danach wird
eine Naht des M. obliquus internus und des M. transversus
abdominis als zweite Schicht an das Leistenband geheftet. Als
Vorteil gilt, dass kein Fremdmaterial (Kunststoffnetz) im Patienten verbleibt, nachteilig ist, dass der Patient erst nach ca.
6 Wochen körperlich maximal belastbar ist.
Bei großen Hernien und Rezidivhernien wird die Hernioplastik nach Lichtenstein gewählt. Dazu wird ein Kunststoffnetz mit oder ohne Beschichtung) spannungsfrei als Verstärkung der Hinterwand (Fascia transversalis) implantiert. Die
Vorteile liegen im spannungsfreien Bruchpfortenverschluss,
der Patient ist schneller körperlich belastbar.
Bei Kindern wird in der Regel nur der Bruchsack abgetragen und verschlossen.
Kunststoffnetze gibt es als nicht resorbierbare und als
teilresorbierbare Netze. Die teilresorbierbaren Polypropylennetze werden mit geringen Kunststoffmengen gefertigt und
gelten als gut verträglich. Durch leichtgewichtige titanversiegelte Polypropylennetze kommt der Körper (durch die Titanversiegelung) nicht mehr mit dem Kunststoff in Berührung,
das soll eine deutlich geringere Fremdkörperreaktion hervorrufen.
Grundsätzlich gilt, dass jedes Fremdmaterial die Gefahr
einer Wundheilungsstörung oder eines Hernienrezidivs birgt.
In vielen Kliniken wird vor Öffnen und Einlegen des Kunststoffnetzes ein Handschuhwechsel durchgeführt.
OP-Ablauf: Hernioplastik nach Lichtenstein
55 Für eine geplante offene Hernioplastik nach Lichtenstein wird der Patient in Rückenlage auf dem Opera
tionstisch positioniert. Die Operation kann in örtlicher
Betäubung, über eine Narkose mit Larynxmaske, eine
Regionalbetäubung durch Spinalanästhesie oder
über eine Intubationsnarkose (7 Kap. 23) durchgeführt werden.
55 Wir bereiten das Grundinstrumentarium und einen
Gummizügel vor. Es stehen verschiedene Kunststoffnetze sowie resorbierbare und nicht resorbierbare
Nahtmaterialien zur Verfügung, die nach Standard
des Hauses bereitgelegt werden.
55 Eine Neutralelektrode wird auf dem Oberschenkel des
Patienten platziert und mit dem HF-Gerät verbunden.
55 Nach der Hautdesinfektion und dem sterilen Ab
decken sowie dem Anschluss des monopolaren
Koagulationskabels erfolgt das Team-Time-Out.
55 Der Hautschnitt wird parallel etwa 2 Querfinger
oberhalb des Leistenbands gesetzt. Das Subkutan
gewebe wird durchtrennt und die Externusaponeurose dargestellt. Bei diesem Zugang kreuzen die
oberflächlichen epigastrischen Gefäße die Schnitt
ebene.
55 Danach wird die Aponeurose des M. obliquus externus am äußeren Leistenring beginnend in Faserrichtung gespalten. Die Aponeurose wird stumpf vom
M. obliquus internus abdominis und dem M. cremaster gelöst. Das Leistenband wird ebenfalls freiprä
pariert.
55 Nach Eröffnung des Leistenkanals wird der Samenstrang freigelegt, der M. cremaster, der den Samenstrang umhüllt, wird reseziert.
55 Jetzt wird der Bruchsack aufgesucht, dargestellt
und angeklemmt. Mittels einer Präparierschere nach
Metzenbaum wird dieser nun bis zur Bruchpforte
freipräpariert. Nun ist freie Sicht auf den inneren Leistenring und die epigastrischen Gefäße, die entweder
lateral oder medial der Bruchpforte liegen. Nach Eröffnung des Bruchsacks erfolgt die Inspektion des
Inhalts.
55 Mit einem feuchten Stieltupfer wird, wenn möglich,
der Bruchsackinhalt stumpf in die Bauchhöhle reponiert.
55 Nach Anlegen einer Tabakbeutelnaht wird der
Bruchsack abgetragen. Bei der direkten Hernie ist die
Eröffnung des Bruchsacks in der Regel nicht nötig.
Ist er sehr groß, wird er reponiert und durch eine
Tabakbeutelnaht versenkt.
55 Als nächster wichtiger Schritt wird nun die Bruchpforte verschlossen. Dieses beinhaltet die Verstärkung der Hinterwand des Leistenkanals durch
Implantation eines Kunststoffnetzes.
55 Das Netz wird zugeschnitten. Mit angeschrägten
Ecken und einem lateralen Schlitz zur Aufnahme des
Samenstrangs wird es zwischen Leistenband und
M. obliquus internus positioniert. Der untere Teil des
Netzes wird mit nichtresorbierbarer fortlaufender
Naht am Unterrand des Leistenbands am Os pubis
beginnend bis in Höhe des inneren Leistenrings
fixiert. Zur Neubildung des inneren Leistenrings
werden die beiden Schenkel des Netzes unterhalb
des Samenstrangs übereinandergelegt und vernäht.
Danach wird der obere Rand des Netzes an dem
M. obliquus internus fortlaufend fixiert.
55 Es folgt der Verschluss der Externusaponeurose mit
einer fortlaufenden Naht.
55 Nach dem schichtweisen Wundverschluss wird ein
Pflasterverband angelegt.
Minimal-invasive Verfahren
Eine weitere Möglichkeit der Versorgung von Leistenhernien
bietet die laparoskopische Technik. Das minimal-invasive
Verfahren bietet Vorteile z. B. bei dem Verschluss beidseitiger
Hernien sowie Rezidivhernien. Die Patienten haben in der
Regel weniger Schmerzen nach der Operation und sind
schneller belastungsfähig.
153
7.2 · Hernien
Bei dem laparoskopischen Verfahren muss der Patient in
Vollnarkose operiert werden. Die Bruchpforte wird hier immer mit einem Kunststoffnetz verschlossen, die Hinterwandverstärkung erfolgt im Bereich der Fascia transversalis. Um
Hernienrezidive zu vermeiden werden große Netze (15×10 cm
und größer) gefordert.
Wir unterscheiden zwei minimal-invasive Verfahren.
44TAPP (transabdominale präperitoneale Netzimplantation): Bei dieser Technik wird das Kunststoffnetz auf
laparoskopischem Weg durch die freie Bauchhöhle von
innen zwischen der Fascia transversalis und das Peri
toneum über der Bruchpforte platziert.
44TEP (totale extraperitoneale Plastik): Die Bauchhöhle
wird bei diesem Zugang nicht eröffnet. Über einen kleinen paraumbilikalen Schnitt wird ein spezieller Dilatations-Trokar in einen Raum zwischen der Hinterwand
des M. rectus abdominis und dem Peritoneum eingebracht. Durch Auffüllen des Ballons entsteht ein präperitonealer Raum, der so groß sein muss, dass ein die
Bruchpforte weit überragendes Kunststoffnetz eingebracht werden kann.
Für eine laparoskopische Hernioplastik wird der Patient
in Trendelenburg-Lagerung in 20- bis 30°-Position gebracht
(7 Abschn. 4.5.2). Bei der TEP wird der Patient in Rückenlage
zu positioniert. Der Endoskopieturm wird nach Standard
vorbereitet (7 Abschn. 2.2). Neben dem benötigten Grund
instrumentarium bereiten wir das laparoskopische Hernieninstrumentarium vor, das eine 30°-Optik mit dem dazugehörigen 10-mm-Optiktrokar beinhaltet. Je nach der geplanten
Operation
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