ebenfalls eine winkelstabile Platte ein
gebracht, die sowohl im Kopf als auch im Schaft mit
winkelstabilen Schrauben verankert ist. Dadurch lässt
sich eine stabile Verbindung zwischen Schaft und Kopf
erreichen. Ist der Kopf darüber hinaus in sich noch gebrochen, werden diese einzelnen Fragmente zunächst
durch Zugschrauben gegeneinander fixiert, sodass ein
fester Gelenkblock entsteht. Moderne Plattensysteme
haben Zielgeräte, sodass relativ kleine Inzisionen ge
nügen.
44Proximale Tibia- oder Unterschenkelfrakturen werden
in der Regel nicht mit Nägeln versorgt, da Marknägel
beim Einbringen in den Tibiaschaft oft zu einer Dislokation der Fragmente führen. Die proximalen Unterschenkelfrakturen sind daher eine klare Indikation für die Versorgung mit einer Plattenosteosynthese.
>>Die operative Versorgung von Tibiakopffrakturen wird
immer unter Bildwandlerkontrolle durchgeführt.
Manchmal ist es sinnvoll, eine Osteosynthese mit einer
Arthroskopie zu kombinieren.
Schaftfrakturen
Die Fraktur des Schienbeins entsteht meistens durch Verkehrsunfälle, gelegentlich auch durch Sportunfälle.
In der Regel ist bei einem Schienbeinbruch auch das
Wadenbein (Fibula) mit gebrochen.
Eine Fraktur des Schienbeines gilt als OP-Indikation, am
häufigsten ist die Versorgung mit einem Tibianagel.
OP-Ablauf: Tibianagelung
55 Ist es geplant, eine Schaftfraktur mit einem Tibianagel
zu versorgen, bereiten wir das Grundinstrumentarium
und eine Bohrmaschine sowie die speziellen Instrumente für eine Marknagelung vor. Falls es erforderlich ist den Markraum aufzubohren, richten wir zusätzlich flexible Bohrwellen. Vor der OP prüfen wir die
Vollständigkeit der einzeln verpackten Implantate
und stellen sie bereit, um sie intraoperativ auf Ansage
zügig öffnen zu können.
55 Der Patient liegt auf einem Extensionstisch oder in
Rückenlage mit hängendem Unterschenkel, immer
wird unter Bildwandlerkontrolle operiert. Damit die
Fraktur reponiert werden kann, muss am Unterschenkel gezogen werden. Dafür wird unter den Ober-
241
8.7 · Verletzungen des oberen Sprunggelenks (OSG)
schenkel eine Rolle am Tisch fixiert, die als Gegen
lager dient.
55 An den Kalkaneus (Fersenbein) wird eine Extension
(Streckung) angebracht, an der gezogen wird. Dafür
wird ein 2,0-mm-Kirschner-Draht mit einer Bohrmaschine durch den Kalkaneus gebohrt. Daran wird ein
Extensionsbügel befestigt, der mit dem Extensionstisch verbunden wird. Nun wird der Unterschenkel
mittels eines Zugschlittens am Tisch in die Länge gezogen. Nach der Reposition unter Bildwandlerkon
trolle kann die Hautdesinfektion und die sterile Abdeckung durchgeführt werden.
55 Nach dem standardisierten Team-Time-Out wird ein
kleiner Hautschnitt über dem Lig. patellae (Patellaband) gesetzt, der Markraum wird mit einem Bohrer
eröffnet. Der Führungsspieß wird eingebracht und
fädelt, unter Röntgenkontrolle, die Frakturfragmente
auf, er wird bis zum Sprunggelenk vorgeschoben.
55 Anhand des herausstehenden Drahts kann die Nagellänge ermittelt werden, evtl. muss der Markraum
noch mit flexiblen Bohrern aufgebohrt werden.
55 Das Einbringen des Nagels, der schon am Zielgerät
befestigt ist, erfolgt wieder unter Röntgenkontrolle.
55 Über das Zielgerät werden nun die proximalen (oberen) Verriegelungsschrauben eingebracht.
55 Die distalen (unteren) Verriegelungsschrauben müssen «freihand» gesetzt werden. Dafür wird der Bildwandler so eingestellt, dass die Verriegelungslöcher
rund auf dem Monitor erscheinen. Über eine Stich
inzision wird mit einem Bohrer (z. B. ∅ 4,2 mm) durch
das Loch gebohrt, die Längenmessung durchgeführt
und eine Verriegelungsschraube (z. B. ∅ 5,0 mm) eingedreht.
55 Nach der Hautnaht wird der Extensionsdraht aus
dem Kalkaneus entfernt.
..Abb. 8.22 Anlage eines Fixateur externe am Sprunggelenk. Aus:
Kohn D, Pohlemann T, Fritsch E (2010) Operationsatlas für die ortho
pädisch-unfallchirurgische Weiterbildung. Springer, Berlin Heidelberg
ew York
N
die Verwendung einer winkelstabilen Pilon-tibiale-Platte
üblich, die mit Kopfverriegelungsschrauben (z. B. ∅ 3,5 mm)
an die Innenseite der Tibia geschraubt wird. Wichtig ist die
möglichst exakte Wiederherstellung der Gelenkfläche, um die
Ausbildung einer Arthrose zu verhindern.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 8.6
55 Was beschreibt ein «Kompartementsyndrom»?
55 Was ist eine Pilonfraktur und wie erfolgt in der Regel
die operative Versorgung dieses Knochenbruchs?
8.7
Verletzungen des oberen
Sprunggelenks (OSG)
Jens Köpcke, Silke Meister
Bei offenen Frakturen wird zur Stabilisierung des Bruchs ein
Fixateur externe angebracht, weil die Pins für den Fixateur
frakturfern eingebracht werden, sodass das Implantat keinesfalls mit dem mit Bakterien belasteten Knochen in Berührung
kommt. Die Ruhigstellung durch den Fixateur beschleunigt
die Wundheilung.
8.6.4
Pilonfraktur
Die Pilonfraktur ist ein Knochenbruch des unteren Schienbeins. Häufig ist auch die Tibiagelenkfläche des oberen Sprung
gelenks mit betroffen. Die Fraktur führt meistens zu einer
massiven Weichteilschwellung. Ausgeprägte Weichteilschäden, z. B. offene Wundverhältnisse, sind häufige Begleitverletzungen. Die operative Versorgung der Pilonfraktur erfolgt in
der Regel zunächst mit einem Fixateur externe (. Abb. 8.22).
Nach Rückgang der Weichteilschwellung kann die Fraktur
mit einer Plattenosteosynthese stabilisiert werden. Dazu ist
8.7.1
Kapsel-Band-Verletzungen
Sie stellen eine typische Sportverletzung dar, da die Distorsion
(Verdrehen, Verstauchen) des Sprunggelenks zur Überdehnung führt oder zum Reißen der Bänder und der Kapsel. Der
Fuß ist häufig noch belastbar, aber sehr schmerzhaft und geschwollen. Die konservative Behandlung besteht in einer
Schiene, die 6 Wochen getragen werden sollte.
Nur bei einem Riss der Syndesmose (syn = zusammen,
desmos = Band, eine bindegewebige Verbindung zwischen
Fibula und Tibia, die flächenförmig ausgebildet ist) werden
eine oder zwei Stellschrauben eingebracht, weil diese sonst
nicht gut ruhig gestellt werden kann.
Für eine Stellschraubenversorgung wird eine Kortikalisschraube (Kleinfragment) durch die Fibula in die Tibia geschraubt. Es wird mit einem 2,5-mm-Bohrer ein Loch durch
die Fibula bis in die Tibia gebohrt, die Schraubenlänge wird
gemessen und eine selbstschneidende Kortikalisschraube in
entsprechender Länge eingeschraubt.
8
242
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
8.7.2
Fibulafrakturen
Fibulafrakturen sind Knochenbrüche des Wadenbeins. Sie
entstehen häufig in Zusammenhang mit weiteren Verletzungen des oberen Sprunggelenks.
8.7.3
8
Bimalleoläre Sprunggelenkfraktur
Je nach Verletzungsmuster werden Knochenbrüche am oberen Sprunggelenk als uni-, bi- oder trimalleoläre Frakturen
bezeichnet. Diese Angaben sind von den Knochenvorsprüngen der Tibia und Fibula am oberen Sprunggelenk, den Knöcheln (Malleoli), abgeleitet. Bei einer bimalleolären Sprunggelenkfraktur sind der Innenknöchel (Tibia) und der Außenknöchel (Fibula) gebrochen. Ist außerdem der hintere Teil des
unteren Schienbeins gebrochen, das sog. Volkmann-Dreieck
(hier setzt die hintere Syndesmose an), sprechen wir von einer
trimalleolären Fraktur.
Für die Beurteilung der Verletzungsschwere ist es jedoch
nicht ausreichend, die Anzahl der Knochenfragmente zu benennen. Das Verletzungsausmaß der Bandstrukturen ist bei
der Planung des operativen Vorgehens ebenfalls zu berücksichtigen.
Üblich ist die Einteilung von Sprunggelenkfrakturen
nach Weber:
44Weber A: Fraktur unterhalb der Syndesmose, Syndes
mose intakt.
44Weber B: Fraktur auf Höhe der Syndesmose, Syndes
mose intakt oder rupturiert.
44Weber C: Fraktur oberhalb der Syndesmose, Syndesmose
rupturiert.
Eine Sonderform der Sprunggelenkfraktur ist die Maisoneuve-
Fraktur, eine hohe Weber-C-Fraktur. Die Fraktur ist unterhalb des Fibulaköpfchens lokalisiert. Sie kann u. a. mit einer
Stellschraube versorgt werden.
j
jOsteosynthese einer bimalleolären Sprunggelenk
fraktur
>>Als Operationsindikationen gelten eine dislozierte
(verschobene) Weber-A- und Weber-B-Fraktur sowie
alle Weber-C-Frakturen.
OP-Ablauf: Osteosynthese einer bimalleolären
Sprunggelenkfraktur
55 Für die geplante Operation einer Fraktur des oberen
Sprunggelenks bereiten wir das Grundinstrumenta
rium, ggf. Knocheninstrumente, eine Bohrmaschine,
das Kleinfragmentinstrumentarium sowie -implan
tate vor. Falls zusätzlich eine Zuggurtungsosteosynthese beabsichtigt ist, ergänzen wir die benötigen
Instrumente und Implantate (z. B. Cerclagedraht).
55 Der Patient liegt auf dem Rücken, ggf. wird ein
Keil unter die Hüfte gelegt, um eine Innendrehung
des Fußes zu erreichen. Da dieser Eingriff unter
Bildwandlerkontrolle durchgeführt wird, müssen
alle Beteiligten auf den Röntgenschutz achten.
Nach der Hautdesinfektion und der sterilen Ab
deckung wird der standardisierte Team-Time-Out
durchgeführt.
55 Die Operation beginnt meistens mit der Osteosynthese des Wadenbeins. Der Hautschnitt liegt über der
Fibula, die Präparation bis zur Fraktur wird mit der
Schere und einem Raspatorium vorgenommen.
Haben sich Teile des Periosts (Knochenhaut) in den
Frakturspalt eingeschlagen, werden sie mit einem
Zahnarzthäkchen entfernt.
55 Die Fraktur wird reponiert und das Ergebnis mit
Repositionszangen vorübergehend fixiert.
55 Bei Bedarf wird eine Zugschraube eingebracht, um
die Knochenenden aneinander zu ziehen.
55 Es folgen das Anlegen einer Platte (z. B. Drittelrohrplatte, 7 Abschn. 8.1.2) und das Besetzen der Schraubenlöcher.
55 Ist die Syndesmose gerissen, kann über ein freigebliebenes Schraubenloch die Plattenosteosynthese
mit einer Stellschraube kombiniert werden.
55 Der schichtweise Wundverschluss beendet den
ersten Teil des Eingriffs.
55 Nach dem Hautschnitt am Innenknöchel und der Präparation der Fraktur wird diese mit einem Kugelspieß
oder einer spitzen Repositionszange reponiert.
55 Es gibt mehrere Varianten der Frakturversorgung, die
häufigste ist die Zuggurtungsosteosynthese (7 Abschn. 8.1.2):
–– 2 Kirschner-Drähte 1,8 mm werden parallel zu
einander von der Spitze des Innenknöchels über
die Fraktur in die Tibia gebohrt.
–– Mit einem 2-mm-Bohrer wird ein Bohrloch durch
die mediale Tibia gesetzt,
–– ein Cerclagedraht 1,2 mm wird durch das Bohrloch geschoben.
–– In einer 8er-Tour wird der Cerclagedraht um die
Enden des Kirschner-Drahts gelegt und verzwirbelt.
55 Die Alternative zur Zuggurtung ist das Einbringen
von zwei Zugschrauben:
–– Es werden zwei 4,0-mm-Spongiosaschrauben mit
Teilgewinde eingebracht.
–– Mit einem 2,5-mm-Bohrer wird ein Bohrloch gesetzt.
–– Längenmessung mit der Messlatte.
–– Eine Spongiosaschraube mit Teilgewinde und
Unterlegscheibe wird eingeschraubt.
–– Um eine Rotationstabilität zu erreichen, werden
zwei Zugschrauben eingebracht.
55 Nach der Frakturversorgung beenden der schicht
weise Wundverschluss und die Anlage eines Wickelverbandes mit elastischen Binden den Eingriff.
243
8.7 · Verletzungen des oberen S prunggelenks (OSG)
8.7.5
Bohren einer Kleinfragmentzugschraube
55 Bohren des Gleitloches mit einem 3,5-mm-Bohrer
(entspricht dem Gewindedurchmesser der Schraube)
durch das erste Knochenfragment
55 Setzen einer Steckbohrbuchse 3,5/2,5 in die Bohrung
55 Bohren durch das zweite Knochenfragment mit
einem 2,5-mm-Bohrer (entspricht dem Kerndurchmesser der Schraube)
55 Längenmessung mit Messlatte
55 Evtl. Gewindeschneiden bei nichtselbstschneidenden
Schrauben
55 Eindrehen der Schraube in der entsprechenden
Länge
Bei einer tirmalleolären Fraktur kann es erforderlich sein,
das Volkmann-Dreieck mit zwei 4,0-mm-Spongiosaschrauben mit Teilgewinde oder zwei kanülierten 4,0-mm-Teilgewindeschrauben zu refixieren.
Achillessehnenruptur
Die Achillessehne ist die kräftigste Sehne des menschlichen
Körpers und sie ist die am meisten beanspruchte. Ob beim
Sport oder im täglichen Leben, z. B. beim Treppensteigen,
wirken starke Zugkräfte auf sie ein.
Die Ursachen für einen Achillessehnenriss sind vielfältig:
44hohe mechanische Beanspruchung, z. B. im Sport,
44Umknicken des Fußes nach innen oder außen,
44ruckartige Anspannung der Wadenmuskulatur,
44chronische Reizungen und Entzündungen,
44durch Medikamente veränderte Sehnenstruktur.
Wenn die Sehne reißt, beschreiben viele Patienten ein lautes
Geräusch, das wie ein Peitschenknall klingt. Die Patienten
können danach nicht mehr auf den Zehen stehen. Der Riss
wird operativ versorgt.
j
jNaht einer Achillessehnenruptur
OP-Ablauf: Naht einer Achillessehnenruptur
8.7.4
Arthrose des oberen Sprunggelenks
Die Arthrose ist, wie bei der Hüfte oder dem Knie, ein Verschleiß des Gelenkknorpels. Die Ursache kann ein früherer
Unfall (Frakturen, Bänderrisse, etc.) sein, aber auch in einer
rheumatoiden Erkrankung liegen. Eine Spätfolge ist eine
sichtbare Verformung des Fußes.
Als Operationsindikation gelten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Die häufigsten Arten der Behandlung sind die Implantation einer Prothese und die Versteifung
(Arthrodese) des OSG.
Bei einer 3-teiligen Prothese sichern der tibiale Teil, der
talare Teil und eine Gleitfläche dazwischen die Beweglichkeit
des Sprunggelenks. Es wird der Gelenkknorpel der distalen
Tibia und des Talus (Sprungbein) ersetzt.
Die Versteifung (Arthrodese) des oberen Sprunggelenks
wird häufig bei Patienten mit einer rheumatoiden Arthrose
durchgeführt. Hier ist der Knochen häufig so sehr durch die
chronische Entzündung im Gelenk geschädigt, dass keine
Prothese mehr hielte, daher wird das Gelenk mit känülierten
Teilgewindeschrauben versteift.
Dazu muss der Knorpel von der Tibia, dem Talus und der
Fibula entfernt werden, weil nur Knochen auf Knochen zusammenheilt.
Es werden die Schrauben über einen Kirschner-Draht von
der Tibia ausgehend in den Talus geschraubt. Durch das Teilgewinde, das nur im Talus fasst, ist es ein Zugschraubenprinzip. Der Talus wird an die Tibia herangezogen und eine Kompression auf die Arthrodese (Versteifung eines Gelenks) ausgeübt, sodass der Knochen gut miteinander verwachsen kann.
Ebenso möglich ist die Verwendung eines Arthodese
nagels.
55 Ist die Naht einer gerissenen Achillessehne geplant,
bereiten wir das Grundinstrumentarium vor.
55 Der Patient muss auf dem Bauch liegen, eine Blutsperre (7 Abschn. 2.7) wird angelegt.
55 Der Hautschnitt liegt medial der defekten Stelle der
Achillessehne. Der Fuß wird in die Spitzfußstellung
gebracht. Die gerissenen Enden werden aufgesucht
und aneinandergelegt und mit einer Rahmennaht
(nach Kirchmayr/Kessler) zusammengenäht. Die Sehnenscheide, eine dünne Haut, in der die Sehne liegt,
wird ebenfalls wieder vernäht.
55 Anschließend folgt der schichtweise Wundverschluss.
Der Patient wird für ca. 6 Wochen mit einem Vacoped-Stiefel
versorgt. In diesem Stiefel bleibt der Fuß in der Spitzfußstellung, die aber alle 2 Wochen reduziert wird (von 30° auf 15°
und dann auf 0°), um die Sehne zu entlasten. Würde zu viel
Zug auf die Naht der Sehne kommen, könnte diese wieder
reißen. Durch die Umstellung der Spitzfußstellung im Stiefel
werden die Sehne und der Wadenmuskel langsam wieder gedehnt.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 8.7
55 Mit welchen Implantaten ist eine Osteosynthese
einer bimalleolären Sprunggelenkfraktur möglich?
55 Was ist eine Stellschraube und warum wird sie ein
gesetzt?
8
244
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
8.8
Wirbelsäule und degenerative
Erkrankungen
Jens Köpcke
Eine Besonderheit der Wirbelsäulenchirurgie ist, dass je
nach Erkrankung und betroffener anatomischer Struktur die
Fachrichtungen Neurochirurgie, Traumatologie und Orthopädie in die Behandlung des Patienten einbezogen sind. Komplexe Erkrankungen können nur interdisziplinär in spezialisierten Zentren versorgt werden.
C1-7
Lordose
Kyphose
TH1-12
>>Dementsprechend umfangreich ist das Instrumentarium.
8
Es reicht vom neurochirurgischen Mikroinstrumentarium
bis zum Knocheninstrumentarium. Darüber hinaus werden für einige Operationen unterschiedliche Geräte
benötigt, wie z. B. Mikroskop (7 Abschn. 2.6), Endoskope
mit dazugehörigem Monitorwagen, bis zu zwei Bildwandler (7 Abschn. 2.9.4) und neurologisches Monitoring, Bohrsysteme und Navigation.
8.8.1
L1-5
Lordose
Anatomische Grundlagen
Die Wirbelsäule (Columna vertebralis) besteht aus insgesamt
24 Wirbeln und dem Kreuz- und Steißbein. Wenn wir die
beiden ersten Wirbel außer Acht lassen, sind alle gleich aufgebaut. Sie haben einen Körper, einen Bogen, einen Dornund einen Querfortsatz (. Abb. 8.23).
Die enorme Beweglichkeit des Kopfs wird durch das obere und untere Kopfgelenk (Articulatio atlantooccipitalis und
Articulatio atlantoaxialis) ermöglicht. Das obere Kopfgelenk
ist die Verbindung zwischen dem Hinterhauptbein (Os occipitale) und den Gelenkflächen des ersten Halswirbels (Atlas).
Das untere Kopfgelenk zwischen dem ersten und zweiten
Halswirbel (Atlas und Axis) besteht aus drei Gelenkanteilen.
Die zwei seitlichen Gelenkflächen (Articulatio atlantoaxialis
lateralis) dienen als Gleitlager für den Atlas, der sich um
den Zahn (Dens axis) des zweiten Halswirbels dreht (Articulatio alantoaxialis medialis). Die Stabilität der gelenkigen
Verbindungen zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel
wird durch straffe Bänder gewährleistet. Die Flügelbänder
(Ligg. alaria) ziehen von der Densspitze zum Hinterhauptbein. Der Dens wird weiterhin durch das querverlaufende
Band des Atlas (Lig. transversum atlantis) in seiner Position
gehalten.
Die Verbindung der Wirbel untereinander wird durch die
Bandscheiben und verschiedene Bänder erreicht. Die Bandscheiben (Disci intervertebrales) sind an den Endflächen
zweier benachbarter Wirbelkörper befestigt und spiegeln deshalb die Form dieser Flächen wider. Sie sind aus Faserknorpel
aufgebaut, der in der Mitte zum Nucleus pulposus aufgequollen ist. Der Nucleus pulposus wirkt wie ein Wasserkissen. Damit diese weiche Masse nicht durch die Last der Wirbelsäule
zwischen den Wirbelkörpern herausgequetscht wird, ist er
von dem Faserring (Anulus fibrosus) außen umgeben, der aus
straffen, kollagenen Faserzügen besteht. Das funktionelle Zu-
a
b
c
..Abb. 8.23a–c Wirbelsäule von vorn (a), hinten (b) und seitlich von
links (c). Beachten Sie die Größe der Wirbelkörper sowie die Stellung der
Dornfortsätze in den unterschiedlichen Wirbelsäulenabschnitten. In der
Seitenansicht sind die physiologischen Wirbelsäulenschwingungen zu
erkennen. Aus: Appell HJ, Stang-Voss C (2008) Funktionelle Anatomie.
Grundlagen sportlicher Leistung und Bewegung. Springer, Berlin Heidelberg New York
sammenwirken von Bandscheibe und Bandapparat wird diskoligamentäres Gleichgewicht genannt. Zwei benachbarte
Wirbel mit der verbindenden Bandscheibe und den dazugehörigen Wirbelgelenken sowie der Bandapparat bilden das
sog. Bewegungssegment.
Der Bandapparat besteht aus den vorderen und hinteren
Längsbändern, den Zwischendornfortsatzbändern, den
Dornspitzenbändern und den Zwischenbogenbänder, auch
gelbe Bänder (Ligg. flava) genannt.
Die Halswirbelsäule (HWS) wölbt sich nach vorn (Lordose), die Brustwirbelsäule (BWS) nach hinten (Kyphose) und
die Lendenwirbelsäule (LWS) wieder nach vorn (Lordose),
deshalb sieht die Wirbelsäule von der Seite aus wie ein «S».
Die Bänder geben der Wirbelsäule ihren Halt, die Muskulatur
stützt zusätzlich.
Da die Wirbel alle aufeinandergereiht sind, entsteht in der
Mitte durch die Wirbellöcher ein Kanal, der Spinalkanal.
245
8.8 · Wirbelsäule und degenerative Erkrankungen
8.8.2
Erkrankungen
Erkrankungen der Wirbelsäule können wir nach ihrer Ursache (Pathogenese) unterscheiden. Abnutzungsbedingte (degenerative) Erkrankungen können die gesamte Wirbelsäule
betreffen. Sie sind jedoch häufig aufgrund der starken Belastung an der unteren Halswirbelsäule und der Lendenwirbelsäule lokalisiert. Maßgeblich für die Degeneration ist der
Zustand der Bandscheibe (Discus intervertebralis). Mit zunehmendem Alter nimmt die Verformbarkeit (Elastizität) der
Bandscheibe ab und es kommt zum Verschleiß. Das führt
zu einer Formveränderung im Bewegungssegment, die zunächst keinen Krankheitswert hat. Erst durch das Auftreten
von Beschwerden sprechen wir von degenerativen Erkrankungen.
Osteochondrose und Spondylose
Durch den Elastizitätsverlust der Bandscheibe kommt es zu
einer Höhenminderung des Zwischenwirbelraumes, das diskoligamentäre Gleichgewicht (7 Abschn. 8.8.1) ist gestört. Die
verschlissene Bandscheibe kann die einwirkenden Kräfte
schlechter aufnehmen und dämpfen, dadurch wird der Druck
auf die Endplatten der benachbarten Wirbelkörper weitergeleitet. Diese erhöhte Druckbelastung führt zu einer Verdichtung des Knochengewebes (Sklerosierung) nahe der Bandscheibe. Dieser Prozess wird Osteochondrose genannt. Bei
fortschreitendem Verschleiß entwickelt sich eine Spondylose, die durch die Bildung von knöchernen Randzacken
(Spondylophyten) an den Endplatten der Wirbelkörper gekennzeichnet ist.
Spondylarthrose
Die Degeneration im Bewegungssegment löst eine veränderte Krafteinwirkung auf die Wirbelgelenke aus. Die Folge ist
eine Überbelastung mit Abnutzung der Gelenkflächen. Dies
wird als eigenständiges Krankheitsbild auch Facettensyndrom genannt.
j
jFacettengelenkinfiltration
Eine Behandlungsmöglichkeit des Facettensyndroms ist die
Infiltration der Wirbelgelenke. Dabei wird durch eine Kanüle
ein Arzneimittelgemisch, bestehend aus einem Lokalanästhetikum und einem kortisonhaltigen Medikament, unter Röntgenkontrolle direkt in das betroffene Facettengelenk gespritzt.
Dieser Eingriff kann ambulant durchgeführt werden, dennoch ist auf sterile Bedingungen bei der Injektion zu achten,
anderenfalls drohen schwere Komplikationen, wie z. B. eine
bakterielle Spondylodiszitis.
Spinalkanalstenose
Die Spinalkanalstenose ist eine Verengung des Wirbelkanals,
die sich durch ausgeprägte Spondylose und Spondylarthrose
entwickelt. Zusätzlich kommt es zu einer Verdickung (Hypertrophie) des hinteren Längsbands sowie des gelben Bands. Ein
Bandscheibenleiden oder ein degenerativ bedingter Gleitwirbel (Pseudospondylolisthesis) können das Rückenmark (Medulla spinalis oder Myelon) weiter bedrängen.
Beschwerden, die durch eine Spinalkanalstenose entstehen, sind Schmerzen, Verspannung der Rückenmuskulatur
und Bewegungseinschränkungen bis hin zu Gefühlsstörungen. Die Schmerzen können auf das verengte Segment beschränkt sein oder – je nach Wirbelsäulenabschnitt und komprimierter Nervenwurzel – in verschiedene Regionen des
Körpers ausstrahlen. Dementsprechend sind bei einer zervikalen (am Hals) Spinalkanalstenose ausstrahlende Schmerzen
in den Arm (Brachialgie) und einer bei lumbalen (im Lendenbereich) Verengung in das Bein ziehende Schmerzen möglich.
Behandelt wird die Spinalkanalstenose zuerst konservativ.
Erst wenn die konservative Therapie durch einfache Schmerzmittel, Bettruhe, Wärmeanwendung, Einreibung und Gymnastik erschöpft ist, wird eine operative Erweiterung des
Spinalkanals erwogen. Darüber hinaus ist eine Operation bei
akuten oder anhaltenden neurologischen Störungen angezeigt. Das chirurgische Vorgehen ähnelt dem bei einem Bandscheibenleiden. Ziel ist die Entlastung der komprimierten
Nervenanteile und das Erreichen von Schmerzfreiheit. Für
einen nachhaltigen Therapieerfolg müssen sich die konservative und operative Behandlung ergänzen.
Lumbale Spinalkanalstenose: 7 «Lumbaler Bandscheibenvorfall».
Bandscheibenleiden
Wir unterscheiden bei einem Bandscheibenleiden die Pro
trusion (Verlagerung) von dem Vorfall (Prolaps, Sequestrierung). Die Protrusion ist dadurch gekennzeichnet, dass der
Faserring seine Festigkeit verliert. Dadurch wölbt sich die
Bandscheibe vor, ohne dass der Faserring zerreißt. Wenn der
Faserring dann reißt, tritt Bandscheibengewebe aus und wir
sprechen von einem Vorfall (Prolaps). Durch diese Bandscheibenanteile, auch als Sequester bezeichnet, entsteht
Druck auf das Rückenmark oder auf die Spinalnerven.
Die Symptomatik eines Bandscheibenvorfalls ist abhängig von seiner Lage. Deshalb wird zwischen einem mittig
(medial), seitlich (lateral) sowie kombiniert (mediolateral)
liegenden Bandscheibenprolaps unterschieden. Je nachdem,
in welche Richtung der Prolaps drückt, werden entweder das
Rückenmark oder die Nervenwurzel bzw. beide Strukturen
bedrängt. Zusätzlich gibt es einen extraforaminalen Bandscheibenvorfall, der innerhalb und außerhalb des Zwischenwirbellochs (Foramen intervertebrale) lokalisiert ist.
Weiterhin sind die Bandscheibenschäden der einzelnen
Wirbelsäulenabschnitte gegeneinander abzugrenzen, da sie
unterschiedliche Beschwerden auslösen.
Der zervikale Bandscheibenschaden wird durch eine
schmerzhafte, verspannte Nackenmuskulatur mit Bewegungseinschränkungen des Kopfes und Schonhaltung deutlich. Die
Schmerzen können zum Hinterkopf, zur Schulter bis in den
Arm ziehen. Häufig treten begleitend Parästhesien auf, der
Patient hat ungewöhnliche und unangenehme Körperempfindungen, es kribbelt im Bereich des Versorgungsgebietes des
betroffenen Nervs oder eine Extremität «schläft ein». Kommt
es im Verlauf des Bandscheibenschadens zusätzlich zu einer
Myelopathie (Rückmarkschädigung), sind schwerwiegende
Begleitsymptome wie Lähmungen (Para- und Tetraparesen)
8
246
8
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
und Störungen der Blasen- und Darmfunktionen möglich. Ein
zervikaler Bandscheibenvorfall kann ebenfalls Auslöser von
Gleichgewichtstörungen und Schwindel sein.
Beim lumbalen Bandscheibenschaden (der Lendenwirbelsäule) zeigen sich als Symptome eine verspannte und
druckschmerzhafte Lendenmuskulatur und Bewegungseinschränkungen. Drückt dieser Bandscheibenvorfall auf eine
Nervenwurzel, ist das an den Beinen durch unterschiedliche
Störungen der Feinmotorik und der Sensibilität von einzelnen Hautarealen sowie einer Abschwächung verschiedener
Reflexe erkennbar.
Ein massiver medialer Bandscheibenvorfall, ein sog. Massenprolaps, kann zu einer Kompressionsschädigung der Cauda equina (lat.: Pferdeschwanz = Nervenwurzeln; innerhalb
des Durasacks zum Ende des Rückenmarks) führen. Die Folgen sind ein kompletter oder ein Teilausfall aller unterhalb
des Vorfalls gelegenen Nervenwurzeln mit schlaffen Lähmungen, sensiblen und vegetativen Störungen (Blasenentleerung,
Defäkation, Potenz). Das sog. Kaudasyndrom hat deshalb das
klinische Bild einer Querschnittlähmung.
>>Ein akuter Massenprolaps der Bandscheibe mit Quer-
schnittsymptomatik ist eine Notfallindikation zur OP.
Die Bandscheiben der Brustwirbelsäule werden nicht so
stark beansprucht wie die der Lenden- und Halswirbelsäule,
deshalb sind Erkrankungen hier viel seltener.
Die Behandlung eines Bandscheidenleidens kann konservativ erfolgen. Führt dies nicht zur Linderung der Beschwerden, ist eine Operation sinnvoll.
Zur Auswahl stehen verschiedene Operationstechniken.
>>Das Ziel jeder Operation ist eine Dekompression des
Rückenmarks bzw. der Nervenwurzel(n).
Zervikales Bandscheibenleiden
Das zervikale Bandscheibenleiden kann von vorn (ventral)
oder hinten (dorsal) operiert werden.
j
jVentrale Dekompression und Fusion mit Implantation
eines Cage
(s. Übersicht; Lagerung . Abb. 8.24, Instrumente . Abb. 8.25,
. Abb. 8.26 und Implantat s. . Abb. 8.27)
OP-Ablauf: Ventrale Dekompression und Fusion mit
Implantation eines Cage
55 Für die Operation bereiten wir einen Standard-Operationstisch mit absenkbarer Kopfplatte vor. Der Pa
tient erhält eine Vollnarkose. Für die Operationslagerung wird der Kopf leicht nach hinten geneigt (rekliniert) auf einem Kopfring gelagert (. Abb. 8.24). Den
Hals und die Schultern unterpolstern wir mit einem
kleinen Lagerungskissen. Beide Schultern werden
mit einem speziellen Lagerungsgurt nach kaudal gezogen und die Arme an den Körper angelegt. Dabei
ist es wichtig, darauf zu achten, dass kein Haut-auf-
Haut-Kontakt entsteht und die Ellbogen (Epicondylus
medialis et lateralis) zum Schutz vor Druck- und Nervenläsionen gut unterpolstert sind. Die Beine des
Patienten werden auf einer Knie(halb)rolle und Fersenkissen gelagert.
55 Vor der Hautdesinfektion werden aufsaugende Einwegtücher im Nacken des Patienten platziert, um
überschüssige Flüssigkeit aufzufangen. Die Abdeckung erfolgt durch ein Vier-Tuch-Set.
55 Wir bereiten das Grundinstrumentarium vor. Zusätzlich benötigt der Operateur Knochenstanzen (. Abb.
8.25), Raspatorien und Dissektoren, Nervenhaken
und Bajonettpinzetten sowie Fasszangen (Rongeure)
in verschiedenen Größen.
55 Wund- und Wirbelkörperspreizer (z. B. nach Caspar,
. Abb. 8.26) sowie die Cageimplantate (. Abb. 8.27)
und deren Setzinstrumente sind für die Operation
erforderlich. Eine High-Speed-Bohrmaschine mit
Rosenbohr- und Diamantansätzen wird bereitgelegt.
Außerdem werden ein Bildwandler und ein Mikro
skop steril bezogen und bereitgestellt.
55 Nach dem standardisierten Team-Time-Out erfolgt
der Hautschnitt quer in den Hautfalten auf der Höhe
der erkrankten Wirbelsäulensegmente oder längs am
Vorderrand des Kopfwendemuskels (M. sternocleidomastoideus). Die Hautmuskulatur (Platysma) und
die Halsfaszie werden durchtrennt, die oberflächlich
verlaufenden Venen unterbunden und ebenfalls
durchtrennt. Zur Darstellung der anatomischen
Strukturen sind Präparierstieltupfer geeignet. Das
Gefäßbündel der A. carotis und V. jugularis wird nach
lateral und die Luftröhre (Trachea) sowie die Speiseröhre (Ösophagus) nach medial gehalten. Danach
erfolgt die Darstellung der Bandscheibe.
55 Anschließend überprüft der Operateur unter Bildwandlerkontrolle, ob die korrekte Bandscheibe erreicht ist.
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