Chondrozytentransplantation
Eine weitere Therapieoption ist die ACT (autologe Chondro-
zytentransplantation). Hierfür wird während einer Arthoskopie ein kleines Stück des Knorpels entnommen und in einer
Lösung zur Knorpelanzüchtung geschickt. Nach ca. 6 Wochen können die gezüchteten Knorpelzellen dem Patienten
arthroskopisch auf die Knorpelläsion gesetzt werden.
8.5.5
Gonarthrose
Als Gonarthrose wird der Verschleiß des Knorpels im Knie
bezeichnet. Dieser kann diverse Ursachen haben, wie z. B.
Fehlstellungen, Frakturen mit Gelenkbeteiligung, alters
bedingter Verschleiß, aber auch vorherige Schäden im Knie,
wie Meniskusresektionen oder Bandrupturen können zur
rthrose führen.
A
Zur Therapie einer Gonarthrose wird eine Knieprothese
eingesetzt. In den meisten Fällen ist dies ein bilateraler Oberflächenersatz, d. h. es werden beide Kondylenflächen ersetzt.
Es besteht aber auch die Möglichkeit bei einer sich auf die
mediale oder laterale begrenzenden Gonarthrose, eine unikondyläre Schlittenprothese einzusetzen.
Genauso kann bei einer sehr ausgeprägten Fehlstellung
mit Bandinstabilitäten eine gekoppelte Knieendopro
these (d. h. es sind dann der Femuranteil und der Tibiaanteil
in irgendeiner Form miteinander verkoppelt) implantiert
werden.
8
236
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
j
jImplantation einer Knieendoprothese
>>Wir bereiten das Instrumentarium für die Knieprothese
vor, es wird darauf geachtet, dass Instrumente und Implantate aufeinander abgestimmt sind. Eine Prothese
eines Herstellers kann nicht mit den Instrumenten eines anderen Modells implantiert werden.
OP-Ablauf: Implantation einer Knieendoprothese
8
55 Ist die Implantation einer Knieendoprothese geplant,
bereiten wir das Grund- und Knocheninstrumentarium, eine Antriebsmaschine mit Bohr- und Sägeaufsätzen sowie die Instrumente und Implantate der benötigten Prothese vor.
55 Der Patient liegt in Rückenlage. Die Befestigung einer
Rolle am OP-Tisch ermöglicht eine Abstützung des
Fußes, wenn das Bein intraoperativ aufgestellt wird.
Die Anlage einer Blutsperre (7 Abschn. 2.7) ist erforderlich.
55 Nach der Hautdesinfektion und der sterilen Abdeckung kann nach dem standardisierten Team-TimeOut der Hautschnitt gesetzt und die Gelenkkapsel eröffnet werden. Nach der Präparation des Gelenks
kann das Bein aufgestellt und die Patella nach lateral
weggeklappt werden.
55 Die Synovialis (Gelenkkapsel) und die Menisken
sowie das vordere Kreuzband werden entfernt.
55 Die tibiale Sägeschablone wird angesetzt und fixiert,
die tibiale Gelenkfläche wird reseziert, danach die
tibiale Sägeschablone entfernt.
55 Der Femurmarkraum wird mit einem Bohrer eröffnet.
Die femorale Ausrichtung wird eingeführt und der
Sägeblock fixiert, es folgt der distale Sägeschnitt. Die
Femurausrichtung und die Sägeschablone werden
entfernt.
55 Die Größe der Femurprothese wird bestimmt und
es werden Markierungspunkte für die 4-Punkt-Säge
lehre gebohrt. Die Sägelehre wird angesetzt und
der Knochen reseziert. Dann werden alle Instrumente
entfernt. Die Kapsel in der Kniekehle wird noch gelöst und nun werden die Probeprothesen eingesetzt,
bestehend aus:
–– Femurteil,
–– Tibiaplateau und
–– Polyethylen-Inlay.
55 Ist das Gelenk zu straff, muss evtl. noch etwas Knochen von der Tibia abgesägt werden. Ist das Gelenk
zu wenig straff, wird ein höheres Inlay verwendet.
55 Nun werden die Probeprothesen wieder entfernt und
die letzten Schritte der Tibiapräparation vorgenommen. Der Markraum wird mit einem kurzen Bohrer
eröffnet und dann die Finne des Tibiaplateaus ausgestanzt.
55 Nun erfolgt eine ausgiebige Spülung des Knochens
mit der Jet-Lavage (eine Art Pistole, die unter Druck
NaCl in die Poren des Knochens drückt und damit
das Blut und Fett heraus spült).
55 Der Knochenzement wird im Vakuumverfahren angerührt und das Tibiaplateau sowie der Femuranteil
einzementiert. Überschüssiger Zement wird entfernt
und das Inlay eingesetzt. Der Zement härtet in der
gestreckten Beinposition aus.
55 Nach dem Einlegen der Redon-Drainagen und der
Zählkontrolle aller Materialien beginnt der schichtweise Wundverschluss.
8.5.6
Patellaluxation
Bei einer Patellaluxation (Patella = Kniescheibe, Luxation =
Verrenkung) rutscht die Patella aus ihrem Gleitlager zwischen
den Femurkondylen zur Außenseite heraus. Hierbei können
das Band und der Halteapparat zwischen Kniescheibe und
Oberschenkel reißen (der Halteapparat ist das sog. mediale
patellofemorale Ligament (MPFL) oder auch mediales Retinakulum).
Neben der Inspektion, über die die Schmerzen und der
Gelenkerguss festgestellt werden, erhärtet ein Röntgenbild in
3 Ebenen und eine MRT die Diagnose.
Als Operationsindikation gilt eine instabile Kniescheibe
mit immer wiederkehrenden Luxationen. Es gibt verschie
dene Operationsmethoden zur operativen Behandlung der
Patellaluxation.
j
jMPFL-Plastik (Rekonstruktion des medialen Patellofemoralen Ligaments)
Hier wird durch eine Arthroskopie (7 Abschn. 8.5.2) die Diagnose gesichert und festgestellt, ob weitere Verletzungen im
Knie vorliegen und behandelt werden müssen. Ist die Dia
gnose des Risses des Retinakulums und des patellofemoralen
Bands gesichert, wird eine MPFL-Plastik durchgeführt.
OP-Ablauf: MPFL-Plastik
55 Zuerst wird über einen kleinen Hautschnitt auf der
medialen Seite des Unterschenkelkopfs die Semimembranosussehne aufgesucht und mit einem Sehnenstripper entnommen. Für die Fixation dieser
Sehne an der Kniescheibe und dem Oberschenkel
werden resorbierbare Schrauben benutzt. Die Sehne
wird an beiden Enden mit einem nichtresorbierbaren
Faden zu einem festen Strang vernäht.
55 Nun wird ein Loch in den oberen Anteil der Kniescheibe gebohrt (je nach Größe der Schraube). An
der Innenseite der Kniescheibe werden zwei Kirschner-Drähte im oberen und unteren Anteil der Patella
gesetzt, über die jeweils ein Loch gebohrt wird. Hier
werden die beiden Enden der Semimembranosussehne eingeführt und mit einer bioresorbierbaren
237
8.5 · Kniegelenk
j
jVordere Kreuzbandplastik (VKB)
Schraube fixiert. Als nächstes wird am Ansatzpunkt
des originalen patellofemoralen Bands ein weiterer
Kirschner-Draht gesetzt, über den mit einem Bohrer
ein Loch gebohrt wird.
55 Ein Kirschner-Draht mit Öse am Ende wird durch das
Loch durch das Knie gebohrt, sodass er auf beiden
Seiten aus dem Knie herausschaut. Jetzt wird die
Mitte der Sehne mit einem Faden armiert und in die
Öse des Drahts eingeführt. Der Draht wird komplett
durch das Knie gezogen und so verschwindet die
Sehne in dem Loch.
55 Bevor die Sehne ebenfalls mit einer bioresorbier
baren Schraube fixiert wird, ist es wichtig, die richtige
Spannung und Funktion unter Durchleuchtung zu
prüfen. Nun ist das MPFL rekonstruiert und die Wunde
wird verschlossen. Der Patient bekommt eine Knie
stabilisierungsschiene angelegt.
j
jOperation nach Roux (Tuberositas-tibiae-Versetzung
nach medial)
Das Patellaband setzt an der Tuberositas tibiae an. Damit die
Patella medialisiert wird und somit die Luxation verhindert,
wird die Tuberositas tibiae vom Tibiakopf mittels Meißel und
Säge als Block gelöst und nach medial versetzt. Hier wird sie
mit 2 kanülierten Schrauben und Unterlegscheiben wieder
befestigt.
j
jOperation nach Insall
Dieses ist ein reiner Weichteileingriff, der Hautschnitt liegt ca.
5 cm lang medial der Patella, nach der Präparation zur Kapsel
hin wird der M. vastus medialis abgelöst und auf der Mitte der
Patella wieder refixiert. Damit wird der Muskel lateralisiert,
aber durch dessen Zug wird die Patella medialisiert.
Auch hier besteht die Nachbehandlung in der Anbringung
einer Orthese und limitierter Bewegung.
8.5.7
Bandschäden
Riss des vorderen Kreuzbands
Der Riss des vorderen Kreuzbands («anterior cruciate ligament», ACL) ist eine der häufigsten relevanten Knieverletzungen. Ursache sind meist Drehbewegungen und schnelle
Richtungswechsel, z. B. bei Sportarten wie Fußball, Handball,
Squash oder Skifahren.
Zur Diagnostik zählt neben der Anamnese, der Inspektion
des Gelenkergusses und Feststellung der Instabilität, die
manuelle Untersuchung (vordere Schublade: der Unterschenkel wird in 90°-Beugung des Knies nach vorn gezogen und hat
keinen Widerstand) sowie eine MRT und Röntgenaufnahmen
in 2 Ebenen.
Ein Kreuzbandriss muss nicht zwingend operiert werden, allerdings ist die Gefahr einer späteren Arthrose deutlich erhöht, wenn die konservative Therapie angewendet
wird.
Wird als Therapie die Operation gewählt, wird eine vordere
Kreuzbandplastik (VKB) durchgeführt, d. h. das Kreuzband
wird ersetzt mit einer Sehne aus dem Oberschenkel, der
S emitendinosussehne.
OP-Ablauf: Vordere Kreuzbandplastik
55 Die VKB wird arthroskopisch durchgeführt. Der Pa
tient liegt in Rückenlage mit einem hängenden Bein,
das um 120° gebeugt werden muss. Die endgültige
Diagnose einer VKB-Ruptur wird über die Arthroskopie (7 Abschn. 8.5.2) gesichert. Gleichzeitig können
weitere Kniebinnenschäden, wie z. B. ein Meniskusriss, therapiert werden.
55 Ist der Kreuzbandriss diagnostiziert, werden die
Stümpfe des Kreuzbands – mit einem Shaver oder
einem Vaporisator (ein Gerät, das Gewebe auflösen
und gleichzeitig eine Blutstillung durchführen
kann) – reseziert.
55 Nun wird ein weiterer Hautschnitt an der medialen
Seite des Tibiakopfs gelegt und die Präparation bis
zur Semitendinosussehne durchgeführt. Diese wird
identifiziert und mit einem Sehnenstripper vom
Gewebe und Muskel gelöst.
55 Der Assistent bereitet die Sehne zur Implantation
vor, indem er sie von anhaftendem Fett und Muskelgewebe befreit. Dann wird sie dreifach gelegt und
die Enden der Sehne miteinander vernäht. Die entstandene Länge und die Dicke der Sehne werden gemessen, sie sollte möglichst 8 mm dick und 8 cm
lang sein.
55 Der Operateur präpariert zwischenzeitlich das Gelenk. Ein Zielgerät wird angesetzt und ein KirschnerDraht von der medialen Tibia in das Gelenk gebohrt.
Dieser Draht kommt an dem Kreuzbandhöcker wieder heraus, denn hier setzt auch das Originalband an.
Nun wird mit einem kanülierten Bohrer (die Dicke
richtet sich nach dem Implantat, also der Sehne) ein
Loch über den Draht in die Tibia gebohrt. Mit dem
Shaver werden nun noch Synovia (Gelenkinnenhaut)
und Bandreste zwischen den hinteren Kondylen am
Femur entfernt.
55 Das Knie wird jetzt in 120°-Beugung gebracht,
ein femorales Zielgerät durch die tibiale Bohrung
geführt. Dieses verankert sich an den hinteren
Kondylen in der Kniekehle. Es wird ein KirschnerDraht mit einer Öse am Ende so durch das Ziel
gerät gebohrt, dass er am lateralen Oberschenkel
wieder herauskommt. Auch über diesen Draht
wird mit einem kanülierten Bohrer ein ca. 30 mm
tiefes Loch gebohrt. Durch die Öse des KirschnerDrahts wird ein reißfester Faden, der an einem
Ende der Implantatsehne fixiert ist, g
eführt und
der Draht wird aus dem Oberschenkel herausge
zogen.
8
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
238
55 Die Sehne wird nun langsam durch die tibiale Bohrung in das Gelenk und in die femorale Bohrung
gezogen. Nun wird neben der Sehne in das femorale
Loch eine resorbierbare Schraube gedreht, die das
Implantat festhalten soll. Das Gleiche wird in der
tibialen Bohrung durchgeführt.
55 Die Implantatlage wird kontrolliert, da das Implantat
nirgends anstoßen darf. Ist alles zufriedenstellend,
wird ein Redon-Drain eingelegt und die Wunden verschlossen.
Die Patienten kommen mit einer Beule in der Kniekehle,
die zu einer schmerzhaften Behinderung beim gebeugten
Knie führt. Ein Gelenkerguss entsteht, der mittels Ultraschalldiagnostik und MRT dargestellt werden kann.
j
jResektion einer Baker-Zyste
OP-Ablauf: Resektion einer Baker-Zyste
55 Die Operation beginnt mit einer Arthroskopie (7 Abschn. 8.5.2), um den Kniebinnenschaden zu beheben.
Danach wird der Patient auf den Bauch umgelagert,
damit die Baker-Zyste entfernt werden kann.
55 Der Hautschnitt verläuft S-förmig in der Kniekehle.
Nach der Präparation zur Baker-Zyste wird sie zwischen den Muskellogen herausluxiert, am Stiel (dort
wo die Synovialis aus dem Gelenk heraustritt) mit einer resorbierbaren Naht durchstochen und ligiert
und danach abgetragen.
55 Der schichtweise Wundverschluss beendet diesen
Eingriff.
j
jHintere Kreuzbandriss
8
Ein hinterer Kreuzbandriss (»posterior cruciate ligament»,
PCL) tritt deutlich seltener auf als der Riss des vorderen
Kreuzbandes.
Die Ursachen und die Diagnostik gleichen denen beim
vorderen Kreuzband besprochenen. Allerdings wird hier
nicht auf eine vordere Schublade, sondern auf eine hintere
Schublade hin untersucht (lässt sich der Unterschenkel nach
hinten verschieben?).
Das Prinzip der Operation ist das Gleiche, nur sind die
Ansatzpunkte des Bandes andere und dementsprechend werden auch die Bohrungen an anderen Stellen gesetzt.
Die Nachbehandlung ist aufwändiger. Die Patienten müssen 12 Wochen eine Schiene tragen.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 8.5
55 Was sind die «Menisken»?
55 Welche Instrumente benötigen Sie für eine geplante
Arthroskopie bei Meniskusschaden?
55 Welches Ersatzmaterial wird wahrscheinlich gewählt werden, wenn eine «vordere Kreuzbandplastik»
geplant ist?
Innenbandriss
Aufgrund eines Rotationstraumas oder eines Abknickens des
Knies nach innen kann ein Innenband reißen. Der Patient hat
Schmerzen, bei der Untersuchung ist eine Instabilität feststellbar (das Knie ist aufklappbar). Eine MRT sichert die Diagnose, die konservative Therapie besteht in einer Knieschiene zur
Stabilisation.
Außenbandriss
Meistens ist die Außenbandruptur keine isolierte Verletzung,
sondern es sind Begleitverletzungen vorhanden. Ursache ist
meist eine Dehnung des Knies nach außen.
Die Behandlung muss in einer operativen Therapie
liegen, da das Band nicht spontan zusammenwächst. Bei
einer frischen Ruptur wird das Band primär genäht, später
muss eine Bandplastik mit der Semimembranosussehne erfolgen.
8.5.8
Baker-Zyste
Die Baker-Zyste ist eine Aussackung der Synovialis (Gelenk
innenhaut) in die Kniekehle hinein.
Bedingt durch einen Kniebinnenschaden (Arthrose, Meniskusriss, etc.) gibt es einen Reizzustand im Knie, der ursächlich zu einer vermehrten Synoviabildung (Gelenkflüssigkeit) führt. Durch eine Muskellücke in der Kniekehle stülpt
sich die Synovialis aus und schiebt sich dann zwischen die
Muskeln, wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon.
Tibia und Fibula
8.6
Jens Köpcke, Silke Meister
8.6.1
Frakturen mit Weichteilschäden
>>Brüche eines Knochens mit Quetschungen der Weich-
teile (also Muskeln, Bänder und Sehnen, Gefäßen, Nerven, Fettgewebe, etc.) oder mit offenen Wunden, bei
denen die Fraktur frei liegt, können an allen Knochen
des Körpers auftreten. Eine offene Fraktur ist eine
Operationsindikation, v. a. wenn Gefäße oder Nerven
mit verletzt sind.
Primär muss bei der Versorgung offener Wunden die Blutung
gestoppt werden! Anschließend werden die Wunde gesäubert
und ausgiebig gespült, nekrotisches Gewebe entfernt und
glatte Wundränder geschaffen.
Die Fraktur wird mit einem Fixateur externe (7 Abschn.
8.1.2) stabilisiert.
Ist die Extremität jedoch sehr geschwollen und kann deshalb nicht primär verschlossen werden, wird ein synthetischer Hautersatz aufgelegt. Dieser wird den Wundrändern
angepasst und an der Haut fixiert, um das weitere Eindringen
von Krankheitserregern zu verhindern.
239
8.6 · Tibia und Fibula
..Abb. 8.21a, b Inzisionsmöglichkeiten
bei Kompartmentsyndromen an der oberen
oder unteren Extremität. a Typische Inzisionen
bei Kompartmentsyndromen an der oberen
Extremität. Es ist darauf zu achten, dass die betroffenen Kompartimente jeweils komplett
gespalten werden. b Typische Hautinzisionen
bei Kompartmentsyndromen am Becken und
der unteren Extremität. Aus: Kohn D, Pohlemann T, Fritsch E (2010) Operationsatlas für die
orthopädisch-unfallchirurgische Weiterbildung. Springer, Berlin Heidelberg New York
a
b
Ist die Wunde sehr groß und der Weichteilschaden massiv und kontaminiert, ist die Anlage eines Vakuumsystems
(bestehend aus einem Kunststoffschwamm, einem Schlauch
mit einer Pumpe sowie einer Folie) indiziert. Der Schwamm
wird der Wunde angepasst und mit der Folie abgeklebt. Es
wird ein Loch in die Folie geschnitten, auf dem der Schlauch,
an dem die Pumpe angeschlossen ist, festgeklebt wird. Es
muss luftdicht sein. Durch das Vakuum wird infektiöses
Sekret aus der Wunde abgeleitet. Zudem werden die Wundränder zusammengezogen, das fördert die Bildung von Granulationsgewebe. Ca. alle zwei Tage wird das System gewechselt, bis die Wunde sauber ist und mittels Hauttransplantation
und/oder Muskellappenplastik verschlossen werden kann.
Im Extremfall sind die Weichteile so zerstört, dass die
Extremität amputiert werden muss.
8.6.2
Kompartmentsyndrom
Ein Kompartmentsyndrom bezeichnet eine Gewebedruck
erhöhung innerhalb eines geschlossenen Haut- und Weichteilmantels. Der Druck ist bedingt durch Einblutungen und
Ödeme (Ansammlung von Gewebswasser) in die Muskel
logen. Die Muskelgruppen sind begrenzt durch Faszien (eine
derbe Bindegewebshaut). Blutet es nun in diese Muskellogen
hinein oder sammelt sich dort das Bindegewebswasser, können sich diese Faszien nicht ausdehnen und es entsteht ein
großer Druck auf die Muskeln, deren Nerven und Gefäße.
Dieser Druck führt zu Durchblutungsschäden und unbehandelt zum Absterben der Weichteile.
Am häufigsten tritt ein Kompartmentsyndrom am Unterschenkel oder am Unterarm auf. Aber auch am Oberschenkel
oder im abdominellen Bereich ist es möglich.
>>Das Kompartmentsyndrom gilt als sehr häufige
Komplikation einer Unterschenkelfraktur!
Der Patient hat starke Schmerzen, bei der Palpation des
Unterschenkels (harte Muskulatur, geschwollene Extremität)
ist evtl. kein Fußpuls tastbar.
Der Gewebedruck wird mit einer Drucksonde festgestellt
und liegt er über 30 mmHg, ist eine Operation angezeigt.
>>Die Diagnose Kompartmentsyndrom gilt als ein
absoluter Notfall. Durch zu langes Zögern gibt es
irreparable Schäden!
j
jKompartmentspaltung
Die Inzisionsmöglichkeiten bei Kompartmentsyndromen an
der oberen oder unteren Extremität sind in . Abb. 8.21 dargestellt.
OP-Ablauf: Kompartmentspaltung
55 Für eine Kompartmentspaltung benötigen wir das
Grundinstrumentarium.
55 Der Patient liegt auf dem Rücken und hat eine Vollnarkose erhalten. Nach der Hautdesinfektion, der
sterilen Abdeckung und dem standardisierten TeamTime-Out wird der Hautschnitt über die fast kom
plette Länge auf der Außenseite des Unterschenkels
gelegt. Nun werden die Faszien jeder einzelnen
Muskelgruppe mit einer groben Schere gespalten.
55 Die Muskeln haben nun Platz und quellen deutlich
hervor. In der Regel kann die Haut nicht verschlossen
werden und es muss ein synthetischer Hautersatz
aufgelegt werden. Dieser wird den Wundrändern angeglichen und an der Haut fixiert. In seltenen Fällen
muss auch die Innenseite eröffnet werden.
Jeden zweiten Tag wird ein Verbandwechsel im OP unter Narkose durchgeführt. Es werden die Muskeln, Nerven und Gefäße inspiziert, das Gewebe gespült und evtl. Nekrosen abgetragen sowie der synthetische Hautersatz erneuert. Schwellen
die Muskeln mit der Zeit ab, kann die Wunde nach und nach
verschlossen werden.
8
240
Kapitel 8 · Orthopädie und Traumatologie
8.6.3
Unterschenkelfrakturen
Bei Unterschenkelbrüchen unterscheiden wir zwischen proximalen (nahe am Knie gelegenen), Schaft- (in der Mitte des
Unterschenkels gelegenen) und distalen Brüchen.
Ist nur das Schienbein gebrochen, sprechen wir von einer
Tibiafraktur, ist nur das Wadenbein gebrochen, von einer
Fibulafraktur und sind beide Knochen gebrochen von einer
Unterschenkelfraktur.
Tibiakopffrakturen
8
Die Tibiakopffraktur ist ein Bruch des Schienbeinkopfs. Wegen seines Aufbaus mit zwei Gelenkflächen kommt es am
häufigsten zu einer lateralen Tibiakopffraktur. Mediale Tibia
kopffrakturen sind deutlich seltener. Ist der ganze Schienbeinkopf vom Schaft abgebrochen, ist meist auch das Fibulaköpfchen beschädigt, handelt es sich um eine proximale
Unterschenkelfraktur. Sind zusätzlich Bänder oder Menisken
verletzt, sprechen wir von einer komplexen Tibiakopffraktur. Zerrissene Außen- und Kreuzbänder müssen in der Regel
mitversorgt werden.
Ziel der operativen Versorgung ist die Reposition der
Fragmente, insbesondere wenn es sich um Gelenkfragmente
handelt. Darüber hinaus sollen die Brüche und auch ggf. die
zerrissenen Bänder stabilisiert werden. Oft lässt sich dadurch
jedoch keine sofortige Vollbelastung erreichen. Die Patienten
müssen dann an Unterarmgehstützen das Bein entlasten und
ggf. zusätzlich Orthesen, die das Bewegungsausmaß einschränken, tragen. Tibiakopffrakturen kommen bei jüngeren
Menschen durch Verkehrs- oder Sportunfälle vor, bei älteren
Menschen reichen leichte Stürze im Alltag. Führen normale
Belastungen wie Gehen zu einer Fraktur, dann sprechen wir
von Ermüdungsfrakturen.
Zur Diagnostik zählen neben der Anamnese das Röntgen
und eine CT, seltener auch eine MRT, um Bandstrukturen
besser darzustellen.
Eine Operation ist angezeigt, wenn der Bruch verschobenen oder instabil ist. Je nach Frakturverlauf und Verletzungsschwere sind verschiedene Osteosynthesemöglichkeiten
durchführbar:
44Bei einem einfachen Spaltbruch, der in die seitliche
Gelenkfläche zieht, kann eine Zugschraubenosteosynthese mit mehreren Spongiosaschrauben (z. B. ∅ 6,5 mm,
Teilgewinde) ohne Platte ausreichen.
44Impressionsfrakturen, bei denen ein Teil in der Gelenkfläche eingedrückt ist, müssen umfangreicher versorgt
werden. Zur Wiederherstellung der Gelenkfläche wird
über einen anterolateralen Zugang der Schienbeinknochen freipräpariert. Anschließend erfolgt die Eröffung
der Kortikalis mit einem geraden Meißel zu einem viereckigen Knochenfenster. Über dieses wird mit einem gebogenen Knochenstößel die eingedrückte Gelenkfläche
auf ihre ursprüngliche Lage gebracht. Dazu löst man den
Außenmeniskus vom Schienbeinkopf ab, sodass die Gelenkfläche direkt zu sehen ist. Ist das Repositionsergebnis befriedigend, wird eine Platte aufgelegt, die mit einer
Zugschraube zunächst fest gegen den Knochen gezogen
wird. Anschließend werden weitere Schrauben durch die
Platte direkt unterhalb der Gelenkflächen positioniert,
die die Gelenkfläche unterstützen. Auch die T- oder Lförmige winkelstabile Platte verhindert ein postoperatives Absinken des Gelenkfragments, deshalb sprechen
wir von einer Abstützplatte (. Abb. 8.5).
44Ist die Impression der Gelenkfläche stark ausgeprägt,
wird oft noch zusätzlich Spongiosa (aus dem Beckenkamm) oder keramischer Knochenersatz eingebracht.
44Ist der gesamte Schienbeinkopf vom Schaft abge
brochen, wird
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