Parenchym ist das Funktionsgewebe des Organs – und kann in zwei Lappen eingeteilt werden,
die äußerlich unterschieden werden können durch das
Lig. falciforme hepatis. Innerlich unterteilt sich die Leber in
acht sog. Segmente, die durch den Gefäßverlauf und die Gallengänge gebildet werden. Diese Einteilung hat Couinaud
beschrieben, und danach befinden sich im linken Leberlappen die Segmente 1-4 und im rechten die Segmente 5–8
(. Abb. 7.22).
Die Chirurgen teilen die Leber in einen rechten und linken Lappen durch die gedachte V. cava-Gallenblasen-Linie.
Segment 1 gehört weder nach links noch nach rechts und bildet den sog. Lobus caudatus (Schwanzlappen). Die Blutversorgung der Leber ist einzigartig, weil sie nicht nur über die
Arterie (A. hepatica), sondern auch über einen venösen
Kreislauf erfolgt, nämlich über die V. portae (Pfortader), über
die der Abfluss aus dem Magen-Darm-Trakt erfolgt. Der venöse Abfluss der Leber erfolgt über die Lebervenen, die in die
untere Hohlvene münden.
Die Aufgaben der Leber sind vielfältig. Neben der Glykoneogenese, Bildung von Bluteiweißen und Gerinnungsfaktoren, wird in der Leber die Galle produziert. Eine der Aufgaben
der Leber besteht darin, Schadstoffe, wie Alkohol und Abfallprodukte des Stoffwechsels, aus dem Blut zu entfernen und
Nährstoffe zu speichern und zu verwerten.
Die Erkrankungen der Leber sind, wie bei allen Organen,
zu unterteilen in
44entzündliche Prozesse,
44gutartige und bösartige Tumoren oder auch
44angeborene Fehlbildungen.
j
jBildgebende Diagnostik
Neben anderen diagnostischen Maßnahmen (z. B. Blutuntersuchungen) können Erkrankungen der Leber mit Hilfe bildgebender Verfahren (z. B. Sonographie) festgestellt werden.
Weist das Untersuchungsergebnis auf eine Lebererkrankung
hin, sind weitere Verfahren (z. B. CT) mit oder ohne Kontrastmittelgabe möglich. Die Blutversorgung der Leber kann mit
einer Angiographie dargestellt werden. Bildgebende Verfahren können auch für eine Feinnadelpunktion der Leber zur
Diagnosestellung nützlich sein.
j
jEingriffe
Können wir die erkrankten Teile der Leber entfernen, sprechen wir von einer Teilresektion. Hält sich die Resektion dabei nicht an die anatomischen Strukturen, die die einzelnen
Segmente bilden, sprechen wir von einer atypischen Resektion, hält sie sich an die Grenzen, ist es eine anatomische
Resektion.
a
b
..Abb. 7.22a, b Schematische Darstellung der Lebersegmente.
Aus: Lang H, Nagel E (2006) Leberchirurgie. In: Nagel E, Löhlein D (Hrsg)
Pichlmayrs Chirurgische Therapie. Springer, Berlin Heidelberg New York
Entfernen wir die linke Hälfte der Leber, dann ist es eine
Hemihepatektomie links (Segmente 1–4), die Entfernung
der rechten Hälfte dementsprechend eine Hemihepatektomie rechts (. Abb. 7.23). Diese Eingriffe erfolgen über einen
bogen- oder L-förmigen Oberbauchschnitt. Ein minimal-
invasives Vorgehen ist bei kleineren Befunden (z. B. Tumor
am Leberrand) möglich.
In dem Leberparenchym verlaufen
zahlreiche arterielle und venöse Gefäße und die Gallengänge.
Diese haben eine andere Struktur als das Leberparenchym,
die Gallengänge sind am widerstandsfähigsten.
Um einzelne Segmente voneinander zu trennen, sie zu
dissektieren, kann man sich an die vorgegebenen Strukturen halten, die selektive Dissektion, oder auch nicht, dann
geht die Trennung willkürlich durch die Strukturen (nicht
selektiv).
Die selektive Dissektion wird durch Ultraschall (CUSA)
oder den Hochdruckwasserstrahl (water jet) vorgenommen.
Die nicht selektive erfolgt mit dem Skalpell und der Schere
oder einem Klammernahtinstrument oder thermisch mit der
HF-Chirurgie.
Präparationsmethoden
7
188
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
..Abb. 7.24 Mikulicz-Leberhaken. (Mit freundlicher Genehmigung der
Fa. Aesculap AG)
7
..Abb. 7.25 Satinsky-Klemme. (Mit freundlicher Genehmigung der
Fa. Aesculap AG)
..Abb. 7.23a, b Einteilung der Leberresektionen. Aus: Lang H, Nagel E
(2006) Leberchirurgie. In: Nagel E, Löhlein D (Hrsg) Pichlmayrs Chirurgische
Therapie. Springer, Berlin Heidelberg New York
Eine weitere Methode ist die «Finger-fracture-Methode»,
bei der das Parenchymgewebe zwischen den Fingern gequetscht und getrennt wird. Größere Gefäße werden dadurch
sichtbar und können einzeln unterbunden werden. Diese Methode wird nur noch sehr selten angewendet.
Von der Leber können bis zu 50% des Lebergewebes entfernt werden, ohne dass eine Einschränkung der Funktion zu
erwarten ist. Entfernungen von Leberanteilen gehen immer
mit starken Blutungen einher. Um den Blutverlust so gering
wie möglich zu halten, kann das sog. «Pringle-Manöver»
durchgeführt werden. Hier wird der Leberhilus, durch den
die Blutgefäße in die Leber gelangen, mit einer Gefäßklemme
oder einem Tourniquet abgeklemmt, sodass die Blutzufuhr
unterbunden ist. Das kann bis zu 30 Minuten toleriert werden, manchmal sogar länger.
j
jInstrumente für die Leberchirurgie
Grundinstrumente und Laparotomieinstrumente wie Bauchdeckenhaken, Leberhaken nach Mikulicz (. Abb. 7.24),
Bauchdeckenrahmen, Satinsky-Klemme (. Abb. 7.25), z. B.
zum Abklemmen des Lig. hepatoduodenale, Einzelclipstapler, Tourniquetschlingen für die A. hepatica, Vesselloops (Gefäßschlingen), lange Pinzetten und Scheren, atraumatische
Gefäßklemmen (z. B. Satinsky, De Bakey), Ultraschalldissektion oder «water jet», ggf. Infrarotkoagulationsgerät mit variablen Ansätzen.
7.8.1
Hepatitis
Eine Entzündung der Leber (Hepar) kann vielfältige Ursachen haben, wie Viren, Bakterien und Parasiten, aber auch
übermäßigen Alkoholkonsum oder Medikamentenmissbrauch. Die häufigste Ursache liegt in einer Infektion mit den
unterschiedlichsten Viren, deshalb wird die Entzündung
noch unterteilt in Hepatitis A, B, C, D, E, je nachdem, welcher
Virus der Entzündung zugrunde liegt. Es gibt noch weitere
Viren mit den Buchstaben F und G. Jede Hepatitis ist gemäß
Infektionsschutzgesetz meldepflichtig (7 Kap. 1).
Da der Erreger variiert, sind auch die Symptome unterschiedlich. Der Patient fühlt sich schlapp und kann ein
Druckgefühl im rechten Oberbauch beschreiben, erst später
kommt es zum sog. Ikterus, der Gelbsucht, die die Haut und
die Skleren der Augen gelb färbt. Oft merken die Patienten
erst, dass sie erkrankt sind, wenn das Lebergewebe schon zerstört ist. Dann ist der Verlauf chronisch, und Giftstoffe können nicht mehr abgebaut werden. Die Infektion kann durch
fäkale Verunreinigungen der Nahrung und des Wassers, Blutkontakt und Geschlechtsverkehr übertragen werden.
Wenn eine Hepatitis zu Vernarbungen des Drüsengewebes geführt hat, entsteht eine Leberzirrhose. Die narbige Gewebeveränderung hat Auswirkungen auf die Durchblutung
des Organs. Der Gefäßwiderstand steigt, und das Blut staut
vor der Leber. Es entsteht ein Pfortaderhochdruck (portale
Hypertension, 7 Abschn. 7.8.2). Die Patienten haben zudem
eine Störung der Blutgerinnung, denn die Schädigung des
Leberparenchyms stört auch die Synthese der Gerinnungsfaktoren.
189
7.8 · Leberchirurgie
Im Spätstadium einer Leberzirrhose kann die Leber ihrer
Entgiftungsfunktion nicht mehr nachkommen, die Abbauprodukte des Stoffwechsels können nicht mehr über die Leber
ausgeschieden werden und sammeln sich im Blut, das führt zu
Organfunktionsstörungen (Nephropathie, Enzephalopathie).
7.8.2
Portale Hypertension
Wenn der Druck in der Pfortader über den Normalwert
(3–6 mm Hg) ansteigt, sprechen wir von einer portalen Hypertension. Neben einer Leberzirrhose können auch andere
krankhafte Veränderungen (z. B. eine Thrombose in der
V. portae) ursächlich für einen Pfortaderhochdruck sein.
Eine Folge der portalen Hypertension ist die Entstehung
von Umgehungskreisläufen. Kleine Kurzschlüsse zwischen
der unteren Hohlvene (V. cava inferior) und der Pfortader
(V. portae), sog. portokavale Anastomosen, erweitern sich.
Dadurch kommt es zur Ausbildung von Varizen (Krampfadern) in der Speiseröhre (Ösophagusvarizen), im Magenfundus oder der Bauchwand (Caput medusae). Außerdem
entwickelt sich Aszites, eine Ansammlung von Wasser in der
Bauchhöhle.
Eine schwerwiegende Komplikation von Ösophagus
varizen ist deren Zerreißen. Dabei kann es zu einer massiven,
lebensbedrohlichen Blutung kommen.
Eine Möglichkeit, die portale Hypertension zu behandeln,
ist die Anlage eines Shunts über das minimal-invasive TIPSVerfahren (transjugulärer intrahepatischer portosystemischer Shunt). Dabei wird über eine Drosselvene (V. jugularis)
durch die Leber bis in die Pfortader hinein ein Stent (Gefäßstütze) implantiert.
Eine weitere Therapievariante ist eine Shuntoperation, bei
der eine Verbindung zwischen der Pfortader und der unteren
Hohlvene mit oder ohne Gefäßprothese geschaffen wird.
7.8.3
Leberabszess
Ein Abszess im Leberparenchym, der z. B. nach einer Entzündung der Gallenwege entstehen kann, führt zu heftigem Fieber mit Schüttelfrost. Ein Leberabszess muss sofort therapiert
werden. Dazu wird in lokaler Betäubung und unter sonographischer Kontrolle oder CT-gesteuert der Abszess punktiert
und die Abszesshöhle drainiert und ein Spülkatheter eingelegt.
7.8.4
Echinokokkuszyste
Diese Zyste wird durch die orale Aufnahme von Bandwurmlarven hervorgerufen. Über den Darm und die Pfortader gelangen die Parasiten in die Leber (7 Kap. 1). Dort bilden sie im
Verlauf der Infektionen Zysten (zystische Echinokokkose).
Bei der operativen Behandlung einer zystischen Echinokokkose muss darauf geachtet werden, dass die Zyste keinesfalls
zerstört wird, damit der Inhalt sich nicht im Bauchraum ver-
teilt. Der Zysteninhalt wird abpunktiert und die parasitentötende Lösung in den Zystensack eingebracht. Nach ca. 5 Minuten Wartezeit sind die verbliebenen Parasiten unschädlich,
und die Zystenhaut hat sich von ihrer äußeren Wand gelöst
und kann entfernt werden.
Je nach Befund ist auch eine Leberteilresektion möglich.
7.8.5
Bösartige Erkrankungen
Bösartige Erkrankungen, die vom Epithelgewebe der Leber
ausgehen, sind das Leberzellkarzinom (hepatozelluläres Karzinom, HCC) und das Gallengangkarzinom (cholangiozelluläres Karzinom, CCC). Krebserkrankungen an anderen
Organen (z. B. Kolonkarzinom) können Metastasen (Tochtergeschwülste, Filiae) in der Leber absetzen.
Karzinome und Metastasen werden in der Regel operativ
entfernt, ob die Prognose dabei gut ist, hängt vom Ausmaß
des Tumors oder dem Primärtumor ab. Dabei wird die TNMBewertung zugrunde gelegt (7 Abschn. 7.5.3).
>>Wie in der Tumorchirurgie üblich, gilt auch hier die
Regel, dass die erkrankten Gewebe vollständig (in
toto) mit einem Sicherheitsabstand entfernt werden
müssen und dann genügend gesundes Gewebe verbleibt, um eine Funktion zu gewährleisten.
j
jHemihepatektomie
Bösartige Erkrankungen der Leber können mit einer Teilentfernung des Organs behandelt werden. Wir gehen im Folgenden von einer Hemihepatektomie rechts aus. Hier liegt die
Linie, an der die Resektion geführt wird, zwischen dem Bett
der Gallenblase und der V. cava. Der rechte Anteil der Leber
wird unter Berücksichtigung des Gefäßverlaufs und der
Gallengänge entfernt.
OP-Ablauf: Hemihepatektomie
55 Wir bereiten Grund- und Laparotomieinstrumente
vor, es wird ein Bauchdeckenrahmen benötigt, zum
Ligieren der einzelnen Gefäße und Gallengänge
können Clips benötigt werden. Zum Abklemmen des
Hilus wird eine weiche Darm- oder Gefäßklemme
oder ein Tourniquet vorbereitet. Zur Gewebetrennung
wird entweder eine Ultraschall- oder eine HochdruckWasser-Dissektion vorbereitet.
55 Der Patient liegt auf einem geraden OP-Tisch in
leicht überstreckter Rückenlage. Wir platzieren eine
Neutralelektrode am rechten Oberschenkel.
55 Die Operation beginnt nach der Hautdesinfektion,
einer sterilen standardisierten Abdeckung und dem
Team-Time-Out.
55 Über einen L–förmigen nach rechts ausgerichteten
(ganz selten kann ein Rippenbogenrandschnitt ausreichend sein) Schnitt wird die Bauchhöhle eröffnet.
Nach der vorsichtigen Austastung (Exploration)
7
190
7
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
des Bauchraums werden die Ligg. teres hepatis und
falciforme, die die Leber an der Unterwand der
Bauchdecke festhalten, durchtrennt. Danach werden
die Haken und der Bauchsperrer eingesetzt, um für
die Darstellung der anatomischen Strukturen eine
gute Übersicht zu erreichen. Dafür wird eine der
Länge angepasste Präparierschere (nach Metzenbaum) und eine feine chirurgische Pinzette angereicht.
55 Die Präparation kann am Lig. hepatoduodenale beginnen. Das Lig. hepatoduodenale hält die Leber in
ihrer Position zum Dünndarm und enthält den Ductus choledochus (Gallengang), die V. portae (Pfortader) und die A. hepatica propria (Leberarterie). Alle
diese Strukturen müssen dargestellt und angeschlungen (mit Vesselloops) werden und dürfen nicht verletzt werden. Zur Präparation kommt u. a. eine Overholt-Klemme zur Anwendung.
55 Sollte der Patient noch eine Gallenblase haben, wird
diese jetzt entfernt, danach werden der rechte und
der linke Gallengang dargestellt und angeschlungen.
Der rechte Gallengang mündet in den rechten Leberlappen und wird deshalb ligiert, die rechte Leberarterie wird mit einer Umstechungsligatur versorgt.
55 Danach wird der Pfortaderstamm vorsichtig präpariert, bis die Einmündung in den Hilus erkennbar
wird. Hier teilt sich der Stamm in einen rechten und
einen linken, auch hier wird der rechte Zweig durchtrennt. Da auf dieses Gefäß relativ viel Druck einwirkt,
wird die Ligatur zur Sicherung zur Präparateseite mit
einer Durchstechung verstärkt. Der Stumpf des rechten Pfortaderasts wird mit einer fortlaufenden Gefäßnaht versorgt.
55 Danach wird die rechte Lebervene unter dem
Zwerchfell freigelegt und zwischen Satinsky-Klemmen durchtrennt. Der Stumpf der rechten Lebervene wird ebenfalls mit einer fortlaufenden Gefäßnaht verschlossen.
55 Nun sind alle versorgenden Gefäße und Gänge
unterbunden, und der rechte Leberlappen kann nun
mobilisiert werden. Dazu muss das Peritoneum an
der Unterseite eingeschnitten, die V. cava inferior
dargestellt werden, da ihre Abgänge zu dem rechten
Leberlappen unterbunden werden müssen.
55 An der Leberoberfläche ist bereits makroskopisch erkennbar, welcher Teil nicht mehr an die Blutversorgung angeschlossen ist, denn dieser Teil verfärbt sich
bläulich. Entlang dieser Verfärbung wird die Kapsel,
die die Leber umhüllt (Glisson-Kapsel), inzidiert und
das Parenchym voneinander getrennt, entweder mit
Ultraschall oder mittels eines Wasserstrahls, der mit
Hochdruck einwirkt.
55 Die durch die Resektionslinie verlaufenden kleineren
Blut- und Gallengefäße werden umstochen oder ge
clippt, die größeren Gefäße werden mit fortlaufen-
den Nähten versorgt. Das Präparat entfällt. An der
verbleibenden Leber müssen die Blutungen sorgfältig gestillt werden. Dafür wird bi- oder monopolarer
Strom verwendet. Zusätzlich kann Fibrinkleber aufgebracht werden oder ein Kollagenvlies, das blutstillend wirkt.
55 Danach werden alle Textilien und Instrumente gezählt und nach der Dokumentation kann der Bauchdeckenverschluss durchgeführt werden. In manchen
Fällen ist die Einlage einer oder zweier Drainagen
nötig. Zum Abschluss der Operation wird die Wunde
mit einem sterilen Verband versorgt.
7.8.6
Traumatische Leberverletzung
Verletzungen der Leber sind z. B. durch Verkehrsunfälle oder
durch Gewalttaten mit Stichwaffen möglich. Stumpfe Bauch
traumen bei hoher Geschwindigkeit können zu einem Leberriss (Ruptur) führen. In der Folge kommt es zu einer starken
Blutung, die zum Tod des Patienten führen kann, wenn nicht
sehr schnell operativ eingegriffen wird.
OP-Ablauf: Versorgung Lebertrauma
55 Die Zusammenstellung der benötigten Instrumente
und Materialien für diesen Notfalleingriff entspricht
derjenigen, die für die Hemihepatektomie (s. o.)
genannt wurden. Zusätzlich wird sehr warme NaClLösung bereitgestellt.
55 Währenddessen wird die Narkose durchgeführt, und
der Patient erhält großlumige Zugänge zum Auffüllen des Blutverlusts. Da es für Notfälle zu lang dauern
kann, bis Blutkonserven bereitstehen, wird das Blut
aus der Bauchhöhle über einen «Cell-saver» abgesaugt, gefiltert und dem Patienten wieder zugeführt.
Dieser «Cell-saver» wird bereitgestellt. Die vorbereitende Zählkontrolle und das Team-Time-Out sind
unverzichtbar.
55 Bei allen Bauchverletzungen sollte die Bauchhöhle
durch eine komplette mediane Laparotomie eröffnet
werden. An der Leber wird das Lig. hepatoduodenale
aufgesucht und bei Bedarf entweder manuell oder
mit einer weichen Gefäß- oder Darmklemme gedrosselt, sodass eine Inspektion des Ausmaßes der Verletzung erfolgen kann. Ist die Gallenblase verletzt, wird
sie entfernt, oberflächliche Blutungen können umstochen werden, manchmal wird die Leber in ihrer
Glisson-Kapsel in ein resorbierbares Netz gelegt und
so leicht komprimiert, damit eine Blutstillung erfolgen kann.
55 Ist die Blutungsquelle identifiziert, wird sie entsprechend ihrer Größe umstochen, oder bei Verletzungen
zentraler Gefäße kann versucht werden, das Gefäß zu
191
7.9 · Gallenblase
vernähen. Häufig kann das nur durch eine Verlängerung des Schnitts im Rahmen einer Thorakotomie erfolgen. Selten muss eine Hemihepatektomie durchgeführt werden, wenn anders eine Blutstillung nicht
erreicht werden kann.
55 Sind die Blutungen diffus und kann die Quelle nicht
identifiziert werden, können Bauchtücher, die in
heißer physiologischer Kochsalzlösung getränkt wurden, auf und um die Leber herum gestopft werden,
das sog. Packing. Die Tamponade wird 2–3 Tage belassen, während der Patient intensivmedizinisch betreut wird. In einer weiteren Operation kann dann
häufig eine definitive Blutstillung durchgeführt
werden.
55 Die belassenen Bauchtücher müssen korrekt in einem dafür standardisiert angelegten Ordner und in
der Patientenakte dokumentiert werden.
55 Die Einlage von 1–2 Drainagen dient der Nachblutungskontrolle. Die korrekte Anzahl der Bauchtücher
und Instrumente wird geprüft und die Bauchdecke
danach verschlossen. Es folgt die Versorgung der
Operationswunde mit einem sterilen Verband.
>>Der Umgang mit den medizintechnischen Geräten
muss bekannt sein, bei Eingriffen an der Leber kann es
immer zu Blutungen kommen. Den Mitarbeitern müssen alle Blutstillungsmaßnahmen bekannt sein.
??Fragen zur Wiederholung zu 7 Abschn. 7.8
55 In der Leberchirurgie wird häufig die «Satinsky-Klemme» zum Einsatz kommen. Wofür wird sie bevorzugt
eingesetzt?
55 Was bereiten Sie vor, wenn ein Patient mit einer traumatischen Leberruptur angemeldet wurde?
7.9
Gallenblase
Tabea Krause, Nadin Möbius
Die Gallenblase (Vesica fellea oder biliaris) ist ein birnenförmiges Hohlorgan und wird in Fundus, Korpus und Infundibulum unterteilt. Sie ist an der Rückseite der Leber mit dieser
verwachsen und hat einen peritonealen Überzug (Serosa).
Die Gallenflüssigkeit wird in der Leber gebildet und dient
der Verdauung von fetthaltigen Nahrungsbestandteilen. Innerhalb der Leber vereinigen sich viele kleine Gallengänge
zum linken bzw. rechten Lebergang. Sie bilden an der Leberpforte einen gemeinsamen Lebergang (Ductus hepaticus
communis). Aus ihm geht der Gallenblasengang (Ductus
cysticus) hervor, der in die Gallenblase mündet. Dort wird die
Gallenflüssigkeit gesammelt und eingedickt. Über den Ductus cysticus erfolgt auch die Entleerung der Gallenblase bei
Nahrungsaufnahme.
Der Gallenblasengang und der gemeinsame Lebergang
münden in den großen Gallengang (Ductus choledochus).
Dieser vereinigt sich weiter distal mit dem Pankreasgang, und
gemeinsam münden sie über die Papilla Vateri ins Duodenum. An dieser Mündungsstelle regelt ein Schließmuskel
(Oddi-Sphinkter) den Fluss von Gallen- und Pankreasflüssigkeit in den Verdauungstrakt.
j
jKrankhafte Veränderungen
Krankhafte Veränderungen an der Gallenblase und/oder den
Gallengängen werden unterschieden in:
44Gallensteinleiden (Cholezystolithiasis),
44Gallengangsteine (Choledocholithiasis),
44Gallenblasenentzündung (Cholezystitis s. u.),
44Gallenblasenhydrops (krankhaft stark gefüllte Gallen
blase),
44Gallenblasenempyem (Eiter in der Gallenblase),
44Gallenblasenkarzinom.
7.9.1
Cholezystolithiasis
Das Gallensteinleiden betrifft viele Menschen, aber nur 1/3
der Patienten mit Gallensteinen haben Beschwerden, häufig
durch eine Entzündung. Gallensteine entstehen meist durch
ein Ungleichgewicht von löslichen Stoffen in der Gallenflüssigkeit. Oft wird dies durch falsche Ernährung hervorgerufen,
aber auch Adipositas, Schwangerschaft, Diabetes mellitus und
familiäre Disposition können ursächlich sein.
Neben untypischen Symptomen wie Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit führen die krampfartig
auftretenden, gürtelförmigen starken Schmerzen (Gallenkolik) und erhöhte Leberwerte im Labor zur Diagnose. Auslöser
der Beschwerden kann ein übermäßiger Genuss fetthaltiger
Speisen sein.
Bei der Gallenblasenentzündung treten neben Fieber
und Dauerschmerzen manchmal auch lokale peritonitische
Beschwerden auf. Der Gallenstein kann sich mit der Gal
lenflüssigkeit in Richtung Duodenum bewegen; bleibt er
im Ductus choledochus hängen, behindert er den Galle
abfluss, und das führt zu einer Gelbsucht, dem sog. Verschlussikterus.
Sonographisch kann die Verdachtsdiagnose schnell bestätigt werden.
7.9.2
Cholezystitis
Die Cholezystitis ist eine Entzündung der Gallenblasenwand,
welche überwiegend durch Gallensteine ausgelöst wird. Tritt
sie akut auf, gibt es zwei mögliche Zeitpunkte der Therapie.
Die Operation wird je nach Befundlage entweder sofort (Notoperation) oder nach Abklingen der ersten Symptome innerhalb von 48 Stunden nach Krankheitsbeginn durchgeführt
(frühelektive Operation). Die Spätoperation (Elektivopera
tion) kann durchaus einige Wochen nach dem letzten Entzündungsschub durchgeführt werden.
7
Kapitel 7 · Allgemein- und Viszeralchirurgie
192
Nach einer Blutuntersuchung und einer Abdomensonographie des Patienten steht die Diagnose meist fest. Sitzt ein
Stein im Hauptgallengang, kann dieser bei einer ERCP
(endoskopisch retrograde Cholangio-pankreatikographie)
dargestellt und ggf. entfernt werden. Sollte dies jedoch nicht
gelingen, wird der Patient in der Regel (minimal-invasiv)
operiert.
7.9.3
7
Cholangitis
Eine Cholangitis bezeichnet die Entzündung der Gallenwege.
Wir unterscheiden die akute eitrige Cholangitis – ein schweres Krankheitsbild – von der chronischen Gallenwegentzündung.
Eine bakterielle Infektion kann eine Cholangitis hervorrufen, oft ist jedoch ein Gallensteinleiden (Choledocholithiasis) die Ursache. In jedem Fall ist der Abfluss von Gallenflüssigkeit gestört.
Eine akute, eitrige Cholangitis kann zu einer schweren
entzündlichen Körperreaktion (Sepsis) führen, es kann zu
einer Abszessbildung im Lebergewebe und seltener zu einer
sekundären biliären Zirrhose kommen.
Die akute Cholangitis wird durch die Gabe von Antibio
tika therapiert.
Die symptomatische Behandlung erfolgt durch die Gabe
von Schmerzmitteln und fiebersenkenden Medikamenten.
Die Behandlung der Gallensteine, die eine akute Cholangitis
verursachen, kann operativ durch die Entfernung der Gallenblase erfolgen, evtl. mit Gangrevision.
OP-Ablauf: Laparoskopische Cholezystektomie
55 Wie bereiten den Operationstisch für eine laparoskopische Cholezystektomie so vor, dass wir den Patienten in die Anti-Trendelenburg-Position bringen können, entweder liegt der Patient auf dem Rücken und
die Beine werden gespreizt, oder es wird eine Steinschnittlagerung durchgeführt. Die neutrale Elektrode
wird nach Vorschrift angebracht, wenn mit hochfrequentem, monopolarem Strom gearbeitet werden
soll (7 Abschn. 4.5). Außerdem sollte der OP-Tisch
bei allen Gallen-OPs für ein intraoperatives Röntgen
geeignet sein.
55 Der Endoskopieturm (MIC-Turm, 7 Abschn. 2.2) wird
gemäß MPG geprüft und entweder am Kopfende
oder gegenüber des Operateurs positioniert.
55 Wir bereiten MIC-Instrumente zur Gallenblasenentfernung vor und Grundinstrumente zum Eröffnen
und Verschließen der Inzisionen. Zum Verschluss des
Ductus cysticus liegen Clips mit dem passenden
Applikator bereit. Materialien zur Hautdesinfektion,
Abdeckmaterialien und Einmalartikel inkl. Nahtma
terial liegen gemäß OP-Standard bereit.
55 Nach der Narkoseeinleitung, der Operationslagerung
und der Hautdesinfektion, wird der Patient steril ab-
gedeckt und die Operation beginnt nach dem standardisierten Team-Time-Out.
55 Alle Kabel (HF-, Kaltlicht-, Insufflation-, Saug- und
Spülschlauch, Kamera) werden mit dem Endoskopieturm verbunden. Bei Bedarf wird die Kamera bezogen und ein Weißabgleich durchgeführt.
55 Nun erfolgt eine paraumbilikale Minilaparotomie,
über die ein Kameratrokar in die Bauchhöhle eingebracht wird. Darüber wird das Pneumoperitoneum
erzeugt. Der Druck in der Bauchhöhle soll bei 12–
14 mm Hg liegen. Alternativ kann zuerst eine VeressNadel ebenso paraumbilikal in die Bauchhöhle eingebracht werden. In diesem Fall wird die Nadellage
durch einen «Schlürftest» kontrolliert. Liegt die Nadel
korrekt, wird zunächst das Pneumoperitoneum aufgebaut und danach ein Optiktrokar (5 oder 12 mm)
platziert (7 Abschn. 7.1.2).
55 Zwei bis drei weitere Trokare (ein 10-er, zwei 5-er)
werden nun unter Sicht gesetzt. Vorhandene Verwachsungen werden scharf mit einer Schere oder
stumpf mit einem Dissektor gelöst.
55 Die Gallenblase wird am Infundibulum gefasst und
nach kranial geschoben. Wenn die Gallenblase prallgefüllt und schlecht zu fassen ist, kann eine Punktion
mit einer Punktionskanüle Abhilfe schaffen.
55 Im Bereich des Callot-Dreieck (ein Areal, begrenzt
durch die Leber, Gallenblase und den D. choledochus)
wird die Serosa mit einer Schere gespalten und der
D. cysticus und die A. cystica freipräpariert (retro
grade Präparation). Dazu können HF-Schere, HF-Häkchen, Dissektor, Präpariertupfer und verschiedene
Fasszange verwendet werden.
55 Wenn der Ductus und die Arterie zweifelsfrei identifiziert und dargestellt sind, werden Clips, entweder
aus resorbierbarem Material oder aus Titan, sicher
gesetzt und beide Strukturen mit einer Schere durchtrennt.
55 Die Fasszange wird nun umgesetzt, die Gallenblase
angespannt und mittels HF-Schere oder HF-Haken,
alternativ mit einer bipolaren Schere aus dem Gallenblasenbett herausgelöst.
55 Nun erfolgt die Kontrolle auf Bluttrockenheit; klei
nere Blutungen am Gallenblasenbett werden
koaguliert, bei Bedarf kommt ein Spülsaugsystem
zum Einsatz, um Blut, Galle- und Spülflüssigkeit zu
entfernen.
55 Zum Bergen der Gallenblase wird ein Bergebeutel in
die Bauchhöhle eingebracht. Die Gallenblase wird
No comments:
Post a Comment
اكتب تعليق حول الموضوع